originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Clos du Marquis 2004, Domaines Delon, Saint Julien

Diesen Wein einen Zweitwein zu nennen, würde dem Clos du Marquis nicht unbedingt gerecht werden. Zwar ist der Gran Cru Leoville-Las-Cases das bekannte Flagschiff des Gutes und gehört seit Jahren zu der kleinen Handvoll Meisterwerke des Bordeaux doch gehört auch der kleine Bruder regelmässig zu den Spitzen in St. Julien. 96 Hektar besitzen die Delons. 96 Hektar Spitzenlage zwischen Gironde östlich und dem Clos von Latour westlich, nördlich abgegrenzt von Leoville-Barton. Besonders ist hier, dass nicht etwa die jüngeren Rebstöcke für den Zweitwein verwendet werden und die alten dem Gran Vin vorbehalten sind, nein, der Besitz wurde aufgeteilt in zwei Bereiche, wobei aus der wasserabgewandten Seite hin zu Leoville-Barton die Rebstöcke für den Clos du Marquis wurzeln.

Beim Öffnen der Flasche strömt einem schon die ganze Wucht eines noch relativen jungen guten Bordeaux entgegen. Nachdem sich das vanillige, realtiv stark getoastete frische Eichenholz etwas verflüchtigt hat setzen sich Brombeeren durch, Kirschen und Johannis. Dazu etwas Tabak und ein wenig Erde. Das macht sehr viel Lust auf den ersten Schluck.

clos_du_marquis_2004

Ich will nicht sagen, dass dieser Schluck enttäuschend war. Der Wein zählt sicherlich zu den überdurchschnittlich guten Weinen des St. Julien, aber wirklich beeindrucken konnte er nicht. Dazu fehlt im schlicht ein wenig Dichte und Fleisch. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass das mit den Jahren noch kommt. Das ist schade denn erst einmal beisst man bei diesem von Cabernet geprägten Wein geradezu in eine Handvoll roter Früchte, vor allem in reife Sauerkirschen, unterlegt mit etwas Zeder und etwas, was an Stallgeruch erinnert – nur dass ich es im Mund habe. Das würde ich nicht überbewerten. Bewerten aber möchte ich, dass dem Wein einfach Struktur fehlt. Er verschwimmt ein wenig und wirkt am Schluss etwas parfümiert. Ausserdem erwartet man in der Nase deutlich mehr Fleisch als er dann bieten kann. Das gefällt nicht bei einem Wein der sich der 30 Euro-Marke annähert.

Um so schöner aber sind Dekanter und Bordeaux-Gläser von Zalto, die diese Woche eingetroffen sind und die ich gerne weiterempfehlen möchte.

Clos du Marquis 2004, Domaines Delon, Saint Julien, sehr gut, Kaufempfehlung: nein, ca. 28 Euro
Glasmanufaktur Zalto, Bordeaux-Glas, mundgeblasen, 30 Euro bei originalverkorkt
Glasmanufaktur Zalto, Dekanter Axium, mundgeblasen, 63 Euro bei originalverkorkt

Château La Tour de By 2005, Médoc

Die Wurzeln des Château La Tour de By reichen ins 16. Jahrhundert zurück. Seinen Namen hat es von einem ehemaligen Leuchtturm, der im 18. Jahrhundert auf dem Gelände des Herrenhauses errichtet wurde und den Namen By erhielt. Seitdem heißt das Weingut an den Ufern der Gironde Château la Tour de By.

Sein heutiger Besitzer hat das Schloss 1965 mit zwei Kompagnons gekauft, 1999 hat der mittlerweile versorbene Marc Pages das Château allein übernommen, nun bewirtschaften es seine Kinder. Er hat es verstanden, das Cru Borgeois-Weingut auf Grand Cru-Level zu hieven und hat in den 70ern, als die Weine schwer verkäuflich waren, mit den alteingesessen Bordelaiser Handelshäusern gebrochen und vermarktet seine Weine selbst. Es werden über 1.000 Restaurants in Frankreich direkt beliefert, es gibt 5.000 private Stammkunden, sodass die Weine aus 74 ha Rebflächen von Cabernet Sauvignon (65 %), Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot regelmäßig ihre Abnehmer finden. Einer davon ist Jacques’ Weindepot wo man den 2005er Jahrgang für ca. 14 Euro erstehen kann, was beweist, dass man für vergleichsweise kleines Geld, was Bordeaux angeht, durchaus einen sehr typischen, sehr gut gemachten Médoc erstehen kann.

