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Cloudy Bay, eine kleine Sauvignon-Blanc-Vertikale und ein besonders schöner Pinot Noir

Vorletzte Woche musste ich schmunzeln. Ich kam gerade vom Gespräch mit Penfolds Chief Winemaker Peter Gago als ich eine Einladung zu einem kleinen get together mit dem nächsten Chief Winemaker bekam. Es handelte sich dabei um Tim Heath, der die Weine von Cloudy Bay verantwortet. Der war für einen Tag in die Hansestadt gekommen um ein paar Leuten den neuen Jahrgang vorzustellen. Eigentlich hatte ich keine Zeit, bin aber trotzdem hin und habe es nicht bereut.

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Ich muss gestehen, dass ich nicht viel Erfahrung mit Weinen von Cloudy Bay habe. Dieses Weingut liegt außerhalb meines normalen Beuteschemas, so ähnlich wie bei Penfolds. Ich neige ja eher dazu, bei kleinen Weingütern anzuklopfen und nehme das, was die Großen machen, eher am Rande wahr. Das ist nicht immer richtig, wie ich kürzlich auf einer Vergleichsprobe von Jahrgangs-Champagnern feststellen musste, wo ich blind die Weine der berühmten Häuser auch tatsächlich nach vorne gewählt habe, während die Weine einiger von mir verehrten Champagne-Winzer dagegen überhaupt keine Chance hatten.

Alles ist eben relativ. Und so auch bei Cloudy Bay. Es ist das berühmteste Weingut Neuseelands, nicht zuletzt deshalb, weil man dort in den ausgehenden 1980er Jahren einen neuen Sauvignon Blanc-Stil kreiert hat, der seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat und stilbildend war. Vor Cloudy Bay gab es wenig beachteten Weinbau. Mit Cloudy Bay hat sich der neuseeländische Weinbau radikal verändert und die Rebflächen haben sich mindestens verdreifacht. Dort, wo in den Siebzigern vor allem Müller-Thurgau stand (der Weinbauverband war von einem Geisenheimer Professor beraten worden), steht jetzt vor allem Sauvigon Blanc aber auch immer mehr Chardonnay, Pinot Noir, Syrah, Grauburgunder, Riesling, Gewüürztraminer und so weiter. Die Bedingungen sind eigentlich ideal für Weinbau. Viel besser beispielsweise als in Australien, wo man ja für jeden Liter Wein etwa 800 Liter Wasser braucht. Neuseeland hat genügend Niederschlag, gute Böden und Meeresklima.

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Cloudy Bay ist vor einigen Jahren vom Luxusgüter-Life-Style-Konzern Louis-Vuitton- Moët-Hennessy (LVHM) übernommen worden und in die Gruppe Estates & Wines eingegliedert worden. So etwas hat Folgen. Vor allem lässt sich das Marketing natürlich ganz anders organisieren und mit so viel Geld im Rücken wird die Marke noch präsenter. Der Weinmacher aber ist derselbe geblieben, nur das Tim Heath jetzt häufiger durch die Gegend reist und präsentiert – und übrigens auch bei den anderen Projekten der Gruppe vorbeischaut, wie beispielsweise beim Chandon-Projekt in Indien. Eine starke Marke wie Cloudy Bay hat zudem immer noch einen preislichen Marken-Aufschlag. So liegt der Wein bei ca. € 24,-, was preislich fünf Euro über meinem Lieblings-Sancerre (Vacheron) und Lieblings-Neuseeland-Sauvignon (Dog Point) liegt. Aber das ist eben der Preis der Marke.

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Zwei, einer ganzen Menge von Weingärten, die zu Cloudy Bay gehören. © Cloudy Bay

