Als Einstimmung auf ein morgen anstehende Montsant- und Priorat-Probe habe ich mir heute Abend mal den jüngsten Wein der Runde eingeschenkt. Einen l’Heravi 2010 von Vinyes d’en Gabriel im Montsant. Dieses Weinbaugebiet ist durchaus spannend, nicht nur hat es durchaus viel vom Priorat – es schließt sich praktisch wie eine Schnalle um dieses deutlichbekanntere Gebiet – man findet dort auch eine ganze Menge an Weinen, die ein wesentlich besseres Preis-Genuss-Verhältnis besitzen. Drei Bodentypen herrschen in diesem Gebiet, das früher »Falset« genannt wurde vor: Kalkböden mit Kies, Granit-Sandgemische und Schiefer, ähnlich wie im Priorat, im Katalanischen Licorella genannt. Die Weinberge, häufig ganz urtümliche, alte Bestockungen liegen zwischen 200 und 700 Meter Meereshöhe. Auch hier wurde ein ganz erheblicher Teil der Weinberge rekultiviert, als im Priorat das Renomée stieg und auch der Preis und irgendwann die besten Lagen vergeben waren. Ähnlich wie im Priorat hat es sich lange Zeit nicht gelohnt, die Weinberge zu bewirtschaften weil den Wein keiner haben wollte bzw. keine adäquaten Preise gezahlt wurden. Mancher Moselwinzer mit Steillagen kann davon ein Lied singen.
Das Weingut Vinyes d’en Gabriel hat eine durchaus lange Tradition. Im 19. Jhd. gründete Joan Rofes das Gut. Heute, Generationen später bewirtschaftet Josep Maria Anguera Ansens die Weingärten nach biodynamischen Methoden, er ist noch nicht zertifiziert, er befindet sich in Konversion. Was er kann, mag ich noch nicht abschliessend beurteilen denn morgen werde ich zwei weitere Weine probieren.
Der junge 2010er jedenfalls beeindruckt mich auf jeden Fall. Ich habe den Wein am Dienstag geöffnet und ins Glas floss eine dichte, dunkle, violette Flüssigkeit, der ein frischer Duft von Cassis entströmte. Natürlich wurde der Wein von seiner Frucht dominiert, wie sollte es anders sein nach relativ kurzem Ausbau im Stahltank? Wer aber denkt, er hätte hier lediglich einen kurzlebigen Spaßwein im Glas, der irrt. Spaß macht er, aber auch heute, am dritten Abend ist der Wein absolut balanciert und stabil. Natürlich überwiegt die Cassis-Frucht deutlich, aber genauso finde ich eine Palette an Gewürzen. Vor allem aber sticht die Frische und Kühle hervor. Hier ist Mineralität drin. Der Wein bleibt dicht und ungewöhnlich lang. Wir reden hier von einem frischen Wein für 7.50 Euro. Wir reden aber auch von einem Wein, dessen Trauben von Rebstöcken stammen, die bis zu 40 Jahre alt sind. Das merkt man und die Qualität dieser Cuvée aus Carignan, Grenache und Syrah ist wirklich sehr gut.
Den zweiten Teil unserer Betrachtung des französischen Südens haben wir mit einem reinsortigen Carignan Blanc der Domaine d’Emile et Rose eingeleitet dem wir später zwei Rotwein-Cuvée der selben Domaine folgen ließen.
Die Domaine d’Emile et Rose, früher etwas kitschiger Domaine de 1000 Rose geheißen liegt etwas nördlich von Béziers in Corneilhan. Caroline und Marcel Gisclard haben dort vor einigen wenigen Jahren der Genossenschaft den Rücken gekehrt um selbst Weine zu machen, und zwar nach Maßstäben von Agriculture Biologique. 7,5 Hektar stehen unter Reben, wobei nicht nur die klassischen Reben des Südens angebaut werden sondern ebenso Merlot und Cabernet Sauvignon, was daran liegen könnte, dass die benachbarte Winzergenossenschaft Les Vignerons de Cers-Portiragnes genau diese Rebsorten auch vertreibt. Die Anlagen, man sieht es auf dem Bild – das ist jetzt nicht wirklich pittoresk hübsch – stehen in einem Urzeitmeer, dessen Vermächtnis, der Sand, den Untergrund bildet.
