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Saumur-Champigny – zu Gast im Clos Cristal, einem höchst ungewöhnlichen Weinberg

02/Okt/14 12:30 kategorisiert in: Alles Bio, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Rot, Frankreich

Haeder Weinland Frankreich Saumur-Champigny

Als ich 2013 auf der RAW in London am Stand des Clos Cristal stand, wusste ich, da muss ich irgendwann hin. Einen solchen Weinberg hatte ich noch nie gesehen und als ich ihn damals auf Fotos betrachtete, dachte ich zunächst, es wäre das Werk eines Bekloppten, eines Winzers, der seinen Spleen mit voller Leidenschaft ausgelebt hat.

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Auf der Rückfahrt von Clos Rougeard und Romain Guiberteau haben wir dann noch einen Abstecher gemacht, um uns diesen umfriedeten Weinberg anzusehen. Zufälligerweise trafen wir Marc Gensollen (siehe Foto) auf dem Parkplatz, der es sich trotz gerade absolvierter längerer Autofahrt und durchzechter Nacht nicht nehmen lassen wollte, uns eine ausführliche Weinberg- und Kellerbesichtigung angedeihen zu lassen. Das Wetter war frühlingshaft und also ging es in diesen einzigartigen Weinberg.

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Der Name Clos Cristal stammt vom Gründer des Weinbergs, Antoine Cristal, geboren 1837 ganz in der Nähe. Cristal hat eine erstaunliche Lebensgeschichte. Er ist damit wohlhabend geworden, Kleidungsstücke auf der Straße zu verkaufen, ein fliegender Händler also. Aber einer, der sein erworbenes kleines Vermögen daraufhin in die Textilproduktion gesteckt hat und damit erst recht erfolgreich war. Gleichzeitig war er ein Förderer von modernen Künstlern seiner Zeit. Mit 50 (ein durchaus fortgeschrittenes Alter für das 19. Jahrhundert) entschied er sich, die Textilproduktion zu verkaufen und stattdessen ein Weingut in seiner Heimat zu erwerben. Er entschied sich für das Château de Parnay, direkt an der Loire in Souzay-Champigny gelegen. Das Weingut verfügte über einige Hektar Chenin Blanc. Da Cristal aber ein Freund des Cabernet Francs war, kaufte er noch zehn Hektar etwas weiter im Landesinneren bei Champigny dazu.

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Antoine Cristal musste sich erst ein Gefühl für den Weinbau erarbeiten – er kam nicht aus einer Winzerfamilie. Das tat er wohl mit voller Passion und Aufgeschlossenheit und er experimentierte im Weinberg wie im Keller. So war er einer der ersten, die ihre Rebsorten auf amerikanische Unterlagsreben pfropften, als die Reblaus die Weinberge bedrohte. Darüber hinaus gründete er die erste Rebschule der Region, um die veredelten Reben auch anderen Winzern anbieten zu können. Weiterhin gehörte er zu den ersten, die auf die Drahtrahmenerziehung setzten und – er sprach sich für eine Ethik beim Weinbau aus. Er sprach damals schon von vin naturel als einzig akzeptabler An- und Ausbauweise. Ein fortschrittlicher Geist also, dessen erstaunlichstes Experiment noch heute im mit drei Kilometern Mauer umfriedeten Clos zu besichtigen ist.

