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In Neuseeland – Teil 10: Über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

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Das, was das Wein-Reisen ausmacht ist ja, dass man tatsächlich die Weinregionen noch einmal anders oder vielleicht überhaupt erst versteht. So erging es mir mit Marlborough und dessen Sauvignon Blanc. Denn dieses Gebiet ist, ich erwähnte es bereits, letztlich mit einem ganz bestimmten Sauvignon-Blanc-Stil bekannt geworden und der war und ist so erfolgreich, dass er mit Marlborough quasi gleichgesetzt wird. Die Weinmacher in Marlborough aber sind schon ein ganzes Stück weiter als und das so auf der anderen Seite der Erdhalbkugel vorkommt. Denn das, was wir als Marlborough-Sauvignon-Blanc kennen ist eine Form der Terroirs. Eines Terroirs, um genau zu sein. dieses Terroir setzt sich zusammen aus der besonderen Bodenstruktur und des Mikroklimnas im Wairau Valley und einer bestimmten Machart im Keller. Hier trifft Sauvignon Blanc auf ein altes Flussbett samt typischer alluvialer Schwemmböden mit Flusskiesel. Das Tal ist Richtung Meer hin kühler und windiger als Richtung Inland wo auch die Böden etwas grob-kiesiger sind. Über das ganze Tal hinweg entsteht intensiv tropisch-fruchtiger Wein der, wenn die die Sauvignon-Blanc-Stöcke noch jung sind, noch zusätzlich die stark pyrazinhaltigen, grünen Aromen einbindet. dies alles wird beim typischen Marlborough-Sauvignon-Blanc ziemlich kalt vergoren, was das Tropische noch fördert.

Yealands_PazifikDer Weinberg von Yealnds beginnt direkt an der Bruchkante zum Pazifik

Neben dem Wairau Valley gibt es aber noch ein paar andere Gegenden in Marlborough, und die dortigen Gegebenheiten lassen einen ganz anderen Sauvignon Blanc entstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Awatere Valley. In diesem Bereich, der am Südrand von Marlborough liegt, habe ich ein wirklich spezielles Weingut besucht. Es heißt Yealands, wie sein Gründer Peter Yealand und es zeigt, was man leisten kann, wenn man eine konkrete Idee von nachhaltigem Wirtschaften hat.

Yealands_WeingutMitten im 1.000 Hektar-Weinberg liegt das moderne, mit Solarzellen bestückte Weingut. Foto Copyright: Yealands

Peter Yealands hat dort vor einigen Jahren Land gekauft. Das dürfte nicht so teuer gewesen sein denn es war trocken, unbepflanzt und nur von einigen Schafen bewohnt. Es ist eine ganze Menge Land, das er sich dort zugelegt hat und so stehen heute 1.000 Hektar unter Reben. Es sind 1.000-Hektar Single-Vineyard mit 1.6 Millionen Rebstöcken auf 4.000 Kilometer Rebzeilen, die sich über die Hügel ziehen. Und weil Peter ein ordentlicher Mensch ist hat er sie auch nicht einfach so wild wachsen lassen sondern er hat sich ein Instrument gebaut (er macht Vieles einfach am liebsten selbst) mit dem er mit Hilfe von GPS-Koordinaten die Rebzeilen genau abstecken konnte, so dass sie sich wie die 6. römische Legion in Schlachtordnung über die Hügel ziehen.

YealandsRechts oben: Mr. Peter Yealand, ein Charakterkopf mit ziemlich klaren Ideen. Rechts unten: Das Strauchwerk wird gesammelt, gepresst und als Brennmaterial verwendet. Fotos links Copyright: Yealands.

Die Perfektion, mit der er beim Anbau ans Werk gegangen ist, hört hier jedoch längst nicht auf. Denn Peter Yealand wollte nicht irgendein Weingut errichten sondern er wollte das nachhaltigste Weingut errichten, das es bis zu diesem Zeitpunkt gab. Als er am 08.08.08 (sic!) das Weingut offiziell eröffnete war es bereits carboNZeroCertTM zertifiziert. Was heißt das konkret vor Ort? Zunächst einmal hat man dort, wo es vorher nur Steppe gab, Flora und Fauna implementiert (200.000 Pflanzen) und eine ganze Reihe größerer Teiche geschaffen, aus denen sich im Zweifel auch der Weinberg bewässern lässt, ohne dass das Grundwasser angezapft werden muss.

Yealnds_SchweineMan begegnet Schafen, Schweinen und Hühnern im Weinberg.  Das Bodenprofil zeigt den typischen Schwemmlandboden.

Neben der großflächigen Ausstattung mit Sonnenkollektoren (die größte in Neuseeland mit 297 Panels und 133.000kWh pro Jahr), einer eigenen Wasseraufbereitungsanlage oder dem Einsatz von Bio-Kraftstoff in landwirtschaftlichen Geräten werden beispielsweise sämtliche Rebschnitte gesammelt, gepresst und als Brennmaterial für den Winter verwendet. Alles, was im Weingut, aber auch im Vorfeld bei den Zulieferern und auch nachher beim Verschiffen passiert, wird in den Carbon-Footprint mit aufgenommen und das Weingut arbeitet von „cradle to grave“ CO2-neutral. In den Weinbergen liegen heute die größten Komposthaufen Neuseelands, mit dem der Weinberg gedüngt wird, der in diesem Jahr die Öko-Zertifizierung erhält. Anderthalbtausend Schafe bearbeiten den Weinberg. Es ist eine kleine Rasse, die nicht an die Trauben kommt, so dass sie das ganze Jahr über grasen kann. Unterstützt werden sie von Kunekune-Schweinen und jeder Menge Hühner, die beide effektiv als Schädlingsbekämpfer arbeiten.

Wer jetzt meint, ich würde hier ungefiltert eine Werbebotschaft abtippen, liegt falsch. Aber ich habe mir das Weingut einen Tag lang angesehen und bin bis heute begeistert, mit welcher Konsequenz dort gearbeitet wird. Das habe ich, vor allem in dieser schieren Größe sonst noch nirgendwo gesehen. Wer also mal in Marlborough aufschlägt, sollte dieses Weingut definitiv einen Besuch abstatten und sich selbst überzeugen.

Yealands_MulchDer Kompost besteht vor allem aus Mulch und zerkleinerten Muschelschalen, die an der Küste leicht zu bekommen sind.

Der Weinberg beginnt übrigens direkt oberhalb des Pazifik. Hier im Awatare District – Awatare bedeutet auf Maori schneller Strom – ist es im Weinberg deutlich kühler, trockener und windiger als in denWeinbergen des Wairau Valley. Dies führt, zusammen mit der Bodenbeschaffenheit von alluvialem Schwemmland mit Kies und Löss zu einer anderen Typizität denn durch das Klima sind die Beeren kleiner, dickschaliger und verfügen, was z.B. den Sauvignon Blanc angeht über ganz andere Aromen. Nimmt man zum Beispiel den Yealands Single Vineyard Sauvignon Blanc 2014 als Beispiel und geht davon aus, dass die Kellertechnik ähnlich wie bei typischen Marlborough-Sauvignons abläuft, dann hat man hier viel mehr Guave, Johannisbeere, Kräuter und Zitrus statt der typischen Wairau-Maracuja.

Yealands_lookoutEin schlichtweg beeindruckender Weingarten

Die Weine bei Yealands sind klar und typisch gemacht. Man erkennt die neuseeländisch-australische Schule der Weinmacherin Tamra Kelly-Washington. Hier findet man saubere Kellertechnik mit typisch kühler Vergärung und Reinzuchthefen. Auch wenn diese Weine größtenteils nicht meiner persönlichen Neigung entsprechen, gefallen mir doch speziell die Estate Single Blocks und der Gemischte Satz aus Riesling, Pinot Gris und Gewürz. Als Kritiker würde ich auch die anderen Weine hoch bewerten, weil sie einfach gut gemacht sind. Ich weiß, dass ich mit dem ausgezeichneten Material, das dort im Keller angeliefert wird, anders umgehen würde, aber das ist Geschmacks- und nicht Qualitätssache.