Der 2005er ist noch jung, zeigt aber schon jede Menge Waldfrucht, etwas Mocca und Bitterschokolade, später kommt etwas Dörrobst hinzu. Der Wein ist saftig, dabei aber überhaupt nicht durchsättigt mit plumper Frucht, eher mineralisch frisch und tief und lang. Das ist für einen Wein dieser Preisklasse ganz außerordentlich.

Château La Tour de By 2005, Cru Bourgeois Superieur, Médoc, Jacques’ Weindepot, 13,90 Euro

Château Pontet-Canet, Pauillac, 1999, Bordeaux

Das war schön im Wettkampf der Alten Welt gegen die Neue Welt im Rahmen des Gocher Weinzyklus verdeckt den 1999er Pontet-Canet gegen den 1999er Alma Viva von Concha Y Toro / Lafite-Rothschild antreten zu lassen und zwei herrliche Exemplare des 1999er Jahrgangs zu verkosten. Alte Welt versus Neue Welt … an Hand dieser beiden Weine zeigt sich, wie nahe das alles zusammengerückt ist, wie ähnlich das Qualitätsniveau zu sein scheint. Das Weingut mit dem 5ième Cru wurde auch schon 1999 von Michel Rolland beraten, dem fliegenden Weinmacher und dezidierten Vertreter des Parker-Bordeaux-Weintyps. Alma Viva wird dagegen vom Weinmacher von Lafite-Rothschild gemacht aus den besten Rebbeständen von Concha y Toro in Chile.

Und doch, man erkennt ziemlich schnell, woher welcher Wein kommt. Pontet-Canet ist Paulliac und Alma Viva ist fruchtige, vanillige neue Welt. Auf sehr hohem, ausbalanciertem Niveau ein wirklich guter Wein. Aber mir scheint der Pontet-Canet darüber erhaben zu sein. Dieses Weingut mit 118 ha (!) Rebbestand, das in den 70er und 80er Jahren wohl deutlich geschwächelt hat, produziert wieder ausnehmend gelungene Weine. Der 1999er Jahrgang wird allgemein im Paulliac als überdurchschnittlich angesehen. Das, was wir im Glas hatten, war denn auch über größere Zweifel erhaben. Und ich möchte behaupten, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, diesen Wein zu trinken.

60 % Cabernet Sauvigon, 33 % Merlot, 5 % Cabernet Franc und 2 % Petit Verdot führen zu einem sehr konzentriert wirkenden dunkeldunkelroten Saft. Toffee, Kaffee, Eiche, Zeder, Vanille, gebrannte Mandeln und dunkle Beeren, Zwetschgen und Johannisbeeren strömen aus dem Glas, ein Tribut an das stark getoastete Holz, gewollt natürlich, denn es ist auch ein Rolland-Wein. Im Mund ist er fleischig, sehr gut strukturiert, die Tannine blendend integriert. Er hat Kraft und Eleganz und Frische. Hach ja … Wenn nur die 42,50 Euro nicht wären.

Château Pontet-Canet, Pauillac, 1999, Bordeaux, 42,50 Euro, Fegers & Berts

Bordeauxgleiches Getümmel

Gestern gab’s Bordeaux vom Heiligen Julian, dazu im Vergleich etwas von einer sehr kleinen neuseeländischen Insel und zum Schluss zum Käse und etwas Süßes.

Konkret hat das Château Lagrange 2001, Saint Julien, den Stonyridge, Waiheke Island 2001 von Larose deutlich nach Punkten hinter sich gelassen. Stonyridge könnte nach Geruch auch ein Johannisbeerwein sein, so dicht strömt es aus dem Glas. Hinzu kommt etwas, das mich entfernt an Chillisoße aus der Pommesbude erinnert – und an Kapern, aber so ganz konkret fassen kann ich das nicht. Ich hätte gemeint, dieser Wein bestünde einfach mal zu hundert Prozent aus Cabernet. Hätte ich nicht gewusst, dass da nur 56 % Cabernet, 15 % Petit Verdot, 11 % Merlot, 9 % Malbec und 9 % Cabernet Franc drin sind. Das steht nämlich auf dem Etikett. Aber merken tut man’s nicht.

Der Wein ist gut ausbalanciert, aber überhaupt nicht dicht, hat nicht das Dunkle, das Feste, das häufig erscheint, wenn Petit Verdot untergemischt wird. Eher mittlerer Körper, der schnell sein Alter zeigt und zerbrechlich wird. Der Wein baut keinen Druck auf, ist nicht allzu lang und wird schnell vergessen. Insgesamt eher ein wenig müde und eindimensional.

