originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Frühlingsweinabend in Lindlar. Für Kurzentschlossene.

21/Apr/12 21:29 kategorisiert in: Abschweifungen, Eigene Veranstaltungen

Morgen Abend führe ich bei den artgenossen in Lindlar durch einen Weinabend mit zehn Weinen aus Deutschland und Frankreich. Der Schwerpunkt liegt auf dem Jahrgang 2011. Es wird allerdings auch ein paar jung gebliebene ältere Weine geben, kombiniert mit ein paar schönen Gerichten.

Wer also  den Weg aus Köln und Umgebung nicht scheut und noch nichts besseres vor hat – es gibt noch Karten, wie ich gerade erfahren habe. Nähere Informationen gibt es hier. Ihr werdet es nicht bereuen, sag' ich mal so.

Neues vom Originalverkorkt Shop

29/Mrz/12 10:45 kategorisiert in: Eigene Veranstaltungen

Wie Ihr ja wisst, musste ich aus Gründen den Originalverkorkt-Shop im Januar aufgeben. Nun hat sich nach der Schließung ein Team von Enthusiasten gefunden, die mit mir zusammen den Shop wieder neu auf die Füße stellen werden. Es wird eine GmbH gegründet, neuer Wein eingekauft, die Website überarbeitet und optimiert, Zahlungsmodalitäten werden erweitert und unser Ziel ist es, im Mai wieder online zu sein.

Stay Tuned!

Blanc de Blancs Champagne: Teil 2 – Über Kreide, de Sousa, Raumland, Brochet und Moncuit

Wenn man auf die Karte der Appellation Champagne schaut, bemerkt man, dass die Region zersplittert ist. Das ist ungewöhnlich für eine Weinregion, hängt aber vor allem mit den unterschiedlichen Gesteinszusammensetzungen zusammen. Die Champagne lebt von Kalk und Mergel. Da diese Beschaffenheit nicht überall gegeben ist, hat man die Anbaufläche begrenzt. Bis zum Jahr 2008 waren es etwa 33.500 Hektar. Aufgrund der hohen Nachfrage wurde vom französischen Weinamt beschlossen, das Gebiet in den nächsten Jahren um 38 Gemeinden zu erweitern. Zwischenzeitlich wurde, ebenfalls aufgrund der hohen Nachfrage, die mögliche Ertragsmenge von 10.500 Kilo Trauben/Hektar auf 12.500 Kilo erhöht, die großen Häuser hätten sogar gerne 14.000 Kilo gehabt. Doch schon eine Ertragserhöhung von rund 20% Traubenmaterial pro Hektar, was dann etwa 78 Hektolitern an Ertrag entspricht, ist für ein Luxusprodukt nicht gerade wenig. Wenn man allerdings andererseits die Produktionsmengen generell betrachtet, kann man von einem Luxusprodukt eh nicht mehr sprechen, da ist dann lediglich der Preis luxuriös, und die Marketingkampagnen sind es im Zweifel auch. Dem Ruf der Champagne tut es jedoch bisher anscheinend keinen Abbruch, und wenn der chinesische Markt auf die Champagne genau so heiß wird wie auf das Bordelais, dann sind im Zweifel selbst die Liegenschaften von 38 zusätzlichen Gemeinden noch deutlich zu wenig, um den Durst zu stillen. Über den Plan, die Appellation zu erweitern, wurde lange und heftig gestritten, denn, ich wiederhole mich kurz, die Champagne lebt von ihren Böden und dem jeweiligen Mikroklima. Und beides gilt in den 38 zusätzlichen Gemeinden nicht als besonders hochwertig. Aber was soll’s, sagen sich viele, für einen Discount-Champagner wird es reichen, da ist es eh fast egal, was in der Flasche ist. Und entsprechend wollen wir uns auch hier nicht weiter mit dieser Qualitätsstufe beschäftigen.