Cristal war die ganze Zeit über bemüht, den besten nur möglichen Wein herzustellen, der im Boden von Champigny zu erzeugen war. Da die Gegend trotz der etwas wärmeren Lagen von Champigny insgesamt durchaus kühl war, kam er auf die Idee, einen Teil der Cabernet-Stöcke durch Mauern zu pflanzen. vielleicht hatte er die 350(!) Kilometer Mauerwein in Thomery bei Fontainbleau besichtigt und kam dort auf die Idee, dass Mauern Wärme speichern und sie wieder an die Reben abgeben können. Während in Thomery die Reben jedoch komplett in der prallen Sonne der Südseite der Mauer stehen, hat Cristal weiter gedacht. Er ließ die Stöcke auf die Nordseite der Mauer pflanzen, Löcher durch die Mauern bohren um dann die Stöcke durch die Löcher auf die Südseite zu leiten, wo dann die Reben reifen. so wird nicht der gesamte Stock erhitzt sondern lediglich die Reben. Das hat tatsächlich den Effekt, dass die Reben damals wie heute drei bis vier Wochen früher reif sind. Heute führt das zu einem etwas heißen und mir tendenziell etwas zu konzentrierten Wein. Damals muss der Effekt dieses genialen Einfalls perfekt gewesen sein. Jedenfalls führten alle Bemühungen dazu, dass Cristal einer der erfolgreichsten Weinmacher der damaligen Zeit wurde. Seine Weine, gerade die Roten, die aus einer Gegend stammten die damals nur für ihre Weißweine bekannt war, verkauften sich in die Pariser und Londoner High Society, standen auf der Karte der besten Restaurants Frankreichs, sollen an den Japanischen Kaiserhof exportiert worden sein und wurden die Lieblingsweine von George Clemenceau, seines Zeichens Premierminister Frankreichs während des 1. Weltkriegs. So hat Cristal in gewisser Weise die Grundlage für die heutige Appellation Saumur-Champigny als Region für einige der besten Cabernet Francs Frankreichs gelegt.

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Nach seinem Tod im nun wirklich fortgeschrittenen Alter von über 90 hat Cristal das Weingut übrigens dem Hospice de Saumur übereignet und tatsächlich reiht sich das Krankenhaus bis heute in die Reihe der Spitäler (Hospice de Beaune, Bürger- und Juliusspital in Würzburg etc.) ein, die ein Weingut betreiben. Die Verwaltung des Hospice lässt den Verwalter und Weinmacher Eric Dubois und sein Team gewähren, solange es nicht zu stark in die Miesen gerät.

Das Weingut mit seinen ziemlich sandigen Tuffsteinböden wird seit mehr als 18 Jahren biologisch-organisch bewirtschaftet und die Cabernet-Reben haben ein Durchschnittsalter von 50 Jahren. Neben Cabernet Franc gibt es ein Cabernet Sauvignon, Pinot Noir und Pineau d’Aunis sowie eine winzige Menge Chenin Blanc unweit des Hospice de Saumur, dessen Erzeugnis, ein Saumur blanc jedoch immer direkt ausverkauft ist.

Durchaus erstaunlich ist auch der Keller, denn der liegt tatsächlich bis heute komplett unter der Erde. Auch hier war Cristal seiner Zeit voraus. So hat er bestimmte Weine reduktiv ausgebaut in dem er große Holzfässer mit böhmischem Glas ausgegossen hat. Entsprechend den Ideen des Gründers und der eigenen Vorstellungen werde die Weine heute spontan vergoren, nicht filtriert und nur mit Minimalmengen von Schwefel behandelt – und das nur am Tag der Ernte und nicht mehr bei der Abfüllung.

