originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Sonntagswein: Domaine Mosse Rouchefer 2, Chenin Blanc, Anjou 2010

14/Dez/14 15:03 kategorisiert in: Chenin Blanc, Sonntagswein
mosse
Irgendwann hat René eine Wurst herausgeholt, die er von einem befreundeten Winzer aus dem Beaujolais geschenkt bekommen hatte. Man muss ja schließlich was im Magen haben, wenn man die ganze Palette der Domaine durchprobiert. Hier mit Alex Zülch.

Das ist einer dieser perfekten Sonntagsweine die man aufmacht, wenn man einfach mal die Seele baumeln lassen will. Vor allem, wenn dieser Sonntag im Advent liegt, denn dieser Chenin duftet und schmeckt wunderbar nach warmen Apfelkuchen mit Rosinen und Zimt. Dazu kommt diese für Chenin typische leicht mürbe, wächserne Note. Der Wein macht einfach viel Spaß, ist dicht, hat Länge und Trinkfluss, obwohl er üppig ist.

Zum ersten Mal habe ich ihn in diesem Jahr im Februar direkt bei den Mosse in der Domaine getrunken als wir mit opentrips unterwegs waren. Da traf es sich gut, dass Axel Zülch uns begleitet und übersetzt hat, denn der hat die Weine von Mosse im Programm. Diese Flasche hier aber habe ich von den weinrebellen zum Geschenk erhalten, die genau diesen Rouchefer auch gerade vorrätig haben. Zu Agnes und René Mosse, diesem herrlich sympathischen Schlitzohr werde ich später mal etwas ausführlicher schreiben. Jetzt werde ich einfach weiter trinken.

Bei den weinrebellen für € 15,95

2004 – zehn Jahre später: Cornas, St. Estèphe und eine Spätlese

12/Dez/14 12:30 kategorisiert in: Cabernet Sauvignon, Merlot, Riesling, Syrah / Shiraz

Domaine du Tunnel/Stèphane Robert, Cornas Vin Noir, Vincent Paris Cornas Granite 60, Thierry Allemand Cornas Reynard
Bisher war es jedes Mal so, dass es in der Runde ein großes Oh! und Ah! gab, wenn ich Weine von der Nordrhône auf den Tisch gestellt habe. Das Erstaunliche ist, dass diese Weine oft fantastisch sind, dass die meisten Erzeuger dort zumindest eine gewisse Klasse haben, das überdurchschnittlich viele Weine geradezu sensationell gut und eigenständig sind und das man anfangen könnte zu weinen, wenn man dann die Preise sieht, für die diese Weine verkauft werden – und sie trotzdem nicht den Stand von gutem Bordeaux oder Burgunder haben, ja weit davon entfernt sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Granit 60 von Vincent Paris. Dieser Wein wird in der Weinhalle aktuell in zwei Jahrgängen für jeweils €34,- angeboten. Dort findet man gerade die Jahrgänge 2008 und 2012. Wir hatten in der Runde natürlich den 2004er. Ich glaube, die Meinung war einhellig, dass das ein großer Wein war. Und zwar einer, der dem teureren, aber im Vergleich zu Spitzengewächsen aus dem Burgund und dem Bordelais geradezu billigen Reynard von Thierry Allemand nicht nachstand. Wir reden hier über Weine, die meiner Ansicht nach irgendwo in der Skala zwischen 93 und 95 Punkten liegen könnten. Die Weine aus dem Cornas sind schon in ihrer Jugend wunderbar zu trinken, das Tannin ist häufig sehr fein, die Primäraromen sind meist sehr sexy weil neben der Frucht häufig Veilchen und auch schon Leder, rohes Fleisch und weißer Pfeffer mit einfließen. Dann verschließen sie sich oft ein paar Jahre und werden mit dem Alter immer elegant und tiefer und dichter. Ich würde sagen, sie reifen ein wenig wie Burgund und bei den Winzern, die ihr Handwerk verstehen, gibt es immer ein schönes Säuregerüst, das den Wein frisch bleiben lässt. Von der Struktur her sind sie angenehm leicht und selten marmeladig, wie einem das im Bordelais viel häufiger passieren kann. Im Gegensatz zu Bordeaux sind die Weine dabei auch nicht so gemacht, nicht so überelegant, nicht so geschliffen und rund. Cornas ist ein Gebiet von gerade einmal 100 Hektar. Also so viel wie es größere Grand-Cru-Classé-Weingüter alleine hinkriegen. Die Betriebe sind meist klein und arbeiten traditionell und sicher mit weniger Kellertechnik als die Kollegen aus dem Bordelais. Cornas, was aus dem keltischen stammt und gebrannte Erde heißt, ähnlich wie die nahegelegene Appellation Côte Rôtie, gehört zu den Cru-Appellationen an der Rhône. Im Gegensatz zu den anderen Appellationen der Nordrhône, wo traditionell auch kleine Mengen Roussanne und Marsanne in die Cuvée mit einfließen dürfen, besteht ein Cornas zu 100% aus Syrah.

