originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



In Neuseeland – Teil 12: in Marlborough, Huia, Hans Herzog, Fromm

03/Sep/15 12:00 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Weinland Neuseeland

Header Neuseeland

Weiter geht es im Neuseeland-Tagebuch mit dem zweiten Teil des Speedtastings bei der Mana-Group, der Vereinigung biologisch-organisch arbeitender Weingüter in Marlborough.

Huia Vineyards
Die Huias waren eine ungewöhnliche Vogelart, die sehr zurückgezogen im Unterholz der ausgedehnten Wälder Neuseelands lebten. Das Besondere an dieser Art, das als Paar ein ganzes Leben lang zusammen lebte war, dass die Männchen und Weibchen ganz unterschiedliche Schnabelformen aufwiesen, entsprechend ihrer Rolle innerhalb ihrer Beziehung. Dass sie neben den auffallenden Schnäbeln auch noch schöne Federn aufzuweisen hatten, wurde ihnen zum Verhängnis, denn die Federn standen sowohl bei den Maori als auch bei den neu eingetroffenen Siedlern hoch im Kurs. 1907, so wird geschrieben, hat man den letzten Huia singen hören.

Huia

Zu Ehren des ausgestorbenen Vogels, aber auch wegen des klingenden Namens (sprich: who ee ah), haben Claire und Mike Allan ihr Weingut 1996 Huia Vineyards benannt. Die beiden kommen zwar aus der Gegend, haben aber in den 1980ern in Australien Wein gemacht. In dieser Zeit war Marlborough ja eigentlich noch eher eine große Obstplantage. Doch die Sauvignons von Stoneleigh und Cloudy Bay gaben den beiden eine Ahnung, was in Marlborough möglich sein würde. Also haben sie 1990 ihre ersten Hektar Land gekauft – sie hatten damals den eindeutig richtig Riecher.

Ihr Weingut befindet sich am Fuße der Richmond Ranges in der Rapaura Region am Wairau River während sie zusätzlich einen Weinberg am Awatere River besitzen, jener etwas südlicher und kühler gelegenen Region, die ich im Yealands-Portrait bereits vorgestellt habe. Von Anfang an haben die Allans auf biologisch-organischen Weinbau gesetzt, auch wenn das damals noch kaum zu zertifizieren war und es überhaupt schwer war, an Informationen zu kommen. Der Weinbau steckte ja insgesamt noch in den kleinsten Kinderschuhen. Da kommt den Weinbauern in Marlborough eindeutig das Klima zur Hilfe. Denn die Wärme und die geringen Regenfälle haben zur Folge, dass es kaum Pilzdruck gibt. Das ist beispielsweise in Hawke’s Bay schon ganz anders. Für Claire und Mike Allan war organischer Landbau dann schnell nicht mehr genug. Sie haben sich als eine der ersten an biodynamische Methoden gewagt um ihre Weingärten noch lebendiger werden zu lassen, ihre Weine noch dichter und intensiver. Dabei gehen die beiden ziemlich undogmatisch vor: „Ich mag keine Dogmen, ich muss immer meinen Intellekt fordern, weshalb ich mit den esoterischen Aspekten der Biodynamie nur wenig anfangen kann.“ Entscheidend sei aber das Ergebnis wenn man Kompost, Tees und Präparate verarbeite. Denn die Rebstöcke seien sehr gesund und hätten sich noch mal deutlich zum Positiven verändert, so Claire.

Huia_Flaschen

Die Weine sind heute von BioGro und Demeter zertifiziert. Ich habe während meines Speedtastings beim Besuch der Mana-Group drei Weine probiert. Besonders gut gefallen hat mir dabei der 2009er Huia Brut, eine Melange aus Chardonnay und Pinot Noir der beiden unterschiedlichen Weinberge. Der Grundwein wurde in gebrauchten Eichenfässern ausgebaut und hat eine malolaktische Gärung durchlaufen, die Flaschen lagen dreieinhalb Jahre sur lattes. Viel gelbe und rote Frucht wird hier mit Autolyse-Noten (Brioche, Mandel) verwoben. Der Brut (sechs Gramm) wirkt frisch (Zitrus am Gaumen und eine angenehme Säure) und hat eine hervorragende Länge. Der 2012er Huia Pinot Gris stammt aus einem Jahr mit langer und kühler Reifephase. Der Grauburgunder wurde spontan vergoren und zu 75 % in gebrauchtem französischem Holz ausgebaut. das gibt ihm am Gaumen eine herrlich cremige Textur. In der Nase Pfirsich, Mandelblüten und weiche Zitrusnoten, am Gaumen wieder reifer Pfirsich, Nektarine, Mandeln und Nüsse – ein eleganter Grauburgunder mit schöner Länge. Ein schöner Vertreter dieser Rebsorte, die in Neuseeland sehr populär ist, was man hier kaum mitbekommt. Schließlich der 2013er Huia Sauvignon Blanc. Es ist nicht so, als hätte ich nicht schon genügend Sauvignon Blancs probiert an diesem Tag mit dem Besuch bei Yealands und dem Regional Tasting bei Villa Maria. Aber diese Cuvée Sauvignon vom Sand- und Flusstein (Home Vinyard) und Kalkstein mit schwarzem Sand (Winsome Vinyard) bringt Melonen, Maracuja und Guave mit Kräutern, Stachelbeere, Cassis und Limette zusammen und wird abgerundet durch eine feine cremige Note bei ausgezeichneter Länge. Sehr angenehm!