Der Carignan Blanc 2008 ist einer der schönsten Weißweine, die ich bisher aus diesem Teil Frankreichs probiert habe. Einem guten Burgunder im Stil nicht unähnlich verbindet er in der Nase einen vollen Blütenduft mit ein wenig UHU und Würze zu der sich irgendwann ein wenig Honig und Birne gesellt und sich auch im Mund bestätigt. Dabei stören leicht vorhandene oxydativen Noten kein bisschen. Sie fügen sich eher harmonisch ein in eine schöne Frucht und Frische.
Die Grenache-Carignan-Cuvée La Pierre Figée fällt dagegen und auch gegen den zweiten Roten der Domaine durchaus ab. Dieser 2006er wirkt in der Nase zunächst mollig weich und warm mit einer hübschen Zimtnote, dunkler Frucht und dem Geruch von rohem Rindfleisch, wie er häufig in den Rhône-Cuvées vorkommt, im Geschmack aber bleibt er eher matt mit einer zu herben Noten zum Schluss.
Die Cuvée Léa 2007, mit der umgewöhnlichen Zusammensetzung aus Syrah, Grenache und Cabernet überzeugt deutlich klarer. In der Nase zurückhaltender als La Pierre Figée, vom Aromensprektrum her eher Richtung Kirsche tendierend mit einem ähnlichen Klebstoffton ausgestattet wie der Carignan Blanc, ist der Wein ein Gaumenschmeichler dem mir fast ein wenig Ausdruck fehlt. Glatt ist er, weich, leicht astringierend mit medizinischen Noten in der Frucht. Der Wein hat eine schöne Länge und ist schlichtweg schön gemacht.
In einer anderen Liga spielt die Inspiration Céleste 2008 der Domaine St. Sebastien in Banyuls, bzw. Collioure. Diese Bombe ist natürlich noch viel zu jung um sie ernsthaft trinken zu wollen. Ein Eindruck vermittelt sie jedoch, und der ist sehr sehr positiv. 90% Grenache und 10% Carignan von alten Rebstöcken stammen von alten Schiefersteillagen, die teils mit der Mosel sehr gut konkurieren können. Der Wein erinnert mich deutlich an Weine, die ich von Coume del Mas probiert habe und deren Lagen nicht weit entfernt liegen dürften. Dabei finde ich bei beiden erstaunlich und beeindruckend wie sie die Dichte und Konzentration der Weine in Einklang bringen mit Frische und, ja, in gewissem Maße der Leichtigkeit des Seins. Auf einem Bett aus deutlich erkennbarem, aber nicht überbordendem leicht getoastetem, frischen Holz liegt ein satte, reife Fruchtsüße, durchsetzt mit Nelken und anderen, teils leicht medizinisch wirkenden Gewürzen und Kräutern. Die Mineralität ist schon in der Nase zu erahnen und bestätigt sich am Gaumen, wo noch zusätzlich eine fast sauerkirschartige Frische dazustößt. Auch wenn die 14,5% Alkohol im Abgang zu spüren sind, genauso wie die Vanille des Holzes und die noch fest zupackenden Tannine, macht dieser Wein – heij, er ist erst zwei Jahre alt – richtig viel Spaß, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Abgang schon jetzt richtig beglückend lang und voll ist.
Wer jetzt denkt, dass die beiden folgenden Weine von der Rhône es schwerer haben würden, der irrt. Der Petit Ourse, die kleine Bärin – bei uns nennt man dieses Sternbild den kleinen Wagen – stammt von der Domaine La Grande Ourse, also vom großen Wagen. Die Domaine, die strikt biodynamisch arbeitet, besitzt ihre 9 Hektar in den Côtes du Rhône Villages, speziell in Tulette, St. Roman de Malegard, was an Châteauneuf du Pape angrenzt, und Visan. Die Böden müssen gut sein denn Pascal Chalon, der Winzer dieser Domaine verkauft einen Teil des Traubengutes an die Familie Perrin, die Beaucastel besitzt.
In Visan liegen jedenfalls auch die Parzellen für den Petite Ourse 2008, ein Wein für kleines Geld mit großem Spaßfaktor. In der Nase eher unauffällig, im Mund super-frisch, mit jeder Menge Kirschen und ein wenig Nelken ausgestattet, sehr präsent, fruchtig und lang. Ich selber vertreibe ja mit großem Spaß die Weine von Roche-Audran und wenn ich diesen hier daneben stelle muss ich sagen, dass diese Appellation mich immer wieder auf’s Neue beeindruckt, gerade was das stimmige Verhältnis von Preis und Genuss angeht.
