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Dog Point Pinot Noir 2009, Marlborough

11/Mrz/13 22:30 kategorisiert in: Alles Bio, Pinot Noir / Spätburgunder, Rot, Neuseeland

Es ist eine ganze Zeit her, dass ich neuseeländischen Pinot Noir getrunken habe. Es ist zu lange her. Bisher haben mich die Pinots von der Insel ob ihrer ausgezeichneten Qualität überzeugt, und so war es auch diesmal. Es gab den Wein zu handgemachten Tagliatelle, Kräutersaitlingen und Lamm, dass ich vorher in frischen, dezent aromatischen Salbei und Knoblauch eingelegt hatte. Dazu gab es warmen Radicchio aus dem Ofen, eingelegt in Öl und Balsamico. Das war die passende Kombination für einen Wein, der eine fabelhafte Balance zwischen purer Trinkfreude und Anspruch bietet. Normalerweise schreibe ich hier über Weine, die ich über mindestens zwei Tage verkostet habe, beim Dog Point ist mir dies nicht gelungen. Wir haben ihn ziemlich schnell geleert.

© Dog Point. Ivan Sutherland und James Healy

© Dog Point. Ivan Sutherland und James Healy

Der Wein erinnert mich in seiner Stilistik eher an deutschen Spätburgunder denn an Frankreich. Schon gar nicht erinnert er mich an Weine aus Australien oder Kalifornien. Der Dog Point  ist eher der fruchtige Vertreter. Hier finden sich frische Früchte – die Betonung liegt die ganze Zeit über auf Frische – eingebettet in eine erdige und würzige Note. Das Holz – immerhin lag der Wein 18 Monate im Fass – ist zurückhaltend. Der Wein wurde auch nur zum Teil in neuem Holz ausgebaut. Auch wenn der Wein eigentlich noch zu jung ist – am Gaumen findet sich das Holz etwas mehr im Vordergrund, was sich irgendwann ändern wird, und zwar dann, wenn auch die Frucht ein wenig in den Hintergrund tritt – macht das Trinken einfach Spaß. Hier ist nichts schwer, nicht überreif, nichts zu konzentriert. Das mag ich. Leider ist der Wein relativ teuer, was mich davon abhält, ein paar mehr Flaschen in den Keller zu legen.

Dog_Point Pinot 2009

Dog Point übrigens gehört den Ehepaaren Sutherland und Healy. Beide hatten früher führende Positionen beim Icon-weingut Cloudy Bay. Ich schätze, dass sie das Gut verlassen haben, als dieses an Veuve Cliquot verkauft wurde. Sie wollte mehr "Hands on" machen. Ihr Spezial-Sauvignon Blanc wurde gerade von irgendwem zum besten Sauvignon Blanc Neuseelands gekührt und wenn ich Jamie Goode lese, dann ich das wohl auch keine ganz absurde Einschätzung. Vielleicht komme ich noch mal dazu, den Sauvignon Blanc des Gutes zu trinken und den Chardonnay, denn der soll auch ganz hervorragend sein.

Gekauft bei Tesdorpf für € 29.90

2011er Große Gewächse Rheingau, Franken, Baden – ein kleines Probenfazit

Letzte Woche Montag war ich noch mal im Louis C. Jacob, um beim Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) die Großen Gewächse aus dem Rheingau, Franken, Baden und Württemberg zu probieren. Ich sage direkt, ich konnte nicht die gesamte Zeit verweilen, und so musste ich dieses Jahr Württemberg außen vor lassen. Das ist schade, jedoch leider nicht zu ändern. ich habe mich schlichtweg zu lange im Rheingau aufgehalten, bildlich gesprochen. Nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte. Das hat mir in diesem Jahr viel mehr Spaß gemacht als in den Jahren zuvor.

Rheingau
Es tut sich was im Rheingau. Das postuliert nicht nur Dirk Würtz, das kann man auch schmecken – unter anderem und nicht zuletzt bei Dirk Würtz und seinen Weinen, die er bei Balthasar Ress gemacht hat. Doch dazu später. Ich habe mich im letzten Artikel zu den Großen Gewächsen dazu entschieden, ein besonderes Gewächs hervorzuheben und eine Kollektion. Diese Idee wird dann kompliziert, in die Tat umgesetzt zu werden, wenn die Kollektionen so unterschiedlich umfangreich sind: Ein Winzer bringt zwei Weine mit, der andere sechs. Und im Rheingau beispielsweise viel es mir wirklich schwer. Sowohl bei der Einzelbewertung, als auch bei der Kollektion. Trotzdem habe ich mich entschieden, und diese Entscheidung ist ein Statement, und zwar eins für den Einzug der Moderne in dieser Traditionsweinlandschaft. Es ist immer so eine Sache mit der Tradition, vor allem, wenn man sich auf ihr ausruht. Und wenn dann Weine entstehen, die eigentlich nicht mehr zur Qualitätsspitze gehören. Darüber ist in letzter Zeit viel geschrieben und diskutiert worden – die Problematik gut zusammengefasst findet man bei vinositas. Bei der GG-Probe jedoch musste ich feststellen, das sich etwas tut. Hier finden sich vielleicht nicht die überragenden Weine eines Keller, Wittmann oder Battenfeld-Spanier, hier finden sich jedoch Große Gewächse, die ihren Namen verdienen und die in ihrer Stilistik sehr unterschiedlich sind – nicht nur, was Lagentypizität angeht. Es finden sich Weine, die ich bisher nicht unbedingt ins Rheingau verortet hätte.

