Wenn mir jemand die Frage stellen würde, welche zwei Flaschen ich mit auf eine einsame Insel mitnehmen würde, wenn es also wirklich nur zwei sein dürften, müsste ich bei Erzeuger und Jahrgang länger überlegen, bei den Rebsorten nicht. Ich würde eine Flasche Riesling mitnehmen und eine Flasche Pinot. Allerdings würde ich protestieren, denn zwei Flaschen sind doch ein bisschen wenig.
Beim letzten Treffen unseres Kleinen Bonner Weinzirkels haben wir uns mit der zweiten Rebsorte beschäftigt. Deutschland gegen den Rest der Welt war das Thema. Entsprechend kam knapp die Hälfte der 15 angestellten Weine aus deutschen Landen, die Welt musste sich die restlichen Plätze teilen. Dabei ist klar, dass bei so begrenztem Platz trotz eines Abends mit 15 Weinen nur der Bruchteil eines repräsentativen Querschnitts geliefert werden kann. Doch wie spannend war der Abend…
Begonnen haben wir mit einer Trias aus drei deutschsprachigen Weinen: die 2004er Spätburgunder Spätlese Im Sonnenschein vom Weingut Ökonomierat Rebholz stand neben dem 2000er Pinot Nero Schweizer von Franz Haas, Südtirol, aus der Magnum-Flasche genossen und dem 2005er Sanford & Benedict von Au Bon Climat.
Für mich war der Spätburgunder von Rebholz der Gewinner des ersten, verdeckt servierten Flights – auch wenn ich damit in der Minderheit war, den meisten gefiel der Haas besser. Dieser Wein ist kein Überflieger und wirkte auch schon ein wenig müde, das muss ich zugeben. Die Tannine sind ein wenig mürbe, der Wein schien etwas spröde zu sein. Trotzdem gefiel er mir ausgesprochen gut: ein warmer, fast molliger Wein mit relativ viel geröstetem Holz, Zeder und einer Portion Vanille. Dazu kam getrockenete Kamille und ein paar nicht näher zu definierende andere Kräuter. Vor allem aber gefiel mir die leicht salzige, deutlich steinige Mineralität und die angenehme Länge.
Der Schweizer von Franziskus Haas dagegen wirkt auf mich ein wenig aufgesetzt parfümiert, etwa so, als hätte jemand heimlich ein Glas Gin in den Pinot gekippt. Später allerdings erhebt sich dieser Pinot über den Spätburgunder von Rebholz, wirkt jugendlicher und frischer und auch das Parfümierte tritt in den Hintergrund.
Ausgesprochen enttäuschend fand ich den Pinot des eigentlich ziemlich genialen Weinmachers Jim Clendenen von Au Bon Climat. Der 2005er aus dem Weinberg Sanford & Benedict im Santa Maria Valley, Central Coast wirkte bitter und herb, mit einigen Erinnerungen an Kirschen und anderen roten Früchten. Das ist schade, denn die anderen Weine die ich von Au Bon Climat kenne gehören für mich zum besten und frischesten, was ich an kalifornischen Pinots kenne.
Der 2007er Black Dog von Dr. Crusius, der 2003er Grand Duc vom Deutzerhof und der 2003er Pinot Noir Ata Rangi, Martinborough, Neuseeland bildeten die zweite Gruppe.
Dr. Crusius aus Traisen im Gebiet Nahe gehört schon seit den 60ern zu den renommierten Betrieben in diesem Gebiet. Dies liegt einerseits an der traditionellen, sehr überlegten Arbeitsweise, zum anderen am hervorragenden Weinbergsbesitz zu dem unter anderem ein halber Hektar der berühmten Traiser Bastei gehört, ausserdem Teile des Schlossböckelheimer Felsenbergs und der Kupfergrube, dem Traiser Rothenfels und der Niederhäuser Felsensteyer.
Pinot gehört nicht unbedingt zu den bekannten Weinen des Dr. Peter Crusius. Dieser setzt vor allem auf Riesling, trocken wie restsüß, mit ein wenig weißen Burgundersorten. Spätburgunder bildet nur 5% des Anbaus. Der Black Dog war nicht ganz mein Fall. In der Nase zunächst Kirsche und ein Duft nach typisch deutschem Spätburgunder, in der Nase und im Mund dann weiches, geröstetes Eichenholz, der Wein wirkte insgesamt weich, zwar frisch, aber mir persönlich zu wenig geerdet. Der Pinot schmeckte ein wenig zu stark nach Erdbeershake und zu wenig nach Boden – so würde ich das mal zusammenfassen.
Der Grand Duc vom Mayschosser Weingut Deutzerhof – Cossmann-Hehle im Gebiet Ahr, war da von anderem Holz. Kraftvoll, dicht, stoffig, geerdet wirkte er, wenn man sich durch die fast penetrante UHU-Nase gearbeitet hat, die ziemlich lange im Glas stehen blieb. Ich stehe ja immer vor deren Flaschen und wundere mich ein wenig über die französischen Bezeichnungen der Weine, die wohl so einen Adelshabitus erhalten sollen, der mich fast peinlich berührt. Aber letztlich zählt ja der Inhalt und den hat Wolfgang Hehle im Griff. Das Weingut gehört seit Jahren konstant zur Spitze des Gebietes. Früher wurden den Weinen – übrigens auch denen des Kollegen Meyer-Näkel – gerne vorgehalten, sie wären nicht alterungsfähig, würden zu schnell vergehen. Das kann ich nicht unterstreichen. Ich habe mittlerweile so einige Weine der beiden getrunken die vor 2000 gekeltert wurden und die Weine waren ausgezeichnet. Der 2003er hier ist mir ein wenig zu kräftig. Man merkt den heißen Jahrgang, der Wein hat 14% Alkohol und wirkt neben der Frucht und erdigen Dichte ein wenig zu schwer, zu massiv. Das wird sich auch nicht mehr glätten. Kein schlechter Wein, Gott bewahre, aber auch nicht wirklich begeisternd.