Hans Herzog Estate
Das Speedtasting mit der Mana-Group fand im mehrfach ausgezeichneten Restaurant von Hans Herzog statt. Es ist eines von mehreren Weingutsrestaurants, in denen ich hervorragend speisen durfte. Und das habe ich auch mit großer Lust zusammen mit den Mitgliedern der Mana-Group getan, als der lange Tag irgendwann vorbei war.

vineyard-21

Beeindruckend, wie ein Weinberg im Frühling aussehen kann, wenn man einfach mal wachsen lässt. Copyright: Hans Herzog Estate

Hans Herzog hat schon in der Schweiz, genauer in der Nähe von Zürich, Weinbau betrieben, während seine Frau parallel im Jahr 1992 ihr erstes Weingutsrestaurant eröffnet hat. Hans Herzogs Idee aber war es eigentlich, in etwas wärmerem Klima, als es die Schweiz bieten kann, Wein in Bordeaux-Manier zu erzeugen. Mit dem Beginn des Marlborough-Booms hat das Paar dann 1994 in Marlborough am Wairau River Land gekauft, 1996 gepflanzt und 1998 das Weingut eröffnet. Der 11,5 Hektar Single-Vineyard umfasst 22 Rebsorten. Neben den üblichen Verdächtigen sind das Montepulciano, Nebbiolo, Tempranillo, Barbera, Zweigelt, Viognier, Arneis, Rousanne und Grüner Veltliner. Das zeigt einerseits, dass Hans Herzog noch experimentiert, welche Rebsorten in Neuseeland wirklich gut funktionieren, andererseits spielen 40 Jahre Weinmacher-Erfahrung mit rein. Das zeigen die Weine auch deutlich, die allesamt poliert, elegant, ja aristokratisch daher kommen.

Herzog

Wieder so ein Ort, an dem man länger verweilen mag. Gewünscht: ein paar Tage im gutseigenen Cottage und mehr von dieser Desserts… Fotos Copytight: Hans Herzog Estate

Das beginnt mit der 2011er Cuvée Terese Rosé Brut mit 80% Anteil Pinot, viel Brioche und einer einladenden Kirschfrucht. Das zeigt sich im 2013er Sauvignon Blanc sur lie, der mit sage und schreibe 14,5% Alkohol daher kommt und einem mit einer Unterlage aus seidige Weichheit und cremiger Nonchalance die reifen Früchte nur so ums Gemüt klatscht: Maracuja, Aprikose, Guave, Honigmelone, Pomelo und dann noch ein wenig Grünes: Stachelbeere, Paprika. Ein erstaunlicher Mix, den ich in Maßen gerne probiert habe, weil er so hübsch flamboyant und hedonistisch wirkte. Der 2013er Arneis setzte dann eher auf die Entspannung der Geschmacksnerven. Ein wenig Steinfrucht, Kräuter, aber auch hier, dem Wairau sei Dank, tropische Frucht, wie man sie in einem piemonteser Arneis nicht finden wird, dazu Kernfrucht wie Williamsbirne und Quitte. Doch auch hier findet sich nach meinem Geschmack mit 13,5% für einen Arneis zu viel Alkohol. Das erste Glas weckt Interesse, das zweite eher einen gewissen Überdruss. Das ändert sich beim reinsortigen 2012er Viognier mit 14% Alkohol nicht. Holunder trifft auf Honig und Gewürze, Das Holz verleiht Cremigkeit und Struktur. Bei Viognier erwarte ich zwar keinen leichten Wein, hier gehört ein gewisser Alkohollevel fast dazu, und so gefällt mit dieser dichte, üppige, aber klar strukturierte Vigonier, und doch, die Wärme in der Kehle bleibt immer vorhanden. Den Hang zum ausladend Üppigen, den der Weinmacher pflegt, findet man auch im Cabernet Merlot (14,5%) und Montepulcinao (14%) und wird auf die Spitze getrieben mit einem Montepulciano im Amarone-Stil (18%). Mein Fazit: Für Liebhaber des monumentalen aber immer eleganten Stils sind das die richtigen Weine, für mich nicht.