Das gilt übrigens auch für den Gigondas Cuvée Cécile 2007, einem Wein der Domaine Grand Bourjassot. Der Name deutet darauf hin, das Tochter Cécile Varenne diesen Wein gemacht hat. Cécile und Vater Pierre beackern 7 Hektar Weinberge an den Abhängen der Denteilles de Montmirail. Gearbeitet wird in Umstellung auf Biodynamie schon seit langem ganz traditionell mit Pferden statt Traktor und ohne chemischen Dünger, mit Spontanvergärung im Keller und ohne Schönung.
Die Cuvée Cécile wirkt wie eine Mischung aus Wein und Cassis-Likör wenn man die Nase ins Glas hält. Dichter Wein mit unglaublich intensivem Duft von Cassis – das ist sehr, sehr animierend und es bleibt natürlich nicht dabei. Auch wenn Cassis als Primärfrucht stark dominiert, mischt sich jede Menge Gewürze und Kräuter darunter, dazu kommt Holz und noch ein wenig ungebändigte Tannine, die zeigen, dass 3 Jahre Lagerung eigentlich viel zu wenig Zeit für diesen Wein sind.
Im Gegensatz zum ersten Abend unseres zweiteiligen Ausflugs waren wir den ganzen Abend lang ziemlich glücklich und zufrieden. Die Weine haben alle überzeugen können. Wenn ich beide Abende zusammenfasse bleibt mir vom ersten Abend speziell der geniale Mas de la Devèze bleibend in Erinnerung, am zweiten Abend sind es mehrere, die ich gerne wieder probieren, bzw. deren andere Weine ich gerne kennen lernen möchte.
Es passiert immer wieder, dass ich auf diesem Blog ins Schwelgen gerate über den französischen Süden. Dabei hat dies viel mit verblassenden Erinnerungen zu tun, viel zu lange war ich schon nicht mehr dort. Immer wieder nehme ich mir vor, mal wieder für einige Zeit durch Languedoc und Roussillion zu reisen, und dann wird doch wieder nichts draus.
Allerdings gibt es manchmal Ersatzhandlungen. Diese besänftigen zwar nur kurzfristig die Sehnsucht, können aber für einen Abend glücklich machen. Speziell wenn dieser Ersatz mit gutem Wein zu tun hat. Wir haben uns kürzlich auf die Suche begeben nach gutem Wein aus den oben genannten Gebieten und haben spannende und zweifelhafte Errungenschaften gefunden. Wirklich glücklich sind wir erst zum Schluss geworden, aber das reicht ja im Zweifel, wenn man mit einem Lächeln auf den Lippen in die Federn sinkt.
Grenache Noir und Grenache Gris, Carignan und Cinsault, Syrah und Mourvèdre sind also die Rebsorten, die uns den Abend versüßen sollten und wir waren auf der Suche nach authentischen Weinen. Also Weinen, die von alten Reben stammen und weitgehend traditionell verarbeitet werden, im Zweifel werden dies kantigere Weine sein die nicht den weichen, runden, eher internationalen Stil pflegen. Und wir wollten wissen, ob uns das überhaupt gefällt.
Le Lolo de l’Anhel 2008 startet genau mit dieser Kantigkeit und Kraft. Schon im Glas ist dieser Wein undurchdringlich dicht zwischen dunkelviolett und schwarz, eine Grenache-Mourvèdre-Schwärze die nach Erde und nach Kräutern riecht. Dazu kommt der Duft fetter, vollreifer dunkler Früchte. Rustikal wirkt der Wein, mit etwas ruppigen Tanninen, gleichzeit birgt er eine ganz angenehme Frische. Je länger die Flasche geöffnet ist, desto stärker wird ein gewisser teeriger Moderton, der sich auch im Geschmack wiederfindet.
Clos de l’Anhel ist eine ehemalige Schaffarm (Anhel heißt im Okzitanischen Schaf), liegt ganz in der Nähe des ehemaligen Benediktiner-Klosters Lagrasse im Tal der Orbrieu gegenüber der Montagne d’Alaric. Carignan, Syrah, Grenache und Mourvèdre werden von Sophie Guiraudon bio-dynamisch bewirtschaftet und im Holz ausgebaut.
