Kürzlich hatte ich endlich mal die Möglichkeit, Torsten (Allem Anfang…) und Matthias (chezmatze) zu treffen und wir hatten einen ausgesprochen kurzweiligen Abend mit einigen schönen Weinen. Auch wenn Torsten direkt um die Ecke in Köln wohnt hatte es bisher nie geklappt. Nun hat er uns zu Ehren eine Müller-Catoir 1994er Rieslaner Mussbacher Eselshaut Trockenbeerenauslese geöffnet.
Bevor ich jedoch zu dieser Essenz komme stehen noch einige Weine im Weg, die es zu probieren galt bevor der Nektar uns erwartete. Meine 2004er Riesling Spätlese* aus dem Bopparder Hamm Feuerlay von Florian Weingart war nicht unbedringt der Knüller an diesem Abend (ich habe ihn hier schon mal beschrieben und da hat er mir besser gefallen), genauso wenig der Pinot Kappelrodeck 2006 von der Hex vom Dasenstein. Spannender, freakiger auf jeden Fall kam der Riesling BRUCK 2008 von Veyder-Malberg daher. Ein geradezu störischer, karger Riesling von calvinistisch-strenger Schönheit, der im Laufe des Abends eine klare, mineralische Blüte entwickelte und für mich der erste und auch der letzte Wein des Abends war.
Von diesem Wein, den Matthias mitgebracht hatte, hatte ich bisher, ich muss es bekennen, nicht gehört. Das Weingut liegt in der Wachau und Peter Veyder-Malberg hat hier einige der steilsten, von der Aufgabe bedrohte Terrassen mit altem Rebbestand erworben um grünen Veltliner und Riesling anzubauen.
Peter Veyder-Malberg tummelt sich seit Anfang der Neunziger im Weingeschäft, nachdem er in der Werbung gearbeitet hat. Studiert hat er am Napa Valley College und in Wädenswill in der Schweiz, wurde in der Pine Ridge Winery, der Fattoria de Montemaggio und beim Schwarzen Adler ausgebildet und hat nicht zuletzt 14 Jahre lang als Betriebsleiter beim Grafen Hardegg im Weinviertel gearbeitet und die dortige Umstellung auf Biodynamie vollzogen.
Der Riesling aus der Lage »Bruck« stammt aus der Gemeinde Viessling, gilt in diesem Ort als die wärmste Lage und ist trotzdem eine der kühlsten und höchsten in der gesamten Wachau. Der Wein besitzt bei 8,1 Gramm Säure erstaunliche 6,7 Gramm Restzucker, die man vielleicht ein wenig in der etwas fruchtsüßlichen Nase erahnen kann. Am Gaumen jedoch verbindet sie sich vortrefflich mit der Säure und hebt sich mehr oder weniger gegenseitig auf. Es bleibt eine klare Mineralität, eine strenge Würze, eine feine Frucht und eine stimmige Balance.
Pinot Noir von der Mosel bleibt für mich ein Exot und liegt nicht unbedingt auf meiner Weinlandschaftskarte. Dass dort trotzdem gute Spätburgunder gemacht werden beweist Stefan Steinmetz aus Wehr. Wehr liegt dort, wo die gegenüberliegende Seite der Mosel schon luxemburgisch ist. Hier bestimmt der Muschekalk den Boden und die Bedeutung des Rieslings tritt hier hinter Bugundersorten und dem Elbling zurück.
Dies ist der erste Wein, den ich von Stefan Steinmetz probiert habe und ich werde ihn mal im Auge behalten. Denn, was ich gerade im im demokratischen Weinbuchso lese: Es soll bei ihm guten Elbling geben (ich dachte ja immer, das wäre ein Widerspruch in sich) und auch der Sekt hat wohl so einiges für sich. Der Spätburgunder 2008 muss sich in der Kategorie der Weine um die 10 Euro herumschlagen und dürfte es dort nicht einfach haben, sich zu behaupten. Er hat ne schöne Frucht und leichten Holzeinsatz, insgesamt wirkt das alles noch ein wenig vordergründig, stimmt aber hoffnungsfroh.
