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Blanc de Blancs Champagne: Teil 1 – Intro, Bérèche und Larmandier-Bernier

Eines der meiner Meinung nach häufig unterschätzten Vergnügen bei der Auseinandersetzung mit Wein ist der Genuss von Champagner. Das dürfte verschiedene Ursachen haben. Zum einen ist da das Preisargument, welches bei vielen das nachvollziehbar gewichtige, ja ausschlaggebende Argument ist – sind die Preise des eh schon teuren Weins auf Grund der Nachfrage der letzten Jahre doch noch mal deutlich gestiegen, sodass man schon im Lebensmitteleinzelhandel mit 35 Euro/Flasche rechnen muss. Zum anderen dürfte den wenigsten Konsumernten bewusst sein, wie vielschichtig die Weinwelt in der Champagne eigentlich ist, was dazu führt, dass Champagner im Wesentlichen als Prestige-Getränk wahrgenommen und vermarktet wird.

Um die zweifellos vorhandene Vielfalt in einem kleinen Bereich abzubilden, habe ich vor meiner Sommer-Pause zu einem Champagner-Abend in Bonn eingeladen, an dem ich Blanc de Blancs Champagner in ihrer ganzen Bandbreite vorgestellt habe. Der Fokus lag speziell auf Erzeugnissen von unabhängigen Winzern, doch auch die Produkte größerer Häuser waren vertreten, nicht zuletzt, um die völlig unterschiedliche Stilistik aufzuzeigen.

Über Brut Nature und Dosage im Allgemeinen

Begonnen haben wir den Abend mit zwei Brut Nature Champagnern, also Weinen, denen keine Dosage, keine Süße mehr hinzugefügt wurde. Dies war bis vor wenigen Jahren recht ungewöhnlich, war der Champagner-Trinker doch an eine gewisse Restsüße gewöhnt. In der Tat aber ist die Zuckerung des Weines im letzten Jahrhundert stetig zurückgefahren worden. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es völlig normal, Champagner mit 70 bis 200 Gramm Zucker pro Flasche zu trinken, Champagner mit bis zu 35 Gramm Dosage setzten sich erst in den 20er Jahren durch und galten als Sec, also als trocken. Der Extra Sec oder Extra Dry, also der sehr trockene Champagner besitzt immer noch eine Dosage von bis zu 20 Gramm pro Liter und erst der Extra Brut bezeichnet das, was wir heute als einigermaßen trocken empfinden, der Restzucker liegt hier bei bis zu 6 Gramm.

Champagner ohne jegliche Dosage herzustellen ist eine durchaus moderne Erscheinung, die letztlich erst möglich geworden ist durch einen neuen Ansatz der Herstellung, wie sie sich bei jenen Champagner-Winzern etabliert hat, die nicht Allerweltsweine, sondern pure, terroir- und sortentypische Weine erzeugen möchten. Um diese Brut Nature überhaupt so erzeugen zu können, dass der Schaumwein nachher schmeckt, arbeiten diese Winzer im Weinberg ganz anders als die Kollegen, die ihr Traubenmaterial bei den großen Erzeugern abgeben, wie es in der Champagne allgemein üblich ist. Denn eigene Champagner auf den Markt zu bringen und international zu vermarkten, ist ebenfalls eine relative neue Erscheinung in diesem Gebiet – doch dazu später mehr.

Allein fünf Champagner in der Riege der 17 an diesem Abend genossenen Weine fielen unter die Kategorie der Non-Dosage-Weine, deren Traubenmaterial bei der Lese schon so reif sein sollte, dass der Wein später überhaupt genießbar werden kann. Im Normalfall wird in der Champagne ziemlich früh geerntet und wer mal den Grundwein selbst führender Häuser wie Krug oder Jacquesson probiert hat, weiß, dass es einem da auf Grund der hohen Säure die Schuhe ausziehen kann. Mit solchen Grundweinen wäre ein Brut Nature kaum zu machen, und für einige Anwesende in der Runde fiel der erste Champagner des Abends auch schon in diese Kategorie des kaum Trinkbaren, andere wiederum spendeten diesem puren Trinkvergnügen viel Beifall.

Béréche & Fils, Les Beaux Regards Chardonnay Brut Nature
Der Les Beaux Regards Blanc de Blancs von Bérèche & Fils nämlich ist ein rasiermesserscharfes Getränk. Jung noch, am Anfang seiner Entwicklung, abgefüllt im Mai 2008, degorgiert im Oktober 2010, merkt man ihm seine Jugend deutlich an, jedoch genauso seine Klasse. Allerdings wird der Wein des 26-jährigen Raphael Bérèche immer einer bleiben, an dem sich die Geister scheiden, denn diese pure, säurebetonte Mineralität dieses knochentrockenen Weines ist schon sehr besonders. Zumal wenn man die handelsüblichen Champagner gewöhnt ist, wirkt so ein Wein wie ein Kulturschock. Bérèche vermeidet eine malolaktische Gärung, das heißt, hier findet sich noch die Apfelsäure und nicht die gefälligere Milchsäure, der Wein strotzt von grünem Apfel und Kreide, mit einem Hauch Grapefruit und Aprikosen und auch im Mund findet sich die Mineralität.

Die Familie Bérèche hat Humor und hat sich inszeniert, als sei sie einem Film von Jeunet-Caro entsprungen.

