originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Die Champagne und das Pariser Becken – ein Blick auf das Wechselspiel von Rebsorten und Böden

05/Mai/15 13:00 kategorisiert in: Champagne, Weinland Frankreich

header_champagne

Klassischerweise steht Champagner für eine Komposition. Diese Komposition oder Cuvée kann mehrere Rebsorten, unterschiedliche Weinberge und auch verschiedene Jahrgänge beinhalten. Der Brut, der heute typischste aller Champagner, hat normalerweise von all dem etwas. Er entsteht aus Trauben, die oft in der gesamten Champagne gelesen wurden und deren Grundweine aus verschiedenen Jahren stammen. Neben solchen breit komponierten Champagnern kann es jedoch auch kleingruppiger werden. Sei es, dass nur eine Rebsorte verwendet wird, sei es, dass der Champagner aus lediglich einem Jahrgang (Millésime) stammt, sei es, dass der Wein aus lediglich einem Ort (Mono-Cru) oder Weinberg (Lieu-dit) kommt. Diese Spezialisierung, die ihren Höhepunkt in einem Champagner findet der aus einem Jahr, von einer Rebsorte und sogar aus lediglich einem Weinberg stammt, findet man zunehmend häufiger. Zwar haben einige renommierte Häuser wie Krug mit dem Clos du Mesnil oder Philipponnat mit dem Clos des Goisses mit einem solchen Triple-Single-Champagner schon vor wenigen Jahrzehnten begonnen, doch sind diese Weine eigentlich das Feld der Winzer. Sie sind in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer stärker diesen zweiten Weg der Champagne gegangen. Dieser verortet den einzelnen Champagner konsequenter, als es eine Cuvée tut.

Aus diesem Grund macht es Sinn, einmal genauer hinzuschauen, wie die oft so hochgelobten und als einzigartig beschriebenen geologischen Voraussetzungen der Champagne sich überhaupt darstellen. Gibt es das besondere Terroir? Und wenn ja, wie sieht es eigentlich aus? Dazu habe ich in der Champagne-Lounge der Prowein 2015 eine Masterclass gehalten und zusammen mit den Anwesenden anhand von zehn unterschiedlichen Winzer-Champagnern einmal auf das Wechselspiel zwischen Boden und Rebsorten in der Champagne geschaut und fasse das im Folgenden etwas ausführlicher zusammen.

Die Sub-Appellationen der Champagne
Ohne Zweifel gehört die Champagne zu den großen Wein-Terroirs, die Frankreich zu bieten hat. Doch besteht die Champagne natürlich längst nicht nur aus Kalk und Kreide, wie es häufig kolportiert wird. Allein die heute gebräuchliche Unterteilung in Sub-Appellationen deutet schon darauf hin, dass wir es mit einem komplexeren Zusammenspiel von Boden und Mikroklima zu tun haben. Wenn man auf die Karte der angebauten Rebsorten schaut, wird auch schnell klar, dass sich bestimmte, fast reinsortige Zonen gebildet haben. Die wahrscheinlich berühmteste davon ist die Côte des Blancs, in der auf oft reinen Kreideböden zu 95 % Chardonnay wächst. Nicht weit davon entfernt aber, im südöstlichen Teil der Montagne de Reims, findet sich ein ähnlicher Boden, auf dem fast ausschließlich Pinot Noir wächst. Entlang des Vallée de la Marne gen Westen wird der Bestand an Pinot Meunier immer dichter, während ganz unten im Südosten des Gebiets der Pinot Noir wieder deutlich die Oberhand hat. Die Sub-Appellationen Montagne de Reims, Vallée de la Marne, Côte des Blancs und Côte des Bar sowie die kleinen Zonen Montgueux, Vitry-le-Francois, Côte de Sézanne oder auch das Massif de Saint-Thierry geben zwar einen Hinweis auf unterschiedliche Stilistik und Voraussetzungen, die wirklich entscheidenden Bruchkanten innerhalb der Champagne jedoch verlaufen teils woanders.

Champagne_Pariser_Becken

Das Pariser Becken
Die Champagne in ihrer heutigen Form ist Teil des Pariser Beckens und somit Teil einer über Millionen Jahre erfolgten Aufschichtung von Sedimenten, die vielfach mit Versteinerungen früher Lebensformen angereichert ist. Diese Sedimentbecken, von denen das Pariser als archetypisch gilt, entstehen, wenn sich rundherum Gebirge auffalten und das Becken organisches Material ansammelt. Im Falle des Pariser Beckens ist es so, dass es sich zum Kanal hin öffnet (auf der anderen Seite des Kanals findet man dann gleiche Kalk- und Kreidevorkommen wie in der Champagne) und auf der abgetrennten südostenglischen Seite fortgeführt wird, während das Massif Armoricain, das Massif Central, der Morvan, die Vogesen, die Ardennen und das rheinische Schiefergebirge die Grenzen bilden. Die tiefsten Schichten der Sedimentbecken liegen 3.000 Meter tief und sind meist die härtesten und am dichtesten zusammengepressten, während die oberen Schichten häufig sandig und schluffig sein können. Im Pariser Becken, dessen tiefste Ausläufer bin an die Obermosel um Perl herum reichen, finden sich mindestens acht Schichten, von denen fünf die Champagne direkt betreffen. Die ältesten Schichten in Luxembourg und Obermosel sind Sandsteinschichten aus dem Trias (245–195 Mio. Jahre), dann folgen die Kalksteinschichten aus dem späten, mittleren und jüngeren Jura (195–135 Mio. Jahre), die von der Mosel bis zum Chablis und Bar-sur-Aube reichen. Die nächste Schicht aus der älteren Kreidezeit (135–96 Mio. Jahre) liegt oberhalb der Côte-des-Bar in jenem Bereich der Champagne, in dem kein Weinbau stattfindet, während die jüngere Kreidezeit (96–65 Mio. Jahre) sich in den Böden von Montgueux über Épernay bis Reims ausdrückt. Westlich von Épernay im Tal der Marne finden sich Ausläufer des Paläozän (65–55 Mio. Jahre), während sich vom Massif-de-Saint-Thierry über die Île de France bis nach Paris die jüngste Schicht, das sogenannte Oligozän (36–24 Mio. Jahre), zieht. Somit befinden sich innerhalb der Champagne fünf Schichten mit vier Bruchkanten, die man in den Böden des Gebietes wiederfindet und zu denen natürlich bestimmte Rebsorten passen, die die Eigenheiten der Böden deutlich widerspiegeln.

Champagne_Bodenschichten

Fünf verschiedene Bruchkanten des Pariser Beckens spielen in der Champagne eine Rolle.

 

Die Champagne des Paleozän am Massif de Saint Thierry
Im nordwestlichsten Teil der Champagne, rund um die Orte Prouilly, Chenay und Merfy und oberhalb des Flusses Vesle, der auch durch Reims fließt, findet sich ein kleiner geologischer Bereich des Sedimentbeckens, der zur zweitjüngsten Schicht, dem Eozän, gehört. Das Eozän entstand zwischen 56 und 34 Mio. Jahren. Der Beginn dieser Zeitspanne ist geprägt durch einen hohen Temperaturanstieg und durch einen damit verbundenen Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre. Es war global so warm, dass die Pole eisfrei waren und es noch eine Landbrücke zwischen Eurasien, Grönland und Nordamerika gab. In dieser Zeit entstand eine große Gruppe an Säugetieren, wie Unpaarhufer, Fledertiere, Nagetiere und Primaten. Entsprechend findet man in dieser Schicht Fossilien von Urpferden, Tapiren, Krokodilen und Riesenlaufvögeln.