Auf jeden Fall hat mich der Besuch bei Yealands sowohl der Sauvignon-Blanc-Lagen-Diversität von Marlborough näher gebracht als auch der Idee von Sustainability, von der ja in Neuseeland allerorts die Rede ist. Und, um es noch einmal zu sagen, die Konsequenz dort hat mir stark imponiert.

Map_Neuseeland_Marlborough

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

Werlitsch 2011 – Liebeserklärung an einen Wein

20/Mai/15 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Weiß, Österreich

Manchmal plöppt in der Weinwelt, und zwar vor allem auf facebook ein Wein oder Weingut auf und alle schreiben darüber. So viel und so, dass dann andere, die das lesen, sich fragen, wieviel das Weingut denn wohl für die Promotion bezahlt hat. Das ist normalerweise nicht der Fall. Es ist vielmehr so, dass die Zunft der Weinschreiber so klein ist, dass solche Weine schnell die Runde machen.

Doch kann eigentlich über außergewöhnliche Weine jemals genug gesagt werden? Nicht, wenn sie so vielschichtig sind und sich immer wieder so neu und doch so vertraut präsentieren, wie es ein Wein von Ewald Tscheppe tut. Der Wein ist vor einiger Zeit durch die hiesige Weinszene gereicht worden, als große Offenbarung. Weil dieser Wein tatsächlich eine solche Offenbarung ist, ist es gut, dass er und sein Erzeuger diese Aufmerksamkeit bekommt. Denn Ewald Tscheppe, der aus einer traditionsreichen steirischen Weinbaufamilie stammt, gehört nicht zu jenen, die besonders laut wären. Für diesen Typ Winzer dauert es deutlich länger, bis er entdeckt wird – wenn es überhaupt geschieht.

Ewald_Tscheppe

Die Familie Tscheppe ist in Glanz an der Weinstraße in der Südsteiermark beheimatet. Dort bewirtschaftet sie seit dem 17. Jahrhundert die Weingärten, die teils in Steillagen terrassiert sind und deren Sockel der Opok bildet – so nennt man dort den Kalkmergel mit besonders hohem ph-Wert. Seit einigen Jahren haben die beiden Brüder den Besitz des Vaters Andreas Tscheppe sen. geteilt. Der Bruder, Andreas jun. firmiert unter eigenem Namen und Ewald und seine Frau Brigitte haben ihren Betrieb Werlitsch genannt. Werlitsch ist der Name des Hofs, auf dem die Familie beheimatet ist.

Die beiden Brüder, die bei der Wiener Weinmesse Vievinum im letzten Jahr auch direkt nebeneinander standen, bewirtschaften die gleichen Weinberge und sie tun es auf die gleiche Weise, denn sie haben sich beide dem biodynamischen Weinbau verschrieben. Eine durchaus unterschiedliche Stilistik entwickelt sich erst im Weinkeller, der teils noch von beiden genutzt wird. Wenn man die Weine probiert, zeigt sich eindrücklich, dass schon das Drehen an wenigen Stellschrauben völlig unterschiedlich wirkende Weine zustande bringt. In beiden Betrieben geht es vor allem um Sauvignon Blanc, Morillon, wie der Chardonnay dort genannt wird und um Gelben Muskateller.

Ewald Tscheppes Landwein Werlitsch wird aus 50% Morillon und 50% Sauvignon Blanc gekeltert. Die Reben für diesen Wein stammen aus den kargsten und steilsten Lagen, die Tscheppe im Besitz hat. Der Saft bleibt lange auf der Maische und das im offenen großen Holzbottich. Nach dem langsamen Pressen wird der Wein zwei Jahre auf der Feinhefe im großen Holzfass gelagert, bevor er auf die Flasche kommt.

werlitsch

Soweit zum Hintergrund. Der spielt allerdings zunächst einmal, wenn man den Wein öffnet und ins Glas gießt, keine Rolle mehr. Man kann über dieses Wissen verfügen oder nicht, wenn der Wein ins Glas rinnt, trüb und orange wie ein modernes Craftbeer, dann spielt all das für eine Zeit keine Rolle mehr. Den Vergleich mit dem Craftbeer nutzte ich natürlich bewusst, denn sowohl in der Farbe als auch im Aroma ist es genau das, woran dieser Wein im ersten Moment erinnert. Es ist die Hefe, die zunächst den Charakter bestimmt, und so etwas wie die typischen momentan gefragten Aromahopfen wie Amarillo oder, mit Blick auf den verwendeten Sauvignon Blanc auch Nelson Sauvin. Schnell aber verändert sich der Wein im Glas und was dann über die nächsten Stunden oder Tage hinweg passiert ist einfach beeindruckend schön. Wenn man alles, was man sonst so mit Wein verbindet zunächst einmal zur Seite lässt und sich auf diesen Wein einlassen mag – vor allem, wenn man keine Erfahrung mit Orange-Weinen hat – dann ist dies ein Erlebnis, wie man es mit Getränken nur selten hat. Dieser Wein ruht auf unglaubliche Weise in sich selbst, ist ruhig und gelassen wie sein Erzeuger, öffnet sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen demjenigen, der sich Zeit mit ihm lässt. Die Frucht changiert im Laufe des Abends von grüner und gelber zur orangener und leicht kandierter Frucht. Es gibt neben hefigen Anklängen auch malzige. Es gibt Kräuter, viele Kräuter und Gewürze (Brotgewürz,Thymian, Fenchelblüte), dazu Tabak, Nüsse, Mandeln, Speck und immer ein wenig Salz dabei. All das verbindet sich in höchster Komplexität ohne auch nur eine Spur anstrengend zu sein. Das ist Wein wie ein Naturschauspiel außerhalb der Stadt. Man ist mit seinen ganzen Sinnen gefangen, aber es hat nichts Hektisches, nichts Lautes. Einen Wein zu machen, der so geerdet ist und gleichzeitig so zu schweben scheint, ist nicht einfach zu machen. Dazu muss man schon im Weinberg und ebenso im Keller sehr genau nach innen und nach außen hören, muss sich ganz einlassen auf das, was die Natur einem da angeboten hat. Ewald Tscheppe kann das, keine Frage. Und selbst wenn wir, als Betrachter, als Erschmecker, als Genießer der Idee der Biodynamie, der Tscheppe folgt, kritisch gegenüber stehen mögen, so kommen wir doch nicht umhin, diesen Wein als außergewöhnlich zu groß zu bezeichnen. Dass diese Größe aber nur deshalb möglich ist, weil Tscheppe sich so intensiv auf die Natur und seine Art der Bewirtschaftung einlässt, finde ich bei diesem Wein so offensichtlich wie bei kaum einem zweiten. Es ist gut, dass wir Menschen haben, die sich darauf einlassen, die sich nicht beirren lassen und diese Hilfsmittel nutzen, um Weine von solcher Tiefe und solcher Größe und vor allem Schönheit erzeugen.

Dieser Wein ist einer der großen der Weinwelt, das würde ich ohne zu zögern sagen. Im Gegensatz zu vielen höchst bewerteten Weinen allerdings kostet dieser Wein hier etwa so viel wie eine gute Kiste Craftbeer. Wenn mich jemand fragen würde, welchen Wein ich in einer Originalkiste mit auf eine einsame Insel nehmen würde, dann wäre es genau dieser Wein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mir davon im Gegensatz zu anderen höchst bewerteten Weinen aus dem Burgund, dem Bordelais oder sonst woher auch persönlich eine Kiste leisten könnte.

