originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Champagne – Côte de Blancs in Avize

17/Apr/14 15:00 kategorisiert in: Champagne, Chardonnay, Weinland Frankreich

header_champagne

Sind wir im gerade noch durch etwas weniger bekannte Orte der Côte de Blancs gefahren, folgen jetzt jene, die das Herz der Côte, ja vielleicht der gesamten Champagne bilden: Avize, Les-Mesnil und Vertus. Hier besitzen natürlich auch die großen Champagner-Häuser Flächen, doch vor allem finden sich einige der feinsten kleinen Häuser und Winzer.

Avize
270 Hektar stehen hier unter Reben, unter Chardonnay, um genau zu sein. Die größte Genossenschaft der Gegend, die unter dem Namen De Saint Gall firmiert findet sich hier ebenso wie wie der Vorreiter, ja der Papst des Winzerchampagners, nennen wir ihn mal so, auch wenn er das selber strikt ablehnen würde. Sein Name ist Anselme Selosse, Inhaber des Hauses Jacques Selosse. Den Einfluss, den er in den letzten Jahrzehnten direkt oder indirekt ausgeübt hat, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Auch wenn heute viele ehemalige Adepten nachgezogen haben, seine Weine sind immer noch unvergleichlich. Und darüber hinaus muss er sich an der Spitze nicht mehr so einsam fühlen.

© Anselme & Corinne Selosse

© Anselme & Corinne Selosse

Was ist nun das Besondere an ihm? Anselm Selosse hat im Laufe der Zeit – er ist Ende der Siebziger nach einem Önologiestudium in Beaune in den Betrieb seines Vaters eingestiegen – die Kultur des mono-cru oder lieut-dit etabliert. Das heißt, er macht das, was in den meisten Weinbaugebieten üblich ist, nicht aber in der Champagne. Er vinifiziert Champagner aus Einzellagen. Das ist für Spitzengewächse beispielsweise in Deutschland oder im französischen Burgund üblich. In der Champagne hat man immer auf die assemblage gesetzt, also die Vermengung verschiedenster Lagen und Rebsorten und auch Jahrgänge.  Selosse, durch sein Studium im Beaune geprägt, wollte einen anderen Weg gehen. Er war der Meinung, dass seine Weinberge so eigenständig sind, dass man sie getrennt ausbauen kann. Mittlerweile geht er sogar noch weiter und vinifiziert ähnlich wie beispielsweise Reinhard Löwenstein an der Terrassenmosel einzelne Parzellen oder Teillagen. Um Mono-Crus ausbauen zu können und die entsprechende Qualität zu erhalten, hat Selosse allerdings damals, in den Achtzigern erst einmal seine Weinberge umgestellt. Er ist ganz betont kein Biodynamiker, er mag die Sektiererische daran nicht, doch setzt er einige der Methoden in seinen Weinbergen ein. "Ich mag Goethe lieber als Steiner. Steiner ist mir zu sektiererisch – außerdem hat er Wein immer abgelehnt."

Wichtig für ihn ist vor allem, dass er die per se unnatürliche Monokultur eines Weinbergs ein wenig aufgebrochen bekommt, in dem er Zwischenpflanzungen setzt. Seine Weinberge haben sich entsprechend schon in den Achtzigern fundamental von dem unterschieden, was um ihn herum in möglichst aseptischer Atmosphäre wuchs. Im Keller werden die Trauben nach der Lese leicht geschwefelt, damit sie nicht zu früh oxidieren. Danach wird normalerweise nicht mehr geschwefelt. Die Trauben vergären immer im Holz, und zwar spontan. Auch das war damals, als er damit angefangen hat, völlig unüblich. Ob der Rebsaft eine malolaktische Gärung durchläuft oder nicht, entscheidet der Wein selbst. Wie es danach weiter geht, entscheidet Selosse immer wieder neu. Beispielsweise, in welchen Gebinden der Wein auf der Feinhefe bleibt. Das kann mal neues Holz sein, mal alte Fässer, mal Akazienholz. Dass er überhaupt Holz verwendet, war damals, als er darauf umgeschwenkt ist, total unüblich. Selten ist auch, dass auch die zweite Gärung in der Flasche mit keller- und weinbergseigenen Hefen abläuft, die Selosse vorher extrahiert hat. Die Flaschengärung dauert bei ihm mindestens fünf Jahre. Notwenig für einen Champagne ohne Jahrgang wären gerade einmal 15 Monate. Anselm Selosse steht heute auf einer Stufe mit den großen Erneuerern der Weinszene hin zu ihrem modernen Anfang. Was meine ich damit? Ich meine, er geht zurück dorthin, wo der moderne Qualitätswein begann, noch ohne Herbizide und Pestizide, noch stärker im Einklang mit den Elementen, mit dem Terroir, auf dem der Winzer und mit dem der Winzer arbeitet. Er ist dabei so wichtig für die Champagne wie es beispielsweise Marcel Deiss für das Elsass war und ist. Ein Vordenker, der das Alte, das Überlieferte mit dem Neuen, mit den neuen Errungenschaften verbindet. Er ist einer, der sich nicht in eine Schublade pressen lässt und schnell rebelliert. Er wehrt sich dabei gegen die radikal Fortschrittsgläubigen und Technikbesessenen genau so wie gegen die Sektierer, zu denen er eben auch Steiner zählt. In einer Gegend, wo Weinerzeugung ultimativ technisch ist – und das ist die Champagne, das war sie vor allem vor Anselm Selosse – war er der Befürworter einer handwerklichen Herangehensweise. Als das findet sich in seinen hochartifiziellen Champagne wieder. Sie sind nicht günstig, aber was ist schon günstig in der Champagne oder überhaupt in der Welt des großen Weins? Im Vergleich zu sehr gutem Bordeaux oder Burgunder ist das, was er abfüllt günstig. Es lohnt sich eigentlich immer, selbst beim Initiale, der Einstiegscuvée des Hauses. Alles darüber hinaus ist in höchstem Mape besonders und erinnert in seiner Machart häufig eher an das Burgund, denn an Champagne.

