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It's Sauvignon Blanc Day! Mit Giesen Dillons Point und The August 1888

24/Apr/15 10:45 kategorisiert in: Sauvignon Blanc, Weinland Neuseeland, Weiß, Neuseeland

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Als ich kürzlich in Neuseeland war habe ich, wen wundert’s – gefühlt hundert Sauvignon Blancs probiert. Gezählt habe ich sie nicht. Doch jede Winery, die ich besucht habe, von den Regionaltastings ganz zu schweigen, hatte Sauvignon Blanc mit an Bord. Es ist einfach die Rebsorte in Neuseeland. Es gibt zig verschiedene Stile, auch wenn der tropische, manchmal bonbonhafte Stil, den Cloudy Bay geprägt hat, immer noch dominiert.

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Heute ist International Sauvignon Blanc Day und deshalb ist es klar, dass ich heute zwei weitere Sauvignons vorstelle, und zwar solche, die ansonsten in meinem Reisebericht nicht vorkommen werden. Leider hat der Besuch der Winery von Theo, Alex und Marcel Giesen nicht in meinen Zeitplan gepasst. So sind mir die Weine in Neuseeland nicht untergekommen. Entsprechend hole ich das mit zumindest zwei Weinen nach, die die deutschen Auswanderer in Blenheim, dem Hauptort von Marlborough vinifiziert haben.

Die drei Brüder sind seit den 1980ern in Neuseeland. Nachdem sie sich zunächst in Australien umgeschaut hatten, behagte ihnen das Klima Neuseelands deutlich eher. Sie kommen aus Deutschland, ihr Vater war Steinmetz und verfügt über keine eigenen, kommerziell betriebenen Weinberge doch die drei hatten schon in ihrer Jugend als Hobby einen Weinberg angelegt, inspiriert von ihrem Großvater August, der auch einem der Weine seinen Namen gegeben hat.

Während Theo und Alex schließlich in der Nähe von Canterbury ihren ersten Weinberg anlegten – den damals südlichsten Weinberg der Welt, studierte Marcel in Geisenheim zu Ende und folgte den beiden Brüdern etwas später. Die Geschichte ging dann in Marlborough weiter, wo die drei zur ersten Gründergeneration gehörten und heute insgesamt dreizehn verschiedene Lagen besitzen, die nach und nach ökozertifiziert werden.

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Im Mittelpunkt des Programms steht ganz klar der Sauvignon Blanc. Ein zweiter Fokus liegt zunehmend auf Pinot Noir. Und zwar auf dem aus kleinen Einzellagen, die es als Sondereditionen gibt. Marcel hat, was Pinot angeht, schon viel Erfahrung in Canterbury gemacht, wo er seit 1997 zusammen mit Sherwyn Veldhuizen ziemlich exzeptionellen Pinot im Bell Hill Vineyard produziert. Aktuell gibt es von den Giesens in Marlborough Pinot aus den Lagen Brookby Road, Clayvin, Ridgeblock, Waihopai sowie chardonnay aus den Lagen Clayvin und Dog Point Road sowie Sauvignon Blanc aus der Lage Dillons Point.

Zurück zum Sauvignon, schließlich ist Sauvignon Day. Auf dem Tisch stehen der Giesen 2011er Dillons Point und der 2011er The August 1888.

Dillons Point ist mittlerweile der Estate Sauvignon Blanc und dürfte bis einschließlich 2011 komplett aus der Lage Dillons Point am Opawa River gekommen sein. Der Wein erinnert mich zunächst viel mehr an einen Rheingau-Riesling denn an einen Marlborough-Sauvignon. Hier ist phenolische Reife im Spiel, Kern-, Stein- und Zitrusobst und frische Säure. Erst später drängen leicht grasiggrüne Noten weiter in den Vordergrund und eine Maraguja schaut scheu vorbei.

The August 1888 ist ein ganz anderes Kaliber. Der Sauvignon Blanc wurde spät und von Hand gelesen, was eher untypisch für Marlborough ist. Dann ist die kleine Menge ins französische Holz gewandert und wurde dort spontan vergoren. Es gab ganz offensichtlich Batonnage und der Wein lag lange auf der Hefe. Heraus kommt natürlich etwas, was mit üblichem Marlborough-SB nichts zu tun hat. Der Wein ist dicht, kräftig, mit massiven 14,5% Alkohol, die man allerdings überhaupt erst nachher spürt, wenn man die Flasche geleert hat. Was zunächst im Vordergrund steht ist Karamell und Vanille vom Holz. Das mag ich eigentlich gar nicht so gerne, aber es hat passt, es fügt sich ins Gesamtbild ein. Es dauert ein bisschen, bis sich Guave, Papaya, Pfirsich, etwas Banane und Zitrone einmischen und auch das Mineralisch-Frische durchschlägt. Gestern war das genau der Wein, der zum Tag gepasst hat und er war, ehrlich gesagt, schnell leer. Zumal er zur Pasta mit Lammlachs und Salbeibutter gepasst hat, obwohl das weit von einer klassischen Kombination entfernt ist. Nach dem 2011er Sauvignon Blanc Section 94 von Dog Point sowie dem 2011er Wild Sauvignon von Greywacke ist das hier unterm Strich der dritte der aktuellen Neuseeland-Sauvignon-Blanc-Hitliste.

Die Weine hat mir New Zealand Wine zur Verfügung gestellt.