Syrah_Onglet

Stéphane Robert hat 1994 seine ersten Weinberge in St. Joseph und St. Péray erworben und 1996 seine eigenen Domaine du Tunnel eröffnet. Noch im selben Jahr konnte er 1,5ha sehr guter Parzellen in Cornas pachten und später auf insgesamt 3ha in Cornas erweitern. Hier entsteht in besonders guten Jahren der Cornas Vin Noir. Der Wein der Parzellen, die früher dem Altmeister des Cornas, Marcel Juge gehörten, wird in kleinen Eichenfässern ausgebaut. Der Wein wirkt von den dreien am modernsten, was wahrscheinlich unter anderem auch genau an dem Umstand liegt, dass hier teils neue Barriques verwendet werden (auch wenn man es nicht direkt schmeckt) und vbis zu 60% entrappt wird. Der Wein wirkt ganz frisch und jung und schmeichelt geradezu mit seiner fruchtbetonten Art, in der sich Waldhimbeeren und Blaubeeren treffen, unterlegt mit dem typischen Cornas-Flair aus rohem Fleisch und Duft nach rohem Wildgeflügel. Dazu gesellt sich der ebenfalls schon angesprochene Duft von Veilchen.

Der Cornas Granite 60 von Vincent Paris wirkt dagegen etwas traditioneller – auch wenn der Winzer selbst jünger ist. Vincent hat bei einem weiteren Altmeister des Cornas gelernt, bei Robert Michel und bezeichnet Thierry Allemand als seinen Meister, als seinen Mentor. Das erklärt den Stil, wo eher altes, großes Holz eingesetzt wird und weniger entrappt wird. Daher ist der Wein in seiner Jugend – ähnlich wie später der Reynard – kantiger und unnahbarer. Jetzt aber, mit zehn Jahren hat sich der Wein schon deutlich geöffnet, wirkt aber natürlich immer noch blutjung. Auch wenn hier betörend viel Frucht mit im Spiel ist, wirkt der Wein doch deutlich steinig-mineralischer, kühler und neben den dunklen Früchten spielen hier Kirschen eine Rolle, Oliven und Leder. Wunderbar ist die Textur, das feinkörniger Tannin, die Präsenz am Gaumen, die Spannung und wieder Das Frische in Verbindung mit Mineralität.

Ähnlich tief und strukturiert kommt der Cornas Reynard von Paris‘ Sensei Thierry Allemand daher. Der Mann ist momentan definitiv Top oft he Pops im Cornas und die Weine sehr gesucht. Die Weine der alten Reben werden etwa zur Hälfte in gebrauchten Holzfässern und zur Hälfte im Edelstahl ausgebaut. Auch hier findet sich wieder dieses überaus feinkörnige Tannin, der Wein hat Grip, Fleisch, ist kraftvoll, würzig, pfeffrig und extrem lebendig und vibrierend und vielleicht noch einen Tacken komplexer als der Wein von Paris, etwas nachhaltiger, etwas tiefer in dieser Melange aus Oliventapenade, dunkler Frucht, rohem Fleisch, Pfeffer, Veilchen, einer salzigen Note und einer vielleicht leicht rostig-eisernen Komponente. Das waren drei wunderbare Weine an diesem Abend, die noch Jahre, vielleicht ein, zwei Jahrzehnte Spaß machen werden.

