originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



2004 – zehn Jahre später: Schaumweine, Rieslinge und Barolo

Die Vorbereitung und Gestaltung eines Weinabends mit Freunden gehört zu den schönsten Dingen, denen man sich als Weinliebhaber widmen kann. Das wird noch schöner, wenn man es zu zweit macht, denn dann kann man so nerdig sein wie man will, man findet immer Verständnis und muss es nicht an der Familie auslassen, die einen sowieso schon für völlig verrückt hält. So ein Weinabend ist schließlich nicht mal eben so vorbereitet, da kann man sich Tage, was sag ich, Wochen mit beschäftigen, ohne dass es langweilig werden würde.

So hatte ich schon vor Monaten das Gefühl, dass der Advent die richtige Zeit wäre, um mal wieder einen solchen Abend zu gestalten und Wein und korrespondierende Speisen auf den Tisch zu stellen. Ich wusste, dass ich gerne mal einen Abend mit zehn Jahre alten Weinen machen würde um zu sehen, wo die in den unterschiedlichen Regionen gerade so stehen, wie sie sich präsentieren. Also habe ich mich mit meinem Freund B. besprochen und wir haben die Sache in Angriff genommen. Schnell war klar, dass es Riesling geben würde und Bordeaux. Barolo war mit im Spiel, Brunello, Roussillon, Nord- und Südrhône. Viel zu viel natürlich und wir haben dann irgendwann eine geographische Linie in Form eines Breitengrads gezogen, so dass es über Bordeaux, Nord-Rhône und Barolo nicht hinausging. Es sollte also ein eher nördlich geprägter Weinabend werden mit einer deutlichen, auch der Jahreszeit entsprechenden Hinwendung zu roten Weinen.

Nachdem irgendwann die Reihenfolge stand: Schaumweine, Riesling auf Großem-Gewächs-Niveau, Barolo, Cornas, Bordeaux und Reparatur-Spätlese, war das begleitende Essen die entscheidende Frage (im Restaurant ist es natürlich anders herum, da sollen die Weine die Speisen begleiten aber bei Wein-Nerds sollen die Speisen die Weine unterstützen). Neben der stimmigen Kombination war mir wichtig, vor allem am Abend selbst nicht gehetzt in der Küche zu stehen und deshalb mussten die Speisen einfach aber raffiniert bzw. gut vorbereitbar sein. Wenn nun der Freund nicht nur einen bemerkenswerten Weinkeller besitzt sondern auch noch eine kleine Herde Galloways und Nachbarn mit eigener Jagd, dann ist schnell klar, auf was die Speisenfolge hinausläuft.

 

Wegeler Erben Geheimrat »J« Rheingau Riesling Sekt Brut, Olivier Horiot Sève »En Barmont« Blanc de Noirs, Jacquesson Avize Champ Caën Blanc de Blancs
Ursprünglich sollte es ein Schaumwein, genauer gesagt, der Sève Blanc de Noirs von Olivier Horiot sein, doch dann meinte B., er habe noch eine Jacquesson Einzellage Blanc de Blancs und schließlich hatte ich mitbekommen, dass man bei Wegeler den Geheimrat »J« brut frisch degorgiert hatte. So wurde dann aus einem Entrée ein vollständiger Dreier-Flight mit begleitendem Gang. Es gab die Wein in jedem Flight zunächst blind, dann haben wir dazu irgendwann die Speisen gereicht und irgendwann wurde aufgedeckt. So kann man sich zunächst ganz auf die Weine konzentrieren, dann auf die Veränderungen am Gaumen, wenn das Essen dazu kommt und schließen, wenn die Weine aufgedeckt werden das plötzlich erweiterte Wissen mit der eigenen Meinung abgleichen, die man hatte, bevor der Name ins Spiel kam.

Schaum_Lachs

Der Geheimrat »J« ist eine sehr klassische, ja alterwürdige Riesling-Marke, bei der nicht die Lage (wie sonst üblich bei dem Niveau) auf dem Etikett steht, sondern der Markenname für Qualität bürgen soll. Ungefähr 15 verschiedene Erste-Gewächs-Lagen des Rheingaus finden sich in diesem Wein, den es als Stillwein schon lange gibt, als Sekt seit 1987. Ein größerer Teil der Trauben dieses Brut haben Auslese-Charakter und das merkt man im Duft direkt. Reifer Riesling strömt aus dem Glas, reifes Kernobst, Steinobst, leichtes Petrol, Hefe, Vanille, alles üppig und dicht. Ich denke, jeder von uns hatte bei dieser ausgeprägt üppigen Nase etwas Bedenken, dass das am Gaumen etwas zu viel sein könnte – eventuell am oberen Brut-Süße-Bereich. Doch diese Befürchtungen zerstreuten sich mit dem ersten Schluck. Der Wein ist saftig, reif, aber ganz klar strukturiert, trocken, deutlich mineralisch, kraftvoll und lang. Er steht neben den beiden dann folgenden Champagnern mit einer ganz deutlich eigenen Prägung, hier will man gar nicht mit Champagner vergleichen, das ist versekteter Riesling auf hohem Niveau (auch preislich, die Flasche kostet ab Weingut €57,-).

Von allen Flights, ist das der, der letztlich in sich am wenigsten zusammenpasst. Das ist zwar alles 2004 und alles Schaum, doch eben sehr unterschiedlich. Das gilt auch für das Degorgierdatum, das erfreulicher Weise bei allem Weinen aufgedruckt ist. Der Geheimrat frisch degorgiert, der Jacquesson später auch (ende 2013), der Sève En Baramont von Olivier Horiot dagegen liegt schon Jahre im Keller und wurde bereits 2009 verkorkt. Das merkt man ihm allerdings nicht an. Frisch steht der Champagner von der Côtes des Bars da, reinsortig aus Pinot gekeltert, aus der Einzellage en Baramont. Über Olivier Horiot und der speziellen Herkunft habe ich hier schon geschrieben, das führe ich an dieser Stelle nicht weiter aus. In der Nase gefällt mir der Wein zunächst am besten und auch das Mundgefühl ist besonders. Hier verbinden sich viele Kräuter, frisch und trocken mit Kalk, die Hefenoten tauchen nur entfernt auf und auch die Frucht spielt sich unterstützend im Hintergrund ab – bis auf einige Zitronenzesten direkt im Vordergrund. Horiot, der Mann, der eigentlich lieber Stillweinemacht, hat den Grundwein im Barrique fermentieren lassen und dort hat auch die malolaktische Gärung stattgefunden. Nach Holz schmeckt das hier alles trotzdem nicht – zum Glück. Es schmeckt eher klar und präzise mit leichtem Wachs und tonischen Noten, durch die die Kräuter, vor allem Rosmarin, immer stärker durchschlagen. Der Non-Dosé-Wein ist ein leiser Star, der erst später vom Jacquesson überholt wird. Man sollte dabei übrigens nicht vergessen, dass es Olivier Horiots erste Jahrgang war(!) – und schon allein dafür gebührt dem sympathischen Franzosen ein Chapeau!