Einen feinen reinsortigen Cabernet Franc hat uns Matthias mit der Cuvée du Clos du Chêne Vert von Charles Joguet mitgebracht. Dieser Chinon aus Monopollage, dessen durchtränkter Korken Schlimmes erahnen ließ war hervorragend in Form. Keine Spur von Kork oder Muff. Stattdessen Chinon par excellence. Joguet gehört eindeutig zu den Qualitäts-Vorreitern im Chinon, gehörte mit zu denen ersten, die in den Sechzigern und Siebzigern ihre eigenen Weine auf den Markt gebracht haben, alles andere war damals Fassverkauf. Er hat Erträge reduziert und begonnen, von Hand zu ernten, ja, er hat sogar einen Rebhang mit wurzelechten Reben bestückt.
Im Glas bot sich eine Balance aus reifen dunklen Früchten und Holz, Tertiäraromen von Leder und etwas Sandelholz. Ich hätte diesen Duft den ganzen Abend weiter inhalieren können. Am Gaumen ebenfalls die dunklen Früchte, schwarze Johannisbeere, Brombeeren aber im Besonderen, etwas schwarze Kirsche rundet ab, dazu wieder feiner Holzeinsatz, Paprika, Tomatenessenz, etwas Salmiak. Hinten raus vielleicht ein klein wenig kurz, aber das trübt das Gesamtbild kaum.
Einen 2000er Clos de Vougeot Grand Cru von Jacques Prieur hat man nun auch nicht alle Tage im Glas. Dieser Abend hatte es in sich auf dem Weg zur Rieslaner TBA. Als steinig kann man diesen Pfad kaum bezeichnen. Den Stein schmeckte man höchstens in diesem Burgunder. Den Stein, die Frucht, die Kräuter.
Die Domaine Jacques Prieur, zur Hälfte im Besitz des Handelshauses Antonin Rodet, besitzt 20.68 Hektar Primeur und Grand Cru sowie Monopol-Lagen im Burgund und gehört damit zu den Domainen mit der größten Range an Spitzenweinen.
Auf Burgund wäre ich bei diesem Wein nicht gekommen, den Wein hat Torsten uns verdeckt eingeschenkt. Matthias lag mit deutschem Spätburgunder ebenso daneben wie ich mit kalifornischem Pinot. Mich hat die Wucht, die Kraft in der Nase überrascht und erinnerte mich durchaus an manchen Russian River Pinot. Genauso aber fiel mir die 15.5%-Alkoholbombe des 2003er Spätburgunder von Künstler wieder ein, die wir kürzlich in der Bonner Weinrunde dabei hatten.
Erstaunlich, dass der 2000er Vougeot dann nur moderate 13% in sich trug und doch so massiv wirkte, mit einem etwas brandigen Abgang. Darüber hinaus jedoch barg dieser Wein eine große Strahlkraft und Finesse. Frisch, kräftig, mit viel Pfeffer, roten und dunklen Früchten, feiner Kräuterwürze und Minzaromatik und einer feinen Länge. Schönes Burgund!
Ach ja, und dann die Mussbacher Eselshaut. Die kleine Flasche wirkt wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Nicht, dass es das Weingut Müller-Catoir nicht mehr gibt, nein, das steht weiter mit in der Spitze der Pfalz und produziert bemerkenswerte Rieslinge und, ja, nicht zuletzt edelsüße Rieslaner. Nur aus der Lage Mussbacher Eselshaut gibt es keinen mehr, nur aus dem Herzog und Schlössel.
Wer aus Deutschland nur Beerenauslesen vom Riesling oder vielleicht Huxelrebe kennt wird überrrascht sein, Rieslaner hat eine ordentliche Säure zu bieten. Diese Neuzüchtung von 1921 (Silvaner x Riesling) führt mit nicht mal 90 Hektar ein Schattendasein, mehr noch als Scheu- und Huxelrebe. Was Schade ist, im edelsüssen Bereiche hat sie große Qualitäten, ich habe aber auch schon gute trockene Weine getrunken. Ich weiss allerdings nicht, ob überhaupt noch ein Winzer trockene Rieslaner ausbaut.