In Neuseeland – Teil 8: Nelson, bei Woollaston und Neudorf

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Als ich Samstagmorgen in der Lodge in Martinborough aufwache, ist es später als gedacht. Zwar habe ich nachts immer noch mit Jetlag-Nachwirkungen wachgelegen doch bin ich irgendwann wieder eingeschlafenen und habe nicht gemerkt, dass die Weckzeit, die ich mir gestellt hatte, nur für Wochentage eingestellt war, aber nicht für Samstage. So bin ich Hals über Kopf abgereist und durch den Morgennebel gefahren, der über den Weiden des Tals lag, zurück durch die Tararua Range zum Flughafen von Wellington. Die kurze Flugstrecke entschädigt jedoch für das ganze Gehetze, das sich am Flughafen noch fortgesetzt hat, da man das Terminal geändert hat, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Die Route führt bei wolkenlosem Himmel fast im Tiefflug über den Pelorus Sound. Was für eine fantastische Szenerie bietet dieses Land doch immer wieder – diesmal im Anflug auf Nelson, der Gebietshauptstadt eines Weinbaugebiets, das gerade einmal 963 Hektar bzw. zwei Prozent zur Gesamtweinproduktion Neuseelands beiträgt.

Nelson_Woolaston_02Das Weingut Woollaston und die preisgekrönte Architektur der gläsernen Villa fügen sich in die rolling hills ein. Uüberall finden sich Objekte von Bildhauern in residence. Foto Copyright: Woollaston Estates

Nelson schmiegt sich zwischen Meer und Berge und ist ursprünglich weniger für Wein bekannt als für Hopfen. Der unter Craft-Beer-Kennern wohl bekannteste Hopfen dieser Gegend ist der Nelson Sauvin. Das Witzige dabei ist, dass er im Bierbereich das ist, was Sauvignon Blanc im Weinbereich abdeckt. Er ist der Aromahopfen, der nach Stachelbeere, Trauben und Grapefruit schmeckt. Ganz so, als hätten Nelson Sauvin und Sauvignon Blanc einen gleichen Ursprung. Neben Nelson Sauvin stammen aus dieser Gegend ebenso die Hopfensorten Dr. Rudi (früher Super Alpha), Green Bullet, Kohatu, Motueka, Pacific Gem, Pacific Jade, Southern Cross, Sticklebract, Wakatu und eine Neuzüchtung namens Waimea. Diesen Namen gibt es nicht nur mehrfach auf den Hawaiianischen Inseln sondern auch in Appleby, nahe Nelson. Und nicht nur jener Hopfen wurde so benannt sondern auch das Weingut Waimea Estates. Im Angebot dieses Gutes zeigt sich, wofür das Gebiet bekannt geworden ist. Es sind vor allem die aromatischen weißen Rebsorten sowie Pinot Noir und Chardonnay. Auch wenn, wie so gut wie überall, der Sauvignon Blanc die erste Geige spielt, findet man bei Waimea ebenso Sauvignon Gris, Riesling, Grünen Veltliner, Viognier, Pinot Gris und Gewürztraminer. Die Weine, die ich im Regionaltasting probiert habe, wurden fast alle recht kalt vergoren. Neben dem Weinen von Neudorf, auf die ich gleich noch näher eingehen werde, gehörten die Weine von Richmond Plains und Woollaston zu den erfreulichen Ausnahmen.

Nelson_Woolaston_04Rechts: Ein kleiner Querschnitt durch den Boden von Mahana. Foto  Copyright: Woollaston Estates

Woollaston at Mahana
Überhaupt Woollaston. In diesem außergewöhnlichen Weingut fand das Regional Tasting statt. Es liegt vielleicht 770 Meter entfernt vom Meer und dem vor der Küste gelagerten Rabbit Island in den Hügeln. Der Name Woollaston ist in Neuseeland bekannt, denn der Vater des Weingutsgründers Philip Woollaston war Toss Woollaston, einer, wenn nicht der bekannteste neuseeländische Maler des 20. Jahrhunderts. Seine Familie hat über Jahrzehnte die wohl größte private Kunstsammlung in Neuseelands zusammengesammelt, von dessen Exponaten ein Teil im Weingut und um das Weingut herum zu finden ist.

Nelson_Woolaston_03Foto rechts, Copyright: Woollaston Estates

Das Weingut selbst existiert seit 2000 und ist eine wirkliche Entdeckung. Die Weingärten liegen im Mahana Vineyard rund um das Anwesen sowie im The Burke’s Bank ant the Red Shed Vineyard. Mahana bedeutet warm auf Maori und sagt etwas über Lage und Bodenstruktur aus. Mahana liegt in der Höhe auf 100 Meter und besteht aus in Lehm gebundenen Schotter aus der Eiszeit. Hier stehen die Chardonnay- und Pinot-Reben, Riesling und Pinot Gris. Weiter unten im Tal, in den Waimea Plains stehen die Rebstöcke für die aromatischeren Weine, für Sauvignon Blanc, Pinot Gris und Riesling. Vor einigen Jahren wurde das Weingut auf ökologischen Anbau umgestellt und zertifiziert. Das Weingut wurde direkt auf vier Ebenen geplant, so dass der Produktionsprozess ohne Umpumpen von statten gehen kann. Ich hatte das große Glück, den Weingutsrundgang und das Tasting mit Michael Glover machen zu können, der wenige Tage zuvor eingetroffen war.

Nelson_Woollaston_02

Michael kommt ursprünglich aus Nelson, ist aber als Weinmacher jahrelang durch die Welt gereist und hat viele Jahre lang auf dem Weingut Bannockburn Vineyards in Australien den Stil bestimmt. Ich bin das erste Mal mit den Weinen dieses Weinguts in Kontakt gekommen, aber es wird nicht das letzte Mal sein, vor allem, seitdem ich die ersten Experimente von Michael Glover probiert habe, einem äußerst sympathischen Weinmacher, der vor Energie nur so strotzt. Es werden Weine mit Kanten und Ecken entstehen, die sich aus der Stilistik, die man sonst in Nelson gerne findet, deutlich bzw. noch deutlicher abheben werden.

Neudorf Vineyards
Ganz in der Nähe von Woollaston liegen die Upper Moutere Hills, wo die Neudorf Vineyards liegen. Neudorf schwebt in diesem Anbaugebiet, das kann man ohne Übertreibung sagen, über allem. Die Weine profitieren davon, dass ihre Reben meist schon mehrere Jahrzehnte alt sind. Es ist ähnlich wie bei Ata Rangi und, was Chardonnay angeht, bei Kumeu Rivers: neben aller Arbeit und einem exzellenten Weinbergsmanagement profitiert die Qualität des Weins erheblich vom alten Rebbestand. Dieser wird bei Judy und Tim Finn biologisch-organisch bewirtschaftet. Die beiden haben das Gut Ende der 1970er gegründet. Auch hier gibt es die Parallele zu Ata Rangi. Sie sind ins Weingeschäft eingestiegen als dies in Neuseeland noch kaum existent war. Sie haben jede Menge Lehrgeld bezahlt und sind über die Jahrzehnte hinweg mit aller Erfahrung und altem Rebbestand zur Avantgarde in Neuseeland geworden. Wenn es für Chardonnay einen Cru-status gebe wie es ihn mittlerweile für Pinot Noir gibt, dann würde der Moutere Chardonnay von Neudorf neben dem Hunting Hill oder Coddington Chardonnay von Kumeu Rivers ganz oben stehen.

Nelson_Neudorf_03Möchte man hier wieder weg?

 

Neudorf – die Weine
Neben den hervorragenden Sauvignon Blanc und Lagen-Pinot-Gris haben Todd Stevens, der Winemaker, und ich uns vor allem intensiv mit den Chardonnays und Pinots beschäftigt. Es startet mit dem Estate Chardonnay 2013. Wenn es um guten, oder besser sehr guten Chardonnay geht, dann dreht sich in Neuseeland alles um den säurebetonten, kleinbeerigen Mendoza-Klon. So ist es auch hier. Er mischt sich hier mit Klon 15, 95, 8021, 548 zu 86% aus den Moutere-Hills (Neudorf Home Block, Neudorf Hill Block,Kina Beach, Renart und Flaxmore Vineyards) mit Lehm-Schotter-Gemisch plus einer 14%-Charge aus dem Lord Rutherford Vineyard in den Waimea Plains vom alluvialen Schwemmland. Die Trauben wurden whole bunch gepresst und mit weinbergseigener Hefe vergoren. Der Wein hat zu 100% malolaktische Gärung durchlaufen und wurde in einem kleinen Teil in neuem Holz ausgebaut. Dies gibt dem Wein einen leichten Schwung, einen Touch von Holzstruktur und Tiefe. Der Chardonnay duftet vor allem nach diversen Zitrusfrüchten und Fenchelsaat. Er präsentiert eine wunderbare Mischung aus Cremigkeit und frischer Säure und endet ausgesprochen lang.

