originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Plädoyer für den Mittagswein

17/Nov/14 13:30 kategorisiert in: Abschweifungen

Es gab Zeiten, da war der Wein vor allem eines: ein Nahrungsmittel. Es dürfte kaum geschmeckt haben aber es war – im Gegensatz zum Wasser – meist sauber. Vorausgesetzt, es hatte niemand Wasser in Wein geschüttet (ich meine wohlgemerkt nicht das Verwandeleln. Verwandeln durfte man, ist aber wohl nur einmal vorgekommen). Das Strecken des Weins mit Hilfe von Wasser war denn auch bei Strafe verboten und diese Strafen möchte man sich heute gar nicht mehr ausmalen. Sie hatten etwas mit großen Rädern und gebrochenen Knochen zu tun, mit dem Schleifen nackter Haut auf Erde und so weiter. Bestraft wurde damals nicht etwa das eigentliche Verlängern des Weins sondern die Tatsache, dass man damit die Verunreinigung des sauberen Nahrungsmittels billigend in Kauf genommen hat. Sauberes Wasser war knapp und auch beim Bier konnte man nicht unbedingt sicher sein, dass man auf der richtigen Seite war. Von der Gose, jenem Sauerbier aus Goslar, das mit Wasser aus gleichnamigen Fluss gebraut wurde beispielsweise sagt man, dass es gerne für Diarrhöe gesorgt hat.

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Wein dagegen, der vergorene Rebsaft, führte zu solchen Problemen nicht. Deshalb wurde er auch lange Zeit, wir reden hier mindestens vom Mittelalter bis in die Neuzeit, auch Kindern gegeben, zumindest wenn nichts anderes da war. Aufgeteilt war das Weinangebot in Zeiten der Unfreiheit grob gesagt in zwei Qualiätsstufen. Der hunnische Wein war der fürs Volk. Saurer Saft dürfte das gewesen sein, vor allem wenn man schaut, wo der überall angebaut wurde. In Köln standen Rebstöcke, in der Eifel standen Rebstöcke, in den Niederlanden ebenso (ok, da stehen heute auch wieder welche, aber die Reben haben es gern mollig warm in Gewächshäusern und auch sonst bekommen sie alles, was der moderne Weinbau zu bieten hat, dass aus ihnen auch ja ein vorzeigbares Produkt wird). Angebaut wurde im Gemischten Satz, wo jede Menge unterschiedlicher Sorten im Weinberg standen und immer dann geerntet wurde, wenn die Leitrebsorte leidlich reif wurde. Das war beim Wein fürs einfache Volk meist der Elbling. In diesem hunnischen oder auch heunischen gemischten Satz tauchte neben allerlei Sorten, die heute oft keine Bedeutung mehr haben, auch der Riesling auf, denn der wurde damals noch als niedere Rebsorte angesehen. Er war den Leuten schlicht zu sauer. Das änderte sich erst, als man das mit der Spätlese entdeckte. Der fränkische gemischte Satz dagegen war der den Herrschern vorbehaltene Wein, in dem vor allem die fränkischen, also burgundischen Sorten eine Rolle spielten, aber gerne auch Silvaner und Traminer.

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Im Laufe der Zeit hat man dann aber die Wasser- und auch die Bierqualität besser in den Griff bekommen. Arbeitsverträge, in denen den Handwerkern mehrere Liter Wein am Tag garantiert wurden, gehörten der Vergangenheit an und der Weinkonsum verringerte sich massiv. Das ging ein wenig einher mit der Reblauskatastrophe im 19. Jahrhundert, die ja flächendeckend die Rebflächen dezimiert hat. So ist es kein Wunder, dass Anbaugebiete manchmal um acht oder neun Zehntel geschrumpft sind.

