In den letzten Jahren lief jeweils eine Staffel von Oz Clarkes und James Mays Wine Adventure im BBC. Das ist eine jener Fernsehserien, die aus einer typisch britischen, in Deutschland leider unbekannten unnachahmlichen Mischung aus Spaß und Information besteht. Der Weinfreak, der dem Autofreak – der sich lediglich dafür interessiert, eine vernünftige Flasche Wein zu einem vernünftigen Preis zu bekommen – erklären will, wie Wein gemacht wird und was es da so alles an unterschiedlichen Möglichkeiten gibt. Ach, was erzähle ich? In der ersten Staffel reisen sie durch Frankreich, in der zweiten durch Kalifornien.
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Reich-Ranicki war dankenswerterweise der Auslöser der Debatte um das Niveau des Deutschen Fernsehens, aber es ist Elke Heidenreich, die nun ohne Angst vor Blessuren und dem möglichen Verlust ihrer Sendung Klartext redet und ihrem Sender, den wir alle mit bezahlen und von dem viele von uns mehr verlangen als täglich Kerner und noch eine weitere Kochsendung, die Leviten liest. Der aktuelle, zweite Artikel ist hier zu lesen und dafür danke ich ihr sehr; denn er zeigt mal wieder, wie wenig Kultur hinter den Kulissen herrscht.
Ein Volk von 80 Millionen mit jahrhundertealter Weinbautradition benötigt einen Briten, um ein vernünftiges Buch über deutschen Wein zu schreiben. Es ist eine Schande, ist es nicht?
Aber es wundert mich nun auch nicht; denn dem, was in diesem Land zum Thema Wein veröffentlicht wird fehlt, häufig ein entscheidendes Element: die Begeisterung, ja, die schonungslose Begeisterung – gepaart mit Fachverstand, selbstredend, aber das setze ich mal voraus; denn es ist ja ein Fachmann, der schreibt. Unter den vielen Weinjournalisten gibt es zumindest einen, der seiner Begeisterung für deutschen Wein, im speziellen Riesling, immer wieder freien Lauf lässt. Und das ist der Wahlberliner Stuart Pigott. Er macht das, worüber andere hier immer wieder nur lächeln (wenn man Glück hat) oder die Nase rümpfen (wenn man Pech hat) oder nur den Kopf schütteln und sich abwenden. Er redet drauf los, teils mit Vokabeln, für deren Gebrauch man an der Henri-Nannen-Schule für absolutistische Wortakrobatik mit dem nassen Lappen geschlagen würde. Aber er sagt es einfach. Und wenn das auch manchmal etwas exaltiert ist und auch mich bei Zeiten nervt, möchte ich ihm doch trotzdem meinen Respekt erweisen. Denn er tut uns gut. Er hebt das Thema Wein vom aristokratischen Sockel, ohne es auch nur im Geringsten zu beschädigen. Im Gegenteil, er schreibt für viele, die nicht dem Mouton-Geldbeutel besitzen, er schreibt für jene, die nicht jeden Super-Tuscan nur dem Namen nach kaufen, und er verbindet Meinung, Amüsement, Begeisterung und Fachwissen zu einer kurzweiligen Mixtur, wie sie im angloamerikanischen Raum häufig, hier aber fast nie anzutreffen ist.
In diesem dicken Schinken namens »Wein spricht deutsch« allerdings hat Stuart Pigott nicht einfach nur drauflos geschwafelt, nein, er hat es vorgezogen, sich ein Team aus Weinenthusiasten zu suchen, dazu begabte Grafiker, Fotografen und Setzer, um ein gleichsam schön zu lesendes wie anzuschauendes Buch zu gestalten.
Was will ich mehr? Mäkeln kann man natürlich immer, aber ich unterlasse hier mal gerade jedwede Kritik, weil dieses kiloschwere Buch für mich ein Meilenstein ist, weil man per se solch liebevoll gestaltete Bücher selten findet und weil ich finde, dass die Auswahl gelungen ist und es natürlich nur eine Auswahl sein kann und es bestimmt viele gibt, die bitterlich weinen, weil sie nicht drin vorkommen, und die haben dann auch noch Freunde und Gönner und Kunden, die auch bitterlich weinen und hämische Kritiken schreiben. Aber das ist ja immer so.
