Ok, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, zumal wenn man sich die komplette Geschmackverirrung über der Stadt anschaut. Eine Stadtverwaltung, einer Burg nachempfunden, allerdings komplett aus Beton.

Einmal im Jahr jedoch lädt das schmucke Château Berts, wie dieser ungemein schöne Weinladen von Fegers und Berts in Siegburg heißt, zur großen Loire-Verkostung ein – das hat mittlerweile eine gewisse Tradition. Was das Team um Martin Henseler dann präsentiert, zeigt die vielschichtige Bandbreite dieses mehrere Dutzend Unterappellationen umfassenden Gebietes entlang des kaum begradigten Flusses. Gehen wir von seiner Mündung im Meer aus – denn so beginnt auch die Probe –, zieht sich der Strom beispielsweise durch das Gebiet Muscadet de Sèvre & Maine, dann Saumur und Anjou mit diversen Unterappellationen wie Bonnezeaux oder Savennières oder Champigny, dann folgt die Touraine mit Untergebieten wie Bourgeuil, Chinon oder Vouvray bis hin ins Sancerre. 10% der gesamten französischen Weinproduktion werden hier angebaut. Was kennen wir davon in Deutschland? Crèmant, Sancerre, Muscadet und Pouilly-Fumé? Mehr ist das meistens nicht. Wer die verschiedenen Stände im Château Berts abläuft und insgesamt 60 Weine verkostet, wird allerdings bestätigen, dass es da noch einiges andere gibt.
Neben verschiedenen Ausreißern ist die Vielfalt an angebauten Rebsorten begrenzt. Es herrschen vor Sauvignon Blanc und Chenin Blanc, Gamay und Cabernet Franc. Der Melon de Bourgogne, wie die Rebsorte heißt, die den frischen Muscadet de Sèvre & Maine hervorbringt, ist kaum einem ein Begriff. Allzu oft wird das Gebiet mit der Rebosrte Muscat verwechselt und der Wein entsprechend völlig falsch eingeordnet.
Ein Paradebeispiel für terroirorientierten Muscadet bietet die Domaine de l'Ecu. Den frischen, zu Austern und ähnlichem Getier passenden Basis-Muscadet kenne ich seit wahrscheinlich 20 Jahren. Den hatte schon mein Onkel im Bioladen – Guy Bossard, der Eigner der Domaine, hat schon sehr früh die Demeter-Plakette an der Flasche gehabt. Wie stark oftmals die Suche nach neuer Qualität und Typizität mit der Hinwendung zum biodynamischen Landbau verbunden ist, zeigt Bossard. Denn vor Guy Bossard konnte man Muscadet eigentlich nicht ernsthaft trinken. Altbackenes, dünnes Gebräu, was nichts, aber auch gar nichts mit diesem extrem frischen bzw. mineralischen Weinen zu tun hatte, die ich heute probiert habe. Neben dem Basiswein präzisiert Bossard die Weine entsprechend ihrer Bodentypizität. So nennt er die Weine Expression d'Orthogneiss, Expression de Gneiss oder Expression de Granite. Dieser übrigens als 2009er im Glas hat mir in seiner salzigen Mineralität am besten gefallen.
Erstaunlich des Weiteren der Sauvignon No.5 der Domaine Clos Roche Blanche aus der Touraine, der neben gereiftem Apfel, Birnen und Passionsfrucht interessanterweise ebenso ein wenig nach Ziegenfrischkäse duftete. Eine markante und passende Mischung, ist das doch der Käse in der Touraine.