Der Ata Rangi Pinot Noir aus Martinborough, dem Pinot Gebiet auf der nördlichen Insel Neuseelands stammt von Reben, die Anfang der 80er angelegt wurden als das Weingut gegründet wurde. Amüsant ist übrigens, dass der Pinot-Klon ursprünglich aus den Lagen Romanée-Contis stammt. Ein neuseeländischer Reisender hatte ihn dort schlicht gestohlen und wollte ihn als Erinnerung an den Weinberg mit in sein Heimatland nehmen. Dieses jedoch hat die Einfuhr verweigert. Einfuhren von Rebstöcken sind auf Grund der Reblaus-Gefahr grundsätzlich verboten, bzw. unterstehen strengen Hygienevorschriften. Der Zufall wollte es, dass der Weinmacher Malcolm Abel damals in der Mitte der 70er noch als Zolloffizier gearbeitet hat und den Klon konfiszieren konnte, um ihn an die staatliche Weinforschungsanstalt weiterzuleiten. Diese haben den Klon dann verfielfältigt und Abel dann zurückgegeben. Abel wurde kurz vor seinem plötzlichen Tod zu Anfang der 80er Berater des Weingutes Ata Rangi und hat diese Klone mitgebracht.
Der 2003er Ata Rangi ist ein schöner Wein, jedoch ebenfalls keiner, an den ich lange zurückdenken werde. Leicht erdig war er, mit herber Würze, die mich ein wenig an die obere Rhône erinnert, die Kirschfrucht wirkte fein, nicht aber die Tannine, die waren mir zu ruppig.
Feiner, weicher, mit schöner Länge stand der 2001er Oberrotweiler Eichberg »RS« des Weinguts Salwey im Glas. Er stammt aus dem letzten komplett verantworteten Jahrgang des leider unlängst verstorbenen Gründers Wolf-Dietrich Salwey. Seit 2002 verantwortet sein Sohn Konrad den Ausbau der Weine. Waren die beiden früher vor allem berühmt für ihre Weiß- und Grauburgunder aus dem Henkenberg, haben sie sich auch im Spätburgunderbereich kontinuierlich an die Spitze des Gebietes herangearbeitet. Der 2001er Eichberg bestätigt den Weg, den das Gut genommen hat.
Dagegen wirkte der 1999er Chambolle-Musigny der Domaine Phillippe Charlopin-Parizot kränkelnd, wie ein Schatten seiner selbst. Einserseits im Geruch von einer Würzsoßenmaromatik bestimmt die dort eigentlich nicht hingehört, störte am Gaumen eine unangenehme Säure.
Der 2002er Marimar Estate aus dem Don Miguel Torrres Vineyard im Russian River Valley stand noch in der Blüte seines Lebens. Begeistert hat er wohl keinen von uns so recht, ein wenig zu gemacht wirkte der Wein, ein wenig zu heiß, doch gut fanden in trotzdem die meisten. Kirschmarmelade gefolgt von Holzaromatik bestimmte das Bild. Trotzdem wirkte der Wein in sich stimmig, harmonisch, mit einer schönen Länge.
Wie man es dort noch besser machen kann zeigte uns dann im nächsten Flight der 1997er Pinot Noir Reserve von Robert Mondavi. Zunächst ein wenig UHU und Stallgeruch in der Nase, setzte sich dann vollreife Frucht und Karamell durch. Das ist nun definitiv eine kalifornische Art, Pinot zu machen, aber es ist eine schöne Art, eine tolle Erfahrung. Da steckte ziemlich viel Süße drin, der Wein war voll und dicht, lang und ausgewogen, dicht und harmonisch und trotz des fortgeschrittenen Alters kein bisschen müde. Tja, 1997, als man bei Mondavi noch guten Wein kaufen konnte.
Zunächst mal gar nicht so schlecht kam der 2003er Reichestal »RR« vom Weingut Franz Künstler aus dem Rheingau daher. Mit einer fruchtbetonten Frische und kühler, leichter Zedernholzaromatik wirkte er gar nicht gebietstypisch, auf einen deutschen Wein wäre ich auch nicht so ohne weiteres gekommen. Nicht zuletzt deshalb allerdings, weil der Wein mit der Zeit im Glas zunehmend alkoholstark wirkte, und bei längerer Verweildauer im Glas auch brandig wurde. Das allerdings ist bei 15% (!) Alkohol auch kein Wunder. Das war eindeutig zu viel.