de_sousa

Das zweite Haus, das ich vorstellen will ist de Sousa & Fils.  Das hört sich eher portugiesisch an, und in der Tat ist der Vorfahr als Soldat im ersten Weltkrieg in die Champagne gekommen, die damals ein wenig romantischer Ort war. Allerdings waren die wirtschaftlichen Verhältnisse in Portugal noch übler, und so hat sich de Souza mit Frau und Kind in Avize niedergelassen. Das Haus, das seit 1986 von Erick de Souza geleitet wird, besitzt heute knapp 10 Hektar, vornehmlich mit Chardonnay bestockt und weitestgehend in Avize, Oger, Cramant und Le Mesnil gelegen. Durch Zufall gehören diese Weine zu meinen frühesten Champagne-Erfahrungen. Der Betrieb arbeitet seit langer Zeit biodynamisch im Weinberg und mit einem ganz eigenen Stil im Keller. Die Weine werden weitestgehend im Edelstahl ausgebaut, bis auf die Top-Weine, die kommen ins Holz, teils auch ins neue Holz. Die Weine erfahren durchweg eine malolaktische Gärung. So weit so gut. Was mir persönlich, und das ist tatsächlich rein persönlich, gerade bei den teureren Produkten ein wenig missfällt ist, dass de Souza sowohl bâtonnage betreibt, als auch poignetage. Das heißt, er rührt die Weine, die auf der Feinhefe bleiben und dort ausgebaut werden, immer wieder um, so dass die Feinhefe verwirbelt wird (bâtonnage) und er schüttelt die Flaschen, in denen sich ja ebenfalls ein Hefe-Depot absetzt, in den Jahren der Flaschenreifung immer wieder durch (poignetage). Das führt dazu, dass die Weine sehr breit und dicht werden, rich, wie der Engländer sagt. Der Champagne kann das ab. Der Chardonnay aus der Gegend hat so viel Kraft, die Säure ist immer gut eingebunden, das passt schon alles. Aber ich mag es etwas schlanker lieber. Beim Brut Réserve Grand Cru Blanc de Blancs hält sich das in einer Grenze, die ich gerne mag und dieser Wein ist (auch vom Preis-Genuss-Gefüge) meine deutliche Empfehlung.

Exif_JPEG_PICTURE

Der Winzer, dessen Weine ich neben denen von de Souza mittlerweile am besten kenne ist Agrapart & Fils. Und wenn ich heute eine Empfehlung für einen der drei Champagne mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis geben sollte, wäre immer der 7 Crus von Pascal Agrapart und seinem Bruder Fabrice dabei. Beginnend mit diesem Blanc de Blancs aus sieben verschiedenen Cru Lagen findet man hier äußerst gelungene, kraftvolle, typisch kreidige und särebetonte, gleichzeitig elegante und charaktervolle Weine, deren Größe sich vor allem in den Jahrgangsweinen Mineral, L’Avizoise und Vénus zeigt. Die Weine kann man meiner Ansicht nach durch die Bank weg blind kaufen und sie beginnen in Frankreich bei unter € 20,-, für den 7 Crus.

Exif_JPEG_PICTURE

Seit 1984 verantwortet Pascal den Besitz mit insgesamt über 60 einzelnen Parzellen, vornehmlich in Avize, Cramant und Oger. Mit Bio-Labels wird bei Agrapart nicht gearbeitet, auch wenn er sich irgendwo zwischen ökologischer und biodynamischer Wirtschaftsweise ansiedelt. Die Weine werden allesamt sehr reif gelesen, um nicht chaptalisieren zu müssen (mit Zucker anreichern) und später die Dosage so gering wie möglich zu halten. Fermentiert wird mit natürlichen Hefen, biologischer Säureabbau ist üblich und ausgebaut wird der Wein in alten 600 Liter-Fässern, die keine Holznoten mehr abgeben. Darüber hinaus wird nicht stabilisiert, nicht geschönt und nicht filtriert. Das alles ist purer Blanc de Blancs von der Côte de Blancs. Im Gegensatz zu den Chamapgne von de Souza, die viel mehr nach Kellerarbeit schmecken, genießt man hier den Ursprung, vor allem in den teuren Gewächsen wird dieser mehr als deutlich. Neu im Programm ist ein Wein, der mehr ist als reiner Blanc de Blancs, wie man ihn sonst ausschließlich bei Agrapart findet. Im Complantée wurden je 15% Pinot Meunier, Arbanne, Pinot Blanc, Petit Meslier und 25% Chardonnay in einem gemischten Satz gepflanzt und entsprechend zusammen vergoren. Leider hatte ich noch nicht die Chance, diesen Wein zu probieren.

Zum Schluss noch zwei Empfehlungen für weniger bekannte aber unbedingt empfehlenswerte Weingüter in Avize. Das kleine Weingut Champagne Varnier-Fannière verfügt über gerade einmal vier Hektar, die liegen aber jeweils in Grand-Cru-Lagen von Avize, Oiry, Oger und Cramant. Der Chardonnay, der dort steht ist, mindestens 30 Jahre alt. Der Wein wird sehr reif und spät gelesen, im Edelstahl vergoren, jedoch relativ schnell abgefüllt, weil Denis Varnier die Flaschenreife der Tankreife vorzieht. Entsprechend der späten Lese sind die Weine dicht und reif wie bei Agrapart. Der Wein hat eine schöne Tiefe und immer viel Expressivität von dem, was man an der Côte de Blancs sucht: kreidige Mineralität. Zudem sind die Champagne nicht teuer.