Kreidefelsen in der Champagne | © CIVC, HUYGHENS DANRIGAL CLAUDE ET FRANCOISE

Hier geht es gerade um Blanc de Blancs und man könnte annehmen, dass diese aus der Côte de Blancs stammen. Das ist meist richtig, aber nicht immer. Zwar ist die Côte de Blancs tatsächlich das Gebiet der Champagne, wo am meisten, ja fast ausschließlich Chardonnay wächst, woraus Blanc de Blancs im Allgemeinen gekeltert werden. Eigentlich heißt sie aber so, weil dort das Weiße der Erde, die Kimmeridge-Kreide, bis an die Oberfläche tritt. Der Boden ist dort so weiß wie die Kalksteinfelsen von Rügen und die Küste bei Dover, lediglich durch eine leichte Humusschicht bedeckt. So kreidig ist der Boden sonst nur in einzelnen Teilen der Montage de Reims, in Parzellen des Vallée de la Marne und in Teilen von Montgueux, einer kleinen Unterappellation. Dieser Boden ist in der Tat prädestiniert für Chardonnay und so stammen die Chardonnay-Champagner des Abends auch fast ausschließlich von diesem Untergrund. Lediglich die beiden Besonderheiten unter den Blanc de Blancs, die beiden raren Weißburgunder-Champagner, stammen von Mergelböden, in die sich ein wenig Weichkalk gemischt hat. Diesen Boden finden man im unteren, weiter entfernten Gebiet der Côte de Bar, die vor allem bekannt ist für ihren Pinot Noir.

De Sousas Stammsitz in Avize | Foto: © Vinaturel

 

De Sousa Blanc de Blancs Resèrve Grand Cru
Kehren wir zurück zu unseren Champagnern, so habe ich im zweiten Flight zwei ganz unterschiedliche Weine nebeneinander gestellt, von denen ich mir allerdings erhofft hatte, dass sie einen etwas ähnlichen Schmelz aufweisen könnten, und ganz falsch lag ich damit nicht. Zunächst gab es einen De Sousa Blanc de Blancs Resèrve Grand Cru. Die Familie eines aus Spanien stammenden Urahnen hat ihren Sitz in Avize, einem der beiden Hauptorte der Côte de Blancs, und bis auf kleine Mengen Pinot Noir aus Ay und Ambonnay sowie Meunier aus der Nähe von Epernay – beides wird für Rosé gebraucht – hat sich de Sousa auf Chardonnay spezialisiert. Dafür stehen der Familie 11 Hektar ausgezeichnete Premier- und Grand-Lagen in Avize, Oger, Cramant und Le Mesnil zur Verfügung. Seit 1999 arbeitet de Sousa biodynamisch, die Umstellung erfolgte unter der Leitung von François Bouchet, einer Ikone unter den Biodynamie-Spezialisten. De Sousa haben das Glück, nicht nur ausgezeichnete Lagen zu besitzen, die durch eine erfolgreiche Heiratsdiplomatie zu Anfang des 20. Jhs noch erweitert wurden, besonders ist auch das durchschnittliche Alter der Rebstöcke, welches bei 45 Jahren liegt. Schon dieser Umstand kann zu einer konzentrierteren Aromatik führen, wenn dann spät gelesen und der Ertrag reduziert wird und zudem die Technik der Batônnage angewandt wird, also die Hefe innerhalb des Gärbottichs mehrfach aufgerührt wird, dann führt dies, in Verbindung mit einer zurückhaltenden Dosage zu einem speziellen de Sousa-Stil, den Engländer als rich bezeichnen würden. Schon die Réserve ist voll, crémig-schmelzig mit Aromen von frischem Brioche, Salznüssen und Mandeln. Demgegenüber steht jedoch die Frische von Limetten und, je länger der Wein offen steht, reifen Orangen. Diese Fülle einerseits und die tänzelnde Zitrusfrucht-Säure und kalkige Mineralik andererseits machen diesen Champagner, der weniger kostet als ein Veuve-Clicquot, zu einem Erlebnis, dem sich in der Runde niemand entziehen konnte. Und auch wenn ich die viel puristischeren Weine von Bérèche und Larmandier persönlich eher schätze, so bin ich doch immer wieder begeistert von diesem Wein.