Calon_Cos_Montrose

Château Calon-Ségur St. Estéphe 3ième Grand Cru Classé, Château Cos d’Estournel St. Estéphe 2ième Grand Cru Classé, Château Montrose St. Estéphe 2ième Grand Cru Classé

Die Bordeaux haben dagegen weit weniger Spaß gemacht. Der Calon-Ségur noch am meisten, ja, doch, da war schon Lust auf ein zweites Glas vorhanden Bei Cos d’Estournel allerdings gar nicht, aber bei diesem Weinut hatte ich, ehrlich gesagt, noch nie Lust auf ein zweites Glas weil mir die Weine immer zu schwerfällig und überextrahiert vorkamen. Und der Montrose ließ hinter einer noch hohen, verschlossenen Mauer nur leicht erahnen, was mal aus ihm wird. Diese St. Estèphe-Weine zeigen sich gerade jetzt sehr maskulin, strikt, abwehrend, das Tannin wirkt beim Montrose noch ein wenig brutal, auch wenn es einem das Gefühl gibt, sich irgendwann zu integrieren – im Gegensatz zum Cos. Den Montrose sollte man dann einfach noch mal zehn Jahre im Keller liegen lassen, das hatte ich bei diesem Jahrgang zumindest nicht in diesem Ausmaß erwartet. Gott sei Dank hat der Calon-Ségur, der in der Klassifikation als Troisième Cru Classé Gut eine Klasse unter den anderen beiden liegt, den Frust nicht zu hoch werden lassen. Der Calon-Ségur präsentierte sich offener, runder, eigentlich sehr schön gereift, wenn auch noch mit einer leichten tanninigen Bitternote, die wohl irgendwann noch verschwinden wird. Ein kraftvoller Wein mit immer noch viel Frucht in Nase, dazu Vanille von durchaus modernem Holzeinsatz, etwas Zigarrenbox und Tabak, strukturiert am Gaumen und mit einer guten Länge. Doch, das ist schon schöner Stoff.

Die Speisebegleitung kam in diesem Fall übrigens beim Übergang vom Syrah zum Bordeaux. Filet und Onglet vom Galloway-Ochsen, kurz aber heftig angebraten, eine kleine Maillard-Reaktion auf dem ansonsten abgehangenen, rohen, köstlichen Fleisch eines Tieres, dem ich schon selber in die Augen geschaut hatte und das sein Leben auf einer Weide hinterm Haus des Freundes verbracht hat – unvergleichlich. Nur mit Fleur de Sel und schwarzem Kampot-Pfeffer gewürzt und von Rosmarin-Kartoffeln begleitet. Zum Syrah noch mehr als zum Bordeaux eine ganz fantastische Begleitung.

Pruem

Zum Abschluss eines langen Weinabends habe ich zum Käse eine leicht scharfe Quittenmarmelade gereicht, die ihre Note von etwas Ingwer und Pfeffer erhalten hat. Dazu eine Wehlener Sonnenuhr Spätlese aus dem Hause J.J.Prüm. Muss man dazu noch etwas sagen? Wunderbar gereift, harmonisch in der Balance zwischen Restzucker und Säure mit feiner Frucht und viel Vitalität. Besonders zur Rotschmiere ein Genuss.

Wunderbar zu trinken sind heute die 2004er Großen Gewächse, die haben zwar noch Zeit, aber es macht überhaupt nichts, wenn man sie jetzt öffnet. Noch viel mehr Zeit haben die Syrah aus dem Cornas, die gerade am Anfang ihrer Reife stehen. Aber, man kann sie jetzt (wieder) öffnen, sie können einem den Abend auf wunderbare Weise verschönern. Das schaffen Barolo und Bordeaux aus diesem Jahr jetzt noch nicht, besser Finger weg. Das ist keine umwerfende sondern eine schon antizipierte Erkenntnis, die an diesem Abend bestätigt wurde.

Hier gehts zum ersten Teil des Abends.

2004 – zehn Jahre später: Schaumweine, Rieslinge und Barolo

Die Vorbereitung und Gestaltung eines Weinabends mit Freunden gehört zu den schönsten Dingen, denen man sich als Weinliebhaber widmen kann. Das wird noch schöner, wenn man es zu zweit macht, denn dann kann man so nerdig sein wie man will, man findet immer Verständnis und muss es nicht an der Familie auslassen, die einen sowieso schon für völlig verrückt hält. So ein Weinabend ist schließlich nicht mal eben so vorbereitet, da kann man sich Tage, was sag ich, Wochen mit beschäftigen, ohne dass es langweilig werden würde.