Der Kalk liegt hier sehr tief im Untergrund und ist für die Reben kaum erreichbar. Wichtiger ist die Kreide, die an manchen Bruchkanten an die Oberfläche dringt, grundsätzlich aber unter zwei weiteren Schichten liegt. Der Boden hier wird geprägt von Mergel, Ton, Schluff und verschiedene Arten von Kiesel und Sand. Diese obere Schicht sorgt zusammen mit der etwas kühleren Temperatur dafür, dass hier vor allem Meunier angebaut wird und ein wenig Pinot. Stilistisch haben die Weine, die im Prinzip zur Montagne de Reims gehören, nicht viel mit jenen zu tun, die beispielsweise aus Verzy oder gar Bouzy stammen. Die Weine verfügen über deutlich weniger Säure, als es an der Côte des Blancs der Fall ist, sie sind etwas breiter, saftig, manchmal ins Exotische gehend. Dies ließ sich während des Vortrags vor allem in den Weinen von Maxime Blin feststellen. Ich selber empfehle zusätzlich die Weine von Chartogne-Taillet und Francis Boulard & Fille, beide hier ausführlicher erwähnt.

Champagne_Boeden

Die Champagne des Oligozän in der Montagne de Reims und dem Vallée de la Marne
Geologisch gesehen, ist die D951/N51 eine interessante Straße innerhalb der Champagne; denn östlich dieser Straße, die vom Reims nach Épernay führt, ändert sich das geologische Gefüge hin zu deutlich kalkreicheren Böden und entsprechend ändern sich die Pflanzungen von Pinot Meunier zu Pinot Noir. Bleiben wir auf der westlichen Seite der D951/N51, so wird die Montagne de Reims in Orten wie Gueux, Vrigny oder Chamery vor allem durch das Oligozän bestimmt. Dieses definiert den Zeitraum 34 bis 23 Mio. Jahre. In dieser Zeit wurde es wieder deutlicher kühler (zunächst 5°C im Jahresmittel weltweit, später noch deutlich kälter). Die Polkappen begannen zu vereisen und es bildete sich der zirkumpolare Meeresstrom. Das Anwachsen vor allem der polaren Gletscher führte zu einem Absinken der Meere um zunächst ca. 30 m bis später 150 m. Dadurch entstanden diverse neue Landverbindungen und somit konnten auch nach Mitteleuropa neue Tierarten z. B. von Asien aus eindringen.

Auf der bereits erwähnten Ton- und Lehmschicht liegt hier der jüngere Mergel, durchzogen von sogenanntem Mühlstein, einem dichten, teils porösen Stein aus Kalk und Silit, der in Paris gerne zum Bauen verwendet wird.

Aus der gleichen Zeit stammt ein großer Teil der westlich gelegenen Weinberge im Tal der Marne. Zwar hat der Fluss Teile davon weggewaschen, sodass nahe am Wasser Böden der Kreidezeit zu sehen sind, doch wird das gesamte Gebiet durch Lehm, Ton und Sand geprägt. Teils ist der Boden so sandig, dass man dort noch einige nicht veredelte Rebstöcke antrifft, meist aber ist es Lehm, auf dem zu 80 % Pinot Meunier zu finden ist. Apropos Tarlant… Tarlant ist einer der Winzerbetriebe, wo man diese unterschiedlichen Schichtungen sehr genau untersucht hat und auch in den Weinen abbildet.

Champagne_Rebsorten

Exemplarisch: Champagne Tarlant
Die Cuvée Louis ist ein Blend von 50 % Chardonnay und 50 % Pinot Noir, die beide von der Lage „Les Crayons“ in Œuilly stammen. Wie der Name schon sagt, ist dies eine kleine Kreidelage an der Marne. Hier findet sich pure Kreidezeit. Der Vigne d’Antan ist ein reinsortiger Chardonnay von wurzelechten Rebstöcken, die in der Lage Les Sables stehen – ebenfalls in Œuilly. Dies ist Eozän, 45 Mio. Jahre alt und so sandig, dass es kein Problem mit Rebläusen gibt. La Vigne d’Or ist 100 % Pinot Meunier von alten Reben, die in der Lage „Pierre de Bellevue“ in Œuilly stehen, und repräsentiert eine Zeitspanne innerhalb es Eozän, wo sich Kreide in einem Mix mit Tonerde befindet (ausgehendes Paläozän bis Eozän, etwa 56 Mio. Jahre). Schließlich gibt es einen ersten Jahrgang des reinsortigen Pinot Noir La Vigne Royale aus dem Weinberg „Mocque Tonneau“ in Celles-lès-Condé, weiter westlich von Œuilly gelegen und aus hartem Kalkstein geformt.

Tarlant_boeden

Wie sollten diese unterschiedlichen Böden auch nur annähernd einen gleichen Wein hervorbringen? Foto Copyright: Champagne Tarlant

Bei Tarlant findet man also eine ganze Reihe verschiedener Schichten und entsprechend unterschiedlich sind die Weine, die an sich ganz ähnlich ausgebaut werden, wenn auch die drei rebsortenreinen Weine auch Jahrgangschampagner sind, während die Cuvée Louis mit 15% Reserveweinen aufgefüllt wird. Die Weine werden alle im neuen Holz ausgebaut und es gibt niemals biologischen Säureabbau. Die Dosage liegt bei 0 bis 3 Gramm.

Die Cuvée Louis präsentiert sich mineralisch säurebetont und gleichzeitig voll, generös, dunkel, würzig, aber ebenso cremig mit Anklängen an Honig, Haselnuss und kandierte Früchte. La Vigne d’Antan dagegen ist meilenweit von einem Blanc de Blancs entfernt, wie man ihn in kreidebetonten Gegenden findet. Der Wein zeigt sich viel seidiger und statt der Zitrusaromen, die man gerne in den typischen Chardonnays an der Côte des Blancs hat, dominieren hier Akazienblüten und Äpfel. La Vigne d’Or bringt Meunier und den passenden Boden zusammen. Die Säure gibt sich zurückhaltender, dafür erinnert der Wein an exotischen Fruchtsalat mit Mango, Ananas, Litschies und Maracuja. La Vigne Royale schließlich zeigt das Zusammenspiel von Pinot Noir und hartem Kalkstein aus dem jüngeren Jura, wie wir ihn hier eigentlich sonst nur tief im Untergrund finden oder eben an der Oberfläche der Côte des Bars weiter im Südosten. Tarlant ist also ein gutes Beispiel dafür, dass man auch in einer von Mergel, Ton und Meunier geprägten Gegend zwischendrin auch mal die andere Champagne findet.

Eine weitere Besonderheit des Marne-Tals ist übrigens der sogenannte Tuffeau de Damery, benannt nach dem Ort, den man auf der rechten Seite der Marne unweit von Épernay findet. In den höchsten Weinbergen entlang des Flusses findet man eine Bedeckung aus 45 Mio. Jahre altem Tuffstein des Eozän, in dem sich eine enorme Fülle an hervorragend erhaltenen Muschel-Fossilien angesammelt hat.