 

Raumland, Chardonnay 2004 Prestige
Was ich als Piraten angekündigt und entsprechend eingeschenkt hatte, konnten an diesem Abend jene erläutern, die sich mit diesem Wein viel besser auskennen als ich. Das Ehepaar Raumland hatte spontan zugesagt, als ich Volker Raumland die Probenliste des Abends inklusive seines 2004er Chardonnay Prestige geschickt hatte. Raumlands, die sich als Sekthaus in Flörsheim-Dalsheim komplett auf die Erzeugung von Schaumweinen spezialisiert haben, sind seit Jahren die am häufigsten ausgezeichneten Erzeuger in Deutschland und für deutsche Sekte ist Raumland die Referenz. Raumlands orientieren sich bei ihrer Arbeit ganz klar an den Winzern in der Champagne und nicht an der deutschen Konkurrenz. Riesling-Sekt spielt eine entsprechend geringe Rolle. Sämtliche Sekte von Rang stammen von Burgundersorten, reinsortig ausgebaut oder als Cuvée bis hin zum Triumvirat, einer Prestige-Cuvée aus den klassischen drei Champagne-Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Dieser Sekt entspricht dann auch preislich einem Champagner, der Jahrgangs-Chardonnay hingegen ist deutlich günstiger.

Erntezeit auf dem Sektgut Raumland | Foto ©: Raumland

Wenn man ihm auch sein deutsche Herkunft ein wenig anmerkt – er wirkt frischfruchtiger als die Champagner, aber das ist kein Makel, eher ein Charaktermerkmal –, so kann dieser Sekt auf dem Level, auf dem wir uns gerade befinden, sehr gut mitspielen. Ausgebaut wurde der auf Kalkboden wachsende Chardonnay im kleinen, gebrauchten Barrique, er verbindet Kraft und Fülle mit viel Frische und Noten von Steinobst. Das ist in seiner ganzen Harmonie einer der besten deutschen Sekte, die ich kenne.

In der dritten Runde finden sich zwei sehr unterschiedliche Typen, Böden und Stile. Mit dem Champagner von Emmanuel Brochet findet sich ein weiterer Winzer aus der Montagne de Reims, der den Anspruch hat, so natur- und terroirnah wie möglich seine Definition von natürlichem Wein zu produzieren, daneben steht eine Grande Dame aus Mesnil-sur-Oger, die verehrte Nicole Moncuit.


Emmanuel Brochet | Foto links ©: Thomas Iversen, Mad about Wine, Foto rechts: Christoph Raffelt

 

Emmanuel Brochet, "Le Mont Benoît" Non Dosé Vendange 2007
Brochet, der in Villers-aux-Noeuds in der Nähe von Reims beheimatet ist, besitzt gerade mal 2,5 Hektar Weinberg in der Einzellage Le Mont Benoît. Damit gehört er zu den Mikrowinzern, die andernorts vom Ertrag kaum überleben könnten. Brochet kann, den guten Preisen sei Dank. Villers-aux-Noueds Terroir, wo früher 200 Hektar, heute nur noch 30 unter Reben stehen, unterscheidet sich deutlich von den fast nackten Kreideböden der Côte de Blancs, vielmehr findet sich hier über der Kreide eine stärkere Kreide-Ton-Auflage, die dem Wein eine ganz eigene, fast rauchige Note verleiht. Brochet, der zu den Newcomern und den biologisch arbeitenden Winzern gehört, wirkt, was Ökologie und Biodynamie betrifft, ganz abgeklärt. Der Respekt vor der Natur und der Blick auf den teils schaurigen Umgang mit derselben, gerade in der Champagne – es ist noch nicht so lange her, dass man den Hausmüll von Paris als Dünger unter die Rebstöcke der Champagne verteilt hat –, hat ihn zum ökologisch arbeitenden Winzer werden lassen, mit Esoterik kann er nichts anfangen. Für ihn sei neben diesem Respekt die Schaffung eines guten Produktes wichtig, eines, das konzentriert die Besonderheiten seines Heimatboden widerspiegle, so Brochet. Gelesen wird das Rebgut bei 10 Grad Alkoholgehalt und verarbeitet wird es in einer 2.000 Kilo-Vertikal-Presse, was der Hälfte der üblichen Größe entspricht. Brochet selber nutzt lediglich das Coeur de Cuvée, also das Herz der Pressung, der Rest, die Taille, wird an Händler verkauft. Seit 2005 wird im großen Holzfass vergoren. Brochet nutzt dafür die von Fleury entwickelten Quarz-Hefen, keine Industriehefen. Er hat mit Spontanvergärung experimentiert, hat es aber zunächst wieder aufgegeben, weil er davon ausgeht, dass sein Keller noch zu neu ist, sodass dort das Mikroklima noch nicht stimmt, um genügend indigene Hefen zu erzeugen, die dann auch wirklich eine Gärung in Gang bringen können. Der Wein wird im Januar das erste Mal abgestochen, dann liegt er weiter bis Mitte des Jahres auf der Feinhefe. Geschönt und gefiltert wird nicht, der biologische Säureabbau wird nur bei Teilen der Weine durchgeführt.