Man sieht es an der Farbe, dieser Wein hat ein paar Jahre auf dem Buckel, er hat schon in den ersten Jahren eine tief orangene Farbe besessen und genau so tief nach vollreifen Aprikosen geduftet haben, sagt Torsten. Nun befindet er sich auf dem Weg zum gereiften Wein, die Aprikose steht als Frucht immer noch deutlich im Vordergrund, jetzt aber eher als kandiertes Trockenobst. Hinzu kommt der Sud schwarzen Tees und der Duft in Zucker eingelegter Quitten. Der Wein ist herrlich stoffig im Mund. Dicht, mit viel Fruchtsüße und ganz präsenter, druckvoller Säure. Das ist hervorragend, die Säure hält die Frucht so schön im Zaum, dass der 94er immer noch zu vibrieren scheint. Im Nachhall dieser Fruchtexplosion kann man sich dann durchaus verlieren.
Gestern haben wir mal wieder in kleiner Runde zusammengesessen. Auf dem Programm stand eine Fünfer-Vertikale des im Pessac-Léognan beheimateten Bordeaux-Châteaus Smith Haut Lafitte.
Traditionell beginnen wir unsere Abende mit einem Champagner, in diesem Fall mit einer Grande Réserve des Hauses Vilmart & Cie, Rilly-la-Montagne aus dem nördlichen Bereiche der Grande Montage de Reims.
Vilmart, 1890 gegründet, besitzt 11 Hektar rund um das eigene Anwesen, wobei hier, ganz unüblich für die Region, Chardonnay als Hauptrebsorte überwiegt. Normalerweise findet sich in der Montagne mehr Pinot. Sämtliche Lagen des Besitzes fallen unter den Premier Cru Status. Vilmart, bzw. der Besitzer Laurent Champs und auch schon sein Vater gehören zu den Winzern, die sehr früh auf den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden im Weinberg verzichtet haben und sie gehören weiterhin zu jenen, die ihre Grundweine samt und sonders in Holzfässern ausbauen. Non Vintage Champagner werden in Fudern ausgebaut, Jahrgangschampagner in gebrauchten Barriques. Die Vorgehensweise ähnelt also der bei beispielsweise Selosse, de Souza, Larmandier-Bernier und anderen Winzern, die biologisch im Weinberg arbeiten und auf Holz statt auf Edelstahl im Keller setzen.
Die Grande Réserve Brut Premier Cru, Losnummer 11 08, das dürfte auch das Degorgier-Datum sein, besteht im Gegensatz zu allen anderen Erzeugnissen Vilmarts zu einem höheren Anteil aus Pinot Noir (70%) und zu einem geringeren aus Chardonnay (die restlichen 30%).
In der Nase findet sich ein Hauch Holz und ein leichter Duft von Hefe, zusammen mit etwas Salzigem, was mich ein wenig an Fisch erinnert hat, aber das wäre ein Negativurteil, was ich so nicht formulieren mag. Es scheinen jedenfalls einige salzige Aromen am Geruchsbild mitzuwirken, das ansonsten eher auf Chardonnay denn auf Pinot schließen lässt: Zitrusfrüchte dominieren hier.
Am Gaumen ist der Wein zunächst einmal frisch und crémig, was meiner Meinung nach zunächst einmal das Wichtigste ist. Fehlt die Frische wird der Wein schnell langweilig, dann kann ich auch einen Stillwein trinken. Hier jedoch findet sich eine frische Säure, Mineralität, wiederum Citrusnoten und Pfirsich, begleitet von würzigen Noten und frischem Brioche. Im Mund merkt den Pinotanteil deutlicher als in der Nase, der Wein hat hier ein pinottypisches Volumen. Schön ist, um noch mal darauf zurück zu kommen, die crémige Textur, die nicht zuletzt aus dem zehnmonatigen Holzfassausbau resultieren dürfte sowie die Länge, die diesen Einstiegswein des Hauses zu einem guten Kauf werden lässt und mit 32 Euro bei Hardy in Berlin auch gut bepreist ist.
Das eigentliche Thema des Abends aber waren die weißen, von Sauvignon Blanc dominierten Gewächse des Château Smith Haut Lafitte, bei mir intern op Kölsch Schmitz-Hoot genannt.