So hatte ich schon vor Monaten das Gefühl, dass der Advent die richtige Zeit wäre, um mal wieder einen solchen Abend zu gestalten und Wein und korrespondierende Speisen auf den Tisch zu stellen. Ich wusste, dass ich gerne mal einen Abend mit zehn Jahre alten Weinen machen würde um zu sehen, wo die in den unterschiedlichen Regionen gerade so stehen, wie sie sich präsentieren. Also habe ich mich mit meinem Freund B. besprochen und wir haben die Sache in Angriff genommen. Schnell war klar, dass es Riesling geben würde und Bordeaux. Barolo war mit im Spiel, Brunello, Roussillon, Nord- und Südrhône. Viel zu viel natürlich und wir haben dann irgendwann eine geographische Linie in Form eines Breitengrads gezogen, so dass es über Bordeaux, Nord-Rhône und Barolo nicht hinausging. Es sollte also ein eher nördlich geprägter Weinabend werden mit einer deutlichen, auch der Jahreszeit entsprechenden Hinwendung zu roten Weinen.

Nachdem irgendwann die Reihenfolge stand: Schaumweine, Riesling auf Großem-Gewächs-Niveau, Barolo, Cornas, Bordeaux und Reparatur-Spätlese, war das begleitende Essen die entscheidende Frage (im Restaurant ist es natürlich anders herum, da sollen die Weine die Speisen begleiten aber bei Wein-Nerds sollen die Speisen die Weine unterstützen). Neben der stimmigen Kombination war mir wichtig, vor allem am Abend selbst nicht gehetzt in der Küche zu stehen und deshalb mussten die Speisen einfach aber raffiniert bzw. gut vorbereitbar sein. Wenn nun der Freund nicht nur einen bemerkenswerten Weinkeller besitzt sondern auch noch eine kleine Herde Galloways und Nachbarn mit eigener Jagd, dann ist schnell klar, auf was die Speisenfolge hinausläuft.

 

Wegeler Erben Geheimrat »J« Rheingau Riesling Sekt Brut, Olivier Horiot Sève »En Barmont« Blanc de Noirs, Jacquesson Avize Champ Caën Blanc de Blancs
Ursprünglich sollte es ein Schaumwein, genauer gesagt, der Sève Blanc de Noirs von Olivier Horiot sein, doch dann meinte B., er habe noch eine Jacquesson Einzellage Blanc de Blancs und schließlich hatte ich mitbekommen, dass man bei Wegeler den Geheimrat »J« brut frisch degorgiert hatte. So wurde dann aus einem Entrée ein vollständiger Dreier-Flight mit begleitendem Gang. Es gab die Wein in jedem Flight zunächst blind, dann haben wir dazu irgendwann die Speisen gereicht und irgendwann wurde aufgedeckt. So kann man sich zunächst ganz auf die Weine konzentrieren, dann auf die Veränderungen am Gaumen, wenn das Essen dazu kommt und schließen, wenn die Weine aufgedeckt werden das plötzlich erweiterte Wissen mit der eigenen Meinung abgleichen, die man hatte, bevor der Name ins Spiel kam.

Schaum_Lachs

Der Geheimrat »J« ist eine sehr klassische, ja alterwürdige Riesling-Marke, bei der nicht die Lage (wie sonst üblich bei dem Niveau) auf dem Etikett steht, sondern der Markenname für Qualität bürgen soll. Ungefähr 15 verschiedene Erste-Gewächs-Lagen des Rheingaus finden sich in diesem Wein, den es als Stillwein schon lange gibt, als Sekt seit 1987. Ein größerer Teil der Trauben dieses Brut haben Auslese-Charakter und das merkt man im Duft direkt. Reifer Riesling strömt aus dem Glas, reifes Kernobst, Steinobst, leichtes Petrol, Hefe, Vanille, alles üppig und dicht. Ich denke, jeder von uns hatte bei dieser ausgeprägt üppigen Nase etwas Bedenken, dass das am Gaumen etwas zu viel sein könnte – eventuell am oberen Brut-Süße-Bereich. Doch diese Befürchtungen zerstreuten sich mit dem ersten Schluck. Der Wein ist saftig, reif, aber ganz klar strukturiert, trocken, deutlich mineralisch, kraftvoll und lang. Er steht neben den beiden dann folgenden Champagnern mit einer ganz deutlich eigenen Prägung, hier will man gar nicht mit Champagner vergleichen, das ist versekteter Riesling auf hohem Niveau (auch preislich, die Flasche kostet ab Weingut €57,-).