Bei Champagne Claude Corbon wiederum geht man anders vor. Agnès Corbon, die das Haus, dass in Avize und im Marne-Tal einige Hektar besitzt, setzt darauf, die Weine lange auf der Hefe zu lassen und bâtonnage durchzuführen. Bei weitem nicht so wie de Souza, aber die Stil ist eben auch wieder anders als bei Varnier. Corbons Weine sind etwas dichter undauch eleganter, ja, finessenreicher. Sie sind eher leise, aber sehr eindringliche Vertreter, und das mag ich persönlich sehr gerne. Im Brut names Prestige treffen sich Avize-Chardonnay und Pinot Meunier und Pinot Noir von der Marne. Der Wein bleibt mindestens fünf Jahre auf der Hefe, was für einen non-vintage-Champagne sehr lange ist und den Anspruch und das Qualitätsbewusstsein unterstreicht, dass die Corbons pflegen. Um die Qualität des L’Autrefois noch weiter zu steigern, findet hier die Flaschenlagerung mittlerweile unter Kork statt unter Kronkork statt. Sieben Jahre bleibt der Blend aus Chardonnay und Pinot Noir auf der Hefe. 50% Reserve-Weine werden hierfür genutzt und die Flasche wird während der Reife alle sechs Monate geschüttelt. Weihnachtswein nennt Agnès Crobon diesen Stil, der in seiner Fülle schon beeindruckend ist. Wie schon bei de Souza gesagt, all zu oft muss ich das nicht haben, aber zur Weihnacht ist das natürlich schon schön. Die anderen Weine, wie beispielsweise der Jahrgangs-Chardonnay sind allerdings nicht so old-fashioned. Er reift acht Jahre auf der Flasche und wird keinem biologischen Säureabbau unterzogen. Dieser Chardonnay aus 100% Avize-Lagen bringt Fülle, Alter, Crème, Säure und Finesse zusammen – und das auf eine exzellente Art und Weise. Die Champagne, die hier bisher kaum zu haben sind, sind definitiv eine Empfehlung.

karte_cote

Die bisherigen Artikel:

Teil 6: Côte de Blancs von Épernay nach Cramant

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

In der nächsten Folge geht es über Oger weiter nach Le-Mesnil-sur-Oger.

Champagne – Côte de Blancs von Épernay nach Cramant

27/Mrz/14 13:00 kategorisiert in: Champagne, Chardonnay, Weinland Frankreich

header_champagne

Nach einer kurzen Atempause in Épernay geht es weiter in das kleinste der Teilgebiete, wir fahren durch die Côte de Blancs. Auch wenn das Gebiet nicht sehr viel größer als 3.000 Hektar ist, ist es doch das bekannteste und, man kann es nicht anders sagen, es ist das wichtigste Gebiet. Ich würde es als Essenz der Champagne beschreiben, denn hier findet sich das in Reinform, was man mit der Champagne als Alleinstellungsmerkmal verbindet – die Kreide. Auf den weißen Kreide-Kalk-Böden, die der Côte de Blancs ihren Namen gegeben hat, wächst denn auch fast ausschließlich die weiße, der drei Hauptrebsorten der Champagne, der Chardonnay. Dieser wird hier aus einer großen Dichte an Grand- und Premier Cru-Lagen gewonnen, fließt ein in die Cuvées der großen und berühmten Häuser, findet seinen Ausdruck im Blanc de Blancs, dem reinsortigen Chardonnay (ja es gibt auch Blanc de Blancs vom Pinot Blanc, aber das ist äußerst selten und kommt wenn dann an der Côte de Bars vor) und im besten Fall als Blanc de Blancs vom Lieut-Dit, also vom einzelnen Weinberg oder einer einzelnen Parzelle, womit heute der Terroir-Gedanke in der Champagne auf die Spitze getrieben wird.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

Chouilly
Wir beginnen in Chouilly. Dieser Ort ist zwar auch der Stammsitz der Riensenkooperative namens Nicolas Feuillatte, doch die können schon gut für sich selbst die Werbetrommel rühren. Besuchen wir lieber die kleineren Häuser vor Ort, zum Beispiel R. & L. Legras, benannt nach der Winzerfamilie, deren Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert reichen. Da Haus wird heute vom Enkel einer ehemaligen Angestellten der Legras geführt. Der junge Julien Barbier setzt im Prinzip den Stil seines Vaters fort, der 30 Jahre lang die Geschicke des Hauses geführt hat. Verarbeitet  wird eigenes und zugekauftes Traubenmaterial, das ausschließlich rund um Chouilly wächst. Das hat seinen Grund, so Barbier, denn die Weine sind offener und jünger zu trinken als die aus den anderen, teils bekannteren Ortschaften wie Mesnil oder Vertus. Legras-Champagne entsteht (bis auf wenig Rosé) ausschließlich als Blanc de Blancs, ausschließlich aus Edelstahl inklusiver malolaktischer Gärung und immer mit wenig Dosage. Die Weine sind üppig und elegant, ja komplex und zeigen damit den typischen Charakter dieses Teils der Côte de Blancs.

Einen ähnlichen Ausbau pflegt das Haus Vazart-Coquart. Auch hier wird in Edelstahl ausgebaut, inklusive malolaktischer Gärung. Allerdings gibt es doch einige Besonderheiten bei diesem Weingut, dessen 11 Hektar samt und sonders in Chouilly liegen. Die Reserve-Weine stammen aus einer Solera, die 1978 begonnen wurde. Ca. 20 bis 30% werden jährlich genutzt und entsprechend neu aufgefüllt. Ein ziemlich schmackhaftes Beispiel, in dem viel Solera-Wein verwendet wird ist der Extra Brut Grand Cru. Wie viele andere renommierte Winzer auch, ist Vazart Mitglied im Club Trésors de Champagne. Entsprechend füllt er ebenso wie alle anderen auch einen Special Club ab. Diese Special Clubs lohnen sich häufig besonders und so ist es auch in diesem Fall. Es ist ein Jahrgangs-Blanc de Blancs Grand Cru, der normalerweise aus einem Lieut-Dit stammt, nämlich dem Buttes de Saran. Im Gegensatz zum Grand Bouquet Brut, der die gleichen Grundweine hat, wird dieser Wein unter Kork und nicht wie üblich unter Kronkorken gelagert. Zudem bleibt er länger sur lattes. Speziell ist tatsächlich auch der Spécial Foie Gras Sec Blanc de Blancs Grand Cru, der ein idealer Begleiter zum Nationalstolz Gänsestopfleber sein soll. Der Wein hat deutliche Reserveanteile und 30 Gramm Dosage. Wer Verstopfungen vermeiden will, kann mit diesem Champagne natürlich auch einen Blue Cheese begleiten. Last but not least wird bei Champagne Vazart-Coquart ein Chouilly Rouge, also ein roter Stillwein aus Pinot Noir erzeugt. 600 Flaschen gibt es davon. Er soll sehr gut sein, probiert habe ich ihn noch nicht.

