vor einigen Tagen habe ich einen kurzen Artikel über die Ökobilanz der Transportwege eines Übersee-Weines am Beispiel eines argentinischen Malbec geschrieben. Es war ein kurzes Nachdenken über ein Thema, welches ich in näherer Zeit gerne vertiefen möchte – es war also ein kleiner Stein des Anstoßes, gewissermaßen.
Nun haben sie auf www.weinkenner.de unter dem Titel Gefährliche Bio-Logik - Wein aus Argentinien: Konsumverzicht wegen langen Transportwegs? eine Replik veröffentlicht, die mich in gewissem Maße freut, andererseits jedoch mindestens so sehr ärgert.
Der Ärger allerdings hat mehrere Gründe, die ich in der Form eines offenen Briefes darlegen möchte:
auch wenn es mich freut, dass Sie sich so ausführlich meinem am 22.06. auf meinem Weblog veröffentlichten kurzen Posting und auch meiner Person widmen, hätte ich es doch vorgezogen, wenn Sie sich ein wenig mehr in mein Blog eingelesen hätten. Dann wären einige Unterstellungen und Missverständnisse vielleicht direkt auf der Strecke geblieben. Ihr Artikel erinnert mich so ein bisschen an die typisch deutschen Schwarz-Weiss-Diskurse mit den darin häufig einhergehenden Vorbehalten vor zu viel Gutmenschentum, einem Verhalten, was nicht nur synonym für Nerverei und Besserwisserei steht, sondern was auch schnell mit Rechthaberei, Spitzeltum und dem gewollten Einschränken der Rechte anderer besetzt wird. Zudem begibt er sich zunehmend in eine Polemik, die der Sache letztlich nicht gerecht wird.
Ich nehme Ihre reflexhafte Unterstellung oben genannter Eigenschaften in Verbindung mit der Angst vor einem nahenden Öko-Diktat dabei zwar nicht nur in Ihrem Artikel wahr – gerade gestern noch habe ich beispielsweise drüben beim Würtz zu seinem Artikel Wahrhaftiger Wein mal die Kommentare gelesen und mich gewundert, wie schnell die Emotionen hochkochen, wenn mit Begriffen wie Wahrheit, Konsequenz und Nachhaltigkeit jongliert wird – ich stelle aber gerade in Ihrer Reaktion fest, dass man selbst mit vorsichtigen Äußerungen zum Thema Klimabilanz direkt den gesamten Welthandel um die Ohren gehauen bekommt, außerdem wird man als Genussverächter in die Ecke gestellt, als naiv und tendenziell gefährlich eingestuft. Woher kommt das?
War mein kurzer Artikel so falsch zu verstehen, dass man daraus eine Diskriminierung oder den Wunsch nach einer Öko-Diktatur ableiten konnte?
Ich könnte meinem Artikel im Nachhinein vorwerfen, dass er etwas zu kurz war, ich hätte meine Frage etwas stärker ausformulieren sollen, denn was mir definitiv fern liegt, ist die willkürliche Diskriminierung eines Produktes, die Sie mir jedoch nebst einem unglaubwürdigen Öko-Engagement unterstellen:
"Wer öko-bewusst lebt, sollte seine gesamte Welt, in der er sich aufhält, auf den Prüfstand stellen und nicht nur ein Produkt willkürlich diskriminieren, um sein Gewissen zu entlasten. Übersee-Weine von Einkaufszettel zu streichen, aber mit dem Auto zum Petersiliekaufen fahren – so ein Öko-Engagement ist nicht glaubwürdig."
Ich habe an jenem Abend ein Glas Wein des Schweizers Dieter Meier getrunken, den ich als Typ ausgesprochen schätze. Seine Musik, seine Texte haben mich ein großes Stück meines Lebens begleitet, entsprechend habe ich vor Kurzem auf ein anderes seiner Weinprojekte hingewiesen sowie auch auf seine momentane Ausstellung in Hamburg. Ihn und seinen Wein zu diskriminieren war also nicht meine Absicht.