Die östliche Montagne de Reims und der Übergang vom Eozän zur Kreidezeit
Biegt man unterhalb von Reims, die D951 Richtung Épernay entlangfahrend, bei Villers-Allerand auf die D26 ab, erreicht man schnell die wichtigen Orte dieses Abschnitts der Montagne. Rilly-la-Montagne, Ludes, Verzenay, Verzy sind noch vom Eozän geprägt, doch schimmert hier in den unteren Teilen der Hügel die Kreide immer stärker durch. Fährt man den Bogen weiter, erreicht man Trépail, Ambonnay und Bouzy, wo man, geologisch gesehen, schon fast an der Côte des Blancs angekommen ist. Eigentlich könnten diese Orte schon genauso komplett mit Chardonnay bestockt sein wie Vertus oder Le Mesnil-sur-Oger. Diese Sorte findet man auch in Trépail, doch in Bouzy und Ambonnay wird traditionell schon seit Jahrhunderten Pinot Noir angebaut – und zwar der vielleicht beste der gesamten Champagne.

Die Weinberge der genannten Orte unterscheiden sich dabei von Ort zu Ort, doch für den nördlichen Teil der östlichen Hügel rund um Verzenay – der Ort mit Leuchtturm und Mühle – kann man festhalten, dass sich die an die Hügel geschmiegten Weinbergslagen quer durch Kreidezeit, Paläozän und Eozän bis Oligozän ziehen. Auch wenn die Rebstöcke vor allem im Kreidekalk der Kreidezeit und des Paläozän stehen und nur die oberen Reihen in Ton und Mergel, werden die Lagen doch deutlich von den darüber liegenden Schichten beeinflusst, denn Silit, mit Fossilien angereicherter Mergel, Sand, Ton und der ganz oben liegende, metallreiche Ton sind mit mineralreicher Braunkohle durchmischt. Die cendres oder terre noire reichern seit Jahrhunderten die darunterliegenden Weinberge an.

verzyVerzy, wo der Teil mit Baumbestand verdeckte obere Teil der Hügel den unteren Teil mit speziellen Mineralen versorgt.

Wenn man nach typischen Weinen für diesen kleinen Bereich sucht, dann sollte man zum Beispiel bei François Secondé in Sillery vorbeischauen, das zugegebenermaßen nicht direkt an der D26 liegt, sondern an der größeren E50, der Autouroute de l’Est. Sillery war neben Aÿ lange der berühmteste Weinort rund um Reims und es gab bis ins 19. Jahrhundert Etiketten, die nicht mit Champagne, sondern mit Sillery Mousseux gelabelt waren. Bei Secondé lohnt es sich, den Blanc de Noirs La Loge zu probieren, denn es ist ein reinsortiger Pinot Noir aus Sillery aus fünfzig Jahre alten Reben, der in einer Solera ausgebaut wird. Eine weitere Empfehlung wäre die noch junge Unternehmung Penet-Chardonnet. Alexandre Penet hat 2009 seinen ersten Jahrgang gemacht, ist aber ein versierter Weinmacher mit einer klaren, terroirbetonten Ausrichtung. Die Familie, die es bereits seit 400 Jahren in Verzy gibt, hat 40 Parzellen in Verzy und dem benachbarten Verzenay. Die Champagner bilden sehr klar die Bodenstrukturen mit ihrem hohen Maß an mineralischem Gehalt ab.

Die obere Kreide: Von Ambonnay und Bouzy über die Côte des Blancs bis nach Montgueux
Je weiter man von Ambonnay und Bouzy über Aÿ und Épernay an die eigentliche Côte des Blancs kommt, desto dünner wird die Auflage auf der Kreide des Campaniums (84 bis 72 Mio. Jahre). In den oberen Teilen der Hügel findet man zusätzlich Tertiär-Kalkstein mit hohem Tonanteil. Der Boden, den man hier in teils reiner Form bis zur Oberfläche findet (vor allem in Le Mesnil) und der dort oft nur von etwas Staub oder einer dünnen Grasnarbe bedeckt ist, bildet die Seele des Gebietes. Er besteht aus den Überresten unzähliger kalkhaltiger Algen und den brüchigen Schalen kleinster Meereslebewesen, die in riesigen Mengen die Urzeitmeere der Kreidezeit bevölkerten und, wenn sie starben, wie Pulverschnee hinabsanken – und das für Millionen von Jahren. Heute bildet die Schicht einen basischen Schwamm, der jeden Tropfen Wasser aufsaugt, an dem sich dann die Rebe bedienen kann. Das kommt den Reben sehr zugute, denn der Niederschlag in diesem Gebiet ist mit 660 mm im Jahresmittel nicht besonders hoch.

Fährt man von Verzy über Trepail nach Bouzy, dann merkt man, dass es in den Weinbergslagen wärmer wird, was nicht zuletzt daran liegt, dass die besten eine klare Südausrichtung haben. Bouzy und Ambonnay sind nicht nur bekannt für Champagner, sondern auch für stillen Pinot, sogenannten Coteaux Champenois. In Ambonnay kommt die Kreide schon bis an die Oberfläche durch und liegt in dichten Schichten unter den Weinbergen – Les Crayères, der vielleicht bekannteste Lieu-dit führt diesen Boden schon im Namen. Die Pinots aus diesen Orten bilden entsprechend der Bodenstruktur eine rotes Pendant zu den Chardonnays von der Côte des Blancs, sie sind üppig und sinnlich und dabei von einer enorm rassigen und mineralischen Säure getragen. Es ist kein Wunder, dass Krug sich als Pendant zum Clos de Mesnil für einen kleinen alten Weinberg ausgerechnet in Ambonnay entschieden hat, um neben reinsortigem Jahrgangs-Einzellagen-Chardonnay das Gleiche auch in einer Pinot-Noir-Variante anzubieten.

Empfehlungen für diese Orte sind ganz klar Paul Bara, Benoît Lahaye und Pierre Paillard für Bouzy und Egly-Ouriet, Éric Rodez und Marie-Noëlle Ledru für Ambonnay.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

Die Côte des Blancs unterhalb der Marne, von Épernay kommend, beginnt mit Cuis, Cramant und Chouilly und schon hier wird klar, dass die Hügel etwas steiler sind. Vor allem Cramant beeindruckt mit einem Amphitheater von östlicher über südöstlicher bis südlicher Ausrichtung. Hier gibt es noch eine bemerkenswerte Lehm-Kalkstein-Lage aus dem Tertiär, die über der Oberkreide liegt und die man auch noch in Avize findet. Die reinste Form an Côte-des-Blancs-Champagner findet man vielleicht in Le Mesnil sur Oger, und zwar vor allem in den nach Vertus hin liegenden Lagen wie Mouli-à-Vent, Musettes, Champs Alouette oder Rougemonts oder Les Chétillons, die zur Bodenstruktur noch das Glück haben, in südlicher Ausrichtung viel Sonne einzufangen. Daran schließen sich einige Weinberge von Vertus an. In der größten Gemeinde an der Côte des Blancs gibt es allerdings einen Bruch, sodass die Weinberge Richtung Mont Aimé und Côte de Sézanne fetter werden und langsam die nächste Bruchkante spürbar wird. Eine Ausnahme im Meer der Zuckerrüben, das sich an die Côte de Sézanne anschließt, ist Montgueux bei Troyes, wo sich ein Hügel erhebt, der feinste Belemnit-Kreide aufweist und wiederum on top of the hill über tertiäre Schichten verfügt, die seit langer Zeit die darunterliegenden Hänge mit Mineralien versorgt.