Als dritten im Mund öffneten wir Jacquessons Champ Caïn aus Avize. Dieser Wein ist eigentlich für die Kraft, die er hat, zu früh geöffnet. Ihm zu Gefallen haben wir alle drei Schaumweine kurz vorher vorsichtig karaffiert, doch hätte man dies durchaus, zumindest für den Champ Caïn schon etwas früher in Angriff nehmen können. So brauchte er Zeit (die er bekam) und gewann deutlich mit dem Lachscarpaccio vom wilden, irischen Lachs, der, nur mit Fleur des Sel und rotem Kampot-Pfeffer gewürzt und mit einem sehr guten, mit Amalfi-Zitronen aromatisierten Olivenöl bestrichen für 30, 40 Sekunden bei 200°C Grad im Ofen erwärmt wurde (Beilage, Rauken etc. mit dem selben Öl, Salz, Pfeffer und einem weißen Balsamico). Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel harmonischer ein zunächst zickiger Wein mit dem richtigen Essen werden kann hier. Hier ist es das Fette im Fisch, das vor allem den Jacquesson geöffnet hat. Irgendwann dann offenbart sich die ganze Kraft und Klasse dieses Chardonnay. Enorme Kraft, die Mineralität, Salzigkeit und auch das Basische des Kreidebodens schlägt voll durch. Gerade einmal 3.000 Flaschen werden von diesem Jahrgangs-Lieut-Dit gefertigt, das Kristalline und Komromisslose kommt mit etwas Wärme und Luft immer besser zur Geltung. Großer Stoff, natürlich ebenfalls ohne Dosage und im großen Holz ausgebaut. Champagner, der jetzt vielleicht überhaupt erst am Anfang seiner Trinkreife steht und den es auch erst seit kurzer Zeit auf dem Markt gibt, in der Weinhalle beispielsweise. Mehr zu Jacquesson gibt es hier.

 

Clemens Busch Pünderlicher Marienburg Riesling Spätlese ***, Robert Weil Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs, Steffen Christmann Königsbacher Idig Großes Gewächs
Es war, ganz ohne Frage, zusammen mit den später folgenden Weinen aus dem Cornas, der schönste Flight des Abends. Hier trafen drei Rieslinge aus der Großes-Gewächs-Klasse (Busch war zu diesem Zeitpunkt noch nicht im VDP aber Riesling *** ist das stimmige Pendant) aus drei unterschliedlichen Anbaugebieten aufeinander. Ursprünglich hatte ich den Schlossberg Grand Cru von Albert Mann mit im Rennen schicken wollen, doch letztlich wollte ich es dann doch, der Stimmigkeit wegen, bei drei deutschen Weinen belassen. Clemens Buschs Hauslage präsentierte sich, wie die beiden anderen Weine auch, ganz herkunftstypisch, wobei Pünderich eben noch mit zur so genannten Terrassenmosel gehört, mit Weinen, die gerade auch im trockenen Bereich punkten und viel Kraft bergen. Der 2004er war am weitesten von den dreien und ungemein attraktiv. Er hat, auch das letztlich zur Mosel passend, eine ganz leichte Restsüße hinten raus und die verbindet sich in diesem gereiften Stadium mit den vielen Noten vom reifen und mürben Kernobst, mit dem fast kandiert wirkendenden Steinobst und passt wunderbar zur deutlichen Honignote in der Nase, die den Duft frischer Bienenwaben mit einem Hauch Wachs kombiniert. Hier stimmt für diesen Stil alles, der Wein hat genau den richtigen Säuregehalt für die ganz leichte Süße, und schmeckt wachsig weich, während sich unter das Obst Grapefruit und Gewürze mischen.

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Der Riesling aus dem Kiedricher Gräfenberg hatte ich am Vorabend des Vinocamps im Keller bei Wilhelm Wein probiert und mir wäre damals fast der Kit aus der Brille gefallen, so gelungen war. Die zweite Flasche im Weingut dagegen war damals (Flaschenvarianzen) deutlich weniger gut während diese hier am Samstagabend wieder viel von der Größe hatte, von der ich so begeistert war. Interessanterweise ist mir am Samstag die leichte und ungemein attraktive Holznote, die den Wein im Weingut geprägt hatte, nicht so aufgefallen. Weil hatte damals eine Reihe neuer Stockinger-Fässer erhalten, die ihren Fingerabdruck im Wein hinterlassen haben. von den drei Weinen im Flight wirkte der Weilsche Wein am jüngsten. Herrlich saftig, dabei klar und präzise, bei aller Kraft bleibt der Wein schlank, vor allem im Gegensatz zum deutlich üppigeren Idig. In der Nase das leichte Rheingaupetrol, Traubennoten und etwas Steinfrucht, am Gaumen einfach total präsent mit viel Biss. Das war ein großer trockener Rheingauriesling von einer Komplexität, Kraft und Präzision, wie man sie selten findet, dabei so vibrierend und klar, einfach umwerfend attraktiv.

Christmanns Idig wirkt neben dem Rheingau fast barock, viel cremiger, viel üppiger mit hochreifer Steinobstnase, leicht botrytisch angehaucht, stoffig ohne Ende. Am Gaumen ist der Wein weicher als die vorherigen, leicht wachsig wie der Wein von Busch, auch am Gaumen dies Cremige, was man schon in der Nase vermutet. Eigentlich ist das der genau passende Riesling für die Jahreszeit und es zeigt sich dann, dass er genau zum jahreszeitlichen Essen passt, denn keiner geht eine so schöne Alliance mit der Fasanenterrine samt Apfelbrunoise ein, wie der Idig. Zum Steinobst gesellen sich hier ein Hauch Maracuja, Mango und Pomelo, das Steinig-Mineralische legt sich fast wie Puder über die Frucht, die feine Säure balanciert die Opulenz und bändigt sie, damit der Wein nicht breit wird.

Drei trockene Rieslinge, zehn Jahre alt, sechs Stunden vorher doppelt dekantiert auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft (ok, der Gräfenberg mag sich noch weiter zu seinem Vorteil entwickeln, aber die anderen beiden sind jetzt genau richtig zu öffnen, würde ich behaupten) – das ist ein sehr befriedigendes Erlebnis. Die erste Terrine meines Lebens habe ich neben dem Fleisch von vier frischen Fasanen mit fettem Schweinebauch und etwas Gänseleberpaté gefüllt, sowie mit Waldpilzen und Berberitzen.

 

Mauro Veglio Barolo Casteletto, Ascheri Barolo Vigna dei Pola, Bartolo Mascarello Barolo
Ich muss ja zugeben, dass ich kein besonderer Barolo-Experte bin. Man kann auch nicht für alles Experte sein und irgendwie habe ich mich auf diese Region nie eingelassen. Dafür gibt es ein paar wenige Freunde, aus deren Kellern ich schon den ein oder anderen gereiften Wein großer Namen probieren konnte – und natürlich immer wieder begeistert bin. Nur selbst habe ich nichts, bis auf zwei Flaschen. Die Flaschen von Mauro Veglio und Aschieri befinden sich denn auch eher durch Zufall im Keller, weil sie zusammen mit einem Barbaresco mal in einem Weinplus-Verkostungspaket lagen. Doch genau für einen solchen Abend habe ich sie zur Seite gelegt und ergänzt wurden sie durch einen großen Namen, durch den Wein eines Kauzes, eines unabhängigen Winzers namens Bartolo Mascarello, der allerdings schon vor einigen Jahren gestorben ist. Dies ist unter Strick der Flight, auf den wir auch hätten verzichten können, denn zehn Jahre Reife sind für Barolo einfach zu wenig. Erst das Consommé vom Fasan samt Frittaten hat mit seinem Umami die teils noch groben Gerbstoffe deutlich gerundet. Die Weine sind, wie bei Barolo üblich, nicht von Frucht geprägt sondern mehr von Leder, Waldboden, Pilzen usw.

