Weiter geht es Richtung La Tour Figeac, wo Otto M. Rettenmaier schon wartet. Château La Tour Figeac ist ein Grand Cru Classé Weingut dritter Ordnung aus der Provinienz St.Emilion. Es liegt in den sogenannten Graves de St. Emilion, wo der Oberboden relativ viele Kiesel aufweist, die hier Graves genannt werden. Daher auch der Appellationsname »Graves« auf der anderen Seite der Gironde, vor den Toren Bordeauxs. Das Plateau grenzt an Pomerol und liegt in Sichtweite von Cheval Blanc, wo ständig die Motoren der Hubschrauber rattern, die im Pendelverkehr die Exklusivgäste von und zur Vinexpo bringen.
Das als Gästehaus genutzte Haupthaus liegt versteckt hinter der Halle mit Fudern und BarriquesFigeac wurde im 19. Jhd. nach und nach in drei Güter aufgeteilt von denen das bekanntere Château Figeac ist, das unbekanntere Gut Château La Tour du Pin Figeac. La Tour Figeac selbst nun gehört seit dem Beginn der Siebziger Jahre der Familie Rettenmaier, die das Gut damals, als Bordeaux-Weingüter noch erschwinglich waren, auf Anraten des Jagdfreundes Hubertus Graf von Neipperg gekauft haben. Auch die Neippergs haben in dieser Zeit in Bordeaux investiert und sind Eigner der Güter La Mondotte, Canon La Gaffelière, Clos de l’Oratoire, Peyreau, d’Aiguilhe und Clos Marsalette, plus Beteiligungen an Château Guirauld und Soleil.
Otto Maximilian Rettenmaier in seinem WingertDoch zurück zu La Tour Figeac. Der Besitz wurde damals, und das sollte auch zunächst so bleiben, von Michel Boutet verwaltet, der wiederum auch die Neipperg-Güter Canon La Gaffelière und Clos de l’Oratoire verwaltet hat. Als Boutet sich zu Beginn der 90er zurückzog übernahm Otto Maximilian Rettenmaier die Verwaltung des Familienbesitzes. Der gelernte Betriebswirt wollte eigentlich nur die Verwaltungsnachfolge regeln, konnte sich aber von Gut, Landschaft und Leuten nicht mehr so richtig trennen, wie er selbst erzählt. Das Gut hat unter ihm einen kontinuierlichen Qualitätsanstieg erlebt, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass er ein gutes Händchen für die richtigen Leute zu haben scheint. Die technische Direktorin heißt Christine Derenoncourt, der Nachname ist nicht ganz unbekannt in der Weinwelt, ihr Mann Stéphane Derenoncourt, der nachvollziehbarer Weise häufiger auf dem Besitz anzutreffen ist und entsprechend berät, gehört mit zu den wichtigsten önologischen Beratern im Bordeaux und Kalifornien, auch hier gibt es wieder eine enge Verbindung zu den Neippergs, denn er berät auch Canon La Gaffelière und Clos de l’Oratoire aber genau so beispielsweise auch Smith Haut Lafitte oder Francis Ford Coppola. Für einen speziellen Teil der Weinbergsarbeit, nämlich für die Erfahrung mit biodynamischer Arbeitsweise wurde zwischenzeitlich François Bouchet herangezogen, der sich unter anderem bei Chapoutier mit dieser Arbeitsweise vertraut gemacht hat. Mittlerweile ist Caroline Guillier hinzugekommen, die vor allem für den Keller verantwortlich zeichnet.
Früher wurden Rosen als Mehltaufrühindikatoren angepflanzt. Das ist heute nur noch Optik. Moderne Wettermeldungen und Messsysteme im Weingarten sind viel genauer.Wenn man mit Otto M. Rettenmaier spricht, unterhält man sich mit einem Menschen, der ziemlich genau weiß, was er will und der dies sehr geerdet und bestimmt formulieren kann. Im Gespräch über die biodynamisch angewandten Methoden im Weinberg wird schnell klar, dass er mit Esoterik und Quasi-Okkultem, was in Steiners Traktaten ja immer wieder mitschwingt, nichts am Hut hat, dass er auch nicht vor hat, irgendwann einmal mit Dung gefüllte Kuhhörner im Weinberg zu vergraben. Es geht ihm um den grundsätzlichen Blick auf die Reben und den Umgang mit ihnen. Es geht ihm um Respekt und den natürlich Umgang mit seinem wertvollen Rebmaterial. Was er festgestellt hat, und das sagen ja alle, die in diese Richtung der Weinbergbearbeitung gehen, das im Laufe der Zeit der sorgfältigen Bodenbearbeitung, des Umgangs mit Kräutersuden und Präparaten und dem Einsatz rein natürlicher Dünger und Mikroorganismen der Wein immer terroirtypischer geworden ist und stabiler, sich mehr im Gleichgewicht befindet. Angebaut wird auf den 14.5 Hektar zu 65% Merlot und zu 35% Cabernet Franc, der Ertrag liegt normalerweise bei etwa 40hl/ha.
Die großen Fuder sind neu, ebenso der gesamte Bereich der Trauben-Anlieferung und -SortierungDass auf La Tour Figeac im Keller genau so penibel gearbeitet wird, wie im Wingert versteht sich dabei eigentlich von selbst. In den modernen, großen hölzernen Gärbottichen beginnen die Trauben mit Unterdruck zu gären bevor sie angepresst werden. Es gibt in den ziemlich neuen Fudern ein mechanisches System zum Maischestoßen, was wesentlich ruhiger und schonender verläuft als das Umpumpen. Hier wird beides in Kombination angewandt. Später wandert der Wein für 13 bis 15 Monate in Barriques.
Amüsant sind übrigens die Bezeichnungen der Eichenholzfuder und Stahltanks. Während Rettenmaier die Bottiche nach großen klassischen Komponisten benannt hat steht Caroline Guillier eher auf Jazz-Sängerinnen. Wozu die Namen? O-Ton Rettenmaier: »Es ist doch netter sich zu fragen, was Beethoven wohl gerade so treibt als zu schauen, was in Fass 6 passiert.«
Der eine liebt die Klassik, die andere den JazzOtto Rettenmaier hat sich Zeit für uns genommen. Zunächst gab es die jüngeren Jahrgänge im Verkostungsraum, die Jahrgänge 2000 und 2001 dann haben wir zum Essen im nahegelegenen St. Emilion getrunken.
Wir beginnen mit dem 2008er L’Esquisse de la Tour Figeac, einem raren Zweitwein der in diesem Jahr aus 95% Merlot und 5% Cabernet Franc besteht. Ausgebaut wurde der Wein auf der Feinhefe in einjährigen Barriques. Ein ziemlich gelungener Einstieg. Merlot-Kraft und Dichte bestimmen den Wein und dieser besticht durch eine schöne Länge und Harmonie.
Schlichtheit bestimmt den Barrique-Keller, der auf jeden kathedralen Effekt wohltuend verzichtetAuch wenn der Jahrgang 2008 zwischenzeitlich ein wenig zu entgleiten drohte aufgrund des feuchten Sommers und der Verrieselung der Blüte wird es mit der wärmenden Septembersonne schließlich mengenmäßig ein kleiner, qualitativ aber ein ausgezeichnet Jahrgang. Der Beste, den wir vor Ort probieren, auch wenn 2009 mehr Sex hat und 2005 natürlich fleischiger ist und dicht, beerig und weich. 2008, mit 70% Merlot und 25hl/ha Ertrag legt sich tief und breit ins Glas, wirkt eukalyptisch-mineralisch kühl, einigen Veilchen- und Schokoladenaromen verbinden sich mit reifer aber eben nicht zu reifer Frucht und werden durch einen (übrigens immer) sehr moderaten Holzeinsatz gestützt. Das ist ein Wein im klassischen Bordeaux-Stil, der mir ausgesprochen gut gefällt. 2006 ist noch so ein Jahr, das mir gefällt, das sich sehr schön entwickelt, nicht nur auf diesem Château. Auch hier eine schöne Dichte, Kraft und Saft, gebändigt durch eine ausgleichende Säure und ein angenehmes Tanningerüst. 2010 erinnert natürlich an 2005: der leichte Rumtopf, die reifen Trauben, ein satter Wein voller Frucht und, etwas Überbordendes, etwas, das viel schneller sättigt als 2008. Doch wen wundert’s, bei diesen Jahrgangsbedingungen?