Tim Heath hat also den Jahrgang 2014 Cloudy Bay Sauvignon Blanc präsentiert. Der ist natürlich auf der Südhalbkugel entstanden und wurde somit im März/April geerntet und vor ein paar Wochen abgefüllt. Neben der frischen Abfüllung gab es dann eine Reihe weiterer Jahrgänge, und da wurde es wirklich interessant. Der 2014er Sauvignon Blanc ist ultrafrisch, grün, grasig, sehr (Achtung:) mineralisch und nicht mehr exotisch wie in den letzten Jahren. Er wird auch nicht mehr nur im Stahl ausgebaut, sondern in Teilen auch im großen, älteren Holz. Außerdem wird spontan angegoren. Das ist neu und tut dem Wein gut. Was ich nicht erwartet hatte war die Entwicklung des Sauvignons über Jahre hinweg bis zu einem 2009er, der in der Magnum gereift war und immer noch höchst frisch und fruchtig daherkam. Die älteren Weine werden mit der Zeit voller, etwas breiter und cremiger, das Grüne verschwindet ganz, manchmal sind Noten von Gemüse (Spargel) dabei, aber das Säurerückgrat bleibt immer erhalten. Vor allem der 2010er war ein Knaller: straff, erfrischend, saftig, mundfüllend, dicht und lang. Ein außerordentlich guter Sauvignon, der nicht aus dem Holz kommt.

Eine ganz andere Lesart des Sauvignon bietet der Te Koko. Dieser wird komplett spontan vergoren und landet in kleinen französischen Holzfässern, in geringen Anteilen neu. Die Idee stammt vom Anfang der 1990er, also von jenem Team, das heute Dog Point betreibt. Damals war es wohl der erste Wein in Neuseeland, der spontan vergoren wurde (so zumindest meine Informationen). Der Wein macht in Teilen einen biologischen Säureabbau durch, ist viel cremiger und voller als der normale Sauvignon Blanc. Ich mag ja diese Art, mit Sauvignon umzugehen auch in den Lagenweinen von Vacheron, dem Section 94 von Dog Point oder anderen holzbasierten Sauvignons (Daguenau, Tement, Gross, Terlan etc), wenn es nicht zu viel Holz ist. Der sonst oftmals so plakativ wirkende Sauvignon Blanc bekommt dadurch eine ganz andere Feinheit und Dichte. Das merkt man beim Te koko, auch wenn hier die Grenzen des Machbaren für mich noch nicht erreicht sind. Der Wein hat mir gut gefallen, war aber etwas zu glatt und definitiv sehr jung. Auch den Te Koko würde ich gerne mal in einer Jahrgangstiefe erleben. Vielleicht ist das nächstes Jahr auf dem Weingut möglich.

Was mich schon immer angemacht hat, war der Pinot Noir von Cloudy Bay, der so gar nicht versucht, irgendwelchen französischen Vorbildern nahezukommen. Sehr eigenständig ist er, mit nur leichter Holznase und vor allem viel Frucht. Wenn ich ihn in eine Vergleichsprobe packen wollte, würde ich Pinot aus dem Sancerre, Elsass und von Mosel und Ahr mit daneben stellen.

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Tim Heath, Chief Winemaker

Kühlt und komplex steht der Te Wahi Pinot Noir da, den ich zum ersten Mal probiert habe. Die Frucht stammt nicht aus Marlborough sondern aus Central Otago, wo die Reben geerntet und vergoren werden, bevor der Wein dann ins heimatliche Weingut gebracht und ausgebaut wird. Der Wein wirkt im Aromenspektrum deutlich dunkler als der eher rotfruchtige und erdbeerige Marlborough Pinot Noir. Hier gibt es Blaubeeren, Brombeeren, Sauerkirsche und mehr Unterholz. Am Gaumen findet sich eine ausgewogene Mischung aus roter und dunkler Beerenfrucht und Erde. Der Wein ist schön frisch, hat eine angenehme Säure und ein zurückhaltendes Holz bei feinem Tannin und einer erstaunlichen Länge. Das war für mich neben dem 2010er Sauvignon Blanc deutlich der Wein des Abends.