© links: Michel Jolyot, CIVC: Kirchenfenster in der Kathedrale von Reims, © rechts oben: Patrick Guerin: Kimmeridge-Kreide mit Belemnit-Fossilien sind typisch für die Côte, © rechts unten: Stéphane Coquilette: typische Coqard-Presse

© links: Michel Jolyot, CIVC: Kirchenfenster in der Kathedrale von Reims, © rechts oben: Patrick Guerin: Kimmeridge-Kreide mit Belemnit-Fossilien sind typisch für die Côte, © rechts unten: Stéphane Coquilette: typische Coqard-Presse

Auch die Weine von Stéphane Coquillette sind breitschultrig und generös. Sie werden im Wesentlichen, wie bei den beiden anderen Produzenten auch, im Stahltank vergoren, inklusive malolaktischer Gärung. Erst seit ein paar Jahren nutzt er ein paar gebrauchte Fässer, die er bei einem Burgunder-Macher an der Côte de Beaune kauft. Im Gegensatz zu den beiden anderen Produzenten verzichtet Coquillette auf Reserve-Weine und reiht sich entsprechend in die Gruppe derer ein, die betont pur arbeiten. Dazu gehört, dass er längst auf Herbizide etc. verzichtet.  Das Mitglied der Vignerons Independants bringt fünf Champagne heraus. Einen Brut mit Chardonnay und Pinot, einen Blanc de Blancs, einen Blanc de Noirs, einen Rosé und ein Millesime von alten Chardonnay-Rebstöcken aus Chouilly und Cuis. Ehrlich gesagt, der Champagne, der mir am besten gefällt ist der Blanc de Noirs mit Pinot aus Aÿ. Die Frucht ist fantastisch, der Wein ist samten und breit und dann wieder fokussiert mit einer sehr guten Säure-Balance.

© Champagne Pierre Gimonnet: Cuis

© Champagne Pierre Gimonnet: Cuis

Cuis
Aus dem nächsten Ort kenne ich genau einen Winzer, aber der hat viel zu bieten. Es ist Pierre Gimonnet & Fils. Die Familie besitzt heute knapp 30 Hektar in besten Côte de Blancs Lagen von Cuis, Cramant, Chouilly und Oger, Zudem etwas Pinot in Aÿ und Mareuil-sur-Aÿ. Heute führt Didier Gimmonet das Haus zusammen mit seinem Bruder Olivier. Sie profitieren neben den Lagen vom Alter der Weinberge, deren Erträge vergleichsweise gering, aber stoffig und konzentriert sind. Weil er die Weine aus den alten Lagen dann auch für zu konzentriert hält, verzichtet er zugunsten der Eleganz auf Einzellagen-Ausbau. Eleganz ist hier das Stichwort. Die im Edelstahl ausgebauten Weine, die ebenfalls einen Säureabbau durchlaufen, verbinden Fülle mit gehöriger Eleganz. Die Weine eignen sich auf Grund ihrer Stilistik ausgezeichnet als Essensbegleiter und dafür sind sie in Frankreich auch wesentlich berühmter als in Deutschland.

© rechts: Champagne Peirre Gimonnet

© rechts: Champagne Peirre Gimonnet

Wer das Potential übrigens früh erkannt hat, war Eckhard Witzigmann. Gimonnet vinifiziert dann auch speziell für die Gastronomie einen Brut, der vier statt sechs Bar Druck hat und dabei zwar füllig, aber enorm frisch daher kommt. Die Gimonnets leisten sich übrigens den aufwendigen Luxus, ihre Reserveweine in Flaschen zu lagern statt in Fässern. Der Grund: die Weine oxydieren weniger schnell und die Weine bleiben entsprechend länger frisch. Auch das ist, wie so vieles, eine Frage der angestrebten Stilistik. Wer Gimonnet kennenlernen will, sollte übrigens den Fleuron probieren. Dieser Jahrgangs-Blanc de Blancs vereint die Lagen der drei C-Ortschaften Chouilly, Cuis und Cramant und bringt den Stil des Hauses auf den Punkt. Der Preiseinstiegs-Brut dagegen stammt bewusst aus der Premier Cru Lage von Cuis und wird schon nach 18 Monaten in den Handel gebracht. Für Gimonnet keine Frage der Qualität sondern der Frische, die man im Champagne haben möchte. Am oberen Ende der Skala steht einmal mehr der Special Club, jene Sonderabfüllung für den Club de Trésors, dessen Präsident Didier Gimonnet lange war. Hier zeigt sich die grandiose Komplexität und Mineralität der alten Anlagen.

Cramant
Der dritte Ort, der mit C beginnt umfasst knapp 350 Hektar Chardonnay-Weinberge. Bekannt geworden ist Cramant mit dem Mumm de Cramant, dem Spitzen-Blanc de Blancs des deutschstämmigen Hauses G.H. Mumm. Die Weinberge wurden bereits 1882 erworben und der ganze Stil des Weins ist Old-School. Dazu gehört, dass der Wein, ähnlich wie der Gastrowein von Gimonnet als demi-mousse abgefüllt wird, also mit weniger Druck. Vorstellen möchte ich hier jedoch am Ort ansässige, deutlich kleinere Weingüter.

