originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



2011er Große Gewächse Rheingau, Franken, Baden – ein kleines Probenfazit

Letzte Woche Montag war ich noch mal im Louis C. Jacob, um beim Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) die Großen Gewächse aus dem Rheingau, Franken, Baden und Württemberg zu probieren. Ich sage direkt, ich konnte nicht die gesamte Zeit verweilen, und so musste ich dieses Jahr Württemberg außen vor lassen. Das ist schade, jedoch leider nicht zu ändern. ich habe mich schlichtweg zu lange im Rheingau aufgehalten, bildlich gesprochen. Nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte. Das hat mir in diesem Jahr viel mehr Spaß gemacht als in den Jahren zuvor.

Rheingau
Es tut sich was im Rheingau. Das postuliert nicht nur Dirk Würtz, das kann man auch schmecken – unter anderem und nicht zuletzt bei Dirk Würtz und seinen Weinen, die er bei Balthasar Ress gemacht hat. Doch dazu später. Ich habe mich im letzten Artikel zu den Großen Gewächsen dazu entschieden, ein besonderes Gewächs hervorzuheben und eine Kollektion. Diese Idee wird dann kompliziert, in die Tat umgesetzt zu werden, wenn die Kollektionen so unterschiedlich umfangreich sind: Ein Winzer bringt zwei Weine mit, der andere sechs. Und im Rheingau beispielsweise viel es mir wirklich schwer. Sowohl bei der Einzelbewertung, als auch bei der Kollektion. Trotzdem habe ich mich entschieden, und diese Entscheidung ist ein Statement, und zwar eins für den Einzug der Moderne in dieser Traditionsweinlandschaft. Es ist immer so eine Sache mit der Tradition, vor allem, wenn man sich auf ihr ausruht. Und wenn dann Weine entstehen, die eigentlich nicht mehr zur Qualitätsspitze gehören. Darüber ist in letzter Zeit viel geschrieben und diskutiert worden – die Problematik gut zusammengefasst findet man bei vinositas. Bei der GG-Probe jedoch musste ich feststellen, das sich etwas tut. Hier finden sich vielleicht nicht die überragenden Weine eines Keller, Wittmann oder Battenfeld-Spanier, hier finden sich jedoch Große Gewächse, die ihren Namen verdienen und die in ihrer Stilistik sehr unterschiedlich sind – nicht nur, was Lagentypizität angeht. Es finden sich Weine, die ich bisher nicht unbedingt ins Rheingau verortet hätte.

Rheingau – Einzelweine
Es sind in diesem Jahr zwei Weingüter, deren Weine mich stark beeindruckt haben. Hervorheben möchte ich den Nussbrunnen von Balthasar-Ress und auch den Berg Schlossberg. Ersterer offen, mit einer faszinierenden Note von Zimt und weihnachtlichen Gewürzen. Der Wein ist gerade jetzt ungemein geschmeidig, weich und zugänglich, dabei komplex und tief. Der Berg Schlossberg wirkt etwas verschlossener (nein, kein Wortspiel), kühler, mineralischer, mit einer deutlichen Lakritznote. Dazu kommen Kräuter und ein paar Blumen. Auch diesen Riesling mag man so weg trinken aus purer Lust am Wein – auch wenn ihm Zeit noch gut tun wird. Wenn ich einen Wein aus der Kollektion der Georg-Müller-Stiftung hervorheben soll, dann ist es das Hattenheimer Schützenhaus. Spielerische Leichtigkeit triff auf ein Holzfass, das seltsamerweise mitten in einer Blumenwiese steht. Diese beiden Weine, bzw. Kollektionen von Dirk Würtz und Alf Ewald zeigen mir, wo es im Rheingau unter anderem hingehen kann und ich glaube, dass man hier in den nächsten Jahren noch Einiges erwarten kann, denn die beiden stehen bei den jeweiligen Gütern erst am Anfang. Klassischer, jedoch auch ausgezeichnet war der Berg Rottland vom Weingut Johannishof, die Hochheimer Hölle von Künstler und der Kiedricher Gräfenberg von Robert Weil, ein leiser, unaufgeregter Wein, der mir selten so zugesagt hat, wie in diesem Jahr. Etwas gereift und besonders hervorzuheben wäre für mich noch der 2010er Wisselbrunnen von Knyphausen und das 2008er Oestricher Lenchen "Rosengarten" vom Weingut Josef Spreitzer.