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Wir haben mit Marc Gensollen drei Weine probiert. Die entrappten Trauben des Clos Cristal Saumur-Champigny 2012 wurden drei Wochen lang vergoren, ohne dass umgepumpt wurde. Er wird in Stahl und großen Fuder ausgebaut, aber nur ein dreiviertel Jahr. Entsprechend jung, dunkelfruchtig und frisch präsentierte sich der Wein mit einer Johannisbeernote, mit Waldboden, etwas Efeu und Kräutern. Der Clos Cristal Boutifolle 2010 (es hört sich nach beautiful an aber eigentlich ist das der Katastername des Grundstücks auf dem der Clos steht) stammt von den Cabernet-Reben innerhalb des Clos, jedoch ohne den Mauerwein. Der Cabernet Franc wird zwei Jahre lang in gebrauchten 600-Liter-Fässern (demi-muid) ausgebaut. Der Wein wirkt kräftig und ebenfalls jung und ungestüm. Gleichzeitig findet sich eine wunderbar reife Frucht und Würze mit einem Hauch von Holz, Minze und Stein. Der Clos Cristal Les Murs 2010 schließlich ist der Mauerwein und stammt ausschließlich von den frühreifen Rebstöcken mit einem Anteil von 80% Franc und 20% Sauvignon. Der Wein wirkt, wie gesagt, konzentrierter und dichter und auch etwas wärmer als die anderen beiden Weine, was durchaus schön gemacht ist. Doch wenn ich an Saumur denke, habe ich immer die Frische im Kopf, die ich im Cabernet Franc haben möchte. Die hat Les Murs nicht so ganz. Trotzdem ein schöner Wein.

Den Saumur-Champigny gibt es mitlweile bei Alex Zülch von Vins Vivants, der mit dabei und ebenso begeistert war wie ich. Ansonsten hinfahren – es lohnt sich wie man sieht, nicht wahr?

Zum ersten Teil Zu Gast bei Thierry Germain, Domaine des Roches Neuves geht es hier.

Zum zweiten Teil Zu Gast bei Nady Foucault, Clos Rougeard geht es hier.

Zum dritten Teil Zu Gast bei Romain Guiberteau geht es hier.

 

 Copyright Fotos: Holger Klein, Christoph Raffelt

 

Saumur-Champigny – zu Gast bei Romain Guiberteau

Haeder Weinland Frankreich Saumur-Champigny

Das magische Dreieck von Saumur-Champigny lautet für mich Germain – Foucault – Guiberteau, auch wenn sich damit das Chateau de Villeneuve bei mir in die zweite Reihe fügen muss. Heute stelle ich den dritten im Bunde, Romain Guiberteau vor (auch wenn er, ganz genau genommen, nicht mehr ganz im Bereich von Champigny liegt). Mit ihm fing das Verwirrspiel des zweiten Reisetages an, denn bei ihm standen wir morgens auf dem Hof in Saint Juste sur Dive – und er meinte, er wüsste von nichts. Er hatte uns wohl vergessen, aber er hat wieder wett gemacht mit seiner Begleitung zu Clos Rougeard und einer späteren Probe in seinem Keller, durch die er mit seiner neuen Lebensgefährtin geführt hat.

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Romain hat den Hof 1996 von seiner Familie übernommen, nachdem die Weinberge 20 Jahre brach lagen weil sich niemand entschließen konnte, die Domaine zu führen. Doch sein Großvater Robert hatte solch schöne Filet-Lagenstücke gekauft, dass Romain kaum anders konnte – und irgendwann hat es ihn richtig gepackt. Das beste Stück davon ist natürlich ein Anteil von mehreren Hektar in Brézé, wo auch Clos Rougeard seinen Chenin stehen hat. Direkt benachbart liegt die Monopollage Clos des Carmes. Hinzugekommen ist 2003 der Clos de Guichaux, den Guiberteau nach sélection massale gepflanzt hat, sprich, er hat Teile der besten und ältesten Chenin-Stöcke aus Brézé und dem Clos des Carmes genommen und neu gepflanzt, statt irgendwelches Klonmaterial zu nehmen. Beim Cabernet Franc sind es namentlich zwei Lagen, die Guiberteau auf seinen Etiketten ausweist: Les Arbois aus Brézé (Hier auf der Karte von weinlagen.info) und Les Motelles in Montrueil-Bellay (Hier auf der Karte von weinlagen.info).