Wie viele andere Châteaux im Bereich Pessac-Léognan, Graves auch ist Smith Haut Lafitte deutlich älter als die bekannten Médoc-Güter. Bis ins 14. Jhd gehen die Annalen zurück als die Familie Bosq im Jahre 1365 das Gut gegründet hat. Interessant wird es ab dem 17. Jahrhundert, als der Schotte George Smith den Besitz übernahm, das heutige Anwesen erbauen ließ und begann, die Weine auf die britischen Inseln zu exportieren. Ab 1842 hat der damalige Bürgermeister von Bordeaux, Monsieur Duffour-Dubergier den Besitz übernommen, ausgebaut und das Gut weiter bekannt gemacht. Den weltweiten Export übernahm der Händler Louis Eschenauer, der das Anwesen zwischenzeitlich erwarb bis es 1993 in den Besitz des früheren Ski-Olympiasiegers Daniel Cathiard überging. Dieser hat den Besitz zusammen mit seiner Frau Florence zu einer neuen Blüte gebracht, enorm viel Geld in das Anwesen mit dem markanten blauen Signet investiert und mit Frau und Tochter sogar eine eigene, auf Weintrauben basierende Kosmetiklinie namens Les Sources de Caudalie sowie eine Reihe von Spa eröffnet. Die Familie hat in den letzten zwei Jahrzehnten also keine Mühen gescheut um den Besitz in die erste Riege der Graves-Château zu befördern, zu denen es vorher eigentlich nie gehört hat. Eine der vielen Maßnahmen, die angewandt wurden um diesen Qualitätssprung zu erreichen ist neben der Neuanlage der Weinberge, dem Ausbau des Kellers und der Beratung durch Michel Rolland die stete Hinwendung zur biodynamischen Bewirtschaftung des Weinbergs, womit peu à peu 1997 begonnen wurde.
Die Jahrgänge 2000 und 2002
Leider hatte direkt der erste Wein im ersten Flight einen Korkschmecker, der den Vergleich mit dem hervorragenden 2002er schwieriger werden ließ. Beide Weine standen goldgelb im Glas und dufteten mit einer Aromatik von leicht gerösteten Nüssen und Kernobst.
Was ich beim 2000er zuerst als Walnuss-Aromatik empfunden hatte wandelte sich zunehmend deutlich im Laufe des Abends zu einem TCA-Fehler des Korkens. Schade, denn der Wein hatte eine schöne Tiefe und Länge.
Der 2002er ist von der Zusammensetzung her ein typischer weißer Smith Haut Lafitte. 90% Sauvignon Blanc werden ergänzt durch 5% Sauvignon Gris und 5% Sémillon. Neben der Aromatik von gerösteten Nüssen findet sich ein wenig Akazienhonig, etwas Banane und reife Mirabellen. Und das nicht nur im Duft sondern ebenso im Geschmack, wo sich zusätzlich eine gewisse Kräuteraromatik einfindet. Der Wein hat eine schöne Dichte und ausgezeichnete Länge. Zum Schluss des Abends findet sich ein leichter Petrolton in der Nase.
Die Jahrgänge 2007 und 2006
Im zweiten Flight stand der 2007er Jahrgang neben dem 2006er. Auch diese setzen sich aus 90% Sauvignon Blanc und je 5% der Nebenrebsorten zusammen, der Ertrag lag bei beiden bei 30 Hektoliter je Hektar (2002 lag er bei 25hl).
Die Stilistik der ersten beiden probierten Weine setzt sich auch in diesen beiden fort. Auch wenn der 2007er säurebetonter ist als der 2002er und zurückhaltender im Duft, findet sich die Steinobst-Nuss-Aromatik, die zunehmend durch eine leicht steinige Komponente ergänzt wird. Im jüngsten Wein des Abends findet sich zwar etwas mehr Holz als in den anderen, doch oaky ist dieser Wein kein bisschen. Die Frucht überwiegt deutlich, ist expressiv und verbindet sich hervorragend mit der Säure. Sehr gut.