Der dritte Vertreter des Flights war ein 2002er Vougeot »Les Cras« Premier Cru des Weingutes Domaine de la Vougeraie. Diese wurde im Jahr 2010 mit Preisen geradezu überschüttet: Der Chef-Önologe und Regisseur der Domaine de la Vougeraie, Pierre Vincent, wurde bei der International Wine Challenge IWC 2010 in London zum besten Rotweinmacher des Jahres ausgezeichnet. Noch dazu wurde der Bonnes Mares Grand Cru in vier Kategorien ausgezeichnet: 1. Bester Rotwein Burgunds 2. Bester Rotwein Frankreichs 3. Bester Pinot Noir der Welt 4. Bester Biowein der Welt (Das Gut arbeitet strikt bio-dynamisch).
Wie auch immer, wir haben den Wein ja verdeckt verkostet, Preise spielten keine Rolle, sind aber nachvollziehbar: für mich, und nicht nur für mich, war dies der Wein des Abends. Solch einen Wein finde ich eben nur im Burgund. Bei allem überteuerten Schrott, den man dort kaufen kann; die Weine der gewissenhaft arbeitenden Winzer mit ausgezeichneten Lagen können ein Größe haben, wie sie sonst schwer erreichbar ist. Das Filigrane, Präzise, die Feinheit und Komplexität bei gleichzeitiger Kraft, das leicht Nervige, die Tiefe und feine Fruchtsüße von reifen Kirschen machte diesen Wein überaus faszinierend und er bleibt in meiner Erinnerung haften wie ein Bild, wie ein Stilleben eines großen niederländischen Meisters. Da ist nichts, was plakativ die Aufmerksamkeit an sich zieht, es fasziniert dadurch, das jeder Pinselstrich im Detail genau so präzise und stimmig ausgeführt ist wie im Großen die Gesamtkomposition, die Harmonie der einzelnen Bildteile stimmt…
Es gab an diesem Abend noch mindestens einen weiteren Wein, dem ich hier huldigen möchte. Der 2003er Spätburgunder Assmannshäuser Höllenberg, vinifiziert von August Kesseler ist meilenweit vom 2003er Reichestal entfernt und ich persönlich hätte ihn auch nicht in Deutschland verortet. Zu heiß, zu alkoholstark ist hier nichts. Aus dem Glas strömte zunächst eine ganze Wolke Holunder und Johannisbeere, gepaart mit ein wenig Rosenduft, Brennessel und, ja, Kümmel, dazu etwas Holz. Am Gaumen findet sich ein kraftvoller, fest gewirkter Wein mit viel Substanz, Tiefe und Kraft. Sehr harmonisch, großes Kino.
Da konnten die zwei weiteren Weine des letzten Flights nicht ganz mithalten, auch wenn der 1999er Spätburgunder R vom Weingut Fürst in Franken ein wirklich guter Wein ist. Kein bisschen müde, von der Typizität her ein deutscher Spätburgunder par excellence, frisch, feine Kirscharomen, etwas Asche, nicht zu konzentriert und dicht, schön, aber nicht so einprägsam wie die beiden davor beschriebenen Weine.
Auch der 1998er Clos de la Roche Cuvée Vieilles Vignes von der Domaine Ponsot konnte hier nicht mithalten. Auf mich wirkte der Wein so, als käme er weiter aus dem Süden, sagen wir nördliche Rhône. Süße in der Nase, fast parfümiert wirkend mit orientalischen Gewürzen wirkte er wie ein Adventswein, wo sich neben Kirsch und Cranberry-Aromen zunehmend ein wenig Pampelmuse eingeschlichen hat. Alles in allem merkte man dem Wein sein Alter an, nichts für ungut.
Zum Abschluss dieses faszinierenden Abends fand sich im Keller des Gastgebers eine Flasche gereifter Kanzemer Altenberg Riesling Auslese vom Weingut von Othegraven. Ich finde es ja immer wieder faszinierend, in Würde gealterte Rieslinge zu probieren wenn sie in gutem Zustand sind. Diese Flasche war in blendendem Zustand und keiner von uns hat auch nur annähernd den richtigen Jahrgang getippt. Auch wenn klar war, dass wir es hier mit einem älteren Modell zu tun haben würden. Die Alterungsnoten – schwarzer Tee lässt grüßen – waren offensichtlich, doch das Süß-Säurespiel des Weines war so beeindruckend, wirkte noch so frisch, dass wir nach unserer Meinung eher einen Mitte- bis Endachtziger im Glas zu haben glaubten statt eines 1975er!
Gestern haben wir mal wieder in kleiner Runde zusammengesessen. Auf dem Programm stand eine Fünfer-Vertikale des im Pessac-Léognan beheimateten Bordeaux-Châteaus Smith Haut Lafitte.
Traditionell beginnen wir unsere Abende mit einem Champagner, in diesem Fall mit einer Grande Réserve des Hauses Vilmart & Cie, Rilly-la-Montagne aus dem nördlichen Bereiche der Grande Montage de Reims.
Vilmart, 1890 gegründet, besitzt 11 Hektar rund um das eigene Anwesen, wobei hier, ganz unüblich für die Region, Chardonnay als Hauptrebsorte überwiegt. Normalerweise findet sich in der Montagne mehr Pinot. Sämtliche Lagen des Besitzes fallen unter den Premier Cru Status. Vilmart, bzw. der Besitzer Laurent Champs und auch schon sein Vater gehören zu den Winzern, die sehr früh auf den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden im Weinberg verzichtet haben und sie gehören weiterhin zu jenen, die ihre Grundweine samt und sonders in Holzfässern ausbauen. Non Vintage Champagner werden in Fudern ausgebaut, Jahrgangschampagner in gebrauchten Barriques. Die Vorgehensweise ähnelt also der bei beispielsweise Selosse, de Souza, Larmandier-Bernier und anderen Winzern, die biologisch im Weinberg arbeiten und auf Holz statt auf Edelstahl im Keller setzen.