Argentinischen Malbec zu diskreditieren war ebenso wenig meine Absicht – originalverkorkt ist grundsätzlich keine Plattform, um irgendjemanden oder irgendetwas zu diskreditieren – außerdem gibt es ausgezeichnete Malbecs. Ebenso chilenische Carmenères. Außerdem halte ich viel von diversen kalifornischen Cabernets, Zinfandels und Cuvées, ja, einige davon zählen zu den besten Weinen, die ich bisher getrunken habe, siehe zum Beispiel hier. Ich mag den Pinotage von Kanonkoop sehr gerne, genauso wie den beeindruckenden Stil, den Springfield Estate pflegt und worüber ich hier geschrieben habe. Also dürfte nach Studium meines Blogs eigentlich klar sein, dass die Unterstellung, diese Sie im Folgenden formulieren, komplett überflüssig war :
"Er fragt lediglich, „ob das, was drin ist, sich wirklich lohnt. Ob der Wein also, wie man heute neudeutsch sagt, ein Alleinstellungsmerkmal aufweist“ – der argentinische Wein. Wer so fragt, hat die Antwort schon parat: Wein aus Argentinien bietet nichts, was den weiten Weg nach Europa lohne. Eine gewagte Behauptung, die aus der Feder eines Weinfachmanns erklärungsbedürftig ist. Meint Raffelt, dass ein Malbec aus Mendoza keine Spezialität sei? Dass ein Pinot Noir aus dem 1200 Meter hohen Tupungato kein unverwechselbarer Wein ist?"
Was ich mich vielmehr frage, und ich habe dies laut getan, ist, ob die einfachen Weine, denen man nicht sonderlich viel Charakter attestieren kann, nehmen wir zum Beispiel kalifornische Massenproduktion von Gallo und Co., oder die ganzen Diskounter-Übersee-Weine, ob man sich also dafür einfach so entscheiden sollte oder ob es zu viel verlangt ist, noch mal darüber nachzudenken. Und ja, auch, ob nun der einfache, aber gut gemachte Malbec von Dieter Meier so individuell und charaktervoll ist, dass man sich genau für diesen Wein entscheiden sollte, oder ob man doch lieber etwas nimmt, was weniger Emissionen mit sich herum trägt. Diese Frage finde ich absolut und zu jeder Zeit legitim, bei Äpfeln wie beim Wein, bei Industrieprodukten wie bei Kleidung.
Dabei stellt sich nicht die Frage, ob ich mich immer und zu jeder Zeit für die klimaneutralen, ökologisch wertvollen, sauberen Produkte entscheide, die dann mein Gewissen weniger belasten. Ich sage Ihnen, ich tue es nicht! Diesen Anspruch habe ich auch zu keinem Zeitpunkt formuliert und würde dies auch nicht tun, dafür bin ich selber viel zu inkonsequent. Mir aber die Möglichkeit eines kritischen Diskurses oder einem kritischen Nachfragen absprechen zu wollen, weil ich ja möglicherweise
"den Schnittlauch mit dem Auto einkaufe",
Herr Priewe, das ist ein wenig billig und niveaulos, finden Sie nicht? Es geht doch hier nicht um wer frei von Makel ist, werfe den ersten Stein, sondern darum, ob wir die Welt, in der wir leben, auch aktiv mitgestalten wollen. Und da können wir uns doch immer wieder aufs Neue beim Griff in die Regale und anderswo entscheiden, wie wichtig uns dieses Mitgestalten ist. Das muss übrigens keine Instanz entscheiden, Gott bewahre. Das kann doch jeder selber entscheiden, der sich bewusst mit Produkten auseinandersetzt. Das muss auch nicht
"ein Arbeitskreis des Evangelischen Kirchentags"
sein, diese Polemik finde ich ein wenig fehl am Platze. Wenn dieser Anspruch, sich immer wieder bewusst zu entscheiden, schon ein zu viel an Gutmenschentum für Sie ist, fände ich das jedenfalls schade. Aber zwischen den Zeilen hört es sich so an, wenn Sie Folgendes schreiben:
"Und ich wäre einverstanden, wenn jeder selbst entscheidet, ob er aus moralischen Gründen auf Übersee-Weine verzichtet. Nur wäre es schön, wenn er seine Entscheidung in voller Kenntnis der Lage samt aller Implikationen träfe, die mit dieser Entscheidung verbunden sind. Moral ist nicht teilbar. Man kann nicht dreiviertel aller in Deutschland gefertigten Autos zum Export über die Weltmeere schicken und gleichzeitig glauben, durch Verzicht auf den Konsum von Überseeweinen die Welt ein bisschen besser zu machen."
