originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



2004 – zehn Jahre später: Schaumweine, Rieslinge und Barolo

Die Vorbereitung und Gestaltung eines Weinabends mit Freunden gehört zu den schönsten Dingen, denen man sich als Weinliebhaber widmen kann. Das wird noch schöner, wenn man es zu zweit macht, denn dann kann man so nerdig sein wie man will, man findet immer Verständnis und muss es nicht an der Familie auslassen, die einen sowieso schon für völlig verrückt hält. So ein Weinabend ist schließlich nicht mal eben so vorbereitet, da kann man sich Tage, was sag ich, Wochen mit beschäftigen, ohne dass es langweilig werden würde.

So hatte ich schon vor Monaten das Gefühl, dass der Advent die richtige Zeit wäre, um mal wieder einen solchen Abend zu gestalten und Wein und korrespondierende Speisen auf den Tisch zu stellen. Ich wusste, dass ich gerne mal einen Abend mit zehn Jahre alten Weinen machen würde um zu sehen, wo die in den unterschiedlichen Regionen gerade so stehen, wie sie sich präsentieren. Also habe ich mich mit meinem Freund B. besprochen und wir haben die Sache in Angriff genommen. Schnell war klar, dass es Riesling geben würde und Bordeaux. Barolo war mit im Spiel, Brunello, Roussillon, Nord- und Südrhône. Viel zu viel natürlich und wir haben dann irgendwann eine geographische Linie in Form eines Breitengrads gezogen, so dass es über Bordeaux, Nord-Rhône und Barolo nicht hinausging. Es sollte also ein eher nördlich geprägter Weinabend werden mit einer deutlichen, auch der Jahreszeit entsprechenden Hinwendung zu roten Weinen.

Nachdem irgendwann die Reihenfolge stand: Schaumweine, Riesling auf Großem-Gewächs-Niveau, Barolo, Cornas, Bordeaux und Reparatur-Spätlese, war das begleitende Essen die entscheidende Frage (im Restaurant ist es natürlich anders herum, da sollen die Weine die Speisen begleiten aber bei Wein-Nerds sollen die Speisen die Weine unterstützen). Neben der stimmigen Kombination war mir wichtig, vor allem am Abend selbst nicht gehetzt in der Küche zu stehen und deshalb mussten die Speisen einfach aber raffiniert bzw. gut vorbereitbar sein. Wenn nun der Freund nicht nur einen bemerkenswerten Weinkeller besitzt sondern auch noch eine kleine Herde Galloways und Nachbarn mit eigener Jagd, dann ist schnell klar, auf was die Speisenfolge hinausläuft.

 

Wegeler Erben Geheimrat »J« Rheingau Riesling Sekt Brut, Olivier Horiot Sève »En Barmont« Blanc de Noirs, Jacquesson Avize Champ Caën Blanc de Blancs
Ursprünglich sollte es ein Schaumwein, genauer gesagt, der Sève Blanc de Noirs von Olivier Horiot sein, doch dann meinte B., er habe noch eine Jacquesson Einzellage Blanc de Blancs und schließlich hatte ich mitbekommen, dass man bei Wegeler den Geheimrat »J« brut frisch degorgiert hatte. So wurde dann aus einem Entrée ein vollständiger Dreier-Flight mit begleitendem Gang. Es gab die Wein in jedem Flight zunächst blind, dann haben wir dazu irgendwann die Speisen gereicht und irgendwann wurde aufgedeckt. So kann man sich zunächst ganz auf die Weine konzentrieren, dann auf die Veränderungen am Gaumen, wenn das Essen dazu kommt und schließlich, wenn die Weine aufgedeckt werden, das plötzlich erweiterte Wissen mit der eigenen Meinung abgleichen, die man hatte, bevor der Name ins Spiel kam.