Fromm
Ich wende mich den Weinen des zweiten, von einem Schweizer gegründeten Weinguts der Mana-Group zu. Georg Fromm hat Neuseeland in ähnlicher Weise entdeckt wie Hans Herzog. Fromm macht selber Wein im Schweizer Malans, ist in den 1980er Jahren durch Neuseeland gereist, war von Marlborough und seinem Potential beeindruckt und hat in Gisborn einen weiteren Schweizer namens Hätsch Kalberer kennengelernt, der dort damals schon Wein gemacht hat. 1992 hat Fromm das Weingut gegründet und seit dieser Zeit verantwortet Hätsch, der Mann mit dem beeindruckenden Schnurrbart, die Weine der Fromm Winery.

Fromm-Vineyard

Fromm selbst hat das Weingut mittlerweile an langjährige Geschäftspartner verkauft und widmet sich wieder ganz seinem Malanser Weingut, Kalberer aber ist geblieben und macht Single Vineyard Wine auf hohem Niveau. Dabei helfen ihm biologische und biodynamische Methoden, das dry farming, also der Verzicht auf Bewässerung und vor allem die außerordentliche Qualität der mittlerweile berühmten Fromm und Clayvin Vineyards. Während der Fromm Vinyard direkt am Weingut am Wairau River liegt, befindet sich der Clayvin dort, wo es clay, also Kalk gibt. Diese Kalk-Hanglagen im Brancott Valley sind ein idealer Grund für Pinot und Chardonnay.

Fromm_Flaschen

Probiert habe ich den 2013er La Strada Pinot Noir, der Einstiegswein in Fromms Pinot aus allen Lagen, vor allem aber vom Fromm Vineyard. Die Pinotzeilen haben eine Dichte von 5.000 Pflanzen pro Hektar, insgesamt werden elf verschiedenen Klone genutzt. La Strada wird nur leicht entrappt, teilsweise Ganztraubenvergärung, Spontanvergärung und 10 bis 15 % neues Holz, 13,5 % Alkohol. Saftige reife Kirsche und etwas Pflaume, feine Säure, runde Tannine, saftig im Mund, schöne Länge. Was will man mehr? Ich weiß es. Man will den 2012er Clayvin Vineyard Pinot Noir. Und davon ganz alleine eine ganze Flasche. Reif, dicht, viel Schwarzkirsche, Pflaume, Blaubeere, dunkel ist er, der Wein und voller Stein und Mineralität. Dabei etwas Unterholz, Kaffeebohne, etwas Zimt, dabei seidig mit reifem Tannin. Ich finde, er hätte etwas früher gelesen werden können, das ist schon ganz schön reif, aber schließlich doch genau an dem Punkt, wo es so richtig einladend wirkt. Der 2012er Fromm Vinyard Pinot Noir ist schließlich genau das, was ich ganz persönlich mag. Etwas weniger Alkohol (13 %), insgesamt schon kühler wirkend, dabei charmant und einladend beeindruckt der Pinot mit dunklen, reifen Kirschen, hellen Gewürzen sowie Noten von Erde und Stei. Am Gaumen wunderbar elegant, frisch, saftig mit komplexen frucht- und Kräuternoten, feiner Textur und hervorragender Länge. 96 % Syrah und 4 % Vigonier bei 13,5 % Alkohol formen den 2010er Fromm Vinyard Syrah. Den reifen Stil vom Clayvin Pinot finde ich hier wieder. Spät gelesen, reif, konzentriert, viel dunkle Frucht, Veilchen, Gewürze, schwarzer Pfeffer, lang und saftig, fast so, als würden die kühlen Syrah von Martinborough mit einem Schuss Shiraz versetzt. Schließlich aber setzt sich der Säurenerv, das leicht Kühle durch und verortet den Wein doch eindeutig in Neuseeland.

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Teil 10: In Marlborough, über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

Teil 11: In Marlborough mit framingham und Seresin

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

In Neuseeland – Teil 11: Marlborough, Framingham und Seresin

Header Neuseeland

Wer einmal die andere Seite von Marlborough kennenlernen will, also die, bei der Sauvignon Blanc zugunsten der anderen Sorten etwas stärker in den Hintergrund tritt,  der sollte (neben bereits erwähnten Wineries) erstens Framingham besuchen und zweitens die Mitglieder der MaNa-Gruppe.