Bérèches 9-Hektar-Domaine findet sich übrigens in der östlichen Montagne de Reims bei Trépail. Seit 2004 wird auf dem Gut nicht mehr gespritzt, seit 2007 setzt der junge Winzer auf Biodynamie, was ganz klar zum Stil passt, denn mit dieser Weinbergsarbeit kann er das Terroir viel eher extrapolieren als mit konventioneller Herangehensweise. Bérèche baut seine Parzellen – bei diesem Wein waren es 2/3 aus der 1902 gepflanzten Lage Ludes 1er Cru »Les Beaux Regards« sowie 1/3 aus Mareuil le Port – in unterschiedlichen Gefäßen aus, sie werden teils spontan vergoren und ohne Filtration abgefüllt. Erstaunlicherweise verkorkt Bérèche seine Weine für die Flaschengärung schon mit Naturkork, üblich ist hier ja viel mehr der Kronkorken. Das Degorgieren erfolgt bei ihm von Hand und er verwendet für die Versanddosage (die hier ja nicht vorhanden ist) noch traditionellen Liquer, statt wie üblich konzentrierten Most.

Was wir hier also im ersten Glas hatten, war schon ein Unikum, eine Mischung aus Tradition und ganz modernem, nachhaltigem und qualitätsgesteuertem Denken, was zu einem sehr authentischen, bemerkenswerten Produkt führt, das man, auch wenn es eine geringe Schwefelung gibt, durchaus als Vin Naturel bezeichnen kann.

Larmandier-Bernier Terre de Vertus Premier Cru Brut Nature
Ähnlich, wenn auch etwas größer, denkt Pierre Larmandier vom Champagnerhaus Larmandier-Bernier. Diese im Herzen der Côte de Blancs in Vertus beheimatete Winzerfamilie betreibt schon seit 1988 biodynamischen Weinbau. Die Larmandiers, die zu der verschwindend geringen Zahl von weniger als 1% der Winzer gehören, die ihre Weine spontan ausbauen, besitzen 16 Hektar Cru-Lagen in Vertus, Cramant, Chouilly, Oger und Avize. Pierre Larmandier hat ein ähnliches Interesse wie Bérèche: Er möchte die Gegebenheiten der einzelnen Lagen so authentisch wie möglich herausarbeiten und die Weine so harmonisch und mineralisch wie möglich werden lassen. Auch er baut daher die Lagen und Parzellen immer getrennt in Edelstahl oder Holzfudern aus, wobei immer häufiger Holzfuder zum Einsatz kommen und das Edelstahl eher für Reserveweine genutzt wird. Das Holz spürt man bei Larmandiers Weinen kaum, das ist auch nicht erwünscht. Viel eher dient das Holz zum Luftaustausch mit der Umgebung.

Der Terre de Vertus, der eigentlich sehr poetisch Née d’un Terre de Vertus heißt, stammt praktisch von einem Lieut-dit, also einer Einzellage von 2,5 Hektar, die aus den Parzellen Les Barilées, Les Faucherets und La Vieille Voie besteht und am Ortsausgang von Vertus auf dem Weg nach Le Mesnil liegt. Eigentlich ist es auch ein Jahrgangs-Champagner, denn der Grundwein stammt aus einem Jahr. Um den Jahrgang auf das Etikett schreiben zu dürfen, bedarf es allerdings einer dreijährigen Flaschenlagerung, die dieser Wein jedoch nicht erfüllt. Dass dies der Qualität keinen Abbruch tut, zeigt diese Flasche.

Pierre Larmandier

Der Terre de Vertus ist ein sehr mineralischer, frischer, trocken-knackiger Wein mit deutlichen Kreidenoten und Anklängen von Orangen- und Limettenschale, verbunden mit einer feinen Brioche-Note. Trotz der rassigen Säure und Mineralität wirkt der Champagner rund und fein, kein bisschen aggressiv. Dieser Wein, den ich selber auch im Programm habe, ist für mich der Archetyp dessen, was ein Non-Vintage-Champagner von der Côte de Blancs leisten kann, und ist für mich immer wieder mein Referenz-Champagner.

Im zweiten Teil: De Sousa & Fils, Raumlands Chardonnay, der sich kein bisschen verstecken musste, sowie Brochet und Moncuit

 

Einladung zum Champagner-Abend: 16 Blanc de Blancs, 6. August 2011, Bonn

06/Jul/11 13:40 kategorisiert in: Bonner Weinzirkel, Champagne, Eigene Veranstaltungen, Schaumwein

 

Es gibt kaum ein Weinbaugebiet, dass mit mehr Mythen, Glamour und Erwartungen besetzt ist als die Champagne. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die großen Champagner-Häuser dieses Marketing konsequent verfolgen und Champagner als Luxusprodukt positioniert haben – auch wenn die gemeinhin bekannten Produkte nicht mehr als ein industriell gefertigtes Massenprodukt darstellen, in Millionenauflage abgefüllt.

Am 6. August lade ich zu einer Begegnung der ganz anderen Art ein. Auf einer geführten Probe – ich werde auf jeden beteiligten Erzeuger und jeden Champagner eingehen – öffnen wir 16 außergewöhnliche und ungewöhnliche Champagner von großen Häusern und vor allem kleinen Betrieben, in denen heute ganz individuelle Spitzenerzeugnisse von Hand an- und ausgebaut werden. Bei diesen Champagnern wird die Exklusivität nicht nur vorgegaukelt, hier ist sie tatsächlich vorhanden.