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Waren bis in die Neuzeit große Teile der Bevölkerung also tendenziell ganztägig angeschickert, änderte sich dies im ausgehenden 19. Jahrhundert dramatisch. Der Wein wurde immer mehr Genuss- denn Nahrungsmittel. Vor allem in Deutschland hat sich der Wein im Laufe der Zeit von der Nahrung derart stark abgekoppelt, dass uns heute ein Speisekultur fehlt, die Essen und Wein untrennbar miteinander verbindet. Da wird dann lieber Wasser oder Bier (und zwar natürlich das einigermaßen geschmacksneutrale Fernsehbier) zum Essen konsumiert und der Wein für später aufgehoben. Ganz so, als wäre das Essen den Wein nicht wert – oder umgekehrt. Und was gerade in den südlichen Ländern Gang und Gäbe ist, ist hier bei den meisten komplett verpöhnt: Es ist der Wein zum Mittagessen. Für diesen wird man sofort schief angeschaut, wenn man sich nicht gerade unter Gleichgesinnten befindet. Natürlich wird schnell Alkoholismus unterstellt. Die Arbeitsfähigkeit wird in Frage gestellt oder auch gerne mal die Urteilskraft. Ich halte das alles für kompletten Unsinn. Denn wer ein Glas zum Mittagessen und ein Glas zum Abendessen konsumiert, dürfte kaum der Trunksucht anheimfallen. Das Essen schmeckt deutlich besser und der Wein zum Essen macht nicht etwa müde. Nein, er belebt, er verbessert die Laune und lässt die Gedanken weiter schweifen. Kurz gesagt, wer sich nicht gerade hoffnungslos dem calvinistischen Ethos verschrieben hat, sollte es einfach mal wagen. Der Mittagswein ist, ich bin fest davon überzeugt, eine große kulturelle und zivilisatorische Errungenschaft. Und er macht glücklich!

Wissen Sie, Champagner schmeckt ja per se

28/Okt/14 10:10 kategorisiert in: Abschweifungen

Eine Gala ist laut Definition eine Veranstaltung, bei der man festliche Kleidung trägt. Diese festliche Kleidung, dieser Dresscode, wie man heute sagt, kann den festlichen Rahmen der Veranstaltung unterstreichen, muss er aber nicht. Angesagt war der Dresscode Business Attire, man trägt also noch den Anzug aus dem Büro, darf sich aber gnädiger Weise seiner Krawatte entledigen. Mit dem Mantel war das Entledigen dagegen so eine Sache, da musste ich dann von der Gala im zweiten Stock wieder ganz nach unten und traf auf den Mann, der mich netterweise ebenerdig hereingelassen hatte, da die Damen am Empfang der Gala mein Flehen gar nicht wahrgenommen hatten. Dafür war es an diesem Abend in der Lounge zu laut und die Klingel zu leise. Ganz nebenbei bemerkt erinnerte mich das an eine Episode in Berlin, als die DDR noch existierte und ich mein getauschtes Ostgeld in etwas Vernünftiges umwandeln wollte und mich damals entschlossen hatte, im Palast der Republik zu speisen. Das Restaurant lag im obersten Stockwerk, verfügte jedoch über keinen Kleiderständer, so dass ich meinen Mantel über einen Stuhl drapiert hatte. Dieser zog den missbilligenden Blick des Kellners auf sich, der mich dann in seiner gleichzeitig ausgeübten Funktion als Blockwart unmissverständlich aufforderte, den Mantel in der Garderobe abzugeben. Diese allerdings befand sich im Keller des Palastes der Republik. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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Als Lounge bezeichnet man eigentlich einen exklusiven Warte- oder Aufenthaltsraum, und wenn der dann auch noch den Titel Hanse trägt, dann bekommt die Lounge schnell eine gediegene Clubatmosphäre mit viel Holz und Messing und einer gewissen Schwere, die von oben drückt. Da diese Lounge am Neuen Wall liegt und dann auch etwas erhoben und erhaben in den oberen Stockwerken, muss man eben unten klingeln.