Rheingau – Kollektion
Wenn ich etwas nicht erwartet hatte, dann war es die im Holz gereifte Riesling-Kollektion von Alf Ewald, Beitriebsleiter der Georg-Müller-Stiftung. Die Rieslinge 2011er Hattenheimer Nussebrunnen, 2011er Hattenheimer Schützenhaus und der 2009er Hattenheimer Hassel zeigen auf beeindruckende Weise eine Alternative zu ausgetretenen Pfaden. Ich war bisher nicht unbedingt positiv eingestellt gegenüber spürbarem Holz im Riesling. Diese Weine haben mich jedoch eines Besseren belehrt. Es funktioniert also, wenn man es kann, denn die Leichtigkeit, das Verspielte, das den Riesling so einzigartig macht, geht dem Wein nicht verloren sondern stellt sich eher in einen Kontrast und in eine gleichzeitige Verbindung zu der Ernsthaftigkeit und Erdverbundenheit, die das Holz bietet. Das Gut, dass ich bis vor kurzem nur dem Namen nach kannte – vor kurzem trank ich einen ausgesprochen schönen Frühburgunder – ist eines, dass ich auf jeden Fall verstärkt im Auge behalten werde. Was mir wirklich Spaß gemacht hat war das Verweilen am Stand vom Baron Knyphausen. Nicht nur gefiel mir die aktuelle Kollektion, wir konnten auch Weine abseits der Großen Gewächse probieren, beispielsweise den Riesling Royal Blue, Imperial Yellow und Constitutional Green, Riesling-Auslesen von trocken bis süß, ebenfalls immer mit spürbarer Holznote und durchaus begeisternd.

Franken
Die Franken hatten es nicht leicht in der letzten Zeit. Hagel und vor allem Fröste haben ihnen schwer zu Schaffen gemacht. Das was bei der GG-Probe geboten wurde war jedoch meist ganz ausgezeichnet, und zwar bei Silvaner, Spätburgunder und Riesling.

Franken – Einzelweine
Der Wein, den ich in einer Vertikale von 2008 bis 2011 zuerst probiert habe, gehörte für mich auch zu den besten. Der 2011er Silvaner Kapellenberg "Mönchshof" von Bickel-Stumpf ist frisch, klar, absolut terroirbetont (Muschelkalk) und präzise, dazu balanciert und mit feiner Komplexität. So kann, ja sollte Silvaner häufiger schmecken. Ähnlich klar und fokusiert, ohne Schnörkel, jedoch etwas komplexer und cremiger die beiden Weine von Horst Sauer. Der 2011er Silvaner und Riesling aus dem Escherndorfer Lump begeisterten mich ebenso wie mindestens zwei Weine vom Weingut Rudolf Fürst, nämlich die 2010er Spätburgunder Klingenberger Schlossberg und Burgstädter Hundsrück. Das ist klassischer, deutscher Spätburgunder auf höchstem Niveau.

Franken – Kollektion
Das ist dann auch meine Wahl für meine persönliche fränkische Kollektion des Jahren: Rudolf Fürsts Riesling 2011er Bürgstädter Centgrafenberg ist ebenso gelungen wie die ganze Riege der Spätburgunder, wo mich der 2010er Hundsrück in seiner Offenheit, Frische und gleichzeitiger Tiefe genauso beeindruckt hat wie der Schlossberg, der für mich lediglich von einem einzigen badischen Spätburgunder geschlagen wurde. Der 2008er, der gereifte Schlossberg zeigt dann deutlich, wie viel Substanz und Komplexität in Zukunft zu erwarten sein wird.

Baden
Wenn man Baden nach Franken probiert, muss man aufpassen, dass einem nach den teils sehr klaren und präzisen, auf das Wesentliche reduzierten Rieslinge und Silvaner die Breite der badischen Burgunder nicht erschrickt. So habe ich eine sanfte Überleitung von fränkischen Pinots zu badischen gefunden. Ich stelle immer wiederfest, dass ich auf Weiß- und Grauburgunder meist (meist, nicht immer) verzichten kann. Sie können tolle Weine sein, aber berühren tun sie mich selten. Das hat auch heuer niemand geschafft. Bei den Pinots war das anders.