Es wird eine Reise in das Herz der Champagne, in die Côte de Blancs, wo praktisch ausschließlich Champagner weißer Rebsorten – Chardonnay und, ganz selten, Pinot Blanc – erzeugt werden.

Es ist eine Verführung, die entsprechend ihren Preis hat. Der Unkostenbeitrag beträgt 130 Euro, inklusive einer kleinen Stärkung.
Die Anzahl der TeilnehmerInnen ist auf 14 begrenzt, die Karten gibt es nur im Vorverkauf und können über info@originalverkorkt.de oder 0176/20011651 angefragt werden.

 

Die Probenfolge lautet:

Flight 1:

Bérèche et Fils: Les Beaux Regards – Brut Nature

Larmandier-Bernier: Premier Cru »Née d’en Terre de Vertus« – Brut Nature

Flight 2:

Pirat: Brut 2004

De Souza & Fils: Premier Cru »Cuvée de Caudalies«, Vieille Vignes, Brut

Flight 3:

Emmanuel Brochet: Premier Cru Extra Brut Millésimé 2005

Pierre Moncuit: Millésimé 2002, Brut

Flight 4:

David Léclapart: L’Apotre 2004, Extra Brut

Diebolt-Vallois: Grand Cru »Fleur de Passion« 2004

 

Pause mit Fleury Millésimé 1996

 

Flight 5:

Jacques Lassaigne: Millesimé 2000, Brut Nature

Tarlant: La Vigne d’Antan 2000, Non Greffée, Extra Brut

Flight 6:

Cédric Bouchard, Roses de Jeanne: La Bolorée 2006

Charles Dufour: Ligne 79, 1999 Extra Brut

Flight 7:

Billecart-Salmon: 1998er Blanc de Blancs, Brut

Alain Thienot: 1999er La Vigne aux Gamins

Flight 8:

Georges Laval: Les Chênes 2004

Taittinger: Comte de Champagne 2000

 

Die Probe findet im Café Rittershaus, Kaiserstraße 1d, 53113 Bonn statt. Mit dieser Probe eröffne ich einen Reigen weiterer Weinveranstaltungen an diesem Ort. Wenn Sie Interesse haben, über weitere Proben informiert zu werden, schreiben Sie mir doch einfach unter der bekannten eMail-Adresse.

 

 

 

Artikel No. 500: Ein bunter Strauß ungewöhnlicher Weine

Zufälliger Weise ist das nun das Posting No. 500. Nach etwas über vier Jahren. Da kommt ja doch was zusammen. Statt groß zu feiern mache ich das, wozu dieses Blog da ist und resümmiere mal den letzten Weinabend unserer Bonner Runde.

Hatten wir bisher meist klar umrissene Gebiete oder Sorten als Themen des Abends, war es diesmal anders. Es war so etwas wie eine Best-Bottle-Party, eigentlich aber eher nach dem Motto "Ich hole mal die Dinge aus dem Keller die ich immer mal mit anderen zusammen probieren wollte". So war bei diesem Abend nicht entscheidend, wer jetzt die rarste und teuerste Flasche aus den Tiefen des Kellers hervorgezaubert hat, angenehmer Weise wird hier eh nicht um die Position des Alphatier-Weinkenners und -sammlers gerungen, viel interessanter war die Bandbreite ungewöhnlicher Weine, die jeder beizusteuern hatte.

Ich selber habe zu diesem Abend einen süßen Champagner, und mit süß meine ich süß, von Fleury beigesteuert und die einzige Flasche Niepoort Redoma 1996, die ich hatte. Aber dazu später mehr.

 

Vorspiel
Begonnen haben wir, nachdem klar war, wer in die zweite Liga absteigen würde und wer noch eine Chance hat, drin zu bleiben. Begonnen haben wir mit einem Wein ausser der Reihe, einem Aperitiv des Gastgebers, genau so blind eingeschenkt wie die restlichen Weine des Abends.

Woran denke ich, wenn der Wein nach Traminer riecht aber nicht unbedingt danach schmeckt? Wenn er eher nach Riesling schmeckt, aber auch nicht so richtig? Ich denke dann immer an den Cöllner Rosenberg, auf dem der gemischte Satz (Riesling und Traminer) des Weinguts Hahnmühle steht. Ich hatte den 2010er gerade eine Woche vorher noch vor Ort probiert und das war meine Idee, die ich zu dem Wein im Glas hatte. Das Elsaß fällt mir noch als Alternativursprungsort zum Alsenztal ein, doch ich liege falsch. Was hier so frisch und kräutrig, mit angenehmer Holunderblütennoten daher kommt ist ein blitzsauberer trockener Muskateller 2009 der Familie Rebholz, Pfalz also, sehr ansprechend.

