l’Apôtre (2004) Blanc de Blancs Extra-Brut Premier Cru, David Léclapart
Den Einstieg in den dritten Flight des Abends machte der 2004er L'Apôtre von David Léclapart. Léclapart dürfte unbestritten zu den großen Winzertalenten der Champagne zählen. Sein Stern ist noch jung, erst wenige Jahrgänge sind abgefüllt, doch die Freunde seines zutiefst individualistischen Champagners reißen ihm die Ware praktisch aus den Händen und die ist begrenzt, denn Léclapart besitzt lediglich 3 Hektar Weinberge in Trépail, aufgeteilt in 22 Parzellen. Obwohl seine Familie schon seit einigen Generationen Wein kultiviert, ist er der erste, der den Wein unter eigenem Namen produziert. Dabei geht er einen kompromisslosen Weg, der möglich wurde, nachdem sein Vater im Jahr 1996 starb und seine Mutter ihn fragte, ob er den Betrieb übernehmen würde. Er wollte, jedoch nur unter der Vorraussetzung, dass er den Betrieb biodynamisch bewirtschaften könne.
Erst 1999 dann kam sein erster Jahrgang heraus. Zwei Ernten hatte er noch verkauft, der 1998er Jahrgang wurde vom Kontrollgremium nicht als Champagner akzeptiert und musste verspritet werden. Kein leichter Anfang also. Und doch hat es sich gelohnt – auch wenn er zugibt, dass die Umstellung auf Biodynamie in einer, was das Wetter angeht, sehr schwierigen Region, nicht gerade einfach ist. Der Regen, Fäulnis, Pilze… all das ohne Chemie in den Griff zu kriegen funktioniert nur mit zunehmender Erfahrung.
Léclaparts erster etikettierter Jahrgang brachte dann die erhoffte Aufmerksamkeit und Zuspruch. Seitdem geht es steil bergauf für den eher zurückhaltenden Winzer. Seine Weine stammen alle ausschließlich aus einem Jahrgang, er nutzt keinerlei Reserveweine. Entsprechend individuell sind die Champagner, und bilden jeweils sehr klar die Qualität der einzelnen Jahrgänge ab. So musste in den schwierigen Jahren 2001 und 2007 sogar chaptalisiert werden, was normalerweise nicht passiert. Seine Weine werden, wie üblich für Biodynamiker, mit eigenen Hefen vergoren, der l’Apôtre wandert dann in gebrauchte Fässer der berühmten Domaine Anne Leflaive aus dem Burgund. der biologische Säureabbau, also die Umwandlung von Apfel in Milchsäure wird bei ihm immer durchgeführt, nicht zuletzt, so sagte er, um den Wein stabiler zu machen und so wenig Schwefel wie möglich einzusetzen. Léclapart produziert ausschließlich Non Dosé, was nur funktioniert, ich habe es schon angesprochen, wenn die Trauben zum optimalen Reifezeitpunkt gelesen werden, vor allem nicht zu früh.
Neben einem kraftvollen Rosé, dessen Pinot Noir Reben, nachdem sie entrappt wurden für 24 bis 72 Stunden in alten offenen Holzbottichen gären und alle paar Stunden noch mit den Füßen durchgetreten werden, finden sich die Blanc de Blancs l'Amateur, l'Artiste und l'Apôtre, die Spitzencuvée. Da diese mit gerade einmal sieben Jahre noch relativ jung ist, habe ich sie deutlich vorher geöffnet und kurz vor dem Einschenken karaffiert. Für die meisten der Runde war ziemlich schnell klar, dass dies der beste Champagner des Abends war. Auch wenn dieser Wein noch jung ist, fasziniert er ungemein. Das ist pures, finessenreiches, Terroir. Es ist das Beste aus der Einzellage La Pierre St. Martin in Trépail, die Trauben stammen von 65 Jahre alten Rebstöcken, der Wein wurde, wie gesagt, ohne Dosage abgefüllt und in 2006 degorgiert.
Eigentlich ist es eine Schande, den Wein so früh zu trinken, doch um eine Ahnung von der Qualität seiner Weine zu gewinnen, ist es der richtige Jahrgang – abgesehen davon, dass er ja noch nicht allzu viele gibt und die älteren nicht verfügbar sind. Der 2004er birgt ungemein viel Entwicklungspotential. er ist, nach längerer Öffnung, aber jetzt schon zugänglich und macht richtig, richtig viel Spaß. Da ist so viel pure Energie drin, so viel Mineralität, verbunden mit einem komplexen Wechselspiel von Zitrus, Limone und Orange, Apfel und frischer Aprikose, Kreide und Hefe, da ist so viel Intensität und Konzentration, Finesse und Länge, es ist absolut faszinierend. Der Champagner wurde meiner Meinung nach nur von Cédric Bouchards La Bolorée als bester Champagner des Abends in Frage gestellt.
La Fleur du Passion 2004 Brut, Diebolt-Vallois
Im Gegensatz zu Léclapart ist Jacques Diebolt schon ein alter Hase, ein sehr respektierter muss man sagen. Auch wenn seine Champagner in Deutschland nicht sonderlich bekannt sind – in Frankreich oder Skandinavien fehlen sie auf kaum einer guten Weinkarte. Interessanter Weise allerdings stehen sie nicht auf der Weinkarte des NOMA, dort werden eher die jungen Wilden getrunken, die Biodynamiker, die noch Unangepassteren und wenn ich auf die Liste des Abends schaue, decken wir damit gut 2/3 der Champagnerkarte vom NOMA ab: Bérèche, Lassaigne, Laval, Tarlant, Bouchard, Larmandier-Bernier und Léclapart. Prévost hätte ich gerne dabei gehabt, allein, er macht nur Pinot Meuner und Vouette & Sorbée habe ich nicht mehr bekommen.
Doch zurück zu Jacques Diebolt. Die Diebolts und Vallois, seit 1960 vermählt, besitzen 10 Hektar bester Lagen in Cramant sowie einige Parzellen in umliegenden Gemarkungen – allein das ist schon eine exzellente Grundlage für aussergewöhnlichen Stoff. Auch wenn Jacques nicht zertifiziert biologisch arbeitet, so ist er doch einer, der ganz überlegt und bewusst nicht nur seinen Wingert pflegt sondern ebenso im Keller arbeitet, dabei ist dieser Altmeister ein ganz bescheidener und zurückhaltender Mann, der stets hinter sein Werk zurücktritt. Wenn man langjährig Erfahrene spricht, so gibt es die einhellige Meinung, dass seine Champagner im Laufe der Zeit immer besser und charaktervoller geworden sind. Erfahrung dürfte der Grund dafür sein, doch ebenso die Offenheit, Dinge zu verändern. So ist er dazu übergegangen immer mehr Holzfuder einzusetzen, statt die üblichen Edelstahl- und Emailletanks zu verwenden.