Nelson_Neudorf_05Die Anfänge von Neudorf 1978. Foto Copyright: Neudorf Estates

Neu und in kleiner Menge wird der 25 Rows Chardonnay angeboten. Er ist die pure und kristallklare Antwort darauf, dass man in der so genannten Neuen Welt auch Chardonnays produzieren kann, die ihren Gegenpart im Chablis finden. Dieser Wein aus 100% Mendoza-Klon schafft es in beeindruckender Weise. Hier wurde nur 50% des Weins durch eine malolaktische Gärung geschickt, die Weine wurden in alten, größeren Fässern (Puncheons) ausgebaut, wobei nur ganz selten die Hefe umgerührt wurde. Der Clou ist, dass die Rebstöcke auf deutlich basischem, mineralischen Boden im Neudorf Hill Block stehen. So schmeckt man neben aller Grapefruit und Limette vor allem nassen Stein, Trockenkräuter und Brotgewürz. Der Wein vibriert auf der Zunge und hat eine hervorragende Länge.

On top gibt es den 2013er Moutere Chardonnay aus dem Neudorf Home und dem Neudorf Hill Block. Beeindruckend kraftvoll, reich und geradezu explosiv zeigt sich dieser Wein, dessen Rebstöcke teils direkt am Haus stehen, zu 1005 aus Mendoza-Klon bestehen, zu 100% Säureabbau genossen haben und zu 26% in neuem französischen Holz vergoren wurden. Hier verbindet sich der Duft von Blüten mit gerösteten Nüssen und dem typischen Flint-Geruch der oft entsteht, wenn spontan vergorener Chardonnay auf Holz trifft. Am Gaumen präsentiert sich der Wein aromatisch, frisch und gleichzeitig saftig und dicht mit einer superben Länge. Das ist großes Chardonnay-Kino mit einem gekonnten Holzeinsatz, der immer nur leicht unterstützt aber nie dominiert.

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Etwas kräftiger ist der Holzeinsatz beim Pinot, und doch bleibt er immer auf der unterstützenden Seite, vielleicht etwas mehr führend. Der 2012er Tom's Block Pinot Noir  präsentiert sich gerade in perfekter Verfassung. Der Pinot Noir vom Abel-Klon sowie den Varietäten 5, 10/5, 667, 777 und 115 stammt zum überwiegenden Teil aus Moutere (Neudorf Home Block, Kina Beach, Renart und Flaxmore) sowie dem Rutherford Vineyard in den Waimea Plains. Er wurde komplett entrappt, spontan vergoren im Open Top Fermenter. Tom’s Block Pinot duftet nach Pflaumen und Kirschen, Nüssen, Feld, Wiese und Wald. Das Tannin ist bestens integriert und seidig, die Frucht präsent, frisch und zupackend, die Säure hervorragend. Im Gegensatz dazu präsentiert sich der 2013er Tom’s Block Pinot Noir etwas wärmer und noch fruchtbetonter. Das wärmere Jahr gibt hier das Üppigere, wie es ja auch schon in Martinborough zu schmecken war. Dies findet sich auch im Moutere Pinot Noir 2013, dem Pendant zum Icon-Chardonnay. Der Pinot stammt vor allem aus dem Home Block vom 15 bis 33 Jahre alten Rebstöcken und ist eine Mischung verschiedener französischer Klone und dem Abel-Klon. Im Prinzip wurde der Wein genauso verarbeitet wie Tom’s Block, 21% der Fässer sind neue französische Eiche. Wald- und Wildnoten verbinden sich mit dunkler Frucht und Gewürzen wie Süßholz. Beeindruckend ist die Balance dieses noch so jungen Weins, wunderbar die Kraft und Komplexität und die jetzt schon gut integrierten Tannine. Wenn man bei Neudorf mit den Chardonnay schon auf Grand Cru Niveau angelangt ist, so spielen die Pinots definitiv in guter Premier-Cru-Liga.

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Nelson, der kleine Nachbar des großen Gebietes Marlborough, hat viele deutsche Wurzeln, auf die nicht zuletzt der Name des Weinguts Neudorf an der Neudorf Road hinweist. Mitte des 19. Jahrhunderts pflanzten sind Rebstöcke, Hopfen und Obstplantagen, die hier immer noch weit verbreitet sind. Das Gebiet macht sich einen immer besseren Namen mit Wein – und das ist, wenn man Woollaston oder Neudorf probiert auch kein Wunder. Daneben gibt es die, die im Prinzip so schmecken, wie im Nachbargebiet. Das liegt an der angewandten Technik. Da gibt es noch viel Luft nach oben, denn Eisbonbon und Hyperfrische können viele. Da bin ich gespannt, wo es insgesamt hingeht.

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In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: Marlborough, im Johanneshof, bei Greywacke und Dog Point

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

Tradition im Beaujolais – viele Fragen, wenig Antworten

11/Mai/15 12:00 kategorisiert in: Gamay, Rebsorten, Rot, Frankreich, Rotweine, Weinland Frankreich

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Stephan Bauer ist durch das Beaujolais gereist und klärt uns zunächst einmal umfassend darüber auf, was Beaujolais eigentlich ist und nicht ist und was das mit Traditionen zu tun hat:

Tradition ist ein schöner Begriff, denn er ist deutlich positiv belegt. Aber auf die Frage, was in bestimmten Regionen wirklich traditionell sei, wird man zahlreiche unterschiedliche Antworten bekommen. Beim Wein hat die Tradition durchaus eine nicht ganz unwichtige Bedeutung. Wer auf einem Etikett „Cuvée Tradition“ liest, kann damit gleich etwas assoziieren. Typizität kommt mir dabei in den Sinn, eventuell auch eine gewisse Bäuerlichkeit.

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Beaujeu vue de la Croix de Rochefort, Copyright: beaujolaisvignoble.com

Vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Weinwelt der letzten zehn Jahre, die in vollem Gange und noch längst nicht abgeschlossen ist, kommt der Tradition eine zunehmend größere Bedeutung zu. Dieser Bedeutungswandel der Tradition ist Teil der Veränderungen, galt Tradition im Weinbau doch bis vor wenigen Jahren noch eher als Hemmnis, war ein Synonym für fehlende Dynamik. Gerade in den Übersee-Ländern mit geringer Weinbautradition schien plötzlich alles möglich. Wie ein Wein bereitet wurde, war nebensächlich. Wichtiger war die Frage, wie der Wein schmeckte und was die Profikritiker dazu sagten. Wer in Frankreichs wichtigster Weinbaugegend, dem Bordelais, nicht technisch aufrüstete, wurde für hoffnungslos veraltet gehalten.

All das hat sich stark verändert. Seit mehreren Jahren verwenden Winzer, Weintrinker und Medien andere Begriffe: Typizität, Terroir, Herkunft. Dabei ist Terroir das Schlagwort, doch auch die Tradition wird wichtiger. Einige der neuen Superstars der Weinwelt verwenden die Etiketten, die schon ihre Altvorderen verwendeten, erzeugen ihre Weine stark angelehnt an die Praktiken ihrer Eltern oder Großeltern und posaunen gerade nicht heraus, dass sie radikal mit der Vergangenheit brechen wollen. Foucault (Clos Rougeard), Raveneau in Chablis oder Reynaud (Château Rayas) sind einige bekannte Namen, die für dieses Phänomen stehen. Ihre Weine sind weltweit so gefragt, weil die Weintrinker sich nicht nur einen guten Wein, sondern auch die Quintessenz ihrer Herkunft erhoffen (und meistens auch bekommen, wenn auch mit der Mühe einer intensiven Suche und zu mittlerweile sehr hohen Preisen). Gesucht werden traditionelle Weine.