Bemerkenswert auch: Die Sélection Prestige, eine Sonderabfüllung aus 100% MerlotWie erwähnt fahren wir gemeinsam nach St. Emilion, dieses im frühen Mittelalter gegründete Städchen, das ganz still in der Mittagshitze liegt. Auf halber Höhe zwischen Ober- und Unterstadt lassen wir uns im Logis de la Cadène nieder, ein 2000er und 2001er La Tour Figeac unterm Arm. Gereicht wird, neben einer Vergleichsflasche 2004er Château Canon Boeuf vom Stück. Nur aussen leicht angebraten, sonst noch bleu liegen dort zwei große Teile am Knochen. Zwei ausgezeichnete Stücke Fleisch zu moderat gereiften Weinen bester Qualität. Was für ein herrlicher Moment!
Wir entern die Logis de la Cadène, Christian Riedel, mein Begleiter während der Reise hat sich die den 2000er und 2001er unter den Arm geklemmt.Der 2004er Canon kommt etwas leichter daher als die beiden La Tour Figeac, was nicht zuletzt am anderen Boden liegen dürfte. Beim 1er Grand Cru Classé herrscht Kalkstein vor. Kein bisschen Überreife, dafür eine feine Frucht, etwas fleischig, feine, präzise Säure und runde Tannine. Jetzt schon toll, aber eigentlich noch für den Keller.
Vom Verkosten zum Trinken, die Weine harmonieren hervorragend zu dem Stück Rind, das auf unsere Teller geschnitten wirdDer 2000er La Tour Figeac beeindruckt mich am stärksten neben dem 2008er. Während jener natürlich eigentlich noch viel zu jung war haben sich beim 2000er die Primäraromen weitgehend abgeschliffen, der Wein ist expressiv und ausladend. Aber auch hier gibt es nicht Überreifes. Das ist viel eher elegant und rund und passt ausgezeichnet zum Essen. Der 2001er steht ihm nicht viel nach, vielleicht wirkt der Wein ein wenig fetter und nicht ganz so elegant wie der 2000er, aber das wird die Zeit zeigen, denn beide kann man, sollte man sie im eigenen Besitz wähnen, durchaus noch ein paar Jahre im Keller vergessen.
Während Otto Rettenmaier sich langsam Richtung Heimat aufmacht, haben wir noch ein wenig Zeit. Viel zu wenig um in Ruhe und mit Muße durch die Stadt zu laufen, doch man kann selten alles haben und wir haben die Mittagszeit bei 30 Grad im Schatten lieber in guter Gesellschaft verbracht.
Blick auf die Unterstadt
La Maison du Vin
Vorbei an der Abtei…
und diversen Weinläden.
Während manch einer in der Sonne döst und Schwätzchen hält
schlendern wir an Château Ausone vorbei
zurück zum WagenSo hat Martin Fueyo nicht mehr allzu viel Zeit, sein Wissen mitzuteilen doch für eine kleine Runde durch die Stadt reicht es noch, bevor ich mit Christian Riedel, der mich die meiste Zeit der Reise begleitet hat, Richtung Château Bonnet aufbreche, vorbei an so klingenden Namen wie Vieux Château Certan, l’Evangile oder Petrus.
Zufälliger Weise ist das nun das Posting No. 500. Nach etwas über vier Jahren. Da kommt ja doch was zusammen. Statt groß zu feiern mache ich das, wozu dieses Blog da ist und resümmiere mal den letzten Weinabend unserer Bonner Runde.
Hatten wir bisher meist klar umrissene Gebiete oder Sorten als Themen des Abends, war es diesmal anders. Es war so etwas wie eine Best-Bottle-Party, eigentlich aber eher nach dem Motto "Ich hole mal die Dinge aus dem Keller die ich immer mal mit anderen zusammen probieren wollte". So war bei diesem Abend nicht entscheidend, wer jetzt die rarste und teuerste Flasche aus den Tiefen des Kellers hervorgezaubert hat, angenehmer Weise wird hier eh nicht um die Position des Alphatier-Weinkenners und -sammlers gerungen, viel interessanter war die Bandbreite ungewöhnlicher Weine, die jeder beizusteuern hatte.
Ich selber habe zu diesem Abend einen süßen Champagner, und mit süß meine ich süß, von Fleury beigesteuert und die einzige Flasche Niepoort Redoma 1996, die ich hatte. Aber dazu später mehr.
Vorspiel
Begonnen haben wir, nachdem klar war, wer in die zweite Liga absteigen würde und wer noch eine Chance hat, drin zu bleiben. Begonnen haben wir mit einem Wein ausser der Reihe, einem Aperitiv des Gastgebers, genau so blind eingeschenkt wie die restlichen Weine des Abends.
Woran denke ich, wenn der Wein nach Traminer riecht aber nicht unbedingt danach schmeckt? Wenn er eher nach Riesling schmeckt, aber auch nicht so richtig? Ich denke dann immer an den Cöllner Rosenberg, auf dem der gemischte Satz (Riesling und Traminer) des Weinguts Hahnmühle steht. Ich hatte den 2010er gerade eine Woche vorher noch vor Ort probiert und das war meine Idee, die ich zu dem Wein im Glas hatte. Das Elsaß fällt mir noch als Alternativursprungsort zum Alsenztal ein, doch ich liege falsch. Was hier so frisch und kräutrig, mit angenehmer Holunderblütennoten daher kommt ist ein blitzsauberer trockener Muskateller 2009 der Familie Rebholz, Pfalz also, sehr ansprechend.
Erstes Doppel
Ernst wurde es mit dem ersten Gedeck, zwei Weiße nebeneinander und grundverschieden. Im linken Glas findet sich ein Wein mit leichten Petrolnoten, Riesling, ziemlich klar, zunächst denke ich an Mosel, doch nur im ersten Moment, dann wandere ich gedanklich weiter Richtung Nahe, Pfalz… Ins Elsass gelange ich nicht auf meiner imaginären Wanderung, doch da hätte ich hingemusst um den Wein zu verorten, den ich zwei Stunden vorher noch mit Matthias von Chez Matze aus dem Weinbunker geholt hatte. Der Wein schmeckt entschieden deutsch, nicht elsässisch, er schmeckt auch gut, aber nicht hervorragend, hat Charakter, aber zu wenig momentan, zu wenig für einen Schlossberg Grand Cru 2005 von Albert Mann. Auf mich wirkt er verschlossen, ich kenne ihn anders, feiner, subtiler, mit mehr Substanz. Das ändert sich übrigens auch nicht zum Schluss der langen Runde, als ich mir den Wein noch mal still und heimlich vornehme. Nein, das ist nicht seine beste Zeit.
Dem gegenüber steht ein Oak-Monster, ein Wein der sich erst einmal durch eine große Ladung Rösteiche zwingen muss, damit man ihn überhaupt wahr nimmt. Wer macht solche Weine, wo könnte er entstanden sein? Die erste Idee am Tisch ist Burgund, ich kenne auch solche Veltliner, aber ein Veltliner ist es nicht, Weißburgunder aus der Pfalz kommt dem am Nächsten, was ich im Glas erahne aber das fehlt die spezielle Crèmigkeit. Gelbe Früchte finde ich, aber nicht die des Chardonnay, etwas Marzipan, ein wenig Crème…
Es ist jedenfalls definitv eine Rebsorte, die nicht allzu deutlich mit eigenen Aromen glänzt, vielmehr Geschmackträger, Geschmacksverweber ist, das ist den Knipsers schon klar, deshalb stecken sie ihn ins Holz, in zu viel Holz, wie ich finde. Als Rebsorte führt das, was wir im Glas haben ein absolutes Nischendasein. Ein Gelber Orléans *** 2005 vom Weingut Knipser. Der Orléans ist aus den hiesigen Weingärten übrigens fast komplett verschwunden, früher wurde er im gemischten Satz angebaut, vornehmlich mit Traminer, Riesling und Heunisch baut ihn meines Wissens nur Knipser in der Pfalz und Georg Breuer im Rheingau an. Vor wenigen Jahren wurden am Kloster Disibodenberg beim Weingut von Racknitz einige uralte Rebstöcke gefunden, fünf davon sind Orléans, über 500 Jahre alt.