Dieses ist letztlich entlarvend, denn Sie wissen so gut wie ich, dass man nicht alle Implikationen mit berücksichtigen kann, zum anderen stimmt Ihre Logik keineswegs: Der große Unterschied bleibt der, dass nicht ich diese Fahrzeuge ins Ausland exportiere (ich gehe auch nicht für die Autoindustrie in Sippenhaft), mir aber die Wahl bleibt, für welche Fortbewegungsmittel ich mich persönlich entscheide (ich kann Ihnen auf Nachfrage gerne etwas zu umweltbewussten Fortbewegungsmitteln erklären, ebenso zu Car-Sharing, wenn es Sie interessiert, aber dies hier ist ein Weinblog). Genau so kann ich mich jederzeit entscheiden, ob ich den Sauvignon Blanc xy aus Neuseeland nehmen möchte oder beispielsweise einen aus Rheinhessen.
Dies war meine Intention, ein kurzes Nachdenken über bewusste Entscheidungen für das ein oder andere Produkt, keine Handlungsanweisung. Und, abschließend bemerkt, fände ich es deutlich zielführender, solche Diskussionen personenunabhängiger und weniger polemisch zu gestalten, dafür sachbezogener und zielführender.
mit freundlichen Grüßen, Christoph Raffelt
Manchmal treffen die Dinge scheinbar zufällig zusammen. Vor drei Wochen habe ich mich in einem Brüsseler Weinladen namens Basin & Morot rumgetrieben der sich vor allem französischen Vin Naturels und biodynamische Sachen verschrieben hat, und nehme dort unter anderem jene Flasche mit, von der ich heute berichten werde. Eine Woche später sitze ich mit Bloggerfreunden zusammen und wir trinken unter anderem einen Wein von Jean-Paul Brun. Ich habe den Wein hier beschrieben, er hat mich beeindruckt. Dieser Weine hier beeindruckt mich ebenso. Beides sind Beaujolais und ich fange gerade an, mich in dieses Gebiet einzulesen denn ich habe es jahrelang völlig vernachlässigt. Zu Unrecht, wie es scheint, denn hier, wie anderswo gibt es mindestens ein Dorf, das dem Eindringling (in Form von Aromahefen etc.) nachhaltig Widerstand geleistet hat. Dieses Dorf namens Villié-Morgon beherbergt den Club der Morgon Gang of Four – mittlerweile sind es eher sechs Winzer – die seit Jahren ganz konsequent auf den An- und Ausbau von Naturweinen setzen. Wobei ich beim nächsten Thema wäre. Eines, das Matthias in seinem Blog schon auf die Agenda gesetzt hat, denn es war eines der Themen, welches wir bei dem oben genannten Miniaturbloggertreffen angerissen haben. Naturwein also… doch dazu später mehr.
Kommen wir zurück auf die Morgon Gang of Four und Jean Foillard. Denn der ist Gründungsmitglied dieser losen Vereinigung, neben Guy Breton, Marcel Lapierre und Jean-Paul Thévenet. Mittlerweile sind Georges Descombes sowie Karim Vionnet hinzugekommen. Also lauter Winzer, die Parzellen in den Cru-Lagen von Fleurie, Morgon, Moulin-a-Vent etc. besitzen. Und lauter Winzer die nicht nur ohne jegliche Pestizide und Herbizide arbeiten sondern auch im Weinkeller so natürlich wie möglich arbeiten. Das übliche Bio-Siegel übrigens gibt ja nur an, das Weine entsprechend chemiefrei angebaut wurden, es sagt nichts aus über den Umgang der Weine im Keller. Dort darf der Bio-Winzer im Prinzip genau so schalten und walten wie ein konventioneller Winzer auch, es sei denn er hat sich freiwillig einem Verband angeschlossen, der strengere Auflagen hat (demeter, biodyvin…). Verzichtet man aber auf externe Hefen, vergärt also mit jenen Hefen, die sich auf den Traubenschalen und im Keller befinden, verzichtet man auf Schönung und Filtration und sogar auf Schwefel, dann wird es durchaus kompliziert im Keller. Ich kenne in Deutschland bisher niemanden, der so arbeitet, dass er selbst auf Schwefel verzichten würde und insgesamt ist es eine Herausforderung für den Winzer, auf das Stabilisieren des Weins durch Schwefel gänzlich zu verzichten. Foillard tut dies übrigens auch nicht immer. Er nutzt teils sehr kleine Mengen, wie beispielsweise bei diesem Wein und genauso klein ist auch der Hinweis auf seiner Flasche. Foillard misst den Bakteriengehalt des Weines bevor er sich entscheidet, Schwefel zu nutzen oder nicht.