Es gibt in diesem Bereich so viele Weinempfehlungen, dass es schwierig ist, einzelne herauszupicken. Leicht fällt es für Montgueux, da bildet Lassaigne das Terroir hervorragend ab, an der Côte de Sézanne ist es Ulysse Collin, in Vertus präferiere ich Pascal Douquet, Larmandier-Bernier und Veuve Fourny, in Mesnil ist es (bezahlbar) Pierre Péters, in Avize Agrapart, in Cramant sind es Diebolt-Vallois und Suenen, in Chouilly Legras und Vazart-Conquart und in Cuis ist es Pierre Gimmonet. Aber bitte, viel genauer habe ich es hier und hier beschrieben.

Champagne_bodenschichten_und_rebsorten

Die untere Kreide: Kein Weinbau möglich
Das Gebiet der unteren Kreidezeit-Schicht, die sich zwischen 135 und 96 Mio. Jahren gebildet hat, ist keines, wo Weinbau sinnvoll möglich wäre. Die Böden sind eher die einer Börde, sind eher fett und geeignet für den Anbau von Weizen und vor allem Zuckerrüben.

Die Côtes des Bar, das Chablis und das obere Jura
Die älteste Schicht des Pariser Beckens, die für die Champagne eine Rolle spielt, ist die des oberen Jura. Sie ist schmal und beeinflusst sowohl die Côte des Bars als auch das Chablis (und übrigens auch wesentlich Sancerre und Pouilly). Entstanden ist sie zwischen 140 und 157 Mio. Jahren und setzt sich zusammen aus Tithonium (Portlandian), Kimmeridge und Oxfordium. Der Name Jura wurde von Alexander von Humboldt bezüglich der Gesteinsschichten des Juragebirges eingeführt. Die wichtigsten Fossilien aus dieser Zeit sind die Ammoniten und Belemniten, die beide entfernte Verwandte der Tintenfische sind. Das Jura war gleichzeitig die erste Hochphase der Dinosaurier. Das Klima war warm und zu Beginn des Jura war der Vorläufer von Europa mit Wasser bedeckt. Zum Ende, im oberen Jura dann, hatten sich Teile der Landmassen schon erhoben. Die Bodenschichten des Oberen Jura kann man in Reinform auch im süddeutschen Solnhofen bewundern, wo man in den Plattenkalken unter anderem Exemplare des Archaeopteryx gefunden hat.

Entscheidend für den Weinbau an der Aube ist aber nicht die obere Schicht des Oberen Jura, das Tithonium oder Portlandium, benannt nach der englischen Isle of Portland. Es ist der Kalkmergel, der ebenfalls nach einem englischen Ort benannt wurde: Kimmeridge. Er ist Teil der Jura-Küste im Süden Englands und er prägt die Weinberge des Chablis wie auch die von Sancerre und Pouilly-Fumé.

Auf diesem Kalkgestein, das weniger hart ist als der Portlandstein, liefern Chardonnay und vor allem Pinot einen höchst lebendigen, ja oft duftigen und frischen Wein mit feinem Nussgeschmack, der sich deutlich von Pinots der Montagne oder gar dem Tal der Marne unterscheidet. Die Säurestruktur ist eine ganz andere, weil der Boden weniger basisch ist als die reine Kreide. Natürlich ist auch der Wasserhaushalt ein ganz anderer und zum Schluss auch die mineralische Komponente der Böden. Die Weine gehören, geologisch gesehen, viel eher zur Bourgogne als zur klassischen Champagne und waren deshalb dort auch weniger beliebt. 1908 schließlich hat man die Aube-Winzer aus der Champagne herausgedrängt, musste sie aber 1911 nach heftigen Protesten wieder aufnehmen. Grand-Cru-Status gibt es dort allerdings nicht und auch heute noch sind die Winzer benachteiligt, denn sie bekommen deutlich weniger Geld für ihre Trauben. Glücklicherweise hat sich das Preisniveau insgesamt in den letzten beiden Jahrzehnten auf einem so hohen Niveau etabliert, dass auch diese Winzer davon gut leben können. Die Weinberge an der Aube sind heute vor allem die Spielwiese der Winzer und wer Weine weit abseits des Mainstreams sucht, ist hier wunderbar aufgehoben. Auf dem Kalksteinboden fühlen sich vor allem die Winzer wohl, die eigentlich mehr in Richtung Bourgogne schielen statt nach Épernay oder Reims. Olivier Horiot ist so einer. Er hat seine Weinberge in Les Riceys, einer großen, aus drei Orten bestehenden Gemeinde, die seit langer Zeit bekannt ist für ihre stillen Rosé-Weine aus Pinot, von denen er einen der besten macht. Auch seinem Champagner merkt man den besonderen reichen Bodentypus an, der sehr fruchtigen Pinot bei zurückhaltender Säure hervorbringt. Es ist auch kein Wunder, dass man hier an der Aube ab und zu über einen reinsortigen Pinot-Blanc-Champagner stolpert – diese Rebsorte fühlt sich auf den Kalkböden (eigentlich mit Kreide durchsetzte Mergel- und Kalkböden) wohler als auf reiner Kreide. Der Chardonnay ähnelt hier mehr den Weinen aus dem Chablis als denen der Côte des Blancs.

Das einzige größere Haus, das an der Côte des Bar beheimatet ist, ist Drappier. Es hat sich in den letzten Jahren immer mehr den Winzern angeschlossen und ist höchst experimentierfreudig. Winzer sind hier in großer Vielzahl zu empfehlen und ich verweise entsprechend auf diesen und diesen Artikel.

 

Auswirkungen des Klimas
Nicht vergessen werden sollte das Klima der Region, das sich in mindestens ebenso viele Mikroklimata auffächert, wie es besondere geologische Formationen gibt. Dass das Gebiet das nördlichste und gleichzeitig kühlste Weinbaugebiet Frankreichs ist, ist bekannt. Der Weinbau an 49° nördlicher Breite führt zu einem langsameren Vegetationsverlauf, der dazu führt, das die Rebsorten Pinot Noir, Meunier und Chardonnay selten üppig reif werden, sondern eher höhere Säure- als Zuckergrade aufweisen. Dieser Umstand ist für die Erzeugung von Champagner natürlich genauso wichtig wie die Bodenbeschaffenheit. Das Gebiet unterliegt, auch wenn es 200 Kilometer von der Küste entfernt ist, sowohl atlantischen Einflüssen als auch kontinentalen. Auch wenn der Atlantik also mäßigend einwirkt, sorgt das kontinentale Klima für kalte Winter und gemäßigte Wärme im Sommer. In Reims steht die Sonne am längsten Tag des Jahres im Zenit bei nur 65°, was relativ flach ist, sodass man davon ausgehen muss, dass jeder Sonnenstrahl zählt. Wirklich bemerkenswert ist deshalb, dass gerade in der Montagne de Reims viele Weinberge nördlich ausgerichtet sind und der Hangwinkel meist ziemlich flach ist. Um dem kühlen Klima zu trotzen, hat man früher wohl deutlich dichter gepflanzt, als es heute üblich ist. Und es ist gut möglich, dass einer der Gründe für die Tradition der Cuvée aus unterschiedlichen Lagen der ist, dass man so ein gewisses Qualitätsmittel erreicht hat. Auch die übliche Vermischung von Jahrgängen hilft natürlich, eine konstante Qualität zu erreichen, denn gerade in den Zeiten, in denen es noch keinerlei Kellertechnik gab, war die Qualität der Jahrgänge äußerst inhomogen. Beide Besonderheiten, die es in der Champagne bezüglich der Cuvée bzw. des Blendings gibt, dürften also ursächlich ihren Grund in den besonderen Herausforderungen des vor allem kontinental geprägten, kühlen Klimas haben.