Noch einen Schritt weiter geht Diebolt mit der Kreation des Fleur du Passion, was man einerseits mit Passionsblume übersetzen kann, andererseits aber auch als Ausdruck seiner Passion. Der Wein, der seit 1995 in den besten Jahren vinifiziert wird, erfährt einen Ausbau in Barriques. Das Traubenmaterial, wen wundert’s, stammt aus den besten Parzellen Cramants und ausschließlich von Stöcken, die älter sind als 50 Jahre. Der Wein wird, so wie bei dem direkten Vergleichschampagner von Léclapart, weder gefiltert noch geschönt oder stabilisiert – allerdings erfährt er auch keine malolaktische Gärung. Entsprechend ist dieser Champagner säurebetonter als sein Direkter Kounterpart, der l’Apôtre. Während dieser mit frühzeitigem Öffnen und Dekantieren durchaus offen und zugänglich ist, bleibt der Fleur du Passion reserviert, säurebetonter und unzugänglicher. Er fällt ab, das alles wirkt ein bisschen wie Kindermord. Der Champagner ist zu jung und das ist schade. Wenn ich Peter Liem lese, einen der wichtigsten Champagnerkritiker momentan, so sagt er, dass sich momentan gerade mal der erste Jahrgang, der 1995er und dann auch der allgemein zugänglichere 1999er so weit geöffnet hat, dass man ihn ohne schlechtes Gewissen trinken mag. Finger weg also von diesem großen Stoff, wenn man keine Enttäuschung erleben will.
Blanc de Blancs Millésime 2004 Brut Nature, Jacques Lassaigne
Der nächste Champagner des Abends stammt aus einem Teil der Champagne, den wahrscheinlich so gut wie niemand kennen würde, gäbe es nicht Emmanuel Lassaigne und seine Champagner aus Montgueux. Diese Unterappellation hat erst spät in den 60ern ihren Status erhalten und liegt ausserhalb der Kernzonen der Champagne, unweit von Troyes, sozusagen im Niemandsland. Der Ort hat allein deshalb das Recht, Champagner herzustellen weil es dort einen massiven Kreidefelsen gibt, der aus der Landschaft herausragt. An den Hängen dieses Felsens wächst feinster Stoff. Davon zeugt jedenfalls die Flasche Millésime 2004. Lassaignes 4 Hektar befinden sich ausschließlich an der Ostseite dieses kreidigen Hügels. Die Rebstöcke stammen teils aus der Zeit, als die Appellation gegründet wurde, sie sind also um die 45 Jahre alt, teils sind sie jünger, so um die 25 Jahre. Weil Lassaigne gerne noch ein wenig Traubenmaterial von der Südseite von Montreux verarbeiten wollte, hat er sich als Négociant-Manipulant registriert. Er darf also Trauben dazu kaufen, was auch bei kleinen Winzern nicht ungewöhnlich ist, denn direkt ganze Parzellen zu kaufen ist nur ganz selten möglich, zu rar sind die Filetstücke und zu teuer.
Um den Überblick über seine verschiedenen Parzellen zu behalten nutzt Lassaigne eine eigene klassische Conquard-Vertikalpresse, die Parzellen werden immer einzeln ausgebaut. Dabei verwendet Emmanuel fast ausschließlich indigene Hefen, schönt leicht, filtert jedoch nicht.
Der Jahrgangschampagner stammt aus drei verschiedenen Parzellen, wobei die Parzelle La Grande Côte in der Senke des Berges liegt, die ältesten Rebstöcke beherbergt und den dichtesten und vom Geschmack her tropischsten Wein hervorbringt. Damit der Champagner nachher nicht zu fett wird, gehen höchstens 25% in die Cuvée. Mehr Rasse haben die von sehr kreidigen Böden stammenden Weine aus den Parzellen Les Paluets und Le Cotet. Zusammen formen sie jahrgangsabhängig einen absolut ausbalancierten Champagner. Es ist genau der Anteil der verschiedenen Parzellen, den man hier wiederfindet. Als Basis erahnt man schon in der Nase die Tiefe, die nur alte Rebstöcke hervorbringen können. Jahrgangsbedingt – der 2004er ist allgemein etwas leichter – fällt diese Dichte der La Grande Côte nicht so deutlich aus wie beispielsweise im 2002er, und trotzdem ist sie klar erkennbar neben den kreidigen Aromen und der Orange-Zitruspalette der beiden anderen Lagen. In diesem Wein findet sich zum einen eine schöne crémige Note von Mandeln und Karamell, darüber liegt dann zum anderen viel Frische und eine angenehme Säurenote. Substanz trifft die Leichtigkeit des Seins in diesem Champagner, den ich wirklich hervorragend ausbalanciert finde.
la Vigne d’Antan 2000, Non greffée Chardonnay, Tarlant
Neben dem schmalen, feingliedrigen Lassaigne wirkt der Tarlant la Vigne d'Antan Non Greflée 2000 wie ein ausgewachsener Bär. Wobei ich mich bei diesem Bild nicht nur auf die sehr unterschiedliche Statur der Winzer beziehe sondern auch und mindestens so auf den Champagner. Der Wein vom letzten Jahr (so die ungefähre Übersetzung), stammt von wurzelechten, alten Rebstöcken, die es in einigen Parzellen der Gemarkung Les Sables in Oeuilly geschafft haben, der Reblaus zu entgehen. Der Name des Ortes deutet schon an, warum dies der Fall ist. Die Bodenoberfläche besteht weitestgehend aus Sand, und die Reblaus hasst Sand. So kommen wir also an diesem Abend innerhalb der weiten Palette Blanc de Blancs zu einem weiteren Kleinod, denn Weine von wurzelechten Reben sind schon per se selten, hier in der Champagne jedoch absolut rar.
Dieser Blanc de Blancs aus dem Jahrgang 2000 fällt durchaus aus dem Chardonnay-Raster heraus. Mit den kreidig-kalkigen puren Weinen von Lassaigne oder Larmandier hat er nichts zu schaffen. Am ehesten erinnert er an den breiteren Stil von de Sousa. Auch hier, bei Tarlant wird im Holz ausgebaut und die Hefe gerührt. Der Wein blieb auf der Hefe bis zum Mai 2001. Degorgiert wurde im März 2010. Was diesen Wein jedoch deutlich von de Sousa unterscheidet ist, dass dieser hier weniger wie ein reintöniger Chardonnay wirkt. Es finden sich viel mehr dunkle, würzige Noten in diesem Chardonnay als in allen anderen. Die Fruchtaromen sind kaum zu spezifizieren, hier dreht es sich um Mineralität – wenn auch nicht die der meist sonst vorhandenen Kreide-Kalk-Noten. Der Champagner befindet sich im Unbestimmbaren, wie in einer Zwischenwelt. Und das macht in sehr spannend. In der Nase Aromen von Hefe, Holz und etwas Akazien- und Lindenblüten, am Gaumen dann Nüsse und Mandeln, nebst einem leichten Holzgeschmack und cremig, voller Textur. Zum Schluss dann ein sehr prägnanter, langer Abgang. Ein Champagner also mit Wucht und gleichzeitiger Finesse. Beeindruckend!