Rheingau – Einzelweine
Es sind in diesem Jahr zwei Weingüter, deren Weine mich stark beeindruckt haben. Hervorheben möchte ich den Nussbrunnen von Balthasar-Ress und auch den Berg Schlossberg. Ersterer offen, mit einer faszinierenden Note von Zimt und weihnachtlichen Gewürzen. Der Wein ist gerade jetzt ungemein geschmeidig, weich und zugänglich, dabei komplex und tief. Der Berg Schlossberg wirkt etwas verschlossener (nein, kein Wortspiel), kühler, mineralischer, mit einer deutlichen Lakritznote. Dazu kommen Kräuter und ein paar Blumen. Auch diesen Riesling mag man so weg trinken aus purer Lust am Wein – auch wenn ihm Zeit noch gut tun wird. Wenn ich einen Wein aus der Kollektion der Georg-Müller-Stiftung hervorheben soll, dann ist es das Hattenheimer Schützenhaus. Spielerische Leichtigkeit triff auf ein Holzfass, das seltsamerweise mitten in einer Blumenwiese steht. Diese beiden Weine, bzw. Kollektionen von Dirk Würtz und Alf Ewald zeigen mir, wo es im Rheingau unter anderem hingehen kann und ich glaube, dass man hier in den nächsten Jahren noch Einiges erwarten kann, denn die beiden stehen bei den jeweiligen Gütern erst am Anfang. Klassischer, jedoch auch ausgezeichnet war der Berg Rottland vom Weingut Johannishof, die Hochheimer Hölle von Künstler und der Kiedricher Gräfenberg von Robert Weil, ein leiser, unaufgeregter Wein, der mir selten so zugesagt hat, wie in diesem Jahr. Etwas gereift und besonders hervorzuheben wäre für mich noch der 2010er Wisselbrunnen von Knyphausen und das 2008er Oestricher Lenchen "Rosengarten" vom Weingut Josef Spreitzer.

Rheingau – Kollektion
Wenn ich etwas nicht erwartet hatte, dann war es die im Holz gereifte Riesling-Kollektion von Alf Ewald, Beitriebsleiter der Georg-Müller-Stiftung. Die Rieslinge 2011er Hattenheimer Nussebrunnen, 2011er Hattenheimer Schützenhaus und der 2009er Hattenheimer Hassel zeigen auf beeindruckende Weise eine Alternative zu ausgetretenen Pfaden. Ich war bisher nicht unbedingt positiv eingestellt gegenüber spürbarem Holz im Riesling. Diese Weine haben mich jedoch eines Besseren belehrt. Es funktioniert also, wenn man es kann, denn die Leichtigkeit, das Verspielte, das den Riesling so einzigartig macht, geht dem Wein nicht verloren sondern stellt sich eher in einen Kontrast und in eine gleichzeitige Verbindung zu der Ernsthaftigkeit und Erdverbundenheit, die das Holz bietet. Das Gut, dass ich bis vor kurzem nur dem Namen nach kannte – vor kurzem trank ich einen ausgesprochen schönen Frühburgunder – ist eines, dass ich auf jeden Fall verstärkt im Auge behalten werde. Was mir wirklich Spaß gemacht hat war das Verweilen am Stand vom Baron Knyphausen. Nicht nur gefiel mir die aktuelle Kollektion, wir konnten auch Weine abseits der Großen Gewächse probieren, beispielsweise den Riesling Royal Blue, Imperial Yellow und Constitutional Green, Riesling-Auslesen von trocken bis süß, ebenfalls immer mit spürbarer Holznote und durchaus begeisternd.

Franken
Die Franken hatten es nicht in der letzten Zeit. Hagel und vor allem Fröste haben ihnen schwer zu Schaffen gemacht. Das was bei der GG-Probe geboten wurde war jedoch meist ganz ausgezeichnet, und zwar bei Silvaner, Spätburgunder und Riesling.

Franken – Einzelweine
Der Wein, den ich in einer Vertikale von 2008 bis 2011 zuerst probiert habe, gehörte für mich auch zu den besten. Der 2011er Silvaner Kapellenberg "Mönchshof" von Bickel-Stumpf ist frisch, klar, absolut terroirbetont (Muschelkalk) und präzise, dazu balanciert und mit feiner Komplexität. So kann, ja sollte Silvaner häufiger schmecken. Ähnlich klar und fokusiert, ohne Schnörkel, jedoch etwas komplexer und cremiger die beiden Weine von Horst Sauer. Der 2011er Silvaner und Riesling aus dem Escherndorfer Lump begeisterten mich ebenso wie mindestens zwei Weine vom Weingut Rudolf Fürst, nämlich die 2010er Spätburgunder Klingenberger Schlossberg und Burgstädter Hundsrück. Das ist klassischer, deutscher Spätburgunder auf höchstem Niveau.