Zweites Doppel
Im zweiten Flight standen sich zwei Weine gegenüber, die ziemlich rebsortentypisch zu sein schienen, zumindest dachten wir das für den ersten Wein, der alle Charakteristiken eines reinsortigen Sauvignon Blanc aufweisen konnte. Beim zweiten Wein waren wir uns nicht ganz sicher, ich selbst habe auf Chenin Blanc von der Loire getippt und durfte Recht behalten. doch von vorne.
Was fällt einem dazu ein wenn man einen hellen Weißwein im Glas hat, der realtiv klar nach Stachelbeeren und Johannisbeere duftet und zudem leicht kräutrig wirkt?
Das muss doch entweder ein Sauvignon Blanc sein oder ein Grüner Veltliner aus dem Artikel von Captain Cork, also einer, wie wir uns ihn eigentlich nicht wünschen. Der Wein schmeckt nicht nach Sancerre, dafür ist er nicht trocken genug und ihm fehlen Kalk und Silex, nach Österreich schmeckt er nicht, dafür ist er nicht wuchtig genug, Deutschland könnte sein, aber die meisten hier haben etwas mehr Restzucker. Neuseeland, zumindest die älteren Jahrgänge wird es auch nicht sein, dafür ist er nicht exotisch genug. Ich tippe für mich auf Trentino oder Alto Adige, bin mir aber lediglich in der Rebsorte sicher – und scheitere. Wir haben etwas ganz Anderes im Glas. Einen Wein von einem Weingut, dessen Chenin Blancs ich früher mochte (ich habe hier mal einen vorgestellt). Das, was ich nun probieren muss, erschüttert mich. Ok, es erschüttert mich nicht wirklich, wir wissen mittlerweile zu viel von Aromahefen, Kaltvergärung und dem Zusammenspiel der Kräfte im Weinkeller wenn man einen Wein "machen" will. Aber es sollte erschüttern. Dieser Wein hier wurde gemacht. Das ist kein Chenin Blanc im eigentlichen Sinne. Das ist Chenin Blanc, der auch Grüner Veltliner sein könnte, der auch Sauvignon Blanc ist. Ein Wein also, den die Welt nicht braucht und bei dem ich mich frage: Wozu in aller Welt machen die das? Ja, ersthaft. Wozu? Warum machen die nicht Chenin Blanc der nach Chenin Blanc schmeckt und Sauvignon Blanc der nach Sauvignon Blanc schmeckt? Beides ist in Südafrika sehr gut möglich, auf sehr gutem Niveau. So viel also zum Chenin Blanc 2009 Vineyard Selection, Kleine Zalze.
Den zweiten Wein habe ich vor nicht allzu langer Zeit schon mal getrunken, als Absacker gewissermaßen, als Schlusspunkt einer Cabernet Franc Verkostung. Und auch wenn die teils noch zu jungen Cabernets richtig Spaß gemacht haben, zum Schluss einen Chenin zu trinken ist eben ein i-Tüpfelchen. Der Wein hat mir damals gefallen, mit einer klaren Einschränkung, die ich ich hier nur bestätigen kann. Der Jahrgang leidet an zu viel Alkohol, wirkt etwas brandig hinten raus, etwas matt. Das ist eine Klage auf hohem Niveau, ich gebe es zu, aber es ist ehrlich. Der 2006er L’Enclos, Savennières von Eric Morgat ist expressiv, dicht, voll reifer Birnenfrüchte und ein wenig Banane, mit Anklängen von Nüssen und gut eingebundenem Holz, dazu kommt ein wenig Bitterorange, das mag ich.
Drittes Doppel
Was uns nun im dritten Doppel aus dem Glas entgegen strömte, das mochte ich auch, und zwar beides.
Das erst Glas war, was die Rebsorte anging erstaunlich schnell und präzise erraten, da gab es praktisch keine Diskussion. Cabernet Franc sollte es sein. Mit ziemlicher Sicherheit reinsortig. Die Art der Würze, die roten Paprika, die Säure, das Zusammenspiel der Komponenten macht uns sicher. Doch was heisst das schon nach der Pleite mit dem südafrikanischen Chenin? Und was macht die Note von nasser Pappe, der Brotteig, die Schokonote in diesem Wein? Matthias tippt auf Merlot als Beimischung, letztlich ist es aber Südafrika als Beimischung. Es ist ein 2005er (schon der dritte 2005er) Cabernet Franc von Buitenverwachting. Buitenverwachting verfügt nicht nur über eines der schönsten Häuser in diesem Landstrich, einem historischen Kleinod, es ist auch meiner Ansicht nach eines der beständigsten Weingüter dort, die Cuvée Christine mag ich immer wieder gerne, aber auch die reinsortigen Weine können sich sehen lassen, wie eben auch der Cabernet Franc, eine Seltenheit am Kap. Ach, und übrigens, warum soll der Wein nicht auch einen Anteil Merlot enthalten? Schließlich dürfen dem Wein undeklariert 15% weitere Rebsorten beigemischt werden, das Gesetz erlaubt es.
Dem Cabernet Franc zur Seite gestellt hat der Hausherr einen Wein, dessen Provinienz deutlich schwerer zu erraten war. Ein trüber Wein, süß in der Nase, etwas dumpf, matt, dazu etwas, was Matthias als Schiefernote identifiziert hat, "so was wie Faugères", meinte er, "so was wie Mas de Daumas Gassac". Der Wein dreht erst richtig am Gaumen auf. Ein Wechselspiel zwischen Fruchtsüße und klarer Säure, einer inneres Messen ob Frucht oder Säure bei der Sauerkirsche überwiegt. Mineralität ist im Spiel, etwas Hitze. Es ist definitiv ein südlicher Wein und da ich weiss, was ich mitgebracht habe bin ich mir ziemlich sicher, was im Glas ist und halte die Klappe. Irgendwann wird dann doch aufgedeckt und wir sind uns so ziemlich alle einig, auch später, dass dieser 1996er Redoma von Dirk van de Niepoort der Rotwein des Abends ist. Viel Struktur, viel Charakter findet sich in diesem Wein, dessen autochthone Rebsorten auf den Schieferböden des Dourotals wachsen. Lediglich der Abgang ist ein wenig kurz geraten, aber das frustriert nicht wirklich, es ist lediglich ein wenig Schade, denn von einem schönen Wein will man ja immer gerne noch mehr.
Stattdessen kommt es zur dritten Rotwein-Paarung mit zwei ganz unterschiedlichen Typen.