Das berühmteste Cramant-Weingut ist das von Jacques Diebolt und Nadia Vallois, Champagne Diebolt-Vallois. Die Familie verfügt in ihrem 11 Hektar-Besitz über exzellente Lagen, vor allem in Cramant, Chouilly, Cuis und Épernay. Jacques, dieser ruhige und zurückhaltende, ganz seiner Arbeit verpflichtete Winzer, verfügt mittlerweile über ein halbes Jahrhundert Erfahrung. An größtes Projekt hat er sich – übrigens gegen die Meinung des Restes seiner Familie – erst anfang der Neunziger gewagt. Er wollte einen Champagne machen, wie ihn sein großes Vorbild, der Großvater gemacht hat. Also hat er den Wein der besten Parzellen in Cramant genommen und ihn in alte Barriques gelegt. Es gab keine malolaktische Gärung, keine Schönung, keine Filtration, nichts. Ich habe bisher drei Mal diesen Wein namens Fleur de Passion probieren dürfen, alle drei stammten aus 2000er Jahrgängen und waren viel zu jung. Trotzdem konnte man die unbändige Kraft und Finesse dieses Weins deutlich spüren. Deutlich günstiger ist man beim Brut Blanc de Blancs aufgehoben, wo man den typischen Diebolt erkennt: pur, rassig und mineralisch ohne Ende.

© l.o.: Thomas Iversen, Mad about Wine, © u: Michel Guillard, CIVC

© l.o.: Thomas Iversen, Mad about Wine, © u: Michel Guillard, CIVC

Zwei Champagne-Winzer möchte ich noch vorstellen, die hierzulande so gut wie unbekannt sein dürften. Der erste, Lilbert-Fils produziert auf nicht einmal vier Hektar so um die 30.000 Flaschen, die von der Fangemeinde direkt aus den Händen gerissen werden. Die Fangemeinde gibt es deshalb, weil die Champagne mit zu den ausgewogensten und feinsten Gewächsen der Côte zählen können. Drei Weine gibt es, die mit Malo im Emailletank vergoren werden. Besonders ist vor allem die Perle, die früher Crémant hieß, aber nicht mehr so heißen darf, weil man den Namen an die Crémant-Produzenten abgegeben hat um das eigene Profil der Champagne zu stärken. Der Wein wird also als demi-mousse mit 4 bis 4.5 bar Druck ausgebaut. er stammt von alten Reben aus den Lagen in Cramant, Cuis und Oiry. Nicht von den altertümlichen Etiketten abschrecken lassen. Wenn Ihr über diese Champagne stolpert, heißt die Devise: kaufen!

© Champagne Suenen

© Champagne Suenen

Das Gleiche wird in Zukunft, da bin ich mir ziemlich sicher, für die Weine von Aurélien Suenen gelten, der fünf Hektar besitzt und den genialen Pascal Agrapart als Mentor hat. Suenen setzt alles daran, seine Weinberge zu verstehen um im Weinberg und im Keller alles richtig zu machen. Biologischer Anbau gehören genauso dazu wie detaillierte Bodenanalysen. Im Keller experimentiert der 25jährige noch mit unterschiedlichen Ausbauarten. Emaille mag er lieber als Edelstahl, er hat ältere Barriques, setzt aber immer mehr auf größere Stockinger aus Österreich. Daneben steht ein Beton-Ei, was ebenfalls gute Ergebnisse zeigt. Suenen gehört für mich zu jenen, die in den nächsten Jahren von sich Reden machen werden. Doch es lohnt sich jetzt schon, dort vorbei zu fahren.

karte_cote

Die bisherigen Artikel:

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

In der nächste Folge geht es weiter entlang der Côte de Blancs.

Save the Date: Winzerchampagne am 24.3. ab 19h in Düsseldorf

19/Mrz/14 08:47 kategorisiert in: Champagne

Ab kommenden Sonntag ist Prowein. Und auch wenn die Messe selber für Fachpublikum ist, gibt es Veranstaltungen rund um die Messe, die auch für interessiertes, nichtfachliches Publikum offen sind. Eine Veranstaltung, die ich absolut empfehlen möchte, vor allem in Hinblick auf die Reihe, die ich hier gerade im Blog schreibe, ist Caractères & Terroirs de Champagne. Diese findet am Montag, den 24.3.2014 ab 19h in der M168 Lounge im Düsseldorfer Rheinturm statt und kostet lediglich €5,- für den Aufzug des Rheinturms, der wird nämlich städtisch finanziert.

64c2864f9e-Veranstaltung-24.03

Es geht bei dieser Veranstaltung vor allem um Single-Vineyard Chamapgne und es werden einige Champagne vorgestellt, die in meinen letzten Artikeln bereits Erwähnung gefunden haben.

Mehr Infos gibt es hier auf der Seite, wo man sich auch per Mail anmelden kann, am Besten mit freundlichen Grüßen von mir.

Champagne – Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

11/Mrz/14 14:19 kategorisiert in: Champagne, Schaumwein, Weinland Frankreich

header_champagne

Zurück nach Épernay ins Herz der Champagne passieren wir auf der Route de Paris Mareuil-le-Port und Oeuilly und machen einen kurzen Abstecher nach Festigny im Flagot-Tal um über Moussy und Pierry in die heimliche Hauptstadt zu fahren.

Mareuil-le-Port
In Mareuil treffen wir Jérôme Dehours. Der führt ein für hiesige Verhältnisse nicht ganz kleines 14 Hektar Gut, das von seinem Großvater Ludovic gegründet wurde. Jérômes Vater ist leider früh gestorben und das Weingut wurde zwischenzeitlich von irgendwelchen Finanzpartnern geführt. Es hat bis 1996 gedauert, bis Jérôme die Geschäfte selbst in die Hand nehmen konnte und er hat es zum Anlass genommen, Vieles anders zu machen. Ca. die Hälfte des Ertrags wird immer noch an den Nego verkauft, was bei den Traubenpreisen praktisch ist, denn damit ist schon viel Geld verdient und man kann mit dem Rest mehr oder weniger machen, was man will. Jérôme vinifiziert eine ganze Palette ansprechender Weine daraus. Der einfache Brut wird im Stahl vergoren, der Rest meist in Holz.