Franken – Kollektion
Das ist dann auch meine Wahl für meine persönliche fränkische Kollektion des Jahren: Rudolf Fürsts Riesling 2011er Bürgstädter Centgrafenberg ist ebenso gelungen wie die ganze Riege der Spätburgunder, wo mich der 2010er Hundsrück in seiner Offenheit, Frische und gleichzeitiger Tiefe genauso beeindruckt hat wie der Schlossberg, der für mich lediglich von einem einzigen badischen Spätburgunder geschlagen wurde. Der 2008er, der gereifte Schlossberg zeigt dann deutlich, wie viel Substanz und Komplexität in Zukunft zu erwarten sein wird.

Baden
Wenn man Baden nach Franken probiert, muss man aufpassen, dass einem nach den teils sehr klaren und präzisen, auf das Wesentliche reduzierten Rieslinge und Silvaner die Breite der badischen Burgunder nicht erschrickt. So habe ich eine sanfte Überleitung von fränkischen Pinots zu badischen gefunden. Ich stelle immer wiederfest, dass ich auf Weiß- und Grauburgunder meist (meist, nicht immer) verzichten kann. Sie können tolle Weine sein, aber berühren tun sie mich selten. Das hat auch heuer niemand geschafft. Bei den Pinots war das anders.

Baden – Einzelweine und Kollektion
So sind es auch die Spätburgunder-Spezialisten, die mich gepackt haben. Einzelweine und Kollektion sind hier für mich nicht zu trennen. Sie überschneiden sich und es sind genau zwei Weingüter, deren Weine mich gefesselt haben. Der 2010er Schlossberg von Bernhard Huber war für mich der Wein der Probe. Moderner als die Weine von Rudolf Fürst aus Franken, noch offener, weicher, doch ebenso komplex. Ein saftiger, jetzt schon unglaublicher leckerer Wein. Die beiden anderen Weine Hubers, der Bienenberg und die Sommerhalde stehen kaum nach, sind stilistisch jedoch anders. Großartig auch die weißen und späten Burgunder von Salwey. Wenn man die Weine nach denen Hubers probiert, haben sie es zunächst ein wenig schwer, denn die Macht der Huberschen Weine ist beeindruckend. Wenn man aus dieser Aura wieder raus ist und sich ganz den Salweyschen Weinen widmen kann, macht es Spaß. Vor allem der frische, ganz gradlinige Henkenberg gehörte für mich zu den besten Weinen des Tages.

Fazit
Neben dem Fazit des ersten Tages, das man hier nachlesen kann, würde ich mich jetzt nur wiederholen. Rheingau war spannender als erwartet, in Franken überrascht mich immer wieder die Vielfalt auf hohem Niveau und in Baden finde ich mal wieder Rotweine, in denen ich baden möchte von denen ich mir gerne eine Kiste oder zwei in den Keller legen würde. Weine, die den Spagat schaffen zwischen komplexer Tiefe lustvoller Saftigkeit.

 

P.S.: Hendrik Thoma war diesmal auch da, aber der kleine Jacob und sein Bistro hat sich unserer trotzdem nicht erbarmt.

2011er Große Gewächse Mosel, Nahe, Rheinhessen und Pfalz – ein kleines Probenfazit

Vorgestern war ich den Nachmittag über beim Verband der Deutschen Prädikatsweingüter, bzw. beim VDP – Verband der Prädikatsweingüter (VDP). Er hatte mir die Chance gegeben, die Großen Gewächse von Mosel, Nahe, Rheinhessen und Pfalz zu probieren. Die eigentliche Probe findet immer im Herbst statt, wenn die Großen Gewächse (GG) gerade abgefüllt sind, aber da konnte ich nicht und dann hat der VDP gesagt, ok, dann laden wir halt noch mal im Januar ein, und ob es im Louis C. Jacob denn recht wäre? Und ich dachte, ja gut, wenn es denn nicht normaler geht und ich nicht immer Angst haben muss, dem Geist von Hendrik Thoma in diesen Heiligen Hallen zu begegnen. Und wenn Sie die Krönung ihres Schaffens im Sterneambiente präsentieren mögen, dann sollen sie es halt tun.

Großes Gewächse sind das Ergebnis einer Idee. Die Idee geht etwa so, dass man mal allen zeigen wollte, dass Deutschland nicht nur süß kann und da Spitze ist, sondern dass es auch trocken geht. Vor allem mit Riesling, seltener mit Bacchus. Vielleicht aber ginge es auch mit Bacchus, denn es gibt natürlich Winzer, die weniger Wert auf die Rebsorte legen denn aufs Trottoir Terroir. Das Terroir bestimmt die Güte des Weins. Natürlich funktioniert Terroir nicht wirklich mit Bacchus. Es sollte schon eine edlere Rebsorte sein. Sonst würde das auch nicht mit dem Luis C. Jacob funktionieren, denn das Louis C. Jacob duldet keinen Bacchus.