Baden – Einzelweine und Kollektion
So sind es auch die Spätburgunder-Spezialisten, die mich gepackt haben. Einzelweine und Kollektion sind hier für mich nicht zu trennen. Sie überschneiden sich und es sind genau zwei Weingüter, deren Weine mich gefesselt haben. Der 2010er Schlossberg von Bernhard Huber war für mich der Wein der Probe. Moderner als die Weine von Rudolf Fürst aus Franken, noch offener, weicher, doch ebenso komplex. Ein saftiger, jetzt schon unglaublicher leckerer Wein. Die beiden anderen Weine Hubers, der Bienenberg und die Sommerhalde stehen kaum nach, sind stilistisch jedoch anders. Großartig auch die weißen und späten Burgunder von Salwey. Wenn man die Weine nach denen Hubers probiert, haben sie es zunächst ein wenig schwer, denn die Macht der Huberschen Weine ist beeindruckend. Wenn man aus dieser Aura wieder raus ist und sich ganz den Salweyschen Weinen widmen kann, macht es Spaß. Vor allem der frische, ganz gradlinige Henkenberg gehörte für mich zu den besten Weinen des Tages.

Fazit
Neben dem Fazit des ersten Tages, das man hier nachlesen kann, würde ich mich jetzt nur wiederholen. Rheingau war spannender als erwartet, in Franken überrascht mich immer wieder die Vielfalt auf hohem Niveau und in Baden finde ich mal wieder Rotweine, in denen ich baden möchte von denen ich mir gerne eine Kiste oder zwei in den Keller legen würde. Weine, die den Spagat schaffen zwischen komplexer Tiefe lustvoller Saftigkeit.

 

P.S.: Hendrik Thoma war diesmal auch da, aber der kleine Jacob und sein Bistro hat sich unserer trotzdem nicht erbarmt.

Artikel No. 500: Ein bunter Strauß ungewöhnlicher Weine

Zufälliger Weise ist das nun das Posting No. 500. Nach etwas über vier Jahren. Da kommt ja doch was zusammen. Statt groß zu feiern mache ich das, wozu dieses Blog da ist und resümmiere mal den letzten Weinabend unserer Bonner Runde.

Hatten wir bisher meist klar umrissene Gebiete oder Sorten als Themen des Abends, war es diesmal anders. Es war so etwas wie eine Best-Bottle-Party, eigentlich aber eher nach dem Motto "Ich hole mal die Dinge aus dem Keller die ich immer mal mit anderen zusammen probieren wollte". So war bei diesem Abend nicht entscheidend, wer jetzt die rarste und teuerste Flasche aus den Tiefen des Kellers hervorgezaubert hat, angenehmer Weise wird hier eh nicht um die Position des Alphatier-Weinkenners und -sammlers gerungen, viel interessanter war die Bandbreite ungewöhnlicher Weine, die jeder beizusteuern hatte.

Ich selber habe zu diesem Abend einen süßen Champagner, und mit süß meine ich süß, von Fleury beigesteuert und die einzige Flasche Niepoort Redoma 1996, die ich hatte. Aber dazu später mehr.

 

Vorspiel
Begonnen haben wir, nachdem klar war, wer in die zweite Liga absteigen würde und wer noch eine Chance hat, drin zu bleiben. Begonnen haben wir mit einem Wein ausser der Reihe, einem Aperitiv des Gastgebers, genau so blind eingeschenkt wie die restlichen Weine des Abends.

Woran denke ich, wenn der Wein nach Traminer riecht aber nicht unbedingt danach schmeckt? Wenn er eher nach Riesling schmeckt, aber auch nicht so richtig? Ich denke dann immer an den Cöllner Rosenberg, auf dem der gemischte Satz (Riesling und Traminer) des Weinguts Hahnmühle steht. Ich hatte den 2010er gerade eine Woche vorher noch vor Ort probiert und das war meine Idee, die ich zu dem Wein im Glas hatte. Das Elsaß fällt mir noch als Alternativursprungsort zum Alsenztal ein, doch ich liege falsch. Was hier so frisch und kräutrig, mit angenehmer Holunderblütennoten daher kommt ist ein blitzsauberer trockener Muskateller 2009 der Familie Rebholz, Pfalz also, sehr ansprechend.