Schaum_Lachs

Der Geheimrat »J« ist eine klassische, ja alterwürdige Riesling-Marke, bei der nicht die Lage (wie sonst üblich bei dem Niveau) auf dem Etikett steht, sondern der Markenname für Qualität bürgen soll. Ungefähr 15 verschiedene Erste-Gewächs-Lagen des Rheingaus finden sich in diesem Wein, den es als Stillwein schon lange gibt, als Sekt seit 1987. Ein größerer Teil der Trauben dieses Brut haben Auslese-Charakter und das merkt man im Duft direkt. Reifer Riesling strömt aus dem Glas, reifes Kernobst, Steinobst, leichtes Petrol, Hefe, Vanille, alles üppig und dicht. Ich denke, jeder von uns hatte bei dieser ausgeprägt üppigen Nase etwas Bedenken, dass das am Gaumen etwas zu viel sein könnte – eventuell am oberen Brut-Süße-Bereich. Doch diese Befürchtungen zerstreuten sich mit dem ersten Schluck. Der Wein ist saftig, reif, aber ganz klar strukturiert, trocken, deutlich mineralisch, kraftvoll und lang. Er steht neben den beiden dann folgenden Champagnern mit einer ganz deutlich eigenen Prägung, hier will man gar nicht mit Champagner vergleichen, das ist versekteter Riesling auf hohem Niveau (auch preislich, die Flasche kostet ab Weingut €57,-).

Von allen Flights, ist das der, der letztlich in sich am wenigsten zusammenpasst. Das ist zwar alles 2004 und alles Schaum, doch eben sehr unterschiedlich. Das gilt auch für das Degorgierdatum, das erfreulicher Weise bei allem Weinen aufgedruckt ist. Der Geheimrat frisch degorgiert, der Jacquesson später auch (ende 2013), der Sève En Baramont von Olivier Horiot dagegen liegt schon Jahre im Keller und wurde bereits 2009 verkorkt. Das merkt man ihm allerdings nicht an. Frisch steht der Champagner von der Côtes des Bars da, reinsortig aus Pinot gekeltert, aus der Einzellage en Baramont. Über Olivier Horiot und der speziellen Herkunft habe ich hier schon geschrieben, das führe ich an dieser Stelle nicht weiter aus. In der Nase gefällt mir der Wein zunächst am besten und auch das Mundgefühl ist besonders. Hier verbinden sich viele Kräuter, frisch und trocken mit Kalk, die Hefenoten tauchen nur entfernt auf und auch die Frucht spielt sich unterstützend im Hintergrund ab – bis auf einige Zitronenzesten direkt im Vordergrund. Horiot, der Mann, der eigentlich lieber Stillweinemacht, hat den Grundwein im Barrique fermentieren lassen und dort hat auch die malolaktische Gärung stattgefunden. Nach Holz schmeckt das hier alles trotzdem nicht – zum Glück. Es schmeckt eher klar und präzise mit leichtem Wachs und tonischen Noten, durch die die Kräuter, vor allem Rosmarin, immer stärker durchschlagen. Der Non-Dosé-Wein ist ein leiser Star, der erst später vom Jacquesson überholt wird. Man sollte dabei übrigens nicht vergessen, dass es Olivier Horiots erste Jahrgang war(!) – und schon allein dafür gebührt dem sympathischen Franzosen ein Chapeau!

Als dritten im Mund öffneten wir Jacquessons Champ Caïn aus Avize. Dieser Wein ist eigentlich für die Kraft, die er hat, zu früh geöffnet. Ihm zu Gefallen haben wir alle drei Schaumweine kurz vorher vorsichtig karaffiert, doch hätte man dies durchaus, zumindest für den Champ Caïn schon etwas früher in Angriff nehmen können. So brauchte er Zeit (die er bekam) und gewann deutlich mit dem Lachscarpaccio vom wilden, irischen Lachs, der, nur mit Fleur des Sel und rotem Kampot-Pfeffer gewürzt und mit einem sehr guten, mit Amalfi-Zitronen aromatisierten Olivenöl bestrichen für 30, 40 Sekunden bei 200°C Grad im Ofen erwärmt wurde (Beilage, Rauken etc. mit dem selben Öl, Salz, Pfeffer und einem weißen Balsamico). Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel harmonischer ein zunächst zickiger Wein mit dem richtigen Essen werden kann hier. Hier ist es das Fette im Fisch, das vor allem den Jacquesson geöffnet hat. Irgendwann dann offenbart sich die ganze Kraft und Klasse dieses Chardonnay. Enorme Kraft, die Mineralität, Salzigkeit und auch das Basische des Kreidebodens schlägt voll durch. Gerade einmal 3.000 Flaschen werden von diesem Jahrgangs-Lieut-Dit gefertigt, das Kristalline und Komromisslose kommt mit etwas Wärme und Luft immer besser zur Geltung. Großer Stoff, natürlich ebenfalls ohne Dosage und im großen Holz ausgebaut. Champagner, der jetzt vielleicht überhaupt erst am Anfang seiner Trinkreife steht und den es auch erst seit kurzer Zeit auf dem Markt gibt, in der Weinhalle beispielsweise. Mehr zu Jacquesson gibt es hier.