2969049257_0ab68cffb4_zCopyright: Champagne Tarlant

Fazit
Es ist noch gar nicht so lange her, da hat man, wenn man über die Champagne nachgedacht hat, selten über das Terroir reflektiert. Champagne, das ist die Kunst der Cuvée, da ist das spezifische Terroir nicht so entscheidend, könnte man meinen. Für den Konsumenten war und ist das auch so, wenn er zum Standard-Brut greift, jener Melange aus unterschiedlichen Gebieten, Jahrgängen und Rebsorten. Der Kellermeister aber hat sich natürlich von Anfang an Gedanken über das Terroir, jene Verbindung von Boden, Mikroklima und seiner eigenen handwerklichen Leistung Gedanken gemacht. Ohne diese Gedanken, ohne dieses Wissen käme ein Brut oder eine andere Cuvée, die ja einen bestimmten Stil repräsentieren soll, gar nicht zustande. Das Wissen um die unterschiedlichen Einflüsse des Bodens und des Mikroklimas auf den Wein, die Art, wie die einzelnen Rebsorten auf Boden und Klima reagieren, ist essentiell für das Verständnis eines Champagners – zumindest für den, der ihn macht. Für uns wird es jedenfalls interessanter, wenn wir uns mit sogenanntem Winzer-Champagner beschäftigen. Er bietet einem das, was man sonst nur erfahren konnte, wenn man vor Ort die Möglichkeit hatte, Grundweine der einzelnen Lagen zu probieren. Die Winzer bauen diese Lagen immer häufiger sortenrein, jahrgangsrein und lagenrein aus. Daher haben wir heute immer öfter die Chance, über dem fertigen Wein die spezifische Herkunft zu entdecken – so wie wir es vom Burgund her kennen, von der Mosel oder vielen anderen Anbaugebieten, wo wir ganz selbstverständlich vom Terroir sprechen. Und so kann man in einem Vergleich unschwer entdecken, dass ein Blanc de Blancs aus der Montagne de Reims und dem Vallée de la Marne, wo die oben genannten Bodenschichten über lange Zeit auf die Kreideschichten eingewirkt haben, sich ganz anders präsentiert als einer von der Côte des Blancs. Man nehme nur mal einen Blanc de Blancs von Ruinart, einer der bekannten Marken der Champagne, der, ganz untypisch, auf Chardonnay aus der Montagne setzt. Dieser Wein präsentiert sich voluminöser und offener, ja generöser und fruchtiger als die puren, in ihrer Jugend ernsten, immer höchst mineralischen Weine der Côte des Blancs. Völlig unterschiedlich präsentieren sich Pinot Noirs aus Ambonnay oder Bouzy gegenüber Pinots von der Côte des Bar, deren Kalkstein-Untergrund nur noch wenig mit dem Kreideuntergrund von Ambonnay zu tun hat. An sogenannten Monocru-Champagnern, die aus Lagen eines Ortes vinifiziert wurden, wird dies deutlich.

So kann man heute von zwei Wegen sprechen, auf denen sich die Produzenten der Champagne bewegen. Es ist der Weg der Cuvée und der Weg der Individualisierung. Beide Produzentengruppen, die großen Häuser wie die Winzer, gehen meist beide Wege, wobei die Häuser generell für die Kunst des Blendings stehen, während die Winzer sich durch die Kunst des Vinifizierens von Einzellagen hervortun. So unterschiedlich die Wege sind, so klar ist doch, dass beide auf ihre Weise Ausdruck des Terroirs der Champagne sind, den man in einer eher allgemeinen, doch nicht zu verwechselnden Art beispielsweise in einem Dom Pérignon ebenso findet oder ihn – ganz anders – in La Bolorée von Cédric Bouchard entdecken kann.

 

P.S.:

Die drei vorherrschenden Kalksteine in der Champagne

Kalkstein > besteht überwiegend aus Calcit und Aragonit, die wiederum Kristallisationsformen von Calciumcarbonat darstellen. Meist stark verfestigt.

Mergel > Kalkstein mit einem hohen Anteil von Tonmineralen

Kreide > mürber Kalkstein, feine, mikrokristalline Sedimente, entstanden durch Ablagerung fossiler Kleinstlebewesen

 

Weiterführende Literatur:

James E. Wilson Terroir – Schlüssel zum Wein, Hallwag, Ostfildern 2000

Jacques Fanet, Great Wine Terroirs, University of California Press 2004

Charles Frankel, Land and Wine: The French Terroir, University of Chicago Press 2014

 

Weiterführende Artikel hier im Blog aus der Serie, die Champagne der Winzer und unabhängigen Häuser:

Teil 1: Prolog – Auf der Suche nach einem Mythos

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 6: Côte des Blancs von Épernay nach Cramant

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mesnil-sur-Oger

Teil 9: Côte des Blancs in Vertus

Teil 10: Von Vertus nach Montgueux

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 12: Côte des Bar von Courteron nach Urville

Teil 13: Epilog

Maskow, Neumann, Raffelt talk about Champagne at Prowein

11/Mrz/15 12:53 kategorisiert in: Champagne

Vom 15.-17.03.2015 ist Prowein in Düsseldorf und an allen drei Tagen gibt es eine Champagne Lounge. Sie befindet sich in Halle 12 D 10 und stellt in einem entspannten Ambiente das Know-How von “Maisons de Champagne” vor. Es gibt dort eine Champagner-Bar und Ausstellerstände und – und jetzt komme ich ins spiel – es wird dort ein Rahmenprogramm geben.

drappier_rose1

Am Sonntag leitet der Champagne-Meister aller Klassen Boris Maskow von 14h bis 15.30h eine geführte Verkostung zum Thema "Norden und Süden der Champagne – Champagnerregionen im Vergleich".

Am Montag spricht die Champagner-Charakterfrau Nicola Neumann von 15h bis 17.30h über die richtige Champagnerauswahl für das Restaurant und den Weinhandel anhand von Beispiel-Champagnern.

Am Dienstag leite ich um 12h eine geführte Verkostung zum Thema "Das Terroir der Champagne – weit mehr als Kalk und Kreide ", wo es um Wechselspiele zwischen Rebsorten und Terroir geht.

Nach Bedarf wird das Rahmenprogramm in englischer Sprache stattfinden. Weitere Infos gibt es hier. Kommt zahlreich, es ist das erste Mal, dass wir die Champagne Lounge so begleiten und die Termine haben nicht mehr Einzug gefunden in den großen Veranstaltungskatalog.

 

 

2004 – zehn Jahre später: Schaumweine, Rieslinge und Barolo

Die Vorbereitung und Gestaltung eines Weinabends mit Freunden gehört zu den schönsten Dingen, denen man sich als Weinliebhaber widmen kann. Das wird noch schöner, wenn man es zu zweit macht, denn dann kann man so nerdig sein wie man will, man findet immer Verständnis und muss es nicht an der Familie auslassen, die einen sowieso schon für völlig verrückt hält. So ein Weinabend ist schließlich nicht mal eben so vorbereitet, da kann man sich Tage, was sag ich, Wochen mit beschäftigen, ohne dass es langweilig werden würde.