 

Erstes Doppel
Ernst wurde es mit dem ersten Gedeck, zwei Weiße nebeneinander und grundverschieden. Im linken Glas findet sich ein Wein mit leichten Petrolnoten, Riesling, ziemlich klar, zunächst denke ich an Mosel, doch nur im ersten Moment, dann wandere ich gedanklich weiter Richtung Nahe, Pfalz… Ins Elsass gelange ich nicht auf meiner imaginären Wanderung, doch da hätte ich hingemusst um den Wein zu verorten, den ich zwei Stunden vorher noch mit Matthias von Chez Matze aus dem Weinbunker geholt hatte. Der Wein schmeckt entschieden deutsch, nicht elsässisch, er schmeckt auch gut, aber nicht hervorragend, hat Charakter, aber zu wenig momentan, zu wenig für einen Schlossberg Grand Cru 2005 von Albert Mann. Auf mich wirkt er verschlossen, ich kenne ihn anders, feiner, subtiler, mit mehr Substanz. Das ändert sich übrigens auch nicht zum Schluss der langen Runde, als ich mir den Wein noch mal still und heimlich vornehme. Nein, das ist nicht seine beste Zeit.

Dem gegenüber steht ein Oak-Monster, ein Wein der sich erst einmal durch eine große Ladung Rösteiche zwingen muss, damit man ihn überhaupt wahr nimmt. Wer macht solche Weine, wo könnte er entstanden sein? Die erste Idee am Tisch ist Burgund, ich kenne auch solche Veltliner, aber ein Veltliner ist es nicht, Weißburgunder aus der Pfalz kommt dem am Nächsten, was ich im Glas erahne aber das fehlt die spezielle Crèmigkeit. Gelbe Früchte finde ich, aber nicht die des Chardonnay, etwas Marzipan, ein wenig Crème…

Knipser, Gelber Orleans, Drei Sterne

Es ist jedenfalls definitv eine Rebsorte, die nicht allzu deutlich mit eigenen Aromen glänzt, vielmehr Geschmackträger, Geschmacksverweber ist, das ist den Knipsers schon klar, deshalb stecken sie ihn ins Holz, in zu viel Holz, wie ich finde. Als Rebsorte führt das, was wir im Glas haben ein absolutes Nischendasein. Ein Gelber Orléans *** 2005 vom Weingut Knipser. Der Orléans ist aus den hiesigen Weingärten übrigens fast komplett verschwunden, früher wurde er im gemischten Satz angebaut, vornehmlich mit Traminer, Riesling und Heunisch baut ihn meines Wissens nur Knipser in der Pfalz und Georg Breuer im Rheingau an. Vor wenigen Jahren wurden am Kloster Disibodenberg beim Weingut von Racknitz einige uralte Rebstöcke gefunden, fünf davon sind Orléans, über 500 Jahre alt.

 

Zweites Doppel
Im zweiten Flight standen sich zwei Weine gegenüber, die ziemlich rebsortentypisch zu sein schienen, zumindest dachten wir das für den ersten Wein, der alle Charakteristiken eines reinsortigen Sauvignon Blanc aufweisen konnte. Beim zweiten Wein waren wir uns nicht ganz sicher, ich selbst habe auf Chenin Blanc von der Loire getippt und durfte Recht behalten. doch von vorne.

Was fällt einem dazu ein wenn man einen hellen Weißwein im Glas hat, der realtiv klar nach Stachelbeeren und Johannisbeere duftet und zudem leicht kräutrig wirkt?

Das muss doch entweder ein Sauvignon Blanc sein oder ein Grüner Veltliner aus dem Artikel von Captain Cork, also einer, wie wir uns ihn eigentlich nicht wünschen. Der Wein schmeckt nicht nach Sancerre, dafür ist er nicht trocken genug und ihm fehlen Kalk und Silex, nach Österreich schmeckt er nicht, dafür ist er nicht wuchtig genug, Deutschland könnte sein, aber die meisten hier haben etwas mehr Restzucker. Neuseeland, zumindest die älteren Jahrgänge wird es auch nicht sein, dafür ist er nicht exotisch genug. Ich tippe für mich auf Trentino oder Alto Adige, bin mir aber lediglich in der Rebsorte sicher – und scheitere. Wir haben etwas ganz Anderes im Glas. Einen Wein von einem Weingut, dessen Chenin Blancs ich früher mochte (ich habe hier mal einen vorgestellt). Das, was ich nun probieren muss, erschüttert mich. Ok, es erschüttert mich nicht wirklich, wir wissen mittlerweile zu viel von Aromahefen, Kaltvergärung und dem Zusammenspiel der Kräfte im Weinkeller wenn man einen Wein "machen" will. Aber es sollte erschüttern. Dieser Wein hier wurde gemacht. Das ist kein Chenin Blanc im eigentlichen Sinne. Das ist Chenin Blanc, der auch Grüner Veltliner sein könnte, der auch Sauvignon Blanc ist. Ein Wein also, den die Welt nicht braucht und bei dem ich mich frage: Wozu in aller Welt machen die das? Ja, ersthaft. Wozu? Warum machen die nicht Chenin Blanc der nach Chenin Blanc schmeckt und Sauvignon Blanc der nach Sauvignon Blanc schmeckt? Beides ist in Südafrika sehr gut möglich, auf sehr gutem Niveau. So viel also zum Chenin Blanc 2009 Vineyard Selection, Kleine Zalze.