Die Großen Gewächse sollen in Deutschland die Spitze einer Qualitätspyramide darstellen, in der es die Basis der Gutsweine gibt, dann die höhere Qualität der Ortsweine und dann die Lagenweine, deren Spitze das Große Gewächs darstellt. Das ist ein bisschen so wie im Burgund. Da gibt es den Burgunder und die Ortslagen und die Premier Cru und die Grand Cru. Ehrlich gesagt, in den unteren Kategorien ist man normalerweise viel besser als im Burgund. Nur oben, da muss man das noch beweisen. Genau deshalb gibt es die Großen Gewächse. Kurz gesagt. Andere können das viel besser erklären, aber fürs Erste reicht es.

Vorgestern also Mosel, Nahe, Rheinhessen und Pfalz und damit die wichtigsten Gebiete für die Großen Riesling Gewächse. Der Rheingau fehlt, aber da heißen die sowieso Erste Gewächse und darüber hinaus gibt es ja böse Zungen die sagen, "kennse einen kennse alle". Also, ich habe das jetzt nicht gesagt, ich habe ja auch nicht so einen Slang und bevor ich das beurteile, probiere ich erst einmal nächsten Montag, denn dann geht es weiter mit dem VDP und den Großen Gewächsen, dann gibt es auch noch Baden und Franken und die Ahr mit dazu und es wird deutlich mehr Rotwein geben.

Nun also einen ernsthaften Überblick über meine persönlichen Entdeckungen bzw. Bestätigungen. Eine Große Gewächsprobe ist seltener ein Ort, wo man wirklich überrascht wird sondern eher einer, wo man seine vorgefasst Meinung bestätigt oder ein wenig redigiert. Überhaupt ist so eine GG-Probe meist eine intellektuelle Herausforderung. Das sind keine Spaßweine, die dort eingeschenkt werden sondern im besten Fall hochkomplexe Gewächse, die dort von 50 Weingütern angeboten werden. Häufig haben die Weingüter auch noch mehrere Große Gewächse im Angebot, so dass man in einer begrenzten Zeit gerne auf 150 Weine kommt.

Mosel
Die Mosel gehört nicht zu den Gebieten, in denen der Riesling allzu gerne besonders trocken ausgebaut wird, die Schieferlagen unterschiedlicher Couleur mögen den Restzucker und der Restzucker mag den Schiefer. Trotzdem ist dort trockener Riesling möglich und einer, der das am besten hinkriegt, ist Clemens Busch.

Mosel – Kollektion
Die Kollektion des Tages war für mich die von Clemens Busch. Die drei Marienburger Weine aus Rothenpfad, Fahrlay und Falkenlay hauen einem die unterschiedlichen Schieferformationen nur so um die Ohren. Mit den feinen Vertretern eines Haart, Haag oder Prüm haben diese Weine ziemlich wenig zu tun. Extrakt und Mineralität dominieren hier. Und je nach Schiefer wirkt die Frucht und Kräutrigkeit immer wieder anders. Alle Weine sind straff, cremig und kraftvoll.

Mosel – Einzelweine
Faszinierend fand ich die Erdener Weine von Dr. Loosen, Treppchen und Prälat, die jeweils in Halbliter-Flaschen ausgeschenkt werden. Viel Schieferwürze findet sich hier, dabei sind die Weine weich und dicht. Bei von Othergraven gefiel mir der Kanzemer Altenberg, bei S.A. Prüm vor allem der Domprost „Prevot“ und die Sonnenuhr „Devon“ und da speziell die aus 2010.

Nahe
Was an der Nahe passiert, ist begeisternd. Nicht nur bei jenen, die dort vorgestern standen. Gerade auch bei vielen Winzern, die dem VDP gar nicht angehören. Der VDP ist ja der kleine Verein der Weinelite, der Scull & Bones Club der deutschen Winzerszene, gewissermaßen. Und wenn dort sieben oder acht Winzer stehen, dann stehen da natürlich Dutzende nicht. Von diesen sieben oder acht gehören aber mindestens vier zu den besten Winzern Deutschlands.

Nahe – Kollektion
Die Kollektion des Tages fand ich bei Diel. Auch wenn der Ausschenker eigentlich gar keine Zeit für mich hatte, weil er mit seinen Kumpels beschäftigt war, muss ich gestehen: Alle vier angestellten Weine waren zum Niederknien (was ich mir verkniffen habe), speziell der Schlossberg in seiner grapefruitlastigen, etwas exotischen Aromatik und der Burgberg in seiner herbwürzigen, kräutrigen Dichte. Ein Wein kurz vor Erreichen der Buddha-Natur.

Nahe – Einzelweine
Dann Dönnhoff, gut wie immer bei den Großen Gewächsen, Felsentürmchen, Dellchen, Hermannshöhle, die Expressivität und Eleganz schraubt sich Wein für Wein hoch. Bei der Hermannshöhle ist dies alles fein gewoben, lang, charmant, einer der besten Weine, die ich gestern getrunken habe. Auf ähnlichem Niveau bewegt sich das Frühlingsplätzchen von Emrich-Schönleber. Eine Espresso-Nase überrumpelt mich, dann kommen Kräuter, ein Hauch Vanille, Stein und alles cremig und rund, dabei fein und tänzelnd. Bei Schäfer-Fröhlich gab es „nur noch“ Felsenberg und Felseneck. Was für ein Unterschied zu Dönnhoff und Schönleber. Der Felsenberg wirkt so, als habe er die Kraft, sein eigenes Porphyr-Gestein sprengen zu können (und zu wollen). Ein elektrisierender, fordernder Wein voll gelber und exotischer Früchte, allerdings auch mit einem kleinen Böckser.