Eigentlich hatte ich bei meinem Händler den Blanc de Blancs 2005 bestellt, jedoch den Le Mont Benoît Non Dosé 2007 erhalten. Das passt nicht ganz, wenn man einen Blanc de Blancs Abend plant, doch – ehrlich gesagt – ist es mir erst aufgefallen, als ich die Flaschen nach der Probe fotografiert habe. Also hatten wir eine ungewollte Cuvée im Programm, bestehend aus 50% Meunier, 25% Pinot Noir und 25% Chardonnay. Zu 85% 2007er Jahrgang gesellen sich 15% 2006er. Dieser Wein repräsentiert sehr deutlich das Terroir des Mont Benoît, die kreidige Note genauso wie die Tonerde. Entsprechend finden sich eher kreidig-mineralische, aber auch rauchige Noten, im Fruchtbereich sind  es Grapefruit und grünapfelige Noten, die dominieren und sich mit salzigen Noten und  etwas Brioche paaren. Am Gaumen setzt sich das Spiel aus salzigen Noten und dieser beeindruckenden Mineralität fort. Es ist eigentlich kein Wunder, dass bei dieser Expressivität der Kreide und dieser Stahligkeit nicht aufgefallen ist, dass hier nur 25% Chardonnay drin waren. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen sehr fokussierten, klaren, harmonischen Champagner erster Güte.

 

Pierre Moncuit, Blanc de Blancs Grand Cru Brut Millesimé 2002
Ähnlich harmonisch präsentierte sich der 2002er Grand Cru Brut Blanc de Blancs von Moncuit. Moncuit besitzt 20 verschiedene Parzellen in Le-Mesnil-sur-Oger, hinzu kommen 5 Hektar in Sézanne, die immer getrennt ausgebaut werden. Es ist der Ort, wo Krug seinen extrem teuren und raren Clos de Mesnil bewirtschaftet. An Säure fehlt es den Weinen aus Le Mesnil selten, was an der spezifischen Lage des Ortes und seiner Weinberge liegt. Entsprechend dem hohen Säureanteil lässt Nicole Moncuit die Weine immer einen biologischen Säureabbau durchlaufen. Die Weine der Moncuit, die seit den 50er Jahren unter eigenem Namen Champagner anbieten und zu den alteingesessenen und renommierten Betrieben gehören, werden ausschließlich im Edelstahl vergoren, und die Weine entstammen ausschließlich einzelnen Jahrgängen, es wird nicht mit Reserveweinen gearbeitet.

Der 2002er wirkt fein und zurückhaltend, fast gedämpft. Die Blumen-, Kräuter- und Fruchtaromatik duftet leicht aus dem Glas, mit zunehmender Luft mischen sich reifer Pfirsich, Grapefruit und einige tropische Noten in den Duft. Am Gaumen wirkt der Wein balanciert zwischen Frucht, Säure und kreidiger, nerviger Mineralität. Eigentlich ein ausgezeichnet balancierter Champagner, trotzdem hat er bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dabei will ich dem Champagner kein Unrecht tun; denn es typisch für Le Mesnil, dass die Weine viel Zeit brauchen. Ich würde noch mal fünf weitere Jahre ansetzen und dann noch einmal probieren.

 

Blanc de Blancs Champagne: Teil 1 – Intro, Bérèche und Larmandier-Bernier

Eines der meiner Meinung nach häufig unterschätzten Vergnügen bei der Auseinandersetzung mit Wein ist der Genuss von Champagner. Das dürfte verschiedene Ursachen haben. Zum einen ist da das Preisargument, welches bei vielen das nachvollziehbar gewichtige, ja ausschlaggebende Argument ist – sind die Preise des eh schon teuren Weins auf Grund der Nachfrage der letzten Jahre doch noch mal deutlich gestiegen, sodass man schon im Lebensmitteleinzelhandel mit 35 Euro/Flasche rechnen muss. Zum anderen dürfte den wenigsten Konsumernten bewusst sein, wie vielschichtig die Weinwelt in der Champagne eigentlich ist, was dazu führt, dass Champagner im Wesentlichen als Prestige-Getränk wahrgenommen und vermarktet wird.