Den zweiten Wein habe ich vor nicht allzu langer Zeit schon mal getrunken, als Absacker gewissermaßen, als Schlusspunkt einer Cabernet Franc Verkostung. Und auch wenn die teils noch zu jungen Cabernets richtig Spaß gemacht haben, zum Schluss einen Chenin zu trinken ist eben ein i-Tüpfelchen. Der Wein hat mir damals gefallen, mit einer klaren Einschränkung, die ich ich hier nur bestätigen kann. Der Jahrgang leidet an zu viel Alkohol, wirkt etwas brandig hinten raus, etwas matt. Das ist eine Klage auf hohem Niveau, ich gebe es zu, aber es ist ehrlich. Der 2006er L’Enclos, Savennières von Eric Morgat ist expressiv, dicht, voll reifer Birnenfrüchte und ein wenig Banane, mit Anklängen von Nüssen und gut eingebundenem Holz, dazu kommt ein wenig Bitterorange, das mag ich.

 

Drittes Doppel
Was uns nun im dritten Doppel aus dem Glas entgegen strömte, das mochte ich auch, und zwar beides.

Das erst Glas war, was die Rebsorte anging erstaunlich schnell und präzise erraten, da gab es praktisch keine Diskussion. Cabernet Franc sollte es sein. Mit ziemlicher Sicherheit reinsortig. Die Art der Würze, die roten Paprika, die Säure, das Zusammenspiel der Komponenten macht uns sicher. Doch was heisst das schon nach der Pleite mit dem südafrikanischen Chenin? Und was macht die Note von nasser Pappe, der Brotteig, die Schokonote in diesem Wein? Matthias tippt auf Merlot als Beimischung, letztlich ist es aber Südafrika als Beimischung. Es ist ein 2005er (schon der dritte 2005er) Cabernet Franc von Buitenverwachting. Buitenverwachting verfügt nicht nur über eines der schönsten Häuser in diesem Landstrich, einem historischen Kleinod, es ist auch meiner Ansicht nach eines der beständigsten Weingüter dort, die Cuvée Christine mag ich immer wieder gerne, aber auch die reinsortigen Weine können sich sehen lassen, wie eben auch der Cabernet Franc, eine Seltenheit am Kap. Ach, und übrigens, warum soll der Wein nicht auch einen Anteil Merlot enthalten? Schließlich dürfen dem Wein undeklariert 15% weitere Rebsorten beigemischt werden, das Gesetz erlaubt es.

Dem Cabernet Franc zur Seite gestellt hat der Hausherr einen Wein, dessen Provinienz deutlich schwerer zu erraten war. Ein trüber Wein, süß in der Nase, etwas dumpf, matt, dazu etwas, was Matthias als Schiefernote identifiziert hat, "so was wie Faugères", meinte er, "so was wie Mas de Daumas Gassac". Der Wein dreht erst richtig am Gaumen auf. Ein Wechselspiel zwischen Fruchtsüße und klarer Säure, einer inneres Messen ob Frucht oder Säure bei der Sauerkirsche überwiegt. Mineralität ist im Spiel, etwas Hitze. Es ist definitiv ein südlicher Wein und da ich weiss, was ich mitgebracht habe bin ich mir ziemlich sicher, was im Glas ist und halte die Klappe. Irgendwann wird dann doch aufgedeckt und wir sind uns so ziemlich alle einig, auch später, dass dieser 1996er Redoma von Dirk van de Niepoort der Rotwein des Abends ist. Viel Struktur, viel Charakter findet sich in diesem Wein, dessen autochthone Rebsorten auf den Schieferböden des Dourotals wachsen. Lediglich der Abgang ist ein wenig kurz geraten, aber das frustriert nicht wirklich, es ist lediglich ein wenig Schade, denn von einem schönen Wein will man ja immer gerne noch mehr.

Stattdessen kommt es zur dritten Rotwein-Paarung mit zwei ganz unterschiedlichen Typen.

