Eine meiner frühesten Wein-Begegnungen mit Frankreich war eine Reise ins Languedoc und Roussillon. Ich habe in Sête gewohnt und von diesem Stützpunkt aus das Land bis hinunter zur spanischen Grenze erobert. Einer der Orte, den ich mit am schnellsten wieder verlassen habe, ist Collioure. Nicht, weil es dort hässlich gewesen wäre oder langweilig, nein eher, weil es zu schön war, um wahr zu sein, und weil das vor langer Zeit auch diverse, in Paris ansässige Künstler erkannt hatten und dort geraume Zeit verbracht haben. Matisse ist so einer und Picasso. Und auf den Spuren derer und weil es, wie gesagt, zu schön ist, drängeln sich dort die Massen. Ich bin dann schnell weitergereist, nach Banyuls-sur-Mer, den nächstgrößeren Ort, um dort in den Kellern der Templer eine Führung mitzumachen.
Banyuls, um abzuschweifen, ist ein Wein, dessen Trauben in einem Zustand der Vertrocknung sehr spät geerntet werden. Um den Zucker zu erhalten, wird die Maischegärung durch Zugabe von Alkohol gestoppt. Dieser gespritete Wein, Vin Doux Naturel, genannt wird dann meist in Gärballons oder Fässern im Freien gelagert. Diese jeder Witterung ausgesetzten Weine oxidieren und altern nachvollziehbarerweise schneller als ihre geschützten Kollegen, was gewollt ist, um einen Effekt zu erzielen, der im katalanischen Rancio genannt wird. Das Spannende an diesen Weinen ist, dass trotz aller Süße dieser Wein erstaunlich trocken ist im Abgang.

Aber ich komme eigentlich auf Banyuls, weil der in Collioure beheimatete Philip Gard einige uralte Rebflächen sein Eigen nennt, die genau zwischen diesen beiden Küstenorten beheimatet sind. Hier erzeugt er Weine, die mit zu den heutigen Crus des Südens zählen, in einer Reihe mit Gauby oder Negly, um nur zwei zu nennen. Die Weine sind teils sehr rar – vom Abysses gibt es gerade mal 1.300 Flaschen -, definitiv aber sind sie das Ergebnis feinster Weinbergsarbeit, zu der die Ertragsreduzierung zählt. Beim Quadratur sind es gerade noch 15 hl pro ha (!).
Da könnte man denken, dass da vielleicht nur ein wenig reduzierte Soße ins Glas läuft, übertrieben in allem. Aber das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn der Wein – 45% Grenache, 40 % Mourvèdre, 15 % Carignan – dicht ist, dunkel in der Farbe, extraktreich, so ist er doch ausgesprochen subtil, alles andere als fett, und neben dem Duft von Gewürzen und Kräutern, Kaffee, schwarzen Oliven und ein klein bisschen Dörrobst überhaupt nicht überbordend. Das Feine ist die kühle Mineralik des Weines – er wächst auf braunem Schiefer -, der dem Quadratur eine Klarheit gibt, die großartig ist.

Dazu Daube de Boeuf mit Brot, Rindsragout mit Gewürzen aus der Region. Denn die Tage werden wieder länger, es wird trüber, regnerischer – und so ein Ragout ist herrlich!
Telmo Rodriguez' Beitrag zur Fünf-Euro-Debatte ist ein beindruckend frischer und fruchtiger Wein aus der Ursprungsregion der Monastrell-Traube, die im Süden Frankreichs Mouvedre genannt wird und mit zu den wichtigen Trauben im Mittelmeerraum zählt. In der Gegend von Alicante hat er alte Terrassen mit alten Rebstöcken wiederentdeckt und quasi renoviert.
Pinard de Picard rühmt den 2006er Jahrgang mit folgenden Worten: "… begeistert mit seiner wollüstig-opulenten, herrlich in der Süße balancierten Frucht mit betörenden Anklängen an dunkle Beeren, Walnüsse, Schokolade, schwarze Trüffel, Tabakkiste und getrocknete Kräuter, zart unterlegt mit dem Aroma von getrockneten Datteln, Feigen und Pflaumenmus." Hey , das hört sich irgendwie so an, als müsste ich einen komplex-opulenten 50-Euro Wein von der Rhône oder sonst woher im Glase haben.