Viertes Doppel
Der erste Wein ist ähnlich unfiltriert wie der letzte Wein und, später kommt es heraus, aus dem gleichen Jahrgang 1996. Zunächst denke ich an Syrah, er hat so was Teeriges in der Nase, die helle Farbe passt aber gar nicht. Zum Teer kommt dann noch etwas gekocht Gemüsiges dazu. Der Sexappeal des Weines hält sich zunächst in Grenzen. Das Mundgefühl allerdings ist dann ein Pinotgefühl. Ein Rest aus dem Himbeer-Erdbeer-Früchtekorb ist noch da, Würze, Liebstöckel und zum Schluss ein abgebranntes Streichholz. Das alles ist sehr harmonisch zusammengefügt, mit viel Kraft, Struktur und ordentlichem Tannin. Gealterter Pinot nach meinem Geschmack. Es ist, voilà, ein 1996er Chambolle-Musigny, eine Dorflage von Hubert Lignier. Lignier gehörte in den 80ern und 90ern zu den sehr renommierten Winzern, auch wenn er seinen Besitz in Morey St. Denis hat, und nicht in der bekannteren Nachbargemeinde Gevrey-Chambertin. In den 90er Jahren hat seinen Sohn dann zunehmend die Leitung übernommen und die beiden haben eine Betriebsgesellschaft gegründet. Dann verstarb sein Sohn an einem Hirntumor und Hubert und seine Schwiegertochter können nicht miteinander. Die Folge ist, dass Lignier heute nicht einmal mal mehr in seinen eigenen Keller kommt.
Noch deutlich bekannter als Lignier ist der Schöpfer, der Macher des zweiten Weins. Ich habe kürzlich über das Weingut geschrieben, weil ich eine wirklich geniale Flasche von ihm aufmachen durfte. Diese hier, noch verdeckt, ich habe noch keine Ahnung, was hinter diesem Wein steht, macht mich nicht so an. Der Wein ist dicht und dunkel, massiv beerig, mit einem Hauch von Eukalyptus und Lakritze. Leider ist der Wein allerdings auch etwas bitter, und zwar hat es die Bitterkeit, die man nicht haben möchte. Der Wein wirkt wie einer aus Übersee, im Gegensatz zu dem, den ich vor Kurzem im Glas hatte. Wir probieren gerade einen 2002er Dominus von Christian Moueix. Sicherlich ein sher gut gemachter Wein, der aber bei mir gerade im direkten Vergleich zum Lignier keine Chance hat.
Interludium
Als intellektuelles Zwischenspiel und auch, um die Zungen ein wenig zu beruhigen, plöppt wenig später der Korken und Schaumwein ist angesagt. Nach dem ersten Schnuppern ist klar: Das ist Champagne. Diese Briochenoten, das leicht Kalkige, leicht Kräutrige kann nur Champagne sein. All dies setzt sich am Gaumen fort, dann aber kommt die Überraschung. Eine ungeahnte, in der Nase nicht präsente Süße macht sich breit. Was ich hier ins Feld werfe ist ein 1995er Fleury Doux. Ein Champagner mit 53 Gramm Restzucker. Das ist man heute gar nicht mehr gewohnt. Ich selber liebe Champagner gänzlich ohne Dosage, der Stoff hier hat richtig viel, ohne allerdings im Geringsten aufdringlich zu wirken. Die 53 Gramm jedenfalls hätte niemand getippt, es wirkt eher wie ein wenig mehr als Demi-Sec. Das ist schon gekonnt, hat Fleury doch den Säuregrad exakt abgepasst, damit es passt. Fleury ist übrigens momentan der Einzige, den ich als Produzenten kenne, der solche Champagner noch herstellt.
Fünftes Doppel
Kommen wir nach trockenen Weißweinen und Rotweinen zum dritten Teil des Abends, den Süßweinen.
Wer sich durch den Werkstattgeruch beim St. Urbanshof durchgearbeitet hat, landet eigentlich immer bei einem schönen Wein. Diese Erfahrung habe ich zumindest bisher gemacht, und das ist auch bei diesem 2002er Kabinett aus Wiltinger Schlangengraben nicht anders. Leicht, fein mit noch frischem Apfel und feiner Säure. Mosel, wie ich sie liebe.
Im direkten Vergleich wirkt der zweite Wein dagegen massiver, dichter, tropischer. Leider mit einem kleinen Korkgeruch, der den Wein aber glücklicher Weise nicht all zu stark behindert. Der Wein besitzt viel Restzucker und zu wenig Säure, im Mund verdichten sich die tropischen Früchte, hinzu kommt eine leichte Schwarzteenote und hinten raus eine Bitternote, die aber allgemein nicht als Fehler oder als störend empfunden wird. Es ist eher so eine Bitternote aus einer englischen Orangenmarmelade – mit entsprechender Süße. Wie gesagt, die Säure fehlt und macht den Wein etwas fruchtsaftig. Dass es sich hier um eine 1993er Spätlese handelt, hätten wir allerdings nicht gedacht. 1993er Bopparder Hamm Ohlenberg von Weingart. Unten auf dem Etikett taucht schon der Name Florian Weingart auf, die großen Lettern verweisen jedoch auf den Vater Adolf Weingart.
Sechstes Doppel
Auch der nächste Wein ist einer, der so wirkt, als habe man einen exotischen Früchtekorb gepresst. Litchi, Mango, noch mal Mango, Papaya und was sonst noch alles drin sein mag. Das ist Huxel, denke ich, liege jedoch falsch. Es ist Silvaner, in Auslesequalität. Das war klar, so konzentriert kommt der Wein daher. Allerdings fehlt diesem noch leicht moussierenden Stück aus der Horst Sauerschen 0,5er-Flasche doch ein wenig die Säure. Das ist Schade, ein mehr davon wäre perfekt gewesen. Andererseits, diese 2007er Silvaner Auslese aus dem Escherndorfer Lump ist für relativ kleines Geld zu haben und dafür macht sie richtig Spaß.
Was neben diesem Silvaner steht, wirkt davon meilenweit entfernt, statt wenige Zentimeter. Ein bernsteinfarbenes Extrakt, Orange- und Brauntöne mischen sich wie kürzlich erst beschrieben beim Genuss der 1994er Rieslaner Eselshaut-Auslese von Müller-Cartoir. Auch da war Matthias dabei und er denkt dasselbe. Etwas Steinobstfrucht noch in der Nase, vermischt mit Schwarzteesud, Kramellkeks kommt dazu und schon in der Nase erahnt man Säure. Am Gaumen gibt es dann jede Menge davon. Heftig. Was die Säure angeht, könnte diese Beerenauslese noch lange liegen blieben. Ob dann noch Frucht vorhanden sein wird mag bezweifelt werden. Ein Erlebnis ist es auf jeden Fall, mit solch einem Wein konfrontiert zu werden, mit einer 1996er Traiser Beerenauslese Riesling vom Weingut Crusius.
Nachlauf
Noch etwas? Ja, noch etwas. Bevor es Zeit wird, zu gehen, nach dem Säureschock der Beerenauslese kommt noch etwas sehr Süßes hinterher. Süßlich wie der Gewinnersong des ESC, der weit entfernt am anderen des Raumes vor sich hindudelt und dessen Verlauf wir mit halbem Auge verfolgt haben.
Was die Farbe von Sauternes hat und zunächst auch ähnlich in der Nase wirkt, die Fruchtnoten sind da, die Kaffenoten, gleitet bei zunehmender Vermischung mit Sauerstoff ins Alkoholische, etwas Acetonische ab. Am Gaumen bleibt der Alkohol präsent. Dazu kommt die oben schon genannte bittere Orangenmarmelade und noch ein wenig Exotik. Der Wein ist definitiv zu jung, noch unausgewogen. Kein wunder, wir haben einen 2009er Chenin Blanc im Glas. Noch mal Südafrika, diesmal Joostenberg.
Jetzt ist die Zunge müde, aber das Fazit ist sehr positiv. Auch wenn sich über einige Weine trefflich streiten ließ, oder vielleicht gerade deshalb, mag ich solch verdeckte runden in denen sich jeder auf’s Glatteis begeben muss und manchmal fällt. Ach ja, wir hatten zwei Gäste am Tisch, die wussten im Vorfeld gar nicht, was sie erwartet und schauten uns nur immer wieder staunend an, ob der Hingabe, mit der wir uns unserem Thema gewidmet haben. Ob sie wohl noch mal dazu stoßen würden, nach dieser Erfahrung? Wer weiss…
Kürzlich hatte ich endlich mal die Möglichkeit, Torsten (Allem Anfang…) und Matthias (chezmatze) zu treffen und wir hatten einen ausgesprochen kurzweiligen Abend mit einigen schönen Weinen. Auch wenn Torsten direkt um die Ecke in Köln wohnt hatte es bisher nie geklappt. Nun hat er uns zu Ehren eine Müller-Catoir 1994er Rieslaner Mussbacher Eselshaut Trockenbeerenauslese geöffnet.