Rosésommer: Wunderbares Burgund

11/Sep/14 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Gamay, Pinot Noir / Spätburgunder, Rosé

Zwei der schönsten Rosé, die mir bisher untergekommen sind, sind die beiden Burgunder-Rosé der Herren Jouveaux und Pataille. Alexandre Jouveauxs Weine sind selten zu finden und ich bin eher durch Zufall in einem Laden in Belgien über die ungewöhnlichen Etiketten gestolpert – bei der Recherche habe ich die Weine dann in meinem meiner Lieblingsblogs gefunden. Jouveaux, ehermaliger Fotograf von Chanel hat sich 1999 ein kleines Stück Land im Mâconnais gekauft. Die Parzellen, auf denen seine fünf Weine entstehen sind so klein, dass er gerade einmal 6.000 Flaschen erzeugt, nicht pro Wein sondern pro Jahr. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb er praktisch nie irgendwo erwähnt wird. Er geht nicht zu Messen, er reicht keine Weine ein, aber diese 6.000 Flaschen sind schneller weg als man gucken kann. Ann-Claude Leflaive, die Grand Dame des Chardonnay soll übrigens eine eifrige Käuferin sein.

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Der Rosé, um den es hier geht ist, wie alle Weine von Jouveaux, ein Tafelwein. Daher kann er damit im Prinzip machen, was er will – der Wein muss kaum vorgegebenen Standards entsprechen außer seinen eigenen. Rosé ist eigentlich sowieso nicht vorgesehen im Burgund und eine Cuvée aus Gamay (60%) und Pinot (40%) schon gar nicht. Die Weine fallen unter die Kategorie vin naturel, denn weder im Weinberg noch im Keller werden künstliche Additive zugesetzt. Der Wein wird weder geschönt noch filtriert, er vergärt spontan, bleibt nicht allzu lange auf der Maische (im Falle des Rosé) und wandert dann ins alte Holzfass. Geschwefelt wird nur zum Schluss, und das ganz zurückhaltend. Jouveauxs Rosé Uchizy 2010 ist ein stiller aber nachdrücklicher Vertreter seines Fachs. Er ist kein Wein, der bei einer größeren Roséprobe nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Dafür ist er zu scheu. Er will, dass man sich ganz in Ruhe mit ihm beschäftigt. In diesem Wein verbinden sich typische Erdbeeraromen – aber eher die von kleinen Walderdbeeren – mit einer ganz leichten Röstnote, mit Salz, mit Blüten und etwas säuerlichen roten Johannisbeeren. Alles bleibt fein und zurückhaltend doch balanciert und mit einer schönen Länge.

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Deutlich offensiver und präsenter ist der Fleur de Rosé 2008 von Sylvain Pataille. Pataille lebt und arbeitet in der AOP Marsannay. Es ist die nördlichste AOP der Côte de Nuits, sie liegt mittlerweile am Stadtrand des ausufernden Dijon. Er hat ebenso wie Jouveaux seine ersten Parzellen im Jahr 1999 angekauftt. Die Vorgeschichte dazu allerdings ist anders, denn Pataille hat im Gegensatz zu Jouveaux in Beaune und Bordeaux Önologie studiert und war zunächst als Berater tätig. Neben extrem klaren, sauberen und präzisen Chardonnays und Pinots, füllt Pataille in manchen Jahren einen Rosé ab. Dieser ist absolut selten zu finden und eigentlich nur für wenige französische Gastronomen gedacht, die sowieso seine Weine beziehen. Der Rosé ist kein Nebenprodukt, das bei der Mostkonzentration der Burgunder anfallen würde. Vielmehr unterlaufen die Trauben (85-90% Pinot Noir und 10-15% Pinot Gris!) eine Kohlensäuremaischegärung, bevor sie dann für 15 Monate ins bis zu 40% neue Holz wandern. Diese macération carbonique wird normalerweise vor allem für die Erzeugung jung zu trinkender Weine wie dem Beaujolais Nouveau eingesetzt. Dies hier aber ist kein jung zu trinkender Wein. Der 2008er Fleur de Rosé dürfte jetzt vielleicht gerade seinen Zenit erreichen. Und die Kombination von Ganztraubenmaischung und Holzfasslagerung scheint Sinn zu machen, zumindest für bestimmte Weine. Der Fleur de Rosé jedenfalls schafft eine geradezu perfekte Balance zwischen burgundischer Kraft, Finesse und Leichtigkeit. Er verbindet die leichten, schwebenden Aromen von Erdbeeren und Himbeeren mit leicht rauchigem Holz, mit Orangenschalen, mit fein säuerlicher Kirsche und Hagebutte. Der Wein ist neben dieser gereiften Frucht deutlich salzig-mineralisch, hat eine klar definierte feine Säure und eine brillante Länge. Mochte ich den Vinudilice von Salvo Foti schon ausgesprochen gerne als Vertreter der kräftigeren, kantigen Art, so ist das hier für mich der perfekteste Vertreter einer eleganten und doch kraftvollen Form von Rosé, die ich bisher probieren durfte.