Rheinhessen
Der ehemalige Massenweinproduzent brilliert schon seit Jahren beim VDP. Rheinhessen ist für mich das quirligste Gebiet in Deutschland. So unfassbar konservativ es wirkt, wenn man durch die Dörfer fährt, in denen selten mal der Bürgerstein heruntergeklappt zu sein scheint, so fortschrittlich sind die Winzer. Auch hier gilt, dass die, die beim VDP stehen nur die minimale Spitze eines Eisbergs bilden, dessen Sockel an hervorragenden Weinen sehr breit geworden ist.

Rheinhessen – Kollektion
Wer die bemerkenswerteste Kollektion mitgebracht hat, ist für mich leicht zu beantworten. H.O. Spanier hatte Pettenthal und Ölberg (beide Kühling-Gillot) auf dem Tisch stehen, dazu Battenfeld-Spaniers Kirchenstück, Frauenberg und Zellerweg am schwarzen Herrgott. Die Rieslinge werden im Prinzip alle gleich ausgebaut, trotzdem sind Pettenthal und Ölberg so grundverschieden zu den anderen drei Weinen. Das hier sind fünf pure Terroir-Weine. Fünf große Weine. Wobei Pettenthal und Zellertal mich sprachlos zurücklassen, der erste wegen seines warmen, fruchtbetonten Farbenspiels, der andere wegen seiner kühlen, mineralisch-extraktreichen Noten.

Rheinhessen – Einzelweine
Mich hatte es nicht gewundert, aber Daniel Wagners Höllberg und Heerkretz sind wieder ganz vorne mit dabei, der erste offen, unkompliziert schön saftig und rund, letzterer dichter, massiver, verschlossener, aber trotzdem voll, dicht, harmonisch mit viel Grip – auch hier bestimmt der Porphyr die Aromatik.

Wo wäre Rheinhessen ohne Keller und Wittmann? Die beiden haben für das Renomée Rheinhessens unglaublich viel getan und Kellers Kirchspiel und Wittmanns Morstein, vor allem der Morstein, sind Solitäre, Jahre für Jahr, immer wieder faszinierend, auch wenn sie mich kälter lassen als Spaniers und Wagners Weine. Sie sind so hochintellektuell, dass ich sie gerne noch mal mit Ruhe und Zeit verkosten möchte  – in ein paar Jahren. Und, das will ich noch sagen, wenn es um Aulerde oder Kirchspiel geht, dann sollte mehr über das Weingut Groebe geredet werden, denn auch hier gab es die Lagen Aulerde und Kirchspiel und die standen den Wittmannschen Weinen eigentlich nicht nach.

Pfalz
Das Land, in dem die Mittelhaardt die Vorraussetzung für große Weine liefert, passt für mich am besten zur Idee der Großen Gewächse. Allein die Namen der Traditionslagen wie Ungeheuer, Mandelpfad, Reiterpfad oder Hohenmorgen haben etwas Aristokratisches und erinnern mich viel eher an die großen Burgunder-Namen als Dellchen oder Frühlingsplätzchen. Hier kommen neben Riesling auch Weiß- und Spätburgunder ins Spiel.

Pfalz – Kollektion
Leider konnte ich der Pfalz nicht so viel aufmerksam widmen wie den anderen Gebieten, dafür war mal wieder zu wenig Zeit. 50 Weingüter in vier Stunden, und allen gerecht werden, das ist nicht einfach. Trotzdem gab es für mich einen klaren Favoriten, was die Klasse der Gesamtbreite der Kollektion anging. Christmanns Reiterpfad, Langenmorgen, Mandelpfad und Idig sind sooo gut. So unterschiedlich und doch so stimmig in ihrer Gesamtheit. Der eine kräutrig, fast tabakig, der andere mit leichtem Parfum, duftig, leicht, der nächste würzig und mineralisch, der Idig schwebt wie immer ein wenig über den anderen, dabei traut man ihm das Schweben gar nicht zu, so fest gewirkt und dicht, so konzentriert und erdverbunden wirkt er.

Pfalz – Einzelweine
Die Weine von Knipser haben mir wieder ausnehmend gut gefallen, besonders die Weine aus dem Mandelpfad – Riesling und Pinot Noir. Dr. Bürklin-Wolf hatte aus 2011 lediglich den Gaisböhl dabei, aber ich trinke da eh lieber die reiferen Weine (die sie ebenfalls mitgebracht hatten), wie den saftigen 2008er Gaisböhl oder einen brillanten 2007er Hohenmorgen. Beckers Spätburgunder St. Paul würde ich mir gerne in den Keller legen, Siegrists 2008er Sonnenberg Pinot Noir genauso wie den 2007er Sonnenschein Spätburgunder von Rebholz, auch wenn dessen Holz immer noch recht weit vorne steht. Auch Rebholz' Riesling Im Sonnenschein gehörte bei der Pfalz mit zu meinen Favoriten.  Von Winning hatte ich mir für die letzten Gläser aufgespart, doch bekam ich lediglich die letzte Pfütze aus Kalkofen und Kirchenstück. Das muss ich noch mal in Ruhe auf ein Neues probieren.