 

Erstes Doppel
Ernst wurde es mit dem ersten Gedeck, zwei Weiße nebeneinander und grundverschieden. Im linken Glas findet sich ein Wein mit leichten Petrolnoten, Riesling, ziemlich klar, zunächst denke ich an Mosel, doch nur im ersten Moment, dann wandere ich gedanklich weiter Richtung Nahe, Pfalz… Ins Elsass gelange ich nicht auf meiner imaginären Wanderung, doch da hätte ich hingemusst um den Wein zu verorten, den ich zwei Stunden vorher noch mit Matthias von Chez Matze aus dem Weinbunker geholt hatte. Der Wein schmeckt entschieden deutsch, nicht elsässisch, er schmeckt auch gut, aber nicht hervorragend, hat Charakter, aber zu wenig momentan, zu wenig für einen Schlossberg Grand Cru 2005 von Albert Mann. Auf mich wirkt er verschlossen, ich kenne ihn anders, feiner, subtiler, mit mehr Substanz. Das ändert sich übrigens auch nicht zum Schluss der langen Runde, als ich mir den Wein noch mal still und heimlich vornehme. Nein, das ist nicht seine beste Zeit.

Dem gegenüber steht ein Oak-Monster, ein Wein der sich erst einmal durch eine große Ladung Rösteiche zwingen muss, damit man ihn überhaupt wahr nimmt. Wer macht solche Weine, wo könnte er entstanden sein? Die erste Idee am Tisch ist Burgund, ich kenne auch solche Veltliner, aber ein Veltliner ist es nicht, Weißburgunder aus der Pfalz kommt dem am Nächsten, was ich im Glas erahne aber das fehlt die spezielle Crèmigkeit. Gelbe Früchte finde ich, aber nicht die des Chardonnay, etwas Marzipan, ein wenig Crème…

Knipser, Gelber Orleans, Drei Sterne

Es ist jedenfalls definitv eine Rebsorte, die nicht allzu deutlich mit eigenen Aromen glänzt, vielmehr Geschmackträger, Geschmacksverweber ist, das ist den Knipsers schon klar, deshalb stecken sie ihn ins Holz, in zu viel Holz, wie ich finde. Als Rebsorte führt das, was wir im Glas haben ein absolutes Nischendasein. Ein Gelber Orléans *** 2005 vom Weingut Knipser. Der Orléans ist aus den hiesigen Weingärten übrigens fast komplett verschwunden, früher wurde er im gemischten Satz angebaut, vornehmlich mit Traminer, Riesling und Heunisch baut ihn meines Wissens nur Knipser in der Pfalz und Georg Breuer im Rheingau an. Vor wenigen Jahren wurden am Kloster Disibodenberg beim Weingut von Racknitz einige uralte Rebstöcke gefunden, fünf davon sind Orléans, über 500 Jahre alt.

 

Zweites Doppel
Im zweiten Flight standen sich zwei Weine gegenüber, die ziemlich rebsortentypisch zu sein schienen, zumindest dachten wir das für den ersten Wein, der alle Charakteristiken eines reinsortigen Sauvignon Blanc aufweisen konnte. Beim zweiten Wein waren wir uns nicht ganz sicher, ich selbst habe auf Chenin Blanc von der Loire getippt und durfte Recht behalten. doch von vorne.

Was fällt einem dazu ein wenn man einen hellen Weißwein im Glas hat, der realtiv klar nach Stachelbeeren und Johannisbeere duftet und zudem leicht kräutrig wirkt?

Das muss doch entweder ein Sauvignon Blanc sein oder ein Grüner Veltliner aus dem Artikel von Captain Cork, also einer, wie wir uns ihn eigentlich nicht wünschen. Der Wein schmeckt nicht nach Sancerre, dafür ist er nicht trocken genug und ihm fehlen Kalk und Silex, nach Österreich schmeckt er nicht, dafür ist er nicht wuchtig genug, Deutschland könnte sein, aber die meisten hier haben etwas mehr Restzucker. Neuseeland, zumindest die älteren Jahrgänge wird es auch nicht sein, dafür ist er nicht exotisch genug. Ich tippe für mich auf Trentino oder Alto Adige, bin mir aber lediglich in der Rebsorte sicher – und scheitere. Wir haben etwas ganz Anderes im Glas. Einen Wein von einem Weingut, dessen Chenin Blancs ich früher mochte (ich habe hier mal einen vorgestellt). Das, was ich nun probieren muss, erschüttert mich. Ok, es erschüttert mich nicht wirklich, wir wissen mittlerweile zu viel von Aromahefen, Kaltvergärung und dem Zusammenspiel der Kräfte im Weinkeller wenn man einen Wein "machen" will. Aber es sollte erschüttern. Dieser Wein hier wurde gemacht. Das ist kein Chenin Blanc im eigentlichen Sinne. Das ist Chenin Blanc, der auch Grüner Veltliner sein könnte, der auch Sauvignon Blanc ist. Ein Wein also, den die Welt nicht braucht und bei dem ich mich frage: Wozu in aller Welt machen die das? Ja, ersthaft. Wozu? Warum machen die nicht Chenin Blanc der nach Chenin Blanc schmeckt und Sauvignon Blanc der nach Sauvignon Blanc schmeckt? Beides ist in Südafrika sehr gut möglich, auf sehr gutem Niveau. So viel also zum Chenin Blanc 2009 Vineyard Selection, Kleine Zalze.