In Neuseeland – Teil 4: Craggy Range und Elephant Hill

Header Neuseeland

Hawke’s Bay ist neben Marlborough die Region der großen, von Investoren gegründeten Weingüter. Nach dem Regionaltasting, von dem ich noch einige Weine empfehlen werde, habe ich in zwei Tagen vier dieser Weingüter besucht. Heute stelle ich Craggy Range und Elephant Hill vor, danach geht es weiter mit Trinity Hill und Sileni.

Craggy_Range_01Oben rechts: Matt Stafford erklärt anhand einer  Luftaufnahme den Te Muna Road Vineyard in Martinborough. Unten links: Sieht schwer nach einer heftigen Unterstockspritzung aus. Unten rechts: Weinmachen in pseudosakralem Ambiente. Wir kennen das aus dem Bordelais. Copyright: C. Raffelt

 

Craggy Range
Matt Stafford hat es sich netterweise – obwohl er an dem Tag die gesamte Belegschaft des Weinguts Stag's Leap erwartete – nicht nehmen lassen, mich selbst beim Regionaltasting abzuholen und einmal kurz bei den Gimblett Gravels vorbeizufahren, bevor wir eine Führung durchs Weingut unternommen haben. Matt Stafford ist der Chief Winemaker der 60-Millionen-Dollar-Investition namens Craggy Range. Gegründet hat es Terry Peabody, ein Australier, der in Australien die Abfallentsorgungsbranche revolutioniert und viel Geld damit gemacht hat. Er traf 1997 auf den Weinmacher und Master of Wine Steve Smith. Nach einem ersten Gespräch wusste Peabody, dass sein Wunsch, der Familie ein Weingut aufzubauen und letztlich zu hinterlassen, Gestalt annehmen würde. Allerdings nicht in Europa, wie eigentlich mal ins Auge gefasst, sondern in Neuseeland. Terry Peabody ist nun nicht der Typ, der ein solches Projekt halbherzig oder mit angezogener Handbremse beginnt. Er hat sich zusammen mit Smith sehr genau überlegt, nach welchem Konzept er das Weingut errichten und positionieren würde, und genau das hat er dann umgesetzt.

Craggy Range war von Beginn an darauf ausgelegt, eines, wenn nicht das beste Weingut des Landes zu werden. Und diesem ganz klaren Ziel folgt man in einem 50-Jahre-Plan. Dabei kamen Steve Smith’ außerordentlich guten Kenntnisse der geeigneten Rebfläche ins Spiel. Er hatte bereits jede Menge Parzellen in allen möglichen Teilen des Landes erworben und bepflanzt, um die besten Flächen zu finden. So startete man auf den Gimblett Gravels mit Syrah und einigen Bordeaux-Rebsorten und außerdem im Tuki-Tuki-Valley mit Chardonnay. Doch, wie ja schon mehrfach betont, wird in Neuseeland immer noch Pionierarbeit geleistet und so wurde später auch auf Craggy Range so manche Sorte wieder herausgerissen oder getauscht, um immer perfektere Ergebnisse zu erhalten.

Craggy_Range_02Leichte Lunch-Vorspeise im hervorragenden Restaurant Terrôir. Die Initialen der Weine gefallen mir natürlich. Ebenso der Blick vom Restaurant auf die gegenüberliegenden Hügel. Fotos Copyright: C. Raffelt

Neben dem Präsentationsstandort samt Restaurant bei Hastings wurde eine hochmoderne, technisch perfekt ausgestatte Werkstätte in die Gimblett Gravels gestellt. Wenn ich das Probieren der Wein resümieren soll, dann spiegeln die Weine den Preis der Technik wider, würde ich sie als technisch sehr perfekte, hoch elegante Weine beschreiben, die mehr den Stil des Hauses und des Weinmachers präsentieren, als den der individuellen Weingärten und Mikroklimate (auch wenn man die darin natürlich ebenso wiederfindet). Seitdem ich den ersten Wein von Craggy Range vor einigen Jahren probiert habe, empfinde ich es so, dass der Keller den Charakter zu stark poliert. Dies ist ein persönliches Empfinden, dass ich auch schnell mal bei modernen Cru-Classé-Weinen aus dem Bordelais habe. Manchmal sind diese Weine so elegant und glatt, dass sie mir einfach von der Zunge flutschen, dass ich sie nicht zu packen kriege. Und dann bleiben sie eben auch nicht haften.

Trotzdem bin ich beim Probieren der Weine glücklich geworden. Die 2011er Cuvée names Sophia hat mich ebenso beeindruckt wie die Rieslinge beim abschließenden Lunch im gutseigenen Restaurant Terrôir. Sophia ist eine St.-Émilion-Cuvée, wenn man so will. Merlot macht den Hauptteil aus, dazu gibt es Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und etwas Petit Verdot. Die reife Frucht ist hier präsent (Pflaumen, Brombeeren, Cassis), die Würze (getrocknete Provence-Kräuter, Zimt, etwas Vanille) und die Tanninstruktur ist fein und gelungen. Die Rieslinge waren schon in fortgeschrittenem Alter (2004, 2002) und haben sich in glänzender Verfassung präsentiert.