Die Familie Tarlant übrigens produziert seit 1687 Champagner. Die mittlerweile 14 Hektar finden sich in Oeuilly, Boursault, St. Agnan und Celles-les-Condés. Neben den Hauptrebsorten und dem wurzelechten Chardonnay finden sich weitere, selten zu findende Exoten wie Weißburgunder, Arbanne und Petit Melier, zwei Sorten, die für Champagner zugelassen sind, jedoch kaum mehr verwendet werden. Schon seit Jahren arbeiten die Tarlants biologisch organisch, bzw. mittlerweile biologisch dynamisch. Wobei diese Arbeit für sie nicht zuletzt deswegen sehr aufwendig ist, weil die jeweiligen Böden ausgesprochen unterschiedlich sind und von typischen Kalkstein und Kreide-Kalk-Gemischen über Sand hin zu Kies reichen – eine ziemliche Herausforderung für die Bodenbewirtschaftung. Im Keller wird so schonend wie möglich gearbeitet. In Conquard-Pressen werden die 40 einzelnen Parzellen getrennt gepresst und auch getrennt ausgebaut. Der Saft läuft in die tiefer liegenden Tanks und Fässer aus Vogesen-Eiche. Die verwendeten Fässer sind immer neu – Benoît Tarlant möchte strickt eine malolaktische Gärung verhindern. Das Holz verwendet er entsprechend nur für die alten Weine, die genügend Power haben um im Holz nicht unterzugehen. In den besseren Champagnern finden sich entsprechend eine ausserordentlich schöne Balance von Holzeinflüssen mit der entsprechenden Struktur, sagen wir, einem zusätzlichen Rückgrad, und der in sich wohnenden Struktur und Kraft von Weinen, die keine Säureumwandlung hinter sich haben.
Was mich bei den Tarlants zusätzlich beeindruckt, ist deren informationspolitik und Medienaffinität. Zum einen kenne ich keinen Hersteller, der so viele Infos auf das Rückenetikett packt – bei manchen wäre man froh, wenn wenigstens das Degorgier-Datum abgedruckt wäre – zum anderen sind die Tarlants auf Facebook und Twitter unterwegs, man kann bei Flickr aus einem großen Fundus an guten Fotos schöpfen, und auch eine spezielle High-Society-Champagner-Variante namens Disco-Bitch mit Strasssteinchen ist auf dem Markt, und verdeutlicht, wie genau man den Markt beobachtet und auf Moden reagiert. Diese Marketingkompetenz mit der Hinwendung zur Natur, dem sehr genauen Blick, der Ruhe und dem Abwarten in Einklang zu bringen, ist herausfordernd und selten.
Wenn man auf die Karte der Appellation Champagne schaut, bemerkt man, dass die Region zersplittert ist. Das ist ungewöhnlich für eine Weinregion, hängt aber vor allem mit den unterschiedlichen Gesteinszusammensetzungen zusammen. Die Champagne lebt von Kalk und Mergel. Da diese Beschaffenheit nicht überall gegeben ist, hat man die Anbaufläche begrenzt. Bis zum Jahr 2008 waren es etwa 33.500 Hektar. Aufgrund der hohen Nachfrage wurde vom französischen Weinamt beschlossen, das Gebiet in den nächsten Jahren um 38 Gemeinden zu erweitern. Zwischenzeitlich wurde, ebenfalls aufgrund der hohen Nachfrage, die mögliche Ertragsmenge von 10.500 Kilo Trauben/Hektar auf 12.500 Kilo erhöht, die großen Häuser hätten sogar gerne 14.000 Kilo gehabt. Doch schon eine Ertragserhöhung von rund 20% Traubenmaterial pro Hektar, was dann etwa 78 Hektolitern an Ertrag entspricht, ist für ein Luxusprodukt nicht gerade wenig. Wenn man allerdings andererseits die Produktionsmengen generell betrachtet, kann man von einem Luxusprodukt eh nicht mehr sprechen, da ist dann lediglich der Preis luxuriös, und die Marketingkampagnen sind es im Zweifel auch. Dem Ruf der Champagne tut es jedoch bisher anscheinend keinen Abbruch, und wenn der chinesische Markt auf die Champagne genau so heiß wird wie auf das Bordelais, dann sind im Zweifel selbst die Liegenschaften von 38 zusätzlichen Gemeinden noch deutlich zu wenig, um den Durst zu stillen. Über den Plan, die Appellation zu erweitern, wurde lange und heftig gestritten, denn, ich wiederhole mich kurz, die Champagne lebt von ihren Böden und dem jeweiligen Mikroklima. Und beides gilt in den 38 zusätzlichen Gemeinden nicht als besonders hochwertig. Aber was soll’s, sagen sich viele, für einen Discount-Champagner wird es reichen, da ist es eh fast egal, was in der Flasche ist. Und entsprechend wollen wir uns auch hier nicht weiter mit dieser Qualitätsstufe beschäftigen.
Hier geht es gerade um Blanc de Blancs und man könnte annehmen, dass diese aus der Côte de Blancs stammen. Das ist meist richtig, aber nicht immer. Zwar ist die Côte de Blancs tatsächlich das Gebiet der Champagne, wo am meisten, ja fast ausschließlich Chardonnay wächst, woraus Blanc de Blancs im Allgemeinen gekeltert werden. Eigentlich heißt sie aber so, weil dort das Weiße der Erde, die Kimmeridge-Kreide, bis an die Oberfläche tritt. Der Boden ist dort so weiß wie die Kalksteinfelsen von Rügen und die Küste bei Dover, lediglich durch eine leichte Humusschicht bedeckt. So kreidig ist der Boden sonst nur in einzelnen Teilen der Montage de Reims, in Parzellen des Vallée de la Marne und in Teilen von Montgueux, einer kleinen Unterappellation. Dieser Boden ist in der Tat prädestiniert für Chardonnay und so stammen die Chardonnay-Champagner des Abends auch fast ausschließlich von diesem Untergrund. Lediglich die beiden Besonderheiten unter den Blanc de Blancs, die beiden raren Weißburgunder-Champagner, stammen von Mergelböden, in die sich ein wenig Weichkalk gemischt hat. Diesen Boden finden man im unteren, weiter entfernten Gebiet der Côte de Bar, die vor allem bekannt ist für ihren Pinot Noir.