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Chiroubles, Copyright: D. Gillet / Inter Beaujolais

Was in bestimmten Weinbaugegenden wirklich Tradition ist, ist allerdings nicht immer leicht zu sagen. Sind Mosel-, Saar- und Ruwerrieslinge, die durch technische Hilfsmittel, wie sie erst nach dem zweiten Weltkrieg wirklich massentauglich einsetzbar waren, in der Gärung gestoppt wurden, traditionell? Viele Leute würden Weine wie die von J.J. Prüm, Egon Müller oder von Schubert vermutlich schon als traditionell bezeichnen. Nach allem verkörpern sie am ehesten den international (jedoch nicht unbedingt national) gefragten Stil. Andere halten gestoppte Rieslinge für prinzipiell modern und gehen auf der Suche nach der wahren Tradition zurück in die ersten drei Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts, in denen Rieslinge so lange gärten, wie die Natur und das Klima im Keller es zuließen, zum Teil also vollständig (trocken) oder nicht vollständig (feinherb bzw. restsüß). Wer hat hier recht? Vermutlich beide Ansichten. Denn Traditionen kommen und gehen, überlappen sich, werden durch technischen Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklungen obsolet oder relevant.

Gamay und das Beaujolais
Was eigentlich im Beaujolais traditionell ist, lässt sich genauso schwer beantworten wie an Mosel, Saar und Ruwer. Es lohnt sich aber, sich die Geschichte des Weinbaus im Beaujolais  vor Augen zu führen, um besser zu verstehen, worauf sich Traditionen stützen. Eins ist gesichert: die traditionelle Rebsorte des Beaujolais ist die Gamay noir à jus blanc, eine Rebsorte mit roter Schale, aber weißem Saft. Im südlichen Beaujolais, wo sich mehr Kalkmergelböden finden, wird auch ein wenig Chardonnay angebaut. Auch Syrah findet sich im Beaujolais in homöopathischen Mengen. Dies ändert aber nichts daran, dass seit mehr als einem halben Jahrtausend die Gamay im Beaujolais dominiert. Ursprünglich wurde die Sorte mehr nördlich des Beaujolais im Burgund angebaut, bis Philipp der Kühne 1395 per Dekret den Anbau von Gamay im Burgund verbot, da er sie für das Burgund nicht für würdig erachtete. So landete die Gamay im Beaujolais, das mit seinen Granitböden ohnehin die besseren Voraussetzungen für den Anbau der Traube bietet.

Auch die Reblaus, die im Beaujolais in den 1870er bis 1890er Jahren nahezu den gesamten Rebbestand vernichtete, änderte nichts an der Vormachtstellung der Gamay im Beaujolais. Zwar wurde zwischenzeitlich eine Traube namens Noah weit verbreitet im Beaujolais angepflanzt, da sie resistent gegen die Phylloxera war. Als jedoch auch im Beaujolais das Umpropfen von Gamay-Reisern auf US-amerikanische Rebunterlagen gute Erfolge zeigte, verschwand peu-à-peu die Noah-Traube wieder. Ein weiterer Aspekt scheint schon seit mehreren Jahrhunderten den Anbau von Wein im Beaujolais zu prägen: die Gobelet-Erziehung der Gamay-Reben, d.h. die Erziehung als freistehende Buschreben. Diese Erziehung erlaubt praktisch nur Handlese, die zusätzlich mühsam ist, weil die Trauben an einem Gobelet-Rebstock relativ tief hängen. Ebenso wie in der Champagne ist im Beaujolais in allen zehn Crus und in der AOC Beaujolais-Villages die maschinelle Lese gar nicht erlaubt.

Roilette

Beaujolais vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg
Wie der Beaujolais vor 100 Jahren erzeugt wurde, lässt sich ohne tiefgehende Recherchen nur schwer verlässlich rekonstruieren, daher sind Aussagen über eine wirkliche Tradition schwer zu treffen. Ob der Ausbau in den traditionellen burgundischen 228 l Fässern (pièces) eine Rolle gespielt hat, ist schwer zu sagen. Zwar finden sich in dem Buch „Les Vins du Beaujolais, du Mâconnais et du Chalonnais“ von Victor Vermorel und anderen (1893) Angaben für Erntemengen ausschließlich in pièces. Dies war jedoch in der gesamten Region von Dijon bis Lyon die damals gängige Mengenangabe. Die Weinerzeugung wird in dem genannten Buch wie folgt zusammengefasst, was nicht für einen Ausbau in 228 l Fässern spricht:

Die Trauben werden in Holzkisten gesammelt und sodann in den Keller getragen. Man entrappt nicht, aber manche Winzer stampfen die Trauben, was mehr und mehr zunimmt. Hier und da werden die Trauben direkt in den Holzkisten gequetscht, bis die Traube zu Wein wird. Die Vergärung wird dann in offenen Bottichen vorgenommen; der Tresterhut wird mehrmals von einem Mann runter gedrückt, der in den Bottich hinabsteigt. Manche Winzer lassen den Tresterhut sogar dauerhaft im Most mit Hilfe eines Gitterrostes. Je nach Temperatur und Beschaffenheit des Weines, den man erzielen will, lässt man den Wein zwischen drei und sechs, manchmal sogar bis zu acht Tage, im Bottich. Der Wein wird in tonneaux [gemeint sind vermutlich Fässer bis max. 600 l] oder Fuderfässer abgezogen und während des ersten Monats alle acht Tage, danach alle 15 Tage aufgefüllt. […] Im März des Folgejahres wird der Wein das erste Mal abgezogen, um ihn von der Grobhefe zu trennen. […] Manchmal erfolgt ein zweiter Abzug im Juni. Während dieses zweiten Abzugs erfolgt häufig eine Eiweißschönung des Weins. Schließlich erfolgt im August der Abzug auf die Flasche gepaart mit einer Eiweißschönung.

Vermorel

Vermutlich änderte sich hieran bis mindestens zum Ende des zweiten Weltkrieges auch nichts Wesentliches. Die Weine der Beaujolais Crus genossen in dieser Zeit einen guten Ruf. Schaut man sich Restaurant-Weinkarten aus den 1910er und 1920er Jahren an, so erreichten die Preise der beiden heutigen Crus Moulin-à-Vent und Fleurie zwar nicht – wie manchmal kolportiert – das Niveau der Grand Crus aus dem Burgund, jedoch schon in etwa das preisliche Niveau von Village Weinen aus renommierteren Dörfern im Burgund wie Pommard, Volnay oder Nuits Saint Georges. Allerdings wurde auch in der Zeit zwischen 1900 und dem zweiten Weltkrieg schon die Art von Beaujolais erzeugt, die heute regelmäßig mit dem Beaujolais Nouveau in Verbindung gebracht wird: schnell vergorener, leichter, süffiger Rotwein. Dieser wurde bis zum zweiten Weltkrieg jedoch hauptsächlich vor Ort und in den Bouchons in Lyon konsumiert. Zunächst war der Beaujolais Nouveau lediglich die Belohnung für die Erntehelfer und die Winzer selbst. 1938 wurde festgelegt, dass der Beaujolais nicht vor dem 15. Dezember nach der Ernte vermarktet werden durfte.

Beaujolais_03Copyright links: Stephan Bauer / Copyright rechts: D. Gillet / Inter Beaujolais

Georges Duboeuf und der Beaujolais Nouveau
Nach dem zweiten Weltkrieg begann der vorübergehende Niedergang des Beaujolais mit zwei herausragenden Jahrgängen, nämlich dem 1945er und dem 1947er. Beide Jahrgänge zeichneten sich durch eine hohe Traubenreife und eine höhere Alkoholausbeute aus, als dies in anderen Jahrgängen der Fall war. Einige Winzer berichteten von einer natürlichen Alkoholausbeute von über 15% Vol.