Nach dem Öffnen der Flasche – ich muss mich leider durch einen Harz-Verschluss popeln – entströmt ein intensiver, warmer Duft von reifen Kirschen, leicht süsslicher, crèmiger Schokolade, etwas Brombeeren, etwas fleischig-käsige Noten, dazu etwas Anis und Zimt. Der Gamay, um diese Rebsorte handelt es sich ja hier, wirkt duftig und voluminös-kräftig zugleich. Das bleibt auch am Gaumen so. Gleichzeit leicht samtig und reif, kräftig und markant mit schöner Länge, wirkt der Wein elegant und erinnert an guten Burgunder von der Côte de Beaune. Der vier Jahre alte Wein wirkt so, als sei er noch am Anfang seiner Entwicklung und ich bin mal gespannt, wie er sich in ein paar Jahren entwickelt haben wird.
Ich finde ja, dass man sich bei jeder Flasche Überseewein die man kauft, ernsthaft fragen sollte, ob das, was drin ist, sich wirklich lohnt. Ob der Wein also, wie man heute neudeutsch sagt, ein Alleinstellungsmerkmal aufweist.
Ich habe gerade noch mal neu darüber nachgedacht als ich mir ein Probepaket von Dieter Meiers PURO-Weinen aus Argentinien bestellt habe. Da ist alles Bio, mit argentinischem und europäischem Bio-Siegel. Das wäre alles gut und schön, zumal die Weine auch wirklich Spaß machen, wäre da nicht die verheerende Umweltbilanz:
Der Schiffstransport kostet von Argentinien nach Rotterdam (ca. 12.000 km) pro kg ca. 588 g CO2 wenn man davon ausgeht, dass ca. 49 g CO2 pro 1.000 km pro kg per Schiff anfallen.
Hinzu kommen ca. 2.000 Kilometer LKW, die der Wein vom Ursprungsort bis zu einem argentinischen Hafen und von Rotterdam aus zum Zwischenhändler, zum Händler, zum Kunden zurücklegt. Rechnen wir mit 200 g pro 1.000 km LKW pro kg Wein, landen wir bei 400 g.
Das macht in der Summe ca. 988 g CO2/Fl. für einen argentinischen Wein.
Für einen australischen Wein werden übrigens ca. 1.500 g CO2 für den Transport einer FLasche Wein verbraucht.
Wenn ich mir einen Malbec aus Südwest-Frankreich importiere, kostet dies nach gleicher Rechnung ca. 280 g CO2/Fl. Ähnliches gilt für einen Syrah von der Rhône.
Ich muss zugeben, noch immer denke ich, wenn ich den Begriff Beaujolais lese an ein sehr unangenehmes Weinerlebnis, welches ich mal mit Beaujolais Primeur hatte. Das war so eins mit Nachgärung im Magen, der dann ausgepumpt werden musste und so. Das vergisst man nicht so schnell und ich habe auch, damals war ich 16, seit dem keinen Primeur mehr getrunken und überhaupt jahrelang auf Wein verzichtet. Das allerdings hat sich, wie man unschwer nachlesen kann, wieder geändert. Trotzdem klingt bei diesem Namen immer noch was Unschönes mit – ganz unverdient. Allerdings, mit diesem fiesen Massen-Primeur hat der Weinbau-Verband es sich auch selber verbockt, wieder seinerzeit das Chablis mit Billigfusel und das Elsass mit dem substanzlosem Edelzwicker. Die Vorurteile sind da längst nicht abgebaut und auch wenn ich gerne Weine aus dem Elsass verkaufen würde – schließlich gibt es da ne ganze Menge – der Ruf ist so schlecht, ich trau mich nicht.
Zurück zu diesem Wein. Er hat mit dem Primeur genau zwei Dinge gemeinsam: das Anbaugebiet und die Traubensorte, die in diesem Anbaugebiet für rote Weine immer Gamay ist. Ansonsten werden die üblichen Beaujolais im Gegensatz zu diesem mit Kohlensäuremaischegärung hergestellt, sprich, der Gärbehälter wird mit nicht abgebeerten ganzen Trauben gefüllt, der Gärbehälter wird mit Kohlendioxid vollgepumpt, was den Sauerstoff verdrängt. Mit Hilfe von Enzymen und Hefen beginnt der Most zu gären. Meist wird der sich unten bildende gärende Most nach oben gepumpt, der Gärprozess verstärkt sich. Der Effekt dieser Methode ist der, dass Geschmack und Duft des Weines sich verstärken, Gerbstoff und Säure aber sehr moderat ausfallen. Das mag für jugendlich zu trinkende Weine gut sein, nicht aber für das Alterungspotential. Allerdings bin ich der Meinung, dass solcher Art gemachter Wein meist auch ziemlich kitschig-plüschig schmeckt.
