Es ist ja ganz herrlich, wenn man weinbegeisterte Freunde oder Bekannte hat, die einen dazu einladen, mitzuhelfen, die Kellerbestände auf die bestmögliche Art und Weise zu dezimieren – indem man sie mit Menschen trinkt, die sich ebenso daran erfreuen können wie man selbst. Jörg hat einen solch beeindruckenden Kelle, in dem vor allem der deutsche Riesling und der französische Burgunder zu Hause sind, daneben aber auch noch einige andere Spezialitäten, unter anderem gereifte Gewächse aus dem Bordeaux.
Und Bordeaux war auch das Thema des Abends. 13 Weine standen an, blind verkostet mit drei Piraten zur Auflockerung.
Leicht eingestiegen sind wir mit einem Château Tour de Mirambeau, Cuvée Passion aus dem Jahr 2004. Ein Vertreter des Entre-deux-Mers, einem Bordeaux-Gebiet, welches selten Beachtung findet. Dass es hier allerdings neben lauter Mittelklasse auch etwas gibt, was an der Oberklasse kratzt, zeigt diese Cuvée Passion. 70 % Sauvignon Blanc und 30 % Semillion finden sich zu einem klassischen trockenen weißen Bordeaux mit feiner Säure und guter Länge. Es finden sich etwas Melone und Quitte und vor allem Pfirsich.

Dem Mirambeau folgte der weiße Wein des Château Smith Haut Lafitte, Grand Cru Classé de Graves. Eines der wenigen Châteaux, deren weiße Weine berühmter sind als die roten.
Wir haben an diesem Abend den 1996er probiert, der seinen Höhepunkt leider überschritten hat. Neben einer beeindruckenden Bernsteinfarbe strömte aus dem Glas das, was man in die Nase bekommt, wenn man einen Geigenbogen über bernsteinfarbenes Kollofonium reibt, dazu Honig, Malz und reife Quitte. Am Gaumen kommt etwas Nussiges hinzu – und das Alter.
Jörg hat die Rotweine in zwei Fünfer-Flights geteilt und bei verdeckter Verkostung die drei bordeauxfernen Gewächse untergemischt.
Begonnen hat es mit zwei klassischen bürgerlichen Châteaux – Château Bernadotte, Haut Médoc 2003 und Château Paloumey, ebenfalls Haut Médoc aus dem Jahr 2000.
Bernadotte gehört mittlereile zum Champagnerhaus Roederer und ist schon seit langem eine feste Bank unter den Cru Bourgeois, eine, die auch locker unter den klassifizierten Cru mithalten kann.
Der Wein wirkt in der Nase sehr frisch und relativ leicht, Tannine sind beim Schnuppern nur schwer zu erkennen, eher medizinisch eukalyptische Noten mit etwas Pfeffer und Himbeer.
Am Gaumen wirkt der Wein dann relativ alkoholstark mit sehr deutlichen Tanninen, cabernetgeprägt mit klarer Säure und Geschmack nach Paprika und Pfeffer mit ganz leichtem Salz. Ganz frisch ist dieser Wein, mit einer leichten Süße, nicht zu komplex, aber fein gemacht – ein Wein, den ich, ehrlich gesagt, als 2006er eingeschätzt habe und nicht als drei Jahre älter. Diese drei Jahre allerdings darf er mindestens noch liegen, um noch ein wenig runder zu werden.
Eine ähnlich falsche Jahrgangseinschätzung hatte ich beim 2000er Château Paloumey, den ich ebenfalls drei bis vier Jahre jünger eingeschätzt hatte.
In der Nase deutlich erdiger als der Bernadotte, hatte ich zunächst das Gefühl, einen Burgunder im Glas zu haben. Erst allmählich entwickeln sich merlot- und cabernettypische Fruchtaromen, dazu kommt ein leichtes Salzgebäck. Der Wein hat enorm viel Kraft und Saft, wirkt überhaupt kein bisschen alt.

