Es ist ungewöhnlich, was die beiden befreundeten Winzer aus Franken da seit 2006 machen. Sie tauschen reifes Rebgut aus ihren besten Lagen, die da wären Escherndorfer Lump bei Horst Sauer und der Iphofener Julius-Echter-Berg bei Johann (Hansi) Ruck. Heraus kommen vier Weine, also zwei aus jedem Hang im Stil der beiden Winzer. Zwei Stile, die unterschiedlicher in Franken kaum sein könnten – wage ich zu behaupten.
Unser Gastgeber allerdings hat sich nicht lumpen lassen, den Abend zunächst mit einem Champagner "auf's neue Jahr" einzuläuten und mit einem verdeckten Weißwein fortzufahren, wo er seinen halben Weinkeller drauf verwetten wollte, dass wir es nicht rauskriegen, was das nun ist, was wir im Glas haben. Getraut hat er sich nicht – aber rausgefunden haben wir es auch nicht.
Der Champagner stammt von Pierre Gimonnet, ein Blanc de Blancs 1998, abgefüllt für Eckart Witzigmann und erworben vor wenigen Jahren für erstaunliche 34,- Euro. Pierre Gimmonet & Fils gehört unter den Winzern, die auschließlich eigenes Traubengut verarbeiten, mit 25 Hektar eher zu den großen Erzeugern. Diese 25 Hektar finden sich ausschließlich an der Côte de Blancs und es wird ausschließlich Champagner aus Chardonnay erzeugt, und das von teils 90 Jahre alten Stöcken.

Diese Cuvée besticht durch geröstete Nüsse, etwas Brioche und bei längerer Standzeit zunehmender Quitte. Hinzu kommt etwas mürber Apfel und eine sehr frische, klare Säure. Eine sehr angenehmer, durchaus beglückender Einstieg in den Abend.
Was folgte, war die Verkostung eines Weins, den ich am ehesten als Weißburgunder des Alto Adige , also nach Südtirol, gesteckt hätte. In der Tat aber hatten wir einen frischen Auxerrois aus den Niederlanden im Glas, genauer gesagt, aus der Gegend von Maastricht. Thorn wird auch die weiße Stadt bzw. het witte stadje genannt, welches, ganz in Weiß verputzt, reich wurde durch das dort angesiedelte Stift. Das Stift war durchaus ungewöhnlich mächtig und die Äbtissinnen führten über 800 Jahre lang ein eigenes Fürstentum. Sie saßen als Fürstinnen sogar in der deutschen Nationalversammlung.

Der Wein war gut. Zunächst ganz leichte Gemüsenoten, später setzt sich Zitrone durch und eine gewisse Mineralität. Das ist nichts, was man lange in Erinnerung hält. Aber die Balance stimmte und ich würde ihn als Alltagswein jederzeit empfehlen – wenn er nicht etwas zu teuer wäre mit etwa 13 Euro. Aber das muss man ihm nachsehen, kommt er doch aus einem Gebiet, in dem noch Pionierarbeitet geleistet wird.
Nun aber zum eigentlichen Thema. Auf Initiative der Weinhändler Kössler & Ulbrich, besser bekannt als K&U Weinhalle, haben die beiden Weinmacher Horst Sauer und Hansi Ruck in 2006 zum ersten Mal Trauben aus ihren besten Lagen getauscht. Escherndorfer Lump, die Heimatdomäne von Horst Sauer, gegen den Iphöfer Julius-Echterberg von Hansi Ruck. Wir haben immer zuerst den Heimatwein gegen den Gast probiert und somit mit Sauers Lump begonnen.

In der Nase finde ich zunächst ein wenig angekochtes Gemüse und etwas, was an reifen Kürbis erinnert. Dazu kommt Litchi, die zunehmend dominanter wird, Honig und schon der Geruch von Cremigkeit, den ich im Mund direkt wieder finde. Um die Palette abzurunden, was noch nicht direkt etwas über die Qualität aussagt: Mango und Papaya komplettieren den Früchtekorb und bei längerer Standzeit finden sich ebenso Dörrobstaromen. Hinten heraus hat man die Erinnerung an etwas Kreide und zunehmend Süßholz. Das, was den Wein ausmacht, ist die – Entschuldigung, ich kann es nicht anders formulieren – ätherische Leichtigkeit bei gleichzeitiger kompletter Bodenhaftung. Dieser Wein ist absolut geradlinig, er ist in seiner Komplexität und Struktur ausgesprochen gelungen. Er hat eine herrlich reife, eindringliche Frucht und gehört für mich zum Besten, was ich an Silvaner kenne. Das ist ganz herrlicher Stoff: ein Wein, mit dem ich mich, die Bocksbeutelflasche unterm Arm, ans Kaminfeuer zurückziehen würde, um ihn einfach so in Ruhe zu genießen.