 

Elephant Hill
Auf ähnlichem Gebiet wie Craggy Range bewegt sich Elephant Hill. Das Weingut wurde von Roger Weiss gegründet, einem deutschen Unternehmer und Sammler historischer Jaguars, die er zur Generalüberholung zu einem der weltweit führenden Jaguar-Spezialisten nach Neuseeland verschiffen lässt. (Überhaupt scheinen historische Wagen und vor allem auch Flugzeuge ein besonderes Faible der Neuseeländer zu sein. Das Klima ist für diese Sammelleidenschaft auch ziemlich perfekt.) Es begab sich nun, dass Roger und Reydan Weiss ihren Fahrzeugen irgendwann selbst ans vermeintliche Ende der Welt folgten und so begeistert waren, dass sie 2001 einer weiteren Leidenschaft ein Gesicht geben wollten und das Weingut Elephant Hill gründeten (benannt nach einem weiteren Faible, dem für Elefanten). Dem Weinbergsmanager Jon Peet zu Folge, hat Weiss ähnliche Ambitionen wie Peabody. Auch er will auf seinem 25-Hektar-Weingut die besten Weine des Landes erzeugen. Jon Peet, aber auch Direktor Günter Thies und Winemaker Steve Skinner erhalten dafür alle Möglichkeiten, um dieses Ziel zu verwirklichen. Entsprechend aufwendig und geradezu penibel ist die Pflege der Weinberge. Es ist tatsächlich beeindruckend, wie weit man schon gekommen ist, wenn man bedenkt, dass der erste Jahrgang aus dem Jahr 2008 stammt.

Elephant_Hill_01Wenn Roger Weiss  in Neuseeland verweilt, blickt er von seinem Haus aus (oben links) auf die Te-Awanga-Weinberge, die Winery und den dahinterliegenden Pazifik (unten rechts). Die Rebstöcke und vor allem der boden sieht etwas anders aus als bei Craggy Range. Der Engländer Jon Peet ist ursprünglich Bodenforscher, was ihm hier durchaus zugute kommt. Er pfelgt die Weinberge mit einem minimalaufwand an Chemie. Doch praktisch alle in Hawke's Bay haben Angst vor Pilzkrankheiten und es gibt nur ganz wenige zertifiziert biologische Weinberge. Fotos Copyright: C. Raffelt

Die Weine zusammen mit Jon Peet im gutseigenen Restaurant beim Essen zu probieren, ist bei der Lage des Weinguts natürlich ein besonderes Vergnügen. Das Restaurant wurde gerade erst zum besten Weingutsrestaurant Neuseelands gekürt und ich würde lügen, wenn ich nicht eingestehen würde, dass ich mich an dem Abend schon sehr privilegiert gefühlt hätte. Gerade die Syrah und Chardonnay des Weinguts sind exzellent. Ausgesprochen gut gefallen haben mir jedoch auch die beiden Cuvées Le Phant rouge und Le Phant blanc mit Pinot Gris, Viognier und Gewürztraminer. Die Weine sind elegant und bergen gleichzeitig eine immense Frische. Ich ziehe dabei den 2012er Jahrgang, der nass und kühl war dem wärmeren 2013er vor. Das ist mir so von Nord nach Süd passiert. Fast überall wollte man mich von der besonderen, zweifelsohne vorhandenen Qualität des Topjahrgangs 2013 überzeugen (musste man gar nicht) und doch war ich mir dann fast immer sicher, dass ich mir selbst 2012 kaufen würde. Das war auch eindrücklich auf dem Hawke’s Bay Regionaltasting festzustellen, bei dem mich der neue Weinmacher des Weinguts Alpha Domus, Barry Riwai, begleitet hat. Unter Strich waren wir sogar der Ansicht, dass zum jetzigen Zeitpunkt vor allem die 2013er Bordeaux-Blends etwas fett wirkten und man ihnen etwas mehr Säure wünschen würde.

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Ja, hier will man Essen. Zum Beispiel Wild. Und hier will man auch trinken und länger verweilen. Foto oben rechts: Copyright: Elephant Hill, der Rest C. Raffelt

Besonders empfehlen möchte ich hier den 2012er Elephant Hill Syrah, den ich als qualitativ genauso gut empfunden habe wie die Reserve. Großartige Balance, die für Hawke’s Bay typische würzig-weißpfeffrige Note, die Einbindung des Holzes (30% neu) ist ausgesprochen gelungen. Die Stöcke stehen in den Gimblett Gravels und im Hausweingarten Te Awanga. Der Syrah wurde entrappt und in offenen Cuves vergoren, bevor es für 12 Monate ins Holz ging.

Die zweite klare Empfehlung ist die 2012er Elephant Hill Chardonnay Reserve, die auf dieser Qualitätsstufe zum ersten Mal abgefüllt wurde. 2012 war das Jahr für Te-Awanga-Chardonnay. Auf den nah am Meer gelegenen Böden aus Sand, Ton und Schluff stehen 15-er und 95erKlone. Die Trauben wurden mit Stilen gepresst und teils in Barrique und teils in Puncheons (500 Liter) gelegt, 40% davon neu. Alles wurde spontan vergoren, manche Fässer durchliefen Malo, andere nicht. Der Wein hat extrem viel Kraft, viel Weinbergspfirsich, viel Grapefruit, viel Flint, dabei einen angenehmen Holzton und vor allem ein exzellentes Säurespiel. Ich möchte diesen Wein gerne in fünf und in zehn Jahren wieder trinken.

Domaine Huet – Alles im Fluss

Stephan Bauer war auf einer Veranstaltung, bei der wir wohl eigentlich am gleichen Tisch gesessen hätten. Obgleich ich mich über Wochen auf den Abend gefreut hatte – ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des Weinguts Huet, bzw. seiner Weine – musste ich schließlich doch auf Grund einer akuten Grippeerkrankung passen. So sind die Kelche, die im Folgenden beschrieben werden, einfach an mir vorüber gegangen. Gott sei Dank aber, hat Stephan den Part des Chronisten übernommen:

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Heraklits Ausspruch „Pánta chorei kaì oudèn ménei“, lose übersetzt als „Alles fließt und nichts bleibt“, beschreibt vielleicht am besten, in welcher Phase sich die Domaine Huet in Vouvray derzeit befindet.