Die ebenfalls biodynamisch arbeitende Domaine des Maisons Brulées (sic!) bearbeitet 9 Hektar in der Nähe von Pouillé in der Touraine. Die Erträge werden so stark reduziert, dass man bei ca. 15 Hektoliter pro Hektar verbleibt. Wie man so bei Preisen zwischen 11 und 14 Euro wirtschaftlich arbeiten kann, ist mir ein Rätsel. Auf Schönung wird selbstredend verzichtet, auf Schwefelung ebenso weitestgehend. Und auch beim Flaschenverschluss gibt es etwas Besonderes: Das Team hat sich für Kronkorken entschieden. Dass das geht, sieht man beim Zwischenverschluss der Champagner – gewöhnungsbedüftig ist es trotzdem.
Beeindruckt hat mich der Sternenstaub genannte Poussière de Lune, ein 2007er Sauvignon Blanc, dessen Wechselspiel zwischen Reduktion und Reifenoten auf der einen Seite und frischer Säure und Zitrusnoten auf der anderen hinführt zu einem langen, feinen Abgang.

Außergewöhnliche Terroirtypizität zeigt die Domaine François Crochet. Dessen 10 Hektar Anbaufläche sind auf 30 Parzellen in den Gemeinden Bué, Crezancy, Sancerre und Thauvenay verteilt. Crochet hat sein Handwerk nach dem Önologiestudium bei so angesehenen Adressen wie Château Angélus und der Domaine Bruno Clair erlernt, 2000 war sein erster eigenverantworteter Jahrgang.
Schon der aus allen drei Terroirs stammende Basis-Sancerre aus dem Jahr 2008 beeindruckt in seiner Boden- und Sortentypizität. Das ist schlicht feines Sancerre, mineralisch klar, mit Duft von reifen Birnen, Melonen und Stachelbeeren.

Außergewöhnlich Les Amoureuses ebenso wie Exilis und Le Chêne Marchand. Leider gibt es nur einige wenige Flaschen (ca. 36 vom Amoureuses) und ich habe beim Gehen vergessen, mir zumindest mal eine oder zwei reservieren zu lassen. Der vom klassischen Silex stammende Exilis zeigt das, was ich an Sancerre so mag. Die sonst so oft dominierenden Primäraromen von Stachelbeeren treten hier in den Hintergrund. Hier präsentieren sich reife Gelbfruchtnoten in Verbindung mit Nüssen und Brioche. Dazu kommt salzige Mineralität. Das Ganze wirkt bei Crochet sehr sehr ausgewogen.
Nicht durchweg so begeistert wie FuB war ich von der Domaine de Juchepie. Der trockene Anjou blanc sec Le Clos wirkt überladen. Wuchtiges, frisches Holz und zu starke Karamelltöne dominieren diesen Wein des Belgiers Eddy Osterlinck.
Auch der Les Quartz wirkt nicht ganz ausbalanciert und mich störte im Abgang eine leichte Bitternote, aber das mag sich geben mit der Zeit. Die beiden Top-Chenin Blancs Passion und Quintessence allerdings sind ausgezeichnet, auch wenn es etwas seltsam anmutet, dass sie lange gereift schmecken, aber erst wenige Jahre auf dem Buckel haben. Die Fruchtaromenfülle in Verbindung mit Noten von schwarzem Tee, Salz, Kräutern und der Balance mit klarer Säure jedoch ist hervorragend.
Der für mich vielleicht größte Wein der Verkostung kam vom Korsen Marc Angeli, der seit 1990 die Ferme de la Sansonnière im Anjou bewirtschaftet. Die Vielles Vignes Blanderies von 2008, biodynamisch angebauter Chenin Blanc, birgt in sich eine solche Kraft, Fülle und Harmonie, das ist ganz hervorragend. Da stimmt so ziemlich alles, was mit 36,50 Euro zwar auch seinen Preis hat, was aber wert ist, mal probiert zu werden; denn das ist ein Paradebeispiel für einen trocken ausgebauten Chenin Blanc.