So hatte ich schon vor Monaten das Gefühl, dass der Advent die richtige Zeit wäre, um mal wieder einen solchen Abend zu gestalten und Wein und korrespondierende Speisen auf den Tisch zu stellen. Ich wusste, dass ich gerne mal einen Abend mit zehn Jahre alten Weinen machen würde um zu sehen, wo die in den unterschiedlichen Regionen gerade so stehen, wie sie sich präsentieren. Also habe ich mich mit meinem Freund B. besprochen und wir haben die Sache in Angriff genommen. Schnell war klar, dass es Riesling geben würde und Bordeaux. Barolo war mit im Spiel, Brunello, Roussillon, Nord- und Südrhône. Viel zu viel natürlich und wir haben dann irgendwann eine geographische Linie in Form eines Breitengrads gezogen, so dass es über Bordeaux, Nord-Rhône und Barolo nicht hinausging. Es sollte also ein eher nördlich geprägter Weinabend werden mit einer deutlichen, auch der Jahreszeit entsprechenden Hinwendung zu roten Weinen.

Nachdem irgendwann die Reihenfolge stand: Schaumweine, Riesling auf Großem-Gewächs-Niveau, Barolo, Cornas, Bordeaux und Reparatur-Spätlese, war das begleitende Essen die entscheidende Frage (im Restaurant ist es natürlich anders herum, da sollen die Weine die Speisen begleiten aber bei Wein-Nerds sollen die Speisen die Weine unterstützen). Neben der stimmigen Kombination war mir wichtig, vor allem am Abend selbst nicht gehetzt in der Küche zu stehen und deshalb mussten die Speisen einfach aber raffiniert bzw. gut vorbereitbar sein. Wenn nun der Freund nicht nur einen bemerkenswerten Weinkeller besitzt sondern auch noch eine kleine Herde Galloways und Nachbarn mit eigener Jagd, dann ist schnell klar, auf was die Speisenfolge hinausläuft.

 

Wegeler Erben Geheimrat »J« Rheingau Riesling Sekt Brut, Olivier Horiot Sève »En Barmont« Blanc de Noirs, Jacquesson Avize Champ Caën Blanc de Blancs
Ursprünglich sollte es ein Schaumwein, genauer gesagt, der Sève Blanc de Noirs von Olivier Horiot sein, doch dann meinte B., er habe noch eine Jacquesson Einzellage Blanc de Blancs und schließlich hatte ich mitbekommen, dass man bei Wegeler den Geheimrat »J« brut frisch degorgiert hatte. So wurde dann aus einem Entrée ein vollständiger Dreier-Flight mit begleitendem Gang. Es gab die Wein in jedem Flight zunächst blind, dann haben wir dazu irgendwann die Speisen gereicht und irgendwann wurde aufgedeckt. So kann man sich zunächst ganz auf die Weine konzentrieren, dann auf die Veränderungen am Gaumen, wenn das Essen dazu kommt und schließlich, wenn die Weine aufgedeckt werden, das plötzlich erweiterte Wissen mit der eigenen Meinung abgleichen, die man hatte, bevor der Name ins Spiel kam.

Schaum_Lachs

Der Geheimrat »J« ist eine klassische, ja alterwürdige Riesling-Marke, bei der nicht die Lage (wie sonst üblich bei dem Niveau) auf dem Etikett steht, sondern der Markenname für Qualität bürgen soll. Ungefähr 15 verschiedene Erste-Gewächs-Lagen des Rheingaus finden sich in diesem Wein, den es als Stillwein schon lange gibt, als Sekt seit 1987. Ein größerer Teil der Trauben dieses Brut haben Auslese-Charakter und das merkt man im Duft direkt. Reifer Riesling strömt aus dem Glas, reifes Kernobst, Steinobst, leichtes Petrol, Hefe, Vanille, alles üppig und dicht. Ich denke, jeder von uns hatte bei dieser ausgeprägt üppigen Nase etwas Bedenken, dass das am Gaumen etwas zu viel sein könnte – eventuell am oberen Brut-Süße-Bereich. Doch diese Befürchtungen zerstreuten sich mit dem ersten Schluck. Der Wein ist saftig, reif, aber ganz klar strukturiert, trocken, deutlich mineralisch, kraftvoll und lang. Er steht neben den beiden dann folgenden Champagnern mit einer ganz deutlich eigenen Prägung, hier will man gar nicht mit Champagner vergleichen, das ist versekteter Riesling auf hohem Niveau (auch preislich, die Flasche kostet ab Weingut €57,-).

Von allen Flights, ist das der, der letztlich in sich am wenigsten zusammenpasst. Das ist zwar alles 2004 und alles Schaum, doch eben sehr unterschiedlich. Das gilt auch für das Degorgierdatum, das erfreulicher Weise bei allem Weinen aufgedruckt ist. Der Geheimrat frisch degorgiert, der Jacquesson später auch (ende 2013), der Sève En Baramont von Olivier Horiot dagegen liegt schon Jahre im Keller und wurde bereits 2009 verkorkt. Das merkt man ihm allerdings nicht an. Frisch steht der Champagner von der Côtes des Bars da, reinsortig aus Pinot gekeltert, aus der Einzellage en Baramont. Über Olivier Horiot und der speziellen Herkunft habe ich hier schon geschrieben, das führe ich an dieser Stelle nicht weiter aus. In der Nase gefällt mir der Wein zunächst am besten und auch das Mundgefühl ist besonders. Hier verbinden sich viele Kräuter, frisch und trocken mit Kalk, die Hefenoten tauchen nur entfernt auf und auch die Frucht spielt sich unterstützend im Hintergrund ab – bis auf einige Zitronenzesten direkt im Vordergrund. Horiot, der Mann, der eigentlich lieber Stillweinemacht, hat den Grundwein im Barrique fermentieren lassen und dort hat auch die malolaktische Gärung stattgefunden. Nach Holz schmeckt das hier alles trotzdem nicht – zum Glück. Es schmeckt eher klar und präzise mit leichtem Wachs und tonischen Noten, durch die die Kräuter, vor allem Rosmarin, immer stärker durchschlagen. Der Non-Dosé-Wein ist ein leiser Star, der erst später vom Jacquesson überholt wird. Man sollte dabei übrigens nicht vergessen, dass es Olivier Horiots erste Jahrgang war(!) – und schon allein dafür gebührt dem sympathischen Franzosen ein Chapeau!

Als dritten im Mund öffneten wir Jacquessons Champ Caïn aus Avize. Dieser Wein ist eigentlich für die Kraft, die er hat, zu früh geöffnet. Ihm zu Gefallen haben wir alle drei Schaumweine kurz vorher vorsichtig karaffiert, doch hätte man dies durchaus, zumindest für den Champ Caïn schon etwas früher in Angriff nehmen können. So brauchte er Zeit (die er bekam) und gewann deutlich mit dem Lachscarpaccio vom wilden, irischen Lachs, der, nur mit Fleur des Sel und rotem Kampot-Pfeffer gewürzt und mit einem sehr guten, mit Amalfi-Zitronen aromatisierten Olivenöl bestrichen für 30, 40 Sekunden bei 200°C Grad im Ofen erwärmt wurde (Beilage, Rauken etc. mit dem selben Öl, Salz, Pfeffer und einem weißen Balsamico). Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel harmonischer ein zunächst zickiger Wein mit dem richtigen Essen werden kann hier. Hier ist es das Fette im Fisch, das vor allem den Jacquesson geöffnet hat. Irgendwann dann offenbart sich die ganze Kraft und Klasse dieses Chardonnay. Enorme Kraft, die Mineralität, Salzigkeit und auch das Basische des Kreidebodens schlägt voll durch. Gerade einmal 3.000 Flaschen werden von diesem Jahrgangs-Lieut-Dit gefertigt, das Kristalline und Komromisslose kommt mit etwas Wärme und Luft immer besser zur Geltung. Großer Stoff, natürlich ebenfalls ohne Dosage und im großen Holz ausgebaut. Champagner, der jetzt vielleicht überhaupt erst am Anfang seiner Trinkreife steht und den es auch erst seit kurzer Zeit auf dem Markt gibt, in der Weinhalle beispielsweise. Mehr zu Jacquesson gibt es hier.