 

Clemens Busch Pünderlicher Marienburg Riesling Spätlese ***, Robert Weil Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs, Steffen Christmann Königsbacher Idig Großes Gewächs
Es war, ganz ohne Frage, zusammen mit den später folgenden Weinen aus dem Cornas, der schönste Flight des Abends. Hier trafen drei Rieslinge aus der Großes-Gewächs-Klasse (Busch war zu diesem Zeitpunkt noch nicht im VDP aber Riesling *** ist das stimmige Pendant) aus drei unterschliedlichen Anbaugebieten aufeinander. Ursprünglich hatte ich den Schlossberg Grand Cru von Albert Mann mit im Rennen schicken wollen, doch letztlich wollte ich es dann doch, der Stimmigkeit wegen, bei drei deutschen Weinen belassen. Clemens Buschs Hauslage präsentierte sich, wie die beiden anderen Weine auch, ganz herkunftstypisch, wobei Pünderich eben noch mit zur so genannten Terrassenmosel gehört, mit Weinen, die gerade auch im trockenen Bereich punkten und viel Kraft bergen. Der 2004er war am weitesten von den dreien und ungemein attraktiv. Er hat, auch das letztlich zur Mosel passend, eine ganz leichte Restsüße hinten raus und die verbindet sich in diesem gereiften Stadium mit den vielen Noten vom reifen und mürben Kernobst, mit dem fast kandiert wirkendenden Steinobst und passt wunderbar zur deutlichen Honignote in der Nase, die den Duft frischer Bienenwaben mit einem Hauch Wachs kombiniert. Hier stimmt für diesen Stil alles, der Wein hat genau den richtigen Säuregehalt für die ganz leichte Süße, und schmeckt wachsig weich, während sich unter das Obst Grapefruit und Gewürze mischen.

Terrine_Riesling

Der Riesling aus dem Kiedricher Gräfenberg hatte ich am Vorabend des Vinocamps im Keller bei Wilhelm Wein probiert und mir wäre damals fast der Kit aus der Brille gefallen, so gelungen war. Die zweite Flasche im Weingut dagegen war damals (Flaschenvarianzen) deutlich weniger gut während diese hier am Samstagabend wieder viel von der Größe hatte, von der ich so begeistert war. Interessanterweise ist mir am Samstag die leichte und ungemein attraktive Holznote, die den Wein im Weingut geprägt hatte, nicht so aufgefallen. Weil hatte damals eine Reihe neuer Stockinger-Fässer erhalten, die ihren Fingerabdruck im Wein hinterlassen haben. von den drei Weinen im Flight wirkte der Weilsche Wein am jüngsten. Herrlich saftig, dabei klar und präzise, bei aller Kraft bleibt der Wein schlank, vor allem im Gegensatz zum deutlich üppigeren Idig. In der Nase das leichte Rheingaupetrol, Traubennoten und etwas Steinfrucht, am Gaumen einfach total präsent mit viel Biss. Das war ein großer trockener Rheingauriesling von einer Komplexität, Kraft und Präzision, wie man sie selten findet, dabei so vibrierend und klar, einfach umwerfend attraktiv.