Leider konnte ich mir für die Rotweine weniger Zeit lassen als für die Weißen. Bei roten und weißen Weinen fand ich die Weine der Domaine St. Just sehr gelungen, im Stil durchaus vergleichbar mit den Weinen der Domaine des Roches Neuves, ebenfalls in Saumur-Champigny gelegen. Letztere würde ich persönlich vorziehen, vielleicht weil sie mir vertrauter sind – denn qualitativ überzeugt der Chenin Blanc Coulée de St. Cyr ebenso wie der Cabernet Franc Clos Moleton.
Was mir schon bekannt war aus der Weinhandlung Kreis in Stuttgart, sind die Cabernet Francs von Philippe Alliet, Chinon, und Cathérine und Pierre Breton, Chinon und Bourgueil. Diese jungen Cabernet Francs trocknen einem im Moment zwar noch komplett die Mundhöhlen aus, zeigen aber schon ganz klar ihr Potential, ihre Fülle, Konzentration und Kraft, die Mischung von feiner Würze und kirsch- bzw. johannisbeerigen Noten.
Manchmal kommen einem ja Weine unter, die einfach eine schöne Geschichte liefern. Dies ist so ein Wein. Weil Sarah, die Tochter meines Partners Michael, wusste, dass ich Sauvignon Blancs für einen SB-Abend sammle, hat sie mir letztens den Wein der Bodega José Pariente mitgebracht. Mein Spanienimporteur hat ihn ebenfalls im Programm und ich habe mir jetzt kürzlich ein Buch über Weinfrauen gekauft, in dem es die Geschichte zu diesem Wein gibt, denn dieser Wein wird nicht etwa von José angebaut, nein, der hat nicht mal die Bodega gegründet. Vielmehr war es seine Tochter Maria Victoria, die die Bodega nach ihrem verstorbenen Vater benannt hat. Ob sie dies getan hat, weil dieses Land tendentiell nicht unbedingt die Gleichberechtigung der Geschlechter in den Mittelpunkt des Interesses stellt, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Einigermaßen klar ist aber, dass sie als Frau in der von Männern dominierten spanischen Weinwirtschaft gegen viele Widerstände anzukämpfen hatte. Erfolgreich übrigens, Victoria Pariente hat nämlich schon einige Jahre vorher einen gewissen Ruhm erlangt, als sie mit ihrer Namensvetterin Victoria Benavidis das Label Dos Victorias gründete, um direkt mit dem 1998er Verdejo mit der Auszeichnung des besten Weißweins Spanien gekürt zu werden. Dies hatte einen, in der Qualität der Weine begründeten ordentlichen Aufstieg der beiden Frauen zur Folge, 2005 hat der Wine Enthusiast den holzfassausgebauten Verdejo zu den Top 100 Weinen der Welt gezählt, der Decanter nannte ihn den besten Weißwein Spaniens.
Was auch immer man von Rankings halten mag, schlechte Weine produzieren die beiden Frauen nicht. Victorias Vater übrigens war einer der Ersten, der Verdejo im Rueda angebaut hat, nur hat er den Wein in der örtlichen Bar ohne Etikett verkauft, statt ihn, wie es seine Tochter dann gemacht hat, zu vermarkten. Diese hat mitterweile eine große Stange Geld in ein neues Weingut investiert, dessen erster Jahrgang der 2008er ist. Damals, beim ersten Wein, hat sie mit 8.000 Euro begonnen.
Verdejo wie Sauvignon Blanc wachsen auf der Hochebene des Douro, in der Meseta, im nördlichen Spanien. Der Boden besteht aus angeschwemmten Steinen, teils mit Kalk durchsetzt. Der Sauvignon Blanc übrigens stammt von den ersten Sauvignon Blanc Rebstöcken, die in der D.O. Rueda gepflanzt wurden. Sie sind mittlerweile über 25 Jahre alt.