Nicht so der Cuvée l’Ancien von Jean-Paul Brun. Dieser gehört mit zu den Altmeistern des Beaujolais und zeigt, was man hier an Qualität erzeugen kann. Er ist ein klarer Verfechter des nicht manipulierten, ursprünglich oder traditionell gekelterten Charaktertropfens, dessen Ecken und Kanten letztlich einen Wein auch ausmachen. Bruns Besitz liegt in Charnay, im südlichen Beaujolais in einer Gegend, die auch Region der goldenen Steine genannt wird, oder auch Terres Dorée. Entsprechend seiner Idee von Wein arbeitet Brun ohne Einsatz von Herbiziden und Pestiziden und vergärt seinen Gamay spontan. Er möchte keinesfalls, dass sein Gamay in die gleiche Schublade gesteckt wird wie der überwiegende Rest der produzierten Weine, die meist mit 71B vergoren werden, einer Industriehefe, die aus der Tomatenproduktion in Holland stammt und Bananen- und Bonbonaromen pusht.
Auf Chaptalisierung, also Anreicherung des Mostes mit Zucker oder Süßreserve zur Erhöhung des Alkoholgrades verzichtet er ebenso wie starke Filtration oder Einsatz von Schwefel. Beides findet nur minimal statt. So werden bei Brun wohl selbst die Nouveaus zu Charakterweinen, bestätigen kann ich es nicht, ich habe noch keinen probiert.
Für den Vieilles Vignes aber kann ich das bestätigen. Bestimmen zunächst Bratensoße, etwas Rost und vor allem Liebstöckel den Duft, finden sich bei zunehmendem Luftkontakt Johannisbeeren, und zwar die richtig schwarzen das Geruchsbild, unterstrichen von einigen medizinischen Noten. Am Gaumen dann treten die Johannisbeeren in den Hintergrund und reife Sauerkirschen übernehmen das Zepter. Es finden sich einige grüne Noten, der Wein besitzt eine schöne Säure, vor allem aber eine gute Länge. Insgesamt überrascht er, der keine 15 Euro gerade mal elf Euro kostet (siehe Kommentar), mit viel Substanz. Da muss man erst mal einen Burgunder finden, der diesem Wein das Wasser reichen kann in dieser Preisliga.
Weiter geht es Richtung La Tour Figeac, wo Otto M. Rettenmaier schon wartet. Château La Tour Figeac ist ein Grand Cru Classé Weingut dritter Ordnung aus der Provinienz St.Emilion. Es liegt in den sogenannten Graves de St. Emilion, wo der Oberboden relativ viele Kiesel aufweist, die hier Graves genannt werden. Daher auch der Appellationsname »Graves« auf der anderen Seite der Gironde, vor den Toren Bordeauxs. Das Plateau grenzt an Pomerol und liegt in Sichtweite von Cheval Blanc, wo ständig die Motoren der Hubschrauber rattern, die im Pendelverkehr die Exklusivgäste von und zur Vinexpo bringen.
Das als Gästehaus genutzte Haupthaus liegt versteckt hinter der Halle mit Fudern und BarriquesFigeac wurde im 19. Jhd. nach und nach in drei Güter aufgeteilt von denen das bekanntere Château Figeac ist, das unbekanntere Gut Château La Tour du Pin Figeac. La Tour Figeac selbst nun gehört seit dem Beginn der Siebziger Jahre der Familie Rettenmaier, die das Gut damals, als Bordeaux-Weingüter noch erschwinglich waren, auf Anraten des Jagdfreundes Hubertus Graf von Neipperg gekauft haben. Auch die Neippergs haben in dieser Zeit in Bordeaux investiert und sind Eigner der Güter La Mondotte, Canon La Gaffelière, Clos de l’Oratoire, Peyreau, d’Aiguilhe und Clos Marsalette, plus Beteiligungen an Château Guirauld und Soleil.