Vor nahezu drei Jahren verließ Noël Pinguet die Domaine. Er hatte sie über die vergangenen dreißig Jahre zu einer der besten Adressen für Chenin Blanc der Loire geführt. Schon vor Noël Pinguet wurden auf der Domaine herausragende Vouvrays erzeugt, jedoch nahm davon lange Jahre nur ein klitzekleiner Teil der Weinwelt Notiz. Unter Noël Pinguet, dem Schwiegersohn von Gaston Huet, wurde 1989/1990 die Biodynamie auf der Domaine eingeführt und der Ruf als einer der ein bis zwei Top-Domaines für Vouvray begründet.

2003 kaufte die Familie Hwang die Domaine von der Familie Huet, Noël Pinguet blieb aber fortgesetzt für die Arbeit im Weinberg, Keller und Vertrieb verantwortlich. Im Februar 2012 gab Noël Pinguet dann überraschend seinen Abgang bekannt, gut drei Jahre vor dem geplanten Ausstieg, und das nicht friedlich, sondern begleitet von öffentlich bekannt werdenden Differenzen mit der Familie Hwang. Ihm passte laut Presseberichten zum einen nicht, dass die Hwangs den Anteil der trockenen Vouvrays erhöhen wollte, zum anderen, dass sie den Vertrieb zulasten des kleinteiligen Verkaufs an Endverbraucher, Restaurants, usw. verbreitern wollen.

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Seit dem Jahrgang 2012 sind nun Jean-Bernard Berthomé, der langjährige Kellermeister der Domaine, und Benjamin Joliveau, den Pinguet als seinen Nachfolger auserkoren und vier Jahre angelernt hatte, ohne Pinguet für die Weine verantwortlich. An sich wären die Voraussetzungen da gewesen, die Domaine wieder in ruhigere Fahrwasser zu führen. Zwei schwierige erste Jahrgänge (2012 und 2013) und ein Eklat über Weinbewertungen und Hausverbote mit zwei der einflussreichsten englischsprachigen Journalisten und Blogger über die Weine der Loire, Jim Budd (Jim’s Loire) und Chris Kissak (The Wine Doctor), legten dem neuen Team jedoch einige Steine in den Weg.

Am Ende geht es aber um den Wein, und um den kümmert sich in Deutschland ganz besonders der Weinhändler Vinaturel. Als Pinguet die Domaine Huet verließ, waren Teil seines Abschiedspakets große Teile der Schatzkammer,beispielsweise sämtliche Weine vor 1971 und alle Weine aus dem Jahrhundertjahrgang 1989. Diese Schatzkammer kaufte zum einen Teil Berry Brothers & Rudd aus England und zum anderen eben Vinaturel. Dass ein deutscher Weinhändler die Gelegenheit bekam, ein so wichtiges Stück Weingeschichte zu erwerben, ist schon ein großer Erfolg. Dass Vinaturel die Gelegenheit wahrnehmen konnte, ist ein noch viel größerer Erfolg. Und dass Vinaturel Weinliebhabern die Chance gibt, zu bezahlbaren Preisen diese außerweltlichen Weine im Rahmen von Verkostungen und Dinners kennenzulernen und auch wiederzutreffen, ist geradezu ein Geschenk des Himmels.

Ende 2012 hatte ich das Glück, bei einer denkwürdigen Probe mit anschließendem Dinner von Weinen der Domaine Huet im Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg dabei zu sein. Probiert wurden Weine von 1919 bis 1989, unter anderem Legenden wie der 1947 Vouvray Le Mont Moelleux oder eine feine Reihe verschiedener 1989er Vouvray Moelleux. Dabei konnten auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Weinbergen, Le Mont, Le Haut Lieu und Clos du Bourg, sehr schön herausgeschmeckt werden: Le Mont häufig sehr fest und sehr pikant-würzig, Le Haut Lieu transparent und mit der klarsten Frucht, Clos du Bourg sehr ausladend und expressiv. Es mag etwas vermessen klingen, aber bei einem Weingut wie Huet kommen diese Unterschiede erst mit 25+ Jahren Flaschenreife wirklich gut zur Geltung.

Es braucht schon perfekt gelagerte Flaschen aus einem Keller wie dem kühlen Tuffsteinkeller der Domaine Huet, um eine Probe wie die Huet Probe Ende 2012 in all ihren Nuancen so erfolgreich zu gestalten, wie dies gelungen ist. Nur bei solchen perfekt gelagerten Flaschen lässt sich dann feststellen, dass ein Jahrgang wie 1961 noch Flaschenreife vertragen kann und dass auch nahezu 100 Jahre alte Flaschen immer noch frisch schmecken können.

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Ein solches unvergessliches Ereignis ist kaum zu wiederholen. Gleichwohl freute ich mich sehr, als Vinaturel eine weitere Tour durch einige von Deutschlands Top-Restaurants mit Weinen der Domaine Huet ankündigte. In Hamburg fand Vinaturel mit dem Mercier und Camier im Literaturhaus an der Alster einen würdigen Restaurantpartner, der mit Ingolf Klinder einen von Hamburgs derzeit ambitioniertesten Küchenchefs stellt und daneben ein atemberaubendes Ambiente bieten kann.