Der Wein duftet wie ein tropischer Obstsalat. Zitrusfrüchte, Limettenschale, Mangos, etwas Ananas und etwas sortentypisches geschnittenes Gras. Dabei wirkt er schon in der Nase durchaus mineralisch und sehr frisch. Er erinnert in seinem Fruchtbouquet zunächst an Übersee-Sauvignon, wirkt aber schlanker.
Im Mund ist der Wein angenehm schlank und klar, mit Zitrusnoten, Stachelbeeren, grünem Apfel und Mineralen. Im Abgang wirkt er ein wenig austrocknend, störend ist das aber nicht. Ein sehr schöner Sauvignon Blanc für unter 10 Euro.
Was für ein opulenter Duft strömt da aus dem Glas. Maracuja und Litchi, Orange und Mandarinen. Blütenduft wie beim Riesling und Gelbem Muskateller aus dem gleichen Weinberg. Eine leichte Würze kommt dazu. Das wirkt insgesamt ein wenig überseeisch ausladend. Liegt es am Klon? Oder an der Hefe?

Auch im Mund findet man die Frucht, die Würze, diese Opulenz. Toll ist das. Nicht fein im französischen Sinn, eher kurzweilig modern, aber durchaus komplex.
Allerdings – und das ist wirklich sehr schade – hat der Sauvignon Blanc * zu viel Alkohol. Und das schmeckt man dann deutlich im Abgang. Die 14 Prozent machen ihn hinten raus brandig. Da frage ich mich, wo die Prozente herkommen und ob sie sein müssen. Denn die machen ihn unglücklicherweise zum Schluss unharmonisch und sorgen für eine kleine Enttäuschung.
Die Weinbegleitung zu Schnitzel, Nieren und Maultaschen bestand bei diesem Besuch in der Weinstube Fröhlich aus einer Flasche Sauvignon Blanc des Württemberger Gutes Ellwanger. Sven Ellwanger, so heißt es, macht Weine auf zunehmend erstklassigem Niveau mit Überraschungen und Experimentierfreude.
Der 2007er Sauvignon Blanc war tatsächlich überraschend … fad. Nach einem Schub Stachelbeer, Pfirsich und Gras kommt nichts hinterher, der Gaumen fordert und fordert und bleibt enttäuscht zurück.
Der Quarz 2007 der hervorragend arbeitenden, 1893 gegründeten kleinen Genossenschaft Cantina Terlan stammt aus der Reihe der Selektionsweine, der oberen Riege der insgesamt 24 angebotenen Weine. Der Sauvignon Blanc stammt aus vier Einzellagen und wird zu 60 % in Edelstahl und zu 40 % in 500 l Tonneaux ausgebaut.
Der 2007er ist noch jung und wird sich noch deutlich weiter öffnen. In der Nase Holunder- und Stachelbeergeruch und eine Ahnung des Volumens, das dieser Wein hat. Der 13.5-Prozenter wirkt noch fast scharf, so als hätte man Reste von Virginia-Tabak auf der Zunge. Nach und nach aber setzt sich eine feine Cremigkeit durch, dazu kommen so unterschiedliche Aromen wie zu Beginn Rose, später immer deutlicher Kümmel und Brennessel – neben den Stachelbeeren. Abgesehen von all den Aromen liegt darunter eine deutliche mineralische Struktur und eine hohe Dichte. Beeindruckend.
Stand ich doch am Freitag in einem meiner bevorzugten Weinläden und suchte noch einen Gegenspieler zum Quarz Sauvignon Blanc der Cantina Terlan, so einem 25 Euro Schwergewicht aus dem Süden Tirols. Ich fand einen Pouilly-Fuissé von Denis Jeandeau. Der Name sagte mir nichts und ich griff eher ein wenig blind zu.
Um zwei Sauvignon Blancs zu vergleichen, war das nicht unbedingt die richtige Wahl. Ich muss gestehen, dass ich keinen blassen Schimmer davon hatte, dass Pouilly-Fuissé mitnichten an der Loire liegt und auch keinen Sauvignon Blanc zum Inhalt hat. Ich wunderte mich schon stark ob der schweren Bananentöne im Wein und dachte an einen Chenin Blanc, um wenigstens das Gebiet zu verteidigen. Aber es wird Chardonnay angebaut in Pouilly-Fuissé, denn diese Appellation liegt im Burgund.