Das Château Pech-Redon gehört mit zu den ersten Weingütern, die ich überhaupt im La Clape besucht habe. Christoph Bousquet macht hier seit Jahren traditionelle, feine Weine. Seit 2004 ist Bousquet nach ECOCERT zertifiziert. Im Frühjahr diesen Jahres wurde er Opfer eines Anschlags. Genau gesagt hat man über Nacht seinen gesamten Fassbestand geleert, so dass mehrere Jahrgänge vernichtet wurden. Drüben beim Bacchantus steht mehr darüber.
Der 2008er, den wir im Glas hatten hat uns allerdings nicht sonderlich überzeugt. Zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. In der Nase zunächst frisches UHU mit deutlichem Garrigueanteil. Dazu etwas süße Frucht, Nelken und andere orientalische Gewürze. Am Gaumen wirkt er massiv sperrig und jung. Die Geschmackskomponenten aus Frucht, Gewürzen und Tanninen finden sich nicht. Es gibt keine Balance und Eleganz und je länger der Wein geöffnet ist, desto stärker, ja übermächtig wird die Gewürzkomponente.
Diese Gewürze finden sich auch im Navis der Domaine Mas d’Agalis, ein Vin de Pays du Coteaux du Saladou. Lionel Maurel bewirtschaftet hier seit 2006 3,5 Hektar alten Syrah, Grenache und Carignan. Und es ist erstaunlich, was man in so kurzer Zeit hinbekommen kann denn der Navis ist von 2007 und ein toller Wein.
Die Nase schon ist sehr verführerisch, weich und fein mit einem Touch geschnittenem Holz, Maggikraut, Süße und Gewürzen. Auch am Gaumen gibt es viele orientalische Gewürze, Frische und Saft und ein schönes Tannin. Ganz zum Schluss kommt eine leichte Bitternote. Je länger der Wein offen ist desto stärker findet sich eine Orangenlikör-Note im Wein. Ich finde, dieser Wein ist eine schöne Entdeckung.
Das würde ich auch für den zweiten Wein im Flight sagen obwohl dieser ganz, ganz anders ist. Weniger dicht und typisch für die Region. Da fehlen sowohl die Gewürze als auch die schweren Früchte. Hier sind es Sauerkirschen und zwar jede Menge, die den Wein ausmachen. Und auf die Nase kann man nicht setzen. die bleibt sehr zurückhaltend, und wenn, dann finde ich auch hier eher etwas leicht teerig-Modriges neben den Sauerkirschen. Three Trees heißt der Wein, und wenn ich auf das Etikett schaue, habe ich eher das Gefühl, eine Flasche Sake in der Hand zu halten, so kalligraphisch ist das Etikett gehalten.
Der Wein stammt von den Neuseeländern Tom Lubbe und Sam Harrop denen eigentlich die Domaine Matassa gehört. Auf dem Rückenetikett hier allerdings ist von der Domaine de Majas die Rede, was aller Wahrscheinlichkeit nach die Schwesterdomaine von Matassa ist. Definitiv hat Tom Lubbe den Wein gemacht, denn das steht hinten drauf. Dieser hat einst in der Domaine von Gérard Gauby gelernt hat (nachdem er vorher schon in Swartland, in Südafrika gelernt hatte) um danach dessen Schwester zu heiraten und sich im Süden Frankreich niederzulassen. Die Weine werden auf der Domaine bio-dynamisch angebaut und in ganz eigenem Stil ausgebaut, sprich, Lubbe beläst den Traubenmost während der alkoholischen Gärung nur kurz im Kontakt mit den Traubenhäuten. Entsprechend hat der Wein deutlich weniger Extrakt und Gerbstoffe als sämtliche andere Weine des Abends. Der Wein von Carignan- und Grenache-Reben wirkt sehr frisch mit einer gehörigen Sauerkirsch-Komponente und Fruchtsäure. Wir fanden sie sehr angenehm, auch wenn sich die Säure im Laufe des Abends etwas verselbständigt hat und weniger gezähmt wirkte als zu Beginn.
Der weiße Three Trees hatte übrigens nicht viel mit der Beschreibung zu tun, die ich wiederum bei Bacchantus gelesen habe. Bei uns wirkte der Wein relativ matt und hat mir praktisch nichts gesagt.