Otto Maximilian Rettenmaier in seinem WingertDoch zurück zu La Tour Figeac. Der Besitz wurde damals, und das sollte auch zunächst so bleiben, von Michel Boutet verwaltet, der wiederum auch die Neipperg-Güter Canon La Gaffelière und Clos de l’Oratoire verwaltet hat. Als Boutet sich zu Beginn der 90er zurückzog übernahm Otto Maximilian Rettenmaier die Verwaltung des Familienbesitzes. Der gelernte Betriebswirt wollte eigentlich nur die Verwaltungsnachfolge regeln, konnte sich aber von Gut, Landschaft und Leuten nicht mehr so richtig trennen, wie er selbst erzählt. Das Gut hat unter ihm einen kontinuierlichen Qualitätsanstieg erlebt, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass er ein gutes Händchen für die richtigen Leute zu haben scheint. Die technische Direktorin heißt Christine Derenoncourt, der Nachname ist nicht ganz unbekannt in der Weinwelt, ihr Mann Stéphane Derenoncourt, der nachvollziehbarer Weise häufiger auf dem Besitz anzutreffen ist und entsprechend berät, gehört mit zu den wichtigsten önologischen Beratern im Bordeaux und Kalifornien, auch hier gibt es wieder eine enge Verbindung zu den Neippergs, denn er berät auch Canon La Gaffelière und Clos de l’Oratoire aber genau so beispielsweise auch Smith Haut Lafitte oder Francis Ford Coppola. Für einen speziellen Teil der Weinbergsarbeit, nämlich für die Erfahrung mit biodynamischer Arbeitsweise wurde zwischenzeitlich François Bouchet herangezogen, der sich unter anderem bei Chapoutier mit dieser Arbeitsweise vertraut gemacht hat. Mittlerweile ist Caroline Guillier hinzugekommen, die vor allem für den Keller verantwortlich zeichnet.
Früher wurden Rosen als Mehltaufrühindikatoren angepflanzt. Das ist heute nur noch Optik. Moderne Wettermeldungen und Messsysteme im Weingarten sind viel genauer.Wenn man mit Otto M. Rettenmaier spricht, unterhält man sich mit einem Menschen, der ziemlich genau weiß, was er will und der dies sehr geerdet und bestimmt formulieren kann. Im Gespräch über die biodynamisch angewandten Methoden im Weinberg wird schnell klar, dass er mit Esoterik und Quasi-Okkultem, was in Steiners Traktaten ja immer wieder mitschwingt, nichts am Hut hat, dass er auch nicht vor hat, irgendwann einmal mit Dung gefüllte Kuhhörner im Weinberg zu vergraben. Es geht ihm um den grundsätzlichen Blick auf die Reben und den Umgang mit ihnen. Es geht ihm um Respekt und den natürlich Umgang mit seinem wertvollen Rebmaterial. Was er festgestellt hat, und das sagen ja alle, die in diese Richtung der Weinbergbearbeitung gehen, das im Laufe der Zeit der sorgfältigen Bodenbearbeitung, des Umgangs mit Kräutersuden und Präparaten und dem Einsatz rein natürlicher Dünger und Mikroorganismen der Wein immer terroirtypischer geworden ist und stabiler, sich mehr im Gleichgewicht befindet. Angebaut wird auf den 14.5 Hektar zu 65% Merlot und zu 35% Cabernet Franc, der Ertrag liegt normalerweise bei etwa 40hl/ha.
Die großen Fuder sind neu, ebenso der gesamte Bereich der Trauben-Anlieferung und -SortierungDass auf La Tour Figeac im Keller genau so penibel gearbeitet wird, wie im Wingert versteht sich dabei eigentlich von selbst. In den modernen, großen hölzernen Gärbottichen beginnen die Trauben mit Unterdruck zu gären bevor sie angepresst werden. Es gibt in den ziemlich neuen Fudern ein mechanisches System zum Maischestoßen, was wesentlich ruhiger und schonender verläuft als das Umpumpen. Hier wird beides in Kombination angewandt. Später wandert der Wein für 13 bis 15 Monate in Barriques.
Amüsant sind übrigens die Bezeichnungen der Eichenholzfuder und Stahltanks. Während Rettenmaier die Bottiche nach großen klassischen Komponisten benannt hat steht Caroline Guillier eher auf Jazz-Sängerinnen. Wozu die Namen? O-Ton Rettenmaier: »Es ist doch netter sich zu fragen, was Beethoven wohl gerade so treibt als zu schauen, was in Fass 6 passiert.«
Der eine liebt die Klassik, die andere den JazzOtto Rettenmaier hat sich Zeit für uns genommen. Zunächst gab es die jüngeren Jahrgänge im Verkostungsraum, die Jahrgänge 2000 und 2001 dann haben wir zum Essen im nahegelegenen St. Emilion getrunken.
Wir beginnen mit dem 2008er L’Esquisse de la Tour Figeac, einem raren Zweitwein der in diesem Jahr aus 95% Merlot und 5% Cabernet Franc besteht. Ausgebaut wurde der Wein auf der Feinhefe in einjährigen Barriques. Ein ziemlich gelungener Einstieg. Merlot-Kraft und Dichte bestimmen den Wein und dieser besticht durch eine schöne Länge und Harmonie.