Framingham
Framingham ist bisher in Deutschland so gut wie gar nicht vertreten, doch ich halte es für eines der besten neuseeländischen Weingüter überhaupt. Dass man es hier kaum kennt, liegt wahrscheinlich auch daran, dass es erstens eben nicht auf den typisch tropischen Sauvignon Blanc setzt und zweitens vor allem berühmt ist für die außerordentlich guten Rieslinge und anderen aromatischen Rebsorten. Zu verdanken ist dieser Erfolg vor allem dem Weinmacher Andrew Hedley. Diesen höchst sympathischen und kompetenten Menschen habe ich während eines Naturwein-Symposiums in Martinborough kenngelernt, dass er dort gehalten hat. Er gehört neben seiner Tätigkeit als Weinmacher zu den wenigen, die diese Weine in kleinen Mengen nach Neuseeland importieren. Andrew kommt ursprünglich aus dem Norden Englands und hat dort seinen PhD in Chemie gemacht bevor er 1993 nach Neuseeland gegangen ist.

quote3

Seit 1998 ist er Weinmacher und verantwortet mittlerweile 16 Jahrgänge. Obwohl er 2006 an Kehlkopfkrebs erkrankt ist und seitdem nur mit so einem kleinen Handgerät reden kann, was sich mechanisch metallisch anhört, hält ihn das glücklicherweise keineswegs davon ab, öffentlich aufzutreten und über seinen Themen zu reden und trotz des monotonen, leblos wirkenden Sounds dieses Geräts ist Andrew ein Mensch, der einen sofort in seinen Bann schlägt.

Framingham_02Andrew Hedley, Copyright Fotos mitte und rechts: Framingham.co.nz

 

Der erste Weingarten des Weinguts Framingham wurde 1981 vom ebenfalls englischstämmigen Rex Brooke-Taylor angelegt. Somit gehört diese mit Riesling bestockte Fläche zu den ältesten in Marlborough und sie wird, wie die anderen Flächen auch, auf ökologischen Weinbau umgestellt. Der erste Wein unter dem Namen Framingham wurde 1994 auf den Markt gebracht, zwischenzeitlich wurde das Weingut an Constellation Brands verkauft, mittlerweile befindet es sich im Besitz des Unternehmens Sogrape. Die Portugiesen sind zwar ebenfalls ein großer Player, aber immer noch in Familienbesitz, was eine ganz andere Unternehmenskultur ermöglicht.

Framingham_01Copyright Fotos: Framingham.co.nz

 

Zwar werden hier auch rote Weine erzeugt, allen voran der hervorragende Pinot Noir aus der F-Serie und auch ein Montepulciano, daneben ein ungewöhnlich mineralisch-erdiger Sauvignon Blanc (F-Series) und ansonsten Gewürztraminer, Pinot Gris und vor allem Riesling. Die Rieslinge, an denen Andrew Herz hängt, vor allem die aus der F-Serie (zum Beispiel der Old Vines Riesling oder die Auslese 2011) aus dem schon angesprochenen alten Weinberg, gehört zum Besten, was ich aus der Sorte außerhalb Deutschlands bisher probiert habe und auch im Vergleich mit großen deutschen Rieslingen ist das eine Wucht. Es ist eine Schande, dass man das hierzulande nicht bekommt!

MaNa
Da ich nicht alle Weingüter der Winzergruppe MaNa einzeln treffen konnte, haben wir den Spieß während meines Aufenthalts umgedreht. Wir haben ein Speed-Dating im Weingut Hans Herzog vereinbart. Ich habe mich auf die Terrasse des bekannten Weinguts-Restaurants gesetzt und die Gruppenmitglieder hatten jeweils zwanzig Minuten Zeit, sich und ihre Weine vorzustellen. Das war durchaus witzig, viel zu kurz, um die Weingüter und die Menschen dahinter wirklich kennenzulernen, aber nach einem Tag mit 50 Weinen beim Regionaltasting, einem Rundgang durch das Weingut von Villa Maria und einem Nachmittag bei Yealands das Äußerste, was noch drin war. Und schließlich haben wir alle zusammen gespeist, was nach dem Tag in dieser Runde ein großes Vergnügen war.

Ob MaNa auch eine Bedeutung in Maori hat, weiß ich nicht, aber es ist offensichtlich die Abkürzung für MArlborough NAtural Winegrowers. Ursprünglich bestand die Gruppe aus den Weingütern Seresin, Huia, Hans Herzog, Fromm und Te Ware Ra, mittlerweile haben sich jedoch Clos Henri und RockFerry angeschlossen. Di e Mitglieder der Gruppe müssen zertifiziert sein (bio-organisch oder biodynamisch), ihre Weine müssen ihn Marlborough entstehen und in der eigenen Winery entstehen und sie die Weine werden alle von den Gruppenmitgliedern probiert und getestet, bevor sie auf den Markt kommen.

Seresin
Seresin ist das Herzensprojekt eines weitgereisten neuseelandstämmigen Kameramanns, der sein Geld unter anderem mit Hollywood-Produktionen verdient hat. Ohne den guten Salaire, den man dort erhält, wäre der Aufbau eines solchen Gutes nicht möglich. Der Aufbau und Betrieb eines Weinguts ist nichts, was man mit kleinen Mitteln finanzieren könnte und ich habe einige Projekte in Neuseeland (und natürlich auch anderswo) gesehen, wo sich Investoren schlichtweg übernommen haben. Nun hat man in Neuseeland zumindest den Vorteil, dass man dort damit rechnen kann, das selbst in schlechteren Jahren noch genügend Ernte eingefahren werden kann – im Gegensatz zu manchen Totalausfällen, die in Mitteleuropa viel häufiger vorkommen.