Bevor ich jedoch zu dieser Essenz komme stehen noch einige Weine im Weg, die es zu probieren galt bevor der Nektar uns erwartete. Meine 2004er Riesling Spätlese* aus dem Bopparder Hamm Feuerlay von Florian Weingart war nicht unbedringt der Knüller an diesem Abend (ich habe ihn hier schon mal beschrieben und da hat er mir besser gefallen), genauso wenig der Pinot Kappelrodeck 2006 von der Hex vom Dasenstein. Spannender, freakiger auf jeden Fall kam der Riesling BRUCK 2008 von Veyder-Malberg daher. Ein geradezu störischer, karger Riesling von calvinistisch-strenger Schönheit, der im Laufe des Abends eine klare, mineralische Blüte entwickelte und für mich der erste und auch der letzte Wein des Abends war.
Von diesem Wein, den Matthias mitgebracht hatte, hatte ich bisher, ich muss es bekennen, nicht gehört. Das Weingut liegt in der Wachau und Peter Veyder-Malberg hat hier einige der steilsten, von der Aufgabe bedrohte Terrassen mit altem Rebbestand erworben um grünen Veltliner und Riesling anzubauen.
Peter Veyder-Malberg tummelt sich seit Anfang der Neunziger im Weingeschäft, nachdem er in der Werbung gearbeitet hat. Studiert hat er am Napa Valley College und in Wädenswill in der Schweiz, wurde in der Pine Ridge Winery, der Fattoria de Montemaggio und beim Schwarzen Adler ausgebildet und hat nicht zuletzt 14 Jahre lang als Betriebsleiter beim Grafen Hardegg im Weinviertel gearbeitet und die dortige Umstellung auf Biodynamie vollzogen.
Der Riesling aus der Lage »Bruck« stammt aus der Gemeinde Viessling, gilt in diesem Ort als die wärmste Lage und ist trotzdem eine der kühlsten und höchsten in der gesamten Wachau. Der Wein besitzt bei 8,1 Gramm Säure erstaunliche 6,7 Gramm Restzucker, die man vielleicht ein wenig in der etwas fruchtsüßlichen Nase erahnen kann. Am Gaumen jedoch verbindet sie sich vortrefflich mit der Säure und hebt sich mehr oder weniger gegenseitig auf. Es bleibt eine klare Mineralität, eine strenge Würze, eine feine Frucht und eine stimmige Balance.
Pinot Noir von der Mosel bleibt für mich ein Exot und liegt nicht unbedingt auf meiner Weinlandschaftskarte. Dass dort trotzdem gute Spätburgunder gemacht werden beweist Stefan Steinmetz aus Wehr. Wehr liegt dort, wo die gegenüberliegende Seite der Mosel schon luxemburgisch ist. Hier bestimmt der Muschekalk den Boden und die Bedeutung des Rieslings tritt hier hinter Bugundersorten und dem Elbling zurück.
Dies ist der erste Wein, den ich von Stefan Steinmetz probiert habe und ich werde ihn mal im Auge behalten. Denn, was ich gerade im im demokratischen Weinbuchso lese: Es soll bei ihm guten Elbling geben (ich dachte ja immer, das wäre ein Widerspruch in sich) und auch der Sekt hat wohl so einiges für sich. Der Spätburgunder 2008 muss sich in der Kategorie der Weine um die 10 Euro herumschlagen und dürfte es dort nicht einfach haben, sich zu behaupten. Er hat ne schöne Frucht und leichten Holzeinsatz, insgesamt wirkt das alles noch ein wenig vordergründig, stimmt aber hoffnungsfroh.
Einen feinen reinsortigen Cabernet Franc hat uns Matthias mit der Cuvée du Clos du Chêne Vert von Charles Joguet mitgebracht. Dieser Chinon aus Monopollage, dessen durchtränkter Korken Schlimmes erahnen ließ war hervorragend in Form. Keine Spur von Kork oder Muff. Stattdessen Chinon par excellence. Joguet gehört eindeutig zu den Qualitäts-Vorreitern im Chinon, gehörte mit zu denen ersten, die in den Sechzigern und Siebzigern ihre eigenen Weine auf den Markt gebracht haben, alles andere war damals Fassverkauf. Er hat Erträge reduziert und begonnen, von Hand zu ernten, ja, er hat sogar einen Rebhang mit wurzelechten Reben bestückt.
Im Glas bot sich eine Balance aus reifen dunklen Früchten und Holz, Tertiäraromen von Leder und etwas Sandelholz. Ich hätte diesen Duft den ganzen Abend weiter inhalieren können. Am Gaumen ebenfalls die dunklen Früchte, schwarze Johannisbeere, Brombeeren aber im Besonderen, etwas schwarze Kirsche rundet ab, dazu wieder feiner Holzeinsatz, Paprika, Tomatenessenz, etwas Salmiak. Hinten raus vielleicht ein klein wenig kurz, aber das trübt das Gesamtbild kaum.
Einen 2000er Clos de Vougeot Grand Cru von Jacques Prieur hat man nun auch nicht alle Tage im Glas. Dieser Abend hatte es in sich auf dem Weg zur Rieslaner TBA. Als steinig kann man diesen Pfad kaum bezeichnen. Den Stein schmeckte man höchstens in diesem Burgunder. Den Stein, die Frucht, die Kräuter.
Die Domaine Jacques Prieur, zur Hälfte im Besitz des Handelshauses Antonin Rodet, besitzt 20.68 Hektar Primeur und Grand Cru sowie Monopol-Lagen im Burgund und gehört damit zu den Domainen mit der größten Range an Spitzenweinen.
Auf Burgund wäre ich bei diesem Wein nicht gekommen, den Wein hat Torsten uns verdeckt eingeschenkt. Matthias lag mit deutschem Spätburgunder ebenso daneben wie ich mit kalifornischem Pinot. Mich hat die Wucht, die Kraft in der Nase überrascht und erinnerte mich durchaus an manchen Russian River Pinot. Genauso aber fiel mir die 15.5%-Alkoholbombe des 2003er Spätburgunder von Künstler wieder ein, die wir kürzlich in der Bonner Weinrunde dabei hatten.
Erstaunlich, dass der 2000er Vougeot dann nur moderate 13% in sich trug und doch so massiv wirkte, mit einem etwas brandigen Abgang. Darüber hinaus jedoch barg dieser Wein eine große Strahlkraft und Finesse. Frisch, kräftig, mit viel Pfeffer, roten und dunklen Früchten, feiner Kräuterwürze und Minzaromatik und einer feinen Länge. Schönes Burgund!
Ach ja, und dann die Mussbacher Eselshaut. Die kleine Flasche wirkt wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Nicht, dass es das Weingut Müller-Catoir nicht mehr gibt, nein, das steht weiter mit in der Spitze der Pfalz und produziert bemerkenswerte Rieslinge und, ja, nicht zuletzt edelsüße Rieslaner. Nur aus der Lage Mussbacher Eselshaut gibt es keinen mehr, nur aus dem Herzog und Schlössel.
Wer aus Deutschland nur Beerenauslesen vom Riesling oder vielleicht Huxelrebe kennt wird überrrascht sein, Rieslaner hat eine ordentliche Säure zu bieten. Diese Neuzüchtung von 1921 (Silvaner x Riesling) führt mit nicht mal 90 Hektar ein Schattendasein, mehr noch als Scheu- und Huxelrebe. Was Schade ist, im edelsüssen Bereiche hat sie große Qualitäten, ich habe aber auch schon gute trockene Weine getrunken. Ich weiss allerdings nicht, ob überhaupt noch ein Winzer trockene Rieslaner ausbaut.