Der Winzer Jules Chauvet, zu ihm gleich mehr, berichtete sogar von einem Wein aus seinem Weinberg in Cercié, der 17% Vol. Alkohol ohne Chaptalisation erreichte. Der Überlieferung nach kamen diese beiden Jahrgänge bei den Kunden derart gut an, dass einige Winzer die Erfolge des 1945ers und des 1947ers auch in weniger guten Jahrgängen zu reproduzieren versuchten. Der Alkoholgehalt wurde durch Anreicherung des Mostes mit Zucker erhöht.

Ein wichtiges Jahr in der Geschichte des Beaujolais ist auch das Jahr 1951. Denn in diesem Jahr feierte Georges Duboeuf seinen 18. Geburtstag und legte den Grundstein für sein Beaujolais-Imperium, indem er eine Kooperative gründete, die kurze Zeit später aber wieder eingestampft wurde und durch ein Négociant-Business ersetzt wurde.

Beaujolais_04Copyright: Stephan Bauer

Ebenfalls in diesem Jahr lockerte die Union Interprofessionnelle des Vins du Beaujolais die Regeln für die Vermarktung des Beaujolais und erlaubte selbige bereits ab dem 15. November eines Jahres. Damit war dem Beaujolais Nouveau als Massenphänomen der Weg geebnet. Was als lokale Eigenart begann, weitete sich zunächst nach Paris und dann in die ganze Welt aus. Medienwirksam rasten Händler und andere Verkäufer des Beaujolais Nouveau Anfang der 50er Jahre um die Wette nach Paris, um den ersten Wein des Jahrgangs in die Bars und Restaurants zu bringen.

Die Marketingmaschine kam langsam in Gang. 1964 gründete Georges Duboeuf sein eigenes Négociant-Geschäft. Zunächst verkaufte er Weißweine aus dem Mâconnais und diverse Beaujolais vor allem an die Restaurants in der Region, unter anderem an die Frères Troisgros und an Paul Bocuse. Anders als bei anderen Négociants schrieb Duboeuf überwiegend nicht nur seinen Namen auf das Etikett, sondern auch den Namen des Winzers. Dies beließ den Weinen eine gewisse Originalität. Gegen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre gewann der Beaujolais Nouveau an Bekanntheit außerhalb Frankreichs, so dass die weltweite Nachfrage stieg. Ja, die Welt konnte plötzlich nicht genug kriegen von diesem jungen, frischen, leicht zu trinkenden Rotwein, der sich wie ein Weißwein trank.

Bunte Etiketten, lebenslustige Poster und vor allem ein griffiger Slogan, der Lust auf den ersten Wein des Jahres machen sollte („Le Beaujolais Nouveau est arrivé), Aktionen in Bars und Restaurants setzten in England, in den USA, in Deutschland und in Japan einen run auf den Beaujolais Nouveau in Gang, der in den 1980er und 1990er Jahren seinen Höhepunkt erreichte. Um dem Beaujolais Nouveau jährlich ein Wochenende widmen zu können, wurde 1982 der erste Vermarktungstag auf den dritten Donnerstag des Novembers gelegt, den Beaujolais Nouveau Day. Im Zentrum dieses Phänomens stand all die Jahre Georges Duboeuf, der in immer größerem Stil Trauben und Wein vor allem aus dem südlichen Teil des Beaujolais kaufte und als Beaujolais Nouveau vermarktete.

Für die Weinbauern bedeutete dies eine verlässliche und schnelle Einnahmequelle. Bereits wenige Wochen nach der Ernte konnten sie sich über volle Einnahmen freuen. Um den Beaujolais Nouveau jedes Jahr möglichst ähnlich schmeckend hinzubekommen, aber auch, um die Qualität innerhalb eines Jahrgangs so homogen wie möglich zu gestalten, industrialisierten sich die Vermarkter des Beaujolais die Weinbereitung zunehmend. Um ihm eine leichte Frische zu bewahren, wird der Beaujolais Nouveau mittels macération carbonique (Kohlensäuremaischegärung) erzeugt. Bei der macération carbonique werden die Trauben in ganzen Trauben mit den Stielen in die Gärbehälter gegeben und mit einer Schutzschicht aus CO² abgedeckt. Die erste Gärung findet mittels Enzymen innerhalb der Trauben statt, wodurch ca. 2% Vol. Alkohol entsteht. Sobald diese Gärung abgeschlossen ist und die Trauben beginnen, aufzuplatzen, werden die Trauben gepresst und zu Ende vergoren, jedoch mit nur sehr kurzem Schalenkontakt. Georges Duboeuf, aber auch viele andere Beaujolais-Nouveau-Erzeuger bedienten sich hierfür in den 1970er und 1980er Jahren einer bestimmten Reinzuchthefe, die den Weinen ein (fälschlicherweise als charakteristisch angesehenes) Bananenaroma verlieh. Diese Reinzuchthefe wurde ab ca. Mitte der 1980er Jahre auch bei Duboeuf nicht mehr eingesetzt, das Bananenaroma setzte sich aber bei den Kunden fest.

Laut vielen Winzern im Beaujolais war (und ist) der größte Fehler in der Weinbereitung aber die sogenannte Thermovinifikation, bei der die Maische kurz stark erhitzt und danach wieder runtergekühlt wird, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Farbstoff aus den Schalen zu extrahieren und so die Dauer des Schalenkontakts zu minimieren. Gepaart mit der Aufzuckerung zur Erhöhung des Alkoholgehalts auf den gewünschten Wert entstanden so viele Beaujolais Nouveau, die auch dem Qualitätsanspruch von Duboeuf nicht gerecht wurden, aber trotzdem auf den Markt geworfen wurden, um die Nachfrage nach Beaujolais Nouveau zu bedienen.

Mitte der 1990er Jahre wurde mehr als die Hälfte der Erntemenge im Beaujolais als Beaujolais Nouveau vermarktet, ein Großteil hiervon durch Georges Duboeuf. Dessen Firma kontrollierte auch einen durchaus wesentlichen Teil der Vermarktung von Beaujolais (nicht Nouveau), Beaujolais-Villages und den Beaujolais Crus, die teils nicht unter der Marke Georges Duboeuf, sondern unter teils historischen, teils neu geschaffenen Weinguts-Namen verkauft wurden. Wie in einer klassischen „Rise and Fall“ Geschichte hatte der Beaujolais Nouveau aber Mitte bis Ende der 1990er Jahre dann seinen Höhepunkt erreicht. Georges Duboeufs Firma wurde zudem in 2006 zu einer Geldstrafe verurteilt, da vorsätzlich Wein aus den zehn Crus mit Wein aus der AOC Beaujolais-Villages gemischt wurde, um letzteren in minderwertigen Jahren aufzuwerten. Dieser „Mini-Skandal“ war jedoch nicht wirklich der Grund dafür, dass der Beaujolais Nouveau wieder außer Mode kam. Der Grund dürfte eher darin zu suchen sein, dass Moden kommen und gehen und die Mode des Beaujolais Nouveau weitgehend vorbei war.

Jules Chauvet und die Rennaissance des Beaujolais
Der Schaden für das Beaujolais war jedoch angerichtet. Die Weinwelt verband mit dem Beaujolais als Region letztlich nur den Beaujolais Nouveau als süffiges, kühl zu trinkendes Kopfschmerzgetränk, den One-Night-Stand, den man am nächsten Morgen bereut (obwohl der Beaujolais laut Kermit Lynch an sich der vergnügliche One Night Stand sein soll. Lynch schrieb wörtlich: „Beaujolais should not be a civilized society lady; it is the one night stand of wines.“) Etliche Weinbauern hatten ihre Weinberge, nicht nur für den Beaujolais Nouveau, sondern auch für die Erzeugung der Beaujolais Crus durch den Einsatz von chemischen Herbiziden, Fungiziden und Düngern auf den größtmöglichen Ertrag getrimmt. Ihnen fehlten sowohl das Know-How als auch die technischen Mittel, um qualitativ hochwertige Weine zu erzeugen und zu vermarkten. All dies hatten ihnen jahre-, ja sogar jahrzehntelang Georges Duboeuf und andere Négociants abgenommen.