Monsieur Lagrange wartet mit 65 % Cabernet, 28 % Merlot und 7 % Petit Verdot auf und, wenn ich die beiden Gläser nebeneinander halte, bin ich fast sicher, dass dies der Wein von der anderen Seite der Welt ist. Stimmt aber nicht. Er tut nur so. Neue Bordeaux-Moderne, die nach Pflaume duftet und Brombeere, dazu nach Toast und getoastetem Holz. Insgesamt erdig schwer, dunkel, leicht süß.

Im Mund wird er deutlich dunkelschokoladig und süß. Ein wenig Kirsche gefällig? Die Tannine und Säuren finden sich ein und geben ein rundes Bild von einem einigermaßen modernen, in sich ruhenden feinen Bordeaux, der mir allerdings ein bisserl zu wenig eigenständigen Charakter zeigt.

Zum Käse gibt es das Beste vom Château Suduiraut des Jahrgangs 2002. Ein kleines Fläschchen, das viel zu schnell zur Neige geht, wo doch so viel passender Käse da ist. Blauschimmel, ja, aber viel besser der Deichkäse von der Nordseeküste.

Der passt wunderbar zu Honig und Honig und Honig. Und frischer Aprikose. Und kandierter Aprikose. Und Banane. Und Karamel, Toffee … Ach. Was soll man da noch sagen bei so viel Süße und Frucht und dieser enormen Frische, die das Überbordende harmonisiert? Legt euch Süßwein in den Keller, so lange man ihn noch bezahlen kann …

Château Lagrange, Saint Julien, Bordeaux, 2001
Waiheke Island, Stonyridge Larose, Neuseeland, 2001
Château Suduiraut, Sauternes, Bordeaux, 2002

Christophs und Holgis Mixtour No. 5

Unser Abend begann diesmal schon früh – aber es wurde ja auch früher dunkel. Den weinseligen Abend leiteten wir ein mit dem Gutsriesling von Dr. Bürklin-Wolf. Wir waren uns einig, dass es kaum etwas Netteres geben kann als das Tagwerk zu beenden und eine Flasche zu öffnen, der schon der Duft nach Sonne und Wärme entströmt. Ein gutes Glas für jeden war noch da, den Rest hatte ich bereits am Abend zuvor geleert und genossen.

Der Gutsriesling ist für mich eine klare Empfehlung, ein Riesling aus zum Teil klassifizierten Lagen in Wachenheim, Deidesheim und Ruppertsberg. Ein schöner Riesling zum vergleichsweise kleinen Preis von 7,50 bis 8,50 Euro. Gezügelte Gärung durch Temperaturkontrolle im Edelstahl. Anschließender Ausbau im Edelstahl, teilweise im Doppelstück-Holzfass ausgebaut. Feiner Duft nach reifer Birne und Apfel mit einer Spur Limette und Melone. Feine reife Säure und dichte Frucht.

Bürklin-Wolf Gutsriesling 2006

100 % Riesling. Alkohol: 12,0 % vol
Wir haben noch Zeit, bis es zurück auf die Straße geht, durch die Kälte zum Cassius. Ich hatte schon einen Bordeaux geöffnet, den René Gabriel als Berater von Moevenpick gelobt und gepriesen hat. Ein Chateau Le Pey 2005 Medoc Cru Bourgeois. Ein ziemlich sattes, tiefdunkles Rot im Glas. In der Nase noch starke Holznoten, die sich mit üppiger Frucht verbinden. Ein bisschen wenig ausgewogen im Moment, etwas ungeschlacht erinnert er ein wenig an moderne Parker-Spanier. Auch am Gaumen relativ marmeladig, stark fruchtig und schwer. Nicht unbedingt mein Fall. Ich bin mal gespannt, ob und wie sich der Wein noch entwickeln wird. Jetzt ist der 2005er jedenfalls für mich noch keine Kaufempfehlung, und wenn Gabriel sagt, »die Frucht macht ihn zum Jungcharmeur«, dann finde ich das ein wenig populistisch, Verzeihung.

Chateau Le Pey Medoc 2005

50 % Cabernet-Sauvignon, 5 % Cabernet Franc, 45 % Merlot. Alkohol: 14 % vol

Auf dem Weg zu Cassius Garten zwecks Besorgung des Abendessens noch in der Weinabteilung der Galeria Kaufhof vorbei. Ich wollte Holgi eine Flasche Villa Bürklin aufschwätzen und dabei ist uns dann noch eine Flasche Chateau Pey la Tour Reserve an den Fingern kleben geblieben, nicht zuletzt deshalb, weil Vinissimus den Wein (ohne Reserve) kürzlich gelobt hat. Dies ist ein Wein der Großgrundbesitzer Dourthe, einer der einflussreichen Weinfamilien im Bordeaux. Das Chateau umfasst ca. 135 Hektar, die Parzellen werden zu zwei Blocks zusammengefasst und bilden die Grundlage für Château Pey La Tour Bordeaux A.C., den Vinissimus beschrieben hat, und den Château La Pey La Tour Reserve du Château Bordeaux Supérieur, den wir für knapp 10 Euro erworben haben.