Die Weine von Alexandre Jouveaux gibt es bei terrovin.be, die auch nach Deutschland liefern und an sich schon ein tolles Programm haben und den Fleur de Rosé wird es als Jahrgang 2011 ab KW48 bei Lobenberg geben.

Rosé-Sommer: Cask-Force – 2010er Pinot-Rosé aus dem Fass

05/Sep/14 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Pinot Noir / Spätburgunder, Rosé

Ist Rosé eigentlich was für jetzt und gleich oder lohnt es sich, den Wein in den Keller zu legen? Bei 99,5% des weltweit produzierten Rosé dürfte es die Qualität des Weines wohl kaum verbessern, wenn man ihn Jahre im Keller verschwinden lässt. Bei einigen wenigen, ambitionierteren Exemplaren jedoch macht das durchaus Sinn. Wer den Herrenhof Lamprecht Pinot Rosé 2010 von Gottfried Lamprecht in seinem Frühstadium probiert hat, dürfte die gleiche Idee gehabt haben. Der Wein war zwar damals schon gut, doch hatte der Wein so viel Rückgrat, Kraft und Säure und darüber hinaus noch Holz, da klar war: Es macht Sinn, den Wein wegzulegen. Das Gleiche gilt für den ebenfalls im Holz ausgebauten Enderle & Moll Spätburgunder 2010. Auch dieser Wein hat so viel Holz gesehen, dass sich dieses erst einmal integrieren wollte.

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Vier Jahre hatten die beiden nun auf dem Buckel, eine lange Zeit für Rosé und für beide Weine auch eine Grenze, nach deren Überschreitung es nicht mehr besser werden dürfte. Als wir die Weine im Juli geöffnet haben, waren sie jedoch gut drauf und haben großen Spaß gemacht. Der Ausbau des Rosé im Holz führt zu einer Verwandlung hin zu etwas, was dem Rotwein ähnlich ist und doch mehr Leichtigkeit, mehr Schwebendes hat. Bei beiden Weinen ist es so, dass sie ihm Idealfall hätten Rotwein werden sollen. Doch der Jahrgang und das jeweilige Mikroklima im Weinberg gaben das nicht her.

Gottfried Lamprechthier der Podcast mit ihm – hat seine Pinot-Reben 2005 am Buchertberg gepflanzt. Der Winzer aus der Steiermark hat insgesamt junge Anlagen, da er vor etwa zehn Jahren erst wieder begonnen hat, im Heimatort Wein zu machen. Der Pinot ist eine Rarität in diesem Teil der Steiermark. Und so ungewöhnlich seine Pinot-Abüllungen sind, so selten ist erst recht ein Pinot-Rosé. Die Trauben für diesen Wein wurden angepresst und vier Tage auf der Maische belassen. Der spontan vergorene Wein hat dann im gebrauchten Barrique gelagert und ist im Juni 2011 abgefüllt worden. Zum ersten Mal habe ich den Wein damals ziemlich jung getrunken. Damals war der Wein noch ziemlich primärfruchtig. Das ist jetzt weg. Zurückhaltendes Holz trifft hier auf Trockenkräuter und die Früchte gehen eher in Richtung Hagebutte und Berberitzen. Gerade letztere, mit  ihrem leicht säuerlichen Geschmack, den der Wein ebenfalls immer noch besitzt. Jedenfalls hat er eine ziemlich gelungene Struktur und eine schöne Länge.

Bem Spätburgunder Rosé 2010 von Enderle & Moll liegt der Fall ähnlich. Was an Traubenmaterial nicht hundertprozentig in den Pinot passt, wird Rosé. Die Trauben werden für diesen Rosé im Weinberg wie im Keller genau so behandelt, wie der Rotwein – nur dass natürlich der Saft früher abgepresst wird. Der Ertrag im Weinberg liegt bei um die 40hl. Entsprechend konzentriert ist die Frucht und Würze dieses Weins. Auch hier haben sich die primärfruchtigen Erdbeer- und Himbeernoten längst abgeschliffen. Das Holz ist deutlich präsenter als beim Rosé vom Herrenhof. Hinzu kommen auch hier trockene Kräuter, vor allem Minze, die auch beim jungen Rosé von Enderle & Moll immer präsent ist.