Nein, ich finde, es ist kompetent geschrieben, es ist informativ, die Bilder wurden ausgezeichnet fotografiert, ohne in irgendeiner Form schwülstig zu sein (es gibt da ja mittlerweile Weinmagazine, bei denen fehlen eigentlich nur noch die nackten Frauen, die sich neben der weichgezeichneten und dramatisch-gephotoshopten Château Petrus Balthasar räckeln). Ich für meinen Teil finde es lediglich bedauerlich, dass das Buch auf Grund seines Preises vielen, denen ich es ans Herz legen möchte, schlichtweg zu teuer sein dürfte – das liegt aber in der Natur der Sache, weil die Qualität des Inhaltes wie des Drucks und des Papiers stimmt. Und billig gibt es so etwas halt nicht.
Wein spricht deutsch: Weine, Winzer, Weinlandschaften (Gebundene Ausgabe) von Stuart Pigott, Ursula Heinzelmann, Chandra Kurt, Manfred Lüer & Stephan Reinhardt (Autor), Scherz-Verlag, 78,- EuroBill Buford war Hobbykoch. Wahrscheinlich so auf dem Niveau, auf dem ich mich bewege. Ambitioniert, voller Gestaltungsdrang, aber nicht wirklich professionell. Man hangelt sich halt so durch.
Bill Buford hat eines Abends den Chef eines der angesagtesten Restaurants in Manhattan bei sich zu Hause zu Gast, den Chef des Babbo. Nach einer durchzechten Nacht ist ihm klar, dass er seinen Job als Chefredakteur des New Yorker schmeißen wird, um ein Jahr als Küchensklave im Babbo zu lernen. Dass es ihn danach noch nach Italien und Frankreich treiben würde, um noch weiter zu lernen, wie man all die wirklich guten Zutaten zubereitet bzw. herstellt, ohne die die gute Küche nicht auskommt, hatte er wohl nicht geahnt. Was er dort erlebt, habe ich noch nicht gelesen; denn ich bin erst auf Seite 45. Aber das Ganze fasziniert mich schon jetzt. Es ist so geschrieben, wie ich es immer wieder an amerikanischen Autoren, besonders bei Journalisten bewundere: ohne Dünkel, schnell, abwechslungsreich, mit Hang zur Selbstironie und dabei äußerst informativ, also knapp formuliert, extrem kurzweilig.
Daher jetzt schon eine Empfehlung – und eine Zusammenfassung, wenn ich das Buch durchgelesen habe. Nur Lust auf Essen, die habe ich jetzt schon.
Mario Scheuermann bewegt sich in einer Weinwelt, die ich wohl nie durchschreiten werde. Ein wenig von dem, was er auf der langen Reise durch diesen Kosmos bisher erlebt hat, beschreibt er in seiner Essay-Sammlung Wein und Zeit.
Diese beginnt mit einer Beschreibung der Chateau d'Yquems, die er während der legendären Probe bei Harry Rodenstock hat verkosten dürfen. 125 Jahrgänge, beginnend mit dem 1784er. Diese Beschreibung könnte einerseits Anlass für selbstgefällige Peinlichkeiten sein, andererseits Anlass zum Neid. Nicht so bei der Lektüre dieses Buches. Der Autor nimmt diese Probe – und im Laufe des Bandes auch andere Proben – als Aufhänger, uns Wein als kulturhistorisches Phänomen und lebendigen Begleiter unseres Daseins näher zu bringen. Er taucht ein in die Zeit, in historische Zusammenhänge, verortet darin den Wein und bringt uns wieder zu Bewusstsein, dass es bei diesem Getränk eben nicht nur um Rankings und Parkerpunkte geht, sondern um Genuss und um die Wertschätzung des Weins als Kulturgut.
Mario Scheuermann hat mit Wein und Zeit ein bemerkenswert unaufgeregtes, stilistisch sauberes und inhaltlich kompetentes und interessantes Buch vorgelegt. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich auch essayistisch dem Thema Wein annähern kann – ohne Punktvergabe, ohne Lobeshymnen auf Sensationen, vielmehr als tiefgründige Auseinandersetzung, auch als Meditation.
Dass es dabei ebenfalls Anmerkungen zur Getränketechnik und der Industrialisierung des Weines gibt, versteht sich fast von selbst.
Neben den Essays beinhaltet das Buch dankenswerterweise eine »kleine dionysische Handbibliothek«, die einem die Möglichkeit eröffnet, tiefer in die Schriften jener einzutauchen, die Scheuermann zitiert. Speziell auf die Schriften Béla Hamvas' bin ich gespannt.
Mario Scheuermann, Wein und Zeit
HamppVerlag 2007
zum Preis von 17,90 Euro beispielsweise hier zu bestellen