Mauro Veglios Casteletto stammt aus Montforte, ist dunkel, dunkler als die anderen beiden Weine, aber am offensten und auch mit der deutlichsten Frucht. Er hat erfreulich wenig offensichtliches Holz. Neben den schon angesprochenen Aromen finden sich getrocknete Kräuter, dunkle Kirschen und dunkel aromatische Gewürze. Insgesamt eine ganze erfreuliche Flasche.

Barolo_consomme

Im Gegensatz dazu hatte ich beim Öffnen des Vigna dei Pola von Ascheri am Mittag das Gefühl, der Wein könne untrinkbar sein aufgrund höchst bitterer Tannine. Das hat sich dann bis zum Abend noch etwas gelegt, das Consommé tat sein Übriges aber eigentlich war der Wein ein fail, mittelmäßig, rustikal, ja ausgezehrt mit einem rostigen Nagel in einem See von Bitterkeit.

Bartolo Mascarello war eine Legende des Gebiets. Ein Verfechter der alten Schule des Barolo, ein Kämpfer für das Wahre und Gute, der gegen das Barrique genauso angekämpft hat wie gegen Berlusconi und der von 1990 an bis zu seinem Tod nicht mehr persönlich ans Telefon gegangen ist. Gestorben ist er 2005, dieser Wein hier ist von 2004, dürfte aber schon im Wesentlichen von seiner Tochter Teresa gemacht worden sein. Der Nebbiolo hat nach einer langen Mazeration (ca. 30 Tage in Zementtanks) zwei Jahre in mittelgroßen, alten Fässern aus slowenischer Eiche gelegen bevor er dann auf der Flasche nachgereift ist. Er präsentiert das, wofür diese Weine berühmt sind: Eine ungemein dichte Tanninstruktur die sich erst nach Jahrzehnten harmonisiert. Da dieser Wein von diesen Jahrzehnten erst eins auf dem Buckel hat, kann man heute nur erahnen, wie gut der Wein irgendwann sein wird. Es ist die Beschreibung eines Haltepunktes auf der Durchgangsreise. Es ist das Treffen mit einem dunklen, geheimnisvollen Charakter, der hier ein Bukett an Veilchen offenbart, in welches sich vereinzelt dunkle Kirschen mischen. Waldboden, etwas Trüffel, Anis und Fenchel stoßen dazu. Beeindruckend ist die Säure, die Frische, die Klarheit, das leicht Schwebende samt festem Fundament. Mehr kann ich über diese geheimnisvoll verschlossene Schönheit gerade gar nicht sagen.

Das Consommé stand acht Stunden auf dem Herd, bis ich die Karkassen herausgenommen habe. Neben Wacholder, Piment und weiteren Gewürzen dürfte vor allem die Orangenschale eine besondere Note geliefert haben. Abgeschmeckt habe ich das Consommé mit Madeira, mit echtem Madeira, nicht mit der Kochqualität.

> Im zweiten Teil gibt es drei Weine aus dem Cornas, drei aus St. Estèphe und eine Flasche von J.J. Prüm.

 

Zur 800 eine Flasche 738: a.k.a. Jacquesson is in da house

Zum Artikel mit der Nummer 800 gibt es mal wieder etwas Feines im Blog. Just gestern hat Champagne Jacquesson die aktuelle Cuvée der 700er Serie dem Fachpublikum in Hamburg vorgestellt. Das ist durchaus ein Ereignis, denn die Erzeugnisse des Champagnerhauses der Brüder Laurent und Jean Hervé Chiquet haben sich zu einigen der feinsten der gesamten Champagne entwickelt. Vor allem, seitdem die beiden Brüder das Haus 1988 von ihrem Vater übernommen haben um noch einmal viel aufwendiger und konsequenter im Weinberg und im Keller zu arbeiten. Das war durchaus ein Risiko, denn man hat die gesamte, vorher schon sehr gut laufende Linie erneuert. Begonnen hat dies mit dem Basis-Champagne, dem typischen Brut, der hier Perfection Brut hieß und mit dem Jahrgang 2000 zum Extra-Brut Cuvée No. 728 wurde. Dabei ist Extra Brut schon etwa übertrieben um die Leute nicht zu verschrecken (und möglicherweise je nach Jahrgang auch Spielraum zu haben), denn eigentlich ist dieser Champagne ein Brut Nature mit gerade einmal 1 bis 3 Gramm Dosage auf einen Liter.

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Die 700er-Serie stammt im Wesentlichen aus einem Jahr. Der erste der Serie, die Cuvée No. 728, wurde mit dem Grundwein aus 2000 gefüllt, der mit Reservewein der vorherigen Jahre assembliert wurde. Mit der aktuellen Füllung Cuvée No. 738 sind wir entsprechend zum Zehnjährigen beim Grundweinjahrgang 2010 angekommen. Dieser ist eine Cuvée aus 61% Chardonnay, 18% Pinot Noir und 21% Meunier. Der Wein stammt zu 67% aus dem Jahr 2010 und zu 33% aus Reserveweinen. Er wurde spontan vergoren, auf der Feinhefe in Holzfudern ausgebaut und unfiltriert abgefüllt. Schließlich wurde der 738 mit 2,5% Dosage im April 2014 degorgiert. All das steht angenehmer Weise auf der Flasche. Diese wurde im zehnten Jahr im Design noch mal etwas geändert. Und zwar mit einem etwas geordneteren und auch plakativeren Etikett. Die Seriennummer ist weiterhin rot, dafür aber bold, größer und außerdem nicht mehr in Serifenschrift. Die Typo für den Namen des Hauses dagegen wurde deutlich schlanker gesetzt. Das Etikett wirkt ensprechend aufgeräumter.

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Wer nun glaubt, die geringe Dosage würde zu einem eher kargen Champagner führen, wird eines Besseren belehrt. Eine hohe Dosage wäre bei diesem Wein kontraproduktiv denn der 738 hat genügend Volumen und Opulenz. Es ist ein weiniger, komplexer und kraftvoller Champagner, der eine gewisse Süße vom reifen Lesegut suggeriert, nicht aber einen süßen Geschmack. Kraft ist auch das, was ihn vom Vorgänger, dem 737 abhebt. Der Wein hat mehr Power und ist auch komplexer. Dabei bleibt der Champagne neben aller Kraft immer elegant, klar, hat eine tolle Säure und neben dem Weinigen, dem Einfluß von Holz und Hefe auch so etwas wie ein Fußabdruck des Bodens in Form einer kalkig-steinigen Mineralität.

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Eigentlich ist dieser Champagne die Einsteigsqualität des Hauses. Allerdings auf einem Niveau, wie es andere in ihrer gesamten Palette der Erzeugnisse nicht hinkriegen. Der Preis entspricht auch nicht unbedingt einem Einstiegsprodukt, denn er liegt bei um die 45 Euro. Aber, so viel kostet ein Veuve Clicquot ja auch (haha!). Wenn man allerdings wirklich ein besonders gelungenes Exemplar haben möchte, das genau den Spagat zwischen der besonderen Eleganz eines sehr guten Markenchampagners und dem markanten Charakter eines Winzerchampagners haben möchte, liegt bei diesem Wein genau richtig. Und bei der Cuvée No. 738 erst recht. Für mich ist das einer der Champagner, die ich am meisten wertschätze.

