originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Zen aus dem Uhlen: Blaufüßer Lay 2012 von Heymann-Löwenstein

03/Okt/13 20:17 kategorisiert in: Riesling, Weiß, Deutschland

blaufuesserlay

Stell Dir vor, Du sitzt entspannt auf einem Tatami in einem traditionellen japanischen Gasthaus. Dein Blick schweift über die Schiebetüren und ruht irgendwann auf der Kiefer, die Du durch die halbgeöffnete Terrassentür erblickst. Sie steht in einem Steingarten und bewegt sich langsam im Wind. Irgendjemand hat frisches Obst aufgeschnitten und in eine Schale gelegt; Weinbergpfirsich, Grapefruit, Apfel. Dann gießt Du Dir aus einem Krug aus blauem Schiefer ein Glas klares, frisches Quellwasser ein, setzt es an die Lippen und trinkst.

Weinrallye 67: Mehr Kabinett für’s Kabinett?

27/Sep/13 06:50 kategorisiert in: Riesling, Weinrallye, Weiß, Deutschland

Wenn man über nationale Politik redet und über Wein, gibt es einen Begriff, der immer wieder in beiden Kontexten auftaucht. Es ist der Begriff des Kabinetts. Ich habe mal geschaut, wieso das so ist und woher der Begriff stammt.

 

Weinrallye-September-2013-Politik-&-Wein

Im politischen Sinne ist das Kabinett mittlerweile eher eine Gruppe von Menschen denn ein konkreter Ort. Das Kabinett ist heute die Bezeichnung für die Regierungsmannschaft eines jeweiligen Landes oder Bundeslandes. Dem aktuellen Kabinett sitzt natürlich die Kanzlerin vor und es besteht bis auf weiteres aus den Ministern der noch im Amt befindlichen CDU/CSU und FDP.

Das noch aktuelle Bundeskabinett

Das noch aktuelle Bundeskabinett. wer hier wohl dem Kabinett zugeneigt ist?

In vordemokratischen politischen Verhältnissen war das Kabinett jedoch der Raum, besser die Kammer, in der der Monarch oder Fürst seine engsten Mitarbeiter empfing. Der Verbindungsmann zwischen Fürst und hochrangigen Mitarbeitern war der Kabinettschef, heute würde man vielleicht Kanzleramtsminister sagen. Als den Monarchen im 19. und 20. Jahrhundert bürgerliche Regierungen zu Seite gestellt wurden, wurde das Kabinett – oft auch geheimes Kabinett genannt – der Ort, an dem der Monarch sich mit ausgewählten Vertretern der Regierung, den Geheimräten oder Kabinettsministern traf. Bei diesen Treffen wurden die Kabinettssachen besprochen, also die Themen, die streng vertraulich waren und hohe Priorität besaßen.

Bezüglich des Weines war es ebenfalls ein Raum, genauer gesagt die Fraternei des Klosters Eberbach, die der Prädikatsbezeichnung Kabinett ihren Namen gab. Im alterwürdigen Klosterweingut Eberbach wurde im Jahr 1500 diese Fraternei, ein Arbeitsraum der Laienbrüder, zum Weinkeller umgebaut. Diese verhältnismäßig kleine Kammer, ein anderer Begriff für Kammer war damals Cabinet, wurde zur Schatzkammer des Weingutes, in der die besonderen Flaschen gelagert wurden. So war ein Cabinet lange Zeit ein Wein von besonderer Güte, der in der Schatzkammer des hessischen Domänenweinguts gelagert wurde. Erst 1971, als das Weingesetz grundlegend geändert wurde, machte man aus dem Cabinet einen Kabinett und aus dem gehobenen Wein einen Wein, der seitdem bestimmte gesetzliche Kriterien erfüllen muss. Beispielsweise ist ein Mostgewicht von mindestens 75 Grad Öchsle von Nöten (das kann länder- und rebsortenspezifisch abweichen) und es darf nicht chaptalisiert werden. Um eine amtliche Prüfnummer zu erhalten muss der Kabinett auf der Bewertungsskala für Typizität hinsichtlich Sorte, Reife, Harmonie und Eleganz mindestens 1,5 von 5 erlangen. Als Prädikatswein bedarf es also einer gewissen Qualität. Typisch für einen Kabinett-Wein ist eigentlich, dass er eine verhaltene Süße mit sich bringt – obwohl er auch trocken ausgebaut werden darf – Feinheit und Leichtigkeit. Der Kabinettwein in seiner klassisch leichten Eleganz und feinen Süße wird leider immer seltener. Irgendwie klemmt er mit seiner Qualitätsstufe zwischen den Gutsweinen und dem deutlich bekannteren Prädikat der Spätlese. Zudem ist es für viele bis heute verwirrend, dass über das Prädikat allein nicht klar wird, ob ein Kabinett nun fruchtsüß oder trocken ist. So genießt der Kabinett im Inland keinen besonderen Ruf. Im Ausland ist das anders. Vor allem in den USA steht der Kabinett als Synonym für die leichte Eleganz des deutschen Rieslings, vornehmlich des Mosel-Rieslings. Auf der anderen Seite des Atlantiks besteht unter Weinfreunden geradezu Angst davor, dass die Spezies des Kabinetts hier irgendwann aussterben könnte.