Johann Ruck hat es schwer gegen diesen, im positiven Sinne modern gemachten, ausgezeichneten Silvaner. Ruck arbeitet anders. In seinen Weinen findet man immer auch Noten von Spontanvergärung, die Weine haben normalerweise ein sehr straffes Rückgrad, sind stoffig und rubust. Ich würde mal sagen, dass die Interpretation, die Johann Ruck vom Escherndorfer Lump geliefert hat, sehr gewöhnungsbedürftig ist. Was die Nase dominiert, ist ein ausgeprägter Stallgeruch, der praktisch alles andere überlagert. Selbst im Mund wandelt sich der Stall von Geruch zu Geschmack und der Wein wirkt in hohem Grade matt auf der Zunge. Kantig wirkt er, gerade im Gegensatz zum fein gewirkten Sauerschen Silvaner. Würziger ist er und säurebetonter.

Kaum zu glauben, dass wir hier Weine aus dem gleichen Traubengut vor uns im Glas haben.
Das, was bei Rucks Lump enttäuschend war, findet sich bei seinem Heimatwein diesmal in angenehmer Weise wieder. Auch hier finden wir Noten von Spontanvergärung, auch hier etwas Animalisch-Stalliges, allerdings deutlich zurückhaltender, nicht dominierend. Es reiht sich ein in leichte Gemüsenoten und kräftige Würznoten. Auch hier ist die Säure präsent, dringt durch den stoffigen, erdigen Wein.

Eine gewisse Cremigkeit macht sich breit auf der Zunge und der Wein, den wie dekantiert haben – das hätte Rucks Escherndorfer Lump wohl ebenso gut getan –, bildet eine gewisse Eleganz und durch die Würze dringt ein wenig Marille. Das ist klassisches, kräftiges, würziges Franken. Ein Wein im traditionellen Stil, ein Wein mit sehr viel eigenem Charakter, den man allerdings auch erst einmal mögen muss. Wenn man diesen klassischen Frankenweinstil mag, hat man hier einen hervorragenden Wein im Glas.
Horst Sauer ist mit dem Fremdlesegut besser zurecht gekommen als Johann Ruck umgekehrt. Er macht einen sehr guten Wein. Der Duft reifer Birnen hängt über dem Glas, eine reife Süße erkenne ich, dazu stoßen frische Aprikosen und eine feine Schärfe. Ein klares Säuregerüst stützt diesen warmen, reifen Wein.

Es ist nicht wirklich erstaunlich, wie klar man die Stile der beiden fränkischen Großmeister voneinander unterscheiden kann. Sie sind so klar und weit voneinander entfernt. Sauer macht warme, ich sage mal gelbe Weine, wenn man nach Farben geht, sind es die Weine reifer, gelber Früchte. Ruck macht die Weine des Bodens, der Erde, der Würze, in die sich nur hier und da mal ein Hauch von deutlicher Frucht mischt. Es ist faszinierend, zu schmecken, wie man mit unterschiedlichen Heransgehensweisen aus demselben Lesegut solch unterschiedliche Weine vinifizieren kann.
Jörg hat aus seinem Keller einen Wein geholt, den er da irgendwann mal vergessen hat. Gut für uns; denn es war durchaus spannend, diesen Wein zu probieren. Eine trockene Spätlese vom Rieslaner findet man heute nicht mehr. Wir haben gerätselt, ob irgendein Winzer so etwas noch anbietet – aber uns ist keiner eingefallen.