Guiberteau bewirtschaftet die Weinberge seit dem Jahr 2000 biologisch und ist seit 2007 zertifiziert. Vergoren werden Chenin und Cabernet Franc spontan, meist in alten Betonwannen, beim Ausbau kommen dann gebrauchte Barriques zum Einsatz. Romain Guiberteau hatte das Glück, unter die Fittiche von Dani Foucault genommen zu werden, mit dem er, nachdem die Weinberge wieder instandgesetzt waren, seinen ersten roten Saumur abgefüllt hat. Die 5.000 Flaschen waren schnell verkauft und Romain hat sich dann entschieden, seine Weine komplett selbst zu vermarkten statt sie zur Kooperative zu geben, die sein Großvater zu Anfang des 20. Jahrhunderts mitgegründet hatte. Von den 12 Hektar Besitz stehen 9,4 Hektar unter Reben und von diesen liegen sieben Hektar in Brézé – ein großer Schatz. Die Reben dort (etwas weniger als die Hälfte ist mit Cabernet Franc bestockt) liefern einen Stoff, der einfach gnadenlos und kompromisslos ist. Von dort stammt der mineralischste, steinigste und aggressivste Stoff, den ich kenne. Wer gerade den Weißwein von Guiberteau jung trinkt, kriegt diese Säure und Mineralität einfach mitten ins Gesicht – ohne Ausholbewegung und der Möglichkeit zu reagieren. Und man braucht ein paar Sekunden, um sich davon zu erholen. Wenn man das mag, dann will man mehr davon. Ich wollte mehr davon und ich will immer noch. Wenn Roches Neuves Cool Jazz ist und Clos Rougeard Schubert, dann ist das hier Penderetzki (mit einem größeren Anteil von Punk als Zwischenspiel). Und wenn man es in den Keller legt, wird es groß. Romain hat uns einen 2000er (oder was 2001?) Saumur Blanc eingeschenkt, seinen einfachsten Wein, 13, 14 Jahre alt. Das war Traumstoff. Da hat sich das Wilde, das Saure und der Stein zu einer Einheit verschmolzen, ja verdichtet, die sofort überwältigt.

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Mit diesen Weinen hat Guiberteau sich einen exzellenten Namen gemacht – in Frankreich. Das hatte hier allerdings niemand mitbekommen außer Martin Kössler, der ihn vor zwei, drei Jahren ins Programm genommen hat. Man sollte diesen Stoff kaufen und auf jeden Fall ein paar Jahre in den Keller legen. Das gilt auch für den gerade einmal 13€ teuren Saumur Blanc, der aus dem Clos de Guicheaux und aus Teilen des Clos des Carmes und Brézé stammt, spontan in gebrauchten Fässern vergoren und dann im Stahl ausgebaut wird.

Dann der Chenin Blanc Clos de Guicheaux, dieser recht jungen selection-massale-Pflanzung. Der Wein vergärt in alten Fässern und wird dann auch im gebrauchten Barrique ausgebaut. Dieser Wein ist Stahl, den jemand an feuchtem Stein scharf gewetzt hat um dann auf der rasiermesserscharfen Klingen zwei kleine Stücke gelber Birne zu hinterlassen und fein aufgereiht eine größere Menge Steinsalz und ein paar Trockenkräuter. Er erinnert ein wenig an den Grundwein eines exzellenten Erzeugern von Blanc-Blancs-Champagne an der Côte des Blancs. Der Wein fordert wie der Ritt auf einer Welle, erzeugt Spannung und hat gleichzeitig eine zu erahnende Tiefe, der sich allerdings erst vollends offenbart, wenn der Wein ein Dutzend Jahre älter ist.

Der 2010er Brézé aus 60 Jahre alten Anlagen wirkt etwas gelassener – schon weil sich hier etwas mehr Frucht findet und ein Hauch von Honig und exotischen Noten. Ansonsten scheint es eher so, als hätte jemand einige Zitrusfrüchte über Kreide, Kalk und Feuerstein ausgedrückt um eine chemische Reaktion hervorzurufen, die als Rauch in die Nase steigt. Wunderbar auch hier das markant Mineralische, das Salzige, das Kreidige und das leicht Cremige am Gaumen.