Man sieht es an der Farbe, dieser Wein hat ein paar Jahre auf dem Buckel, er hat schon in den ersten Jahren eine tief orangene Farbe besessen und genau so tief nach vollreifen Aprikosen geduftet haben, sagt Torsten. Nun befindet er sich auf dem Weg zum gereiften Wein, die Aprikose steht als Frucht immer noch deutlich im Vordergrund, jetzt aber eher als kandiertes Trockenobst. Hinzu kommt der Sud schwarzen Tees und der Duft in Zucker eingelegter Quitten. Der Wein ist herrlich stoffig im Mund. Dicht, mit viel Fruchtsüße und ganz präsenter, druckvoller Säure. Das ist hervorragend, die Säure hält die Frucht so schön im Zaum, dass der 94er immer noch zu vibrieren scheint. Im Nachhall dieser Fruchtexplosion kann man sich dann durchaus verlieren.
Cabernet Franc dürfte eine der ältesten Rebsorten sein, die in Frankreich wachsen, sie kann ausgezeichnete Weine hervorbringen (Cheval Blanc beispielsweise wird zum überwiegenden Teil aus Cabernet Franc vinifiziert), sie steht jedoch immer im Schatten der Cépages Noble Cabernet Sauvignon und Merlot. Mittlerweile kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass der Cabernet Sauvignon aus einer Kreuzung zwischen Cabernet Franc und Sauvignon Blanc hervorgegangen ist und der Merlot aus einer Kreuzung aus Magdeleine Noire des Charentes x Cabernet Franc. Auch die Vaterschaft der Carmenère kann man dem Cabernet Franc zuschreiben: Er kreuzte sich mit Gros Cabernet.
In Frankreich stehen ca. 39.000 Hektar unter Reben, in anderen Teilen der Welt aber ist diese Rebsorte eine absolute Randerscheinung. In Deutschland sollen es gerade mal 15 Fußballfelder sein. Dabei würde sich der Anbau in größerem Maße vielleicht durchaus lohnen, wenn ich mir beispielsweise den Cabernet Franc "Fréderic" von Kistenmacher-Hengerer so auf der Zunge zergehen lasse. Dieser Wein von noch jungen Rebstöcken scheint sich in Württemberg ausgesprochen wohl zu fühlen, zumindest ist dies ein absolut gelungener Wein voller Würze, Frucht, Länge, schöner Säure und zurückhaltender Tannine.
Vielleicht ist genau dies einer der Gründe, weshalb der Cabernet Sauvignon im allgemeinen bevorzugt wird: die größere Menge an Tanninen, die den Wein offensichtlich robuster scheinen lassen, langlebiger, dichter. Dabei kann man Cabernet Franc eine längere Ausdauer kaum absprechen, so ein Cheval Blanc kann in guten Jahren durchaus altern, und auch die dichten Loire-Weine können ein hohes Alter erreichen.
Die Loire dürfte übrigens neben St. Emilion das wichtigste und auch bekannteste Gebiet für hochwertige Cabernet Franc-Weine sein und mit einigen Vertretern dieser Region haben wir uns beschäftigt und dabei Weine aus vier Apellationen probiert.
Chinon – Château de Coulaine
In Chinon, eine 1.800 Hektar Apellation im Bereich der Touraine, wird praktisch ausschließlich Cabernet Franc angebaut, lediglich 10% sind mit Cabernet Sauvignon bestockt. Der Boden setzt sich aus Kies-, Sand- und Kalksteinböden zusammen. All diese Böden findet man als Unterlage der ersten drei Weine des Abends, die einen Querschnitt der Arbeit des Winzers Etienne de Bonnaventure liefern, seines Zeichens Besitzer des über 700 Jahre alten Château de Coulaine, welches seit Anbeginn zum Besitz der Familie gehört. So alt das Familienerbe ist – einer der Vorfahren soll sich mit Karl dem VII und Jean d’Arc in Chinon getroffen haben – so alt ist die Weinbautradition. Etienne und seine Frau haben diese Tradition in eine neue Moderne geführt: Der Besitz wurde auf 12 Hektar erweitert, die Erträge auf maximal 35 hl/ha reduziert und seit 1988 wird biodynamisch gewirtschaftet.
Der 2006er Bonnaventure stammt von den oben genannten Böden, ein Teil der Hänge besteht aus lehmigen Kalksteinböden, ein anderer Teil von einem Plateau mit Sand- und Kalksteinböden. Die Vinifikation erfolgt ausschließlich im Eichenfass. Wie fast alle Cabernet Francs findet sich ein saftiges Kirschrot in der Farbe des Weines. Die Nase ist zunächst zurückhaltend, lediglich ein wenig Eisen/Blut findet sich, später öffnet sich der Wein und duftet nach roten Früchten, unterlegt mit tabakigen Noten, etwas Süßholz und Nelken.
Am Gaumen dominiert zunächst das Markenzeichen dieser Rebsorte, eine deutliche Säure von saftigen, sauren Kirschen. Der Wein wirkt nicht all zu dicht, geradezu aufgefächert in Aromen von Sauerkirschen, Johannnisbeeren, Brombeeren und orientalischen Gewürzen – auch hier findet sich wieder Süßholz, bzw. Anis. Wir hatten bei den Chinons fast das Gefühl, ein wenig Südfrankreich im Glas zu haben. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass hier nie etwas zu schwer ist, nichts fett, nichts überreif, vielmehr saftig und frisch.
Im 2006er Les Picasses treffen sich Reben von über 80 Jahre alten Stöcken mit knapp 10 Jahre altem Cabernet. In der Farbe, in der Nase und am Gaumen finden sich auch hier die typischen Attribute von Sauerkirschen und prägnanter Säure. Ansonsten unterscheidet sich der Wein deutlich vom Bonnaventure. Ein Schmeichler ist es, nachdem die UHU-Nase verflogen ist. Dann verbindet sich die saftige Kirsche mit süßem Brotteig, etwas vanilligem Holz und zurückhaltenden indischen Gewürzen zu einem weichen Ganzen. Im Les Picasses wirkt die Säure verhaltener, die Tannine sind geschliffen, ein feiner, vielleicht fast schon ein wenig zu runder Wein.
Leider hatte der 2006er Clos de Turpenay Kork, nicht extrem, aber immer präsent und störend. Schade, denn abseits des Korks verbanden sich feine Holz-Vanille-Aromen mit Butter, Kirschen und Johannisbeere, etwas Pfeffer und Gewürzen.
Bourgueil – Domaine de la Chevalerie
Das Bourgueil liegt nicht weit von Chinon entfernt im Westen der Touraine. Die Böden sind ähnlich zusammengesetzt und bestehen im Wesentlichen aus Sand-, Kies- und Sandsteinböden. Der 2006er Galichets der mir vorher unbekannten Domaine de la Chevalerie aus dem Bourgueil schafft es an diesem Abend nicht in die vorderen Ränge. Dafür birgt der Wein einfach zu viel Säure in sich. Schade, denn die Ansätze fand ich zunächst sehr schön. Schöne Cassis- und Kirscharomen, etwas Paprika, Pfeffer und Noten von Eukalyptus. Aber die Säure…
Saumur – Domaine de Roches Neuves
Thierry Germain gehört mit zu den eloquentesten Winzern der Region Saumur, die sich über 2.800 Hektar an den Hängen von Loire und Thouet erstreckt. Aus einer bordelaiser Winzerfamilie stammend hat er hier eine neue Heimat gefunden und schafft mit seinen Cabernet Francs ebenso wie mit dem Chenin Blanc l’Insolite oder dem Crémant Bulles de Roche charaktervolle, teils faszinierende Weine. Mehr zum l’Insolite und zu Thierry Germain habe ich hier geschrieben.