Den zweiten Wein habe ich vor nicht allzu langer Zeit schon mal getrunken, als Absacker gewissermaßen, als Schlusspunkt einer Cabernet Franc Verkostung. Und auch wenn die teils noch zu jungen Cabernets richtig Spaß gemacht haben, zum Schluss einen Chenin zu trinken ist eben ein i-Tüpfelchen. Der Wein hat mir damals gefallen, mit einer klaren Einschränkung, die ich ich hier nur bestätigen kann. Der Jahrgang leidet an zu viel Alkohol, wirkt etwas brandig hinten raus, etwas matt. Das ist eine Klage auf hohem Niveau, ich gebe es zu, aber es ist ehrlich. Der 2006er L’Enclos, Savennières von Eric Morgat ist expressiv, dicht, voll reifer Birnenfrüchte und ein wenig Banane, mit Anklängen von Nüssen und gut eingebundenem Holz, dazu kommt ein wenig Bitterorange, das mag ich.

 

Drittes Doppel
Was uns nun im dritten Doppel aus dem Glas entgegen strömte, das mochte ich auch, und zwar beides.

Das erst Glas war, was die Rebsorte anging erstaunlich schnell und präzise erraten, da gab es praktisch keine Diskussion. Cabernet Franc sollte es sein. Mit ziemlicher Sicherheit reinsortig. Die Art der Würze, die roten Paprika, die Säure, das Zusammenspiel der Komponenten macht uns sicher. Doch was heisst das schon nach der Pleite mit dem südafrikanischen Chenin? Und was macht die Note von nasser Pappe, der Brotteig, die Schokonote in diesem Wein? Matthias tippt auf Merlot als Beimischung, letztlich ist es aber Südafrika als Beimischung. Es ist ein 2005er (schon der dritte 2005er) Cabernet Franc von Buitenverwachting. Buitenverwachting verfügt nicht nur über eines der schönsten Häuser in diesem Landstrich, einem historischen Kleinod, es ist auch meiner Ansicht nach eines der beständigsten Weingüter dort, die Cuvée Christine mag ich immer wieder gerne, aber auch die reinsortigen Weine können sich sehen lassen, wie eben auch der Cabernet Franc, eine Seltenheit am Kap. Ach, und übrigens, warum soll der Wein nicht auch einen Anteil Merlot enthalten? Schließlich dürfen dem Wein undeklariert 15% weitere Rebsorten beigemischt werden, das Gesetz erlaubt es.

Dem Cabernet Franc zur Seite gestellt hat der Hausherr einen Wein, dessen Provinienz deutlich schwerer zu erraten war. Ein trüber Wein, süß in der Nase, etwas dumpf, matt, dazu etwas, was Matthias als Schiefernote identifiziert hat, "so was wie Faugères", meinte er, "so was wie Mas de Daumas Gassac". Der Wein dreht erst richtig am Gaumen auf. Ein Wechselspiel zwischen Fruchtsüße und klarer Säure, einer inneres Messen ob Frucht oder Säure bei der Sauerkirsche überwiegt. Mineralität ist im Spiel, etwas Hitze. Es ist definitiv ein südlicher Wein und da ich weiss, was ich mitgebracht habe bin ich mir ziemlich sicher, was im Glas ist und halte die Klappe. Irgendwann wird dann doch aufgedeckt und wir sind uns so ziemlich alle einig, auch später, dass dieser 1996er Redoma von Dirk van de Niepoort der Rotwein des Abends ist. Viel Struktur, viel Charakter findet sich in diesem Wein, dessen autochthone Rebsorten auf den Schieferböden des Dourotals wachsen. Lediglich der Abgang ist ein wenig kurz geraten, aber das frustriert nicht wirklich, es ist lediglich ein wenig Schade, denn von einem schönen Wein will man ja immer gerne noch mehr.

Stattdessen kommt es zur dritten Rotwein-Paarung mit zwei ganz unterschiedlichen Typen.

 

Viertes Doppel
Der erste Wein ist ähnlich unfiltriert wie der letzte Wein und, später kommt es heraus, aus dem gleichen Jahrgang 1996. Zunächst denke ich an Syrah, er hat so was Teeriges in der Nase, die helle Farbe passt aber gar nicht. Zum Teer kommt dann noch etwas gekocht Gemüsiges dazu. Der Sexappeal des Weines hält sich zunächst in Grenzen. Das Mundgefühl allerdings ist dann ein Pinotgefühl. Ein Rest aus dem Himbeer-Erdbeer-Früchtekorb ist noch da, Würze, Liebstöckel und zum Schluss ein abgebranntes Streichholz. Das alles ist sehr harmonisch zusammengefügt, mit viel Kraft, Struktur und ordentlichem Tannin. Gealterter Pinot nach meinem Geschmack. Es ist, voilà, ein 1996er Chambolle-Musigny, eine Dorflage von Hubert Lignier. Lignier gehörte in den 80ern und 90ern zu den sehr renommierten Winzern, auch wenn er seinen Besitz in Morey St. Denis hat, und nicht in der bekannteren Nachbargemeinde Gevrey-Chambertin. In den 90er Jahren hat seinen Sohn dann zunehmend die Leitung übernommen und die beiden haben eine Betriebsgesellschaft gegründet. Dann verstarb sein Sohn an einem Hirntumor und Hubert und seine Schwiegertochter können nicht miteinander. Die Folge ist, dass Lignier heute nicht einmal mal mehr in seinen eigenen Keller kommt.