Der 2006er, von René Gabriel mit übertriebenen 20/20 Punkten bewertet, ist noch ein Schüppchen besser. Nüsschen, reife, ja crémige weiße Früchte mit einem satten Schuss Akazienhonig formen einen dichten, in angenehmen Sinne vollen Wein, der jedoch genau so viel Grip und Säure in sich trägt, dass sich eine großartige Balance ergibt. Der Wein weckt bei allen am Tisch gleichermaßen Begeisterung. Hervorragend.
Der Jahrgang 2005 und ein unbekannter Nebenbuhler
Der 2005er, im dritten Flight mit einem verdeckten Nachbarn kredenzt, fällt in der Aromatik zunächst ein wenig heraus. Die bisher immer mitschwingende Nusskomponente finde ich kaum, hier überwiegen Quitte und Trockenfrüchte in der Nase. Am Gaumen aber hat dieser Wein alles, was das Weingut ausmacht. Wenn der Wein auch weniger Säure hat als seine beiden Vorgänger ist dies hier die Quintessenz: kühle Frische, ausgezeichnete Säurestruktur, mineralische Kräuteraromatik, leichte Würze, stoffige, weiße Frucht und ein wenig vollreifer Pfirsich. Kraftvoller ist der Wein und doch elegant, tief, mit einer ausgezeichneten Länge fast monumental. Für mich nahe an der Perfektion weißer Graves.
Neben diesem 2005er stand ein Wein, der zwar in der Nase deutliche Alterungsnoten aufweisen konnte, im Glas aber hell schimmerte ohne jeden Alterungston. Auf einen 1979er Château Laville Haut Brion, heute La Mission Haut Brion, ebenfalls Graves, ebenfalls Sauvignon Blanc, ist am Tisch natürlich niemand gekommen. Durchaus amüsant und durch die Bank zutreffend waren die Geruchsvergleiche mit Tahin und Zitrone, Käse oder Kettenfett, gekochtem Gemüse und Karamell. Stand Tahin und Kettenfett zu Beginn im Vordergrund wurde der Wein über die nächsten Stunden nicht schwächer und müder, nein, im Gegenteil formte sich ein karamelliger Wein mit ausgezeichnetem Säuregerüst mit zunehmender Weichheit und Finesse. Sehr beeindruckend.
Was nach den drei Runden Pessac-Léognan wiederum verdeckt ins Glas kam war ein Wein, der von einem der bevorzugten Winzer unseres Gastgebers stammt. Der 2003er Uhlen Laubach von Heymann-Löwenstein, Terrassenmosel, hat uns ebenso viel Spaß bereitet wie die Bordeaux. Dieser Wein aus dem Hitzejahrgang wirkte überhaupt nicht müde – beim kürzlich genossenen 2003er von Clemens Busch konnte ich davon auch nichts feststellen. Der leicht nach Virginiatabak und Pfirsich duftende Wein hatte zwar naturgemäß keine überbordende Säure, aber eine, die den Wein sehr gut zusammengehalten hat. Leicht karamellig wirkte der Wein, mit kräutriger Mineralik, leicht herben Johannisbeer-Noten, einer deutlich spürbaren Restsüße und ausgezeichneter Länge.
Zum Schluss noch mal ein Höhepunkt eines feinen Weinabends: Château Suduiraut, Sauternes, 2003. Was für ein genialer Tropfen. Eine nicht enden wollende dichte Süße, eine crémige Karamellbonbonessenz mit eingelegten Früchten voller gebändigter Kraft und Dichte. Und das, was einen bei vielen Sauternes befürchten lässt, man müsse ob der Schwere durch die Decke plumpsen wird hier gekontert mit Frische, mit einem feinen Säuregerüst, was mir bei diesem Château wie bei kaum einem anderen immer wieder auffällt und die Weine unwiederstehlich macht: Da schwebt eine riesige, mit eingelegten Früchten durchsetzte Crème Brullée in einem schweren Tongefäss wie auf einem Magrittschen Gemälde schwerelos über den Dingen. Großer Wein, großartiger Abend.