Um die zweifellos vorhandene Vielfalt in einem kleinen Bereich abzubilden, habe ich vor meiner Sommer-Pause zu einem Champagner-Abend in Bonn eingeladen, an dem ich Blanc de Blancs Champagner in ihrer ganzen Bandbreite vorgestellt habe. Der Fokus lag speziell auf Erzeugnissen von unabhängigen Winzern, doch auch die Produkte größerer Häuser waren vertreten, nicht zuletzt, um die völlig unterschiedliche Stilistik aufzuzeigen.

Über Brut Nature und Dosage im Allgemeinen

Begonnen haben wir den Abend mit zwei Brut Nature Champagnern, also Weinen, denen keine Dosage, keine Süße mehr hinzugefügt wurde. Dies war bis vor wenigen Jahren recht ungewöhnlich, war der Champagner-Trinker doch an eine gewisse Restsüße gewöhnt. In der Tat aber ist die Zuckerung des Weines im letzten Jahrhundert stetig zurückgefahren worden. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es völlig normal, Champagner mit 70 bis 200 Gramm Zucker pro Flasche zu trinken, Champagner mit bis zu 35 Gramm Dosage setzten sich erst in den 20er Jahren durch und galten als Sec, also als trocken. Der Extra Sec oder Extra Dry, also der sehr trockene Champagner besitzt immer noch eine Dosage von bis zu 20 Gramm pro Liter und erst der Extra Brut bezeichnet das, was wir heute als einigermaßen trocken empfinden, der Restzucker liegt hier bei bis zu 6 Gramm.

Champagner ohne jegliche Dosage herzustellen ist eine durchaus moderne Erscheinung, die letztlich erst möglich geworden ist durch einen neuen Ansatz der Herstellung, wie sie sich bei jenen Champagner-Winzern etabliert hat, die nicht Allerweltsweine, sondern pure, terroir- und sortentypische Weine erzeugen möchten. Um diese Brut Nature überhaupt so erzeugen zu können, dass der Schaumwein nachher schmeckt, arbeiten diese Winzer im Weinberg ganz anders als die Kollegen, die ihr Traubenmaterial bei den großen Erzeugern abgeben, wie es in der Champagne allgemein üblich ist. Denn eigene Champagner auf den Markt zu bringen und international zu vermarkten, ist ebenfalls eine relative neue Erscheinung in diesem Gebiet – doch dazu später mehr.

Allein fünf Champagner in der Riege der 17 an diesem Abend genossenen Weine fielen unter die Kategorie der Non-Dosage-Weine, deren Traubenmaterial bei der Lese schon so reif sein sollte, dass der Wein später überhaupt genießbar werden kann. Im Normalfall wird in der Champagne ziemlich früh geerntet und wer mal den Grundwein selbst führender Häuser wie Krug oder Jacquesson probiert hat, weiß, dass es einem da auf Grund der hohen Säure die Schuhe ausziehen kann. Mit solchen Grundweinen wäre ein Brut Nature kaum zu machen, und für einige Anwesende in der Runde fiel der erste Champagner des Abends auch schon in diese Kategorie des kaum Trinkbaren, andere wiederum spendeten diesem puren Trinkvergnügen viel Beifall.

Béréche & Fils, Les Beaux Regards Chardonnay Brut Nature
Der Les Beaux Regards Blanc de Blancs von Bérèche & Fils nämlich ist ein rasiermesserscharfes Getränk. Jung noch, am Anfang seiner Entwicklung, abgefüllt im Mai 2008, degorgiert im Oktober 2010, merkt man ihm seine Jugend deutlich an, jedoch genauso seine Klasse. Allerdings wird der Wein des 26-jährigen Raphael Bérèche immer einer bleiben, an dem sich die Geister scheiden, denn diese pure, säurebetonte Mineralität dieses knochentrockenen Weines ist schon sehr besonders. Zumal wenn man die handelsüblichen Champagner gewöhnt ist, wirkt so ein Wein wie ein Kulturschock. Bérèche vermeidet eine malolaktische Gärung, das heißt, hier findet sich noch die Apfelsäure und nicht die gefälligere Milchsäure, der Wein strotzt von grünem Apfel und Kreide, mit einem Hauch Grapefruit und Aprikosen und auch im Mund findet sich die Mineralität.