Guiberteau_02 KopieGuiberteau und seine kanadische Lebensgefährtin

Diese Spannung und das Salzige findet sich auch in Les Arboises, dem Cabernet Franc, der aus einem Teil des Brézé-Besitzes stammt. Dagegen wirkt der Cabernet Franc Les Motelles extrem entspannt. Und es war für mich, nachdem ich mich voll auf diese wilden Weißen eingelassen hatte geradezu eine Entspannung, diesen vollen, sinnlichen, elegant-geschmeidigen und dichten Wein zu erleben, der perfekt reif gelesen wurde ohne auch nur einen Anflug von grünen Noten einerseits oder gar Überreife andererseits. Les Motelles heißt 50 Jahre alte Reben auf Lehm, Kies und relativ viel Sand. Hier arbeitet Romain mit einem verschwindend geringen Ertrag von 25hl. Der wandert in Betontanks und später 18 Monate in gebrauchte Fässer und ein neues. Holz spürt man, aber nur ganz dezent. Was hier vor allem überzeugt ist die charmante Textur, die präzise Abstimmung von Frucht, Stein und Holz und die wunderbar feine Note von Kräutern und Gewürzen. Das ist sehr gelungen und sollte im Keller eines Loire-Freundes keinesfalls fehlen. Die Weine gibt es hier in Deutschland in der K&U-Weinhalle.

Zum ersten Teil Zu Gast bei Thierry Germain, Domaine des Roches Neuves geht es hier.

Zum zweiten Teil Zu Gast bei Nady Foucault, Clos Rougeard geht es hier..

Zum vierten Teil Zu Gast im Clos Cristal geht es hier.

 

 Copyright Fotos: Holger KLein, Yorck Moeller, Christoph Raffelt

Rosésommer: Wunderbares Burgund

11/Sep/14 12:30 kategorisiert in: Alles Bio, Gamay, Pinot Noir / Spätburgunder, Rosé

Zwei der schönsten Rosé, die mir bisher untergekommen sind, sind die beiden Burgunder-Rosé der Herren Jouveaux und Pataille. Alexandre Jouveauxs Weine sind selten zu finden und ich bin eher durch Zufall in einem Laden in Belgien über die ungewöhnlichen Etiketten gestolpert – bei der Recherche habe ich die Weine dann in meinem meiner Lieblingsblogs gefunden. Jouveaux, ehermaliger Fotograf von Chanel hat sich 1999 ein kleines Stück Land im Mâconnais gekauft. Die Parzellen, auf denen seine fünf Weine entstehen sind so klein, dass er gerade einmal 6.000 Flaschen erzeugt, nicht pro Wein sondern pro Jahr. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb er praktisch nie irgendwo erwähnt wird. Er geht nicht zu Messen, er reicht keine Weine ein, aber diese 6.000 Flaschen sind schneller weg als man gucken kann. Ann-Claude Leflaive, die Grand Dame des Chardonnay soll übrigens eine eifrige Käuferin sein.

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Der Rosé, um den es hier geht ist, wie alle Weine von Jouveaux, ein Tafelwein. Daher kann er damit im Prinzip machen, was er will – der Wein muss kaum vorgegebenen Standards entsprechen außer seinen eigenen. Rosé ist eigentlich sowieso nicht vorgesehen im Burgund und eine Cuvée aus Gamay (60%) und Pinot (40%) schon gar nicht. Die Weine fallen unter die Kategorie vin naturel, denn weder im Weinberg noch im Keller werden künstliche Additive zugesetzt. Der Wein wird weder geschönt noch filtriert, er vergärt spontan, bleibt nicht allzu lange auf der Maische (im Falle des Rosé) und wandert dann ins alte Holzfass. Geschwefelt wird nur zum Schluss, und das ganz zurückhaltend. Jouveauxs Rosé Uchizy 2010 ist ein stiller aber nachdrücklicher Vertreter seines Fachs. Er ist kein Wein, der bei einer größeren Roséprobe nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Dafür ist er zu scheu. Er will, dass man sich ganz in Ruhe mit ihm beschäftigt. In diesem Wein verbinden sich typische Erdbeeraromen – aber eher die von kleinen Walderdbeeren – mit einer ganz leichten Röstnote, mit Salz, mit Blüten und etwas säuerlichen roten Johannisbeeren. Alles bleibt fein und zurückhaltend doch balanciert und mit einer schönen Länge.