Der 2007er Terres Chaudes stammt von den heißen Böden der Coteau des Poyeux, wurde im großen Holzfass ausgebaut und wird unfiltriert und ungeschönt auf die Flasche gezogen. In der Nase fand ich feines Holz mit etwas Vanille und leicht medizinische Noten. Dazu Brombeeren mit eher wenig Sauerkirsche, dafür jedoch ein wenig Unterholz. Der Wein ist extraktreich und lang mit einer markanten aber nicht zu starken Säure und feinen Tanninen. Schöner Stoff.
Anjou – Clau de Nell
Das Anjou dient eigentlich als Hauptapellation in der sich Unterapellationen wie Savennières, Coteaux du Layon oder das Saumur befinden. Das 12.000 Hektar Gebiet grenzt im Osten an Bourgueil und Chinon, im Westen an Muscadet.
Die Geschichte des Weingutes wie auch die Geschichte von Claude und Nelly Pichard, aus deren Vornamen Claude und Nelly der Names des Gutes Clau de Nell entstanden ist, ist ein wenig verrückt.
Irgendwann sind die beiden, die zu diesem Zeitpunkt auf dem elterlichen Hof im Burgund gearbeitet haben mit Weinen von Nicolas Joly, dem Vorreiter des biodynamischen Weinbaus in Kontakt gekommen und Claude war hin und weg. Er wusste, er möchte ebenfalls solche Weine machen. Da seine Eltern dagegen waren, deren Hof auf Biodynamie umzustellen, entschied er sich zusammen mit seiner Frau, sein Glück woanders zu suchen. Fündig wurde er im Anjou, in einer Gegend, in der es genau einen Weinberg gibt, 8 Hektar groß, mit 80 Jahren alten Reben bestockt, unter anderem mit der authochtonen Rebsorte Grolleau. Rings herum gibt es sonst nur Wald und Felder. Der Boden besteht aus einer oben liegenden Sandsteinschicht mit Feuersteineinschlüssen, 12 unterschiedlich dichten, aufeinander gefalteten Lehmschichten sowie einer darunter liegenden Kalksteinschicht die hervorragend geeignet ist, Wasser zu speichern oder zu drenagieren.
So gut die Arbeit der Pichards in Weinberg und Keller war, so schlecht war sie allerdings bei Buchführung und Planung, so dass sie nach drei Jahren schon Konkurs anmelden mussten. Kurz bevor der Weinberg verkauft werden sollte sprang die Großmeisterin aus dem Burgund, die Winzerin Anne-Claude Leflaive den beiden zur Hilfe. Sie hatte durch Zufall von den Weinen, den Winzern und dem Missgeschick gehört und sah die Chance und das Potential.
Der 2003er Cabernet Franc Clau de Nell duftet nach frischem Eichenholz mit den typischen Aromen von Vanille und Kokos. Nach und nach finden sich orientalische Gwürze ein sowie eine gewisse Süße reifer Früchte. Hinter dem noch etwas vordergründigen, aber feinen Holz wirkt der Wein sowohl filigran als auch komplex-opulent, burgundisch elegant und verführerisch, "rich", wie die Engländer sagen.
Am Gaumen wirkt der Wein zunächst wie ein etwas geduckt wirkendes Kraftpaket mit leichter Herbe in der süßen Frucht und leicht medizinischen Noten. Beeindruckend von Beginn an wird der Wein im Laufe des Abends faszinierend. Es entfaltet sich die volle Kraft, Würze, Süße und die Dichte wird spürbar. Doch trotz aller Kraft bleibt der Wein immer subtil, ja filigran. Ein schönes Geschöpf und ein gutes Beispiel dafür, wie gleichberechtigt der Cabernet Franc neben seinem ungleich bekannteren Sohn bestehen kann.
Savennières – L’Enclos, Eric Morgat
Einen solchen Abend mit einen Chenin Blanc aus bestem Hause zu beenden macht enormen Spaß. Savennières liegt als 120 Hektar Enklave ebenfalls im Anjou und ist nicht zuletzt durch das Chateau de la Roche aux Moines des Nicolas Joly bekannt geworden. Selbstverständlich aber gibt es weitere, hervorragende Erzeuger, von den Eric Morgat nur einer ist.
Dieser kommt aus einer Winzerfamilie, die in den Coteaux du Layon beheimatet ist. Das Savennières hat Morgat 1995 für sich entdeckt wo er sich zu Füßen von Roches aux Moines einige Hektar Land kaufen konnte. Seinen Keller hat er zunächst im oben beschriebenen Château de Coulaine bei den Bonnaventures angemietet. Morgat arbeitet biologisch, ist aber nicht zertifiziert. Seine Weine werden in 400 Liter-Fässern fermentiert, spontanvergoren und durchlaufen etwa zur Hälfte eine spontane malolaktische Gärung. Die Weine bleiben lange auf der Hefe und werden immer wieder aufgerührt.
Das verwendete Holz ist sowohl in der Nase als auch am Gaumen deutlich erkennbar bei diesem 2006er Savennières l’Enclos. Um es direkt zu sagen: Der 2006er leidet ein wenig am Alkohol, der hinten raus ein bisschen brandig wirkt. Ansonsten ist das ein beeindruckender Chenin Blanc, irgendwo angesiedelt zwischen Tradition und Moderne. Voller Tiefe, reifer Birnenfrüchte und etwas Banane, mit Nüssen versetzt und mit Holz, ein wenig bitterer Orange und Karamell. Dabei wirkt die Säure ganz ausgewogen und fein. Ich muss sagen und es hier wieder betonen: Ich liebe diese Rebsorte in all ihren Facetten, trocken ausgbaut wie auch süß, verwegen wie geradlinig. Sie bietet eine ähnliche Bandbreite wie der Riesling, beeindruckt aber gerade auch in Verbindung mit Holz. Der l’Enclos ist hier hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel.
Ich weiss nicht, ob den Traditionalisten italienischen Weins die Haare hochstehen, wenn sie an Bolgheri denken. Da gibt es alles, nur keine klassischen Rebsorten. Und man mag fragen ob die, die dort irgendwann mit Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot und Syrah angerückt sind, dem italienischen Weinbau einen Gefallen getan haben – gibt es doch in Italien eine Menge authochtoner Rebsorten höchster Qualität.
Wozu also dieser ganze internationale Kram? Um den italienischen Weinbau zu retten, sagen die anderen. Um ihn international aufzustellen und die Qualität zu verbessern. Und in der Tat hat der, dessen Weine wir getrunken haben entscheidend dazu beigetragen dies zu tun, den italienischen Weinbau wenn nicht zu retten, dann doch in eine entscheidende Richtung zu führen. Und zwar in eine, in die er in den 80ern und 90ern nicht unterwegs war, zumindest nicht in der Breite. Wir können hier ein Lied davon singen, bei uns war das auch nicht viel besser und wenn damals der ordinäre Chianti noch international zu verkaufen war, war es hier die Liebfrauenmilch. Mehr aber auch nicht.
Marchese Ludovico Antinori, von dem rede ich hier nämlich, hat dies mit einer unglaublichen Energieleistung geändert. Er, dessen alteingesessene toskanische Familie jede Menge Ländereien und vor allem Rebhänge besitzt, konnte den fortschreitenden Niedergang nicht gut ertragen. Und neben einem strikten Qualitätsstreben der heimischen Rebsorten hat er eben auch auf einen internationalen Stil gesetzt. Und das auf angestrebt höchstem Niveau. Herausgekommen ist das, was irgendwann den Namen Super-Tuscans bekommen hat. Wein internationalen Stils der in Italien jedoch lediglich die Qualitätsstufe eine Landweines, eines IGT erhalten hat, weil er den Richtlinien der Anbaugebiete nicht entsprochen hat. Das tat dem Erfolg der Antinorischen Weine und deren Verbündeter keinen Abbruch, so dass Sassicaia, Tignanello, Ornellaia oder Guado al Tasso berühmt wurden und eine Aufbruchstimmung erzeugten, die über das kleine Bolgheri, ja über die Toskana weit hinausging.