Der letzte Kabinett, den ich bisher probiert habe. ein 2011er Herrenberg, vinifiziert von Andreas Barth im Weingut von Othegraven

Ein 2011er Herrenberg, vinifiziert von Andreas Barth im Weingut von Othegraven. Ganz typisch die Eleganz, die Leichtigkeit, das Prickeln des noch jungen Weines auf der Zunge, der niedrige Alkoholgehalt. Einfach köstlich.

Nach der neuen Klassifikation des Verbandes der Prädikatsweingüter gibt es neben der Qualitätspyramide für trockene Weine (Gutswein, Ortswein, 1. Lage und Große Lage) das Gleiche auch für fruchtsüße Weine. So gibt es Gutsweine mit Kabinett-Prädikat und Ortsweine mit Kabinett-Prädikat und außerdem 1. Lagen mit Spätlese-Prädikat und Große Lagen mit Spätlese-Prädikat. (http://www.vdp.de/klassifikation/) Kompliziert? Ja, etwa so wie die kommenden Koalitionsverhandungen und das folgende Postengeschacher um die besten Plätze im Cabinet. Verzeihung, im Kabinett.

 

*Die Weinrallye ist ein monatlich wiederkehrendes Blogevent, bei dem alle Weinliebhaber, egal ob Profis, Amateure, Blogger, zu einem Thema schreiben. Jeden Monat ist ein anderes Blog der Gastgeber, auf dem dann alle Beiträge zusammengefasst werden. In diesem Monat ist es Astrid Paul, die dankenswerter Weise das Thema gewählt hat. Den Aufruf und aktuelle Zwischenstände findet ihr in ihrem Blog "ArthursTochter kocht".

 

Five Miles Out – Horizonterweiterung mit Martin Tesch

17/Sep/13 12:30 kategorisiert in: Riesling, Weiß, Deutschland

Während die ganze Weinwelt wie beseelt zu sein scheint von der Qualität der 2012er Großen Gewächse, die ich nur so am Rande mitbekomme, weil ich bisher nicht die Chance hatte, an einer der einschlägigen Veranstaltungen teilzunehmen, habe ich vor einigen Tagen einen Riesling geöffnet, der schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat. Ich bin über diesen Wein irgendwann einmal im Netz gestolpert, als ich auf der Suche war nach Orange Wines, also jenen Weißweinen, die einen orangenen Ton erhalten, weil sie ähnlich wie Rotweine verarbeitet werden. Die Gärung erfolgt samt Traubenhäuten und nicht wie üblich ohne diese. Dieses Verfahren hat in den letzten Jahren eine kleine Miniatur-Renaissance erlebt, ursprünglich ist es vielleicht die ursprüngliche Weinherstellungsform. Denn schon dort, wo man die ältesten Zeugnisse der Weinherstewllung gefunden hat, am Schwarzen Meer, wurde vor 5.000 Jahren vornehmlich Weißwein angebaut und dieser samt Schalen in Tonamphoren ausgebaut. Diese so genannt Quevris sind vor allem in Georgien wieder zunehmend im Einsatz und durchaus beliebt. Weine, die ich bespielsweise auf der RAW probiert habe, hinterließen jedoch einen sehr gespaltenen Eindruck bei mir. Neben den Hardcore-Weinen aus Georgien, wo es allerdings auch durchaus balancierte Varianten gibt, waren es vor allem Winzer wie beispielsweise Josko Gravner aus dem Friaul und Mladen Rosanich aus Istrien, die den Orange Wine populär gemacht haben. Bei der Beschäftigung mit dieser Weinform bin ich vor ein paar Jahren über einen Artikel gestolpert, der Martin Tesch und einen Wein namens Five Miles Out erwähnt, eine Riesling-Spätlese, die einen besonders langen Kontakt mit den Traubenhäuten gehabt haben soll. Martin Tesch? denke ich, der Martin Tesch? Orange Wine passt eigentlich gar nicht zu ihm, was hat er da wohl gemacht?

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Five Miles Out also. Das ist die Grenze, bei der sich Flugzeuge von Tower des Flughafens verabschieden, von dem aus sie gestartet sind. Ab da sind sie auf sich allein gestellt. Heute natürlich nicht mehr so wirklich, da der Luftraum mindestens so total überwacht ist, wie unser iPhone. Früher aber fing nach dieser Fünf-Meilen-Zone unter Umständen das Unbekannte an. Five Miles Out ist nebenbei gesagt auch der Titel einer LP von Mike Oldfield aus den Achtzigern und der Titelsong war auch das erste, was mir einfiel, als ich Teschs Riesling sah. Der Name ist also Programm, das ist bei Tesch nicht ungewöhnlich, eine Horizonterweiterung war also zu erwarten.