Die Familie Bérèche hat Humor und hat sich inszeniert, als sei sie einem Film von Jeunet-Caro entsprungen.

Bérèches 9-Hektar-Domaine findet sich übrigens in der östlichen Montagne de Reims bei Trépail. Seit 2004 wird auf dem Gut nicht mehr gespritzt, seit 2007 setzt der junge Winzer auf Biodynamie, was ganz klar zum Stil passt, denn mit dieser Weinbergsarbeit kann er das Terroir viel eher extrapolieren als mit konventioneller Herangehensweise. Bérèche baut seine Parzellen – bei diesem Wein waren es 2/3 aus der 1902 gepflanzten Lage Ludes 1er Cru »Les Beaux Regards« sowie 1/3 aus Mareuil le Port – in unterschiedlichen Gefäßen aus, sie werden teils spontan vergoren und ohne Filtration abgefüllt. Erstaunlicherweise verkorkt Bérèche seine Weine für die Flaschengärung schon mit Naturkork, üblich ist hier ja viel mehr der Kronkorken. Das Degorgieren erfolgt bei ihm von Hand und er verwendet für die Versanddosage (die hier ja nicht vorhanden ist) noch traditionellen Liquer, statt wie üblich konzentrierten Most.

Was wir hier also im ersten Glas hatten, war schon ein Unikum, eine Mischung aus Tradition und ganz modernem, nachhaltigem und qualitätsgesteuertem Denken, was zu einem sehr authentischen, bemerkenswerten Produkt führt, das man, auch wenn es eine geringe Schwefelung gibt, durchaus als Vin Naturel bezeichnen kann.

Larmandier-Bernier Terre de Vertus Premier Cru Brut Nature
Ähnlich, wenn auch etwas größer, denkt Pierre Larmandier vom Champagnerhaus Larmandier-Bernier. Diese im Herzen der Côte de Blancs in Vertus beheimatete Winzerfamilie betreibt schon seit 1988 biodynamischen Weinbau. Die Larmandiers, die zu der verschwindend geringen Zahl von weniger als 1% der Winzer gehören, die ihre Weine spontan ausbauen, besitzen 16 Hektar Cru-Lagen in Vertus, Cramant, Chouilly, Oger und Avize. Pierre Larmandier hat ein ähnliches Interesse wie Bérèche: Er möchte die Gegebenheiten der einzelnen Lagen so authentisch wie möglich herausarbeiten und die Weine so harmonisch und mineralisch wie möglich werden lassen. Auch er baut daher die Lagen und Parzellen immer getrennt in Edelstahl oder Holzfudern aus, wobei immer häufiger Holzfuder zum Einsatz kommen und das Edelstahl eher für Reserveweine genutzt wird. Das Holz spürt man bei Larmandiers Weinen kaum, das ist auch nicht erwünscht. Viel eher dient das Holz zum Luftaustausch mit der Umgebung.

Der Terre de Vertus, der eigentlich sehr poetisch Née d’un Terre de Vertus heißt, stammt praktisch von einem Lieut-dit, also einer Einzellage von 2,5 Hektar, die aus den Parzellen Les Barilées, Les Faucherets und La Vieille Voie besteht und am Ortsausgang von Vertus auf dem Weg nach Le Mesnil liegt. Eigentlich ist es auch ein Jahrgangs-Champagner, denn der Grundwein stammt aus einem Jahr. Um den Jahrgang auf das Etikett schreiben zu dürfen, bedarf es allerdings einer dreijährigen Flaschenlagerung, die dieser Wein jedoch nicht erfüllt. Dass dies der Qualität keinen Abbruch tut, zeigt diese Flasche.

Pierre Larmandier

Der Terre de Vertus ist ein sehr mineralischer, frischer, trocken-knackiger Wein mit deutlichen Kreidenoten und Anklängen von Orangen- und Limettenschale, verbunden mit einer feinen Brioche-Note. Trotz der rassigen Säure und Mineralität wirkt der Champagner rund und fein, kein bisschen aggressiv. Dieser Wein, den ich selber auch im Programm habe, ist für mich der Archetyp dessen, was ein Non-Vintage-Champagner von der Côte de Blancs leisten kann, und ist für mich immer wieder mein Referenz-Champagner.

Im zweiten Teil: De Sousa & Fils, Raumlands Chardonnay, der sich kein bisschen verstecken musste, sowie Brochet und Moncuit

 


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