In der zweite Runde befanden sich zwei 1998er im Glas.
Da hatten wir zum einen den 1998er Almaviva aus dem Gemeinschaftsprojekt von Philippe Rothschild und Concha y Toro in Chile. Dagegen gab es Château Patris 1998, St. Emilion.
Almaviva gehört regelmäßig zu den besten Weinen, die in Chile produziert werden. Das kann man bei diesem 1998er schon nachvollziehen, auch wenn es der erste Jahrgang der 1997 gegründeten Bodega ist. Cabernet wird hier vornehmlich im Maipo-Valley angebaut und dazu werden 85 ha erster Lagen verwendet. 26 % Carmènere kommen im 1998er hinzu sowie 2 % Cabernet Franc. Ausgebaut wird 16 Monate in französischer Eiche.
Der Wein besticht in der Nase durch eine leichte Süße mit milden orientalischen Gewürzen und Pfeffer. Er wirkt kühl und mineralisch mit einem deutlichen Duft nach Zigarrenkiste. Dieses Zedernholz schmeckt man selbst am Gaumen, wo sich auch die Mineralität wiederfindet. Sehr geschliffen ist dieser Wein, ausgesprochen gut gemacht. Immer noch sehr frisch mit leichten Süßholz- und Korianderaromen neben der satten Backpflaumenfrucht.
Was unterscheidet ihn von den Bordeaux? Die Süße, würde ich sagen. Es ist eine warmweiche Süße, die man in der Form nicht findet im Bordeaux, und das Fehlen des leicht Salzigen verrät die Abstinenz des Meeres.
Der Château Patris dagegen fällt etwas ab. Dieser Wein trägt 80 % Merlot und 20 % Cabernet Franc in sich, doch waren wir uns eigentlich sicher, dass dies ein Cabernetwein sein würde. Wie man sich doch täuschen kann.
Das Schloss liegt am selben sandigen, mit Kies durchsetzten Hang wie Angelus, Ausone oder Pavie. 40 Jahre alt sind die Rebstöcke im Durchschnitt und bekannt geworden ist, dass Château als Hardy Rodenstock den Wein als nicht qualifiziertes Gewächs einer Probe von Spitzengewächsen des 2000er Jahrgangs untergeschoben hat und ziemlich klar in die Spitzengruppe gewählt wurde.
In die Spitzengruppe des Abends ist der Wein bei mir nicht gelangt. Ehrlich gesagt, habe ich den Wein schlicht vergessen und mir Dinge aufgeschrieben wie "etwas schokoladig, relativ erdig, rote Früchte".
Deutlich präsenter ist mir dagegen der 1989er Sociando-Mallet, wiederum Haut-Médoc. Das war der beste Wein der ersten Runde. Unglaublich klar und präsent wirkt der Wein, den ich in die Mitte der Neunziger eingestuft hätte. Schon in der Nase ist dieser tiefdunkle Cru Bourgeois – von dem behauptet wird, dass er immer wieder der Beste aller bürgerlichen Châteaus ist und ihm durchaus eine 3ème Qualifizierung gut anstehen würde – sehr fein balanciert zwischen dunkler Erde, dunklen Früchten, Veilchen und Eukalyptus. Enorm viel Tannin hat er, der Mund zieht sich zusammen, wohlgemerkt, er hat schon zwanzig Jahre auf dem Buckel, Pfeffer hat er und er wirkt geradezu angriffslustig. Zum Schluss verbindet sich ein leichte Süße mit einem langen, trockenen Abgang. Großartig.