Und dann war da also als Zwischenspiel der Aston-Martin vs. Jaguar Mille Miglia und der Chateau Pey La Tour.

Aston-Martin und Jaguar Carrera-Bahn

Betreut wird dieses Gut seit einigen Jahren von keinem Geringerem als Michel Rolland, dem Roland Berger unter den Weinberatern. Der Wein bildet leichte Schlieren im Glas. Er wirkt mitteldicht. In der Nase überlagert der Bitterschokoladengeruch zunächst einmal alle anderen Aromen. Erst langsam findet eine nicht näher klassifizierbare Frucht ihren Weg durch das Dickicht. Am Gaumen ein Hauch von Cumin beim ersten Schluck, dann Kirsche. Insgesamt ganz ausgewogen. Insgesamt so ein TjaNaja-Bordeaux. Nix falschgemacht, aber auch nicht aussagekräftig.

Chateau Pey La Tour Reserve 2005

95 % Merlot, 4 % Cabernet Sauvignon, 1 % Pertit Verdot. Alkohol: 14 % vol

Anklänge von öffentlicher Toilette

Ich hatte mich gefreut auf diesen Wein. Er steht hier schon seit einiger Zeit herum und neben der wirklich sehr guten Bewertung hat mich als Grafikdesigner das Etikett interessiert. Ja, ich gebe zu, auch das ist bei mir eine Kaufentscheidung. Ich bin der Meinung, dass jemand, der solch ein Etikett auf seine Flasche klebt, auch einen vernünftigen Wein machen muss. Es ist wirklich gut gestaltet, nicht nur modern, sondern stimmig.
Vom Gegenteil, also dass ein altbackenes oder grauenvolles Etikett auch auf schlechte Weine hindeutet, gehe ich nicht unbedingt aus, da weiß ich, dass viele Winzer immer noch alten Traditionen verhaftet sind – und das ist ja auch nicht wirklich schlecht.

Also der Vilosell 2004
Anbaugebiet: D.O. Costers del Segre
Gemacht von Tomás Cusiné, der auch für die Weine von Castell Remei verantortlich zeichnet, für Weine, die ich eher »new world« zuordne und einigermaßen finde langweilig, wobei das bei vielen Weinen aus Übersee nicht zutrifft.

Der Vilosell besteht aus 50 % Tempranillo, 26 % Cabernet Sauvignon, 10 % Merlot, 9 % Garnacha, 5 % Verdot, was man echt als Cuvée bezeichnen kann, und die Rebsorten sind eigentlich so unterschiedlich, dass ich skeptisch bin, was da wohl so rauskommen mag. Bewertungen jedenfalls von Penin und Parker von 90+.
Die Fermentation vollzieht sich bei Temperaturen von 24–26ºC, die Mazeration dauert 10 Tage (mit den Schalen). 60 % des Weins erfahren die malolaktische Gärung im Holzfass und 40 % im Stahltank. Die malolaktische Fermentaton findet in Barriques statt, der Ausbau in neuer französischer Eiche. Der Vilosell wurde unfiltriert auf die Flasche abgefüllt.
Wo wir beim ersten Problem wären. Es ist ja nun nicht so häufig, dass ein 10 Euro-Wein unfiltriert abgefüllt wird und das habe ich schlichtweg übersehen. Es kann sein, dass die Flasche noch einen Schwenk erfahren hat, bevor ich den Wein dekantiert habe. Jedenfalls hatte ich ziemlich viel Satz im Wein, was mir aber auch erst später aufgefallen ist.
Zunächst einmal hat mich die Nase überrascht. Daher der Titel. Das Erste, woran ich dachte, war, dass der Wein eindeutig nach abgestandenem süßlichen Urin stinkt, wie man ihn häufig in Bahnhofstoiletten findet. Das Gleiche dachte ich nach der zweiten und dritten Probe. Erst dann Geruch nach Holz und ein wenig reifen Beeren.
Am Gaumen eine leichte Spur von Kork, Härte, Tannine, Säure und Beeren.

Schade. Das war ein Schuss in den Ofen. Aber ich habe noch eine Flasche für den nächsten Versuch und auch noch eine vom teureren Bruder, dem »Geol«, von dem Parker sagt, dass er der beste merlotlastige Wein wäre, den er bisher in Spanien getrunken habe.