De Sousas Stammsitz in Avize | Foto: © Vinaturel
De Sousa Blanc de Blancs Resèrve Grand Cru
Kehren wir zurück zu unseren Champagnern, so habe ich im zweiten Flight zwei ganz unterschiedliche Weine nebeneinander gestellt, von denen ich mir allerdings erhofft hatte, dass sie einen etwas ähnlichen Schmelz aufweisen könnten, und ganz falsch lag ich damit nicht. Zunächst gab es einen De Sousa Blanc de Blancs Resèrve Grand Cru. Die Familie eines aus Spanien stammenden Urahnen hat ihren Sitz in Avize, einem der beiden Hauptorte der Côte de Blancs, und bis auf kleine Mengen Pinot Noir aus Ay und Ambonnay sowie Meunier aus der Nähe von Epernay – beides wird für Rosé gebraucht – hat sich de Sousa auf Chardonnay spezialisiert. Dafür stehen der Familie 11 Hektar ausgezeichnete Premier- und Grand-Lagen in Avize, Oger, Cramant und Le Mesnil zur Verfügung. Seit 1999 arbeitet de Sousa biodynamisch, die Umstellung erfolgte unter der Leitung von François Bouchet, einer Ikone unter den Biodynamie-Spezialisten. De Sousa haben das Glück, nicht nur ausgezeichnete Lagen zu besitzen, die durch eine erfolgreiche Heiratsdiplomatie zu Anfang des 20. Jhs noch erweitert wurden, besonders ist auch das durchschnittliche Alter der Rebstöcke, welches bei 45 Jahren liegt. Schon dieser Umstand kann zu einer konzentrierteren Aromatik führen, wenn dann spät gelesen und der Ertrag reduziert wird und zudem die Technik der Batônnage angewandt wird, also die Hefe innerhalb des Gärbottichs mehrfach aufgerührt wird, dann führt dies, in Verbindung mit einer zurückhaltenden Dosage zu einem speziellen de Sousa-Stil, den Engländer als rich bezeichnen würden. Schon die Réserve ist voll, crémig-schmelzig mit Aromen von frischem Brioche, Salznüssen und Mandeln. Demgegenüber steht jedoch die Frische von Limetten und, je länger der Wein offen steht, reifen Orangen. Diese Fülle einerseits und die tänzelnde Zitrusfrucht-Säure und kalkige Mineralik andererseits machen diesen Champagner, der weniger kostet als ein Veuve-Clicquot, zu einem Erlebnis, dem sich in der Runde niemand entziehen konnte. Und auch wenn ich die viel puristischeren Weine von Bérèche und Larmandier persönlich eher schätze, so bin ich doch immer wieder begeistert von diesem Wein.
Raumland, Chardonnay 2004 Prestige
Was ich als Piraten angekündigt und entsprechend eingeschenkt hatte, konnten an diesem Abend jene erläutern, die sich mit diesem Wein viel besser auskennen als ich. Das Ehepaar Raumland hatte spontan zugesagt, als ich Volker Raumland die Probenliste des Abends inklusive seines 2004er Chardonnay Prestige geschickt hatte. Raumlands, die sich als Sekthaus in Flörsheim-Dalsheim komplett auf die Erzeugung von Schaumweinen spezialisiert haben, sind seit Jahren die am häufigsten ausgezeichneten Erzeuger in Deutschland und für deutsche Sekte ist Raumland die Referenz. Raumlands orientieren sich bei ihrer Arbeit ganz klar an den Winzern in der Champagne und nicht an der deutschen Konkurrenz. Riesling-Sekt spielt eine entsprechend geringe Rolle. Sämtliche Sekte von Rang stammen von Burgundersorten, reinsortig ausgebaut oder als Cuvée bis hin zum Triumvirat, einer Prestige-Cuvée aus den klassischen drei Champagne-Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Dieser Sekt entspricht dann auch preislich einem Champagner, der Jahrgangs-Chardonnay hingegen ist deutlich günstiger.
Erntezeit auf dem Sektgut Raumland | Foto ©: RaumlandWenn man ihm auch sein deutsche Herkunft ein wenig anmerkt – er wirkt frischfruchtiger als die Champagner, aber das ist kein Makel, eher ein Charaktermerkmal –, so kann dieser Sekt auf dem Level, auf dem wir uns gerade befinden, sehr gut mitspielen. Ausgebaut wurde der auf Kalkboden wachsende Chardonnay im kleinen, gebrauchten Barrique, er verbindet Kraft und Fülle mit viel Frische und Noten von Steinobst. Das ist in seiner ganzen Harmonie einer der besten deutschen Sekte, die ich kenne.
In der dritten Runde finden sich zwei sehr unterschiedliche Typen, Böden und Stile. Mit dem Champagner von Emmanuel Brochet findet sich ein weiterer Winzer aus der Montagne de Reims, der den Anspruch hat, so natur- und terroirnah wie möglich seine Definition von natürlichem Wein zu produzieren, daneben steht eine Grande Dame aus Mesnil-sur-Oger, die verehrte Nicole Moncuit.

Emmanuel Brochet, "Le Mont Benoît" Non Dosé Vendange 2007
Brochet, der in Villers-aux-Noeuds in der Nähe von Reims beheimatet ist, besitzt gerade mal 2,5 Hektar Weinberg in der Einzellage Le Mont Benoît. Damit gehört er zu den Mikrowinzern, die andernorts vom Ertrag kaum überleben könnten. Brochet kann, den guten Preisen sei Dank. Villers-aux-Noueds Terroir, wo früher 200 Hektar, heute nur noch 30 unter Reben stehen, unterscheidet sich deutlich von den fast nackten Kreideböden der Côte de Blancs, vielmehr findet sich hier über der Kreide eine stärkere Kreide-Ton-Auflage, die dem Wein eine ganz eigene, fast rauchige Note verleiht. Brochet, der zu den Newcomern und den biologisch arbeitenden Winzern gehört, wirkt, was Ökologie und Biodynamie betrifft, ganz abgeklärt. Der Respekt vor der Natur und der Blick auf den teils schaurigen Umgang mit derselben, gerade in der Champagne – es ist noch nicht so lange her, dass man den Hausmüll von Paris als Dünger unter die Rebstöcke der Champagne verteilt hat –, hat ihn zum ökologisch arbeitenden Winzer werden lassen, mit Esoterik kann er nichts anfangen. Für ihn sei neben diesem Respekt die Schaffung eines guten Produktes wichtig, eines, das konzentriert die Besonderheiten seines Heimatboden widerspiegle, so Brochet. Gelesen wird das Rebgut bei 10 Grad Alkoholgehalt und verarbeitet wird es in einer 2.000 Kilo-Vertikal-Presse, was der Hälfte der üblichen Größe entspricht. Brochet selber nutzt lediglich das Coeur de Cuvée, also das Herz der Pressung, der Rest, die Taille, wird an Händler verkauft. Seit 2005 wird im großen Holzfass vergoren. Brochet nutzt dafür die von Fleury entwickelten Quarz-Hefen, keine Industriehefen. Er hat mit Spontanvergärung experimentiert, hat es aber zunächst wieder aufgegeben, weil er davon ausgeht, dass sein Keller noch zu neu ist, sodass dort das Mikroklima noch nicht stimmt, um genügend indigene Hefen zu erzeugen, die dann auch wirklich eine Gärung in Gang bringen können. Der Wein wird im Januar das erste Mal abgestochen, dann liegt er weiter bis Mitte des Jahres auf der Feinhefe. Geschönt und gefiltert wird nicht, der biologische Säureabbau wird nur bei Teilen der Weine durchgeführt.