 

Viertes Doppel
Der erste Wein ist ähnlich unfiltriert wie der letzte Wein und, später kommt es heraus, aus dem gleichen Jahrgang 1996. Zunächst denke ich an Syrah, er hat so was Teeriges in der Nase, die helle Farbe passt aber gar nicht. Zum Teer kommt dann noch etwas gekocht Gemüsiges dazu. Der Sexappeal des Weines hält sich zunächst in Grenzen. Das Mundgefühl allerdings ist dann ein Pinotgefühl. Ein Rest aus dem Himbeer-Erdbeer-Früchtekorb ist noch da, Würze, Liebstöckel und zum Schluss ein abgebranntes Streichholz. Das alles ist sehr harmonisch zusammengefügt, mit viel Kraft, Struktur und ordentlichem Tannin. Gealterter Pinot nach meinem Geschmack. Es ist, voilà, ein 1996er Chambolle-Musigny, eine Dorflage von Hubert Lignier. Lignier gehörte in den 80ern und 90ern zu den sehr renommierten Winzern, auch wenn er seinen Besitz in Morey St. Denis hat, und nicht in der bekannteren Nachbargemeinde Gevrey-Chambertin. In den 90er Jahren hat seinen Sohn dann zunehmend die Leitung übernommen und die beiden haben eine Betriebsgesellschaft gegründet. Dann verstarb sein Sohn an einem Hirntumor und Hubert und seine Schwiegertochter können nicht miteinander. Die Folge ist, dass Lignier heute nicht einmal mal mehr in seinen eigenen Keller kommt.

Noch deutlich bekannter als Lignier ist der Schöpfer, der Macher des zweiten Weins. Ich habe kürzlich über das Weingut geschrieben, weil ich eine wirklich geniale Flasche von ihm aufmachen durfte. Diese hier, noch verdeckt, ich habe noch keine Ahnung, was hinter diesem Wein steht, macht mich nicht so an. Der Wein ist dicht und dunkel, massiv beerig, mit einem Hauch von Eukalyptus und Lakritze. Leider ist der Wein allerdings auch etwas bitter, und zwar hat es die Bitterkeit, die man nicht haben möchte. Der Wein wirkt wie einer aus Übersee, im Gegensatz zu dem, den ich vor Kurzem im Glas hatte. Wir probieren gerade einen 2002er Dominus von Christian Moueix. Sicherlich ein sher gut gemachter Wein, der aber bei mir gerade im direkten Vergleich zum Lignier keine Chance hat.

 

Interludium
Als intellektuelles Zwischenspiel und auch, um die Zungen ein wenig zu beruhigen, plöppt wenig später der Korken und Schaumwein ist angesagt. Nach dem ersten Schnuppern ist klar: Das ist Champagne. Diese Briochenoten, das leicht Kalkige, leicht Kräutrige kann nur Champagne sein. All dies setzt sich am Gaumen fort, dann aber kommt die Überraschung. Eine ungeahnte, in der Nase nicht präsente Süße macht sich breit. Was ich hier ins Feld werfe ist ein 1995er Fleury Doux. Ein Champagner mit 53 Gramm Restzucker. Das ist man heute gar nicht mehr gewohnt. Ich selber liebe Champagner gänzlich ohne Dosage, der Stoff hier hat richtig viel, ohne allerdings im Geringsten aufdringlich zu wirken. Die 53 Gramm jedenfalls hätte niemand getippt, es wirkt eher wie ein wenig mehr als Demi-Sec. Das ist schon gekonnt, hat Fleury doch den Säuregrad exakt abgepasst, damit es passt. Fleury ist übrigens momentan der Einzige, den ich als Produzenten kenne, der solche Champagner noch herstellt.

 

Fünftes Doppel
Kommen wir nach trockenen Weißweinen und Rotweinen zum dritten Teil des Abends, den Süßweinen.

Wer sich durch den Werkstattgeruch beim St. Urbanshof durchgearbeitet hat, landet eigentlich immer bei einem schönen Wein. Diese Erfahrung habe ich zumindest bisher gemacht, und das ist auch bei diesem 2002er Kabinett aus Wiltinger Schlangengraben nicht anders. Leicht, fein mit noch frischem Apfel und feiner Säure. Mosel, wie ich sie liebe.