Schlichtheit bestimmt den Barrique-Keller, der auf jeden kathedralen Effekt wohltuend verzichtetAuch wenn der Jahrgang 2008 zwischenzeitlich ein wenig zu entgleiten drohte aufgrund des feuchten Sommers und der Verrieselung der Blüte wird es mit der wärmenden Septembersonne schließlich mengenmäßig ein kleiner, qualitativ aber ein ausgezeichnet Jahrgang. Der Beste, den wir vor Ort probieren, auch wenn 2009 mehr Sex hat und 2005 natürlich fleischiger ist und dicht, beerig und weich. 2008, mit 70% Merlot und 25hl/ha Ertrag legt sich tief und breit ins Glas, wirkt eukalyptisch-mineralisch kühl, einigen Veilchen- und Schokoladenaromen verbinden sich mit reifer aber eben nicht zu reifer Frucht und werden durch einen (übrigens immer) sehr moderaten Holzeinsatz gestützt. Das ist ein Wein im klassischen Bordeaux-Stil, der mir ausgesprochen gut gefällt. 2006 ist noch so ein Jahr, das mir gefällt, das sich sehr schön entwickelt, nicht nur auf diesem Château. Auch hier eine schöne Dichte, Kraft und Saft, gebändigt durch eine ausgleichende Säure und ein angenehmes Tanningerüst. 2010 erinnert natürlich an 2005: der leichte Rumtopf, die reifen Trauben, ein satter Wein voller Frucht und, etwas Überbordendes, etwas, das viel schneller sättigt als 2008. Doch wen wundert’s, bei diesen Jahrgangsbedingungen?
Bemerkenswert auch: Die Sélection Prestige, eine Sonderabfüllung aus 100% MerlotWie erwähnt fahren wir gemeinsam nach St. Emilion, dieses im frühen Mittelalter gegründete Städchen, das ganz still in der Mittagshitze liegt. Auf halber Höhe zwischen Ober- und Unterstadt lassen wir uns im Logis de la Cadène nieder, ein 2000er und 2001er La Tour Figeac unterm Arm. Gereicht wird, neben einer Vergleichsflasche 2004er Château Canon Boeuf vom Stück. Nur aussen leicht angebraten, sonst noch bleu liegen dort zwei große Teile am Knochen. Zwei ausgezeichnete Stücke Fleisch zu moderat gereiften Weinen bester Qualität. Was für ein herrlicher Moment!
Wir entern die Logis de la Cadène, Christian Riedel, mein Begleiter während der Reise hat sich die den 2000er und 2001er unter den Arm geklemmt.Der 2004er Canon kommt etwas leichter daher als die beiden La Tour Figeac, was nicht zuletzt am anderen Boden liegen dürfte. Beim 1er Grand Cru Classé herrscht Kalkstein vor. Kein bisschen Überreife, dafür eine feine Frucht, etwas fleischig, feine, präzise Säure und runde Tannine. Jetzt schon toll, aber eigentlich noch für den Keller.
Vom Verkosten zum Trinken, die Weine harmonieren hervorragend zu dem Stück Rind, das auf unsere Teller geschnitten wirdDer 2000er La Tour Figeac beeindruckt mich am stärksten neben dem 2008er. Während jener natürlich eigentlich noch viel zu jung war haben sich beim 2000er die Primäraromen weitgehend abgeschliffen, der Wein ist expressiv und ausladend. Aber auch hier gibt es nicht Überreifes. Das ist viel eher elegant und rund und passt ausgezeichnet zum Essen. Der 2001er steht ihm nicht viel nach, vielleicht wirkt der Wein ein wenig fetter und nicht ganz so elegant wie der 2000er, aber das wird die Zeit zeigen, denn beide kann man, sollte man sie im eigenen Besitz wähnen, durchaus noch ein paar Jahre im Keller vergessen.
Während Otto Rettenmaier sich langsam Richtung Heimat aufmacht, haben wir noch ein wenig Zeit. Viel zu wenig um in Ruhe und mit Muße durch die Stadt zu laufen, doch man kann selten alles haben und wir haben die Mittagszeit bei 30 Grad im Schatten lieber in guter Gesellschaft verbracht.
Blick auf die Unterstadt
La Maison du Vin
Vorbei an der Abtei…
und diversen Weinläden.