Eigentlich hatte ich bei meinem Händler den Blanc de Blancs 2005 bestellt, jedoch den Le Mont Benoît Non Dosé 2007 erhalten. Das passt nicht ganz, wenn man einen Blanc de Blancs Abend plant, doch – ehrlich gesagt – ist es mir erst aufgefallen, als ich die Flaschen nach der Probe fotografiert habe. Also hatten wir eine ungewollte Cuvée im Programm, bestehend aus 50% Meunier, 25% Pinot Noir und 25% Chardonnay. Zu 85% 2007er Jahrgang gesellen sich 15% 2006er. Dieser Wein repräsentiert sehr deutlich das Terroir des Mont Benoît, die kreidige Note genauso wie die Tonerde. Entsprechend finden sich eher kreidig-mineralische, aber auch rauchige Noten, im Fruchtbereich sind es Grapefruit und grünapfelige Noten, die dominieren und sich mit salzigen Noten und etwas Brioche paaren. Am Gaumen setzt sich das Spiel aus salzigen Noten und dieser beeindruckenden Mineralität fort. Es ist eigentlich kein Wunder, dass bei dieser Expressivität der Kreide und dieser Stahligkeit nicht aufgefallen ist, dass hier nur 25% Chardonnay drin waren. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen sehr fokussierten, klaren, harmonischen Champagner erster Güte.
Pierre Moncuit, Blanc de Blancs Grand Cru Brut Millesimé 2002
Ähnlich harmonisch präsentierte sich der 2002er Grand Cru Brut Blanc de Blancs von Moncuit. Moncuit besitzt 20 verschiedene Parzellen in Le-Mesnil-sur-Oger, hinzu kommen 5 Hektar in Sézanne, die immer getrennt ausgebaut werden. Es ist der Ort, wo Krug seinen extrem teuren und raren Clos de Mesnil bewirtschaftet. An Säure fehlt es den Weinen aus Le Mesnil selten, was an der spezifischen Lage des Ortes und seiner Weinberge liegt. Entsprechend dem hohen Säureanteil lässt Nicole Moncuit die Weine immer einen biologischen Säureabbau durchlaufen. Die Weine der Moncuit, die seit den 50er Jahren unter eigenem Namen Champagner anbieten und zu den alteingesessenen und renommierten Betrieben gehören, werden ausschließlich im Edelstahl vergoren, und die Weine entstammen ausschließlich einzelnen Jahrgängen, es wird nicht mit Reserveweinen gearbeitet.
Der 2002er wirkt fein und zurückhaltend, fast gedämpft. Die Blumen-, Kräuter- und Fruchtaromatik duftet leicht aus dem Glas, mit zunehmender Luft mischen sich reifer Pfirsich, Grapefruit und einige tropische Noten in den Duft. Am Gaumen wirkt der Wein balanciert zwischen Frucht, Säure und kreidiger, nerviger Mineralität. Eigentlich ein ausgezeichnet balancierter Champagner, trotzdem hat er bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dabei will ich dem Champagner kein Unrecht tun; denn es typisch für Le Mesnil, dass die Weine viel Zeit brauchen. Ich würde noch mal fünf weitere Jahre ansetzen und dann noch einmal probieren.
Eines der meiner Meinung nach häufig unterschätzten Vergnügen bei der Auseinandersetzung mit Wein ist der Genuss von Champagner. Das dürfte verschiedene Ursachen haben. Zum einen ist da das Preisargument, welches bei vielen das nachvollziehbar gewichtige, ja ausschlaggebende Argument ist – sind die Preise des eh schon teuren Weins auf Grund der Nachfrage der letzten Jahre doch noch mal deutlich gestiegen, sodass man schon im Lebensmitteleinzelhandel mit 35 Euro/Flasche rechnen muss. Zum anderen dürfte den wenigsten Konsumernten bewusst sein, wie vielschichtig die Weinwelt in der Champagne eigentlich ist, was dazu führt, dass Champagner im Wesentlichen als Prestige-Getränk wahrgenommen und vermarktet wird.
Um die zweifellos vorhandene Vielfalt in einem kleinen Bereich abzubilden, habe ich vor meiner Sommer-Pause zu einem Champagner-Abend in Bonn eingeladen, an dem ich Blanc de Blancs Champagner in ihrer ganzen Bandbreite vorgestellt habe. Der Fokus lag speziell auf Erzeugnissen von unabhängigen Winzern, doch auch die Produkte größerer Häuser waren vertreten, nicht zuletzt, um die völlig unterschiedliche Stilistik aufzuzeigen.
Über Brut Nature und Dosage im Allgemeinen
Begonnen haben wir den Abend mit zwei Brut Nature Champagnern, also Weinen, denen keine Dosage, keine Süße mehr hinzugefügt wurde. Dies war bis vor wenigen Jahren recht ungewöhnlich, war der Champagner-Trinker doch an eine gewisse Restsüße gewöhnt. In der Tat aber ist die Zuckerung des Weines im letzten Jahrhundert stetig zurückgefahren worden. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es völlig normal, Champagner mit 70 bis 200 Gramm Zucker pro Flasche zu trinken, Champagner mit bis zu 35 Gramm Dosage setzten sich erst in den 20er Jahren durch und galten als Sec, also als trocken. Der Extra Sec oder Extra Dry, also der sehr trockene Champagner besitzt immer noch eine Dosage von bis zu 20 Gramm pro Liter und erst der Extra Brut bezeichnet das, was wir heute als einigermaßen trocken empfinden, der Restzucker liegt hier bei bis zu 6 Gramm.