 

Clemens Busch Pünderlicher Marienburg Riesling Spätlese ***, Robert Weil Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs, Steffen Christmann Königsbacher Idig Großes Gewächs
Es war, ganz ohne Frage, zusammen mit den später folgenden Weinen aus dem Cornas, der schönste Flight des Abends. Hier trafen drei Rieslinge aus der Großes-Gewächs-Klasse (Busch war zu diesem Zeitpunkt noch nicht im VDP aber Riesling *** ist das stimmige Pendant) aus drei unterschliedlichen Anbaugebieten aufeinander. Ursprünglich hatte ich den Schlossberg Grand Cru von Albert Mann mit im Rennen schicken wollen, doch letztlich wollte ich es dann doch, der Stimmigkeit wegen, bei drei deutschen Weinen belassen. Clemens Buschs Hauslage präsentierte sich, wie die beiden anderen Weine auch, ganz herkunftstypisch, wobei Pünderich eben noch mit zur so genannten Terrassenmosel gehört, mit Weinen, die gerade auch im trockenen Bereich punkten und viel Kraft bergen. Der 2004er war am weitesten von den dreien und ungemein attraktiv. Er hat, auch das letztlich zur Mosel passend, eine ganz leichte Restsüße hinten raus und die verbindet sich in diesem gereiften Stadium mit den vielen Noten vom reifen und mürben Kernobst, mit dem fast kandiert wirkendenden Steinobst und passt wunderbar zur deutlichen Honignote in der Nase, die den Duft frischer Bienenwaben mit einem Hauch Wachs kombiniert. Hier stimmt für diesen Stil alles, der Wein hat genau den richtigen Säuregehalt für die ganz leichte Süße, und schmeckt wachsig weich, während sich unter das Obst Grapefruit und Gewürze mischen.

Terrine_Riesling

Der Riesling aus dem Kiedricher Gräfenberg hatte ich am Vorabend des Vinocamps im Keller bei Wilhelm Wein probiert und mir wäre damals fast der Kit aus der Brille gefallen, so gelungen war. Die zweite Flasche im Weingut dagegen war damals (Flaschenvarianzen) deutlich weniger gut während diese hier am Samstagabend wieder viel von der Größe hatte, von der ich so begeistert war. Interessanterweise ist mir am Samstag die leichte und ungemein attraktive Holznote, die den Wein im Weingut geprägt hatte, nicht so aufgefallen. Weil hatte damals eine Reihe neuer Stockinger-Fässer erhalten, die ihren Fingerabdruck im Wein hinterlassen haben. von den drei Weinen im Flight wirkte der Weilsche Wein am jüngsten. Herrlich saftig, dabei klar und präzise, bei aller Kraft bleibt der Wein schlank, vor allem im Gegensatz zum deutlich üppigeren Idig. In der Nase das leichte Rheingaupetrol, Traubennoten und etwas Steinfrucht, am Gaumen einfach total präsent mit viel Biss. Das war ein großer trockener Rheingauriesling von einer Komplexität, Kraft und Präzision, wie man sie selten findet, dabei so vibrierend und klar, einfach umwerfend attraktiv.

Christmanns Idig wirkt neben dem Rheingau fast barock, viel cremiger, viel üppiger mit hochreifer Steinobstnase, leicht botrytisch angehaucht, stoffig ohne Ende. Am Gaumen ist der Wein weicher als die vorherigen, leicht wachsig wie der Wein von Busch, auch am Gaumen dies Cremige, was man schon in der Nase vermutet. Eigentlich ist das der genau passende Riesling für die Jahreszeit und es zeigt sich dann, dass er genau zum jahreszeitlichen Essen passt, denn keiner geht eine so schöne Alliance mit der Fasanenterrine samt Apfelbrunoise ein, wie der Idig. Zum Steinobst gesellen sich hier ein Hauch Maracuja, Mango und Pomelo, das Steinig-Mineralische legt sich fast wie Puder über die Frucht, die feine Säure balanciert die Opulenz und bändigt sie, damit der Wein nicht breit wird.

Drei trockene Rieslinge, zehn Jahre alt, sechs Stunden vorher doppelt dekantiert auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft (ok, der Gräfenberg mag sich noch weiter zu seinem Vorteil entwickeln, aber die anderen beiden sind jetzt genau richtig zu öffnen, würde ich behaupten) – das ist ein sehr befriedigendes Erlebnis. Die erste Terrine meines Lebens habe ich neben dem Fleisch von vier frischen Fasanen mit fettem Schweinebauch und etwas Gänseleberpaté gefüllt, sowie mit Waldpilzen und Berberitzen.

 

Mauro Veglio Barolo Casteletto, Ascheri Barolo Vigna dei Pola, Bartolo Mascarello Barolo
Ich muss ja zugeben, dass ich kein besonderer Barolo-Experte bin. Man kann auch nicht für alles Experte sein und irgendwie habe ich mich auf diese Region nie eingelassen. Dafür gibt es ein paar wenige Freunde, aus deren Kellern ich schon den ein oder anderen gereiften Wein großer Namen probieren konnte – und natürlich immer wieder begeistert bin. Nur selbst habe ich nichts, bis auf zwei Flaschen. Die Flaschen von Mauro Veglio und Aschieri befinden sich denn auch eher durch Zufall im Keller, weil sie zusammen mit einem Barbaresco mal in einem Weinplus-Verkostungspaket lagen. Doch genau für einen solchen Abend habe ich sie zur Seite gelegt und ergänzt wurden sie durch einen großen Namen, durch den Wein eines Kauzes, eines unabhängigen Winzers namens Bartolo Mascarello, der allerdings schon vor einigen Jahren gestorben ist. Dies ist unter Strick der Flight, auf den wir auch hätten verzichten können, denn zehn Jahre Reife sind für Barolo einfach zu wenig. Erst das Consommé vom Fasan samt Frittaten hat mit seinem Umami die teils noch groben Gerbstoffe deutlich gerundet. Die Weine sind, wie bei Barolo üblich, nicht von Frucht geprägt sondern mehr von Leder, Waldboden, Pilzen usw.

Mauro Veglios Casteletto stammt aus Montforte, ist dunkel, dunkler als die anderen beiden Weine, aber am offensten und auch mit der deutlichsten Frucht. Er hat erfreulich wenig offensichtliches Holz. Neben den schon angesprochenen Aromen finden sich getrocknete Kräuter, dunkle Kirschen und dunkel aromatische Gewürze. Insgesamt eine ganze erfreuliche Flasche.