Ich möchte mich an dieser Stelle gerne bei Axel Probst, World of Port, und dem Portweininstitut IVDP für die Möglichkeit bedanken, sehr intensiv die 2007er Vintage Ports verkosten zu können. Eine solche Zusammenkunft von Spitzenerzeugern, die meist auch noch direkt ihre Late Bottled Vintages mitgebracht hatten, dürfte ein Novum gewesen sein.

Im Kasino von Bayer in Leverkusen waren, ich hatte es kürzlich angekündigt, alle großen Namen wie Niepoort, Delaforce, Cockburn, Taylor's, Royal Oporto vertreten genauso wie viele kleine Produzenten, von denen ich teils noch gar nicht gehört hatte. Feuerheerds zum Beispiel, Passadouro oder Duorum.
Ohne mich auch nur entfernt als Spezialist dieser Weine aus dem Douro-Tal bezeichnen zu dürfen, sind mir doch einige Güter aufgefallen, die ich hier zumindest kurz auflisten möchte. Niepoort beeindruckt – wie immer? – durch herausragende Qualität. Neben ihm am Kopfenende stand Passadouro mit drei Ports, die mir ausgesprochen gut gefallen haben, ein Tisch weiter die Weine der Familie Symington, Warre's, DOW, Quinta de Vesuvio mit außerordentlicher Qualität. Direkt ums Eck ein kleiner Erzeuger namens Duorum, aus der Reihe fallend mit mineralisch-würzigem Port sehr eigenen Stils. Weiterhin beeindruckt haben mich LBV, Silval und Noval, der Quinta do Noval mit mineralisch, eukalyptisch-kühlen Weinen mit feiner Würze und zurückhaltender Süße – ein schöner Gegenpart zu fast gezuckert wirkenden Weine, wie sie beispielsweise Andresen produziert hat.
Ich bin der Meinung, dass Florian Weingart 2007 den bisher homogensten und beeindruckendsten Jahrgang seines Winzerlebens hervorgebracht hat. Da hat alles gestimmt, auch wenn er es sicherlich noch mal übertrumpfen wird.
Der 2008er dagegen ist weit schwieriger. Zunächst musste er die Weine feinentsäuern, ich weiß nicht, ob es in anderen deutschen Gebieten ebenso der Fall war, er kam nicht umhin, der natürliche Säureabbau hat irgendwann gestoppt. "Eine Ironie der Natur ist es, dass gerade in Jahren mit höherer Ausgangssäure der
natürliche Säureabbau durch Milchsäurebakterien, der im vergangenen Jahr oft spontan einsetzte, ausbleibt, sodass ich gegen mein selbst gegebenes Gesetz verstoßen habe, Prädikatsweine nicht zu entsäuern und es hier sozusagen beichte."
Den Weinen fehlt, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, die Eleganz des letzten Jahrgangs. Dagegen sind sie deutlich frischer, deutlich klassischer Riesling mit immer noch relativ hohem Säureanteil. Vielen wird dieser Wein nicht behagen, und wenn man die trockene 2007er Ohlenberger Spätlese gegen die von 2008 stellt, sind es zwei völlig unterschiedliche Weine, wenn auch die Herkunft, das Floral-tropisch-Würzige des Ohlenbergs im Gegensatz zu den Aprikosenrieslingen der Feuerlay durchaus lagentypisch bei beiden gleich ist. Dagegen fehlt im 2008er die Tiefe und der Schmelz, der den 2007er Ohlenberg auszeichnet. Dieser wurde, wie auch diverse andere 2007er, wieder präsentiert und zeigt sich deutlich entwickelter, man könnte sagen erwachsen.
Die trockenen Spätlesen aus Feuerlay und Engelstein fallen gegenüber dem Ohlenberg ab, einzig die Feuerlay Spätlese mit * überzeugte mich, das war nicht ihr Jahr, mit Sicherheit auch ein Grund, warum Weingart diese Weine nur trocken und nicht etwa feinherb und süß ausgebaut hat. Das wiederum hat er beim Ohlenberg getan und der Ohlenberg mit über 80 g Restsüße und 10 g Zucker ist in seinem markanten Süß-Säurespiel mit Blumen, Gewürzen, Mineralen und Frucht der Wein des Tages.