Der Wegbereiter für einen Weg aus der Krise lebte in Cercié, am Fuße des Mont Brouilly, wo er ein paar Hektar Weinberge bewirtschaftete. Jules Chauvet war aber nicht nur Winzer, sondern auch Chemiker und Autor. Sein Ziel war es, dem Beaujolais seine Seele zurückzugeben. Interessanterweise war diese Seele von dem Beaujolais Nouveau in seiner Prägung vor den 1960er Jahren gar nicht so weit entfernt. Das Idealbild Chauvets für einen Beaujolais hängt mit den Bouchons in Lyon zusammen, wo der Beaujolais lange Jahre der klassische unkomplizierte Begleiter für die deftige Küche des Lyonnais war und auch teils noch ist. Würste, Innereien, gepökeltes Schweinefleisch bedürfen eines Durstlöschers, keines strukturierten, komplexen, schweren Rotweins. Dieses Bild des unkomplizierten Speisebegleiters, des joie-de-vivre-Rotweins hatte Jules Chauvet im Kopf, als er Anfang der 1980er Jahre begann, den Beaujolais ähnlich, aber doch deutlich anders zu erzeugen, als dies Duboeuf & Co. zu der Zeit taten.

Beaujolais_02Copyright: Stephan Bauer

Auch Jules Chauvet setzte auf die macération carbonique, allerdings in seiner Prägung, die als macération semi-carbonique bekannt ist. Dabei werden die Trauben nach der innerzellulären Gärung nicht gleich gepresst und von den Stielen getrennt, sondern der austretende Saft wird nach dem Platzen der Trauben wieder oben in den Bottich gepumpt, so dass der Saft etwas länger mit den Schalen und Stielen in Kontakt ist. Der große Unterschied zwischen der Weinbereitung Chauvets und derjenigen Duboeufs war, dass Chauvet auf Vieles, was die Weinbereitung vermeintlich einfach macht und standardisierte Produkte hervorbringt, verzichtete: Reinzuchthefen, Chaptalisation, künstlich zugesetztes CO², Stabilisatoren, Eiweißschönung, Filtration und vor allem auch die Zugabe von Sulfit. Chauvet war der Ansicht (die sich bei sorgfältiger Arbeit als richtig herausstellen sollte), dass die anärobe Gärung und der weitgehend oxidationsfreie Ausbau seiner Beaujolais für eine ausreichende Stabilität der Weine sorgt, so dass sich die Sulfitzugabe erübrigt.

Die Arbeit Chauvets legte nicht nur den Grundstein für die gesamte vin-naturel-Bewegung in Frankreich, sondern war zudem die Basis für den vielleicht wichtigsten, heute anzutreffenden Stil im Beaujolais. Die ersten bekannten Schüler Chauvets wurden von dem US-Importeur Kermit Lynch als Gang of Four betitelt und gewannen schnell in den USA eine eingefleischte Fangemeinde. Es handelte sich um Marcel Lapierre, Jean Foillard, Guy Breton und Jean Thevenet, alle vier aus Villié-Morgon. Sie erzeugten saftige, aber dennoch strukturierte Morgons, die mit macération carbonique erzeugt und unfiltriert, ungeschönt und ungeschwefelt abgefüllt wurden. In seinen Memoiren Adventures on the Wine Route schildert Kermit Lynch auf plastische Art und Weise, wie die vier Pioniere aus Villié-Morgon sich gegenseitig inspirierten, leichte Modifikationen in der Vinifikation austesteten und mit der Zeit ihren Stil fanden. Alle vier Betriebe sind noch heute aktiv, wobei Mathieu Lapierre nach dem Tod seines Vaters die Domaine übernommen hat.

Kann man aufgrund dieser Entwicklungen den Stil Chauvets und seiner Schüler als für das Beaujolais traditionell bezeichnen? Das ist schwierig – zumindest ist er nicht der traditionelle Stil, sondern repräsentiert eine von mehreren Traditionen. Wie sich als Gegenbewegung zu dem industriell geprägten Stil Duboeufs und des Beaujolais Nouveau der von Jules Chauvet inspirierte Stil herausbildete, zeigt aber, dass Traditionen und vermeintliche Traditionen stets im Fluss sind. Die Geschichte der Stilistiken im Beaujolais ist hier auch noch lange nicht am Ende.

Louis Jadot und die Ankunft der burgundischen Vinifikation
Der nächste wichtige Meilenstein erfolgte im Jahr 1996 mit dem Erwerb des Château des Jacques durch Louis Jadot, einem der großen Négociant-Häuser aus dem Burgund. Die Négociant-Häuser des Burgunds waren schon immer im Beaujolais aktiv. Häuser wie Mommesin besaßen nicht nur eigene Rebflächen, sondern kauften vor allem Trauben und Wein und nutzten ihre Vertriebskanäle, um den Beaujolais insbesondere an Supermärkte und die Gastronomie zu verkaufen. Der Erwerb des Château des Jacques durch Jadot ist gleichwohl ein Meilenstein aus mehreren Gründen. Erstens verfügt das Château des Jacques über substanzielle Parzellen in einigen der besten Lagen in der Appellation Moulin-à-Vent auf dem Plateau von Thorins bei der namensgebenden Windmühle: La Rochelle, Le Grand Carquelin, Rochegrès, Champ de Cour.

Beaujolais_01Copyright: Stephan Bauer

Zweitens brachte das Team von Jadot deutlich burgundische Einflüsse in die Vinfikation des Beaujolais. Ende der 1990er Jahre herrschte im Beaujolais ganz klar die macération carbonique oder macération semi-carbonique (siehe oben) vor. Jadot ging einen anderen Weg und vinifizierte seine Moulin-à-Vents wie die Burgunder. Die Trauben wurden vollständig entrappt, erhielten eine Maischestandzeit von gut drei Wochen und wurden dann ca. ein Jahr in 228 l Fässern ausgebaut, anfangs mit beträchtlichen Anteilen an neuen Fässern. Mittlerweile wurde der Anteil an neuem Holz wieder runtergefahren, die Vinifikation ist ansonsten aber weitgehend gleich geblieben. Tatsächlich erinnern die Moulin-à-Vents des Château des Jacques eher an rote Burgunder als an Moulin-à-Vent, erst mit beträchtlicher Flaschenreife von zehn und mehr Jahren kommt der Charakter der Gamay besser durch, namentlich wenn das Holz verdaut ist. Neu seit wenigen Jahren ist bei Jadot, dass einige neu gepflanzte Reben in Guyot-Erziehung anstatt in Gobelet-Erziehung gepflanzt wurden. Ob dies Auswirkungen auf den Geschmack der Weine haben wird, bleibt abzuwarten. Ungewohnt ist der Anblick von Weinbergen ohne Buschreben im Beaujolais gleichwohl.

Dem Beispiel des Hauses Jadot sind mittlerweile einige Winzer aus dem Burgund gefolgt, so z.B. Thibault Liger-Belair (in Moulin-à-Vent), das Haus Henriot, denen im Chablis die Domaine William Fèvre und im Burgund das Haus Bouchard Père et Fils gehört (in Fleurie), Marie-Elodie Confuron-Zighera (in Morgon und Fleurie), die Familie Labruyère, denen im Burgund die Domaine Jacques Prieur gehört und die mit dem Jahrgang 2007 die Weinberge in Moulin-à-Vent wieder aus der Pacht in den Eigenbetrieb nahmen, oder Michel Lafarge (in Fleurie). Andere Neueinsteiger wie die Familie Parinet, die 2008 das Château du Moulin-à-Vent erwarben, setzen ebenfalls für die Spitzenweine auf eine burgundische Vinifikation.