Barolo_consomme

Im Gegensatz dazu hatte ich beim Öffnen des Vigna dei Pola von Ascheri am Mittag das Gefühl, der Wein könne untrinkbar sein aufgrund höchst bitterer Tannine. Das hat sich dann bis zum Abend noch etwas gelegt, das Consommé tat sein Übriges aber eigentlich war der Wein ein fail, mittelmäßig, rustikal, ja ausgezehrt mit einem rostigen Nagel in einem See von Bitterkeit.

Bartolo Mascarello war eine Legende des Gebiets. Ein Verfechter der alten Schule des Barolo, ein Kämpfer für das Wahre und Gute, der gegen das Barrique genauso angekämpft hat wie gegen Berlusconi und der von 1990 an bis zu seinem Tod nicht mehr persönlich ans Telefon gegangen ist. Gestorben ist er 2005, dieser Wein hier ist von 2004, dürfte aber schon im Wesentlichen von seiner Tochter Teresa gemacht worden sein. Der Nebbiolo hat nach einer langen Mazeration (ca. 30 Tage in Zementtanks) zwei Jahre in mittelgroßen, alten Fässern aus slowenischer Eiche gelegen bevor er dann auf der Flasche nachgereift ist. Er präsentiert das, wofür diese Weine berühmt sind: Eine ungemein dichte Tanninstruktur die sich erst nach Jahrzehnten harmonisiert. Da dieser Wein von diesen Jahrzehnten erst eins auf dem Buckel hat, kann man heute nur erahnen, wie gut der Wein irgendwann sein wird. Es ist die Beschreibung eines Haltepunktes auf der Durchgangsreise. Es ist das Treffen mit einem dunklen, geheimnisvollen Charakter, der hier ein Bukett an Veilchen offenbart, in welches sich vereinzelt dunkle Kirschen mischen. Waldboden, etwas Trüffel, Anis und Fenchel stoßen dazu. Beeindruckend ist die Säure, die Frische, die Klarheit, das leicht Schwebende samt festem Fundament. Mehr kann ich über diese geheimnisvoll verschlossene Schönheit gerade gar nicht sagen.

Das Consommé stand acht Stunden auf dem Herd, bis ich die Karkassen herausgenommen habe. Neben Wacholder, Piment und weiteren Gewürzen dürfte vor allem die Orangenschale eine besondere Note geliefert haben. Abgeschmeckt habe ich das Consommé mit Madeira, mit echtem Madeira, nicht mit der Kochqualität.

> Im zweiten Teil gibt es drei Weine aus dem Cornas, drei aus St. Estèphe und eine Flasche von J.J. Prüm.

 

Zur 800 eine Flasche 738: a.k.a. Jacquesson is in da house

Zum Artikel mit der Nummer 800 gibt es mal wieder etwas Feines im Blog. Just gestern hat Champagne Jacquesson die aktuelle Cuvée der 700er Serie dem Fachpublikum in Hamburg vorgestellt. Das ist durchaus ein Ereignis, denn die Erzeugnisse des Champagnerhauses der Brüder Laurent und Jean Hervé Chiquet haben sich zu einigen der feinsten der gesamten Champagne entwickelt. Vor allem, seitdem die beiden Brüder das Haus 1988 von ihrem Vater übernommen haben um noch einmal viel aufwendiger und konsequenter im Weinberg und im Keller zu arbeiten. Das war durchaus ein Risiko, denn man hat die gesamte, vorher schon sehr gut laufende Linie erneuert. Begonnen hat dies mit dem Basis-Champagne, dem typischen Brut, der hier Perfection Brut hieß und mit dem Jahrgang 2000 zum Extra-Brut Cuvée No. 728 wurde. Dabei ist Extra Brut schon etwa übertrieben um die Leute nicht zu verschrecken (und möglicherweise je nach Jahrgang auch Spielraum zu haben), denn eigentlich ist dieser Champagne ein Brut Nature mit gerade einmal 1 bis 3 Gramm Dosage auf einen Liter.

Jacquesson_738_neu

Die 700er-Serie stammt im Wesentlichen aus einem Jahr. Der erste der Serie, die Cuvée No. 728, wurde mit dem Grundwein aus 2000 gefüllt, der mit Reservewein der vorherigen Jahre assembliert wurde. Mit der aktuellen Füllung Cuvée No. 738 sind wir entsprechend zum Zehnjährigen beim Grundweinjahrgang 2010 angekommen. Dieser ist eine Cuvée aus 61% Chardonnay, 18% Pinot Noir und 21% Meunier. Der Wein stammt zu 67% aus dem Jahr 2010 und zu 33% aus Reserveweinen. Er wurde spontan vergoren, auf der Feinhefe in Holzfudern ausgebaut und unfiltriert abgefüllt. Schließlich wurde der 738 mit 2,5% Dosage im April 2014 degorgiert. All das steht angenehmer Weise auf der Flasche. Diese wurde im zehnten Jahr im Design noch mal etwas geändert. Und zwar mit einem etwas geordneteren und auch plakativeren Etikett. Die Seriennummer ist weiterhin rot, dafür aber bold, größer und außerdem nicht mehr in Serifenschrift. Die Typo für den Namen des Hauses dagegen wurde deutlich schlanker gesetzt. Das Etikett wirkt ensprechend aufgeräumter.

104LECLOS

Wer nun glaubt, die geringe Dosage würde zu einem eher kargen Champagner führen, wird eines Besseren belehrt. Eine hohe Dosage wäre bei diesem Wein kontraproduktiv denn der 738 hat genügend Volumen und Opulenz. Es ist ein weiniger, komplexer und kraftvoller Champagner, der eine gewisse Süße vom reifen Lesegut suggeriert, nicht aber einen süßen Geschmack. Kraft ist auch das, was ihn vom Vorgänger, dem 737 abhebt. Der Wein hat mehr Power und ist auch komplexer. Dabei bleibt der Champagne neben aller Kraft immer elegant, klar, hat eine tolle Säure und neben dem Weinigen, dem Einfluß von Holz und Hefe auch so etwas wie ein Fußabdruck des Bodens in Form einer kalkig-steinigen Mineralität.

jacquesson_tout

Eigentlich ist dieser Champagne die Einsteigsqualität des Hauses. Allerdings auf einem Niveau, wie es andere in ihrer gesamten Palette der Erzeugnisse nicht hinkriegen. Der Preis entspricht auch nicht unbedingt einem Einstiegsprodukt, denn er liegt bei um die 45 Euro. Aber, so viel kostet ein Veuve Clicquot ja auch (haha!). Wenn man allerdings wirklich ein besonders gelungenes Exemplar haben möchte, das genau den Spagat zwischen der besonderen Eleganz eines sehr guten Markenchampagners und dem markanten Charakter eines Winzerchampagners haben möchte, liegt bei diesem Wein genau richtig. Und bei der Cuvée No. 738 erst recht. Für mich ist das einer der Champagner, die ich am meisten wertschätze.

P.S.: Wer noch eins drauflegen will: Jacquesson bringt zusammen mit dem 738 noch den fünf Jahre älteren Cuvée No. 733 als Degorgement Tardif auf den Markt. Der Wein hat einfach fünf Jahre länger auf der Feinhefe gelegen, und das ist, also das ist… *seuftz*

Die Weine gibt es alle bei Weine Visentin, der auch den Generalimport für Deutschland hat. Man bekommt den 738 aber beispielsweise auch in der Weinhalle.

 


Weiterblättern »