Fazit
Auch wenn manch ein Wein jahrgangsbedingt mit einem Zuviel an Alkohol und einem Zuwenig an Säure zu kämpfen hatte, präsentiert sich 2011 als sehr gelungenes, ziemlich homogenes Jahr für die S-Klasse der trockenen deutschen Weine. Sind mir in den vergangenen Jahren noch Weine begegnet, denen ich das GG-Qualitätssiegel nicht zugesprochen hätte, habe ich solche Weine vorgestern kaum erlebt – begeisternde Weine dagegen eine ganze Menge. Das Große Gewächs ist ausdrücklich kein Wein für den schnellen Konsum. Er ist ein Wein für die Sterneküche, ein Wein für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Produkt, einer, der dafür prädestiniert ist, in Weinrunden unter Weinfreunden auseinandergenommen, begutachtet und wieder zusammengesetzt zu werden. Er ist schließlich ein Wein, der Zeit braucht, so wie er schon im Keller auf der Hefe mehr Zeit bekommt als die anderen Weine des Hauses. Im besten Fall, zum Beispiel beim Pettenthal von Kühling-Gillot oder beim Heerkretz von Wagner-Stempel oder beim Frühlingsplätzchen von Emrich-Schönleber vereinigt das Große Gewächs pure Trinkfreude mit großer Komplexität und Tiefe. In einem anderen besten Fall, Wittmanns Morstein oder Battenfeld-Spaniers Kirchenstück überrascht der Wein mit einem Ausdruck so puren Terroirs, das einem schon mal die Spucke wegbleiben kann. Schlussendlich glaube ich, dass die Idee des Großen Gewächses auf einem guten Weg ist. Und auch wenn die Preise langsam und stetig weiter anziehen, hat man hier fast immer viel mehr im Glas, als ich es im Burgund auf diesem preislichen Niveau finden kann.

Na, und irgendwie war es dann auch egal, dass es im Louis C. Jacob stattgefunden hat, denn die haben nicht mal das Bistro früher geöffnet, so dass wir nicht mal unseren Heißhunger stillen konnten, auch nicht der Thoma, aber da war eh nicht da.

Weihnachten bei Originalverkorkt

So ist das manchmal: In der FAZ empfehle ich deutsche Weine zum Fest, und zwei Stunden, nachdem ich die letzten Weine für den Artikel probiert habe haut mich die Grippe nachhaltig um. So werden meine Weinachtstage eher Teenachtstage – man möge mir dieses reichlich verquaste stilistische Mittel verzeihen. Glücklicherweise jedoch konnte ich meine persönliche Bescherung, was die Weine angeht, schon vorziehen, denn in der Nacht zum dritten Advent gab es eine Einladung zu einem denkwürdigen Weinabend.

Unser Gastgeber ist tief in seinen Keller gestiegen und hat dort Weine gefunden und zu Paaren zusammengestellt, die uns sehr beeindruckt haben. Manchmal passt es einfach von vorne bis hinten. Und so war es in diesem Fall.

Deutz Blanc de Blancs 2004
Den klassischen Auftakt bildete ein opulenter Jahrgangschampagner von Deutz, der mir direkt die Sinne geschärft hat. Ein harmonisches Zusammenspiel von Hefe- und Fruchtnoten in der Nase – feines Brioche, eine Mandelnote, dazu Orangenschale und etwas Grapefruit. Das alles trifft auf viele Champagner zu, doch hier war es ein ziemlich perfektes Zusammenspiel von Kraft und kreidig-kalkiger Klarheit einerseits – Côte de Blancs eben – und einer deutlichen, rotbeerigen Frucht andererseits – das hatte mich auf eine Cuvée mit Pinot schließen lassen -, von feiner Säure und Mineralik, von leichter Süße und reifen Noten, von aromatischer Breite und substantieller Länge. Ein wirklich ausgezeichnet gereifter Wein von einem der vielen deutschstämmigen Häuser, dass ich bisher nur wahrgenommen habe, dessen Weine ich jedoch nie probiert habe.

Cuilleron, Saint-Joseph 2003
Cuilleron, Condrieu 2003

Manchmal bin ich einfach aufgeschmissen. Ich probiere Weine, und versuche die Struktur und die Aromatik, ja das innere Wesen des Weins zu ergründen und abzugleichen. Es ist natürlich der Spaß unserer Weinrunde, solche Weine blind zu probieren, denn es schärft die Sinne. In diesem Fall jedoch kam ich bei aller Suche nicht zu einem Ergebnis. Dass es französische Weine sein würden, war wahrscheinlich. Mehr nicht. Weiße Bordeaux? Da fehlte die salzige Note. Gereiftes Burgund? Da fehlte die crémige Note. Loire? Da fehlt der immer irgendwo mitschwingende Hauch von Birne. Und auf den Norden der Rhône zu kommen – dafür fehlt mir bei Weißweinen einfach die Erfahrung mit der Region.