P.S.: Wer noch eins drauflegen will: Jacquesson bringt zusammen mit dem 738 noch den fünf Jahre älteren Cuvée No. 733 als Degorgement Tardif auf den Markt. Der Wein hat einfach fünf Jahre länger auf der Feinhefe gelegen, und das ist, also das ist… *seuftz*

Die Weine gibt es alle bei Weine Visentin, der auch den Generalimport für Deutschland hat. Man bekommt den 738 aber beispielsweise auch in der Weinhalle.

 

Champagne – Vol. 13 – Epilog

12/Jun/14 15:07 kategorisiert in: Champagne, Weinland Frankreich

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Es ist eine umfassende Reihe geworden, die virtuelle Reise durch die Champagne. Auch wenn der Überblick nicht vollständig ist, dürfte er doch einen ganz guten Ist-Zustand des Teils der Champagne abgeben, der vielen noch relativ unbekannt sein dürfte – die Champagne der kleinen, unabhängigen Häuser und Winzer. diese Champagne unterscheidet sich fundamental von dem, was wir normalerweise unter Champagne verstehen und wodurch sich diese auszeichnet. Assemblage beispielsweise, die Kunst der Vermählung von Rebsorten, Lagen und Jahrgängen, spielt eine wesentlich geringere Rolle. Es ist eine andere, eine weniger gefällige und auch ein weniger glatte Champagne. Es ist eine, die purer und individueller ist, als die bekannte. Hier nähert sich Champagne immer mehr dem an, was im Bereich des hochwertigen Stillweins ganz normal ist.

JOH15H012Copyright: CIVC, John Hodder

Das beginnt beim Anbau, wo es viele Möglichkeiten gibt, aber unter den besten und individuellsten Produzenten zumindest ein Grundkonsens herrscht: Der Boden muss leben, Der Weinberg muss leben. Und dieses Bodenleben erreiche ich nicht mit Stickstoff und auch nicht mit einer Menge Herbizide und Pestizide. Ob ich dann naturnah arbeite (ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich diesen Begriff lese oder schreibe), biologisch oder biodynamisch, ist eine zweite Frage. In den Artikeln wurde zudem deutlich, wie viele Optionen man darüber hinaus im Keller hat. Zwei Entscheidungen prägen dabei den späteren Wein besonders: Führe ich eine malolaktische Gärung durch oder nicht und baue ich den Wein im Holz, in Emaille oder im Edelstahl aus. Dies sind individuelle Entscheidungen, die in der unterschiedlichen Kombination natürlich den Stil eines Winzers mit prägen. Darüber hinaus dürften im Gegensatz zu den Big Playern bei den meisten der genannten Winzer Enzyme tabu sein, oftmals wird spontan vergoren, nicht geschönt und nicht filtriert. Auf andere technische oder weinrechtliche Möglichkeiten wird oft bewusst verzichtet, beispielsweise auf Chaptalisation oder auch auf Kältestabilisation.

EPANDAGEAUXTERRESROUGESCopyright: Champagne Jacquesson

Befindet sie die Chamapgne deshalb in einem Umbruchprozess? Ja und nein, würde ich sagen. Der Umbruch findet statt, aber, machen wir uns nichts vor, er findet in einer Nische statt. Auch wenn diese immer größer werden mag, bleibt es eine Nische im einstelligen Prozentbereich. Herrschen tun hier weiterhin die großen Häuser, die Cooperativen mit den klingenden Namen und die Luxusgüterkonzerne und Kapitalgeber. Das ist schon lange so und dürfte sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Sie haben aus der Champagne ein Business gemacht. Und sie haben dies mit einer Strategie erreicht, die bis heute aufgeht, auch wenn es eigentlich heiße Luft ist. Zu Beginn, also in der Historie der Champagne war der hohe Preis gerechtfertigt denn da waren die Produktionskosten sehr hoch. Später hat sich der Preis geregelt weil die Kundschaft wirtschaftlich höchst potent war. Doch wollte man mehr, man wollte eine breitere Oberschicht und gerne auch die Mittelschicht erreichen und trotzdem den exorbitanten Preis halten, wenn nicht sogar ausbauen. Dafür brauchte man eine Strategie und hat diese gefunden. Zunächst einmal wurden alle weggebissen, die auch nur entfernt als Schaumweinproduzenten den Begriff Champagne verwendet haben. Das ist in gewissem Maße nachvollziehbar. Warum beispielsweise sollte ein Schaumwein aus Deutschland nach methode champenois gemacht sein? Darauf kann man zugunsten des Markenrechts gerne verzichten und es methode traditionelle nennen. Aber muss tatsächlich die alte Sorte der Champagnerbratbirne wirklich unbenannt werden, nur weil man aus ihr ein paar Flaschen Birnenschaumwein machen kann?

104LECLOSLe Clos, Copyright: Champagne Jacquesson

Entscheidend aber war etwas anderes um die Marke eines ganzen Gebietes begehrenswert zu halten: es war das Postulat, dass es hier eine Einzigartigkeit der Kombination aus Terroir und Klima gibt, die räumlich stark begrenzt ist und deshalb zu einem knappen Warenangebot führt – und das auch dann wenn man Champagne in jedem Discounter findet. Diese postulierte Einzigartigkeit findet man in der Champagne tatsächlich – aber sie beschränkt sich auf wenige Teilgebiete mit besonderer Bodenbeschaffenheit. Große Teile der Champagne werden bis heute dazu genutzt, technisch aufgepeppte Massenware zu produzieren, die unbotmäßig überteuert ist. Das wäre ja auch alles kein Problem, wenn diese Preise nicht auch zu sehr hohen Traubenpreisen und extrem hohen Bodenpreisen geführt hätten. So hat sich daraus ein Preisdiktat entwickelt, bei dem der Konsument in die Röhre schaut. Die Land- oder Weinbergsbesitzer dagegen freuen sich. Sie könne gut davon leben und ich will ihnen das nicht neiden. Ich habe es im ersten Teil schon einmal angesprochen. Das Gebiet an der Marne war lange, sehr lange nicht unbedingt begünstigt und vom Glück verwöhnt. Im Gegenteil, hier war man bitterarm – das hat sich glücklicherweise geändert (ich empfehle dazu bedingt das Buch von Don und Petie Kladstrup, Champagner – die dramatische Geschichte des edelsten aller Getränke – ich empfehle es nur bedingt, weil es einige handwerkliche Schwächen hat, aber es gibt trotzdem einen guten historischen Überblick).

5263951652_a311a17932_zCopyright: Champagne Tarlant

Die Höhe der Preise hat allerdings andererseits einige der Winzer, die ich in den letzten Artikeln erwähnt habe überhaupt erst in die Lage versetzt, selber Wein zu produzieren. Insofern hat das Alles natürlich sein Gutes. Andererseits würde ich mir als Konsument wünschen, dass eine Einstiegscuvée, also der übliche Brut des Hauses, und zwar der eines kleinen, guten Produzenten auch für deutlich unter zwanzig Euro zu haben wäre (wenn man in die Champagne fährt, kriegt man solche Weine vor Ort noch immer). Wenn man nicht das ganze Brimborium um die Marke Champagne veranstalten würde, wäre das auch kein Problem, sollte man meinen. So aber kauft man immer zwangsläufig diesen Hauch von Luxus mit, den ich beispielsweise gar nicht haben will. Ich will einfach guten Wein kaufen, Wein aus der Champagne. Das geht im Bordelais und in der Bourgogne ja auch noch. Die Verwerfungen innerhalb der Weingebiete, die von Versicherungen und Luxusgüterkonzernen und anderen Mogulen beherrscht werden, treten allerdings auch im Bordelais deutlich zu Tage und das könnte in zukunft auch im Burgund passieren, denn dort hat sich der Luxusgüterkonzern Lous-Vuitton-Moët-Henessy (LVMH) gerade für eine astronomische Summe ein Burgunder-Weingut gekauft. Wenn das Nachahmer findet, wird die eh schon teure Bourgogne noch teurer. Moët übrigens baut gerade auf der grünen Wiese ein Champagne-Werk mit einem stündlichen Ausstoß von 18.000 Flaschen. Das ist nicht so viel wie bei den großen Brauseherstellern – aber es ist eben auch nicht mehr soweit davon entfernt.