Noch deutlich bekannter als Lignier ist der Schöpfer, der Macher des zweiten Weins. Ich habe kürzlich über das Weingut geschrieben, weil ich eine wirklich geniale Flasche von ihm aufmachen durfte. Diese hier, noch verdeckt, ich habe noch keine Ahnung, was hinter diesem Wein steht, macht mich nicht so an. Der Wein ist dicht und dunkel, massiv beerig, mit einem Hauch von Eukalyptus und Lakritze. Leider ist der Wein allerdings auch etwas bitter, und zwar hat es die Bitterkeit, die man nicht haben möchte. Der Wein wirkt wie einer aus Übersee, im Gegensatz zu dem, den ich vor Kurzem im Glas hatte. Wir probieren gerade einen 2002er Dominus von Christian Moueix. Sicherlich ein sher gut gemachter Wein, der aber bei mir gerade im direkten Vergleich zum Lignier keine Chance hat.

 

Interludium
Als intellektuelles Zwischenspiel und auch, um die Zungen ein wenig zu beruhigen, plöppt wenig später der Korken und Schaumwein ist angesagt. Nach dem ersten Schnuppern ist klar: Das ist Champagne. Diese Briochenoten, das leicht Kalkige, leicht Kräutrige kann nur Champagne sein. All dies setzt sich am Gaumen fort, dann aber kommt die Überraschung. Eine ungeahnte, in der Nase nicht präsente Süße macht sich breit. Was ich hier ins Feld werfe ist ein 1995er Fleury Doux. Ein Champagner mit 53 Gramm Restzucker. Das ist man heute gar nicht mehr gewohnt. Ich selber liebe Champagner gänzlich ohne Dosage, der Stoff hier hat richtig viel, ohne allerdings im Geringsten aufdringlich zu wirken. Die 53 Gramm jedenfalls hätte niemand getippt, es wirkt eher wie ein wenig mehr als Demi-Sec. Das ist schon gekonnt, hat Fleury doch den Säuregrad exakt abgepasst, damit es passt. Fleury ist übrigens momentan der Einzige, den ich als Produzenten kenne, der solche Champagner noch herstellt.

 

Fünftes Doppel
Kommen wir nach trockenen Weißweinen und Rotweinen zum dritten Teil des Abends, den Süßweinen.

Wer sich durch den Werkstattgeruch beim St. Urbanshof durchgearbeitet hat, landet eigentlich immer bei einem schönen Wein. Diese Erfahrung habe ich zumindest bisher gemacht, und das ist auch bei diesem 2002er Kabinett aus Wiltinger Schlangengraben nicht anders. Leicht, fein mit noch frischem Apfel und feiner Säure. Mosel, wie ich sie liebe.

Im direkten Vergleich wirkt der zweite Wein dagegen massiver, dichter, tropischer. Leider mit einem kleinen Korkgeruch, der den Wein aber glücklicher Weise nicht all zu stark behindert. Der Wein besitzt viel Restzucker und zu wenig Säure, im Mund verdichten sich die tropischen Früchte, hinzu kommt eine leichte Schwarzteenote und hinten raus eine Bitternote, die aber allgemein nicht als Fehler oder als störend empfunden wird. Es ist eher so eine Bitternote aus einer englischen Orangenmarmelade – mit entsprechender Süße. Wie gesagt, die Säure fehlt und macht den Wein etwas fruchtsaftig. Dass es sich hier um eine 1993er Spätlese handelt, hätten wir allerdings nicht gedacht. 1993er Bopparder Hamm Ohlenberg von Weingart. Unten auf dem Etikett taucht schon der Name Florian Weingart auf, die großen Lettern verweisen jedoch auf den Vater Adolf Weingart.

Sechstes Doppel
Auch der nächste Wein ist einer, der so wirkt, als habe man einen exotischen Früchtekorb gepresst. Litchi, Mango, noch mal Mango, Papaya und was sonst noch alles drin sein mag. Das ist Huxel, denke ich, liege jedoch falsch. Es ist Silvaner, in Auslesequalität. Das war klar, so konzentriert kommt der Wein daher. Allerdings fehlt diesem noch leicht moussierenden Stück aus der Horst Sauerschen 0,5er-Flasche doch ein wenig die Säure. Das ist Schade, ein mehr davon wäre perfekt gewesen. Andererseits, diese 2007er  Silvaner Auslese aus dem Escherndorfer Lump ist für relativ kleines Geld zu haben und dafür macht sie richtig Spaß.

Was neben diesem Silvaner steht, wirkt davon meilenweit entfernt, statt wenige Zentimeter. Ein bernsteinfarbenes Extrakt, Orange- und Brauntöne mischen sich wie kürzlich erst beschrieben beim Genuss der 1994er Rieslaner Eselshaut-Auslese von Müller-Cartoir. Auch da war Matthias dabei und er denkt dasselbe. Etwas Steinobstfrucht noch in der Nase, vermischt mit Schwarzteesud, Kramellkeks kommt dazu und schon in der Nase erahnt man Säure. Am Gaumen gibt es dann jede Menge davon. Heftig. Was die Säure angeht, könnte diese Beerenauslese noch lange liegen blieben. Ob dann noch Frucht vorhanden sein wird mag bezweifelt werden. Ein Erlebnis ist es auf jeden Fall, mit solch einem Wein konfrontiert zu werden, mit einer 1996er Traiser Beerenauslese Riesling vom Weingut Crusius.