Die Grande Réserve Brut Premier Cru, Losnummer 11 08, das dürfte auch das Degorgier-Datum sein, besteht im Gegensatz zu allen anderen Erzeugnissen Vilmarts zu einem höheren Anteil aus Pinot Noir (70%) und zu einem geringeren aus Chardonnay (die restlichen 30%).
In der Nase findet sich ein Hauch Holz und ein leichter Duft von Hefe, zusammen mit etwas Salzigem, was mich ein wenig an Fisch erinnert hat, aber das wäre ein Negativurteil, was ich so nicht formulieren mag. Es scheinen jedenfalls einige salzige Aromen am Geruchsbild mitzuwirken, das ansonsten eher auf Chardonnay denn auf Pinot schließen lässt: Zitrusfrüchte dominieren hier.
Am Gaumen ist der Wein zunächst einmal frisch und crémig, was meiner Meinung nach zunächst einmal das Wichtigste ist. Fehlt die Frische wird der Wein schnell langweilig, dann kann ich auch einen Stillwein trinken. Hier jedoch findet sich eine frische Säure, Mineralität, wiederum Citrusnoten und Pfirsich, begleitet von würzigen Noten und frischem Brioche. Im Mund merkt den Pinotanteil deutlicher als in der Nase, der Wein hat hier ein pinottypisches Volumen. Schön ist, um noch mal darauf zurück zu kommen, die crémige Textur, die nicht zuletzt aus dem zehnmonatigen Holzfassausbau resultieren dürfte sowie die Länge, die diesen Einstiegswein des Hauses zu einem guten Kauf werden lässt und mit 32 Euro bei Hardy in Berlin auch gut bepreist ist.
Das eigentliche Thema des Abends aber waren die weißen, von Sauvignon Blanc dominierten Gewächse des Château Smith Haut Lafitte, bei mir intern op Kölsch Schmitz-Hoot genannt.
Wie viele andere Châteaux im Bereich Pessac-Léognan, Graves auch ist Smith Haut Lafitte deutlich älter als die bekannten Médoc-Güter. Bis ins 14. Jhd gehen die Annalen zurück als die Familie Bosq im Jahre 1365 das Gut gegründet hat. Interessant wird es ab dem 17. Jahrhundert, als der Schotte George Smith den Besitz übernahm, das heutige Anwesen erbauen ließ und begann, die Weine auf die britischen Inseln zu exportieren. Ab 1842 hat der damalige Bürgermeister von Bordeaux, Monsieur Duffour-Dubergier den Besitz übernommen, ausgebaut und das Gut weiter bekannt gemacht. Den weltweiten Export übernahm der Händler Louis Eschenauer, der das Anwesen zwischenzeitlich erwarb bis es 1993 in den Besitz des früheren Ski-Olympiasiegers Daniel Cathiard überging. Dieser hat den Besitz zusammen mit seiner Frau Florence zu einer neuen Blüte gebracht, enorm viel Geld in das Anwesen mit dem markanten blauen Signet investiert und mit Frau und Tochter sogar eine eigene, auf Weintrauben basierende Kosmetiklinie namens Les Sources de Caudalie sowie eine Reihe von Spa eröffnet. Die Familie hat in den letzten zwei Jahrzehnten also keine Mühen gescheut um den Besitz in die erste Riege der Graves-Château zu befördern, zu denen es vorher eigentlich nie gehört hat. Eine der vielen Maßnahmen, die angewandt wurden um diesen Qualitätssprung zu erreichen ist neben der Neuanlage der Weinberge, dem Ausbau des Kellers und der Beratung durch Michel Rolland die stete Hinwendung zur biodynamischen Bewirtschaftung des Weinbergs, womit peu à peu 1997 begonnen wurde.
Die Jahrgänge 2000 und 2002
Leider hatte direkt der erste Wein im ersten Flight einen Korkschmecker, der den Vergleich mit dem hervorragenden 2002er schwieriger werden ließ. Beide Weine standen goldgelb im Glas und dufteten mit einer Aromatik von leicht gerösteten Nüssen und Kernobst.
Was ich beim 2000er zuerst als Walnuss-Aromatik empfunden hatte wandelte sich zunehmend deutlich im Laufe des Abends zu einem TCA-Fehler des Korkens. Schade, denn der Wein hatte eine schöne Tiefe und Länge.
Der 2002er ist von der Zusammensetzung her ein typischer weißer Smith Haut Lafitte. 90% Sauvignon Blanc werden ergänzt durch 5% Sauvignon Gris und 5% Sémillon. Neben der Aromatik von gerösteten Nüssen findet sich ein wenig Akazienhonig, etwas Banane und reife Mirabellen. Und das nicht nur im Duft sondern ebenso im Geschmack, wo sich zusätzlich eine gewisse Kräuteraromatik einfindet. Der Wein hat eine schöne Dichte und ausgezeichnete Länge. Zum Schluss des Abends findet sich ein leichter Petrolton in der Nase.