Zu Beginn wurden einige der aktuellen Weine eingeschenkt, auf die ich sehr gespannt war, von denen ich aber wegen verspäteter Ankunft nur zwei probieren konnte: 2012 und 2013 Vouvray Le Mont Sec. Sowohl 2012 als auch 2013 waren vom Witterungsverlauf her problematische Jahrgänge an der gesamten Loire, die nur Minierträge zuließen und eine sorgfältige Selektion erforderten. Beide Weine waren derzeit sehr schwer einzuschätzen, da sie noch sehr fest in der Struktur sind, insbesondere der 2013er jahrgangsbedingt über eine fordernde Säure verfügt und sich die Konzentration der Aromen in beiden Weinen erst noch entspannen muss. Ich würde davon absehen wollen, diese beiden Weine jetzt einordnen zu wollen, eine vernünftige Einschätzung wird erst in zwei bis drei Jahren möglich sein.

Unser Dinner startete mit einem Kalbskuttelragout und dem 2007 Crémant de Vouvray Pétillant Brut. Bei den Crémants war die Domaine Huet für mich noch nie der Star der Region, und auch dieser 2007er Crémant war lediglich gut, versprühte aber nicht den Esprit, den die Stillweine haben.

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Überraschend groß war anschließend der 2011 Vouvray Le Mont Sec, der zu lauwarmem Hummer mit Blumenkohl und einer köstlichen Sauce Maltese eingeschenkt wurde. Vermutlich werden 2012 und 2013, aber auch 2010, etwas länger brauchen, um sich zu öffnen, als dieser 2011er Le Mont Sec, der jetzt bereits die Komplexität zeigte, die die trockenen Weine auszeichnet mit ineinander gewobenen Aromen, etwas Quitte, pikanter Ingerwürze und einem harmonischen Mundgefühl. Dieser Wein war der lebende Beweis dafür, dass bei Spitzenweingütern wie Huet der Jahrgang keine ganz so große Rolle spielt wie bei minderen Erzeugern. Wirkte der Wein kurz nach der Füllung noch etwas undefiniert, so hat er jetzt schon ein Niveau an Komplexität erreicht, was Ende 2012 kaum möglich schien.

Ein sehr kontroverser Wein folgte zum nächsten Gang, einem Malaysischen Curry in Kokosmilch mit Steinbutt und knusprigem Schweinebauch: 2008 Vouvray Le Haut Lieu Demi-Sec. Diesen Wein hatte ich zuvor schon einmal im Glas und hielt ihn seinerzeit für fehlerhaft, allerdings bizarr fehlerhaft. Er roch stechend, etwas nach Hühnerbrühe, nach Käserinde, nach oxidierendem Traubensaft. Dann folgte aber im Mund eine atemberaubende Brillanz der Aromen, eine wunderbare Harmonie aus moderater Süße und rassiger Säure, eine divin wirkende Transparenz der Frucht (Aprikose, Quitte, jeweils in perfekter Reife). Dass sich der Wein jetzt nahezu exakt identisch präsentierte, spricht gegen einen Flaschenfehler und dafür, dass der Wein eben so riecht wie er riecht. Ich habe damit immer noch meine Probleme, kann aber angesichts dieses nahezu perfekten Mundeindrucks des Weins darüber hinwegsehen, zumal der Wein zum Malaysischen Curry deutlich weniger extrem wirkte als solo getrunken. Es wird spannend sein, diesen Wein über die nächsten 5-10 Jahre zu verfolgen.

Dann wurden die servierten Weine gereifter. Zur ungestopften Gänseleber mit Brioche, kandierter Bete und Granny Smith, hausgemacht im Mercier und Camier, servierte das gut aufeinander abgestimmte Serviceteam einen Klassiker aus dem Hause Huet, den 1989 Vouvray Le Haut Lieu Moelleux 1ère Trie. Die 1ère Trie Auslesen der besten Botrytis- und Passerilage-Trauben werden nur in den besten Jahrgängen erzeugt und waren 1989 quasi nach Gusto der Domaine in den einzelnen Lagen möglich. Der 1989 Le Haut Lieu Moelleux zeigte sich an dem Abend wieder von einer sehr guten Seite, aus dieser Flasche gar nicht mal sonderlich süß, vielleicht etwas verschlossener als aus einer zuletzt Mitte letzten Jahres getrunkenen Flasche, aber immer noch mit diesem sehr feinen Duft von getrockneten Aprikosen und Quittenbrot, der diesen Wein ausmacht.

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Als nächstes kam ein Duo von nicht ganz einfach zu trinkenden Weinen: 1994 Vouvray Le Mont Sec und 1998 Vouvray Le Haut Lieu Sec zu einem Stück vom Kalbsrücken mit Karottenpüree, karamellisiertem Chicoree und einem intensiven Jus. Beide Weine wirkten gut, aber nicht übermäßig gereift, der 98er deutlich jünger als der 94er, beide angenehm cremig und würzig. Beide Weine verfügten aber auch über eine wirklich markante Säure, die man bei dem 94er auch brachial nennen könnte. Diese brachiale Säure ließ den 94er etwas bäuerlicher auftreten als dies bei den Huet Weinen normalerweise der Fall ist. Der 98er hingegen hatte die gewohnte Finesse und hätte solo getrunken vielleicht noch mehr geglänzt als zum Kalb. Beide Weine harmonierten am besten mit dem bitteren Chicoree.