Champagner ohne jegliche Dosage herzustellen ist eine durchaus moderne Erscheinung, die letztlich erst möglich geworden ist durch einen neuen Ansatz der Herstellung, wie sie sich bei jenen Champagner-Winzern etabliert hat, die nicht Allerweltsweine, sondern pure, terroir- und sortentypische Weine erzeugen möchten. Um diese Brut Nature überhaupt so erzeugen zu können, dass der Schaumwein nachher schmeckt, arbeiten diese Winzer im Weinberg ganz anders als die Kollegen, die ihr Traubenmaterial bei den großen Erzeugern abgeben, wie es in der Champagne allgemein üblich ist. Denn eigene Champagner auf den Markt zu bringen und international zu vermarkten, ist ebenfalls eine relative neue Erscheinung in diesem Gebiet – doch dazu später mehr.
Allein fünf Champagner in der Riege der 17 an diesem Abend genossenen Weine fielen unter die Kategorie der Non-Dosage-Weine, deren Traubenmaterial bei der Lese schon so reif sein sollte, dass der Wein später überhaupt genießbar werden kann. Im Normalfall wird in der Champagne ziemlich früh geerntet und wer mal den Grundwein selbst führender Häuser wie Krug oder Jacquesson probiert hat, weiß, dass es einem da auf Grund der hohen Säure die Schuhe ausziehen kann. Mit solchen Grundweinen wäre ein Brut Nature kaum zu machen, und für einige Anwesende in der Runde fiel der erste Champagner des Abends auch schon in diese Kategorie des kaum Trinkbaren, andere wiederum spendeten diesem puren Trinkvergnügen viel Beifall.
Béréche & Fils, Les Beaux Regards Chardonnay Brut Nature
Der Les Beaux Regards Blanc de Blancs von Bérèche & Fils nämlich ist ein rasiermesserscharfes Getränk. Jung noch, am Anfang seiner Entwicklung, abgefüllt im Mai 2008, degorgiert im Oktober 2010, merkt man ihm seine Jugend deutlich an, jedoch genauso seine Klasse. Allerdings wird der Wein des 26-jährigen Raphael Bérèche immer einer bleiben, an dem sich die Geister scheiden, denn diese pure, säurebetonte Mineralität dieses knochentrockenen Weines ist schon sehr besonders. Zumal wenn man die handelsüblichen Champagner gewöhnt ist, wirkt so ein Wein wie ein Kulturschock. Bérèche vermeidet eine malolaktische Gärung, das heißt, hier findet sich noch die Apfelsäure und nicht die gefälligere Milchsäure, der Wein strotzt von grünem Apfel und Kreide, mit einem Hauch Grapefruit und Aprikosen und auch im Mund findet sich die Mineralität.
Bérèches 9-Hektar-Domaine findet sich übrigens in der östlichen Montagne de Reims bei Trépail. Seit 2004 wird auf dem Gut nicht mehr gespritzt, seit 2007 setzt der junge Winzer auf Biodynamie, was ganz klar zum Stil passt, denn mit dieser Weinbergsarbeit kann er das Terroir viel eher extrapolieren als mit konventioneller Herangehensweise. Bérèche baut seine Parzellen – bei diesem Wein waren es 2/3 aus der 1902 gepflanzten Lage Ludes 1er Cru »Les Beaux Regards« sowie 1/3 aus Mareuil le Port – in unterschiedlichen Gefäßen aus, sie werden teils spontan vergoren und ohne Filtration abgefüllt. Erstaunlicherweise verkorkt Bérèche seine Weine für die Flaschengärung schon mit Naturkork, üblich ist hier ja viel mehr der Kronkorken. Das Degorgieren erfolgt bei ihm von Hand und er verwendet für die Versanddosage (die hier ja nicht vorhanden ist) noch traditionellen Liquer, statt wie üblich konzentrierten Most.
Was wir hier also im ersten Glas hatten, war schon ein Unikum, eine Mischung aus Tradition und ganz modernem, nachhaltigem und qualitätsgesteuertem Denken, was zu einem sehr authentischen, bemerkenswerten Produkt führt, das man, auch wenn es eine geringe Schwefelung gibt, durchaus als Vin Naturel bezeichnen kann.
Larmandier-Bernier Terre de Vertus Premier Cru Brut Nature
Ähnlich, wenn auch etwas größer, denkt Pierre Larmandier vom Champagnerhaus Larmandier-Bernier. Diese im Herzen der Côte de Blancs in Vertus beheimatete Winzerfamilie betreibt schon seit 1988 biodynamischen Weinbau. Die Larmandiers, die zu der verschwindend geringen Zahl von weniger als 1% der Winzer gehören, die ihre Weine spontan ausbauen, besitzen 16 Hektar Cru-Lagen in Vertus, Cramant, Chouilly, Oger und Avize. Pierre Larmandier hat ein ähnliches Interesse wie Bérèche: Er möchte die Gegebenheiten der einzelnen Lagen so authentisch wie möglich herausarbeiten und die Weine so harmonisch und mineralisch wie möglich werden lassen. Auch er baut daher die Lagen und Parzellen immer getrennt in Edelstahl oder Holzfudern aus, wobei immer häufiger Holzfuder zum Einsatz kommen und das Edelstahl eher für Reserveweine genutzt wird. Das Holz spürt man bei Larmandiers Weinen kaum, das ist auch nicht erwünscht. Viel eher dient das Holz zum Luftaustausch mit der Umgebung.
Der Terre de Vertus, der eigentlich sehr poetisch Née d’un Terre de Vertus heißt, stammt praktisch von einem Lieut-dit, also einer Einzellage von 2,5 Hektar, die aus den Parzellen Les Barilées, Les Faucherets und La Vieille Voie besteht und am Ortsausgang von Vertus auf dem Weg nach Le Mesnil liegt. Eigentlich ist es auch ein Jahrgangs-Champagner, denn der Grundwein stammt aus einem Jahr. Um den Jahrgang auf das Etikett schreiben zu dürfen, bedarf es allerdings einer dreijährigen Flaschenlagerung, die dieser Wein jedoch nicht erfüllt. Dass dies der Qualität keinen Abbruch tut, zeigt diese Flasche.
Der Terre de Vertus ist ein sehr mineralischer, frischer, trocken-knackiger Wein mit deutlichen Kreidenoten und Anklängen von Orangen- und Limettenschale, verbunden mit einer feinen Brioche-Note. Trotz der rassigen Säure und Mineralität wirkt der Champagner rund und fein, kein bisschen aggressiv. Dieser Wein, den ich selber auch im Programm habe, ist für mich der Archetyp dessen, was ein Non-Vintage-Champagner von der Côte de Blancs leisten kann, und ist für mich immer wieder mein Referenz-Champagner.