Die Jahrgänge 2007 und 2006
Im zweiten Flight stand der 2007er Jahrgang neben dem 2006er. Auch diese setzen sich aus 90% Sauvignon Blanc und je 5% der Nebenrebsorten zusammen, der Ertrag lag bei beiden bei 30 Hektoliter je Hektar (2002 lag er bei 25hl).
Die Stilistik der ersten beiden probierten Weine setzt sich auch in diesen beiden fort. Auch wenn der 2007er säurebetonter ist als der 2002er und zurückhaltender im Duft, findet sich die Steinobst-Nuss-Aromatik, die zunehmend durch eine leicht steinige Komponente ergänzt wird. Im jüngsten Wein des Abends findet sich zwar etwas mehr Holz als in den anderen, doch oaky ist dieser Wein kein bisschen. Die Frucht überwiegt deutlich, ist expressiv und verbindet sich hervorragend mit der Säure. Sehr gut.
Der 2006er, von René Gabriel mit übertriebenen 20/20 Punkten bewertet, ist noch ein Schüppchen besser. Nüsschen, reife, ja crémige weiße Früchte mit einem satten Schuss Akazienhonig formen einen dichten, in angenehmen Sinne vollen Wein, der jedoch genau so viel Grip und Säure in sich trägt, dass sich eine großartige Balance ergibt. Der Wein weckt bei allen am Tisch gleichermaßen Begeisterung. Hervorragend.
Der Jahrgang 2005 und ein unbekannter Nebenbuhler
Der 2005er, im dritten Flight mit einem verdeckten Nachbarn kredenzt, fällt in der Aromatik zunächst ein wenig heraus. Die bisher immer mitschwingende Nusskomponente finde ich kaum, hier überwiegen Quitte und Trockenfrüchte in der Nase. Am Gaumen aber hat dieser Wein alles, was das Weingut ausmacht. Wenn der Wein auch weniger Säure hat als seine beiden Vorgänger ist dies hier die Quintessenz: kühle Frische, ausgezeichnete Säurestruktur, mineralische Kräuteraromatik, leichte Würze, stoffige, weiße Frucht und ein wenig vollreifer Pfirsich. Kraftvoller ist der Wein und doch elegant, tief, mit einer ausgezeichneten Länge fast monumental. Für mich nahe an der Perfektion weißer Graves.
Neben diesem 2005er stand ein Wein, der zwar in der Nase deutliche Alterungsnoten aufweisen konnte, im Glas aber hell schimmerte ohne jeden Alterungston. Auf einen 1979er Château Laville Haut Brion, heute La Mission Haut Brion, ebenfalls Graves, ebenfalls Sauvignon Blanc, ist am Tisch natürlich niemand gekommen. Durchaus amüsant und durch die Bank zutreffend waren die Geruchsvergleiche mit Tahin und Zitrone, Käse oder Kettenfett, gekochtem Gemüse und Karamell. Stand Tahin und Kettenfett zu Beginn im Vordergrund wurde der Wein über die nächsten Stunden nicht schwächer und müder, nein, im Gegenteil formte sich ein karamelliger Wein mit ausgezeichnetem Säuregerüst mit zunehmender Weichheit und Finesse. Sehr beeindruckend.
Was nach den drei Runden Pessac-Léognan wiederum verdeckt ins Glas kam war ein Wein, der von einem der bevorzugten Winzer unseres Gastgebers stammt. Der 2003er Uhlen Laubach von Heymann-Löwenstein, Terrassenmosel, hat uns ebenso viel Spaß bereitet wie die Bordeaux. Dieser Wein aus dem Hitzejahrgang wirkte überhaupt nicht müde – beim kürzlich genossenen 2003er von Clemens Busch konnte ich davon auch nichts feststellen. Der leicht nach Virginiatabak und Pfirsich duftende Wein hatte zwar naturgemäß keine überbordende Säure, aber eine, die den Wein sehr gut zusammengehalten hat. Leicht karamellig wirkte der Wein, mit kräutriger Mineralik, leicht herben Johannisbeer-Noten, einer deutlich spürbaren Restsüße und ausgezeichneter Länge.
Zum Schluss noch mal ein Höhepunkt eines feinen Weinabends: Château Suduiraut, Sauternes, 2003. Was für ein genialer Tropfen. Eine nicht enden wollende dichte Süße, eine crémige Karamellbonbonessenz mit eingelegten Früchten voller gebändigter Kraft und Dichte. Und das, was einen bei vielen Sauternes befürchten lässt, man müsse ob der Schwere durch die Decke plumpsen wird hier gekontert mit Frische, mit einem feinen Säuregerüst, was mir bei diesem Château wie bei kaum einem anderen immer wieder auffällt und die Weine unwiederstehlich macht: Da schwebt eine riesige, mit eingelegten Früchten durchsetzte Crème Brullée in einem schweren Tongefäss wie auf einem Magrittschen Gemälde schwerelos über den Dingen. Großer Wein, großartiger Abend.
Ich habe mir zum Fest mal eine Flasche aus dem Keller geholt, bei der ich mir ziemlich sicher war, dass Sie mich glücklich machen würde. Auch wenn 2003 gemeinhin ein schwieriger, weil ungewöhnlicher heißer Jahrgang war, hatte ich noch eine Erinnerung an eine Flasche genau dieses Weines, und die Erinnerung war gut.