Zum Käsegang, einem Epoisses von Berthaut mit Kartoffeln, fuhren die Gastgeber einen weiteren Klassiker aus dem Huet Programm der letzten 80 Jahre auf, den 1959 Vouvray Le Haut Lieu Moelleux, einen Wein, der im Dezember 2012 fast noch zu jung wirkte und sich auch jetzt absolut zeitlos präsentierte. Die klassischen Altersnoten wie Pilze oder Honig konnten hier allenfalls im Hintergrund erahnt werden. Im Vordergrund stand eher eine wunderbare Frische, eine nur noch in ihren Konturen zu schmeckende Süße und eine sehr harmonische Säure, eine klare Quitten- und Birnenfrucht. Bei den Moelleux und Demi-Sec Weinen von Huet aus großen Jahrgängen bekommt man den Luxus geboten, sich nicht darüber freuen zu müssen, dass ein alter Wein noch gut trinkbar ist, sondern sich darüber freuen zu können, über 50 Jahre alte Weine auf ihrem Höhepunkt erleben zu dürfen.

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Zum Schluss wurde zu einer Tarte Tatin noch ein weiterer Klassiker der Domaine eingeschenkt: der 1989 Vouvray Clos du Bourg Moelleux 1ère Trié „Témoin“. Der Wein heißt „Témoin“, weil er Zeuge der ersten geglückten Biodynamie-Experimente der Domaine im Jahrgang 1989 vor der vollständigen Umstellung ein Jahr später ist. Der Wein ist extrem: einer extrem ausgeprägten Säure steht eine verschwenderische Süße entgegen. Dass der Wein weder ins unangenehm Süß-Saure noch in die manchmal zum Beispiel am Neusiedlersee zu findende „Rekordwerte“ Stilistik geht, spricht für ihn und das gute Verständnis von Pinguet von Harmonie. Reife und getrocknete Aprikosen, Honig, eine feine Botrytis-Würze finden sich in dem 1989er „Témoin“, bei dem man sich gut vorstellen kann, zu welcher Komplexität er in mehreren Jahrzehnten in der Lage sein wird (jedoch auch jetzt schon ist).

Vermutlich wird diese Serie von Diners vorerst oder endgültig die letzte sein, die Vinaturel mit den gereiften Huet Weinen veranstaltet, die Vorräte sind mittlerweile größtenteils verkauft. Einige Flaschen werden sicher noch die nächsten Jahrzehnte überleben und dann auf ihrem Höhepunkt serviert werden. Dass jedoch ein derart großer Keller perfekt gereifter Flaschen, letztlich eines Weintyps, der nicht jeden Geschmack trifft, den Weinfreunden der Welt eröffnet wird, wird im Zweifel nicht mehr oft vorkommen. Dabei gewesen sein zu dürfen, ist ein großes Privileg, das mir in den nächsten Jahrzehnten bei der einen oder anderen Flasche gereifter Huet Weine wieder in Erinnerung gerufen werden wird. Letztlich geht es hier um Weine, die über jede Mode, jeden Trend, jede Kurzfristigkeit erhaben sind, Weine, die so unaufgeregt sind wie die Loire, die friedlich unterhalb der Weinberge vorbeifließt.

Die Magie der Windmühle – Das Château du Moulin-à-Vent

04/Feb/15 12:30 kategorisiert in: Gamay, Rot, Frankreich, Weingüter, Weinland Frankreich

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Neben gereiftem Riesling, den Weinen der Loire und des Burgund ist es vor allem der Beaujolais, der es Stephan Bauer zunehmend angetan hat. Deshalb schreibt er hier darüber. Und das gewissermaßen um sich warm zu machen für die in Kürze anstehende Beaujolais-Reise, von der er im März dann noch deutlich umfangreicher berichten wird. Hier aber zunächst ein Gastbeitrag zu einem Abend im Hamburger Mercier & Camier.

Quereinsteiger in die Weinwelt gibt es genug. Wer träumt nicht davon, auf einem schönen Anwesen, umgeben von Weinbergen, in den Sonnenuntergang zu schauen und die Träubchen langsam reifen zu sehen. So verwundert es nicht, dass so manches Quereinsteigerprojekt in landschaftlich attraktiven Gegenden verwirklicht wird – Napa Valley, Toskana, Provence.

Sich in Romanèche-Thorins im Niemandsland zwischen Lyon und Chalon-sur-Saone niederzulassen und das noch im Beaujolais, das erst seit ca. 10 Jahren seinen Ruf als Gegend für einfachste Tischweine abzulegen beginnt, bedarf wiederum entweder einer gewissen Vision oder familiärer Wurzeln in der Gegend. Zwar haben in den letzten Jahren zahlreiche Winzer und Négociants aus dem Burgund im Beaujolais investiert – Louis Jadot, Thibault Liger-Belair, Michel Lafarge, Henriot / Bouchard, die Familie Labruyère (Domaine Jacques Prieur), um nur einige zu nennen. Aber als Wohlfühl-Tourismus-Gegend ist das Beaujolais allemal nicht bekannt.

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Im Jahr 2009 entschied jedenfalls Jean-Jaques Parinet, Gründer der Softwarefirma Orsyp, die er 2008 an einen Private Equity Fonds verkaufte, sich nach dem Verkauf zur Investition in das Beaujolais, kaufte nicht nur das Château du Moulin-à-Vent (historisch: Château des Throns) mitsamt seiner 37 ha Weinberge, sondern zog auch dorthin mitsamt der Familie. Von Paris nach Romanèche-Thorins. Dass die Familie mit Haut und Haaren dabei ist, zeigt auch, dass Jean-Jacques Parinets Sohn Edouard nach Abschluss seines Wirtschaftsstudiums auch gleich mit in den Betrieb einstieg und sich nunmehr um den Vertrieb kümmert.