Im direkten Vergleich wirkt der zweite Wein dagegen massiver, dichter, tropischer. Leider mit einem kleinen Korkgeruch, der den Wein aber glücklicher Weise nicht all zu stark behindert. Der Wein besitzt viel Restzucker und zu wenig Säure, im Mund verdichten sich die tropischen Früchte, hinzu kommt eine leichte Schwarzteenote und hinten raus eine Bitternote, die aber allgemein nicht als Fehler oder als störend empfunden wird. Es ist eher so eine Bitternote aus einer englischen Orangenmarmelade – mit entsprechender Süße. Wie gesagt, die Säure fehlt und macht den Wein etwas fruchtsaftig. Dass es sich hier um eine 1993er Spätlese handelt, hätten wir allerdings nicht gedacht. 1993er Bopparder Hamm Ohlenberg von Weingart. Unten auf dem Etikett taucht schon der Name Florian Weingart auf, die großen Lettern verweisen jedoch auf den Vater Adolf Weingart.

Sechstes Doppel
Auch der nächste Wein ist einer, der so wirkt, als habe man einen exotischen Früchtekorb gepresst. Litchi, Mango, noch mal Mango, Papaya und was sonst noch alles drin sein mag. Das ist Huxel, denke ich, liege jedoch falsch. Es ist Silvaner, in Auslesequalität. Das war klar, so konzentriert kommt der Wein daher. Allerdings fehlt diesem noch leicht moussierenden Stück aus der Horst Sauerschen 0,5er-Flasche doch ein wenig die Säure. Das ist Schade, ein mehr davon wäre perfekt gewesen. Andererseits, diese 2007er  Silvaner Auslese aus dem Escherndorfer Lump ist für relativ kleines Geld zu haben und dafür macht sie richtig Spaß.

Was neben diesem Silvaner steht, wirkt davon meilenweit entfernt, statt wenige Zentimeter. Ein bernsteinfarbenes Extrakt, Orange- und Brauntöne mischen sich wie kürzlich erst beschrieben beim Genuss der 1994er Rieslaner Eselshaut-Auslese von Müller-Cartoir. Auch da war Matthias dabei und er denkt dasselbe. Etwas Steinobstfrucht noch in der Nase, vermischt mit Schwarzteesud, Kramellkeks kommt dazu und schon in der Nase erahnt man Säure. Am Gaumen gibt es dann jede Menge davon. Heftig. Was die Säure angeht, könnte diese Beerenauslese noch lange liegen blieben. Ob dann noch Frucht vorhanden sein wird mag bezweifelt werden. Ein Erlebnis ist es auf jeden Fall, mit solch einem Wein konfrontiert zu werden, mit einer 1996er Traiser Beerenauslese Riesling vom Weingut Crusius.

Nachlauf
Noch etwas? Ja, noch etwas. Bevor es Zeit wird, zu gehen, nach dem Säureschock der Beerenauslese kommt noch etwas sehr Süßes hinterher. Süßlich wie der Gewinnersong des ESC, der weit entfernt am anderen des Raumes vor sich hindudelt und dessen Verlauf wir mit halbem Auge verfolgt haben.

Was die Farbe von Sauternes hat und zunächst auch ähnlich in der Nase wirkt, die Fruchtnoten sind da, die Kaffenoten, gleitet bei zunehmender Vermischung mit Sauerstoff ins Alkoholische, etwas Acetonische ab. Am Gaumen bleibt der Alkohol präsent. Dazu kommt die oben schon genannte bittere Orangenmarmelade und noch ein wenig Exotik. Der Wein ist definitiv zu jung, noch unausgewogen. Kein wunder, wir haben einen 2009er Chenin Blanc im Glas. Noch mal Südafrika, diesmal Joostenberg.

 

Jetzt ist die Zunge müde, aber das Fazit ist sehr positiv. Auch wenn sich über einige Weine trefflich streiten ließ, oder vielleicht gerade deshalb, mag ich solch verdeckte runden in denen sich jeder auf’s Glatteis begeben muss und manchmal fällt. Ach ja, wir hatten zwei Gäste am Tisch, die wussten im Vorfeld gar nicht, was sie erwartet und schauten uns nur immer wieder staunend an, ob der Hingabe, mit der wir uns unserem Thema gewidmet haben. Ob sie wohl noch mal dazu stoßen würden, nach dieser Erfahrung? Wer weiss…