Was zustande kommt wenn sich eine Brasilianerin und ein Bretone treffen um Liebe und Wein zu machen, oder besser, um mit Liebe Wein zu machen, fanden wir im Amassa 2007 der Domaine Ribiera. Die beiden trafen sich zunächst in Paris in der Gastronomie, wanderten dann irgendwann in die Nähe von Clermont l’Herault aus um dort ein Restaurant zu gründen um dann später auch noch ein 6.5 Hektargut zu bewirtschaften. Die Weine werden ohne Chemie hergestellt und kommen ungefiltert in die Flasche.
Der Amassa riecht klassisch traditionell. Von Duft kann man bei diesem Gemisch aus Stall und Teer zunächst nicht sprechen. Im Mund wirkt der Wein zunächst weich und süß und massiv, lauter Attribute vollreifer dunkler Früchte, dann kommen die Tannine um die Ecke und der Wein legt die Mundhöhle erst einmal trocken, so astringierend ist er. Zum Schluss findet sich ein leicht störend wirkender Bitterton in einem insgesamt schönen Wein, der vom Mundgefühl her zum zweiten Wein im Flight passte.
Der Emotion 2006 von der Domaine Montplezy in der Côte du Thongue gelegen, beinhaltet noch mehr Gerbstoffe, die den Mund noch stärker austrocknen lassen als der Amassa. In der Nase fand ich Schokolade und Rumtopf, de facto wirkt der Wein in der Nase fast aufgespritet wie Banyuls. Im Mund finden sich dann glücklicherweise eher frische Sauerkirschen und die Süße, die wir im Duft fanden fehlt am Gaumen. Über die Massivität an Gerbstoffen allerdings kommt der Wein nicht hinweg, nicht am ersten Tag und auch nicht am zweiten. Erst am dritten wirken diese gemildert, dafür sind die Früchte aber nicht mehr frisch.
Mittlerweile sind wir bei 14,5% Alkohol angelangt, der erste Wein in der letzten Gruppe lag auf gleicher Höhe, der zweite musste schließlich 15% bändigen. Was er geschafft hat. Der Mas Karolina Roussillon Villages 2005 von Caroline Bonville ist nur in einem eingeschränkten Maße so massiv, wie sein Alkoholgehalt vermuten lässt. In der Nase findet sich rote Frucht, Kräuter und vor allem Blütenduft und Veilchen mit leichter Klebstoffkomponente. Eher unaufdringlich wirkt dieser Wein, dessen Macherin aus dem Bordelais stammt wo sie auf Château Marac ebenfalls Wein macht. Der Wein wirkt entsprechend auch nobler und kühler als die eher ursprünglich wirkenden Weine der vorherigen Gruppen. Der Grenache Noir dieser Assemblage stammt vom schwarzen Mergel in Maury, Syrah vom Granit in Lesquerde und Carignan vom Schiefer in Rasiguères. Zusammen ergeben sie einen bei aller Wucht feinen Wein voll süßer Frucht und jeder Menge Mocca- und Schokoladenaromen. Er erinnert mich durchaus an guten Priorat, vor allem am zweiten Abend, wo sich der Wein gesetzt hat und noch ausgeglichener wirkt. Lustvoll ist dieses Kraftpaket und bei aller Opulenz immer mit genügend Kühle ausgestattet.
Der Partner des Mas Karolina war der Côtes de Roussillon Villages Mas de la Devèze 2005. Auch dieser Wein stammt von einem Zugereisten. Einem, der nach erfolgreichem Business zunächst mit Wein gehandelt hat um dann zusammen mit seiner Frau das Weinmachen in Beaune zu studieren und bei Henri Jayers im Vosnée-Romanée zu lernen. Mit diesem Wissen ist Olivier Bernstein nach Tautavel gegangen wo er mittlerweile 15 Hektar Ton-, Lehm- und Schieferböden kultiviert. Der Mas entsteht aus 30% alten Syrah-Reben und uralten Grenache-Reben, die im alten Barrique und Tonneaux ausgebaut werden. Dass dieser Mann im Burgund gelernt hat, merkt man und er muss ähnliche Vorlieben haben wie Thomas Teibert mit seiner Domaine de l’Horizon, die ich kürzlich schon beschrieben habe.
Das ist Burgund im Süden, voller Eleganz, feiner Frucht, Gewürzen, Leder, Teer und Lakritzen und einer herrlichen Ausgeglichenheit, zwischen der diesen Weinen naturgemäß innewohnenden Kraft und Wucht und den ausgezeichnet eingebundenen Tanninen, der Kühle und Länge. Ein großartiger Abschluss.