Christmanns Idig wirkt neben dem Rheingau fast barock, viel cremiger, viel üppiger mit hochreifer Steinobstnase, leicht botrytisch angehaucht, stoffig ohne Ende. Am Gaumen ist der Wein weicher als die vorherigen, leicht wachsig wie der Wein von Busch, auch am Gaumen dies Cremige, was man schon in der Nase vermutet. Eigentlich ist das der genau passende Riesling für die Jahreszeit und es zeigt sich dann, dass er genau zum jahreszeitlichen Essen passt, denn keiner geht eine so schöne Alliance mit der Fasanenterrine samt Apfelbrunoise ein, wie der Idig. Zum Steinobst gesellen sich hier ein Hauch Maracuja, Mango und Pomelo, das Steinig-Mineralische legt sich fast wie Puder über die Frucht, die feine Säure balanciert die Opulenz und bändigt sie, damit der Wein nicht breit wird.

Drei trockene Rieslinge, zehn Jahre alt, sechs Stunden vorher doppelt dekantiert auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft (ok, der Gräfenberg mag sich noch weiter zu seinem Vorteil entwickeln, aber die anderen beiden sind jetzt genau richtig zu öffnen, würde ich behaupten) – das ist ein sehr befriedigendes Erlebnis. Die erste Terrine meines Lebens habe ich neben dem Fleisch von vier frischen Fasanen mit fettem Schweinebauch und etwas Gänseleberpaté gefüllt, sowie mit Waldpilzen und Berberitzen.

 

Mauro Veglio Barolo Casteletto, Ascheri Barolo Vigna dei Pola, Bartolo Mascarello Barolo
Ich muss ja zugeben, dass ich kein besonderer Barolo-Experte bin. Man kann auch nicht für alles Experte sein und irgendwie habe ich mich auf diese Region nie eingelassen. Dafür gibt es ein paar wenige Freunde, aus deren Kellern ich schon den ein oder anderen gereiften Wein großer Namen probieren konnte – und natürlich immer wieder begeistert bin. Nur selbst habe ich nichts, bis auf zwei Flaschen. Die Flaschen von Mauro Veglio und Aschieri befinden sich denn auch eher durch Zufall im Keller, weil sie zusammen mit einem Barbaresco mal in einem Weinplus-Verkostungspaket lagen. Doch genau für einen solchen Abend habe ich sie zur Seite gelegt und ergänzt wurden sie durch einen großen Namen, durch den Wein eines Kauzes, eines unabhängigen Winzers namens Bartolo Mascarello, der allerdings schon vor einigen Jahren gestorben ist. Dies ist unter Strick der Flight, auf den wir auch hätten verzichten können, denn zehn Jahre Reife sind für Barolo einfach zu wenig. Erst das Consommé vom Fasan samt Frittaten hat mit seinem Umami die teils noch groben Gerbstoffe deutlich gerundet. Die Weine sind, wie bei Barolo üblich, nicht von Frucht geprägt sondern mehr von Leder, Waldboden, Pilzen usw.

Mauro Veglios Casteletto stammt aus Montforte, ist dunkel, dunkler als die anderen beiden Weine, aber am offensten und auch mit der deutlichsten Frucht. Er hat erfreulich wenig offensichtliches Holz. Neben den schon angesprochenen Aromen finden sich getrocknete Kräuter, dunkle Kirschen und dunkel aromatische Gewürze. Insgesamt eine ganze erfreuliche Flasche.

Barolo_consomme

Im Gegensatz dazu hatte ich beim Öffnen des Vigna dei Pola von Ascheri am Mittag das Gefühl, der Wein könne untrinkbar sein aufgrund höchst bitterer Tannine. Das hat sich dann bis zum Abend noch etwas gelegt, das Consommé tat sein Übriges aber eigentlich war der Wein ein fail, mittelmäßig, rustikal, ja ausgezehrt mit einem rostigen Nagel in einem See von Bitterkeit.