Um es vorweg zu sagen: Dies ist kein Wein mehr, den man mit viel Genuß trinken mag. Sehr viel Firniss liegt im Glas mit einem ganz leichten Resthauch Stachelbeere. Was aber wirklich faszinierend ist, ist der Duft. Zunächst einmal liegt ein leichter Geruch von warmem Gummi über dem Glas. Dieser verfliegt schnell, und was dann stehen bleibt ist, frische Haselnuss, sehr deutlich, mit einem leichten Anteil Schießpulver und einem Hauch von Bernstein-Kolophonium. Herrlich.
Im letzten Jahr habe ich bei Florian Weingart diese Spätlese mit einem Stern erworben. Er hat sie heruntergestuft, eigentlich hatte er sie als Auslese verkauft, da er aber die 2005er Auslese deutlich besser fand, hat er die 2004er dann zur Spätlese degradiert und auch günstiger verkauft. Das ist eine sehr ehrliche Haut, der Herr Weingart. Der Preis für diese 2004er Spätlese lag deutlich unter 10 Euro.

Dafür hatten wir einen Wein im Glas, der mit seinen 7,5% Alkohol (!) ganz frisch im Glas stand. Er wirkt immer noch leicht moussierend auf der Zunge, wirkt ganz leicht mit einem herrlichen Spiel zwischen Süße und Säure und dem Duft und Geruch nach Honig und Steinobst mit ein wenig Kräutern und der typischen boppardschen Mineralität. Zum Ausklang dieses Abends einigermaßen perfekt.
Da waren wir also mal wieder zu dritt. Wenn wir das dritte Mal zu dritt sind, werde ich die Mixtour umbenennen. Es hatte bei den Loiregewächsen schon so schön gepasst, dass wir dachten, wir könnten mal wieder einen Abend in dieser Runde verbringen.
Dieses Mal allerdings hatten wir andere Spielregeln. Ich habe vorher nicht verraten, was es geben würde – eine Blindprobe also für die beiden. Sehr schwierig natürlich; denn die DO Mallorca ist ja nun nichts Alltägliches.
Zu Beginn allerdings gab es erstmal ein Glas Silvaner Sekt 2006 von Hans Wirsching und Krähberg Silvaner von Koehler.
Für mich war es das erste Mal, dass ich mit Sekt vom Silvaner in Berührung gekommen bin. Ein Treffen, das mich durchaus begeistert hat. Der Geschmack von mürbem Apfel und reifen Birnen zusammen mit Brioche und Nüssen macht was her. Das ist ein sehr schöner eigenständiger Geschmack, an den man sich durchaus gewöhnen kann. Für einen Preis von 11,50 Euro ab Hof ist das große Klasse.
Der Krähberg Silvaner ist ein barockes Fest. Dieser von alten, hochreifen Reben geerntete Wein hat Tiefe und Opulenz, eine herrliche Frucht und Struktur und eine Restsüße, die uns gar nicht mehr loslassen wollte von diesem Stoff.
Das aber nur zum Einstieg, vor den Spaghetti mit frischen Pfifferlingen, Trüffelsalz und Peperoni und vor den vier Weinen von des Deutschen liebster Ferieninsel, auf der sich in Bezug auf Wein doch wirklich viel getan hat in den letzten Jahren – vor allem seit der Gründung des Weingutes Anima Negra, dessen ÀN/2 die Herzen vieler erobert hat. Auf Mallorca, das musste ich im vorletzten April bei meinem ersten Mallorca-Besuch feststellen, gibt es den Wein in jedem Laden. Und das ist auch so gewollt. Den Wein gibt es erst einmal für die Mallorciner und dann für den Rest der Welt.
Anima Negra
Die Geschichte von Anima Negra, der Schwarzen Seele Mallorcas, begann im Jahr 1994. Es waren einmal viele große Milchtanks …. Aus der verrückten Idee, in ausgedienten Milchtanks gute Weine zu keltern, wurde schnell das ambitionierte Projekt, aus der autochtonen Hauptrebe der Insel, Callet, einen international konkurrenzfähigen Topwein zu kreieren.
Nach einer längeren Experimentierphase gingen die drei Weinliebhaber Miguel-Angel Cerdà, Pere-Ignaci Obrador und Francesc Grimault erstmals daran, einen reinsortigen Callet (angereichert mit minimalen Anteilen der Rebsorte Mantonegre-Fogoneu) in neuen Barriques aus französischer Allier-Eiche auszubauen. Das war 1998 eine Sensation; denn Callet kannte man bis dato – ich schrieb gerade ähnliches über Teroldego – nur als relativ dünnes Alltagsweinchen.