Unterm Strich sind das beides Rosé-Vertreter, wie ich sie mag. Sie schaffen genau die Balance zwischen ernstfhaften, kräftigem, relativ komplexem Wein und der frischen Leichtigkeit, die ich vor allem im Sommer gerne habe. Zudem passen sie exzellent zu Sommerküche und Grill. Wer einen solchen Wein lieber primärfruchtig haben will, trinkt ihn besser jünger. Wer mehr Tiefe und Balance haben will, warte zwei, drei Jahre ab.

 

Die Vorpremière der Großen Gewächse des VDP, Jahrgang 2012 – Früh- und Spätburgunder

30/Aug/14 16:32 kategorisiert in: Frühburgunder, Pinot Noir / Spätburgunder

Den Abschluss der Großen-Gewächs-Probe bildeten die 72 Früh- und Spätburgunder aus insgesamt acht Anbaugebieten.

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Ahr
Zum Auftakt ging es an die Ahr, und zwar mit drei Frühburgundern, von denen der Dernauer Pfarrwingert von Werner Meyer-Näkel einen ziemlich genialen Auftakt geboten hat. Dieser Wein ist für mich Frühburgunder in annähernder Perfektion. Er hat für mich genau den Sex, für den ich Frühburgunder liebe: eine gewisse nonchalante Grundentspanntheit, reife, verspielte Frucht, seidige Tannine, vollen Körper, viel Saft – das ist hier sehr attraktiv gemacht. Dem steht der Frühburgunder aus dem Recher Herrenberg von Alexander Stodden qualitativ in nichts nach. Auch dieser Frühburgunder ist einfach köstlich, tief, intensiv, geheimnisvoller als der üppige Pfarrwingert, voller Würze und etwas präsenterem Holz-Vanille-Ton. Überhaupt liefern sich Meyer-Näkel und Stodden an der Jahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf höchstem Niveau. Da kommen Adeneuer und Kreuzberg nicht ganz mit. Und das schraubt sich immer weiter hoch: ein kraftvoll cremiger, fast sahniger Spätburgunder aus dem Ahrweiler Rosenthal von Stodden – vielleicht Stoddens bester Wein aus 2012, gefolgt von zwei Bad Neuenahrer Sonnenbergen, der Meyer-Näkelsche sehr reif mit intensiver Kirschnote, trotz der Reife sehr elegant und finessenreich. Der Stoddensche trumpft mit einer intensiven Frucht-Creme-Holz-Note, die den Wein schon im ersten Moment sehr begehrenswert macht, nur ein wenig zu viel Alkohol hinten raus macht ihn jetzt noch schwer einschätzbar. Während ich Stoddens Dernauer Hardtberg und den Recher Herrenberg momenta noch zu holzlastig finde und vor allem den Herrenberg etwas zu karamellig, trumpft Meyer-Näkel mit zwei hervorragenden Weinen aus Walporzheim auf. Der Kräuterberg hat das, was der Name schon andeutet: Kräuter, frische Kräuter und Trockenkräuter in verschwenderischer Frucht, sinnlich, tief mit nahezu perfekter Säure. Der Pfarrwingert mit viel saftiger Frucht, mit Gripp, fein, elegant und – wie alle anderen Meyer-Näkelschen Weine – sehr sinnlich. Ich kann mich nicht daran erinnern, bessere Weine aus diesem Haus probiert zu haben.