Seresin_01Copyright Fotos: Seresin.co.nz

 

Michael Seresin jedenfalls hat auf seinen Reisen, die ihn nicht nur nach Kalifornien führten sondern oft vor allem auch nach Europa, italienische Lebenskultur schätzen gelernt und ist ursprünglich irgendwann dort auf die Suche gegangen, um den geeigneten Platz für ein Landgut zu finden. Doch ist es dort gar nicht so einfach, etwas Vernünftiges und Bezahlbares zu erwerben und außerdem fing während seiner Suche der Sauvignon-Blanc-Boom in seiner Heimat an. Ein Grund, sich Marlborough doch noch mal genauer anzuschauen. Im Wairau Valley ist er dann fündig geworden und hat sich sein in Italien präferiertes Dolce Vita nach Marlborough adaptiert. Begonnen hat er mit dem Erwerb einer 45 Hektar Fläche, dem Home Vineyard im zentralen Wairau mit seinen alten Flussbetten, den Kieseln und dem gut drainagierten alluvialen Schwemmland, wo natürlich Sauvignon Blanc angebaut wurde, aber auch Chardonnay, Riesling, Pinot Gris, Pinot Noir und Semillon. Im Omaka Valley kam später der 51 Hektar große Raupo Creek Vinyard dazu. Seresin war einer der ersten, die bewusst aus der Ebene in die Foothills gegangen sind um die Ton-Lehm-Böden für den Anbau von Pinot Noir und Chardonnay zu nutzen. Neben dem Wein stehen hier 25 weitere Hektar bepflanzt mit Olivenbäumen, Obstbäumen, Gemüsefeldern und weiter in der Ebene auch mit Weideland. Seresin Estate funktioniert wie eine italienische Fattoria, wozu natürlich auch ein Restaurant gehört, das sich am Homeblock befindet und die Ernte des komplett biodynamisch zertifizierten Landes verarbeitet. Vor einiger Zeit sind noch einmal 15 Hektar Weingarten hinzugekommen. Der Tatou Vineyard, umgeben von Olivenbäumen und mit Sauvignon und Pinot bepflanzt, liegt etwas westlich des Home Vineyard.

Seresin_02

Copyright Foto rechts: Seresin.co.nz

 

Bei Seresin und auch später bei den anderen Mitgliedern von MaNa lässt sich gut ablesen, dass es vor allem auch in Marlborough längst nicht mehr nur um Sauvignon Blanc geht. Pinot Noir findet hier ausgezeichnete Bedingungen und präsentiert sich in einem fruchtbetonten, frischen Stil. Gerade mit den Weinbergsmethoden der MaNa-Mitglieder entstehen hier strukturierte, Pinots mit großer Persönlichkeit. Für mich besonders empfehlenswert bei Seresin sind die Pinot Noirs, die Chardonnay Reserve und Chiaroscuro, ein Blend von Chardonnay, Pinot Gris und Riesling, eine wirklich ungewöhnliche Mischung aus dem 500-Liter-Punchon.

Map_Neuseeland_Marlborough

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Teil 10: In Marlborough, über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

Teil 11: In Marlborough mit framingham und Seresin

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

In Neuseeland – Teil 10: Über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

Header Neuseeland

Das, was das Wein-Reisen ausmacht ist ja, dass man tatsächlich die Weinregionen noch einmal anders oder vielleicht überhaupt erst versteht. So erging es mir mit Marlborough und dessen Sauvignon Blanc. Denn dieses Gebiet ist, ich erwähnte es bereits, letztlich mit einem ganz bestimmten Sauvignon-Blanc-Stil bekannt geworden und der war und ist so erfolgreich, dass er mit Marlborough quasi gleichgesetzt wird. Die Weinmacher in Marlborough aber sind schon ein ganzes Stück weiter als und das so auf der anderen Seite der Erdhalbkugel vorkommt. Denn das, was wir als Marlborough-Sauvignon-Blanc kennen ist eine Form der Terroirs. Eines Terroirs, um genau zu sein. dieses Terroir setzt sich zusammen aus der besonderen Bodenstruktur und des Mikroklimnas im Wairau Valley und einer bestimmten Machart im Keller. Hier trifft Sauvignon Blanc auf ein altes Flussbett samt typischer alluvialer Schwemmböden mit Flusskiesel. Das Tal ist Richtung Meer hin kühler und windiger als Richtung Inland wo auch die Böden etwas grob-kiesiger sind. Über das ganze Tal hinweg entsteht intensiv tropisch-fruchtiger Wein der, wenn die die Sauvignon-Blanc-Stöcke noch jung sind, noch zusätzlich die stark pyrazinhaltigen, grünen Aromen einbindet. dies alles wird beim typischen Marlborough-Sauvignon-Blanc ziemlich kalt vergoren, was das Tropische noch fördert.