Ebenso berühmt wie der ÀN ist der Zweitwein ÀN/2; denn das ist die Schwarze Seele fürs Volk – ein moderner, weicher, süffiger, gut gemachter Wein für vergleichsweise wenig Geld, so viel sei schon mal verraten.
4 Kilos Vinicola
Wie es nun dazu kam, weiss ich nicht. Jedenfalls hat einer der Gründer und Weinmacher von Anima Negra, Francesc Grimalt, sich dazu entschlossen, auszusteigen und zusammen mit dem Mitgründer des größten Elektronikmusik-Festivals Spaniens Sonar, Sergio Caballero, eine Garage-Winery zu gründen, um die Qualität der mallorcinischen Weine noch einmal zu steigern. 4 Kilos heißt die Bodega, was so viel heißt wie 4 Millionen Pesetas – die Summe, die nötig war, um die Bodega zu gründen. Die Weinberge wurden gemietet, abgefüllt wurde wiederum in alten Milchtanks in irgendeiner kleinen alten Halle. Herausgekommen ist ein Produkt, das, abgefüllt in 1.300 Flaschen, wie eine Bombe einschlug und ziemlich schnell vergriffen war. Ich habe Holgi und Siggi den zweiten Jahrgang eingeschenkt und dazu den Zweitwein 12 Volts.
Auch hier sind die Etiketten wiederum sehr außergewöhnlich gestaltet. Das Etikett von 12 Volts wurde vom bekannten amerikanischen Grafiker Gary Baseman kreiert, das des 2007er 4 Kilos von Abdelkamer Benchamma.
Für meine beiden Freunde war es nicht herauszufinden, aus welcher Region die Weine stammen. Zu unterschiedlich sind die vier. Hinzu kommt, dass der ÀN aus dem Jahr 2005 stammte, der ÀN/2 von 2006 und die beiden Weine von 4 Kilos aus dem Jahr 2007 – viel zu jung eigentlich, aber trotzdem sehr lohnenswert.
ÀN/2 2006

65 % Callet, 20 % Mantonegre-Fogoneu und 15 % Syrah stecken in diesem Wein, der für seinen Preis sehr viel zu bieten hat. Mir ist er ein wenig zu sanft, zu weich, zu kuschelig ausgefallen. Trotzdem besitzt er eine gewisse Tiefe. Zedernholz und Eukalyptus tauchten auf in der Nase, dazu etwas provenzialische Kräuter und weiche Schokolade, vor allem aber getoastetes Holz und Vanille. Und das war eine Spur zu plump.
12 Volts 2007

20 % Callet-Fogenau, 20 % Cabernet, 30 % Merlot Merlot und 30 % Syrah prägen den Zweitwein von 4 Kilos. Dabei wird der Wein 12 Monate in 60 % neuen und 40 % Zweitnutzungsbarricas gelagert. Abgefüllt werden 22.000 Flaschen.
Ich glaube, das war der Wein, der am wenigsten Reaktionen hervorgerufen hat. Schlichtweg gut ist er – was man bei einem Preis von über 20 Euro auch erwarten darf. Aber sehr zurückhaltend ist er noch. Brombeerig und heidelbeerig mit etwas Mocca, Weihrauch, Karamell und dunkler Schokolade. Am Gaumen kühl, mit dunklen Früchten und einer schönen, präsenten Säure.
ÀN 2005

Hier gibt es überwiegend Callet mit einem kleinen Anteil Mantonegre-Fogoneu. Der Wein wurde 17 Monate in französischer Eiche gelagert, was man aber nicht übermässig schmeckt – glücklicherweise. Was man schmeckt, sind Zeder und Lakritz, sehr viel Frucht und ein wenig würziger Tabak. Latakia? Ein schöner Wein. Kaufen würde ich ihn mir für über 30 Euro zwar nicht unbedingt, aber genießen konnte ich ihn an diesem Abend schon.