Von allen Flights, ist das der, der letztlich in sich am wenigsten zusammenpasst. Das ist zwar alles 2004 und alles Schaum, doch eben sehr unterschiedlich. Das gilt auch für das Degorgierdatum, das erfreulicher Weise bei allem Weinen aufgedruckt ist. Der Geheimrat frisch degorgiert, der Jacquesson später auch (ende 2013), der Sève En Baramont von Olivier Horiot dagegen liegt schon Jahre im Keller und wurde bereits 2009 verkorkt. Das merkt man ihm allerdings nicht an. Frisch steht der Champagner von der Côtes des Bars da, reinsortig aus Pinot gekeltert, aus der Einzellage en Baramont. Über Olivier Horiot und der speziellen Herkunft habe ich hier schon geschrieben, das führe ich an dieser Stelle nicht weiter aus. In der Nase gefällt mir der Wein zunächst am besten und auch das Mundgefühl ist besonders. Hier verbinden sich viele Kräuter, frisch und trocken mit Kalk, die Hefenoten tauchen nur entfernt auf und auch die Frucht spielt sich unterstützend im Hintergrund ab – bis auf einige Zitronenzesten direkt im Vordergrund. Horiot, der Mann, der eigentlich lieber Stillweinemacht, hat den Grundwein im Barrique fermentieren lassen und dort hat auch die malolaktische Gärung stattgefunden. Nach Holz schmeckt das hier alles trotzdem nicht – zum Glück. Es schmeckt eher klar und präzise mit leichtem Wachs und tonischen Noten, durch die die Kräuter, vor allem Rosmarin, immer stärker durchschlagen. Der Non-Dosé-Wein ist ein leiser Star, der erst später vom Jacquesson überholt wird. Man sollte dabei übrigens nicht vergessen, dass es Olivier Horiots erste Jahrgang war(!) – und schon allein dafür gebührt dem sympathischen Franzosen ein Chapeau!

Als dritten im Mund öffneten wir Jacquessons Champ Caïn aus Avize. Dieser Wein ist eigentlich für die Kraft, die er hat, zu früh geöffnet. Ihm zu Gefallen haben wir alle drei Schaumweine kurz vorher vorsichtig karaffiert, doch hätte man dies durchaus, zumindest für den Champ Caïn schon etwas früher in Angriff nehmen können. So brauchte er Zeit (die er bekam) und gewann deutlich mit dem Lachscarpaccio vom wilden, irischen Lachs, der, nur mit Fleur des Sel und rotem Kampot-Pfeffer gewürzt und mit einem sehr guten, mit Amalfi-Zitronen aromatisierten Olivenöl bestrichen für 30, 40 Sekunden bei 200°C Grad im Ofen erwärmt wurde (Beilage, Rauken etc. mit dem selben Öl, Salz, Pfeffer und einem weißen Balsamico). Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel harmonischer ein zunächst zickiger Wein mit dem richtigen Essen werden kann hier. Hier ist es das Fette im Fisch, das vor allem den Jacquesson geöffnet hat. Irgendwann dann offenbart sich die ganze Kraft und Klasse dieses Chardonnay. Enorme Kraft, die Mineralität, Salzigkeit und auch das Basische des Kreidebodens schlägt voll durch. Gerade einmal 3.000 Flaschen werden von diesem Jahrgangs-Lieut-Dit gefertigt, das Kristalline und Komromisslose kommt mit etwas Wärme und Luft immer besser zur Geltung. Großer Stoff, natürlich ebenfalls ohne Dosage und im großen Holz ausgebaut. Champagner, der jetzt vielleicht überhaupt erst am Anfang seiner Trinkreife steht und den es auch erst seit kurzer Zeit auf dem Markt gibt, in der Weinhalle beispielsweise. Mehr zu Jacquesson gibt es hier.

 

Clemens Busch Pünderlicher Marienburg Riesling Spätlese ***, Robert Weil Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs, Steffen Christmann Königsbacher Idig Großes Gewächs
Es war, ganz ohne Frage, zusammen mit den später folgenden Weinen aus dem Cornas, der schönste Flight des Abends. Hier trafen drei Rieslinge aus der Großes-Gewächs-Klasse (Busch war zu diesem Zeitpunkt noch nicht im VDP aber Riesling *** ist das stimmige Pendant) aus drei unterschliedlichen Anbaugebieten aufeinander. Ursprünglich hatte ich den Schlossberg Grand Cru von Albert Mann mit im Rennen schicken wollen, doch letztlich wollte ich es dann doch, der Stimmigkeit wegen, bei drei deutschen Weinen belassen. Clemens Buschs Hauslage präsentierte sich, wie die beiden anderen Weine auch, ganz herkunftstypisch, wobei Pünderich eben noch mit zur so genannten Terrassenmosel gehört, mit Weinen, die gerade auch im trockenen Bereich punkten und viel Kraft bergen. Der 2004er war am weitesten von den dreien und ungemein attraktiv. Er hat, auch das letztlich zur Mosel passend, eine ganz leichte Restsüße hinten raus und die verbindet sich in diesem gereiften Stadium mit den vielen Noten vom reifen und mürben Kernobst, mit dem fast kandiert wirkendenden Steinobst und passt wunderbar zur deutlichen Honignote in der Nase, die den Duft frischer Bienenwaben mit einem Hauch Wachs kombiniert. Hier stimmt für diesen Stil alles, der Wein hat genau den richtigen Säuregehalt für die ganz leichte Süße, und schmeckt wachsig weich, während sich unter das Obst Grapefruit und Gewürze mischen.