Wirklich schön zeigten sich der 2007er Jahrgang und die Restposten an Spät- und Auslesen aus den Jahren 2004 und 2005. Für um die 8 Euro findet man hier, wenn man hinfährt, gereifte Weine von ausgezeichneter Qualität. Und ein Plausch mit diesen sympathischen Winzern lohnt sich immer.
Eigentlich wollte Clemens Busch vor allem trockenen Riesling produzieren. Daran hing und hängt sein Herz. Wirklich bekannt, in gewisser Weise berühmt geworden ist er aber vor allem für seine edelsüßen Qualitäten. Ob im Eichelmann oder Gault Miliau (99 Punkte für die TBA 2007 aus der Pündericher Marienburg), ob Wein-Plus oder Stuart Pigott. Alle haben sie ihn längst entdeckt und er wird gefeiert.
Der Botrytisbefall sucht die Hänge der Marienburg erst seit etwa einem Jahrzehnt heim und so sind diese edelsüßen Weine eigentlich noch ein Novum im Keller des Ehepaars Busch.
Nach einer ausufernden Käsepause, in der es einen opulenten, botrytisschwangeren 2006er Riesling aus der Marienburger Falkenlay zu verkosten gab, läutete der Riesling vom roten Schiefer 2007 die fruchtsüßere Riege ein. 13 Gramm Restzucker als Basis für einen relativ zurückhaltenden würzig-mineralischen, harmonischen Wein.
Der Fahrlay aus der Marienburger Ersten Lage. Eine Spätlese vom blauen Schiefer mit einer dichten Nase aus hellen Früchten mit leichter Würze. Feine Säure, viel Minerale – muss ich es immer wiederholen? Die Weine, alle Weine strotzen mehr oder weniger davon. Aber wie unterschiedlich wirkt sich die Farbe, die Beschaffenheit des Schiefers aus? Der Blaue hier führt zu deutlicher Astringenz – hat dafür aber auch schon einiges an Schmelz, was den Wein jetzt schon in jungen Jahren sehr rund wirken lässt.
Der Falkenlayer Riesling aus der ebenfalls Ersten Lage wirkt dagegen viel dunkler als der helle Fahrlay. Er ist deutlich würziger – grauer Schiefer – noch heftigere, ungezügelte Mineralität, Steinobst, eingemachtes Steinobst, etwas Botrytis, 20 Gramm Restzucker und auch hier viel Schmelz. Für mich im feinherben Segment der Wein des Abends, den ich in den Keller legen möchte, um zu sehen, was in den nächsten Jahren passiert.
Die beiden edelsüßen Weine bildeten dann den dritten Teil des Abends. Die Auslese aus der Ersten Lage Marienburg vom roten Schiefer wirkt zunächst fast noch ein wenig plump, weil sie noch zu sehr nach Aprikosenmarmelade schmeckt. Dabei aber ist sie sehr frisch mit klarer Säure und Mineralen. Dazu wirkt sie etwas staubig mit ein wenig leichtem Hagebuttentee. Staubiger Hagebuttentee? Wo führt das hin? Nun, ernsthaft kann ich nur sagen: Finger weg und liegen lassen und in zehn Jahren wieder hervorholen.
Das gilt auch für die in halbe Flaschen gefüllte 2006er Auslese vom Marienburger Rothenpfad. Auch wenn diese schon ein wenig, ein wenig offener und reifer wirkt, kann man auch hier nur erahnen, wohin der Weg führen wird. Im ersten Moment der Geruch von verbranntem Gummi, ganz leicht und er verfliegt schnell. Dann kommen Karamell und Rosinen und Steinobst und schwarzer Tee. Cremig und schmelzig ist der Wein und ein schöner Abschluss für diesen Abend.
Clemens Busch hat viel erzählt und zum Schluss hat er trotz der Tatsache, mitprobiert zu haben, einen trockenen Mund. Sehr kurzweilig war es mit ihm und beeindruckend, weil er genau weiß, was er in seinem Metier will. Und beindruckend war das schöne Ambiente im Bordeaux-Keller von Fegers & Berts allein schon auf Grund der Güte und klar eigenen Stilistik der Weine von Busch. Er bleibt eindeutig einer meiner bevorzugten Winzer in Deutschland.