"Glänzendes Kirschrot. Aroma mit Charakter, komplex, in Likör eingelegte Früchte, Schokolade, süße Gewürze. Am Gaumen geschmackvoll, fruchtig, frisch, Röstaromen, reife Tannine, mineralisch," sagt Penin, der Weinführer Spaniens, und der muss es ja schließlich wissen.
Nun, auf mich macht der Wein den Eindruck, als hätte sich da jemand auf hohem Niveau so deutlich wie möglich im globalen Dorf assimilieren wollen, so, als sollten Herkunft und Charakter möglichst in der Schwebe bleiben. Ok, sicher, der Wein ist so sexy wie möglich und so modern wie die Website zum Wein. Der Preis passt dann auch dazu. Für 23.50 Euro kann man sowas dann als Icon-Wine anbieten.
Mich lässt das weitestgehend kalt. Was ich allerdings durchaus amüsant finde ist die Tatsache, das die Weinmacher die Musik zum Wein auf das Etikett gedruckt haben.
Dieses erinnert mich übrigens etwas an die New Order-Platte "Power, Corruption & Lies", doch hat der damalige Art-Director Peter Saville dort mit der Verwendung eines Bildes von Fantin Latour als Antipoden zu Titel, Texten und Stimmung dieser Einspielung ein kleines Meisterwerk geschaffen. Hier wirkt es dagegen schlicht hübsch.
Die passende Musik zum Wein direkt mitzuliefern jedenfalls kenne ich sonst nur vom weincasting, aber das macht ja gerade Pause.
Es ist Thomas Teibert nicht direkt in die Wiege gelegt, das Winzerhandwerk denn er stammt nicht aus einer Winzerfamilie. Aufgewachsen ist er bei Ulm, Schreiner sollte er werden nachdem er die Realschule abgeschlossen hatte, Küfer ist er stattdessen geworden, nicht zuletzt aus einer frühen Liebe zum Wein resultierend und aus der Freundschaft mit dem Ulmer Weinhändler Manfred Böhm. Dabei hat er sein Handwerk in renommierten Betrieben gelernt und danach ein Studium der Önologie in Geisenheim angeschlossen.
Seine nächste Stufe auf der persönlichen Erfolgsleiter hat er bei Manincor in Südtirol erreicht wo er Betriebsleiter wurde und nicht zuletzt den Wein verantwortet hat den manche in 2003 als besten Weißwein Italiens betitelt haben, den Sauvignon Blanc Lieben Aich, ein holzfassausgebautes Schmuckstück, das weder protzt noch schreit sondern mit schierer Präzision und Feinheit besticht. Eine burgundische Art, Wein zu bereiten, würde ich sagen, wenn ich jetzt den Blanc 2007 probiere.
Es hat ihn nicht allzu lang in Südtirol gehalten weil er viel zu sehr “französisch denkt", wie er sagt. So hat er sich, nach der Heirat mit einer Tochter von Gérard Gauby, auf die Suche nach geeignetem Terroir gemacht um die Weine zu machen die er machen will und ist im Languedoc fündig geworden, genau gesagt in Calce, im katalanischen Teil.
Er arbeitet, wie auch schon bei Manincor, strikt biologisch-dynamisch auf den hageren, steinigen und trockenen Böden auf dem uralte Rebstöcke stehen. 12 Hektoliter holt er gerade einmal aus dem Hektar heraus, die Weine besitzen also Auslese-Charakter und entsprechend ist dann auch ihr Preis. 28 Euro für Rot- und Weisswein muss man berappen wenn man in den Genuss dieser Weine kommen will. Dafür finden sich keine Reißer im Glas sondern stille Gesellen, die Luft brauchen und Zeit.
Die habe ich glücklicher Weise jetzt ein wenig mehr als in den letzten Wochen in den es so viel zu tun gab vor den Ferien, dass ich kaum zum Weinsinnieren gekommen bin und zum Schreiben.Während der Regen an die Scheiben prasselt und die Jungs mich gerade mal nicht braucne während im Wohnzimmer eine Lego-Star Wars-Landschaft entsteht denke ich an die beiden Weine zurück, lese noch mal die Notizen, haben die Weine auf der zunge, die Landschaft im Kopf, die Hitze, die Dürre, die Berge im Hintergrund, das Gezirpe der Zikaden.