Was ich mir in den Keller legen würde: Frühburgunder Dernauer Pfarrwingert von Meyer-Näkel, Ahrweiler Rosenthal von Stodden, Walporzheimer Kräuterberg von Meyer-Näkel, Walporzheimer Pfarrwingert von Meyer-Näkel

Sachsen, Rheingau & Rheinhessen
Die nächste Gruppe an Weinen bildete das Rheingau und das einzelne Große Gewächs aus Sachsen. Es ist die Hauslage Schloss Proschwitz des gleichnamigen Gutes des Prinzen zur Lippe. Dieser Pinot ist ganz anders als der Rest. Er wirkt leichter, spielerischer, dabei mineralisch und fein. Fand ich sehr gelungen. Im Rheingau dann gab es keine großen Überraschungen, außer das mir die beiden Pinots des Platzhirschen August Kesseler nicht so gut gefallen haben, dass ich in Erwägung ziehen würde, sie mir irgendwann zuzulegen. Kirschlikör hier, Cassis-Crème dort. Ja, alles fein, saftig, elegant und mit angenehm wenig Holz. Aber irgendwie war mir das für den Moment zu vordergründig, was es im Schlossberg und im Höllenberg zu entdecken gab.

Aus Rheinhessen wurden insgesamt fünf Weine präsentiert, zwei Pinots von Neus, einer von Schloss Westerhaus und zwei von Gutzler aus den Westhofener Lagen. Das Brunnenhäuschen fand ich in seiner Entspanntheit wunderbar. Gemacht nach alter Tradition, ohne zu viel modernen Schnickschnack-Holzeinsatz, nicht zu viele Gerbstoffe, dafür schöne Frucht, aber eine tiefgehende, nicht oberflächliche. Vor allem aber bietet dieser Wein Trinkfluss schon ab dem ersten Moment – das geht vielen Weinen ab, diese Lust, den Wein in großen Schlücken zu trinken, sollte trotz aller gewollter Tiefe und Komplexität doch auch bei Großen Gewächsen eines der obersten Gebote sein. Bei den Gutzlerschen Weinen ist das der Fall.

Was ich mir in den Keller legen würde: Westhofener Brunnenhäuschen von Gutzler

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Pfalz & Franken
Christmanns Idig kann ich, ehrlich gesagt, schlecht bewerten. Ich weiß nicht ob es die Flasche war oder ob es der Wein ist, es fand sich kaum Frucht, der Wein wirkte leicht oxydiert und es fand sich ganz hinten eine leichte Krautnote. Und obwohl sich das jetzt gar nicht so toll anhört, hatte der Wein trotzdem Klasse, war kühl und elegant – den muss ich noch mal zu einer anderen Zeit probieren. Hansjörg Rebholz’ Pinot ähnelt den Rieslingen 2013 aus der gleichen Lage durchaus. Der Wein stammt nicht aus 2012 sondern aus 2009 und hat einen gewissen Reifevorteil. Der benötigt er wohl auch denn er wirkt immer noch teilverschlossen. Der offenere Teil ist saftig, herrlich saftig, frisch, fein gewirkt in seiner Tanninstruktur, dazu salzig-mineralisch und auch er hat das, was Meyer-Näkels und Gutzlers Weine haben: er hat Zug, er packt zu und man will ihn unbedingt trinken. Dr. Wehrheims Birkweiler Kastanienbusch »Köppel« liegt für mich qualitativ auf gleichem Niveau. Er hat weniger offensive Frucht aber ebenso viel Zug. Er wirkt insgesamt noch eine Spur feiner und elegant und, ja ich muss es so sagen: burgundischer. Es ist der Pinot, der mich bisher am ehesten ins Burgund versetzt. Boris Kranz Kalmit ist genau so puristisch radikal wie sein Konterpart, der Riesling aus gleicher Lage. Ein kraftvoller, starker, fruchtreduzierter steiniger Wein. Für Puristen ist dieser Wein ein Muss. Daneben stehen dann die beiden Vertreter aus dem Hause Becker, der Kammersberg und der Sankt Paul. Das sind zwei Tannin-Granaten par excellence. Es sind vielleicht die größten Weine der Probe, Monolithen mit gigantischem Potenzial, das sich zwar hinter einem dicken Vorhang aus Gerbstoffen und Holz versteckt und doch deutlich wahrnehmbar ist. Ein großer tiefer stiller See voller dunkle, reifer Frucht und gezügelter Kraft.