Terrine_Riesling

Der Riesling aus dem Kiedricher Gräfenberg hatte ich am Vorabend des Vinocamps im Keller bei Wilhelm Wein probiert und mir wäre damals fast der Kit aus der Brille gefallen, so gelungen war. Die zweite Flasche im Weingut dagegen war damals (Flaschenvarianzen) deutlich weniger gut während diese hier am Samstagabend wieder viel von der Größe hatte, von der ich so begeistert war. Interessanterweise ist mir am Samstag die leichte und ungemein attraktive Holznote, die den Wein im Weingut geprägt hatte, nicht so aufgefallen. Weil hatte damals eine Reihe neuer Stockinger-Fässer erhalten, die ihren Fingerabdruck im Wein hinterlassen haben. von den drei Weinen im Flight wirkte der Weilsche Wein am jüngsten. Herrlich saftig, dabei klar und präzise, bei aller Kraft bleibt der Wein schlank, vor allem im Gegensatz zum deutlich üppigeren Idig. In der Nase das leichte Rheingaupetrol, Traubennoten und etwas Steinfrucht, am Gaumen einfach total präsent mit viel Biss. Das war ein großer trockener Rheingauriesling von einer Komplexität, Kraft und Präzision, wie man sie selten findet, dabei so vibrierend und klar, einfach umwerfend attraktiv.

Christmanns Idig wirkt neben dem Rheingau fast barock, viel cremiger, viel üppiger mit hochreifer Steinobstnase, leicht botrytisch angehaucht, stoffig ohne Ende. Am Gaumen ist der Wein weicher als die vorherigen, leicht wachsig wie der Wein von Busch, auch am Gaumen dies Cremige, was man schon in der Nase vermutet. Eigentlich ist das der genau passende Riesling für die Jahreszeit und es zeigt sich dann, dass er genau zum jahreszeitlichen Essen passt, denn keiner geht eine so schöne Alliance mit der Fasanenterrine samt Apfelbrunoise ein, wie der Idig. Zum Steinobst gesellen sich hier ein Hauch Maracuja, Mango und Pomelo, das Steinig-Mineralische legt sich fast wie Puder über die Frucht, die feine Säure balanciert die Opulenz und bändigt sie, damit der Wein nicht breit wird.

Drei trockene Rieslinge, zehn Jahre alt, sechs Stunden vorher doppelt dekantiert auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft (ok, der Gräfenberg mag sich noch weiter zu seinem Vorteil entwickeln, aber die anderen beiden sind jetzt genau richtig zu öffnen, würde ich behaupten) – das ist ein sehr befriedigendes Erlebnis. Die erste Terrine meines Lebens habe ich neben dem Fleisch von vier frischen Fasanen mit fettem Schweinebauch und etwas Gänseleberpaté gefüllt, sowie mit Waldpilzen und Berberitzen.

 

Mauro Veglio Barolo Casteletto, Ascheri Barolo Vigna dei Pola, Bartolo Mascarello Barolo
Ich muss ja zugeben, dass ich kein besonderer Barolo-Experte bin. Man kann auch nicht für alles Experte sein und irgendwie habe ich mich auf diese Region nie eingelassen. Dafür gibt es ein paar wenige Freunde, aus deren Kellern ich schon den ein oder anderen gereiften Wein großer Namen probieren konnte – und natürlich immer wieder begeistert bin. Nur selbst habe ich nichts, bis auf zwei Flaschen. Die Flaschen von Mauro Veglio und Aschieri befinden sich denn auch eher durch Zufall im Keller, weil sie zusammen mit einem Barbaresco mal in einem Weinplus-Verkostungspaket lagen. Doch genau für einen solchen Abend habe ich sie zur Seite gelegt und ergänzt wurden sie durch einen großen Namen, durch den Wein eines Kauzes, eines unabhängigen Winzers namens Bartolo Mascarello, der allerdings schon vor einigen Jahren gestorben ist. Dies ist unter Strick der Flight, auf den wir auch hätten verzichten können, denn zehn Jahre Reife sind für Barolo einfach zu wenig. Erst das Consommé vom Fasan samt Frittaten hat mit seinem Umami die teils noch groben Gerbstoffe deutlich gerundet. Die Weine sind, wie bei Barolo üblich, nicht von Frucht geprägt sondern mehr von Leder, Waldboden, Pilzen usw.