4 Kilos 2007

Mit Abstand der teuerste Wein an diesem Abend habe ich ihn mal aufgemacht um abzugleichen zwischen Vorschussloorbeeren und wirklichem Gehalt. Viel zu jung würde er sein. Das ist klar. 40% Callet, 10% Merlot und 50% Cabernet geben dem Wein einen bordeaux-ähnlichen Charakter. Charakter, ja, den hat dieser Wein, den ich gerne in einer geschlossenen Holzkiste im Keller lagern würde, dann vergessen würde, um ihn nach Jahren wieder hervorzuholen. In diesem Wein liegt eine große Tiefe. Ungewöhnliche Aromen wie Banane und Apfel konnten wir erkennen neben Maggikraut und Zedern, dazu etwas feuchtes Unterholz, Schokolade und Praline und dunkle Kirsche. Ein toller Wein. Ob er groß wird, wird sich erweisen.
Axel Koehler stammt aus einer Weinbaufamilie, hat das Weinbereiten gelernt und studiert, im gleichen Abschlussjahrgang mit Daniel Wagner vom Weingut Wagner-Stempel, mit dem er auch befreundet ist, aber er hat lange Zeit keine Weine gemacht. Zu sehr unterschied sich die Idee, die Utopie Axel Koehlers, von den Ideen seines Vaters.
2007 dann hat er das Weingut übernommen, nachdem er 15 Jahre lang etwas anderes gemacht hat. Nun gibt es zwei Jahrgänge und für mich ist dieser kompromisslose, charaktervolle Stil die Neuentdeckung meines Weinjahres. Rieslinge mit einer ganz klaren Struktur, durchgegoren, rassig, geradlinig, lebendig, mit herrlichen Fruchtaromen, gewachsen auf rotliegendem Vulkangestein.
Die Überraschung aber, neben den Rieslingen, ist der Silvaner vom Krähberg aus Heimersheim.
30 Jahre alte Reben, auf Kalkmergelboden gewachsen, eine herrlich mineralisch wilde Struktur, spontan im Holz- und Steingutfass vergoren, und trotz der Tiefe, die dieser Wein hat, ist er in einer sehr einladenden Art und Weise süffig.
Ich bin froh, dass ich die Weine von Axel Koehler bei mir anbieten kann und freue mich auf den nächsten Jahrgang. Und in Kürze werde ich mal hinfahren und den Telefonaten dann auch einen Besuch folgen lassen.
Et is wieder so weit. Der Spargel sprießt und man kann die Erdbeeren förmlich wachsen hören. Frisch zubereitet und wild kombiniert, stand das gestern beim Siggi auf dem Tisch. Spargel, kurz im Ofen gratiniert, mit ein wenig Tomaten und Parmesan und Butter und ich weiß nicht, was da noch dran war. Lecker war es jedenfalls, sehr lecker. Muss ich anerkennen, wo es bei mir das Gericht immer nur ganz klassisch gibt: Spargel, Kartoffeln, Butter. Vielleicht noch ’nen Schinken – aber den brauche ich eigentlich gar nicht. Ach so. Kartoffeln gab es gestern in sämiger Form, als Pü, mit Muskat und mit Butter und Milch. Ach, herrlich.
Wir wollten mal drei Weine dazu verkosten und haben uns für weißen Burgunder entschieden, ganz frisch, 2008 aus dem Hause Wagner-Stempel, länger im Keller gelagerten Grünen Veltliner von Großmeister Bründlmayer, den 2003er Ried Lamm, und dann, wie sollte es anders sein, Silvaner, in diesem Fall ein Großes Gewächs 2007, Würzburger Stein vom Juliusspital.
Vorneweg: Gut, dass wir den Weißburgunder hatten. Der hielt bis zum Ende durch und gefiel ausgezeichnet. Bei der Prowein hatte ich ihn schon probiert, aber da fand ich die Weine von Wagner-Stempel noch sehr unruhig. Jetzt, wenige Wochen später, präsentiert sich der Weißburgunder frisch, mit herrlichem Säuregerüst, genau richtig, etwas Nuss, etwas Apfel, etwas Stachelbeere, etwas vegetabil und sehr schön rund.