Der Pinot aus dem Sulzfelder Maustal hatte zum Glück das, was die Weißweine aus dem Zehnthof Luckert diesmal leider etwas vermissen ließen: Kraft und Dichte. Und das, obwohl der Weine zunächst einmal leicht und spielerisch über die Zunge tänzelt. So ein Wein ist nach den beiden Schwergewichten aus dem Hause Becker eine Erholung und eine willkommene Abwechslung – zumal es mit Benedikt BaltesKlingenberger Schlossberg direkt sehr gerbstoffreich weitergeht. Zunächst fein, duftig, voller Kräuter und feiner Frucht, am Gaumen kraftvoll mit viel Potential und einer momentan noch etwas störenden Bitternote, die jedoch mit zunehmender Reife verschwinden – ein toller Wein, der für mich auf Augenhöhe mit den Pinots aus dem Hause Rudolf Fürst liegt. Auch diese haben dieses sehr reife Tannin und die Kräuternoten, die auch Baltes’ Wein auszeichnen. Mir gefällt aktuell der Schlossberg am besten – genau weil er etwas Wildes in sich trägt.

Was ich mir in den Keller legen würde: Siebeldinger Im Sonnenschein 2009 vom Ökonomierat Rebholz, Birkweiler Kastanienbusch von Dr. Wehrheim, Ilbesheimer Kalmit von Kranz und Schweigener Kammerberg von Friedrich Becker sowie Klingenberger Schlossberg von Rudolf Fürst und vom Weingut der Stadt Klinberg sowie Sulzfelder Maustal vom Zehnthof Luckert

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Württemberg & Baden
Bei der Klasse, die hier an Pinots auf dem Tisch stand, fällt es mir schwer, den Württembergern gerecht zu werden. Vorher Fürst, Stadt Klingenberg und Luckert und den vierten aus der Gruppe, nämlich den Pinot von Schmitt‘s Kinder habe ich gar nicht erwähnt, obwohl er mir besser gefällt als die meisten Weine aus Württemberg und als alle Weine vom Kaiserstuhl, denen es an Säure mangelt, die es als Rückgrad für gute Pinots einfach braucht.

Zwei Weine möchte ich hervorheben und sie stammen aus der selben Lage. Da wäre Rainer Schaitmanns Fellbacher Bergmandel und Markus Heids Bermandel, der ziemlich saftig und reif um die Ecke kommt. Er bietet viel Trinkfluss, ist jetzt schon sehr offen, muss aber noch die Menge an Holz und Gerbstoffen verarbeiten, die Heid ihm mitgegeben hat. Schnaitmanns Bergmandel ist etwas wärmer, wirkt etwas alkoholischer mit einer leichten Bitternote hinten raus, die Frucht ist etwas gekocht.

Zum Schluss und zum Gedächtnis vier Weine von Bernhard Huber. Beim Bienenberg habe ich spontan den Eindruck, der Wein können aus dem Pauillac kommen. Pauillac-Pinot erster Güte mit satter Cassis-Frucht, Zedernholz, etwas Minze, dann eine phantastische Säure. Die Parzellen Wildenstein, ebenfalls aus dem Bienenberg wirkt dann noch saftiger und etwas fordernder. Die Sommerhalde ist dicht wie ein Scheunentor, wirkt jedoch am leichtesten von allen vier Weinen. Und dann, ja dann der Schlossberg – auch hier wieder diese Cassis- und Zedernholznoten und dazu etwas Paprika (wieder dieser Pauillac-Eindruck), dann kommt langsam die Kirsche durch, die Kräuter, das fest Gewirkte, das Kühle – ein traumhaft schöner Wein und ein großer Wurf.

Was ich mir in den Keller legen würde: Malterdinger Bienenberg Wildenstein und Schlossberg von Bernhard Huber

Gedankt sei dem VDP und den vielen Helfern – die Veranstaltung war glänzend organisiert.

Weitere, lesenswerte Berichte finden sich bei Felix Bodmann (der Schnutentunker) und Dirk Würtz.

Hier geht es zu den Notizen Rheinhessen & Pfalz

Hier geht es zu den Notizen Rheingau & Nahe

Hier geht es zu den Notizen Mosel, Mittelrhein, Franken, Baden & Württemberg

Hier geht es zur Erläuterung, was ein Großes Gewächs überhaupt ist

 


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