Bartolo Mascarello war eine Legende des Gebiets. Ein Verfechter der alten Schule des Barolo, ein Kämpfer für das Wahre und Gute, der gegen das Barrique genauso angekämpft hat wie gegen Berlusconi und der von 1990 an bis zu seinem Tod nicht mehr persönlich ans Telefon gegangen ist. Gestorben ist er 2005, dieser Wein hier ist von 2004, dürfte aber schon im Wesentlichen von seiner Tochter Teresa gemacht worden sein. Der Nebbiolo hat nach einer langen Mazeration (ca. 30 Tage in Zementtanks) zwei Jahre in mittelgroßen, alten Fässern aus slowenischer Eiche gelegen bevor er dann auf der Flasche nachgereift ist. Er präsentiert das, wofür diese Weine berühmt sind: Eine ungemein dichte Tanninstruktur die sich erst nach Jahrzehnten harmonisiert. Da dieser Wein von diesen Jahrzehnten erst eins auf dem Buckel hat, kann man heute nur erahnen, wie gut der Wein irgendwann sein wird. Es ist die Beschreibung eines Haltepunktes auf der Durchgangsreise. Es ist das Treffen mit einem dunklen, geheimnisvollen Charakter, der hier ein Bukett an Veilchen offenbart, in welches sich vereinzelt dunkle Kirschen mischen. Waldboden, etwas Trüffel, Anis und Fenchel stoßen dazu. Beeindruckend ist die Säure, die Frische, die Klarheit, das leicht Schwebende samt festem Fundament. Mehr kann ich über diese geheimnisvoll verschlossene Schönheit gerade gar nicht sagen.

Das Consommé stand acht Stunden auf dem Herd, bis ich die Karkassen herausgenommen habe. Neben Wacholder, Piment und weiteren Gewürzen dürfte vor allem die Orangenschale eine besondere Note geliefert haben. Abgeschmeckt habe ich das Consommé mit Madeira, mit echtem Madeira, nicht mit der Kochqualität.

> Im zweiten Teil gibt es drei Weine aus dem Cornas, drei aus St. Estèphe und eine Flasche von J.J. Prüm.

 

Zur 800 eine Flasche 738: a.k.a. Jacquesson is in da house

Zum Artikel mit der Nummer 800 gibt es mal wieder etwas Feines im Blog. Just gestern hat Champagne Jacquesson die aktuelle Cuvée der 700er Serie dem Fachpublikum in Hamburg vorgestellt. Das ist durchaus ein Ereignis, denn die Erzeugnisse des Champagnerhauses der Brüder Laurent und Jean Hervé Chiquet haben sich zu einigen der feinsten der gesamten Champagne entwickelt. Vor allem, seitdem die beiden Brüder das Haus 1988 von ihrem Vater übernommen haben um noch einmal viel aufwendiger und konsequenter im Weinberg und im Keller zu arbeiten. Das war durchaus ein Risiko, denn man hat die gesamte, vorher schon sehr gut laufende Linie erneuert. Begonnen hat dies mit dem Basis-Champagne, dem typischen Brut, der hier Perfection Brut hieß und mit dem Jahrgang 2000 zum Extra-Brut Cuvée No. 728 wurde. Dabei ist Extra Brut schon etwa übertrieben um die Leute nicht zu verschrecken (und möglicherweise je nach Jahrgang auch Spielraum zu haben), denn eigentlich ist dieser Champagne ein Brut Nature mit gerade einmal 1 bis 3 Gramm Dosage auf einen Liter.

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Die 700er-Serie stammt im Wesentlichen aus einem Jahr. Der erste der Serie, die Cuvée No. 728, wurde mit dem Grundwein aus 2000 gefüllt, der mit Reservewein der vorherigen Jahre assembliert wurde. Mit der aktuellen Füllung Cuvée No. 738 sind wir entsprechend zum Zehnjährigen beim Grundweinjahrgang 2010 angekommen. Dieser ist eine Cuvée aus 61% Chardonnay, 18% Pinot Noir und 21% Meunier. Der Wein stammt zu 67% aus dem Jahr 2010 und zu 33% aus Reserveweinen. Er wurde spontan vergoren, auf der Feinhefe in Holzfudern ausgebaut und unfiltriert abgefüllt. Schließlich wurde der 738 mit 2,5% Dosage im April 2014 degorgiert. All das steht angenehmer Weise auf der Flasche. Diese wurde im zehnten Jahr im Design noch mal etwas geändert. Und zwar mit einem etwas geordneteren und auch plakativeren Etikett. Die Seriennummer ist weiterhin rot, dafür aber bold, größer und außerdem nicht mehr in Serifenschrift. Die Typo für den Namen des Hauses dagegen wurde deutlich schlanker gesetzt. Das Etikett wirkt ensprechend aufgeräumter.