In zunehmend mehr Weinbergen wird wieder mit dem Pferd gearbeitet. Selbst bei einem so großen Haus wie Roederer. Doch das Pflügen mit den großen Gäulen will gelernt sein, wie hier, bei Tarlant.  Creative Common License

In zunehmend mehr Weinbergen wird wieder mit dem Pferd gearbeitet. Selbst bei einem so großen Haus wie Roederer. Doch das Pflügen mit den großen Gäulen will gelernt sein, wie hier, bei Tarlant.  Creative Common License

Bemerkenswert ist vor allem die Palette an Einzellagen-Weinen, von denen er mittlerweile vier im Angebot hat. Les Genevraux und Brisefer, La Croix Joly und Maisoncelle heißen diese Lagen und entsprechend auch die Weine. Les Genevraux liegt ziemlich flach, nordwestlich ausgerichtet auf steinig-sandiger Tonenerde. Die Rebstöcke sind alt und der Wein ist ausgesprochen mineralisch. Gerade einmal 200 Meter entfernt im Nachbarort Troissy liegt La Croix Joly. Ein Weinberg mit gleicher Bodenstruktur, ebenfalls mit Pinot Meunier bepflanzt, doch westlich ausgerichtet und schon hat man einen anderen Wein. Hier gibt es mehr Sonne in den Abendstunden, es wird wärmer, der Wein wird etwas fetter, reicher, dichter und obstiger. Ein weiterer Ausbund an Terroir ist der Brisefer, südöstlich ausgerichtet und auf Lehm gelegen, ohne Kreide. Hier steht Chardonnay, der mit dem der Côte de Blancs nichts gemein hat. Salzige, jodige Mineralität, Speck, Menthol sind hier die Aromen, die zuerst auffallen. Schließlich Maisoncelle, 100% Pinot Noir, kraftvoll, kirschig und geerdet, wie ein großer Kirschbaum in der Landschaft. Darüber hinaus betreibt Dehours übrigens eine Solera, die er 1998 angelegt hat und aus der der Trio S stammt, ein dichter, reifer Chamapgner, der hervorragend zwischen Frische und Alterung harmoniert und weniger an Früchte, denn an Bienenwachs und Leder erinnert. Schließlich macht Jérôme einen Coteaux Champenois Blanc, also einen Stillwein in weiß, was selten zu finden ist.

Marne-Stillleben, © Chamapgne Tarlant,  Creative Common License

Marne-Stillleben, © Champagne Tarlant,  Creative Common License

Oeuilly
Dieser Ort wird von einem Namen bestimmt: Champagne Tarlant. Die Familie, die ihre Wurzeln im 17ten Jahrhundert hat, ist so konsequent wie geschäftstüchtig. Hier wird seit vielen Jahren nach biodynamischen Prinzipien gearbeitet und mit der Disco Bitch wird  gleichzeitig die Disco- und Rapperszene bedient. Die Hälfte der Weine wird im Tank ausgebaut, die anderen Weine in erstklassigen, stets neuen Fässern, um keine Bakterien in den Keller zu kriegen, die eine malolaktische Gärung auslösen könnten. Diese neuen, medium-getoasteten Fässer geben Weinen wie dem Vigne d’Antan (wurzelechter Chardonnay von sandigem Boden), LaVigne d’Or 100% Meunier) oder der Cuvée Louis (50% Chardonnay und Pinot) viel Holz mit auf den Weg, an dem sich der Wein im Laufe der Jahre abarbeiten muss. Wenn man ihm die Zeit gibt, wird das außerordentlich guter Champagner.

Benoit_Tarlant

Für die Zwischenzeit sei eine Menge Brut Zeró empfohlen, die drei üblichen Rebsorten jeweils in etwa gleichen Teilen, im Stahl ausgebaut und ohne Dosage abgefüllt. Für den, der diese strahlenden, klaren Weine mag, ist das richtig guter Stoff, sehr gekonnt.

Festigny
Natürlich kann Michel Loriot nichts dafür, dass seine Vorfahren sich ausgerechnet im Flavot-Tal, genauer in Festigny angesiedelt haben, und vielleicht gefällt es ihm auch, dass sich wenige Besucher hierhin verirren, doch für alle Champagne-Liebhaber lohnt sich sich der Abstecher von der Route de Paris. Die sieben Hektar des Weingutes liegen vor allem in Festigny, Troissy und Le Breuil und sind zu 85% mit Meunier bestockt, kein Wunder, denn hier herrscht Lehmboden vor, mit dem Meunier einfach am besten zurecht kommt. Loriot presst seine Trauben mit einer alten Conquard-Presse und vergärt sie (inklusive Malo) in Emaille-Tanks. Die Weine sind weinig und kräftig und dabei trotzdem in einem Maße elegant, wie man es bei Meunier-basierten Wein von der linken Seite der Marne kaum erwartet. Seit letztem Jahr hat Loriot sein Angebot und Erscheinungsbild übrigens gewandelt und tritt nun deutlich moderner auf. Es gibt bei ihm jetzt die drei Linien Les Classiques, Les Mutines und Les Virtuoses.

Familie Loriot, © Champagne Loriot

Familie Loriot, © Champagne Loriot

In Festigny gibt es einen zweiten, sehr bemerkenswerten Winzer. Seine Name ist Christophe Mignon. Er besitzt ca. 30 Parzellen mit insgesamt 6 Hektar Rebbestand. Wie hier nicht anders zu erwarten, ist das hauptsächlich Meunier, hauptsächlich südlich ausgerichtet, was ziemlich viel Reife und Breite zur Folge hat. Mignon lässt sich nicht in Schubladen einsortieren, er schwebt so ein bisschen zwischen den Dingen. Er arbeitet seit langer Zeit ökologisch mit deutlichem Hang zur Biodynamie, er würde sich jedoch nie als Biodynamiker titulieren lassen, auch wenn er seit Jahrzehnten nach dem Mondkalender arbeitet und entsprechende Präparate verwendet. Ich finde, auch die Etiketten sehen ein wenig so aus, als käme er aus der Richtung. Wie auch immer, wenn man sich seine Weinberge betrachtet, dann sehen diese gleichzeitig wild und gesund aus. Entsprechend das reife Traubenmaterial, das zur Hälfte spontan und zur anderen Hälfte mit Quarz-Hefen vergoren wird, die beim ältesten biodynamisch arbeitenden Betrieb der Champagne, Champagne Fleury gezüchtet werden. Mignon arbeitet mit Emaille-Fässern, die er angenehmer findet, weil der Wein nicht so reduktiv wird. Bei der Malo ist Mignon nicht festgelegt, das hängt bei ihm immer vom Jahrgang ab. Seine Weine jedenfalls sind immer ausgesprochen intensiv, sowohl, was die Frucht angeht, als auch, was die Mineralität betrifft. Fast alles ist 100% Meunier, bis auf den Coup de Foudre, da ist die Cuvée dreigeteilt (und wird aus einem Jahrgang in neuem Holz ausgebaut) und den Blanc de Blancs Grand Cru, das ist naturgemäß Chardonnay. Toll ist der Extra Brut Christophe Mignon, besonders hervorzuheben sind die beiden Rosé, einer in klassischer Farbe aus 100% Meunier, einer als Rosé de Saignée in einer tiefen Farbe, ähnlich dem Unterschied zwischen Bordeaux Rosé und Bordeaux Claret.