Zunächst der Condrieu. Reinsortiger Viognier, neun Jahre gereift, goldgelb stand er im Glas. In der Nase ein Duft von eingelegten Kräutern und Limonenschalen – so ein bisschen wie Gin. Dazu ein gereifter Muskatton, Rauch, etwas Speck habe ich mir notiert. Ein Holzton kam dazu und eine klare Säure. Ein gereifter Tropfen mit einer schönen Substanz und guten Länge und vor allem etwas, was den Horizont erweitert.

So wie der Saint-Joseph – der Wein des gleichen Winzers aus dem gleichen Jahr, ebenfalls an der Nordrhône beheimatet, besteht zu 100% aus Rousanne. Rousanne wird wirklich selten reinsortig ausgebaut, viel eher in Kombination mit Marsanne, zum Beispiel in weißem Hermitage. Hier ist das goldene Gelb schon tiefdunkel. Der Duft ist erfüllt von Buttercrème und Karamell, so wie in England frisches Butterfudge duftet. Dazu Mandeln, leicht geröstet, hinten raus eine leicht bittere Note. Insgesamt breit mit relativ wenig Säure. Ein Wein, der zum richtigen Zeitpunkt getrunken wurde – und zwar mit viel Vergnügen.

Georg Breuer, Berg Schlossberg 2002
Keller, Hubacker Max 2000
Im Allgemeinen bin ich kein großer Fan Breuerscher Weine. Im Besonderen aber war das ein genialer Wein: Crémig, mit leichter, sehr dezenter Süße, in der Nase ein Hauch von Gummi, leicht salzig, dazu Aprikose, Kräuter, Feuerstein und etwas Firniss. Am Gaumen straight, fokussiert, klar, keine Schwere oder Breite, dafür jedoch lang und komplex mit einer wunderbaren Note von trockenen Kräutern und Süßholz. Das war ein kleines Gesamtkunstwerk, das für sich genommen wohl noch heller gestrahlt hätte, wenn ihm der Hubacker Max nicht ein wenig die Schau gestohlen hätte. Der ist rheinhessisch dichter und opulenter, hat von allem mehr. Das macht ihn sehr verführerisch. Da sticht die Rampensau den Pantominen aus, doch beide brillieren in ihrem Fach. Der Hubacker: ungemein frisch, mit Grapefruit und Limetten, dazu Mango, Maracuja und Steinobst. Das alles zusammengeworfen und mit Kräutern und Würze vom Stein abgeschmeckt. Alles fügt sich hier ineinander. Es ist von allem viel, ich sagte es schon, doch nie zu viel. Der Max ist rund und harmonisch, dicht und lang, fein in seiner Exaltiertheit – und hat noch viele gute Jahre vor sich.

Domaine de Chevalier, Grand Cru Classé de Graves 2000
Château Laville Haut-Brion  Cru Classé de Graves 1979
Und dann kam Bordeaux. Und das Erste, was mir beim Schnuppern des Chevalier in den Sinn kam war: Leider geil! Ein ganz selten genossener Duft, der mich an Reisgrütze erinnert hat, verbunden mit einer leichten Süße. Dazu ein Hauch von nassem Holz und Mandeln. Dann Pilze und Kalk. Mir kam in den Sinn: Ein calvinistisch strenger Wein von seltener Schönheit – sehr tief, sehr klar, kein bisschen verspielt. Neben all der Pilzrisotto-Aromatik gab es dann doch noch einen Hauch von Frucht: eine oxydierte Birne schaute vorbei und bei zunehmender Zeit im Glas zeigte sich immer mehr Mineralik.

Der 1979er Haut-Brion hatte leider etwas Kork. Das war nicht sehr störend, veränderte jedoch den Wein. Ich verweise mal auf diesen Artikel, wo ich den Wein schon mal besprochen habe, denn es gab ihn schon mal in vertrauter Runde.

Cantina del Glicine, 1998 Curà Barbaresco
Gaja, 1982 Sori’ Tildin Barbareso
Beim ersten Rotwein-Paar war es wieder die Annäherung an etwas Unbekanntes. Ich habe noch wenig Erfahrung mit gereiftem Piemont. Ausserdem nähern sich die Weine an, je älter sie werden. Wenn die Primärfrucht schwindet, verliert der Wein damit auch einige typische Identifikationsmerkmale. Es wird schwieriger. Im ersten Moment war ich bei den beiden Weinen im Bordeaux, dann hatte ich tatsächlich eine Idee von Piemont, um dann im Burgund zu landen – was die Mehrheitsmeinung am Tisch war und ich konnte meine Piemont-Ahnung nicht wirklich begründen. Der Wein der Curà ist mir nicht wirklich in Erinnerung geblieben. Er wirkte ein wenig müde. Leicht röstige, warme Frucht, hier fehlte das Säurekorsett.