Gibt es also, um für mich zur Frage des ersten Artikels der Reihe zurückzukommen, einen Mythos Champagne? In der Wikipedia heißt es zur Begriffsklärung unter anderem: „In einem weiteren Sinn bezeichnet Mythos auch Personen, Dinge oder Ereignisse von hoher symbolischer Bedeutung oder auch einfach nur eine falsche Vorstellung oder Lüge.

Was mich angeht, ich würde Champagne gerne unter „falsche Vorstellung“ einsortieren. Ich würde die Marke gerne vom Sockel heben und wieder etwas Irdisches oder besser, Geerdetes daraus machen. In diesem Traum hätten natürlich auch die teuren Champagner ihren Platz – exzellente oder außergewöhnliche Qualität soll ruhig ihren Preis haben. Doch wie schön wäre es, von Cédric Bouchard, von Demarne-Frison oder Tarlant auch mal einfach so eine Flasche öffnen zu können. Bei einem meiner liebsten Erzeuger, Larmandier-Bernier, wäre das vor zehn Jahren noch eher möglich gewesen. Seitdem sind die Preise marktkonform um mindestens 50% angestiegen. Mein Gehalt hat das nicht geschafft, das muss ich zugeben. So bleibt, also für die Normalos nur, sich das Geschäft von außen zu betrachten oder sehr selten mal hier und da fast verschämt eine Flasche zu öffnen und ansonsten fast zwangsläufig Teil eines Mythos zu sein, den kaum einer braucht.

2969049257_0ab68cffb4_zEin Fass ohne mit Boden, Copyright: Champagne Tarlant

Meine eigenen Notizen habe ich mit einigen Quellen abgeglichen, die ebenfalls viel Information rund um das Thema liefern. Da wären, was deutschsprachige Literatur angeht, vor allem Boris Maskow und Gerhard Eichelmann zu nennen. Erster ist ein ausgewiesener und honorierter Fachmann und betreibt die Website sparkling-online.de, deren kurzweilige Weinbeschreibungen einen immer wieder schmunzeln lassen. Letzterer ist bekannter für den Eichelmann, einen Führer für den Deutschen Wein, doch auch Eichelmann ist ein ausgewiesener Kenner der Champagne und hat bereits mehrere Bücher verfasst. Das aktuellste von 2012 heißt schlicht Champagne. Eine exzellente englischsprachige Quelle ist die Website von Peter Liem, champagneguide.net. Die volle Seite kann man allerdings nur dann nutzen, wenn man einen jährlichen Obulus von €65,- zahlt. Darüber hinaus habe ich in die Werke von Richard Juhlin und Michael Edwards geschaut. Das schönste Blog zum Thema betreibt Thomas Iversen, von dem ich auch einige Fotos veröffentlichen durfte. Das Blog Mad about Wine ist jede Zeile wert. Den schönsten Fotostream auf flickr hat übrigens das Haus Tarlant. Wer ein wenig Champagne-Mood tanken will, ist hier gut aufgehoben.

Es macht Spaß und schont den Geldbeutel, wenn man sich selber in die Champagne aufmacht. Darüber hinaus aber gibt es einige sehr engagierte Händler, die diese Chamapgne, die gar nicht so leicht verkäuflich sind wie ihre ungleich bekannteren Pendants von Feuillatte und Co. Zu nennen sind da beispielsweise Vinaturel, Noble Wine, Wein nach Maß, Sébastien Visentin, Bernd Kreis, K&U Weinhalle oder Wein Wuttke, um nur einige zu nennen.

 

Die bisherigen Artikel:

Teil 12: Côte des Bar von Courteron nach Urville

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 10: Von Vertus nach Montgueux

Teil 9: Côte des Blancs in Vertus

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mesnil-sur-Oger

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 6: Côte des Blancs von Épernay nach Cramant

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

 

Champagne – Vol. 12 – Côte des Bars: Von Courteron nach Urville

06/Jun/14 12:30 kategorisiert in: Champagne, Weinland Frankreich

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Wir kommen zum letzten Teil der Reise durch die Champagne der Winzer und kleinen Häuser und es stehen noch mal ein paar besondere Adressen auf dem Programm. Dabei müssen wir gar nicht weit fahren von einem Haus zum nächsten. Von Les Riceys geht es zunächst nach Courteron.

Courteron
Courteron ist der Ort, wo jenes Champagne-Haus steht, das ich von allen am längsten kenne. Ich bin mit Biowaren und Bioweinabteilung im Bioladen aufgewachsen und dort stand schon zu Beginn der Neunziger Champagne Fleury. Es ist das erste Haus, das konsequent den biodynamischen Weg gegangen ist und sich auch schon frühzeitig hat zertifizieren lassen (demeter). Sauber, also chemiefrei, wird dort allerdings schon viel länger, nämlich seit Anfang der 1970er gearbeitet. Wie es für die Weingärten an der Aube üblich ist, steht hier vor allem Pinot Noir, der ein wenig durch Chardonnay ergänzt wird. Die Fleurys besitzen 15 Hektar Rebfläche, die allerdings noch einmal durch 10 Hektar Fläche ergänzt wird, die von Vertragswinzern eingebracht werden. Da Fleury in seiner Gänze demeter-zertifiziert ist, gilt dies natürlich auch für die Vertragswinzer des Ortes, die Fleury Trauben anliefern. So hat man hier eine Champagne-Gemeinde, die zu einem großen Teil von natürlich gepflegten, chemiefrei bewirtschafteten Weinbergen umgeben ist. Fleury übrigens hat schon relativ früh eine eigene Hefe aus dem Weinberg selektioniert, die man gezüchtet hat und unter dem Namen Quartz auch für andere Erzeuger angeboten wird. Das ist etwas für jene, die nicht die üblichen Reinzuchthefen der großen Hersteller nutzen wollen, denen andererseits aber Spontanvergärung zu heikel ist.

fleury_01Copyright: Champagne Fleury

Ich bin noch nicht so vertraut mit den neuen Labels, zumal sich auch die Namen teilweise geändert haben. Immer noch derselbe aber ist der Fleur de l’Europe, der eine Assemblage aus 85% Pinot Noir und 15% Chardonnay ist und der von einem größeren Anteil im Holz gelagerter Reserveweine profitiert. Wie alle Champagne von Fleury ist dieser ziemlich füllig, dabei lang und intensiv. Es sind nicht die feinsten Champagne, aber durchweg sehr gut gemacht. Das gilt übrigens auch für den üblichen Einstiegswein, den Brut, der seit einigen Jahren Blanc de Noirs heißt und nicht mehr wie früher Carte Rouge. eine Neuerung der letzten Jahre ist die Erweiterung der Palette hin zu Extra Brut sans soufre, also ohne zugesetzten Schwefel und zu einem reinsortigen Pinot Blanc-Champagne. Was ich momentan nicht mehr finde, ist der doux, dessen 2000er Jahrgang der letzte war, den ich probieren konnte. Doux war für mich zusammen mit dem Millésime 1995 und 1996 immer ein Highlight des Hauses.

fleury_1996

Der große Vorteil für unsereinen hier in Deutschland ist, das man auf Fleurys Weine einen guten Zugriff hat, denn zumindest Blanc de Noirs und Fleur de l’Europe findet man in vielen Biomärkten. Wer in Paris ist, kann übrigens bei Morgane Fleury vorbeischauen, die die Ma Cave Fleury betreibt. Da findet man nicht nur die hauseigenen Champagne sondern auch Weine von Marcel Deiss, Guibolot, de Villaine, Joly und anderen alternativen Winzern.