Natürlich fehlt ihm eine gewisse Frische und Säure, die man bei anderen Jahrgängen erwarten kann, ja erwarten möchte. Aber es ist genügend Säure vorhanden um den Riesling nicht platt wirken zu lassen. Im Gegenteil, der Wein ist vielschichtig und spannend, wirkt eher wie eine Auslese denn eine Spätlese. Alles ist voll und dicht. Ein großer Korb reifer und getrockneter Mirabellen verbindet sich mit schwarzem Tee. Reife und Alterungsnoten in der Nase, Steinobst, Fruchtsüße und Wärme am Gaumen. Der Wein war so lecker, dass ich nicht allzu lang gebraucht habe, um die Flasche zu leeren. Zu angenehm die Süße und das Fruchtspiel, zu dem sich irgendwann noch etwas Süßholz gesellt hat, zu verührerisch der lange Nachhall nach jedem Schluck.
Ein feiner Wein, eine große Kunst. Wollte ich nur mal zwischendurch gesagt haben, ohne zu lange abzuschweifen.
Wenn ich über das Weingut Robert Weil schreibe, dann schreibe ich nicht nur über ein Rheingauer Gut von hervorragendem Ruf, sondern über eines, das in schweren Zeiten des deutschen Weinbaus die Speerspitze des Qualitätsweinbaus gewesen ist und auch noch heute, wo glücklicherweise die Menge an Weingütern, die hervorragende Qualitäten liefern, deutlich größer geworden ist, immernoch mit zur vordersten Gruppe gehört. Nicht nur kamen aus diesem Hause zwischenzeitlich die teuersten und vielleicht besten Weine der Welt, geordert von gekrönten Häuptern in ganz Europa, auch heute noch gehören die Auslesen, die süßen Weine aus der Lage Gräfenberg mit zum Besten und auch immer noch Teuersten, was es gibt. Wer in die Berge geht und in die Keller, hat das Gefühl, das im Stillen mit einer fast aristokratischen Zurückhaltung Tradition und höchster Anspruch gepflegt wird. Die Familie Weil hat in den ganzen letzten Jahrzehnten unglaublich viel Zeit und Mühe und wiederum Geld investiert um diesen hoch angesetzten Standard in den 75 Hektar Rheingauer Lagen und im Keller halten und sogar noch ausbauen zu können – nicht zuletzt seit dem Einstieg des Urenkels des Gründers, Wilhelm Weil, der wiederum der erste Nachfahre der Familie ist, der nicht in erster Linie Jurist und in zweiter Linie Winzer war sondern der den Weinbau in Geisenheim studiert hat und sich mit Leib und Seele seinen Weinen verschrieben hat.
Auch wenn das Weingut in erster Linie für die edelsüßen Weine weltberühmt ist, werden doch auch einige ausgezeichnete trockene Rieslinge erzeugt. Das beginnt mit dem leckeren, wenn auch nicht ganz preisgünstigen Gutsriesling und endet beim Großen Gewächs aus dem Gräfenberg, das im Rheingau Erstes Gewächs heißt. Dass die Weine nicht ganz preisgünstig sind dürfte nicht zuletzt am sehr aufwendigen Entstehungsprozess Weilscher Weine liegen. Das beginnt im Weinberg mit der Begrünung, bei der immer nur jede zweite Rebzeile begrünt wird, jährlich wechselnd, bei der ausschließlich organischen Düngung, Schädlingsbekämpfung mit umweltverträglichen Mitteln und dem völligen Verzicht auf Herbizide. Hinzu kommt erhebliche Ertragsbeschränkung durch restriktiven Anschnitt, mehrfaches Ausdünnen, Negativauslese und sehr selektiver Weinlese, meist nicht vor Anfang November. Diese verläuft häufig über zwei Monate – mit stark selektiver Auslese, wobei die Erntehelfer bei den von Botrytis befallenen Trauben schon im Weinberg angehalten sind, zwischen drei verschiedenen Fäulnisgraden zu wählen. Im Keller wird dann noch einmal jede Beere in die Hand genommen und überprüft.
Zwischen den oben genannten trockenen Gutsweinen und dem Ersten Gewächs stehen die reduktiv ausgebauten Lagenweine, schlicht Kiedricher Klosterberg, Kiedricher Turmberg, Kiedricher Gräfenberg genannt und auch in diese Reihenfolge gestellt, ist doch der Gräfenberg die über allem liegende Toplage und der Turmberg immer die zweitbeste Lage des Gutes gewesen.
Der Klosterberg dagegen ist weniger bekannt und, was die Weilsche Stilistik angeht vielleicht sogar etwas untypisch, da ein wenig barock. Ein klein wenig nur, denn da gibt es ganz andere Extreme, da gibt es Weine, gegen die ist das Interieur der Klosterkirche Birnau ein Witz. Aber das ist nicht Weils Stil. Wenn also, dann kann man diesem Wein, der auf einem Boden wächst der sich aus devonischem Buntschiefer und vordevonischem Phyllit und Serizitgneis sowie kiesigen Lössen zusammensetzt, höchstens eine gewisse, aber nicht bedeutende Atypizität des Stils unterstellen. Ich weise deswegen auf die Gesteinsformationen hin weil genau diese, samt dem etwas sich verändernden Mikroklima für die prägnanten Unterschiede der drei Lagen sorgen. In der Nase findet sich etwas Marzipan in Verbindung mit zurückhaltender Frucht, ein wenig Süße und etwas, was ich nicht besser bezeichnen kann als Babypuder, man möge es mir nachsehen. Geschmacklich relativ breit angelegt findet sich auch hier eine wahrzunehmende Süße, Kräuter dominieren hier, ich meine sogar etwas milden Senf zu erahnen. Im Laufe des Abends findet sich ein wenig mehr Frucht ein, vor allem frische Grapfruit.