Marne-Tal mit frühem Neben, © Tarlant,  Creative Common License

Marne-Tal mit frühem Nebel, © Tarlant,  Creative Common License

Moussy und Pierry
Zwei Michels habe ich noch auf der Liste, bevor es auf die Zielgerade im Vallée de la Marne geht. In Moussy besuchen wir José Michel et Fils, ein Haus, das einen langen, exzellenten Ruf für Pinot Meunier hat. Hier entstehen runde, duftige, fruchtige Meuniers, die man jedoch nicht zu leichtgewichtig nehmen sollte – sie altern sehr gut und werden dann tiefer und komplexer. José arbeitet überwiegend mit Edelstahl und kleineren Mengen von Holz, die den Wein nie dominieren. Neben Meunier liegt ein Fokus auf Chardonnay, den er auch als Jahrgangs-Blanc de Blancs anbietet. Diese Blanc de Blancs haben allerdings mit der unweit gelegenen Côte de Blancs nicht viel zu tun. Hier, leicht süd-westlich von Épernay dominiert immer noch eher der Lehm mit Kalk statt Kreide.

Bruno_Michele_cuvee_rebelle

In Pierry arbeitet Josés Sohn Bruno Michel auf eigene Rechnung. Er hat damit 1995 begonnen und schnell auf ökologischen Anbau gesetzt. Es gibt zwei Einstiegscuvée, die Carte Blanche und die Cuvée Rebelle. Beide setzen sich zur Hälfte aus Meunier und Chardonnay zusammen. Die Carte Blanche ist der klassische Brut, ein Chamapgne der auf Grund seiner Fruchtigkeit, seiner Frische und Klarheit sehr viel Freude bereitet. Das gilt auch für die Cuvée Rebelle, deren Trauben von mindestens fünfzigjährigen Reben stammen. Der Wein hat keine Dosage, daher vielleicht der Name. Er ist reif und voll, tief in seiner Fruchtigkeit und bemerkenswert in seiner steinig wirkenden Expressivität. Darüber steht ein Einzellagen-Champagne namens Cuvée Blanc de Blancs Perry Premier Cru, dessen 50 Jahre alter alter Chardonnay-Bestand in der Lage Les Brousses steht. Der Champagne ist traumhaft balanciert zwischen Reife und Frische, zwischen grünem und gelbem Obst, Creme und Buttrigkeit.

Jean-Marc Sélèque, © Champagne Sélèque

Jean-Marc Sélèque, © Champagne Sélèque

Zu den ganz jungen Talenten gehört Jean-Marc Sélèque, der ebenfalls in Pierry beheimatet ist. Champagne Sélèque besitzt 7,5 Hektar Weinberge – auf sieben Ortschaften (Pierry, Moussy, Epernay, Mardeuil, Dizy, Boursault, Vertus) verteilt. Das Hauptaugenmerk liegt auf Chardonnay (4,5ha). Hier wird biologisch gearbeitet, biodynamisch experimentiert, und auch hier ist das der große Kaltblüter im Weinberg mittlerweile Normalität. Teilweise wird im Edelstahl vergoren, teils in Holz (Fuder und Barrique). Für mich ist das eines der großen Talente im Bereich zwischen Marne und Côte de Blanc. die Champagne sind klar, strukturiert, präzise und stoffig. Das fängt  mit der Cuvée Tradition an, dem üblichen Brut, der hier ziemlich genau den Rebsortenspiegel des Hauses widerspiegelt: 50% Chardonnax, 40% Pinot Meunier, 10% Pinot Noir. Besonders gut gefällt mir hier der Umstand, dass auch hier zwei unterschiedliche Rosé angeboten werden. Der hellere ist ein Rosé d'Assemblage, wo die drei Rebsorten zur Cuvée zusammengefügt werden, der zweite ist ein Rosé de Saignée aus Pinot Noir, mit 10% Chardonnay aus dem gleichen Weinberg. Schließlich wäre die Cuvée Comédie zu nennen, eine Hommage an den 1995 verstorbenen Vater.

Épernay
Wenn Reims die glänzende, historisch bedeutungsvolle Hauptstadt der Champagne ist, dann ist Épernay das Herz und somit die heimliche Hauptstadt. Sie liegt zentral im Tal der Marne, es ist nicht weit bis in die Montagne und auch nicht an die Côte de Blancs, wo manche diese Stadt sogar eigentlich verorten. De facto beginnen südöstlich der Stadtgrenze die ersten Weinlagen, die zur Côte de Blancs gerechnet werden. Hier haben einige der bedeutenden Champagner-Häuser ihren Sitz. Allen voran Moët & Chandon, aber auch Perrier-Jouët, Boizel, Alfred Gratien oder Pol Roger. Sie befinden sich wie aufgereiht an der Champagne-Hauptstraße des Ortes, der Avenue de Champagne und produzieren dort mehr Champagne als die Champagne-Häuser der zehn mal größeren Stadt Reims. Das überrascht nicht unbedingt, wenn man bedenkt, dass allein Moët mehr als 30 Millionen Flaschen pro Jahr produzieren dürfte. Das Gebäude von Moët & Chandon dominiert dann auch den Beginn der Avenue, genau so, wie es auch sonst gerne den Markt dominiert – und das am unteren Ende der Skala mit dem Brut genauso wie mit der Mutter aller Prestige-Cuvée, dem Dom Pérignon. Doch so viel ist schon geschrieben worden über den Dom, das Haus und die Qualität, das es an dieser Stelle nicht lohnt, zumal ich auch kein wirklicher Fan der Erzeugnisse bin.