Essoyes
Eines neues Highlight sind die Champagne des Hauses Champagne Ruppert-Leroy oder, präziser, die Champagne von Bénédicte und Manu Leroy. Bénédictes Eltern waren ursprünglich Schafhirten mit einem Besitz von ca. 4 Hektar. In den 1980ern jedoch haben sie begonnen, auf den Anbau von Trauben umzustellen, denn ab da wurde es langsam finanziell interessant, als Traubenbauer die Waren an den Négo oder die lokale Kooperative zu verkaufen. Als sich abzeichnete, dass ihre Eltern so langsam aber sicher in den wohlverdienten Ruhestand wechseln wollten, musste Bénédicte sich überlegen, ob sie weiterhin als Lehrerin arbeiten wollte, den Job ihrer Eltern übernehmen oder einen Schritt weiter machen würde.

ruppert-leroyBénédicte und Emmanuel Leroy, Copyright: Josh Adler, Paris Wine Company

Sie hat sich mit ihrem Mann für Letzteres entschieden. Seit 2010 bringen sie ihren eigenen Champagne heraus, stellen gerade auf organische Landwirtschaft um und machen sich mit biodynamischer Wirtschaftsweise vertraut. Bénédicte hat parallel ich Weinbaustudium durchgezogen. Und zwar in Dijon und nicht in der Champagne. Sie hat in der Wahl ihrer Mittel und dem Ausdruck ihrer Weine entsprechend burgundisch begonnen. Es gibt nur je einen Jahrgang und nur je eine Lage als brut nature pro Flasche. Die Grundweine der Lagen Fosse Grely und Les Cognaux werden mit indigenen Hefen im gebrauchten burgundischen Holzfass (228 bis 600l) ausgebaut und ungeschönt und unfiltriert auf die Flasche gebracht. Bisher werden die Jahrgangschampagne nach zwei Jahren auf den Markt gebracht – weshalb sie nicht als Jahrgangschampagne deklariert werden dürfen. Da wäre es auf Dauer schön, wenn die beiden einen Teil der Weine in Zukunft noch länger sur latte lagern könnten, zumal sie schon auf Grund der Ausbauart und des späten Lesezeitpunktes Reifezeit benötigen. Nichts desto trotz sind die Weine jetzt schon fein und präzise, energiegeladen und charaktervoll. Es gibt mittlerweile vier Cuvée, und zwar die Cuvée Fosse-Grely mit zwei Teilen Pinot und einem Teil Chardonnay, einen 100% Pinot Noir namens Cuvée Les Cognaux und einen Chardonnay names Cuvée Martin-Fontaine. Schließlich ist mittlerweile ein reinsortiger Pinot-Rosé aus der Lage Les Cognaux hinzugekommen.

image_defilante2Weinberg von Ruppert-Leroy im Herbstkleid. Copyright: Champagne Ruppert-Leroy

Das ist, wie gesagt, alles ganz jung, aber schon erstklassig. Da hat sich mit Bénédicte Leroy jemand an das Experiment Winzer-Champagne gewagt, der viel Talent hat.

 

Laundreville
Als ich das erste Mal mit den Champagne von Charles Dufour in Kontakt kam, hatten sie noch das Label seines Vaters, Robert Dufour. Es gibt auch immer noch solche Champagne im Umlauf, alte Jahrgangsweine, die Robert in größerer Menge eingelagert hat und die so nach und nach ans Licht kommen. Was mich hier allerdings momentan besonders interessiert ist das, was Charles so treibt. Er hat vor einigen Jahren nach einem längeren Auslandsaufenthalt den Betrieb übernommen und fand, seiner Mutter sei Dank, ziemlich gesunde Böden vor. Diese hatte in seiner Abwesenheit damit begonnen, die Bewirtschaftung langsam auf biodynamische Arbeitsweise umzustellen. Teile der 15 Hektar Weinberge sind schon ecocert-zertifiziert, so das Charles‘ elegante Einstiegscuvée Bulles de Comptoir auch dieses Label schon trägt. Obwohl rund 83% der Rebfläche Aube-typisch mit Pinot Noir bestockt sind, sind gerade auch die Blanc de Blancs Champagne interessant. Sie sind meist wenig, wenn überhaupt geschwefelt und es gibt Blanc de Blancs vom Chardonnay aber auch vom Pinot Blanc. So der Champs du Clos L.10, der aus einer Parzelle zwischen Landreville und Celles sur Ource stammt, im Edelstahl verarbeitet wurde und weder nachgeschwefelt noch mit Dosage versehen wurde. Das Resultat ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Champagne, zurückhaltend, introvertiert, mit einem Duft von Kräutern und weißen Blüten, ein ganz langsamer Champagner, noch jung mit erstem Jahrgang von 2010, der seine Schamesröte noch überwinden muss. Anders schon der Chèvetre L.10, ein Blanc de Blancs von jungen Chardonnay-Rebstöcken aus einer Parzellen zwischen Landreville und Ville sur Arce. Hier ist mehr Säure im Spiel, auch hier findet sich heller Blütenduft und etwas Gras, dazu aber mehr Brioche, etwas Holz – der Wein wurde im Holz vergoren und im älteren Barrique ausgebaut. Später folgt eine zunehmend süße Note wie die von Butterkeksen, dazu weiße Frucht, Grapefruit und Limette sowie Kalk. Das ist also durchaus ein kleiner Solitär, bei dem ich gespannt bin, wie er sich weiter entwickeln wird. Der Avalon L.10 ist die Urgewalt unter den neuen Champagne mit den minimalistischen Etiketten. Wiederum Chardonnay, diesmal aus Essoyes mit mehr Holz und von einem Weinberg stammend, dessen Boden fetter ist. Das ist ein geradezu fleischiger Champagne, einer der eher nach Kakao als nach Beeren duftet, einer der gleichzeitig dunkle Aromen bietet und dann wiederum helle, säurebetonte Zitrusnoten. Ein Charakterkopf par excellence, der einem gefallen mag oder nicht (mir gefällt er sehr), aber auf keinen Fall kalt lässt.

Der Blanc de Noirs Brut Nature wiederum ist ein puristischer Winzer-Champagner par excellence. Im Duft verwebt sich eine ganze Bandbreite an Früchten, die von Orangenschalen über Birne bis zu Johannisbeeren reicht und ergänzt wird durch Virginia-Tabak und Brioche sowie einem ganzen Strauß an Provencekräutern. Schon in der Nase wird das Salzig-Mineralische und Trockene deutlich. Am Gaumen wirkt der Champagner pur und im ersten Moment geradezu scharf. Die warmen Fruchtnoten liegen im Hintergrund, die Säure, das Kalkige und etwas von Zitronen und Limetten hat hier eindeutig die Oberhand. Trotz der kühlen Klarheit ist der Blanc de Noirs mundfüllend und lang. Kein Champagner für den lauschigen Kaminabend sondern fordernd und die Lebensgeister weckend.