Yealands_PazifikDer Weinberg von Yealnds beginnt direkt an der Bruchkante zum Pazifik

Neben dem Wairau Valley gibt es aber noch ein paar andere Gegenden in Marlborough, und die dortigen Gegebenheiten lassen einen ganz anderen Sauvignon Blanc entstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Awatere Valley. In diesem Bereich, der am Südrand von Marlborough liegt, habe ich ein wirklich spezielles Weingut besucht. Es heißt Yealands, wie sein Gründer Peter Yealand und es zeigt, was man leisten kann, wenn man eine konkrete Idee von nachhaltigem Wirtschaften hat.

Yealands_WeingutMitten im 1.000 Hektar-Weinberg liegt das moderne, mit Solarzellen bestückte Weingut. Foto Copyright: Yealands

Peter Yealands hat dort vor einigen Jahren Land gekauft. Das dürfte nicht so teuer gewesen sein denn es war trocken, unbepflanzt und nur von einigen Schafen bewohnt. Es ist eine ganze Menge Land, das er sich dort zugelegt hat und so stehen heute 1.000 Hektar unter Reben. Es sind 1.000-Hektar Single-Vineyard mit 1.6 Millionen Rebstöcken auf 4.000 Kilometer Rebzeilen, die sich über die Hügel ziehen. Und weil Peter ein ordentlicher Mensch ist hat er sie auch nicht einfach so wild wachsen lassen sondern er hat sich ein Instrument gebaut (er macht Vieles einfach am liebsten selbst) mit dem er mit Hilfe von GPS-Koordinaten die Rebzeilen genau abstecken konnte, so dass sie sich wie die 6. römische Legion in Schlachtordnung über die Hügel ziehen.

YealandsRechts oben: Mr. Peter Yealand, ein Charakterkopf mit ziemlich klaren Ideen. Rechts unten: Das Strauchwerk wird gesammelt, gepresst und als Brennmaterial verwendet. Fotos links Copyright: Yealands.

Die Perfektion, mit der er beim Anbau ans Werk gegangen ist, hört hier jedoch längst nicht auf. Denn Peter Yealand wollte nicht irgendein Weingut errichten sondern er wollte das nachhaltigste Weingut errichten, das es bis zu diesem Zeitpunkt gab. Als er am 08.08.08 (sic!) das Weingut offiziell eröffnete war es bereits carboNZeroCertTM zertifiziert. Was heißt das konkret vor Ort? Zunächst einmal hat man dort, wo es vorher nur Steppe gab, Flora und Fauna implementiert (200.000 Pflanzen) und eine ganze Reihe größerer Teiche geschaffen, aus denen sich im Zweifel auch der Weinberg bewässern lässt, ohne dass das Grundwasser angezapft werden muss.

Yealnds_SchweineMan begegnet Schafen, Schweinen und Hühnern im Weinberg.  Das Bodenprofil zeigt den typischen Schwemmlandboden.

Neben der großflächigen Ausstattung mit Sonnenkollektoren (die größte in Neuseeland mit 297 Panels und 133.000kWh pro Jahr), einer eigenen Wasseraufbereitungsanlage oder dem Einsatz von Bio-Kraftstoff in landwirtschaftlichen Geräten werden beispielsweise sämtliche Rebschnitte gesammelt, gepresst und als Brennmaterial für den Winter verwendet. Alles, was im Weingut, aber auch im Vorfeld bei den Zulieferern und auch nachher beim Verschiffen passiert, wird in den Carbon-Footprint mit aufgenommen und das Weingut arbeitet von „cradle to grave“ CO2-neutral. In den Weinbergen liegen heute die größten Komposthaufen Neuseelands, mit dem der Weinberg gedüngt wird, der in diesem Jahr die Öko-Zertifizierung erhält. Anderthalbtausend Schafe bearbeiten den Weinberg. Es ist eine kleine Rasse, die nicht an die Trauben kommt, so dass sie das ganze Jahr über grasen kann. Unterstützt werden sie von Kunekune-Schweinen und jeder Menge Hühner, die beide effektiv als Schädlingsbekämpfer arbeiten.

Wer jetzt meint, ich würde hier ungefiltert eine Werbebotschaft abtippen, liegt falsch. Aber ich habe mir das Weingut einen Tag lang angesehen und bin bis heute begeistert, mit welcher Konsequenz dort gearbeitet wird. Das habe ich, vor allem in dieser schieren Größe sonst noch nirgendwo gesehen. Wer also mal in Marlborough aufschlägt, sollte dieses Weingut definitiv einen Besuch abstatten und sich selbst überzeugen.