So wie in Deutschland gerne erzählt wird, dass am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Weine aus dem Rheingau, von Mosel und Saar oder vom roten Hang bei Nierstein die teuersten Weine der Welt kamen, die teurer waren als Château Latour oder Château d'Yquem, wird im Beaujolais gerne erzählt, dass früher mal die Weine aus Moulin-à-Vent so hohe Preise erzielten wie die Grand Crus aus dem Burgund. Der Blick auf historische Restaurant-Weinkarten aus den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts legt allerdings eher Preise auf dem Niveau eines Nuits St. Georges oder Gevrey-Chambertin Village nahe. Nichtsdestotrotz waren die Weine aus Moulin-à-Vent schon immer die am höchsten bepreisten Weine aus dem Beaujolais. So geht aus dem Buch "Les vins du Beaujolais, du Mâconnais et du Chalonnais" von Victor Vermorel, u.a von 1893 hervor, dass die Weine aus Chénas (nicht gleichzusetzen mit der heutigen AOC Chénas, da die Weine aus der heutigen AOC Moulin-à-Vent überwiegend, wenn auch nicht vollständig, zur Kommune Chénas hinzugerechnet wurden, bevor die AOCs im Beaujolais geschaffen wurden) einen Preis von 150 Francs je Fass erzielten und damit ca. doppelt so viel wie die Weine aus Fleurie, Chiroubles oder Regnié.

Die hohen Preise erzielten die Weine nicht ohne Grund. Aus der AOC Moulin-à-Vent kommen im Beaujolais die strukturiertesten und vollsten Weine. Die meisten Fleuries oder Chiroubles wird man in ihrer Feinheit mit einem Ausbau in kleinen, neuen Holzfässern erschlagen. Ein Moulin-à-Vent aus guter Lage hält das aus und gewinnt durch den Holzfassaubau an Struktur. Die Voraussetzungen für die Familie Parinet waren also gut, zumal das Château du Moulin-à-Vent seine 37 ha Reben nicht in irgendwelchen Lagen stehen hat, sondern in einigen den besten Lagen, die sich auf und um das Plateau "Les Thorins" bei der für die AOC namensgebende Windmühle befinden. Zwei Lagen sind hier hervorzuheben: Champ de Cour, eine nach Osten ausgerichtete Lage, die sich um den Hang schlängelt und Les Vérillats (bei Parinets "Croix des Vérillats" genannt) direkt hinter dem Château. In beiden Lagen haben die Parinets beachtliche Anteile von jeweils mehreren Hektar, die ihnen eine rigorose Selektionierung für die Lagenweine erlauben.

In beiden Lagen findet sich der für die AOC Moulin-à-Vent typische rosa Granit, wobei dieser im Champ de Cour etwas mehr zersetzt ist und sich ein höherer Lehmanteil findet, während er im Vérillats ziemlich schnell nach dem Oberboden beginnt. Die Weinberge sind mit einer recht hohen Pflanzdichte von über 10.000 Stöcken pro Hektar bepflanzt, auf denen die Reben in Gobelet (Busch) – Erziehung stehen. Die Reben der Domaine sind zwischen ca. 30 und 60 Jahren alt.

Das Programm des Château du Moulin-à-Vent ist mehrstufig aufgebaut. An der Basis steht der Moulin-à-Vent "Couvent des Thorins", der als einziger Gamay der Domaine mit maceration semi-carbonique, also Ganztraubenmaischung unter Kohlensäureschutz, erzeugt und in Stahltanks ausgebaut wird. Er repräsentiert den eher frischen, jung zu trinkenden Beaujolais-Stil und wird vor allem in der Gastronomie vertrieben. Es folgt der Vorzeigewein der Domaine, der Moulin-à-Vent tout court. Dieser ist stets eine Lagencuvée, für den die Trauben vollständig entrappt werden, der eine längere Maischestandzeit erhält und anschließend für 14 Monate in 228 l Fässern mit ca. 20% Neuholzanteil ausgebaut wird. An der Spitze stehen die Einzellagenweine: Croix des Vérillats, Champ de Cour und – seit dem Jahrgang 2012 – La Rochelle. In ausgewählten Jahrgängen gibt es zudem den "Clos de Londres", eine Spezialcuvée, die bislang ihren Weg nur nach England und in die USA, aber noch nicht nach Deutschland gefunden hat. Die Lagenweine werden 4 Monate länger als der Village Wein ausgebaut.

Im Januar 2015 kam Edouard Parinet nach Deutschland, um seine Weine zusammen mit seinem Händler Norbert Müller zu präsentieren. Die beiden entschieden sich für ein Dinner in Hamburgs vielleicht derzeit zweitspannendsten Restaurant, dem Mercier und Camier im Literaturhaus am Schwanenwik. In wunderbarer familiärer Atmosphäre stand an dem Abend weniger eine wortreiche und langatmige Vorstellung der Weine im Vordergrund, sondern vielmehr ein gutes Essen begleitet von tollen Weinen.