Tja, es geht immer weiter an der Aube, in der Experimentierküche brodelt es. Dabei arbeiten viele der jungen, innovativen Winzer zusammen, sammeln gemeinsam Erfahrung mit alternativen Anbaumethoden, Selektionen und Spontanvergärung.

Ville-sur-Arce
Zwei, die zu diesen Winzern gehören und ebenfalls kein Problem haben, mit ihren Champagne zu polarisieren sind Coessens und Demarne-Frison. Eigentlich müsste letzteres Gut de Marne Frison heißen, denn Champagne Demarne-Frison ist das Projekt von Valérie Frison und ihrem Mann Thierry de Marne. Das Kommitée der Champagne-Erzeuger CIVC jedoch hatte ein Problem mit dem Namen denn das Weingut liegt ja im Département Marne und das Weingut de Marne zu nennen, kam nicht in Frage. Deshalb haben die beiden ihre Namen entsprechend angepasst.

demarne_labels

Thierry und Valérie haben, nachdem sie 1997 die Weinberge ihrer Eltern übernahmen, den Ertrag zunächst einmal wie ihre Eltern weiter an die Kooperative abgegeben. Parallel haben sie jedoch damit begonnen, die Weinberge ökologisch zu bewirtschaften, bis sie 2007 ihren ersten Jahrgang ökologisch zertifizieren konnten. Damit haben sie dann auch mit Teilen des Ertrags ihre eigene Produktion begonnen. 2013 hat sich das Paar jedoch getrennt und Valérie macht seitdem alleine weiter. Das war nicht der einzige Rückschlag in den letzten Jahren. Denn schon den zweiten Jahrgang (2008) mussten die beiden damals wieder komplett an die Kooperative abgeben weil ihr Freund, Bertrand Gautherot (Vouette & Sorbée) ihnen plötzlich nicht mehr weiter Unterschlupf für ihre Weine bieten konnte, da er seinen Keller kurzfristig renovieren musste. Seit 2009 jedoch hat man bei Demarne-Frison einen eigenen Keller mit eigener Presse und eigene gebrauchte Fässer, in denen der Wein ausgebaut wird.

Es gibt bei Demarne-Frison genau zwei Champagne, wovon einer halb Pinot halb Chardonnay ist und der andere ein reiner Blanc de Blancs. Das ist erstaunlich, hat man auf den sechs Hektar Besitz doch 95% Pinot Noir stehen. Doch scheint das gut zu funktionieren. Wie gesagt, ein überwiegender Teil wird weiter an die Kooperative verkauft und der eigene Abverkauf dürfte bei ca. 5-6.000 Flaschen liegen. Der erste heißt Goustan Brut Nature und ist eine non vintage Produktion, weil sie – wir hatten das ja schon häufiger – nicht lange genug gelagert wurde, um den Millésime-Status zu erhalten. Trotzdem stammt der gesamte Grundwein aus einem Jahr und die 50% Pinot und 50% Chardonnay wurden samt und sonders in den Lagen La Chevetrée, Les Clos de la Cote, und Les Cotannes geerntet.

Der zweite Wein names Lalore Blanc de Blancs ist ebenfalls NV und ebenfalls aus nur einem Jahr und, das kommt noch hinzu, aus der Einzellage Les Cotannes. Der 100% Chardonnay wird ausschließlich in Magnums abgefüllt. Beide Weine verfügen über sehr viel Energie, sie vibrieren, sind lebendig und kräftig mineralisch-kalkig. Die Fruchtnoten sind alle hell und klar, oft zitronig, untermalt mit dem, was der Ausbau im Holz bietet, wie zum Beispiel leichte Vanille-Noten. Dazu kommt eine sensorische Süße vom reifen Lesegut. Die Champagne sind wunderbar harmonisch, klar und pur. Richtig Winzerstoff eben, der sich in eine Reihe stellt mit diesem wunderbaren Stoff, den man hier an der Côte des Bar bekommt.

ville_sur_arceVille-sur-Arce. Copyright: Champagne Coessens

So wie eben auch bei Jérôme Coessens, einem weiteren dieser Freaks, dieser Inidividualisten, die sich nicht beirren lassen und die das Gebiet so spannend machen. Coessens macht ausschließlich Jahrgangsweine aus einer Einzellage namens Argillier und zwar ausschließlich aus Pinot Noir. Fünf Varianten des Weinbergs gibt es bei Coessens. Es beginnt mit dem Brut Blanc de Noirs und dem Brut Nature, wobei ich den Brut Nature vorziehen würde – er ist etwas klarer und purer. Daneben steht der Rosé de Saignée, ein dichter, stoffiger Rosé mit viel dunkler Frucht und erdigen Noten. Darüber steht der Jahrgangschampagne, momentan Millésime 2006, reifer, kräftiger, doch auch eleganter und geschliffener Pinot Noir, der schließlich noch getoppt wird durch den in einer hellen Flasche abgefüllten Sens Boisé, dessen Grundwein im Barrique gelagert wurde. Holz spielt im Aroma aber keine besondere Rolle – die Mikrooxydation ist das, was den Wein verändert. Gelbe Pflaumen präsentieren sich hier, Gewürze wie Zimt und etwas Süßholz und Pfeffer rundet den kraftvollen und gleichzeitig saftigen Champagne ab.

coessens_01Copyright: Champagne Coessens

Buxières-sur-Arce
Einen vielleicht noch besseren, noch ungewöhnlicheren Stoff gibt es im Nachbarort bei Bertrand Gautherot zu verkosten. Er firmiert unter dem Namen Vouette & Sorbée – den Namen seiner beiden wichtigsten Weinberge. Gautherot ist genau so ein besonderer Typ, so ein erd- und naturverbundener Charakter, wie es seine Weine sind, die ich neben denen von Cédric Bouchard von allen an der Aube bisher am meisten schätze. Gautherot hat bis 2001 seinen gesamten Wein an den Négo verkauft. Trotzdem hat er schon lange vorher auf biologische und dann biodynamische Wirtschaftsweise umgestellt. Er hat sich sogar von Demeter zertifizieren lassen obwohl er sein ganzes Traubenmaterial verkauft hat. Das war ihm seine Gesundheit wert und auch und vor allem die seiner Böden und Rebstöcke. Für Gautherot ist jedoch nicht die Ideologie der Biodynamie entscheidend, sondern die veränderte Qualität der Böden und Stöcke aus der erst eine veränderte Qualität der Weine entstehen kann. Es war schließlich mal wieder Anselme Selosse, der große Mentor, der auch Gautherot überzeugen konnte, seine Weine endlich selbst zu vinifizieren. Schließlich hatten er und einige andere ja mittlerweile den Markt dafür bereitet, dass sich Champagne-Freakstoff auch verkaufen ließ. 2001 war sein erster Jahrgang, seit 2008 verarbeitet er den größten Teil seines Rebmaterials selbst und hat den Kontrakt mit dem Négo Duval-Leroy nicht mehr erneuert. Fünf Hektar sind es heute, die er bewirtschaftet. Das sind vor allem der Vouette-Weinberg (Kimmeridge-Kalk) in der Nähe des Hauses, Sorbée etwas weiter entfernt (Portland-Kalk) und dann noch ein dritter Teil namens Biaunes (Kimmeridge-Kalk) auf dem Weg nach Ville-sur-Arce.