Mauro Veglios Casteletto stammt aus Montforte, ist dunkel, dunkler als die anderen beiden Weine, aber am offensten und auch mit der deutlichsten Frucht. Er hat erfreulich wenig offensichtliches Holz. Neben den schon angesprochenen Aromen finden sich getrocknete Kräuter, dunkle Kirschen und dunkel aromatische Gewürze. Insgesamt eine ganze erfreuliche Flasche.

Barolo_consomme

Im Gegensatz dazu hatte ich beim Öffnen des Vigna dei Pola von Ascheri am Mittag das Gefühl, der Wein könne untrinkbar sein aufgrund höchst bitterer Tannine. Das hat sich dann bis zum Abend noch etwas gelegt, das Consommé tat sein Übriges aber eigentlich war der Wein ein fail, mittelmäßig, rustikal, ja ausgezehrt mit einem rostigen Nagel in einem See von Bitterkeit.

Bartolo Mascarello war eine Legende des Gebiets. Ein Verfechter der alten Schule des Barolo, ein Kämpfer für das Wahre und Gute, der gegen das Barrique genauso angekämpft hat wie gegen Berlusconi und der von 1990 an bis zu seinem Tod nicht mehr persönlich ans Telefon gegangen ist. Gestorben ist er 2005, dieser Wein hier ist von 2004, dürfte aber schon im Wesentlichen von seiner Tochter Teresa gemacht worden sein. Der Nebbiolo hat nach einer langen Mazeration (ca. 30 Tage in Zementtanks) zwei Jahre in mittelgroßen, alten Fässern aus slowenischer Eiche gelegen bevor er dann auf der Flasche nachgereift ist. Er präsentiert das, wofür diese Weine berühmt sind: Eine ungemein dichte Tanninstruktur die sich erst nach Jahrzehnten harmonisiert. Da dieser Wein von diesen Jahrzehnten erst eins auf dem Buckel hat, kann man heute nur erahnen, wie gut der Wein irgendwann sein wird. Es ist die Beschreibung eines Haltepunktes auf der Durchgangsreise. Es ist das Treffen mit einem dunklen, geheimnisvollen Charakter, der hier ein Bukett an Veilchen offenbart, in welches sich vereinzelt dunkle Kirschen mischen. Waldboden, etwas Trüffel, Anis und Fenchel stoßen dazu. Beeindruckend ist die Säure, die Frische, die Klarheit, das leicht Schwebende samt festem Fundament. Mehr kann ich über diese geheimnisvoll verschlossene Schönheit gerade gar nicht sagen.

Das Consommé stand acht Stunden auf dem Herd, bis ich die Karkassen herausgenommen habe. Neben Wacholder, Piment und weiteren Gewürzen dürfte vor allem die Orangenschale eine besondere Note geliefert haben. Abgeschmeckt habe ich das Consommé mit Madeira, mit echtem Madeira, nicht mit der Kochqualität.

> Im zweiten Teil gibt es drei Weine aus dem Cornas, drei aus St. Estèphe und eine Flasche von J.J. Prüm.

 

Axels letzte Weine: Koehler Silvaner (Krähberg) 2010 und Silvaner Auslese 2010

20/Nov/14 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Silvaner, Weiß, Deutschland