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Deutlich offensiver und präsenter ist der Fleur de Rosé 2008 von Sylvain Pataille. Pataille lebt und arbeitet in der AOP Marsannay. Es ist die nördlichste AOP der Côte de Nuits, sie liegt mittlerweile am Stadtrand des ausufernden Dijon. Er hat ebenso wie Jouveaux seine ersten Parzellen im Jahr 1999 angekauftt. Die Vorgeschichte dazu allerdings ist anders, denn Pataille hat im Gegensatz zu Jouveaux in Beaune und Bordeaux Önologie studiert und war zunächst als Berater tätig. Neben extrem klaren, sauberen und präzisen Chardonnays und Pinots, füllt Pataille in manchen Jahren einen Rosé ab. Dieser ist absolut selten zu finden und eigentlich nur für wenige französische Gastronomen gedacht, die sowieso seine Weine beziehen. Der Rosé ist kein Nebenprodukt, das bei der Mostkonzentration der Burgunder anfallen würde. Vielmehr unterlaufen die Trauben (85-90% Pinot Noir und 10-15% Pinot Gris!) eine Kohlensäuremaischegärung, bevor sie dann für 15 Monate ins bis zu 40% neue Holz wandern. Diese macération carbonique wird normalerweise vor allem für die Erzeugung jung zu trinkender Weine wie dem Beaujolais Nouveau eingesetzt. Dies hier aber ist kein jung zu trinkender Wein. Der 2008er Fleur de Rosé dürfte jetzt vielleicht gerade seinen Zenit erreichen. Und die Kombination von Ganztraubenmaischung und Holzfasslagerung scheint Sinn zu machen, zumindest für bestimmte Weine. Der Fleur de Rosé jedenfalls schafft eine geradezu perfekte Balance zwischen burgundischer Kraft, Finesse und Leichtigkeit. Er verbindet die leichten, schwebenden Aromen von Erdbeeren und Himbeeren mit leicht rauchigem Holz, mit Orangenschalen, mit fein säuerlicher Kirsche und Hagebutte. Der Wein ist neben dieser gereiften Frucht deutlich salzig-mineralisch, hat eine klar definierte feine Säure und eine brillante Länge. Mochte ich den Vinudilice von Salvo Foti schon ausgesprochen gerne als Vertreter der kräftigeren, kantigen Art, so ist das hier für mich der perfekteste Vertreter einer eleganten und doch kraftvollen Form von Rosé, die ich bisher probieren durfte.

Die Weine von Alexandre Jouveaux gibt es bei terrovin.be, die auch nach Deutschland liefern und an sich schon ein tolles Programm haben und den Fleur de Rosé wird es als Jahrgang 2011 ab KW48 bei Lobenberg geben.

Rosé-Sommer: Cask-Force – 2010er Pinot-Rosé aus dem Fass

05/Sep/14 12:30 kategorisiert in: Alles Bio, Pinot Noir / Spätburgunder, Rosé

Ist Rosé eigentlich was für jetzt und gleich oder lohnt es sich, den Wein in den Keller zu legen? Bei 99,5% des weltweit produzierten Rosé dürfte es die Qualität des Weines wohl kaum verbessern, wenn man ihn Jahre im Keller verschwinden lässt. Bei einigen wenigen, ambitionierteren Exemplaren jedoch macht das durchaus Sinn. Wer den Herrenhof Lamprecht Pinot Rosé 2010 von Gottfried Lamprecht in seinem Frühstadium probiert hat, dürfte die gleiche Idee gehabt haben. Der Wein war zwar damals schon gut, doch hatte der Wein so viel Rückgrat, Kraft und Säure und darüber hinaus noch Holz, da klar war: Es macht Sinn, den Wein wegzulegen. Das Gleiche gilt für den ebenfalls im Holz ausgebauten Enderle & Moll Spätburgunder 2010. Auch dieser Wein hat so viel Holz gesehen, dass sich dieses erst einmal integrieren wollte.