Deutlich schlanker, fast wie eine Kirche nach dem Bildersturm – um bei dem Bild zu bleiben – präsentiert sich der Turmberg: Zurückhaltend in der Nase mit einem leichten Apfel- und Steinobst-Duft, vermengt mit etwas, was nach Biskuitboden riecht, feingliedrig und schlanker als der Klosterberg am Gaumen. Man spürt deutlich weniger Restsüße, dafür mehr Säure und wieder die kräuterwürzige, sehr feine Mineralik. Der Turmberg wirkt etwas eindringlicher als der Klosterberg, die etwas andere Bodenzusammensetzung wirkt sich aus.
Der Turmberg liegt an den Hängen einer steilen Kuppe. Der Boden dieser Schieferkippe besteht zu hohen Anteilen aus Phylliten mit einigen Anteilen Lößlehm. Die knapp 4 Hektar kleine Lage erhielt übrigens erst 2005 wieder ihren ursprünglichen Namen nachdem sie Anfang der Siebziger während der Flurbereinigung in die größere Lage Kiedricher Wasseros aufgegangen war.
Der dritte Wein im Bunde, der trockene Riesling aus dem Kiedricher Gräfenberg präsentiert sich feingliedrig mit einer leicht kräutrigen Nase, einem Hauch Feuerstein und einigen medizinalen Anklängen, unterlegt von dieser leichten Apfel-Steinobst-Aromatik. Der Wein wirkt deutlich trockener mit mehr Gerbstoffen, ein klein wenig salzig sogar, fest und mit einer deutlichen mineralischen Würze ausgestattet. Nach diesem fast asketischen Turmberg sind wir hier wieder auf der Sonnenseite angelangt, eigentlich verbindet der Gräfenberg das Beste aus den beiden anderen Lagen, er hat etwas mehr Druck, mehr Tiefe, ja geradezu mehr Macht als Kloster- und Turmberg. Hinzu kommt, aber das gilt eigentlich für alle drei Weine, eine sehr angenehme, ja ausgewogene Länge. Das ist klassische Rieslingeleganz, was noch einmal um so deutlicher wird, wenn man dagegen ein Wein wie den Neumond von Klaus Peter Keller trinkt, ebenfalls ein ganz ausgezeichneter Wein, dessen überbordende Fruchtfülle im direkten Vergleich jedoch fast obszön wirkt, aber eben nur im direkten Vergleich.
Gefallen haben uns alle drei Weine in ihrer ausgewogenen, aristokratisch zurückhaltenden Art, doch wenn ich mir einen aussuchen würde, griffe ich definitiv zum letzteren. Der Gräfenberg zeigt auch in der Gruppe der trockenen Lagenweine, dass er gewissermaßen der Primus inter pares unter den drei herrschaftlichen Lagen des Weingutes Robert Weil ist. Er wird im Weingut dementsprechend auch als Grand Cru von den beiden anderen Lagen abgesetzt, die als Premier Crus bezeichnet werden. Die Weine sind, wie alle anderen Füllungen des Gutes auch, keine Schnäppchen. Um die 21 Euro muss man auf den Tisch des Hauses legen um eine der Flaschen erwerben zu können. Wer aber nach weitgehend trockener, klassischer Rheingauer Riesling-Eleganz sucht, wird sich mit diesen drei Weinen bestimmt befreunden – sollte sie aber noch ein paar Jahre leigen lassen, eigentlich ist es noch fast zu schade, diese Weine jetzt zu öffnen.
Vor einiger Zeit habe ich Post von der Deutschen Wein-Entdeckungs-Gesellschaft bekommen und ich habe die Ankunft des auf 1.000 Flaschen limitierten Weines, die Flaschenausstattung und die Weinbeschreibung schon mal kurz hier gewürdigt. Nun haben wir uns die Zeit genommen, den als wild und ungewöhnlich titulierten Wein namens Neumond in Ruhe zu betrachten und zu schmecken. Uns ist klar, dass der Wein viel zu jung ist, aber wir haben ja ein paar Flaschen und so werden wir ihn in seiner Entwicklung verfolgen.
Dieser Riesling, dessen Beeren von verschiedenen, wild gemischten und eigenhändig vermehrten Sorten stammen, duftet schon beim Öffnen nach rheinhessischem Wein. Da ist diese ganz eigene Kräuter- und Würzaromatik, die sicher nicht allen, aber vielen Rieslingen dieser Gegend inne wohnt. Eine feine Süße steigt aus dem Glas, blumig-duftig wirkt der Wein. Würde ich sagen ätherisch würde das zwar zur Flaschenausstattung passen, wäre mir aber ein wenig zu viel des Guten. Die besagten Kräuter kommen dazu, etwas Kühles und Crèmiges schließt sich an, wie eine Pannacotta, gekühlt und mit einem Kleks Honig versetzt.