Wieder oben angekommen erhielt ich drei Gutscheine für je eine Auster. Im Laufe des Abends habe ich mich, da ich im Gegensatz zu vielen der Anwesenden, Austern esse, über einen ganzen Schwung weiterer Gutscheine gefreut, die man mir gerne zusteckte. Dies wäre jedoch eigentlich gar nicht notwendig gewesen, wie sich später herausstellte, da die Bedienung die zu fortgeschrittener Stunde auch einfach so herumreichte und fast wie Sauerbier anbieten musste. Sauerbier passt natürlich auch nur bedingt zu Champagner und, ach ja, das war ja der eigentliche Grund, weshalb ich mich überhaupt noch mal aufgemacht hatte, in die Stadt zu fahren. Da ich tagsüber normalerweise nicht nach dem Dresscode Business Attire gekleidet bin, hatte ich mich dafür übrigens extra noch mal umgezogen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich meine Schuhe neue besohlen lassen sollte und für die Hose des Anzugs ein schmalerer schwarzer Gürtel notwendig wäre, um das nächste Mal noch ein wenig mehr attire zu sein.

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Bei Weinveranstaltungen in der Hansestadt trifft man zum großen Teil immer dieselben Leute. Es ist ein kleines Clübchen aus Weinhändlern, Sommeliers und, ähm, Weinjournalisten, die quer durch die Stadt in regelmäßigen Abständen Bussis verteilen, mal mit einem Glas Blaufränkisch in der Hand, mal mit Vinho Verde oder, wie in diesem Fall, mit Champagner. Da dies jedoch eine Gala war und (zumindest zu fortgeschrittener Stunde) nicht für Fachpublikum reserviert, durchmischte sich die Weingesellschaft mit Menschen, die den Dresscode ernstgenommen hatten. Der Anteil an Personen mit Stöckelschuhen, die dann im Laufe des Abends in zunehmendem Maße umknickten, war entsprechend ungewöhnlich hoch.

Glücklicherweise wurde der gediegene Rahmen der Gala des kulinarischen Lifestyles dadurch aufgebrochen, dass Vertreter verschiedenster Champagnerhäuser in drei Räumen der Lounge ihre Weine feilboten und damit zu einer deutlich Auflockerung der Atmosphäre beitrugen. Selbst jene der Weinbranche, die sonst am Anfang von Weinveranstaltungen immer eisern spucken, üben bei Champagner von vornherein wenig Zurückhaltung. Champagner sei einfach immer zu schade, um gespuckt zu werden, höre ich. Oder, wie eine mir unbekannte Dame feststellte, die sich irgendwann kurzfristig auf meinen Arm stützen musste: "Wissen Sie, Champagner schmeckt ja per se."

The Wine Century Club

17/Okt/14 12:30 kategorisiert in: Abschweifungen, Bücher

Letztes Jahr bin ich irgendwann während meiner Recherche zu einer bestimmten Rebsorte über The Wine Century Club gestolpert. Dieser wurde von Deborah und Steve de Long gegründet. Die New Yorker sind Wein-Freaks die mit De Long Wine Einiges an Kartematerial, Verkostungsbücher und Ähnliches anbieten.

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Mitglied im The Wine Century Club wird man, wenn man mindestens hundert verschiedene Rebsorten in rebsortenreinen Weinen probiert hat. Auf der Website kann man sich eine Tabelle runterladen, in der man die Weine eintragen kann. Das alles ist nicht viel mehr als ein Spaß. Aber er macht doch noch mal bewusst, welch große Auswahl an Rebsorten wir neben den gängigen doch eigentlich haben. Und es fördert den Entdeckersinn, diese neu oder noch mal neu kennzulernen. Einen guten Überblick verschafft dabei natürlich Wine Grapes von Robinson, Harding und Vouillamoz. Es ist das Standardwerk über Rebsorten und eine wirklich spannende Lektüre, nicht nur für Freaks. Die gebundene Ausgabe kostet zwar knapp 100 Euro, aber die Kindle-Version nur €20,-

Irgendwann dachte ich, dass The Wine Century Club ein fake sein, weil ich die Liste mit den Weinen schon vor einem dreiviertel Jahr hochgeladen und nie mehr etwas gehört hatte. Doch in dieser Woche kam tatsächlich Post aus New York…

Abzuspeichern in der Kategorie: Popcorn

La Tonnelle, Saumur, Bar à Vin

07/Sep/14 14:34 kategorisiert in: Abschweifungen

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