Diese Bewegung stößt jedoch mittlerweile an ihre Grenzen. Sowohl die Domaine Labruyère als auch Thibault Liger-Belair entrappen nur noch einen Teil der Trauben für ihre Moulin-à-Vents und arbeiten bei dem Rest der Trauben mit macération semi-carbonique. Das Ziel ist es, regionstypischere Weine zu erzeugen, bei denen die Charakteristik der Gamay und auch die Frische besser herauskommen. Unter Umständen ist dieses Umschwenken auch darauf zurückzuführen, dass es den Winzern und Önologen aus dem Burgund anfangs darum ging, zu zeigen, dass Beaujolais Crus aus Top Terroirs sich hinter Pinot Noirs aus dem Burgund nicht zu verstecken brauchen, dass es also darum ging, aus der Gamay-Traube Weine zu erzeugen, die wie ein Top-Burgunder schmecken. Nachdem dies durchaus anerkannt wurde, kann sich jetzt darauf konzentriert werden, mehr an der Typizität zu arbeiten.

Ist die burgundische Vinifkation der Gamay nun für das Beaujolais traditionell oder nicht traditionell? Einige Winzer, für die die macération carbonique und der Ausbau in Holzfudern oder Betontanks die Tradition im Beaujolais darstellt, sind der Ansicht, dass kleine 228 l Fässer und entrappte Trauben im Beaujolais nichts zu suchen haben. Jean-Jacques Parinet entgegnet dem mit einem Blick in den Jahrhunderte alten Keller seines Château du Moulin-à-Vent und stellt die Frage, wie in diesen Keller mit niedriger Decke mehrere Hektoliter fassende Fuderfässer reinpassen sollen. Kleine Fässer scheinen also jedenfalls in den Weinbergen der AOC Moulin-à-Vent eine gewisse Tradition zu haben.

HD_14_chateaumoulinventcave03_DanielGilletInterBeaujolaiscopyrightmfKeller des Chateau du Moulin à Vent in Romanèche Thorins, Copyright: D. Gillet / Inter Beaujolais

Und was ist nun im Beaujolais traditionell?
Was ist jetzt am Ende dieser Reise traditionell im Beaujolais? Dem Beaujolais Nouveau lässt sich eine gewisse Tradition nicht absprechen. Viele Trauben wie Tannat, Cabernet Sauvignon oder Mourvèdre eignen sich gar nicht für die Erzeugung von Primeur-Weinen, da ihre Tannine die Erzeugung leichter, fruchtiger Weine zum jung trinken nicht zulassen. Auch der „Stil Chauvet“ hat sich mittlerweile bei so vielen renommierten Winzern durchgesetzt, dass man ihn getrost als traditionell bezeichnen kann. Ob der burgundische Stil im Beaujolais eine Tradition hat, lässt sich nur schwer sagen. Jedenfalls scheint er nur für eher gehaltvolle Weine aus Moulin-à-Vent und einige wenige Terroirs in Fleurie und Chénas geeignet.

Eine (positive) Entwicklung der letzten Jahre scheint aber nicht mehr aufzuhalten sein: die Diversifizierung der Produktion und die Abfüllung verschiedener Lagenweine. Auf den allermeisten Domaines im Beaujolais gab es früher für jeden Cru nur eine Abfüllung („Brouilly“ oder „Morgon“). Allenfalls noch gab es Sonderabfüllungen mit Fantasienamen, die von besonders alten Reben stammen oder in kleinen Holzfässern ausgebaut wurden („Cuvée Tradition“ oder „Elevé en fut de chêne“). Mittlerweile werden gerade bei den Crus, bei denen einzelne Lagen schon länger mit Namen bekannt sind, Weine aus verschiedenen Lagen bei vielen Winzern unter dem Lagennamen vermarktet. Diese Lagen sind – wie in Fleurie, Chénas oder Moulin-à-Vent – mal kleiner oder – wie in Morgon – mal größer.

Diese Entwicklung unterstützt die von der Vereinigung Inter-Beaujolais in Auftrag gegebene Bodenstudie des Geologie-Büros Sigales, die mittlerweile abgeschlossen ist und in mehreren detaillierten Karten der Lagen und Böden resultiert. Die Studie bietet nicht nur den Winzern, Händlern und Kunden die Möglichkeit, die einzelnen Bodenbeschaffenheiten zu erkennen, sondern soll auch als Vorbereitung für eine Abstufung der einzelnen Terroirs dienen. Geplant ist, dass auf lange Sicht ein System mit Premier Crus und evtl. auch Grand Crus geschaffen wird, in dem die höherwertigen Terroirs durch eine entsprechende Einstufung honoriert werden. Wie bei allen Lagenklassifikationen dürfte das System aber bei einigen Winzern auf Widerstand stoßen. Gerade in Moulin-à-Vent teilen sich einige der hochwertigsten Terroirs wie Le Carquelin, Le Clos du Moulin-à-Vent, La Rochelle, Champ de Cour oder Les Verillats auf nur wenige Erzeuger auf. Von der Klassifikation werden also voraussichtlich nicht alle Winzer profitieren.

Hinzu kommt, dass durch die unterschiedlichen Methoden der Vinifikation die Eigenheiten bestimmter Lagen schwer zu erkennen sind, da ein burgundisch vinifizierter Beaujolais generell anders schmeckt als ein mit macération carbonique vinifizierter Beaujolais. Gleichwohl sind schon jetzt und auch in der Jugend die Lagenunterschiede innerhalb des Portfolios einzelner Winzer gut erkennbar, gerade wenn entsprechende Hinweise der Winzer zu den Eigenheiten der Lagen vorhanden sind. So schmeckt zum Beispiel bei der Domaine Labruyère der Champ de Cour immer etwas konzentrierter als der Le Carquelin. Vergleichbar damit ist auch beim Château du Moulin-à-Vent der Champ de Cour immer etwas konzentrierter und gradliniger als der Croix des Verillats. Die Abfüllung verschiedener Lagenweine lohnt sich also auf jeden Fall.

Am Ende ist – wie so oft und glücklicherweise – auch im Beaujolais nichts in Stein gemeißelt und vieles möglich. Sollte ich jedoch meinen idealen Beaujolais auf mehrere Worte runterbrechen, so ist die von Würsten, Hühnern, Käse und Gartengemüsen geprägte Küche Lyons prägend. Der ideale Beaujolais ist ein leicht verdaulicher Wein, der lieber etwas zu süffig als zu gehaltvoll ist, komplex sein darf, dies aber nicht sein muss und vor allem für ein bäuerliches joie de vivre steht, das im Beaujolais auch an jeder Ecke zu finden ist.

Fleurie_2007_foillard

Ein paar typische Beaujolais

Cedric Chignard – Fleurie Cuvée Spéciale

Jean-Louis Dutraive – Fleurie En Champagne

Alain Coudert – Fleurie Clos de la Roilette Cuvée Tardive

Daniel Bouland – Morgon Vieilles Vignes

Marcel Lapierre – Morgon

Louis-Claude Desvignes – Morgon Côte du Py

Jean Foillard – Morgon Côte du Py

Bernard Diochon – Moulin-à-Vent Vieilles Vignes

Château des Jacques – Moulin-à-Vent Clos de Rochegrès

Richard Rottiers – Moulin-à-Vent Champ de Cour

Domaine Labruyère – Moulin-à-Vent Le Clos

Hubert Lapierre – Chénas Vieilles Vignes

Dominique Piron – Chénas Quartz

Domaine des Billard – Saint Amour Clos des Billards

Daniel Bouland – Chiroubles

Jean-Marc Burgaud – Chiroubles

Nicole Chanrion – Côte de Brouilly

Château Thivin – Côte de Brouilly Les 7 Vignes

Georges Descombes – Brouilly Vieilles Vignes

Raimon Jambon – Brouilly La Pointe des Einnards

Pierre-Marie Chermette – Beaujolais-Villages Coeur de Vendanges

Jean-Paul Brun – Beaujolais „L’Ancien“


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