Den zweiten Teil nach der Quiche hat dann der nächste Pirat eingeleitet. Ein 1990er Marchese di Villamarina, Sella e Mosca, Sardinien. Er sagte mir, ehrlich gesagt, nicht viel. Ich musste erst nachschauen und habe herausbekommen, dass Sella e Mosca auf Sardinien 650 Hektar (!) unter Reben stehen hat und immer wieder die drei Gläser im Gambero Rosso erreicht.
Ich gehe mal davon aus, dass dieser Wein sowohl von Cannonau als auch von Cabernet geprägt wird. Zartsüß wirkt er in der Nase mit Gewürzen, Kräutern und Süßkirschen, am Gaumen sehr weich, fast ein wenig zu fruchtig mit einer immer noch schönen Frische. Da liegen noch einige reife Pflaumen im Hintergrund, bevor es ins lange Finale geht. Ein sehr guter Wein.
Begleitet wurde er von einem 1986er Chateau Gazin aus dem Pomerol, dem man nun endlich auch mal das Alter anmerkte. Bei den anderen habe ich mich ja regelmäßig verschätzt. Man musste sich durch einen Schwall warmen Gummis kämpfen, bevor man diesen Wein genießen konnte. Weich und rund war er mit einer schönen Tiefe. Dunkle Beeren am Gaumen, dabei immer noch eine feine Säure.
Ebenfalls aus dem Jahr 1986 stammt der Wein vom wunderschönen 250 ha-Gut Beychevelle aus dem St. Julien. In den letzten Jahren hat der Wein mir selten gefallen, aber der 1986er war sehr spannend. Ein Geruch von alter Wäsche strömte aus dem Glas, etwas Erdig-Pilziges, Animalisches. Irgend jemand sagte, das würde ja nach salzigem Popcorn mit ranzigem Öl riechen. Im Mund dann reiner Bordeaux: Früchte, Zedernholz, rohes Rindfleisch, Menthol, Jodsalz – relativ schlank, weich und schön.
Gepaart hat Jörg diesen Wein mit einem 1989er Dominus von Christian Moueix aus dem Napa Valley. Und auch hier merkt man – wie auch beim Almaviva –, das ist französisch geprägt, kommt aber aus einer wärmeren Gegend, was den Wein nicht schlechter macht, aber anders. Weich ist er zunächst, eine sahnige Nase hat er, buttrig, vanillig, mit warmen, weichen Früchten, nicht zu tief, nicht zu lang. Geerdet ist er, sagte jemand, und ich kann nur zustimmen. Geerdet, balanciert, reif und gut.
Der letzte in der Reihe war dann auch der Älteste. Einen 1978er Ducru-Beaucaillou aus dem St. Julien hatte Jörg uns eingeschenkt. Dass der Wein ein gewisses Alter erreicht hatte, sah man an den bräunlichen Reflexen am Glasrand. In der Nase und am Gaumen konnte man das viel weniger spüren. Ein zurückhaltender Duft nach Holz und Kartoffel mit etwas Cassis und kühler Mineralität. Zedernholz kommt dazu und Leder und Tabak. Ein sehr guter Wein, der noch einige Frische in sich trägt sich, sich aber leider ein wenig schnell verabschiedet.

Nach dieser Tour de Force hat sich Jörg für einen Wein zum Ausklang entschieden, der aus einer ganz anderen Ecke stammte, aber wunderbar gepasst hat – viel besser, als ein Sauternes es geschafft hätte, einen Gegenpol zu bilden.
Vom Weingut Rudolf Fürst gab es eine 1993er Rieslaner Auslese aus dem Bürgstadter Centgrafenberg. Wenn Rieslaner gut sind, dann vereinen sie tatsächlich das Beste aus den Sorten Riesling und Silvaner. In diesem hier fand sich ein Korb voller Blüten, bei denen die Kamille etwas herausstach. Satter, reifer, in Honig geschwenkter Pfirsich mit einer leichten Schärfe und einer sehr angenehmen, markanten frischen Säure. Das war herrlich entspannend.