Im Gefolge der Super-Tuscans finden sich Zweitweine und andere Abfüllungen dieser Güter deren Preis nicht direkt in die Hunderte geht. Drei gereifte Weine, alle aus dem Besitz der Antinoris, haben wir probiert und über ca. drei Stunden verfolgt. Zunächst hat mich keiner der drei vollends überzeugt, zum Schluss hätte ich die drei alleine trinken können.
Il Bruciato 2004, Guado al Tasso, Bolgheri
Dieser Wein ist ein Nasenschmeichler. Süße Frucht und etwas vanilliges getoastetes Holz strömen aus dem Glas. Im Mund ist der Wein zunächst weniger fruchtig, ja, ich habe den Eindruck, die Frucht würde in der Gesamtheit des Weines deutlich zu weit zurückstehen. Die Tannine, die Säure stehen im Vordergrund. Nach einiger Zeit aber, genauer gesagt ca. 2 Stunden, nach dem ersten Schluck öffnet sich der Wein, der aus 60% Cabernet Sauvignon, 30% Merlot und 10% Syrah besteht, also gut vier Stunden nach Öffnen der Flasche.
Il Pino di Biserno 2004, Campo di Sasso
Im Gegensatz zum Il Brusciato ist dies nicht unbedingt ein Nasenschmeichler. Beim Il Pino treffe ich auf die Würze einer reduzierten Bratensoße, versetzt mit medizinischer Tinktur. Im Mund erwartet mich zunächst ein Geschmack von Dropsen aus der Metalldose, die zu lange im heißen Auto gelegen hat. Auch dieser Wein findet erst nach langer Zeit zu sich und klart dann förmlich auf. Jetzt finden sich Aromen von Schokolade und der Mund füllt sich mit dichten, dunklen, reifen Beeren. Der Wein wird erstaunlich harmonisch und ich bin angenehm überrascht. Das hatte ich gar nicht mehr erwartet von diesem Bogheri, der zumindest in 2005 aus 35% Cabernet Franc, 30% Cabernet Sauvignon, 20% Merlot und 15% Petit Verdot zusammengesetzt war.
Insoglio del Cinghiale 2004, Campo di Sasso
Auch der Wein mit dem markanten Schwein auf dem Etikett ändert seinen Charakter im Laufe des Abends beträchtlich. Zunächst steigt mir ein Geruch in die Nase als ob jemand alten Kabeljau über ein rostiges, von altem Blut überzogenes Geländer gezogen hätte. Da ist so viel Eisen im Geruch, dass ich zunächst ein wenig zurückschrecke. Am Gaumen findet sich jedoch eine sehr angenehme Fruchtsüße, die von kräftigen Tanninen und dunklen Früchten eskortiert wird. Dieser Wein gefällt mir abgesehen vom Gestank Geruch zunächst mit Abstand am besten. Der Wein wird zumindest als 2005er Jahrgang zur Hälfte von Merlot getragen, den Rest teilen sich Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Syrah und Petit Verdot. Später dann – auch hier dauert es seine Zeit – verfliegt der rostige Geruch und macht Platz für gekochten Rotkohl und Holunder. Das kann ich nun deutlich besser riechen, und geschmacklich schummelt sich noch etwas Schokolade und Mokka in die Fruchtaromen, was jetzt auch nicht unangenehm ist.
Ich fand den Abend jedenfalls ausgesprochen spannend weil ich selber ja eher ein Fan davon bin, in den Weinbaugebieten die heimischen Sorten anzubauen und das tendenziell eher als kulturlos empfinde, überall die gleichen Sorten anzupflanzen. Was mich jedoch nicht davon abhält, diesen Weinen, und zwar jedem der drei einen ganz eigenen, auch eigenwilligen Charakter zu attestieren. Und genau dann macht Wein Spaß.
1972 begannen der gerade ausgebildete Anwalt Jayson Pahlmeyer und sein bester Freund John Caldwell eine Passion auszuleben die darin bestand, einen Kalifornischen Mouton zu produzieren. Es waren zwei begeisterte Bordeauxtrinker die hier ans Werk gingen. Zutaten waren zum einen die vermeindlich nicht gerade von der Natur begünstigten Weinberge aus dem Bestand des Weingutes Caldwell, zum anderen aus Frankreich importierte Bordeauxklone und schließlich eine Menge Optimismus.
Gegen alle Widerstände und hämische Kritik entstanden Weine, die nach nur wenigen Jahren ungläubiges Staunen hervorriefen. Der erste Jahrgang des Proprietary Red erhielt aus dem Stand 94 Punkte von Robert Parker. Von nun an gaben sich Weingrößen und Winemaker wie Helen Turley, Randy Dunn, Michel Rolland und Erin Green die Klinke in die Hand, um das Projekt zu fördern und zu unterstützen und nicht zuletzt der teuerste und wohl beste Spezialist für Weibergsmanagement und selber 100 Punkte-Parker-Preisträger, David Abreu, legte neue Weinberge an. Mit wachsendem Erfolg hielten auch Rebsorten wie Pinot Noir oder Chardonnay Einzug in das Portfolio der Winery. Der Merlot Pahlmeyer gehört heute zu den am höchsten dekorierten Weinen dieser Rebsorte.
Der 1997er besteht aus 73% Cabernet Sauvignon und 17% Merlot, hinzu kommen etwas Cabernet Franc, Malbec und Petit Verdot die aus den bersten Lagen des Napa-Valley stammen: Spring Mountain, Howell Mountain, Soda Canyon, Wooden Valley und Carneros.
Ein hoch dekorierter Wein mit 98 Parker-Punkten, ein Weingigant den ich an diesem Abend gegen einen 1996er Château Pontet-Canet verkosten durfte. Zwei Cabernet-betonte Bordeaux-Cuvées von großem Unterschied. Der Franzose duftet fein nach leicht medizinischen Noten, mineralisch, eukalyptisch mit typischem Duft nach Zigarrenkiste und Johannisbeeren.
Der Pahlmeyer möchten den subtilen Pauillac fast wegdrücken, ein gigantischer Kerl mit Muskelpaketen, ein betörender, tiefer Duft von überaus reifen dunklen Beeren, Johannisbeeren und flüssiger Schokolade. Der ganze Mund wird ausgefüllt von dieser Wucht an Frucht, er ist ungeheuer präsent, dabei überraschend kühl und mineralisch, was die Opulenz ein wenig zügelt. Zum Schluss stört mich, das muss ich sagen, denn das hier ist hohes Niveau, eine ganz leichte Bitternote, nicht viel aber doch wahrnehmbar.
Der Pontet-Canet hält mit in seiner deutlich schlankeren Art. Ein herrliches Beispiel für besten Bordeaux, ein Paradebeispiel an feiner Komplexität, an subtilen Aromen gepaart mit Holz und dabei sehr frisch und jung wirkend, so dass ich mal behaupten würde, dass er seine Trinkreife gerade erst jetzt erreicht. Ähnlich wie der Pahlmeyer dürfte er locker noch ein paar Jahre länger im Keller liegen um seinen Höhepunkt zu erreichen.
Beiden ist ein langer und komplexer Abgang gemein doch auch hier zeigen sich wieder die Unterschiede im Entwurf dieser beiden Weine. Der Kalifornier bleibt auch im hier eine muskulöse Zehnkämpferstatur mit einer famosen Mischung aus Kraft und Leichtigkeit, der Pontet-Canet bleibt alter Adel und verabschiedet sich ruhig, mit ausholender Gestik und lange noch sieht man den Vierspänner am Horizont.
Zwei typische Vertreter beider Länder, zwei, die den Erwartungen gerecht werden und die man schwer miteinander messen kann. Letzendlich gefiel mir der Pontet-Canet besser, so wie er sich präsentierte, als Archetyp des Pauillac. Aber, wer weiss, das kann an einem anderen Abend wieder anders sein.