Zu mehreren tollen Amuses Gueules (Rote Bete Gelée mit Meerrettichmousse, Tafelspitzsülze) begann das Dinner mit den beiden neuesten Jahrgängen des Couvent des Thorins (2011 und 2012). Während der 2012er jahrgangstypisch eher knackig in der Frucht, herb und rotbeerig war, spiegelte der 2011er ebenfalls sehr schön den Jahrgang wieder mit seiner Harmonie der Aromen, samtigen Tanninen und ausgewogener Säure. Welchen Jahrgang man hier bevorzugt, ist am Ende Geschmackssache.

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Für die nächsten vier Weine, eine Mini-Vertikale des Moulin-à-Vent Village von 2012 bis 2009, wurden mehrere Platten für ein Family-Style-Dinner gebracht – hausgeräucherte, wunderbar milde und zarte Forelle, Kalbsfrikadellen mit Kartoffel-Gurken-Salat, mit Bulgur gefüllte Tomaten, der mittlerweile schon zum Klassiker avancierte Mercier und Camier Salat mit kandierter Zitrone und Oliven und eine wunderbar samtige Kartoffelsuppe mit Mettenden. Auch beim Village kamen die Jahrgangscharakteristika sehr schön heraus. 2012 eher herb und schlank, 2011 (aus einer Magnumflasche) harmonisch, füllig, balanciert, 2010 etwas streng, sehr mineralisch, wie mit dem Lineal gezogen, 2009 (ebenfalls aus der Magnumflasche) sehr üppig, sonnig, an der Grenze zum Rotwein eher südlicher Prägung (südliche Rhône, Midi). Mein persönlicher Favorit an dem Abend war der 2010er, der sehr spannende Kräuternoten (Dill, Minze, Eukalyptus), feine Lakritznoten und einer sehr tiefe Mineralität hatte. Auch wenn viele Leute mittlerweile auf den sonnigen Jahrgang 2009 schimpfen, halte ich es für gesichert, dass auch der 2009er einmal ganz groß wird. Die ganze Materie muss jedoch noch ein bisschen zur Ruhe kommen, bis dieser Wein sein ganzes Potenzial zeigen wird, zumal aus Magnumflaschen.

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Ebenfalls zwei Magnumflaschen hatten wir zum Hauptgang: 2011 Champ de Cour und 2011 Croix des Vérillats. Hierzu brachte der wie immer großartiger Mercier und Camier Service, geführt von Markus Ernst, einem Restaurant-Service-Naturtalent, geschmorten Lammbraten mit einem intensiven Lammjus, Schnippelbohnen, Artischocken und Polenta. Bei dem Champ de Cour und dem Croix des Vérillats zeigen sich die Lagenunterschiede sehr deutlich. Edouard erläuterte die geschmacklichen Unterschiede vorher exakt auf den Punkt, was zeigt, dass er seine Weine sehr gut kennt. Champ de Cour: geradeaus, präzise, linear, ein wenig streng. Croix des Vérillats etwas weicher, ausladender in der Aromatik, rotbeeriger, sehr würzig. Exakt so präsentierten sich die Weine auch. Während ich anfangs den Champ de Cour bevorzugte, einen Wein, den ich auch von anderen Winzern wie Richard Rottiers, Domaine Labruyère, Bernard Diochon oder Château des Jacques sehr schätze, wuchs der Vérillats mit dem Lamm zusammen über sich hinaus. Diese feine Würze, die perfekte Reife der Frucht, der zarte Holztouch, das ist der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Der Champ de Cour war zum Essen vielleicht etwas streng, aber in ein paar Jahren und evtl. auch zu anderem Essen vielleicht der bessere Wein. Beide Weine gehören aber in jeden gut sortierten Beaujolais-Keller, am besten in 0,75 l und 1,5 l Flaschen.

Zum Dessert hat das Château du Moulin-à-Vent keine Weine zu bieten, aber nach dem Dessert probierten wir noch den 2012 Pouilly-Fuissé Vieilles Vignes aus zugekauften Trauben und den 2012 Moulin-à-Vent La Rochelle. Die Trauben für den Pouilly-Fuissé kaufen die Parinets von einem Winzer zu und bauen ihn eher fruchtbetont aus, ohne nennenswerten Holzeinsatz mit Fokus auf die Frucht und die Frische. Der 2012 La Rochelle war zum jetzigen Zeitpunkt noch etwas schwer einzuschätzen, die Konzentration der Aromen ist immens, hier ist enorm viel Stoff drin, durchaus eine präsente Säure, Tannin, eine sehr dichte Frucht. Der Wein wird aus meiner Sicht Jahre brauchen, bis er sich wirklich öffnet, aber die Anlagen sind hervorragend.

Dank der engagierten Vertriebsarbeit der Parinets sind die Weine in einigen Ländern schon bei den jeweiligen Top-Importeuren verfügbar, Flint und Berry Brothers & Rudd in Großbritannien, Wilson Daniels in den USA. In Deutschland werden die Weine von Norbert Müller importiert, glücklicherweise auch häufig in Magnum-Flaschen, die für diese köstlichen Weine wie das perfekte Format für einen geselligen Abend wie den Abend im Mercier und Camier wirken. Trotz aller Seriosität sind auch die Moulin-à-Vents der Parinets keine Weine zum Anbeten, sondern zum Trinken, am besten zu einem guten Familienessen. Viele Kritiker wie die Revue des Vins de France, David Schildknecht und Allen Meadows haben die Weine der Domaine schon für sich entdeckt und es würde mich nicht wundern, wenn sich die Domaine in den nächsten Jahren noch weiter oben etabliert. Die Qualität der Weine spricht für sich.


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