Mitnichten! Das ist dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Ich sage mal so: Al Muvedre besticht durch eine ziemlich gelungene Kombination aus Frische, roten Früchten, Kräuteraromen und einer wilden Leichtigkeit. Dagegen kommt die Supermarktfraktion dieser Preisklasse kaum an. Soviel steht fest.
Denke ich an den Anlass der Öffnung dieser Flasche Wein zurück, kann ich nicht behaupten, neutral verkostet zu haben, im Zweifel war ich wohl nicht ganz bei Sinnen. Aber es ist ein größerer Rest in der Flasche geblieben, der sich am nächsten Tag noch zu verkosten gelohnt hat.
Auch wenn sie noch eine etwas ungeübte, dafür aber beeindruckende Nase ihr Eigen nennt, bleibt ihr doch der große Anteil von Himbeeren und Brombeeren mit ein wenig Duft von Zedern und Kräutern nicht verschlossen. Eine gute Wahl jedenfalls war diese Flasche für ein gemeinsam zubereitetes Abendessen, in dessem Vorfeld das Hirschkalb in einem ebenfalls südfranzösischen Rotwein und lauter feinem Gemüse und Kräutern stundenlang vor sich hingeköchelt hat.
Der Wein des languedocschen Vorzeigebetriebs ist sündhaft teuer, aber nicht annähernd sündhaft gut. Wenn ich so was um die 50 Euro ausgebe, erwarte ich mir entweder mehr Kraft oder mehr Eleganz. Im Zweifel beides. Ein schöner Wein ist es, kein Frage, eine schöne Balance aus Frucht und Kräutern und Röstaromen und Wildheit. Aber er hat keine Größe. Und wenn ich einen annähernd perfekten Vertreter südfranzösischen Könnens suche, dann suche ich mir lieber die um fünfunddreißig Schleifen günstigere, aber kaum weniger beeindruckende «La Falaise« aus und bin auch glücklich.
Aber wer mal einen reinsortigen Mourvedre höherer Güte sucht, mag sich trotzdem mal ein Fläschchen davon in den Keller legen.
Gestern gab’s südfranzösische Weine mit ein wenig authentischem Slowfood. Speziell ich wollte ja sehr gerne meine Sofa-Weinreise fortsetzen und hatte dann eingeladen zu:
Chateau de la Negly, Brise de la Mer 2005, eine Cuvée aus Granache Blanc, Clairette und Rousanne
Domaine des Perrières, Ansata 2003, eine Cuvée aus Syrah, Merlot, Grenache
Pierre Clavel, La Copa Santa 2005, eine Cuvée aus Syrah, Grenache, Mourvèdre
Dazu hatte ich einen Salat gemacht mit warmen Paprikas und Sardinen in einer Senf-Vinaigrette sowie eine Tarte mit verschiedenerlei Pilzen, Lorbeer, Thymian und Ziegenfrischkäse.
Die Brise de la Mer erinnert stark an weißes, mit Butter gesättigtes Toast, auf das jemand eine Schicht Birnenquark geschmiert hat (und der Birnenquark im Speziellen erinnert an den leicht unnatürlichen Geruch von Fruchtzwergen der ersten Generation). Trotz des Fruchtzwerggeruchs fanden wir das sehr einladend, dummerweise wird dieses Geruchserlebnis nicht durch ein entsprechendes Geschmackserlebnis unterstützt. Da bleibt der Wein einigermaßen nichtssagend. Er schweigt und schweigt und lässt sich auch im Dekanter nichts entlocken und die Zeit heilt da auch keine Wunden – am nächsten Tag ist es nicht besser. Die Qualität, würde ich mal behaupten, bleibt weit hinter der der Rotweine zurück.
Derweil besticht der Ziegenkäse, den ich statt Räucherspeck – so wird es wohl im Original kredenzt – als Gegenpol zum Thymian in die Tartefüllung gemischt hatte und den ein etwas ausgeprägterer Weißwein wunderbar hätte unterstützen können. Na ja. Nehmen wir stattdessen den Ansata.
Marc Kreydenweiss ist eine Institution im Elsaß, die Domaine Kreydenweiss wird in der 22. Generation geführt, das Gut arbeitet komplett bio-dynamisch und erzeugt werden sehr terroirgeprägte Rieslinge, Pinot Gris und Gewürztraminer von teilweise fantastischer Qualität. Deshalb war ich gespannt, was Kreydenweiss wohl in Südfrankreich erzeugen würde und das, was da aus dem Dekanter strömte, versprach viel.