Nachdem ich nun seit Montag in Sachen Kindsgeburt unterwegs war – unsere Tochter Greta ist am Dienstag um 6.56 Uhr zur Welt gekommen –, hatte ich heute Abend zum ersten Mal die Muße, mich ganz allein für ein Stündchen hinzusetzen und die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Mutter und Kind sind gesund und meine erste Tochter ist genau so bezaubernd, wie ich es erhofft habe. Nun, dies ist kein Blog über private Ereignisse, doch ich habe mir für diese Stunde ein Fläschchen geöffnet, das ich schon lange mal probieren wollte.
Larmandier-Bernier ist einer meiner liebsten Champagne-Produzenten. Auch wenn die Preise in den letzten Jahren deutlichen gestiegen sind, gehören die Weine dieser Familie immer noch zu jenen, die ein ausgezeichnetes Preis-Genussverhältnis liefern. Larmandier-Bernier gehört zu der verschwindend geringen Anzahl von Produzenten, die seit vielen Jahren biodynamisch arbeiten und spontan vergären, in der Tat sind es weniger als ein Prozent. 16 Hektar besitzt die Familie, und zwar in den besten Lagen in Vertus, Oger, Cramant, Chouilly und Oger. Dies sind ausnahmslos Orte an der Côte de Blancs, und in der Tat ist Larmandier ein Spezialist für Blanc de Blancs. Es gibt lediglich einen kleinen Wingert in Vertus, der mit Pinot Noir Reben bestückt ist. Aus diesem Wein keltert Larmandier seit 2006 einen Rosé im Saignée-Verfahren. Hierbei wird der erste Saft des angepressten Pinots genutzt, um ihn zu vergären. Die andere Methode, um Rosé-Champagner herzustellen, ist die, Rotwein und Weißwein zu mischen.
Der Rosé de Saignée hat mit den Rosé-Champagnern, die ich kenne (Ausnahme ist der von Olivier Horiot), nicht viel zu tun. Überhaupt hat dieser Wein mit Champagner nicht viel zu tun. Wer einen feinen Aperitif-Schaumwein erwartet, würde von diesem Wein enttäuscht sein. Dies könnte einem schon klar werden, wenn man die helle Flasche sieht, in der sich ein ungewöhnlich dunkler, intensivfarbener Wein befindet. Im Glas zeigt sich, dass der Wein nicht nur ein intensives Rot zeigt, sondern sich vielmehr Orangetöne ins Rot mischen – eine ungewöhnliche, beeindruckende Farbe.
In der Nase findet sich eine typische Champagne-Hefenase, ja, der Duft von frischem Hefeteig. Dazu stoßen deutliche Aromen von schwarzen Johannisbeeren und Sauerkirschen. Alles sehr frisch, wie gerade gepflückt. Am Gaumen wirkt der Wein außergewöhnlich intensiv, balanciert und druckvoll. Wenn ich hier mal Robert Parker zitieren darf, der dem Wein erstaunliche 96 Punkte gegeben hat: "Larmandier-Bernier’s NV Extra Brut Rosé de Saignée is one of the most profound wines I encountered in my tastings." Das ist eine gewichtige Aussage für jemanden, der Tag für Tag eine große Anzahl an Weinen probiert, unter denen auch eine ganze Menge ganz außergewöhnlicher Tropfen sind. Egal ob es stimmt oder etwas übertrieben sein mag, ich schließe mich an, wenn er den Rosé als außerordentlich profunden Wein bezeichnet.
Die Dichte und Finesse dieses Weins ist wirklich beeindruckend. Wenn ich ihn beschreiben wollte, würde ich ihn als Burgunder mit Blasen bezeichnen, als einen leichten Spätburgunder mit ausgezeichneter Säure-Fruchtbalance. Er ist viel spätburgundiger als fast alle Champagner, die ich kenne. Er ist leicht tanninhaltig, was nicht gänzlich überrascht, wenn man bedenkt, dass der Grundwein im Holzfass ausgebaut wird und der Wein anscheinend so lange auf der Maische gelegen hat, dass diese intensive Farbe dabei herauskommt. Außerdem ist er kompromisslos trocken. Und was letztlich am meisten beeindruckt, der Champagner hat eine außergewöhnliche intensive Länge.
Alle das zusammengefügt, ergibt einen Wein, den man nicht so schnell vergisst. Teuer, wie es üblich ist bei gutem Champagner, jedoch günstig, wenn ich mir die Preise der Rosés der großen Häuser anschaue. Wenn ich die Wahl zwischen, sagen wir, Rosé von Laurent-Perrier und diesem hier hätte, würde ich keine Sekunde zögern, um diesen Charakterwein zu trinken. Nach all diesen Tagen mit wenig Schlaf und vielen Gefühlen ist das genau der richtige Tropfen, um mich einzupendeln zwischen Realität und Schwelgerei.
Den Champagner gibt es drüben bei mir im Shop.
Manchmal treffen die Dinge scheinbar zufällig zusammen. Vor drei Wochen habe ich mich in einem Brüsseler Weinladen namens Basin & Morot rumgetrieben der sich vor allem französischen Vin Naturels und biodynamische Sachen verschrieben hat, und nehme dort unter anderem jene Flasche mit, von der ich heute berichten werde. Eine Woche später sitze ich mit Bloggerfreunden zusammen und wir trinken unter anderem einen Wein von Jean-Paul Brun. Ich habe den Wein hier beschrieben, er hat mich beeindruckt. Dieser Weine hier beeindruckt mich ebenso. Beides sind Beaujolais und ich fange gerade an, mich in dieses Gebiet einzulesen denn ich habe es jahrelang völlig vernachlässigt. Zu Unrecht, wie es scheint, denn hier, wie anderswo gibt es mindestens ein Dorf, das dem Eindringling (in Form von Aromahefen etc.) nachhaltig Widerstand geleistet hat. Dieses Dorf namens Villié-Morgon beherbergt den Club der Morgon Gang of Four – mittlerweile sind es eher sechs Winzer – die seit Jahren ganz konsequent auf den An- und Ausbau von Naturweinen setzen. Wobei ich beim nächsten Thema wäre. Eines, das Matthias in seinem Blog schon auf die Agenda gesetzt hat, denn es war eines der Themen, welches wir bei dem oben genannten Miniaturbloggertreffen angerissen haben. Naturwein also… doch dazu später mehr.