Ist es nach der ganzen Reise noch etwas Besonderes, dass auch hier mit natürlichen Hefen vergoren wird? Nicht wirklich, auch wenn es für sich genommen in der Champagne eigentlich immer noch außerordentlich ist. Der Ausbau findet im gebrauchten Barrique statt und auch hier wird (natürlich) auf Schönung, Filtration oder gar Kältestabilisierung komplett verzichtet, die Schwefelung ist minimal. Was dabei herauskommt ist Handwerk von seltener Schönheit, das dabei immer kompromisslos eigen und voller Persönlichkeit ist. Ähnlich wie bei Cédric Bouchard oder oft auch bei Dufour, ist das vor allem und zunächst Wein und dann auch Champagne.

Der erste Wein heißt Fidèle Blanc de Noirs, ein Name, der auf seine ersten Versuche, überhaupt Wein zu machen zurückgeführt werden kann. Es ist ein reinsortiger Pinot Noir von den beiden Kimmeridge-Plots, ein Wein, der zu ca. 95% aus einem Jahrgang besteht und einen minimalen Anteil von Reserveweinen aufweist, eine Pinzette voll Reservewein, wie er sagt. Der Wein bietet viel Kraft, viel reife rote Frucht und diese Form von Stein- und Erdegeschmack, wie man ihn fast nur bei biodynamisch erzeugten Gewächsen findet – ein Expressionswunder.

blanc_d'argileFoto  ©: Thomas Iversen, Mad about Wine

Blanc d’Argile stammt aus dem noch jungen, erst 2000 gepflanzten Biaunes-Weingarten. Der Chardonnay ist absolut besonders, hat Gautherot den Hektarertrag doch auf ein Mindestmaß gesenkt (15 bis 20hl). Viele in der Champagne sagen ja, zu geringe Erträge würden den Charakter eines Champagne zerstören, ihn zu fett und wuchtig werden lassen. Beim Blanc d’Argile ist das nicht so. Ja, er ist reif, er ist dicht, er ist voll aber er ist dabei so etwas von ausgewogen und markant, so fruchtig und fast minzig-kräuterig mit großer Länge und Komplexität. Das ist einfach großes Blanc de Blancs Kino in einer Art, wie sie nichts zu tun hat mit den Klassikern von den Côtes de Blancs. Aber es ist großer Stoff!

So ungewöhnlich der Blanc d’Argile ist, so schräg oder eigenwillig ist auch der Saignée de Sorbée. Dieser pure Pinot Noir Rosé ist dicht wie Blut, mit einer Farbe und Frucht, wie sie bei einer Maceration Carbonique entsteht. Der Champagne erinnert an die Rosé von Horiot, Leclapart und Larmandier-Bernier – und ist vielleicht noch ein bisschen abgefahrener. Und, es ist für Gautherot der Top-Wein der Domaine, das sagen nicht gerade viele über ihre Rosé. Hier vermischt sich reifes Lesegut, das Aroma reifer roter Früchte mit Tabak, Pfeffer und Mineralität. Der Wein füllt den Mund, ist dicht und intensiv, dabei auch am Gaumen würzig und tabakig mit viel erdiger Frucht. Toll! Das ist einfach das, was zumindest ich sehr gerne mag.

Urville
Es ist der letzte Anlaufpunkt der lang gewordenen Reise durch die Champagne der Winzer und kleinen Häuser. Es ist ein Besuch und eine Empfehlung, die mich freut, denn mit dem Hause Champagne Drappier stelle ich zum Schluss noch mal ein Haus vor, dass eine lange Tradition hat, für den Bereich Aube ziemlich groß ist, immer sehr sauber gearbeitet hat und in den letzten Jahren sehr viel zum noch Besseren verändert hat. Drappier war übrigens für Charles de Gaulle das, was Pol Roger für Winston Churchill war – die Hausmarke. Drappier war stark daran beteiligt, den früher üblichen Gamay an der Côte des Bar durch Pinot zu ersetzen und das Haus ist bis heute der größte und vielleicht typischste Vertreter dieses Aube-Stils: Pinot-betont, Frucht satt, Champagne für den Magen, nicht für den Intellekt, wie man bei Drappier sagt. Drappier verfügt heute über eigene 54 Hektar, 50 weitere sind gepachtet und von 50 weiteren Hektar wird dazu gekauft. Wobei auch da natürlich auf einen Standard im Weinberg geachtet wird, der selbst gepflegt wird: naturnah ohne Stickstoff und einzig mit einem synthetischen Mittel gegen Mehltau.

M_ADrappier

Michel & André Drappier. Copyright: Champagne Drappier

Drappier ist mit seinen Einstiegsqualitäten so etwas wie der typische Banquet-Champagne für mich. Das Unkomplizierte, das Fruchtige ist immer gut gemacht, nie langweilig. Preislich gesehen ist das dabei immer in einem guten Rahmen. Ich spreche dabei von den beiden Klassikern Brut Carte d’Or und Brut Rosé. Etwas fordernder sind die Brut Nature Champagne, von denen es gleich mehrere gibt und zwar den Brut Nature zéro dosage, Brut Nature Rosé und Brut Nature sans souffre, einem der wenigen Weine, die tatsächlich keinen Schwefel gesehen haben. Ein Experimentierfeld für ein so großes Haus, das aber dazu geführt hat, dass heute alle Champagne aus dem Hause Drappier nur noch sehr behutsam mit gerade einmal 20 Milligramm geschwefelt werden – das ist sehr ungewöhnlich. Auf wirklich hohem Niveau spielen normalerweise die Millésime-Champagne und Grand Sendrée Millésime sowie der Quattuor Blanc de Blancs, wo der Chardonnay von Petit Meslier, Arbanne und Blanc Vrai (Pinot Blanc) begleitet wird.

Champagne-Drappier_01Copyright: Champagne Drappier

Der Besuch bei Champagne Drappier ist auch insofern ein schöner Abschluss, weil er die beiden Welten der Champagne miteinander verbindet. Denn Drappier verbindet wie kaum ein anderes Haus die Tradition der Champagne – sehenswert sind bei einer Führung die Keller, die teils aus dem 12. Jahrhundert sind und schon von den Mönchen der Abtei von Clairvaux genutzt wurden – mit einem gewissen experimentellen Stil und den Besonderheiten, die sonst eigentlich eher die Einzelkämpfer pflegen. Besonders ist dabei auch, dass man bei Drappier die zweite Gärung in allen Flaschenformaten von der 0,375 bis zur 30-Liter-Melchisedek durchlaufen lässt. In vielen anderen Häusern werden lediglich die 0,75er und die Magnums sur latte ausgebaut und dann später auf die anderen Formate umgefüllt. Besonders auch, dass der liquer d’expedition, den man zur Dosage nutzt nicht etwa simpler Zucker oder Most ist sondern in alten Weinen aufgelöst wird und lange, bis zu 25 Jahre gelagert wird. All das, ich sprach es schon mal an, bekommt man für einen fairen Preis, soweit man davon in der Champagne überhaupt reden mag, aber dieses Thema hebe ich mir für den Epilog auf.

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Die bisherigen Artikel:

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 10: Von Vertus nach Montgueux

Teil 9: Côte des Blancs in Vertus

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mesnil-sur-Oger

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 6: Côte des Blancs von Épernay nach Cramant

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

Es folgt der Epilog.


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