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Wer nun glaubt, die geringe Dosage würde zu einem eher kargen Champagner führen, wird eines Besseren belehrt. Eine hohe Dosage wäre bei diesem Wein kontraproduktiv denn der 738 hat genügend Volumen und Opulenz. Es ist ein weiniger, komplexer und kraftvoller Champagner, der eine gewisse Süße vom reifen Lesegut suggeriert, nicht aber einen süßen Geschmack. Kraft ist auch das, was ihn vom Vorgänger, dem 737 abhebt. Der Wein hat mehr Power und ist auch komplexer. Dabei bleibt der Champagne neben aller Kraft immer elegant, klar, hat eine tolle Säure und neben dem Weinigen, dem Einfluß von Holz und Hefe auch so etwas wie ein Fußabdruck des Bodens in Form einer kalkig-steinigen Mineralität.

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Eigentlich ist dieser Champagne die Einsteigsqualität des Hauses. Allerdings auf einem Niveau, wie es andere in ihrer gesamten Palette der Erzeugnisse nicht hinkriegen. Der Preis entspricht auch nicht unbedingt einem Einstiegsprodukt, denn er liegt bei um die 45 Euro. Aber, so viel kostet ein Veuve Clicquot ja auch (haha!). Wenn man allerdings wirklich ein besonders gelungenes Exemplar haben möchte, das genau den Spagat zwischen der besonderen Eleganz eines sehr guten Markenchampagners und dem markanten Charakter eines Winzerchampagners haben möchte, liegt bei diesem Wein genau richtig. Und bei der Cuvée No. 738 erst recht. Für mich ist das einer der Champagner, die ich am meisten wertschätze.

P.S.: Wer noch eins drauflegen will: Jacquesson bringt zusammen mit dem 738 noch den fünf Jahre älteren Cuvée No. 733 als Degorgement Tardif auf den Markt. Der Wein hat einfach fünf Jahre länger auf der Feinhefe gelegen, und das ist, also das ist… *seuftz*

Die Weine gibt es alle bei Weine Visentin, der auch den Generalimport für Deutschland hat. Man bekommt den 738 aber beispielsweise auch in der Weinhalle.

 

Eine feine kleine Entdeckung: Gros Frère & Soeur, Bourgogne Hautes Côtes de Nuits 2009

31/Okt/14 12:30 kategorisiert in: Pinot Noir / Spätburgunder, Rot, Frankreich

Was mich ja bei der Trüffelsuche in den Weinregalen, egal ob online oder offline immer freut ist, wenn ich über solche Weine stolpere, wie den Hautes Côtes de Nuits von Bernard Gros, denn dann habe ich einen guten bis sehr guten Wein aus einem tendenziell überpreisten Gebiet auf einem Preisniveau gefunden, das ich nachvollziehen kann und welches auch für mich bezahlbar ist.

gros

Gros hat vor Jahren das Weingut seiner Tante übernommen, während sein Bruder das seiner Eltern weiterführt, und verfügt über 18,4 Hektar Lagen. Dazu gehören Parzellen im Clos de Vougeot, in Richebourg, Echézeaux, Vosne-Romanée Les Chaumes und ein umfangreicher Besitz in Concoeur, woher sowohl ein weißer, wie ein roter Hautes Côtes de Nuits stammen, Wein also von den oberen Hügelbereichen. Gros' Weine gelten als fruchtbetont und floral in der Jugend, mit einer kräftigen Struktur und einem eher dunklen Charakter. Und genau das zeichnet auch diesen Pinot Noir aus. Dunkle Frucht mit einer würzigen, auch an Altholz erinnernden Note im Untergrund. Dabei bleibt der Wein immer schwebend leicht, trotz der Kraft die er hat. Dank einer klaren, aber nicht zu prägnanten Säure ist er zudem schön frisch. Der Wein ist nicht übermäßig lang, aber dafür, dass das hier Gutsweinlevel ist, also Basisniveau, sprich, ein Niveau, wo man im Burgund ziemlich häufig enttäuscht wird, ist dieser Wein richtig gut. Zumal der Preis für diesen Wein bei € 14,90 liegt, und dafür bekommt man im Burgund normalerweise so gut wie nichts.