Yealands_MulchDer Kompost besteht vor allem aus Mulch und zerkleinerten Muschelschalen, die an der Küste leicht zu bekommen sind.

Der Weinberg beginnt übrigens direkt oberhalb des Pazifik. Hier im Awatare District – Awatare bedeutet auf Maori schneller Strom – ist es im Weinberg deutlich kühler, trockener und windiger als in denWeinbergen des Wairau Valley. Dies führt, zusammen mit der Bodenbeschaffenheit von alluvialem Schwemmland mit Kies und Löss zu einer anderen Typizität denn durch das Klima sind die Beeren kleiner, dickschaliger und verfügen, was z.B. den Sauvignon Blanc angeht über ganz andere Aromen. Nimmt man zum Beispiel den Yealands Single Vineyard Sauvignon Blanc 2014 als Beispiel und geht davon aus, dass die Kellertechnik ähnlich wie bei typischen Marlborough-Sauvignons abläuft, dann hat man hier viel mehr Guave, Johannisbeere, Kräuter und Zitrus statt der typischen Wairau-Maracuja.

Yealands_lookoutEin schlichtweg beeindruckender Weingarten

Die Weine bei Yealands sind klar und typisch gemacht. Man erkennt die neuseeländisch-australische Schule der Weinmacherin Tamra Kelly-Washington. Hier findet man saubere Kellertechnik mit typisch kühler Vergärung und Reinzuchthefen. Auch wenn diese Weine größtenteils nicht meiner persönlichen Neigung entsprechen, gefallen mir doch speziell die Estate Single Blocks und der Gemischte Satz aus Riesling, Pinot Gris und Gewürz. Als Kritiker würde ich auch die anderen Weine hoch bewerten, weil sie einfach gut gemacht sind. Ich weiß, dass ich mit dem ausgezeichneten Material, das dort im Keller angeliefert wird, anders umgehen würde, aber das ist Geschmacks- und nicht Qualitätssache.

Auf jeden Fall hat mich der Besuch bei Yealands sowohl der Sauvignon-Blanc-Lagen-Diversität von Marlborough näher gebracht als auch der Idee von Sustainability, von der ja in Neuseeland allerorts die Rede ist. Und, um es noch einmal zu sagen, die Konsequenz dort hat mir stark imponiert.

Map_Neuseeland_Marlborough

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

Werlitsch 2011 – Liebeserklärung an einen Wein

20/Mai/15 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Weiß, Österreich

Manchmal plöppt in der Weinwelt, und zwar vor allem auf facebook ein Wein oder Weingut auf und alle schreiben darüber. So viel und so, dass dann andere, die das lesen, sich fragen, wieviel das Weingut denn wohl für die Promotion bezahlt hat. Das ist normalerweise nicht der Fall. Es ist vielmehr so, dass die Zunft der Weinschreiber so klein ist, dass solche Weine schnell die Runde machen.

Doch kann eigentlich über außergewöhnliche Weine jemals genug gesagt werden? Nicht, wenn sie so vielschichtig sind und sich immer wieder so neu und doch so vertraut präsentieren, wie es ein Wein von Ewald Tscheppe tut. Der Wein ist vor einiger Zeit durch die hiesige Weinszene gereicht worden, als große Offenbarung. Weil dieser Wein tatsächlich eine solche Offenbarung ist, ist es gut, dass er und sein Erzeuger diese Aufmerksamkeit bekommt. Denn Ewald Tscheppe, der aus einer traditionsreichen steirischen Weinbaufamilie stammt, gehört nicht zu jenen, die besonders laut wären. Für diesen Typ Winzer dauert es deutlich länger, bis er entdeckt wird – wenn es überhaupt geschieht.

Ewald_Tscheppe

Die Familie Tscheppe ist in Glanz an der Weinstraße in der Südsteiermark beheimatet. Dort bewirtschaftet sie seit dem 17. Jahrhundert die Weingärten, die teils in Steillagen terrassiert sind und deren Sockel der Opok bildet – so nennt man dort den Kalkmergel mit besonders hohem ph-Wert. Seit einigen Jahren haben die beiden Brüder den Besitz des Vaters Andreas Tscheppe sen. geteilt. Der Bruder, Andreas jun. firmiert unter eigenem Namen und Ewald und seine Frau Brigitte haben ihren Betrieb Werlitsch genannt. Werlitsch ist der Name des Hofs, auf dem die Familie beheimatet ist.