Teschs Riesling steht nach acht Jahren da wie eine Eins. In der Nase eine Petrolnote wie ich sie bei praktisch allen Tesch-Rieslingen bisher riechen konnte. Soweit also schon mal ganz der Stil des Hauses. Hinter dem Petrolton lauern dann eine reife süße Steinobstnote und eine Form von Säure in der Nase. Der Wein wirkt in der Nase keineswegs ungewöhnlich, vor allem auch nicht in der Farbe. Das Gelbgold ist satt, changiert aber keineswegs in Orange. Das ist weder von der Farbe noch vom Duft her ein Orange-Wine. Soll es auch gar nicht sein, wie ich dann später in einem Gespräch mit Tesch erfahre. Hätte ja auch ganz ernsthaft verwundert. Der Analytiker Tesch passt so gar nicht in die Amphoren- und Natural-Wine-Szene. Experimentierfreudig ist er trotzdem und Five Miles Out war ein Experiment, das mit dem Jahrgängen 2004 und 2005 auch in den Verkauf gelangt ist.

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Die Riesling-Spätlese zeigt erst am Gaumen, was sie so ungewöhnlich macht und genau ab diesem Zeitpunkt macht sie so richtig Spaß. Weil sie eine enorme Kraft hat, eine Stoffigkeit und einen Extraktreichtum, eine präsente Säure und eine Reife, die beeindruckt. Vor allem, weil all das sehr schön balanciert ist. Der Wein ist tatsächlich komplett samt Traubenhäuten vergoren worden und zwar in einem spundvollen Edelstahl-Tank. Das Ganze wurde jedoch nicht gerührt, der Tresterhut wurde nicht untergetaucht, Tesch wollte eben nicht, dass zu viel Farbe und Extrakte aus den Häuten gewaschen werden, wollte nicht das Spezifische eine Orange-Wines. Er wollte erfahren, was passiert, wenn er einen Grenzweg geht, wollte wissen, wieviel Gerbstoff Riesling verträgt. Er musste allerdings auch erfahren, dass diese Art der Riesling-Bereitung letztlich deutliche Grenzen aufzeigt und mit seinem Selbstverständnis nicht kompatibel ist. Tesch ist jemand, der gerne von einer Sorte größere Mengen Wein produziert. Wein, den man im besten Fall so lange erwerben kann, bis der nächste Jahrgang vorhanden ist. Er will keine Spezialsupersonderweine in Kleinstmengen produzieren, der dann zwar möglicherweise in der Weinszene Aufmerksamkeit erregt, dann aber für die Allgemeinheit kaum zu haben ist.

Doch ein Riesling, der samt der Maische 30 Tage in größeren Gebinden wie beispielsweise einem 1.000 Liter-Tank vergoren wird, wird zu heiß. Das war das Resultat für Tesch. Der Edelstahltank kann die ganze Hitze, die bei der Gärung entsteht, nicht ableiten und so verbrennt der Wein geradezu. Beim 2005er ist das nicht passiert, das waren keine großen Mengen, doch das war eben auch nur ein Experiment. Ein gelungenes ohne Fortführung, was durchaus schade ist. Doch Tesch experimentiert natürlich weiter. Sein neuestes Experiment heißt Sonne und Mond. Was es damit auf sich hat, erfährt man jedoch wohl nur, wenn man sich zum Weingut nach Langenlonsheim begibt.

Unterschätzter Winzer macht den besten trockenen Riesling 2003 – K.F. Groebes Aulerde Großes Gewächs

27/Aug/13 17:26 kategorisiert in: Abschweifungen, Riesling, Weiß, Deutschland
Copyright: Weingut Groebe

Copyright: Weingut Groebe

Gerade habe ich es in der Pressemitteilung des FINE Weinmagazins gelesen und es hat mich spontan gefreut. Das Weingut K. F. Groebe hat nach Meinung einer ganzen Reihe nahmhafter Experten den besten von 60 trockenen, angestellten Rieslingen gemacht. Über die Relativität von Ergebnissen solcher Veranstaltungen müssen wir nicht diskutieren, die dürften jedem klar sein. Doch zwei Dinge werden in der Mitteilung klar.

Erstens war das Niveau der Weine (Keller, Wittmann, Weil, Eberbach, Künstler, Bassermann-Jordan, Bürklin-Wolf, Knipser) aus diesem heißen und schwierigen Jahrgang wohl ausgesprochen hoch und die Alterungsfühigkeit auch in schwierigen Jahren wenn nicht bewiesen, so doch zumindest bei dieser Veranstaltung deutlich.

Zweitens gehört Fritz Groebe für mich zu den am meisten unterschätzten Winzern des Landes. Der Mann, der Parzellen in den gleichen Westhofener Lagen wie Keller und Wittmann hat, taucht im Gegensatz zu den beiden anderen kaum irgendwo auf. Seine Weine, die mich bei Verkostungen immer wieder beeindrucken, sind in Gesprächen und Artikeln selten präsent. Ich fände es schön, wenn sich das zu seinem Gunsten ändert.


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