Unser Abend begann diesmal schon früh – aber es wurde ja auch früher dunkel. Den weinseligen Abend leiteten wir ein mit dem Gutsriesling von Dr. Bürklin-Wolf. Wir waren uns einig, dass es kaum etwas Netteres geben kann als das Tagwerk zu beenden und eine Flasche zu öffnen, der schon der Duft nach Sonne und Wärme entströmt. Ein gutes Glas für jeden war noch da, den Rest hatte ich bereits am Abend zuvor geleert und genossen.
Der Gutsriesling ist für mich eine klare Empfehlung, ein Riesling aus zum Teil klassifizierten Lagen in Wachenheim, Deidesheim und Ruppertsberg. Ein schöner Riesling zum vergleichsweise kleinen Preis von 7,50 bis 8,50 Euro. Gezügelte Gärung durch Temperaturkontrolle im Edelstahl. Anschließender Ausbau im Edelstahl, teilweise im Doppelstück-Holzfass ausgebaut. Feiner Duft nach reifer Birne und Apfel mit einer Spur Limette und Melone. Feine reife Säure und dichte Frucht.
100 % Riesling. Alkohol: 12,0 % vol
Wir haben noch Zeit, bis es zurück auf die Straße geht, durch die Kälte zum Cassius. Ich hatte schon einen Bordeaux geöffnet, den René Gabriel als Berater von Moevenpick gelobt und gepriesen hat. Ein Chateau Le Pey 2005 Medoc Cru Bourgeois. Ein ziemlich sattes, tiefdunkles Rot im Glas. In der Nase noch starke Holznoten, die sich mit üppiger Frucht verbinden. Ein bisschen wenig ausgewogen im Moment, etwas ungeschlacht erinnert er ein wenig an moderne Parker-Spanier. Auch am Gaumen relativ marmeladig, stark fruchtig und schwer. Nicht unbedingt mein Fall. Ich bin mal gespannt, ob und wie sich der Wein noch entwickeln wird. Jetzt ist der 2005er jedenfalls für mich noch keine Kaufempfehlung, und wenn Gabriel sagt, »die Frucht macht ihn zum Jungcharmeur«, dann finde ich das ein wenig populistisch, Verzeihung.
50 % Cabernet-Sauvignon, 5 % Cabernet Franc, 45 % Merlot. Alkohol: 14 % vol
Auf dem Weg zu Cassius Garten zwecks Besorgung des Abendessens noch in der Weinabteilung der Galeria Kaufhof vorbei. Ich wollte Holgi eine Flasche Villa Bürklin aufschwätzen und dabei ist uns dann noch eine Flasche Chateau Pey la Tour Reserve an den Fingern kleben geblieben, nicht zuletzt deshalb, weil Vinissimus den Wein (ohne Reserve) kürzlich gelobt hat. Dies ist ein Wein der Großgrundbesitzer Dourthe, einer der einflussreichen Weinfamilien im Bordeaux. Das Chateau umfasst ca. 135 Hektar, die Parzellen werden zu zwei Blocks zusammengefasst und bilden die Grundlage für Château Pey La Tour Bordeaux A.C., den Vinissimus beschrieben hat, und den Château La Pey La Tour Reserve du Château Bordeaux Supérieur, den wir für knapp 10 Euro erworben haben.
Und dann war da also als Zwischenspiel der Aston-Martin vs. Jaguar Mille Miglia und der Chateau Pey La Tour.
Betreut wird dieses Gut seit einigen Jahren von keinem Geringerem als Michel Rolland, dem Roland Berger unter den Weinberatern. Der Wein bildet leichte Schlieren im Glas. Er wirkt mitteldicht. In der Nase überlagert der Bitterschokoladengeruch zunächst einmal alle anderen Aromen. Erst langsam findet eine nicht näher klassifizierbare Frucht ihren Weg durch das Dickicht. Am Gaumen ein Hauch von Cumin beim ersten Schluck, dann Kirsche. Insgesamt ganz ausgewogen. Insgesamt so ein TjaNaja-Bordeaux. Nix falschgemacht, aber auch nicht aussagekräftig.
95 % Merlot, 4 % Cabernet Sauvignon, 1 % Pertit Verdot. Alkohol: 14 % vol
Ich hatte mich gefreut auf diesen Wein. Er steht hier schon seit einiger Zeit herum und neben der wirklich sehr guten Bewertung hat mich als Grafikdesigner das Etikett interessiert. Ja, ich gebe zu, auch das ist bei mir eine Kaufentscheidung. Ich bin der Meinung, dass jemand, der solch ein Etikett auf seine Flasche klebt, auch einen vernünftigen Wein machen muss. Es ist wirklich gut gestaltet, nicht nur modern, sondern stimmig.
Vom Gegenteil, also dass ein altbackenes oder grauenvolles Etikett auch auf schlechte Weine hindeutet, gehe ich nicht unbedingt aus, da weiß ich, dass viele Winzer immer noch alten Traditionen verhaftet sind – und das ist ja auch nicht wirklich schlecht.
Also der Vilosell 2004
Anbaugebiet: D.O. Costers del Segre
Gemacht von Tomás Cusiné, der auch für die Weine von Castell Remei verantortlich zeichnet, für Weine, die ich eher »new world« zuordne und einigermaßen finde langweilig, wobei das bei vielen Weinen aus Übersee nicht zutrifft.
Der Vilosell besteht aus 50 % Tempranillo, 26 % Cabernet Sauvignon, 10 % Merlot, 9 % Garnacha, 5 % Verdot, was man echt als Cuvée bezeichnen kann, und die Rebsorten sind eigentlich so unterschiedlich, dass ich skeptisch bin, was da wohl so rauskommen mag. Bewertungen jedenfalls von Penin und Parker von 90+.
Die Fermentation vollzieht sich bei Temperaturen von 24–26ºC, die Mazeration dauert 10 Tage (mit den Schalen). 60 % des Weins erfahren die malolaktische Gärung im Holzfass und 40 % im Stahltank. Die malolaktische Fermentaton findet in Barriques statt, der Ausbau in neuer französischer Eiche. Der Vilosell wurde unfiltriert auf die Flasche abgefüllt.
Wo wir beim ersten Problem wären. Es ist ja nun nicht so häufig, dass ein 10 Euro-Wein unfiltriert abgefüllt wird und das habe ich schlichtweg übersehen. Es kann sein, dass die Flasche noch einen Schwenk erfahren hat, bevor ich den Wein dekantiert habe. Jedenfalls hatte ich ziemlich viel Satz im Wein, was mir aber auch erst später aufgefallen ist.
Zunächst einmal hat mich die Nase überrascht. Daher der Titel. Das Erste, woran ich dachte, war, dass der Wein eindeutig nach abgestandenem süßlichen Urin stinkt, wie man ihn häufig in Bahnhofstoiletten findet. Das Gleiche dachte ich nach der zweiten und dritten Probe. Erst dann Geruch nach Holz und ein wenig reifen Beeren.
Am Gaumen eine leichte Spur von Kork, Härte, Tannine, Säure und Beeren.
Schade. Das war ein Schuss in den Ofen. Aber ich habe noch eine Flasche für den nächsten Versuch und auch noch eine vom teureren Bruder, dem »Geol«, von dem Parker sagt, dass er der beste merlotlastige Wein wäre, den er bisher in Spanien getrunken habe.