Die Weine von Thomas Teibert also sind Langstreckler, die sich vielleicht jetzt gerade erst wirklich zu öffnen beginnen, die am zweiten Tag besser sind als am ersten und die in der Fachwelt direkt mit diesem ersten Jahrgang 2007 eingeschlagen sind. Parker hat der Cuvée aus Macabeu, Grenache Gris und Grenache Blanc auf Anhieb genau so 93 Punkte gegeben wie dem Rouge und in der Tat ist dieser Wein bestechend. Er wirkt so gar nicht alkoholisch wuchtig, wie ich es bei fielen in der gnadenlosen Sonne gedörrten Weißen dieser Region finde. Der Wein verbindet ein blumiges Bouquet mit der Frische von Limetten und Grapefruit, dazu kommt Steinobst und eine leichte Nussigkeit. Der Clou dieses auf Kalk und Schiefer gewachsenen Weines ist die Mineralität, die die 50 bis 80 Jahre alten Rebstöcke aus der Tiefe holen und diesen Wein dominieren.
So wie sie auch den Roten aus Grenache und Carignan dominieren, dieser Cuvée aus Brombeeren, Holunder, Grantapfel, Honig, Pflaume und Ingwer, der einerseits eine südfranzösische Wärme in sich trägt, andererseits eine eher burgundisch anmutende Süße. Beeindruckend ist die Frische und Leichtigkeit beider Weine bei zweifellos vorhandener Konzentration und, bezeichnen wir es mal gewagt: intellektueller Tiefe.
Auf der Suche nach passablem Rosé bin ich kürzlich nach langer Zeit mal wieder bei den Weinen der Domaine Richeaume gelandet. Die Domaine Richeaume ist das Weingut eines großen Individualisten und mittlerweile auch das des ebenso nonkonformistischen Sohnes. Es ist die Domäne des Henning Hoesch, der, einer Dürener Chemiefabrikantenfamilie enstammend und in Yale zum Historiker promoviert, sein Herz an die Montagne St. Victoire verloren hat und, anstatt einer vielversprechenden Universitätskarriere zu folgen, Anfang der Siebziger ganz andere Ziele in den Blick nahm, mit Ideen, die damals noch sehr selten vorkamen und ungewöhnlich waren. Themen wie Naturschutz, biologische Landwirtschaft, Kreislaufwirtschaft spielten damals kaum eine Rolle. Und so kann man Hoesch, der die Ausbeutung einer liebgewonnenen alten Kulturlandschaft nicht gut ertragen konnte, durchaus als Avantgarde, als Vorreiter sehen.
1972 stießen er und seine Frau auf das 65 Hektar große Gut zwischen Rousset und Puyloubier, das voller bauhistorischer Relikte aus der Römerzeit ist und im Mittelalter vom Templerorden betrieben wurde. Drei Hektar dieses Gutes konnten sie damals in Besitz nehmen und es bis heute auf 25 Hektar erweitern. Wie behutsam Hoesch in die Landschaft eingegriffen hat, wie konsequent er die Monokultur Wein in die Vielfalt der Natur der Provence eingebettet hat, dort, zischen Château Noir und Montagne St. Victoire, jenen Orten, die Paul Cézanne Zeit seines Malerlebens immer wieder umkreist hat, sieht man auf seinem informativen Internetauftritt.
Ich bin nicht unbedingt ein Fan des Rosé, lediglich zu Crémant oder Champagner ausgebaut kann ich ihm durchaus etwas abgewinnen. Wenn ich einen Rosé mag, ist es der des Château la Canorgue aus dem Luberon, sonst kommt bei mir selten einer auf den Tisch.
Der Rosé von Richeaume allerdings gefällt mir ausnehmend gut. Er ist so eigenständig, subtil, elegant und – was ich Rosé bisher immer abgesprochen habe – ich stelle eine gewisse Tiefe fest. Grenache, Syrah und Carignan werden hier im Saignée-Verfahren angepresst und kurz auf der Maische gelassen, sodass der Wein seine lachsrote Farbe annimmt. Danach wird er im Holzfass ausgebaut. Zitrus-, Himbeer- und Erdbeeraromen verbinden sich mit einem leichten Hauch von Karamell, mit einem schönen Hauch von Gerbsäure unterstützt. Das ist wirklich ein feiner Wein!