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Vier Jahre hatten die beiden nun auf dem Buckel, eine lange Zeit für Rosé und für beide Weine auch eine Grenze, nach deren Überschreitung es nicht mehr besser werden dürfte. Als wir die Weine im Juli geöffnet haben, waren sie jedoch gut drauf und haben großen Spaß gemacht. Der Ausbau des Rosé im Holz führt zu einer Verwandlung hin zu etwas, was dem Rotwein ähnlich ist und doch mehr Leichtigkeit, mehr Schwebendes hat. Bei beiden Weinen ist es so, dass sie ihm Idealfall hätten Rotwein werden sollen. Doch der Jahrgang und das jeweilige Mikroklima im Weinberg gaben das nicht her.

Gottfried Lamprechthier der Podcast mit ihm – hat seine Pinot-Reben 2005 am Buchertberg gepflanzt. Der Winzer aus der Steiermark hat insgesamt junge Anlagen, da er vor etwa zehn Jahren erst wieder begonnen hat, im Heimatort Wein zu machen. Der Pinot ist eine Rarität in diesem Teil der Steiermark. Und so ungewöhnlich seine Pinot-Abüllungen sind, so selten ist erst recht ein Pinot-Rosé. Die Trauben für diesen Wein wurden angepresst und vier Tage auf der Maische belassen. Der spontan vergorene Wein hat dann im gebrauchten Barrique gelagert und ist im Juni 2011 abgefüllt worden. Zum ersten Mal habe ich den Wein damals ziemlich jung getrunken. Damals war der Wein noch ziemlich primärfruchtig. Das ist jetzt weg. Zurückhaltendes Holz trifft hier auf Trockenkräuter und die Früchte gehen eher in Richtung Hagebutte und Berberitzen. Gerade letztere, mit  ihrem leicht säuerlichen Geschmack, den der Wein ebenfalls immer noch besitzt. Jedenfalls hat er eine ziemlich gelungene Struktur und eine schöne Länge.

Bem Spätburgunder Rosé 2010 von Enderle & Moll liegt der Fall ähnlich. Was an Traubenmaterial nicht hundertprozentig in den Pinot passt, wird Rosé. Die Trauben werden für diesen Rosé im Weinberg wie im Keller genau so behandelt, wie der Rotwein – nur dass natürlich der Saft früher abgepresst wird. Der Ertrag im Weinberg liegt bei um die 40hl. Entsprechend konzentriert ist die Frucht und Würze dieses Weins. Auch hier haben sich die primärfruchtigen Erdbeer- und Himbeernoten längst abgeschliffen. Das Holz ist deutlich präsenter als beim Rosé vom Herrenhof. Hinzu kommen auch hier trockene Kräuter, vor allem Minze, die auch beim jungen Rosé von Enderle & Moll immer präsent ist.

Unterm Strich sind das beides Rosé-Vertreter, wie ich sie mag. Sie schaffen genau die Balance zwischen ernstfhaften, kräftigem, relativ komplexem Wein und der frischen Leichtigkeit, die ich vor allem im Sommer gerne habe. Zudem passen sie exzellent zu Sommerküche und Grill. Wer einen solchen Wein lieber primärfruchtig haben will, trinkt ihn besser jünger. Wer mehr Tiefe und Balance haben will, warte zwei, drei Jahre ab.

 


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