Schwebend wirkt der Wein im Glas, relativ süß zunächst im Mund. Zu Beginn fehlt ihm die erwartete Mineralik, in der Mitte wirkt der Wein würzig und hinten raus ungestüm und fast ein wenig alkoholisch. Nun, wir haben den Wein erst gerade geöffnet, wir stellen ihn beiseite und werden uns dem Wein erst zwei, drei Stunden später wieder widmen.
Nun ist die Nase deutlich vielschichtiger geworden, Steinobst und Limette haben sich in der Vordergrund geschoben, die Kräuter bleiben erhalten. Je länger der Wein im Glas steht, sprich, je wärmer er wird desto kühler wirkt er im Duft und umso stärker drängen sich exotische Aromen nach vorne, als könnten sie es gar nicht erwarten, bei diesem Wein die Regie zu übernehmen. Im Mund findet sich neben den besagten frischen Kräutern eine mineralisch, steinige Würze ein, ja, da ist die Mineralik die zu Beginn gefehlt hat – wenn auch immer noch ein wenig scheu. Begleitet wird sie von einem etwas medizinischen Geschmack, so, als würde man eine Salbengrundlage auf ein Stück Stein reiben. Auch hier findet sich die Kühle wieder, die schon im Duft mitschwang.
Im Gegensatz zu einem Satz Weil-Rieslinge den wir zwischendrin verkostet haben und die klassisches Rheingau, ja klassischen Riesling an sich verkörpern ist dies hier ein junger, wilder Bursche. Zwischenzeitlich haut er einem die süßlich-exotische Aromatik förmlich um die Ohren, dann tritt sie wieder deutlich zurück um etwas anderem Platz zu machen. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, ich hätte ihm so ein paar Hippie-Aufkleber auf die Flasche gepappt und ihr noch mal ordentlich was aus der Sprühdose mitgegeben, so ungebunden wirkt dieser Riesling von Klaus Peter Keller und dem Initiator Carsten Sebastian Henn.
Jetzt, während ich schreibe, 24 Stunden später wirkt der junge Bursche ruhiger, im Glas steht die Würze des Bodens und ein wenig Lakritze im Hintergrund, die Früchte, die am späten gestrigen Abend so dominant waren haben sich zurückgezogen und es offenbart sich etwas, was ich schon gestern zwischendurch in der Nase hatte aber abgetan habe weil ich es zuerst als glykol-ähnlich identifiziert hatte, in Ermangelung einer anderen Assoziation. Das hätte die ganze Aromenpalette jedoch negativ besetzt und das wäre dem Wein nicht gerecht geworden. Jetzt finde ich die Assoziation. Der Wein duftet zurückhaltend nach sehr gutem Gin, also nach einer ganzen Palette destillierter Kräuter. Am Gaumen wirkt er jetzt fokusierter bzw. packender, geschlossener. Das ist zweifelsohne ein schöner, ein charaktervoller Wein, und ich freue mich darauf, im nächsten Jahr wieder eine Flasche auszupacken.
Und die Idee Carsten Henns, jedes Jahr einen ungewöhnlichen Wein mit jeweils einem anderen Winzer zu machen finde ich ebenso so schön und sollte er dies hier lesen, kann er mich für das nächste Jahr gerne wieder auf die Liste der Deutschen Wein-Entdeckungs-Gesellschaft nehmen.
ich habe irgendwann zu Anfang dieses Jahres Wein bei der Deutschen-Wein-Entdeckungs-Gesellschaft bestellt, subscribiert gewissermaßen, auf gut Glück. Im Vertrauen auf den Geschmack Carsten Sebastian und Stefanie Henns. Denn diese stehen hinter der Gesellschaft mit der schön gemachten Website und der sehr ansprechenden Idee: Jedes Jahr mit einem besonderen Winzer einen besonderen Wein zu machen den es so nicht noch einmal geben wird. Bestellbar im 3er oder 6er Paket.
Im ersten Jahr war es der Rote Baron des Weingutes Knipser, eine ganz ungewöhnliche Rotweincuvée, doch da war ich noch nicht an Bord. Nun habe ich diese Woche das Fundstück erhalten und bin sehr gespannt, was für ein Wein es tatsächlich sein wird. Es ist ein Wein von Klaus Peter Keller aus einer Lage innerhalb der Abtserde die über 20 Jahre nicht mehr kultiviert worden war, eine, die im Gegensatz zum weißen Rest des Weinbergs roten Boden hat, einen Boden mit hohem Eisenoxidgehalt. 2006 hat Keller die Parzelle gerodet und mit einer wilden Mischung selbst vermehrter Riesling-Rebstöcke bepflanzt. Die Trauben dieses ersten Jahrgangs wurden im November letzten Jahres geerntet, ein Wein mit 96 Grad Öchsle, also Auslesequalität, die Trauben wurden entrappt und über sechs Stunden vorsichtig gepresst, um dann mit eigenen Hefen im Stahltank vergoren zu werden. Vier Monate lag der Wein auf der Feinhefe bis er im Mai abgefüllt wurde. "Ein Tick wilder Verruchtheit" liegt laut Klaus Peter Keller in diesem Wein, den Keller und Henn Neumond getauft haben da die kühle, helle Schönheit des weißen Bodens der Abtserde Henn an einen Mond denken lässt. Nun gibt es einmalig einen neuen Mond. Und ich bin gespannt darauf.
Später mehr.