Der Sori’ Tildin dagegen ist in Würde gealtert. Beeindruckend. Punkt. Wenn ich nicht irre, ist es das Flaggschiff aus dem Hause Gaja – was den Barbaresco angeht – und aktuelle Weine gehen Richtung 300 Euro die Flasche. Der 1982er ist gar nicht mehr zu finden. 1982 war ein Spitzenjahr im Piemont und das merkte man dem Wein an. Viel Stoff und Substanz war hier noch vorhanden: In der Nase Paprika und Pfeffer, eine leichte Parfum-Note, die ich nicht genauer identifizieren konnte. Dazu etwas Kräutrig-Medizinisches, als hätte Magenbitter in alten Fässern gelegen. Ausgesprochen weiches Tannin und eine feine Säure rundete den Wein ab – eine echte Freude.

Fritz Waßmer Pinot Noir 2003
Domaine Doudet-Naudin, Musigny 1967
Beim Fritz Waßmer habe ich nicht lange gezögert, den Wein als deutschen Pinot einzustufen. Zu klar die deutsche Spätburgunder-Aromatik, dazu etwas viel Würze, wie ich sie auch sonst schon bei Fritz Waßmers Weinen bemängelt habe. Ein Würze wie Würzkonzentrat. Also in der Nase Erdbeere, Himbeere, Vanillequark, dazu Mokka. Am Gaumen etwas schlicht mit Erdbeer-Vanille-Marmelade als Aromabombe. Das ist dann einfach zu simpel, wenn man einen solch erstaunlichen Sidekick hat.

Ich dachte ja, der Kollege wäre vielleicht 5, 6 Jahre älter als der Waßmer. Und ich konnte mich nicht recht entscheiden, ob das jetzt Burgund war oder vielleicht Oregon. Der Wein erschien mir für Burgund einen Ticken zu süß und zu konzentriert, allerdings war der Alkohol zurückhaltend. Auf jeden Fall wurde dieser Wein ganz klar von einer französischen Pinot-Frucht beherrscht, unterlegt mit Holz und etwas Tabak. Dass er aus dem Jahr 1967 stammt ist eigentlich sensationell und ich frage mich bis jetzt, in welchem Paralleluniversum diese Flasche Jahrzehnte lang gesteckt haben mag. Der Jahrgang war jetzt nicht so besonders uns da stand ein Wein vor uns, der zwar gereift war, aber eben eher so, als käme er aus den Neunzigern.

Château Pichon Longueville Baron, 2ème Cru Classé Pauillac, 1961
Château Cheval Blanc, 1er Grand Cru Classé de St. Emilion, 1971
Das Paar war sicher das Highlight des Abends. Es war klar, wir hatten zwei gereifte Bordeaux im Glas. Aber älter, als Mitte der achtziger hätte ich die beiden Weine nicht eingeschätzt. Der Pichon beeindruckte durch eine noch deutlich wahrnehmbare Note von Cassis, unterlegt mit Salz, mit Paprika und Tomatenessenz. Ein typischer gereifter Cabernet, dessen medizinale Noten durch etwas Metallisches ergänzt wurden. Ein feiner Geschmack im Mund, harmonisch, leichtfüssig, auch hier das Medizinische, Jod, leichtes Süße…

Der Cheval Blanc?. Ich hätte ihn gar nicht trinken müssen. Schnuppern hätte gereicht. Der Duft schon war so komplex, gar nicht zu beschreiben. Ein Wein wie eine Meditationsgrundlage. Kraft und Finesse in der Nase, Finesse und ein schlanker Körper am Gaumen. Alles passt: der Pfeffer, die Tomatenessenz, die Frucht, das Tannin. Wenn ich hin und wieder einen solchen Wein trinken darf, möchte ich auf fast alles andere an Weinen verzichten.

Markus Molitor, Zeltinger Sonnenuhr Auslese** 1993
Fritz Haag, Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese 1993
Natürlich gab es noch süßen Wein, schon um die Geschmacksnerven zu beruhigen. Zwei brillante, klare, mit jugendlicher Frische beeindruckende Rieslinge, die die nächtliche Runde irgendwann beendeten. Ich muss gestehen, meine Zunge war etwas müde und sie ist auch irgendwie beim Cheval Blanc zurück geblieben. Und doch, der Haag: Rieslingfrucht und Gummi in der Nase, dazu eine leichte, spürbare Süße, deutliche Orangenzesten. Am Gaumen leicht, frisch, klar, strukturiert mit feiner Schieferwürze. Der Molitor dagegen war etwas crémiger, buttriger, etwas süffiger mit einem schönen Spiel von Orangenfrucht, frisch und kandiert.

Jetzt, jetzt würde ich diese beiden Weine noch lieber trinken. An so einem Sonntag, wo der Schnee vom Regen in den Matsch gedrückt wird und Der kleine Lord im Fernsehen läuft. Da würde ich solche Auslesen gerne noch mal verkosten – wenn ich denn was schmecken würde. So bleibt mir nur die lebhafte Erinnerung.

Und es bleibt mir, Euch schöne Weihnachten zu wünschen, hoffentlich mit einem guten Wein zum Festtagsbraten!


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