Gefunden haben ich den Hautes Côtes de Nuits von Gros Frères & Soeurs bei Kierdorf Wein.

Cloudy Bay, eine kleine Sauvignon-Blanc-Vertikale und ein besonders schöner Pinot Noir

Vorletzte Woche musste ich schmunzeln. Ich kam gerade vom Gespräch mit Penfolds Chief Winemaker Peter Gago als ich eine Einladung zu einem kleinen get together mit dem nächsten Chief Winemaker bekam. Es handelte sich dabei um Tim Heath, der die Weine von Cloudy Bay verantwortet. Der war für einen Tag in die Hansestadt gekommen um ein paar Leuten den neuen Jahrgang vorzustellen. Eigentlich hatte ich keine Zeit, bin aber trotzdem hin und habe es nicht bereut.

cloudy_bay_stimmung

Ich muss gestehen, dass ich nicht viel Erfahrung mit Weinen von Cloudy Bay habe. Dieses Weingut liegt außerhalb meines normalen Beuteschemas, so ähnlich wie bei Penfolds. Ich neige ja eher dazu, bei kleinen Weingütern anzuklopfen und nehme das, was die Großen machen, eher am Rande wahr. Das ist nicht immer richtig, wie ich kürzlich auf einer Vergleichsprobe von Jahrgangs-Champagnern feststellen musste, wo ich blind die Weine der berühmten Häuser auch tatsächlich nach vorne gewählt habe, während die Weine einiger von mir verehrten Champagne-Winzer dagegen überhaupt keine Chance hatten.

Alles ist eben relativ. Und so auch bei Cloudy Bay. Es ist das berühmteste Weingut Neuseelands, nicht zuletzt deshalb, weil man dort in den ausgehenden 1980er Jahren einen neuen Sauvignon Blanc-Stil kreiert hat, der seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat und stilbildend war. Vor Cloudy Bay gab es wenig beachteten Weinbau. Mit Cloudy Bay hat sich der neuseeländische Weinbau radikal verändert und die Rebflächen haben sich mindestens verdreifacht. Dort, wo in den Siebzigern vor allem Müller-Thurgau stand (der Weinbauverband war von einem Geisenheimer Professor beraten worden), steht jetzt vor allem Sauvigon Blanc aber auch immer mehr Chardonnay, Pinot Noir, Syrah, Grauburgunder, Riesling, Gewüürztraminer und so weiter. Die Bedingungen sind eigentlich ideal für Weinbau. Viel besser beispielsweise als in Australien, wo man ja für jeden Liter Wein etwa 800 Liter Wasser braucht. Neuseeland hat genügend Niederschlag, gute Böden und Meeresklima.

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Cloudy Bay ist vor einigen Jahren vom Luxusgüter-Life-Style-Konzern Louis-Vuitton- Moët-Hennessy (LVHM) übernommen worden und in die Gruppe Estates & Wines eingegliedert worden. So etwas hat Folgen. Vor allem lässt sich das Marketing natürlich ganz anders organisieren und mit so viel Geld im Rücken wird die Marke noch präsenter. Der Weinmacher aber ist derselbe geblieben, nur das Tim Heath jetzt häufiger durch die Gegend reist und präsentiert – und übrigens auch bei den anderen Projekten der Gruppe vorbeischaut, wie beispielsweise beim Chandon-Projekt in Indien. Eine starke Marke wie Cloudy Bay hat zudem immer noch einen preislichen Marken-Aufschlag. So liegt der Wein bei ca. € 24,-, was preislich fünf Euro über meinem Lieblings-Sancerre (Vacheron) und Lieblings-Neuseeland-Sauvignon (Dog Point) liegt. Aber das ist eben der Preis der Marke.