Die Weine im Überblick:
2009er Muskateller, trocken, Weingut Rebholz, Pfalz
2005er Schlossberg Grand Cru Riesling, Domaine Albert Mann, Elsass
2005er Gelber Orleans ***, Weingut Knipser, Pfalz
2009er Chenin Blanc Vineyard Selection, Kleine Zalze, Südafrika
2006er l’Enclos, Eric Morgat, Savennières
2005er Cabernet Franc, Buitenverwachting, Stellenbosch
1996er Redoma, Niepoort, Douro
1996er Chambolle-Musigny, Hubert Lignier, Bourgogne
2002er Dominus, Christian Moueix, Napa Valley
1995er Champagne Doux, Fleury Père & Fils, Champagne
2002er Wiltinger Schlangengraben Riesling Kabinett, St. Urbanshof, Mosel
1993er Riesling Spätlese Bopparder Hamm Ohlenberg, Adolf Weingart, Mittelrhein
2007er Silvaner Escherndorfer Lump Auslese, Horst Sauer, Franken
1996er Traiser Riesling Beerenauslese, Weingut Crusius, Nahe
2009er Chenin Blanc, Joostenberg, Südafrika

Silvaner 2009, Weingut Gysler Rheinhessen

15/Apr/10 16:20 kategorisiert in: Alles Bio, nach Rebsorten, Silvaner, Weiß, Deutschland, Weißweine

Ach, da haben wir gestern doch glatt inoffiziell die Spargelsaison eröffnen können. Offiziell gibt es den erst frühestens am Wochenende, zumindest am Niederrhein. Dass mein Gastgeber trotzdem welchen bekommen hat, liegt wohl daran, dass er seit vielen Jahren bei seinem bevorzugten Spargelbauern ein sehr guter Kunde ist.

gysler_silvaner_2009

Ich kam ziemlich abgehetzt in Goch an, hatte viel länger gebraucht für die Strecke und das Essen stand schon auf dem Tisch. Spargel satt, Schinken satt, zerlassene Butter satt und ich konnte frischen 2009er Silvaner von Alexander Gysler mitbringen. Ein herrlich stoffiger Gutssilvaner ist das geworden mit einer schönen Kräuternote und ordentlicher, leicht salziger Mineralität. Zu diesem Gericht eine kongeniale Ergänzung.

Und solch ein Essen ist ja immer wieder echtes Soulfood!

Silvaner trocken "alte Reben" 2008, Alexander Gysler, Rheinhessen

14/Mrz/10 16:42 kategorisiert in: Alles Bio, Silvaner, Weiß, Deutschland

Vorletzte Woche habe ich Alexander Gysler in Alzey-Weinheim besucht. Er gehört mit zu den Winzern, die sich zum Netzwerk message in a bottle zusammen gefunden haben, den Weinbau in Rheinhessen zu neuen Qualitäten vorantreiben und das Gebiet für mich zur momentan spannendsten Region werden lassen. Über Wagner-Stempel oder Keller oder Wittmann muss man da gar nicht weiter viel schreiben, das Netz ist voll davon, über Sander, Winter oder Koehler habe ich das auch schon getan, nicht aber beispielsweise über Villa Bäder oder eben Alexander Gysler.

Letzterer musste nach dem plötzlichen Tod des Vaters 1999 ziemlich rasch das Gut übernehmen und hat dies ganz konsequent in den letzten Jahren zu einem Demeter-Betrieb umgewandelt. Was bei all seinen Weinen beeindruckt, ist, wie reintönig und sortentypisch all seine Qualitäten sind, vom Literwein bis zum Riesling JC. Diese Weine sind immer zunächst zurückhaltend, von klarer Frucht und feiner Würze. Zurückhaltend wohl, so Alexander Gysler, weil seine Lagen mit zu den kühlsten in Rheinhessen gehören.

gysler_alte_reben_silvaner_2008

Gyslers Weine sind glockenklar, wenn ich das mal so formulieren darf, reintönig und frisch, wie zum Beispiel der Silvaner "alte Reben", den ich gerade im Glas habe. Feine Würze paart sich mit Aromen von reifer Birne, dabei wirkt er leicht salzig und mineralisch vom rotliegenden Gestein. Trinkt man den Wein, füllt sich der Mund mit der gleichen herrlichen Kombination aus Würze und Frucht, gepaart mit einer leichten Restsüße. Der Wein ist fülliger als zunächst in der zurückhaltenden Nase vermutet, dabei aber trotzdem wunderbar klar und gradlinig, mit einem langen Abgang. Ein feiner rheinhessischer Silvaner.

Silvaner trocken "alte Reben" 2008, Alexander Gysler, Rheinhessen, 11,50 Euro

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