Die beiden Brüder, die bei der Wiener Weinmesse Vievinum im letzten Jahr auch direkt nebeneinander standen, bewirtschaften die gleichen Weinberge und sie tun es auf die gleiche Weise, denn sie haben sich beide dem biodynamischen Weinbau verschrieben. Eine durchaus unterschiedliche Stilistik entwickelt sich erst im Weinkeller, der teils noch von beiden genutzt wird. Wenn man die Weine probiert, zeigt sich eindrücklich, dass schon das Drehen an wenigen Stellschrauben völlig unterschiedlich wirkende Weine zustande bringt. In beiden Betrieben geht es vor allem um Sauvignon Blanc, Morillon, wie der Chardonnay dort genannt wird und um Gelben Muskateller.

Ewald Tscheppes Landwein Werlitsch wird aus 50% Morillon und 50% Sauvignon Blanc gekeltert. Die Reben für diesen Wein stammen aus den kargsten und steilsten Lagen, die Tscheppe im Besitz hat. Der Saft bleibt lange auf der Maische und das im offenen großen Holzbottich. Nach dem langsamen Pressen wird der Wein zwei Jahre auf der Feinhefe im großen Holzfass gelagert, bevor er auf die Flasche kommt.

werlitsch

Soweit zum Hintergrund. Der spielt allerdings zunächst einmal, wenn man den Wein öffnet und ins Glas gießt, keine Rolle mehr. Man kann über dieses Wissen verfügen oder nicht, wenn der Wein ins Glas rinnt, trüb und orange wie ein modernes Craftbeer, dann spielt all das für eine Zeit keine Rolle mehr. Den Vergleich mit dem Craftbeer nutzte ich natürlich bewusst, denn sowohl in der Farbe als auch im Aroma ist es genau das, woran dieser Wein im ersten Moment erinnert. Es ist die Hefe, die zunächst den Charakter bestimmt, und so etwas wie die typischen momentan gefragten Aromahopfen wie Amarillo oder, mit Blick auf den verwendeten Sauvignon Blanc auch Nelson Sauvin. Schnell aber verändert sich der Wein im Glas und was dann über die nächsten Stunden oder Tage hinweg passiert ist einfach beeindruckend schön. Wenn man alles, was man sonst so mit Wein verbindet zunächst einmal zur Seite lässt und sich auf diesen Wein einlassen mag – vor allem, wenn man keine Erfahrung mit Orange-Weinen hat – dann ist dies ein Erlebnis, wie man es mit Getränken nur selten hat. Dieser Wein ruht auf unglaubliche Weise in sich selbst, ist ruhig und gelassen wie sein Erzeuger, öffnet sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen demjenigen, der sich Zeit mit ihm lässt. Die Frucht changiert im Laufe des Abends von grüner und gelber zur orangener und leicht kandierter Frucht. Es gibt neben hefigen Anklängen auch malzige. Es gibt Kräuter, viele Kräuter und Gewürze (Brotgewürz,Thymian, Fenchelblüte), dazu Tabak, Nüsse, Mandeln, Speck und immer ein wenig Salz dabei. All das verbindet sich in höchster Komplexität ohne auch nur eine Spur anstrengend zu sein. Das ist Wein wie ein Naturschauspiel außerhalb der Stadt. Man ist mit seinen ganzen Sinnen gefangen, aber es hat nichts Hektisches, nichts Lautes. Einen Wein zu machen, der so geerdet ist und gleichzeitig so zu schweben scheint, ist nicht einfach zu machen. Dazu muss man schon im Weinberg und ebenso im Keller sehr genau nach innen und nach außen hören, muss sich ganz einlassen auf das, was die Natur einem da angeboten hat. Ewald Tscheppe kann das, keine Frage. Und selbst wenn wir, als Betrachter, als Erschmecker, als Genießer der Idee der Biodynamie, der Tscheppe folgt, kritisch gegenüber stehen mögen, so kommen wir doch nicht umhin, diesen Wein als außergewöhnlich zu groß zu bezeichnen. Dass diese Größe aber nur deshalb möglich ist, weil Tscheppe sich so intensiv auf die Natur und seine Art der Bewirtschaftung einlässt, finde ich bei diesem Wein so offensichtlich wie bei kaum einem zweiten. Es ist gut, dass wir Menschen haben, die sich darauf einlassen, die sich nicht beirren lassen und diese Hilfsmittel nutzen, um Weine von solcher Tiefe und solcher Größe und vor allem Schönheit erzeugen.

Dieser Wein ist einer der großen der Weinwelt, das würde ich ohne zu zögern sagen. Im Gegensatz zu vielen höchst bewerteten Weinen allerdings kostet dieser Wein hier etwa so viel wie eine gute Kiste Craftbeer. Wenn mich jemand fragen würde, welchen Wein ich in einer Originalkiste mit auf eine einsame Insel nehmen würde, dann wäre es genau dieser Wein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mir davon im Gegensatz zu anderen höchst bewerteten Weinen aus dem Burgund, dem Bordelais oder sonst woher auch persönlich eine Kiste leisten könnte.


Weiterblättern »