Nachlauf
Noch etwas? Ja, noch etwas. Bevor es Zeit wird, zu gehen, nach dem Säureschock der Beerenauslese kommt noch etwas sehr Süßes hinterher. Süßlich wie der Gewinnersong des ESC, der weit entfernt am anderen des Raumes vor sich hindudelt und dessen Verlauf wir mit halbem Auge verfolgt haben.

Was die Farbe von Sauternes hat und zunächst auch ähnlich in der Nase wirkt, die Fruchtnoten sind da, die Kaffenoten, gleitet bei zunehmender Vermischung mit Sauerstoff ins Alkoholische, etwas Acetonische ab. Am Gaumen bleibt der Alkohol präsent. Dazu kommt die oben schon genannte bittere Orangenmarmelade und noch ein wenig Exotik. Der Wein ist definitiv zu jung, noch unausgewogen. Kein wunder, wir haben einen 2009er Chenin Blanc im Glas. Noch mal Südafrika, diesmal Joostenberg.

 

Jetzt ist die Zunge müde, aber das Fazit ist sehr positiv. Auch wenn sich über einige Weine trefflich streiten ließ, oder vielleicht gerade deshalb, mag ich solch verdeckte runden in denen sich jeder auf’s Glatteis begeben muss und manchmal fällt. Ach ja, wir hatten zwei Gäste am Tisch, die wussten im Vorfeld gar nicht, was sie erwartet und schauten uns nur immer wieder staunend an, ob der Hingabe, mit der wir uns unserem Thema gewidmet haben. Ob sie wohl noch mal dazu stoßen würden, nach dieser Erfahrung? Wer weiss…

Die Weine im Überblick:
2009er Muskateller, trocken, Weingut Rebholz, Pfalz
2005er Schlossberg Grand Cru Riesling, Domaine Albert Mann, Elsass
2005er Gelber Orleans ***, Weingut Knipser, Pfalz
2009er Chenin Blanc Vineyard Selection, Kleine Zalze, Südafrika
2006er l’Enclos, Eric Morgat, Savennières
2005er Cabernet Franc, Buitenverwachting, Stellenbosch
1996er Redoma, Niepoort, Douro
1996er Chambolle-Musigny, Hubert Lignier, Bourgogne
2002er Dominus, Christian Moueix, Napa Valley
1995er Champagne Doux, Fleury Père & Fils, Champagne
2002er Wiltinger Schlangengraben Riesling Kabinett, St. Urbanshof, Mosel
1993er Riesling Spätlese Bopparder Hamm Ohlenberg, Adolf Weingart, Mittelrhein
2007er Silvaner Escherndorfer Lump Auslese, Horst Sauer, Franken
1996er Traiser Riesling Beerenauslese, Weingut Crusius, Nahe
2009er Chenin Blanc, Joostenberg, Südafrika

Zwischen drei Flüssen: Weine aus Kroatien

Diesmal war unser Bonner Weinzirkel in Köln zu Gast, wo es Provenienzen zu entdecken gab, die hierzulande kaum bekannt sind, jedenfalls keine Verkaufstradition haben, weil sie jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang verborgen waren. Leider konnte ich bei der Probe nicht anwesend sein. Um so schöner, dass die Probe trotzdem sehr genau und kurzweilig kommentiert wurde:

Es sind die drei Flüsse Donau, Drava und Sava, zwischen denen sich – im kroatischen Binnenland, also nicht an der Küste – die Anbaugebiete Baranja, Slavonien und Srem erstrecken. Weine erzeugt man dort schon mindestens seit dem 17. Jahrhundert. Nach den Privatisierungen der 90er Jahre prägen neben größeren Kellereien heute auch etliche Familienweingüter den Markt. Der vorherrschende Rebsortenspiegel zeigt die geografische Verwandtschaft mit Österreich und Italien – und durch ihn haben wir uns zielstrebig hindurchgetrunken.

Es begann mit vier Grasevina (dt. Welschriesling), einer Rebe, die man auch aus Österreich, Südtirol und Friaul kennt. Sie braucht gute Böden, reift spät und liefert frische Weine mit feiner Würze, maßvoller Säure und gelegentlich nussigem Aroma. Das fand sich sogleich im 2008er Grasevina des Weingutes Iuris aus Erdut. Seit 1994 gibt es dieses Gut. Auf immerhin 50 ha werden zu 90% Rote erzeugt. Der Weiße ist leicht und frisch, ein bisschen salzig, hat Bittermandelnoten – nicht übel, aber doch eher harmlos. Deutlich voluminöser wirkte der 2007er Grasevina der Kellerei Erdut: Fruchtig und floral, verleugnet das Holzfass nicht, bleibt aber ebenfalls nicht besonders lange im Gedächtnis. Das war schon anders beim 2008er Grasevina „Mitrovac“ der Vinarija Krauthaker (Mit dem Namen müsste man eigentlich Biodynamiker sein, oder? Ist aber nicht so.) aus Kutjevo. Blindverkostet kam er manchem in der Runde wie ein Weißburgunder GG vor, mit der entsprechenden Süße, auch mit spürbarem Alkohol. Für mich standen die Geschmackskomponenten wenig harmonisch nebeneinander. Andere schätzten ihn freilich positiver ein. Schließlich die 2009er Grasevina der Kellerei Belje aus Baranja. In meiner Notierung der beste dieses Flights: Mit frischer, aber nicht aufdringlicher Säure, zurückhaltendem Alkohol. Gekonnter Holzfassausbau gibt ihm ein ordentliches Gerüst. Was lernen wir aus diesem Glase? Wenn man schon seit 1697 Wein baut, kann man auch bei fast 600 ha unter Reben sehr ordentliche Tropfen erzeugen.