Wir mussten die Nase gar nicht direkt über die Öffnung halten, es genügte, den Dekanter auf den Tisch zu stellen, und es roch nach Kirsche, Brombeeren und morschem Holz™, vermischt mit ein wenig südlichen Kräutern. Am Gaumen die gleichen Aromen in deutlich abgeschwächter Form. Dazu kamen starke Tannine und eine Säure, die lange nachhielt. Auch hier: Was der Wein verspricht, kann er erstmal nicht halten. Ich hatte die Hoffnung, dass er sich im Laufe des Abends entwickeln würde. Tat er erstmal nur geringfügig und wir waren ein wenig enttäuscht. Nun, einen Tag später schütte ich ihn noch mal ins Glas. Wieder dieser wunderbare Geruch und – im Mund ganz anders als gestern. Weich, rund, die Säure wunderbar eingebunden, ebenso die Tannine. Heute würde ich denen zustimmen (Eichelmann etc.), die dem Wein eine Note über 90 gegeben haben, und es macht wohl Sinn, dem Wein noch seine Zeit zu geben und ihn erst in vielleicht zwei Jahren wieder hervorzuholen.
Das gilt auch für den Copa Santa. Der 2005er ist noch viel zu jung. Der Wein ist noch eingermaßen verschlossen, noch zu starke Säure und Tannine. Am zweiten Tag merke ich, dass er sich ein Stück weiter geöffnet hat, und wenn ich in den schummrigen Raum schaue, der hinter der Tür liegt, dann erfahre ich eine jetzt schon angenehme Verbindung von Thymian, geröstetem Kaffee, Wildbeeren und Mineralen. Bin gespannt, was sich in zwei, drei Jahen tun wird.
Bis dahin werde ich Cado trinken. Aber dazu später mehr.
Seit Holger in Frankfurt wohnt (vorher Berlin), sehen wir uns glücklicherweise wieder häufiger und kommen eben auch häufiger dazu, ein bis zwei Gläser Wein zusammen zu trinken.
Begonnen haben wir mit einem Rest Wein vom Vortag. Einem Großkarlbacher Burgweg 2000 Spätburgunder vom Weingut Knipser. Während die Mittelhaardt bis vor nicht allzu langer Zeit noch ein völlig unentdecktes Gebiet für mich war, haben die Weine von Bürklin-Wolf begonnen, das zu ändern. Zum Glück.
Der Spätburgunder von Knipser ist ein schönes Beispiel für einen gelungenen Ausbau im Holzfass. Nicht zu viel Holz, aber der klare Geschmack nach Röstung. Dazu gibt es bei diesem Wein Blaubeergelee mit Zwetschgen und einer feinen Säure. Schön. Der 2000er sollte aber auch so langsam getrunken werden.
Aufgemacht haben wir dann eine Flasche La Font de Papier 2000 der Clos du Joncuas. Ein gediegener, rustikaler Vacqueras, zwar schon sieben Jahre alt, aber mit dem deutlichen Wunsch, noch eine Zeit im Keller liegen zu bleiben. 14 % Alkohol, Syrah, Cinsault und Mourvedre. Geschmack nach Johannisbeeren, einem Hauch Lakritz, in Kräuter und Pfeffer eingebettet, dazu Tabak und Leder. Seeehr kräftig und voll, aber nicht zu viel des Guten.
Clos du Joncuas liegt im Gigondas und produziert seit vielen Jahren klassische Süd-Rhone Weine nach Bio-Richtlinien, Weine die ich wirklich gerne mag. Neben Le Clos du Caveau mein Favorit in dieser Ecke.
Schade, schade, schade. Eigentlich mag ich diese Weine von der Rhône. Dieser allerdings war ein Fehlkauf. Der Wein ist schlicht. Ihm fehlt es an der Würze und Tiefe, die diese Weine haben, wenn sie gut gemacht sind. Der Wein der Domaine Les Chênes Blancs hat alle diese Attribute nicht. Ein wenig Duft nach Beeren, Kräutern und trockener Erde. Aber nur eine Spur. Nicht, dass der Wein schon zu alt wäre mit seinen 11 Jahren. Aber seine 12 Euro ist er nicht wert. im Gegensatz dazu empfehle ich Weine der Clos du Joncuas. Sie sind fett, erdig, strotzen vor Kraft, sind dabei aber keineswegs klobig.