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Zwei, einer ganzen Menge von Weingärten, die zu Cloudy Bay gehören. © Cloudy Bay

Tim Heath hat also den Jahrgang 2014 Cloudy Bay Sauvignon Blanc präsentiert. Der ist natürlich auf der Südhalbkugel entstanden und wurde somit im März/April geerntet und vor ein paar Wochen abgefüllt. Neben der frischen Abfüllung gab es dann eine Reihe weiterer Jahrgänge, und da wurde es wirklich interessant. Der 2014er Sauvignon Blanc ist ultrafrisch, grün, grasig, sehr (Achtung:) mineralisch und nicht mehr exotisch wie in den letzten Jahren. Er wird auch nicht mehr nur im Stahl ausgebaut, sondern in Teilen auch im großen, älteren Holz. Außerdem wird spontan angegoren. Das ist neu und tut dem Wein gut. Was ich nicht erwartet hatte war die Entwicklung des Sauvignons über Jahre hinweg bis zu einem 2009er, der in der Magnum gereift war und immer noch höchst frisch und fruchtig daherkam. Die älteren Weine werden mit der Zeit voller, etwas breiter und cremiger, das Grüne verschwindet ganz, manchmal sind Noten von Gemüse (Spargel) dabei, aber das Säurerückgrat bleibt immer erhalten. Vor allem der 2010er war ein Knaller: straff, erfrischend, saftig, mundfüllend, dicht und lang. Ein außerordentlich guter Sauvignon, der nicht aus dem Holz kommt.

Eine ganz andere Lesart des Sauvignon bietet der Te Koko. Dieser wird komplett spontan vergoren und landet in kleinen französischen Holzfässern, in geringen Anteilen neu. Die Idee stammt vom Anfang der 1990er, also von jenem Team, das heute Dog Point betreibt. Damals war es wohl der erste Wein in Neuseeland, der spontan vergoren wurde (so zumindest meine Informationen). Der Wein macht in Teilen einen biologischen Säureabbau durch, ist viel cremiger und voller als der normale Sauvignon Blanc. Ich mag ja diese Art, mit Sauvignon umzugehen auch in den Lagenweinen von Vacheron, dem Section 94 von Dog Point oder anderen holzbasierten Sauvignons (Daguenau, Tement, Gross, Terlan etc), wenn es nicht zu viel Holz ist. Der sonst oftmals so plakativ wirkende Sauvignon Blanc bekommt dadurch eine ganz andere Feinheit und Dichte. Das merkt man beim Te koko, auch wenn hier die Grenzen des Machbaren für mich noch nicht erreicht sind. Der Wein hat mir gut gefallen, war aber etwas zu glatt und definitiv sehr jung. Auch den Te Koko würde ich gerne mal in einer Jahrgangstiefe erleben. Vielleicht ist das nächstes Jahr auf dem Weingut möglich.

Was mich schon immer angemacht hat, war der Pinot Noir von Cloudy Bay, der so gar nicht versucht, irgendwelchen französischen Vorbildern nahezukommen. Sehr eigenständig ist er, mit nur leichter Holznase und vor allem viel Frucht. Wenn ich ihn in eine Vergleichsprobe packen wollte, würde ich Pinot aus dem Sancerre, Elsass und von Mosel und Ahr mit daneben stellen.

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Tim Heath, Chief Winemaker

Kühlt und komplex steht der Te Wahi Pinot Noir da, den ich zum ersten Mal probiert habe. Die Frucht stammt nicht aus Marlborough sondern aus Central Otago, wo die Reben geerntet und vergoren werden, bevor der Wein dann ins heimatliche Weingut gebracht und ausgebaut wird. Der Wein wirkt im Aromenspektrum deutlich dunkler als der eher rotfruchtige und erdbeerige Marlborough Pinot Noir. Hier gibt es Blaubeeren, Brombeeren, Sauerkirsche und mehr Unterholz. Am Gaumen findet sich eine ausgewogene Mischung aus roter und dunkler Beerenfrucht und Erde. Der Wein ist schön frisch, hat eine angenehme Säure und ein zurückhaltendes Holz bei feinem Tannin und einer erstaunlichen Länge. Das war für mich neben dem 2010er Sauvignon Blanc deutlich der Wein des Abends.


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