Der Grüne Veltliner aus dem Ried Lamm vom Weingut Bründlmayer gab uns Rätsel auf. Dieser Wein wird oft als groß bezeichnet. Das war er nicht. Wahrscheinlich lag es am Jahrgang, 2003 war es auch in Österreich heiß. Das Holz stach hervor und der enorme Alkohol von 14,5 %. Dann kam im Wesentlichen Sambucco mit Moccabohne, ein wenig Erdiges noch und bittere Mandel. Das war's. Früchte? Fehlanzeige. Tendenz zum Kopfschmerz? Vielleicht …
Im Dezember habe ich den Silvaner GG aus dem Escherndorfer Lump probiert. Weinplus bezeichnet ihn als groß und gibt 95 Punkte. Begeistert war ich auch, über 90 würde ich ihm zugestehen. Der Bruder vom Würzburger Stein erhielt nur drei Punkte weniger. Eine Qualität über 90 Punkte konnten wir gestern nicht nachvollziehen. Zwar besticht der Wein durch eine üppige Nase, die ein bisschen wirkt wie Babypopo mit Penaten und Frotteehandtuch, eine leicht herbe Orange drangerieben und in Kräutermantel gebettet. Im Mund aber blockiert der Wein und man landet in einer kräutrig-öden Wildnis. Der Wein kann mehr und bleibt verschlossen und wir merken, momentan entzieht er sich jeder Bewertung.
Jetzt habe ich doch vergessen, von dieser herrlichen kühlen, frischen Erdbeersuppe mit Basilikumschaum ein Foto zu machen. Das ist schade; denn nicht nur gemundet hat sie, sie sah auch noch so schön aus.
Die Auslese aus dem Siefersheimer Höllberg von Wagner-Stempel, Jahrgang 2004, würde nicht dazu passen, das war klar, die gab es dann danach als Dessert-Post-Scriptum. Doch irgendwo auf dem Weg von 2004 bis hier auf den Tisch gingen die Säure und die Minerale verloren. Und so bleibt nur der Schatten eines typischen Wagner-Stempel-Weines. Dörrobst, süß, aber flach, langweilig und traurig.
Zum Glück war noch etwas Weißburgunder da.
Eigentlich ist der Silvaner nicht unbedingt meine bevorzugte Rebsorte. Sie wirkt oft barock, ein wenig schwer und oft fehlt mir dass Rassige, die Säure. Was Horst Sauer aber daraus in verschiedenen Variationen macht, finde ich sehr bemerkenswert.
Dieser charismatische Mann mit dem markanten Schadel ist angetreten, den perfekten Wein zu machen, die Sehnsucht zumindest hat er und den Anspruch. Das ist ja schon mal aller Ehren wert. Man könnte darüber diskutieren, was ein perfekter Wein sein soll und da gibt es ja durchaus verschiedene Maßstäbe, auch wenn es durchaus Weine gibt, die eine größere Anzahl von Menschen als perfekt empfinden.
Dazu gehören die Weine von Horst Sauer vielleicht noch ganz, aber er ist auf dem Weg dorthin, seine Beerenauslesen und TBA haben jedenfalls das Zeug dazu. Aber letzten Endes geht es ja um den Anspruch und den Weg zu diesem Wein. Und ich nehme ihm ab, dass er einen ganz konsequenten Weg von Qualitätsstreben verfolgt, einen philosophischen dazu. Und jetzt kommt seine Tochter Sandra dazu, die den Weg mitgeht und einen markanten frischen Stil mit ins Spiel bringt. Das führt zu einer neuen Rasse in der Klasse.
Hinzu kommt, dass es eines der wenigen deutschen Weingüter ist, das sich sehr professionell mit einem sehr eigenständigen Corporate Design inszeniert, von Etikettengestaltung, Kommunikationsdesign und Website hin zum modernen Ausbau des klassischen Weingutes. Das ist angenehm und sollte Schule machen.