Kommen wir zurück auf die Morgon Gang of Four und Jean Foillard. Denn der ist Gründungsmitglied dieser losen Vereinigung, neben Guy Breton, Marcel Lapierre und Jean-Paul Thévenet. Mittlerweile sind Georges Descombes sowie Karim Vionnet hinzugekommen. Also lauter Winzer, die Parzellen in den Cru-Lagen von Fleurie, Morgon, Moulin-a-Vent etc. besitzen. Und lauter Winzer die nicht nur ohne jegliche Pestizide und Herbizide arbeiten sondern auch im Weinkeller so natürlich wie möglich arbeiten. Das übliche Bio-Siegel übrigens gibt ja nur an, das Weine entsprechend chemiefrei angebaut wurden, es sagt nichts aus über den Umgang der Weine im Keller. Dort darf der Bio-Winzer im Prinzip genau so schalten und walten wie ein konventioneller Winzer auch, es sei denn er hat sich freiwillig einem Verband angeschlossen, der strengere Auflagen hat (demeter, biodyvin…). Verzichtet man aber auf externe Hefen, vergärt also mit jenen Hefen, die sich auf den Traubenschalen und im Keller befinden, verzichtet man auf Schönung und Filtration und sogar auf Schwefel, dann wird es durchaus kompliziert im Keller. Ich kenne in Deutschland bisher niemanden, der so arbeitet, dass er selbst auf Schwefel verzichten würde und insgesamt ist es eine Herausforderung für den Winzer, auf das Stabilisieren des Weins durch Schwefel gänzlich zu verzichten. Foillard tut dies übrigens auch nicht immer. Er nutzt teils sehr kleine Mengen, wie beispielsweise bei diesem Wein und genauso klein ist auch der Hinweis auf seiner Flasche. Foillard misst den Bakteriengehalt des Weines bevor er sich entscheidet, Schwefel zu nutzen oder nicht.
Nach dem Öffnen der Flasche – ich muss mich leider durch einen Harz-Verschluss popeln – entströmt ein intensiver, warmer Duft von reifen Kirschen, leicht süsslicher, crèmiger Schokolade, etwas Brombeeren, etwas fleischig-käsige Noten, dazu etwas Anis und Zimt. Der Gamay, um diese Rebsorte handelt es sich ja hier, wirkt duftig und voluminös-kräftig zugleich. Das bleibt auch am Gaumen so. Gleichzeit leicht samtig und reif, kräftig und markant mit schöner Länge, wirkt der Wein elegant und erinnert an guten Burgunder von der Côte de Beaune. Der vier Jahre alte Wein wirkt so, als sei er noch am Anfang seiner Entwicklung und ich bin mal gespannt, wie er sich in ein paar Jahren entwickelt haben wird.
Ich muss zugeben, noch immer denke ich, wenn ich den Begriff Beaujolais lese an ein sehr unangenehmes Weinerlebnis, welches ich mal mit Beaujolais Primeur hatte. Das war so eins mit Nachgärung im Magen, der dann ausgepumpt werden musste und so. Das vergisst man nicht so schnell und ich habe auch, damals war ich 16, seit dem keinen Primeur mehr getrunken und überhaupt jahrelang auf Wein verzichtet. Das allerdings hat sich, wie man unschwer nachlesen kann, wieder geändert. Trotzdem klingt bei diesem Namen immer noch was Unschönes mit – ganz unverdient. Allerdings, mit diesem fiesen Massen-Primeur hat der Weinbau-Verband es sich auch selber verbockt, wieder seinerzeit das Chablis mit Billigfusel und das Elsass mit dem substanzlosem Edelzwicker. Die Vorurteile sind da längst nicht abgebaut und auch wenn ich gerne Weine aus dem Elsass verkaufen würde – schließlich gibt es da ne ganze Menge – der Ruf ist so schlecht, ich trau mich nicht.
Zurück zu diesem Wein. Er hat mit dem Primeur genau zwei Dinge gemeinsam: das Anbaugebiet und die Traubensorte, die in diesem Anbaugebiet für rote Weine immer Gamay ist. Ansonsten werden die üblichen Beaujolais im Gegensatz zu diesem mit Kohlensäuremaischegärung hergestellt, sprich, der Gärbehälter wird mit nicht abgebeerten ganzen Trauben gefüllt, der Gärbehälter wird mit Kohlendioxid vollgepumpt, was den Sauerstoff verdrängt. Mit Hilfe von Enzymen und Hefen beginnt der Most zu gären. Meist wird der sich unten bildende gärende Most nach oben gepumpt, der Gärprozess verstärkt sich. Der Effekt dieser Methode ist der, dass Geschmack und Duft des Weines sich verstärken, Gerbstoff und Säure aber sehr moderat ausfallen. Das mag für jugendlich zu trinkende Weine gut sein, nicht aber für das Alterungspotential. Allerdings bin ich der Meinung, dass solcher Art gemachter Wein meist auch ziemlich kitschig-plüschig schmeckt.
Nicht so der Cuvée l’Ancien von Jean-Paul Brun. Dieser gehört mit zu den Altmeistern des Beaujolais und zeigt, was man hier an Qualität erzeugen kann. Er ist ein klarer Verfechter des nicht manipulierten, ursprünglich oder traditionell gekelterten Charaktertropfens, dessen Ecken und Kanten letztlich einen Wein auch ausmachen. Bruns Besitz liegt in Charnay, im südlichen Beaujolais in einer Gegend, die auch Region der goldenen Steine genannt wird, oder auch Terres Dorée. Entsprechend seiner Idee von Wein arbeitet Brun ohne Einsatz von Herbiziden und Pestiziden und vergärt seinen Gamay spontan. Er möchte keinesfalls, dass sein Gamay in die gleiche Schublade gesteckt wird wie der überwiegende Rest der produzierten Weine, die meist mit 71B vergoren werden, einer Industriehefe, die aus der Tomatenproduktion in Holland stammt und Bananen- und Bonbonaromen pusht.
Auf Chaptalisierung, also Anreicherung des Mostes mit Zucker oder Süßreserve zur Erhöhung des Alkoholgrades verzichtet er ebenso wie starke Filtration oder Einsatz von Schwefel. Beides findet nur minimal statt. So werden bei Brun wohl selbst die Nouveaus zu Charakterweinen, bestätigen kann ich es nicht, ich habe noch keinen probiert.
Für den Vieilles Vignes aber kann ich das bestätigen. Bestimmen zunächst Bratensoße, etwas Rost und vor allem Liebstöckel den Duft, finden sich bei zunehmendem Luftkontakt Johannisbeeren, und zwar die richtig schwarzen das Geruchsbild, unterstrichen von einigen medizinischen Noten. Am Gaumen dann treten die Johannisbeeren in den Hintergrund und reife Sauerkirschen übernehmen das Zepter. Es finden sich einige grüne Noten, der Wein besitzt eine schöne Säure, vor allem aber eine gute Länge. Insgesamt überrascht er, der keine 15 Euro gerade mal elf Euro kostet (siehe Kommentar), mit viel Substanz. Da muss man erst mal einen Burgunder finden, der diesem Wein das Wasser reichen kann in dieser Preisliga.