Was dann noch kam, nachdem wir eine Stippvisite im Keller gemacht haben, ist definitiv noch eine Beschreibung wert.
Marie Thérèse Chappaz ist Winzerin in Fully in der Region Vallais in der Schweiz. Bis vor kurzem hat sie 1,5 Hektar bewirtschaftet, die ihr Onkel 1880 angelegt hatte. Mittlerweile ist der Betrieb auf 6,5 Hektar angewachsen. Neben Dôle und Fendant finden sich reinsortige Petite Arvine, Malvoisie, Humagne, Pinot, Syrah und auch Marsanne. Von dieser Rhône-Rebsorte haben wir den Grain Noble aus dem Jahr 2001 probiert.
Eine Melange aus Klebstoffnoten, etwas Ammoniak, Honig und satten Feigen stehen im Glas. Im Mund dann eher Dörrobst, Virginiatabak und Karamellkekse. Sehr dicht mit erstaunlich viel Säure. Sehr spannend.

Als endgültigen Abschluss gab es dann noch eine vorzügliche 2003er Beerenauslese von Emrich-Schönleber aus dem Monzinger Halenberg. Eine leicht gummierte Spontinote, vermischt sich mit Mineralen und dem Duft von reifem Steinobst. Eine feine, glatte Säure verbindet sich mit karamelisiertem, zitronigem Schiefer. Dazu finden sich gewürzte Pfirsiche und Aprikosen, hach. Hab' Dank Jörg. Ich hör' jetzt auf.


Nicht weit von mir entfernt gibt es einen Laden, der heißt Magd & Knecht. Der Name in Verbindung mit einem Logo, das mich immer an einen nackten Krieger aus Sparta auf einer alten griechischen Vase erinnert, hat mich längere Zeit davon abgehalten, dort hineinzugehen. Es war ein Fehler.
Zum ersten bekommt man Brot vom besten Bäcker Bonns, dessen Dinkel-Brote eine beispiellose Qualität aufweisen. Ich würde das bei Qype eintragen, wenn ich Qype nicht schlecht fände.
Zum zweiten gibt es dort leckere Dinge des Genusses, außergewöhnliche Dinge, wie zum Beispiel gute Sandwiches, Sandwiches, wie es sie in London in allen möglichen Läden gibt, Sandwiches, die von ferne so aussehen wie die in Autobahnraststätten, letztlich aber nur den Namen gemein haben und die Form. Bei Magd & Knecht gibt es die Sandwiches zum Beispiel mit selbst gemachtem Frischkäse, mit Erdnüssen und mit einer Senfsorte, deren Provenienz mir gerade entfallen ist.
Dazu gibt es täglich wechselnde Menüs ohne Konvenienz, alles absolut frisch und hausgemacht. Manchmal gibt es dort eine Schokoladen-Birnen-Tarte, die so unglaublich gut schmeckt, dass ich gerade, während ich diese Zeilen in Erinnerung an das letzte Stück schreibe, in Tränen ausbrechen möchte.
Warum schreibe ich das alles? Ach so, bei Magd & Knecht gibt es auch Weine. Letztlich habe ich dort einen Heartland Viognier Pinot Gris gekauft. Dazu habe ich mich noch gar nicht geäußert.
Letzte Tage gab’s den Montgras Carmenère Reserva. Der hat eine schöne Farbe von Kirschrot bis Violett.
»Schöne kirschrote Farbe im Glas und feiner Duft nach schwarzem Pfeffer, Schokolade und Vanillenoten. Voller, runder Körper mit seidenem Tannin. Ein typischer und hochklassiger Carmenère, der die Beliebtheit der Rebsorte zu unterstreichen weiß.« (Quelle: Fiwimo)
Ja. Ich würde das so werten: schöne Farbe, leichter Duft nach Vanille und Pfeffer. Schmeckt solide, weich, rund.
Das war’s. Der Wein ist gut gemacht. Danke. 8,95 € habe ich dafür ausgegeben und ich meine, das ist ein Preis, den ich heutzutage häufig für einen Wein zahle, auch wenn ich manchmal darüber nachdenke, welche Weine ich früher für achtzehn Mark bekommen habe. Allerdings erwarte ich von einem Wein von um die 9 Euro ein wenig mehr Eigenständigkeit. Diesen Wein werde ich direkt wieder vergessen haben. Das Etikett jedoch ist nett, das bleibt länger in Erinnerung.