Das hat der Kellermeister vermeintlich erst recht mit dem übernächsten Wein geschafft: Der 2008er Chardonnay von Belje hat nämlich auf der Zagreber Weinmesse im Sommer 2009 im Wettbewerb mit nicht nur kroatischen Teilnehmern den Sieg als bester trockener Weißwein davongetragen. Hmm. Mir war’s nur ein Beleg mehr, dass einem solche Prädikate den Buckel ’runterrutschen können, solange man den Kandidaten nicht auf der eigenen Zunge hatte. Als „vordergründig, breit, Kneipenwein“ landete er in meinem Protokoll. Mag schon sein, dass man damit im sensographischen Chaos einer Messe beeindrucken kann.

Übersprungen habe ich hier den 2008er Rajnski Riesling (offenkundig der Riesling Rhenano, den wir aus dem Friaul kennen) der Vinarija Enjingi aus Kutjevo, der ein elegantes Bukett zeigte. Der Geschmack kam leider nicht so recht nach, bissl Alkohol aber schon. Sodann ein 2008er Sauvignon Blanc von Iuris, der unverkennbare Eindrücke in der Nase, hingegen weniger am Gaumen hinterließ.

Zum Abschluss der weißen Reihe drei fast exotisch anmutende Weine: Der 2008er Muskat-Sylvaner (Muskatni silvanac) von Iuris hatte ein sehr schönes, fruchtiges  Bukett. Und die durchaus elegante Würze, denkt man, verdankt er natürlich dem Muskateller, der da offensichtlich mitmischt. „Vertan, vertan“, sagt der Kroate (auf Kroatisch natürlich). Der verwendet den Namen nämlich als Synonym für Sauvignon Blanc. Is’ also nix mit Muskateller. Das nimmt dem Wein aber nichts von seiner Komplexität. Quitte kommt durch. Noten burgundischer Chardonnays sind spürbar. Feiner Stoff! Für mich (und die meisten am Tisch) klar der beste Weiße diese Abends. Mit seiner berückenden Honignase nimmt der folgende 2005er Traminer (Traminac mirisavi) der Kellerei Erdut den Kampf auf, setzt ihn zunächst mit schöner Harmonik auf der Zunge fort – bricht aber dann im Abgang zusammen. Schön, Sie kennengelernt zu haben .. und tschüss. Da geht der 2007er Traminer der Kellerei Ilocki aus Srijem ganz anders zur Sache. Hier wird Wein aus 830(!) ha, davon aus 270 ha eigenen Weinbergen, gewonnen. Muss ja nicht übel enden. Dieser Wein beweist das, allerdings will er zuviel: Eine opulente, letztlich massive Würze. Alkohoool. „Too much, after all“ war die Tischmeinung.

Aber nicht die schlechteste Einstimmung auf die Roten! Zu Beginn noch einmal die Kellerei Erdut mit ihrem 2005er Zweigelt. Sein intensives Sauerkirscharoma harmoniert bestens mit der Säurestruktur. Am Ende war die Meinung in der Runde etwas gespalten: Ohne Zweifel ein respektabler Wein, … der aber vielleicht eine Dimension mehr vertragen könnte. Auf Augenhöhe der 2007er Cabernet Sauvignon von Iuris mit typischer Cassis-Würze in der Nase und einer schönen Struktur. Für Siebeneurofuffzich? Chapeau! Das kostet auch der 2006er Merlot vom selben Weingut. Auch er in 2009 Messesieger in Zagreb. Was zu der Frage führt, ob sie ihre Jury dort mit Biertrinkern bestücken. Simpel, vordergründig, pffft.

Da fügte es sich zum Besten, dass der Schwarze Storch seinen Auftritt hatte: 2009er Ciconia nigra der Vinarija Josic aus Baranja, eines familiengeführten Gutes, das auf seinen gerade einmal 1,6 ha alten Weinbergen jedenfalls Pinot Noir, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc unterbringt und daraus eine vortreffliche Cuvée macht. Sehr spannende Nase: mineralisch, stahlig, kühl. Das muss der Spätburgunder sein. Am Gaumen dann Schokolade, Lebkuchen … Für mich mit Abstand der Lieblingsrote dieses Abends. Bitte noch einmal in zwei bis fünf Jahren! Der letzte Wein des Abends, der 2007er Cabernet Sauvignon ‚CERN’ von Iuris hat es irgendwie auf das Ticket des multinationalen Elementarteilchen-Forschungsprojektes in Genf und den angrenzenden französischen Gemeinden geschafft und figuriert als einer der offiziellen Rotweine – mit entsprechendem Etikett. (Wahrscheinlich darf jede finanzierende Nation einen Wein stellen. Bin auf den Chinesen gespannt.) Auch ohne Molekülzerlegung im Labor verrät er sich beim Schnuppern durch den Duft der Schwarzen Johannisbeere. Das ist schön, aber dann ist er nicht druckvoll genug und lässt uns etwas unentschieden zurück.


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