Als ich 2009 mit Alexander Gysler, dessen Weine ich damals schon in mein Programm aufgenommen hatte, in seiner Probierstube saß und ihn fragte, wessen Weine er mir aus seinem näheren Umfeld noch empfehlen würde, fiel ohne zu zögern der Name Axel Koehler. Axel hatte 2007 seinen ersten Jahrgang vinifiziert und zwar im gleichnamigen Weingut seines Vaters. Er war damals schon längst kein Neueinsteiger mehr. Er hat schon Jahre zuvor in Geisenheim studiert und zwar in einem Jahrgang mit Leuten wie Daniel Wagner. Leider aber konnte er nach dem Studium nicht ins heimische Weingut. Zu unterschiedlich waren die Interessen zwischen ihm und seinem Vater. Das ist nicht ungewöhnlich, gerade im Weinbereich und gerade in den 1990er Jahren, wo es einen großen Umbruch gab. Was vorher kleinkariert und verschlossen und wenig qualitätsorientiert wirkte, wollte die damals noch junge Garde, die sich später zu Message in a Bottle zusammengeschlossen hat, aufbrechen. Zu diesen Leuten gehörte Phillip Wittmann, Daniel Wagner, Hans-Oliver Spanier, Alexander Gysler und eben auch Axel Köhler. Während Alexander Gysler viel schneller in die Verantwortung gezogen wurde als er erwartet hatte – sein Vater ist 1999 verstorben -, und Daniel Wagner und Phillip Wittmann bei ihren Vätern auf deutlich mehr Offenheit stießen, ist Axel Köhler in die Ferne gezogen und hat auf anderen Weingütern gearbeite. Neben dem schon erwähnten Weingut Wittmann war er bei Marc Kreydenweiss oder auch bei Louis Latour.

Axel Koehler
Im alten Keller probieren wir den 2010er Jahrgang aus dem Fass.

Schließlich jedoch wollte sich sein Vater mehr und mehr zurückziehen und Axel wollte seine Chance nutzen. Es sind jedoch unterm Strich nur vier Jahrgänge geworden, die er vinifizieren konnte. Danach hat er entnervt aufgegeben weil er keine Perspektive sah, das Weingut letztlich doch nicht so führen konnte, wie er wollte und auch nicht investieren konnte. Der Fall Axel Köhler ist leider einer, bei dem dieser Umbruch, dieser Generationswechsel überhaupt nicht geklappt hat. Axel jedoch hat noch ganz andere Interessen, die er nun weiter verfolgt. Ich selber habe seine Weine zwei Jahre lange verkauft, bis auch ich einen anderen Weg eingeschlagen habe. Was aber trotzdem bleibt ist ein Verlust, denn Axel Koehler gehörte für mich zu den talentiertesten Weinmachern, die wir hatten. Und es war einer, der vor hatte, im alternativen Weinbau, beim Naturwein weiter zu gehen, als es die meisten anderen gemacht hatten.

Restzuckergehalt auf dem Fass notiertRestzuckergehalt des Silvaners während der Gärung auf dem Fass notiert

Sein Können bestätigt sich noch einmal in den Silvanern, die er 2010 vinifiziert hat. Der trockene Silvaner 2010 aus der Lage Krähberg in Heimersheim gehört mit zum Schönsten, was ich an Silvanern aus diesem Jahr getrunken habe. Es ist ein erdig-steiniger Wein vom Kalkmergelboden mit rauchigen Noten, einer verhaltenen doch immer präsenten Frucht und einer wunderbaren Cremigkeit am Gaumen. Das hat so viel Stil, wie man es von einem guten Burgunder erwartet, aber nicht unbedingt von einem rheinhessischen Silvaner. Dieser burgundische Eindruck mag auch dadurch zustande kommen, dass der Wein einen biologischen Säureabbau durchgemacht hat und die fünf Promille Säure wenig auffallen.

Die Silvaner Auslese 2010 liegt mit ihren 119 Grad Öchsle ein Grad unter einer Beerenauslese. Der Wein hat dabei im Gegensatz zum trockenen Lagenwein eine markante Säure von knapp 13 Promille. Das balanciert die Süße und macht sie nicht pappig. Silvaner als quasi Beerenauslese muss man lange suchen. Und da Silvaner für so eine Form von Wein oft zu wenig Säure hat, ist das auch kein Wunder. Hier passt es und es kommt ein markanter, ungewöhnlicher Weine zu stande, denn trotz aller Süße bleibt natürlich die geschlamckliche Charakteristik des Silvaners – und die erwartet man hier eigentlich nicht.

koehler_silvaner_02

Wer Interesse an diesen beiden Weinen an – es sind die letzten ihrer Art – kontaktiere mich bitte direkt per Mail (info ät originalverkorkt punkt de). Ich kann noch einigen Flaschen dieser außergewöhnlichen Weine vermitteln. Beide Weine dürften exzellent zur Gans passen, die Auslese zu einer Gänseleber aus vernünftiger Aufzucht, der trockene Lagenwein zur Weihnachtsgans. Der Silvaner (Krähberg) kostet € 14.90, die Auslese gibt es in zwei Varianten. Die 0,75l-Flasche liegt bei € 18,-, die 0,5l-Flasche bei € 12,-.

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