Während manch einer in der Sonne döst und Schwätzchen hält
schlendern wir an Château Ausone vorbei
zurück zum WagenSo hat Martin Fueyo nicht mehr allzu viel Zeit, sein Wissen mitzuteilen doch für eine kleine Runde durch die Stadt reicht es noch, bevor ich mit Christian Riedel, der mich die meiste Zeit der Reise begleitet hat, Richtung Château Bonnet aufbreche, vorbei an so klingenden Namen wie Vieux Château Certan, l’Evangile oder Petrus.
Wir brechen auf zur rechten Seite der Gironde. Oberhalb von Fronsac im klassischen Gebiet der Bordeaux et Bordeaux Supèrieur treffen wir auf Château de Piote die Winzerin Virginie Aubrion. Virgine ist ursprünglich Quereinsteigerin und lebt ihren Beruf mit viel Passion.
Rebbestand auf Château de PioteIm oberen Segment werden Weine zu Höchstpreisen verkauft, die Basis aber muss kämpfen. So auch Virginie Aubrion, die vor Jahren mit ihrem Mann aus Paris in dieses Gebiet gezogen ist. Sie hatten die Großstadt satt und wollten auf’s Land, den Lärm, den Stress ein Stück weit hinter sich lassen und zurück zur Scholle. Zunächst hatten sie sich in der Provence umgeschaut, woher sie beiden stammen. Doch seit Peter Mayle und dem großen Provence-Hype kann sich ein Normalsterblicher dort kein Anwesen mehr kaufen, alles zu teuer, vor allem wenn man einen vernünftigen Weinberg dazu haben möchte. Irgendwann, immer weiter im Westen suchend fanden sie diesen Flecken Erde mit teils alten Rebbestand und einer Ruine von Haus darauf.
Virginie Aubrion mit ihrer Nichte im WeinbergDas ist nun zwölf Jahre her. In dieser Zeit hat die Familie das Haus weitestgehend restauriert, die Rebflächen teils neu angelegt, in den Keller investiert und begonnen, Wein zu machen. Letztes Jahr ist dann ihr Mann gestorben. Auch wenn er nur aushilfsweise auf dem Hof gearbeitet hat, er war Apotheker, hat sich die Situation noch mal grundlegend geändert. Konnte sie bis vor kurzem im Nebenerwerb existieren muss sie nun vom Weinbau leben. Sie tut dies mit bemerkenswertem Optimismus. Doch weiss sie, dass es knapp wird mit der Zeit. Dass sie für ihren Wein neue Märkte erschließen muss, dass sie bekannter werden muss. Und das ist nicht einfach. Auch wenn sie gerade den Oscar 2011 Bordeaux für ihren Clairet erhalten hat.
Ein typischer Keller mit Betontanks und neuer PresseVirgine wird nicht nur an diesem Tag von ihrer Nichte, die für l’Express im Weinbereich arbeitet, unterstützt, sondern vor allem auch von ihren Kindern. Die Arbeit im Weinberg ist aufwendig, zumal, wenn man biologisch arbeitet, was sie nach ECOCERT-Richtlinien tut und immerhin sind es mittlerweile 14 Hektar Fläche, 11 davon stehen unter Reben.
Verkostung im GartenIhre Weine sind dabei durchaus markant in ihrem Segment. Sehr schön vor allem die beiden Clairet. Diese Art Wein ist hier in Deutschland ja fast unbekannt. Ein gekühlter Roter der zwischen Rosé und Rotwein liegt, also länger auf der Maische stand als normaler Rosé und entsprechend charaktervoll, eckiger wirkt als die häufig sehr geschmeidigen Rosé. Der erste Clairet stammt zu je 50% von Merlot- und Cabernet-Trauben, der zweite, noch zupackendere stammt zu 100% von Malbec, und das ist schon durchaus ungewöhnlich.
Wein-StillebenSchön auch der rustikale, dunkle 2001er Malbec, erdig, würzig mit einem Mund voller Herbe und Frucht, kein Solist, aber perfekt für das, für was er geschaffen wurde, zur Essenbegleitung. Geschmeidig und doch klar kommt der Rosé-Cremant von Cabernet-Trauben daher. Mit nur 3 Gramm Dosage ist das ein knackig-frischer Schäumer mit feiner Crème.
Genossen haben wir die Weine auf einem beneidenswert schönen, ruhigen Fleckchen Erde, das für jemanden, der nur kurz auf Durchreise ist direkt zum Urlaubsort, zum Fluchtpunkt werden kann, während die Winzerin langsam auf die Uhr schauen muss, um mit dem Tagwerk fortzufahren.
Wir fahren auch fort. Mit unserem Fahrer und Guide Martin Fueyo geht ins St. Emilion. Genauer gesagt werden wir als nächstes Château la Tour Figeac besuchen.