Alter Adel, das repräsentative Gebäude von Champagne Pol Roger, © Pol Roger

Alter Adel, das repräsentative Gebäude von Champagne Pol Roger, © Pol Roger

Weiter die Straße hoch finde ich es interessanter. Beim nächsten Haus, Perrier-Jouët kann man noch nicht wieder so ganz sicher sein, ob das, was da in Flaschen gefüllt wird, auch sein Geld wert ist. Ausgerechnet das Haus mit dem berühmte Champagne Belle Epoque, abgefüllt in eine Jugendstil-Flasche des Glaskünstlers Lalique, hat über Jahre stetig abgebaut, die besten Zeiten schienen vorbei, das Haus wanderte von einer Finanz-Heuschrecke zur nächsten, bis es endlich in die Hände von Pernot Ricard gelangt ist. Diese Sorgen hat man bei Pol Roger nicht. Hier läuft alles familiär und nach Plan. Das Lieblinghaus von Winston Churchill wirkt auch im Inneren durch und durch britisch distinguiert, was nicht verwunderlich ist, denn die Marke ist in Britannien seit Jahrzehnten hoch angesehen. Der ehemalige Premier und Kriegsminister, lange mit der Familie befreundet, war denn auch Namensgeber für eine denkwürdige Prestige-Cuvée namens Cuvée Sir Winston Churchill. Sie ist genau so gemacht, wie Sir Winston sie gemocht hätte: Pinot Noir prägt den fülligen und eleganten Charakter. Daneben beeindrucken vor allem die Blancs, also die vom Chardonnay  geprägten Weine. Am unteren Ende der Skala überzeugen der White Foil, ein Brut mit einem hohen Maß an Reserve-Weinen, dazu für Puristen vor allem der Extra Brut de Reserve. Der zeigt, dass auch distinguierte Häuser Champagne ohne Dosage können und eben nicht nur die Winzer. Was bei Pol Roger vor allem überrascht, ist der Preis, denn der war und ist trotz aller Popularität immer moderat geblieben. Mit Champagne Boisel, Alfred Gratien und Leclerc-Briant kenne ich mich zugegebener Maßen nicht aus und so bleibt aus meiner Sicht noch ein Haus, eine Familie, die hier besucht werden sollte.

© Janisson-Baradon

© Janisson-Baradon

Bei Janisson-Baradon et Fils werden holzbasierte, volle Champagner produziert, die enorm körperreich sind, konzentriert und cremig. Denen des Großmeisters Anselm Selosse stilistisch nicht unähnlich. Cyril Janisson, der heute Besitzer verzichtet im Weinberg seit langer Zeit auf den Einsatz chemischer Mittel, hier wird viel gearbeitet, um eine sehr gute Traubenqualität zu erreichen. Die vom Kalk geprägten Böden sind hauptsächlich mit Pinot Noir bestockt, im Keller steht viel Holz und, seit einiger Zeit ein paar Betoneier – zum Ausprobieren. Was interessant ist bei Janisson: Einige der Cuvées basieren immer auf dem gleichen Grundmaterial, einer Cuvée aus 50% Chardonnay und 50% Pinot Noir, die einen Anteil von 30% Reserve-Weine haben. Der NV-Brut Sélection wird daraus gemacht, ebenso die Grand Réserve, wo der Grundwein länger auf der Hefe liegt. Diese Grande Réserve gibt es Brut, Extra Brut und Non Dosé. Die gleiche Grund-Cuvée wird für den Rosé verwendet, wo noch ein Anteil Pinot Meunier hinzukommt und Farbe gibt. Wirklich spannend wird es im Bereich der Einzellagen-Chamapgne, wo es bei Janisson-Baradon mittlerweile drei Stück gibt. Toulette ist der Name einer 1947 gepflanzten Parzelle der Chardonnay-Abwandlung Chardonnay-Muscaté, einer duftigen und selten Varietät. Der Toulette liegt mehrere Jahre auf der Feinhefe, dann im Barrique und bekommt dann 12 Monate Flaschenreife. Der Ertrag im Weinberg liegt bei nicht einmal der Hälfte der üblichen ca. 75hl/ha. Ein Extrem-Champagne also, der auch am Gaumen absolut ungewöhnlich ist. Er hat vergleichsweise wenig Säure – obwohl es keinen BSA gab. Es duftet und schmeckt nach Steinobst und Mandarinen, Orangen und Papaya. Der Wein ist reif und mit der wenigen Säure und der Konzentration ist das wirklich üppig. Dabei mit dem Muskat-Ton und einer gewissen Rauchigkeit aber höchst individuell. Daneben steht der Tue Boeuf, ein Pinot-Noir-Schwergewicht, rund, voll, mit ebenfalls geschmeidiger Säure, obwohl es auch hier keinen BSA gab. Rote Beeren bestimmen den Duft, Brioche, Stein und ein wenig Holz. Alles ist trotz der Üppigkeit geschliffen, fein, balanciert und nuanciert. Das ist schon beeindruckendes, terroir-betontes Handwerk. Neben diesen beiden Einzellagen kommt nun noch eine dritte dazu, die neben der weiteren Lage auch die dritte Rebsorte vorstellt. der Pinot Meunier stammt aus der Lage Chemin des Conges. Darüber wird in Zukunft vielleicht mal zu berichten sein, wenn ich das dann mal probieren konnte.

zum vergrößern einfach klicken

zum vergrößern einfach klicken

Die bisherigen Artikel:

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

In der nächste Folge geht es weiter Richtung Côte de Blancs.


Weiterblättern »