Aber zu den Weinen:
Die 2008er Silvaner sind schon bemerkenswert gut trinkbar. Die Weine aus dem Escherndorfer Lump, der berühmten Lage hinter dem eigenen Haus, bestechen – sowohl Silvaner als auch Riesling – durch ein sehr schönes Frucht-Säurespiel. Der 2008er Silvaner Kabinett ist schlank und frisch, birnenfruchtig und jugendlich säuerlich, die 2008er Silvaner Spätlese ist deutlich tiefer, konzentrierter, fülliger mit einer genauso straffen Säure. Die Auslese (Fassprobe) wirkt erstaunlicherweise offen, die konzentrierte Aprikose fällt auf und ebenso das Säuregerüst. Auch hier wieder das Frische, das Straffe. Aus der Reihe fällt der Sondersilvaner mit Namen Sehnsucht. Ich habe den Jahrgang 2005 beschrieben und ihn als sehr außerordentlichen Wein aus deutschen Landen betitelt. Dieser Jahrgang 2007 hier wird noch besser – besser, weil er noch burgundischer wirkt, noch präziser, druckvoller. Und die Frucht und der Schmelz sind weiterhin hinreißend. Die 2003er Silvaner Spätlese wirkt auf mich etwas grünlich, ein großer Topf Erdbeermarmeladenkompott und dann wenig, was folgt. Nein, das ist nicht mein Wein.
Die 2008er Riesling Spätlese aus dem Escherndorfer Lump ist "oh Ja! Gib' mir mehr davon!"-Wein. Frucht, Frucht und Frucht. Und Blumen. Und Würze. Und jugendliche Säure. Und Fülle und Kraft. Und Struktur, die hat er auch. Was will man eigentlich mehr? Das Grosse Gewächs Riesling 2007 Escherndorfer Lump ist momentan verschlossen. Es wird sich wieder öffnen. Im Moment nur leichte Anklänge von Würze und Steinobst. Die 2007er Riesling Beerenauslese wirkt klar und konzentriert. Das ist so ein in Flaschen gepresstes Marillenknödelkompott . So viel satte, frische Frucht mit so ein wenig Zitrus dazu. Dabei ganz ausgewogen und harmonisch.
Die Scheurebenspätlese aus dem Lump würde ich ebenfalls direkt einpacken. Klar, blumig-fruchtig, harmonisch mit einem guten Säuregerüst. Wer solche Aromarebsorten mag, findet hier etwas ganz Feines.
Ach, wo wir bei Weinen sind, die ich direkt einpacken würde. Der Müller-Thurgau trocken Frank & Frei ist so frisch und klar mit feiner Frucht zu haben für ca. 5,50 Euro. Das ist für mich eindeutig ein Sommerweinfavorit.
Einzig der wahrscheinlich relativ teure Weißburgunder Spätlese trocken dürfte noch ausbaufähig sein, hat mich noch nicht überzeugt, er hatte es aber schwer zwischen all diesen ausdruckstarken Silvanern und Rieslingen. Daher hat ein tiefer gehender Kommentar keinen Wert.
Das war jetzt keine Lobhudelei, sondern die Zusammenfassung einer sehr starken Kollektion, die die Familie – die Mutter war auch dabei – mit zur Prowein gebracht hat. Und dass die Tochter zunehmend Hand und Geschmack anlegen darf, scheint eine glückliche Fügung zu sein. Nicht dass der Vater es nicht auch alleine können würde, aber das ist Frische, die die Tochter mitbringt, und die tut den Weinen ausnehmend gut.
© Fotos vom Weingut
Horst Sauer war mal in Italien auf so ’ner Etepetete-Weinprobe ausgewählter Superwinzer. Da gab es reihenweise Wein jenseits der Erwartungen und Horst Sauer bekam Sehnsucht, Sehnsucht nach einem vergleichbaren außergewöhnlichen Superwein aus deutschen Landen, den man so nicht erwartet. Da hat er sich dann dran gemacht und seine Träume verarbeitet in einem rigide handverlesenen Silvaner. Und was ist da herausgekommen?
Einer der interessantesten, untypischsten und besten Weine aus Deutschland, die ich bisher getrunken habe.
Leicht butterkandierte Bitterorangenmelonenkonfitüre mit Karamel und frisch gewaschenem Stein und ein wenig darauf geriebenem Holz strömt in Massen aus dem Burgunderkelch, so massiv, das einem das Pippi in den Augen stehen kann. Im Mund die gleichen Aromen, die gleiche Fülle. Das ist ein Silvaner? Mein Gott, ich hätte eher an Burgunder gedacht, an sehr guten noch dazu. Rauchige Ananas kommt zu den Orangen und Melonen und gelbes Steinobst noch hinzu und die Minerale verstärken sich. Die Säure ist präzise abgestimmt und der Wein hat Schmelz zum vergehen.
Das ist ein großer Wein, keine Frage.