originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Worüber ich kürzlich gestolpert bin…

30/Dez/13 16:11 kategorisiert in: Abschweifungen, Rot, USA, Zinfandel

Viele, die sich mit Wein beschäftigen, haben so etwas wie ein Weinerweckungserlebnis, eine Initialzündung, einen bestimmten Moment, an den sie sich immer erinnern werden und entsprechend einen ersten Wein, der ihnen präsent geblieben ist. Ich hatte auch ein solches Erlebnis.

Es war 1991, ich war jung und wohnte noch zuhause, da habe ich zum ersten Mal bewusst in einem Getränkehandel eine Flasche Wein erworben, weil ich an jenem Abend etwas Nettes zubereiten wollte. Das war natürlich nicht die erste Begegnung mit Wein, schließlich war da ja noch der kürzlich erwähnte Beaujolais Nouveau und außerdem  gab bei es meinem Vater jahrelang Entre-deux-Mers oder später staubtrockenen Silvaner aus Franken. Hat mich damals beides nicht überzeugt. In jenem Getränkefachmarkt – es war kein Weinhandel aber die Weinabteilung war großzügig und im Wesentlichen mit dem Programm von Eggers & Franke bestückt – bin ich durch die Reihen gelaufen und habe mich umgeschaut. ich hatte exakt null Ahnung. Was macht man, wenn man null Ahnung hat? Man nimmt sich was, das entweder gut aussieht oder cool sein könnte. Ich habe damals gedacht, Wein aus Kalifornien könnte cool sein, zumal ich den Namen Zinfandel ansprechend, irgendwie lyrisch fand. Damals habe ich mich für eine Flasche Zinfandel Sonoma County von den Sebastiani Family Vineyards entschieden. Ich habe diesen Wein zum Blaubeerpfannkuchen gereicht. Das hört sich zwar ein wenig verrückt an, aber so abwegig war es nicht. Beides hatte die volle Frucht und das, was ich damals aus dem Glas herausgerochen habe, hat mich total angemacht: Fruchtkompott, Holz, Vanille etc. Am nächsten Tag bin ich wieder in den Laden und habe die zweite Flasche gekauft.

sebastiani

Warum aber schreibe ich das? Nun, ich war vorletzten Samstag in Bonn und mit einem Freund in unserem bevorzugten Getränkehandel. Nicht dem von damals, aber einem, bei dem man richtig stöbern kann. Vater und Söhne Görtz verstehen was vom Fach und der Laden ist eine Fundgrube, zumal man hier immer wieder auf ganze Kellerauflösungen treffen kann und für manchmal kleines Geld gereiften Wein erhält. Was ich dort in der Grabbelecke entdeckt habe, ist eine Flasche 1988er Zinfandel Sonoma County Sebastiani Family Vineyards. Das ist mit ziemlicher Sicherheit sogar der selbe Jahrgang von damals. Hey!

Wie so häufig bei älteren Weinen riecht der Wein zunächst einmal so, als habe man gerade in einer lange unbenutzten Wohnung über ein Regal gepustet. Staubig wirkt er, dann kommt Unterholz, Gebüsch und eine Ahnung von Waldfrucht, die sich zunehmend konkretisiert. Hinzu kommt eine gewisse Säure in der Nase des rotbräunlich schimmernden Zinfandel. Am Gaumen ist der Wein dann allerdings ziemlich neutral. Die Frucht ist weg und wurde durch nichts Wesentliches ersetzt, kein Holz ist spürbar, keine Sekundäraromen. Na ja, der Wein tut immerhin auch nicht weh und für den Genuss habe ich ihn ja schließlich auch nicht gekauft.

Ridge, Geyserville 2006, Kalifornien

04/Jun/10 21:11 kategorisiert in: Rot, USA, Rotweine, Weingüter, Zinfandel

Seit Wochen beschäftige ich mich ziemlich intensiv mit kalifornischen Weinen. Das hat mit meiner Mitarbeit in der noch zu eröffnenden Atlantic Vinothek in Essen zu tun, deren Weinkeller eine so superbe Dichte an besten kalifornischen Weinen zu bieten hat, dass man weinen könnte. Allerdings werden sich die wenigsten eine Träne aus dem Knopfloch wischen, weil sich die wenigsten wirklich mit kalifornischen Weinen beschäftigen. Die guten Weine sind teuer und gelten hier in Europa eher als over the top. Dicht, konzentriert, marmeladig etc. sind typische Adjektive, die direkt aufkommen, wenn man Kalifornien thematisiert. Wer also hat sich jemals mit Diamond Creek beschäftigt? Oder mit Abreu oder mit Quilceda Creek oder mit Sine Qua Non? Das sind alles Weine, die von Robert Parker schon mal 100 Punkte ergattert haben. Und egal, wie man zu Parker steht – beim Dirk Würtz gab es dazu mal wieder eine längere Diskussion –, und egal, ob man wirklich der Meinung ist, dass ein Wein perfekt sein kann, und wenn, dann nach welchen Maßstäben, so kann man bei einer solchen Bewertung doch zumindest davon ausgehen, dass es sich bei diesen Weinen um denkwürdige und außergewöhnliche ihrer Art handelt.

Pizza mit Trüffeln und Kartoffeln bei Mamma Roma, Place du Chatelain, Bruxelles

Nun, wir sind hier in Europa, speziell auch in Deutschland und in Frankreich, sehr schnell dabei, wenn es die Möglichkeit gibt, die USA in irgendeiner Form zu bashen. Ich möchte mich da selber gar nicht ausschließen, schließlich legt es das dortige System ja durchaus darauf an, würde ich behaupten. Auch habe ich genügend Getränke von Gallo, Mondavi, Ravenswood oder Seghesio probiert, die ich völlig eindimensional und überreif fand.

Und doch gibt es dort natürlich einen komplexen und abwechslungsreichen Weinmarkt, nicht mit der gleichen Rebsortenvielfalt wie hier, aber doch spannend.

Eine der Rebsorten, für die Kalifornien berühmt ist, ist der Zinfandel. Bis 2002 war es unklar, mit welcher europäischen Rebsorte er verwandt ist. Mit Hilfe von Genanalysen ist aber klar geworden, dass es sich um eine Form der Primitivo handelt, wie sie in Süditalien vorkommt.

Das Museum Victor Horta, Rue des Americains, feinste Architektur im Jugendstil

Während ich also in Brüssel im Hotelzimmer sitze und zu Weingütern wie Corison, Dalle Valle oder Pride recherchiere, probiere ich mal in Ruhe das, wass ich vor drei Wochen bei einer Probe des Fachhändlerbereiches von Gute Weine Lobenberg probiert habe: den 2006er Geyserville von Ridge.

Ridge dürfte zu den Weingütern dieser Welt gehören, die immer noch viel zu häufig übersehen werden. Das ist erstaunlich, kosten doch die Icons der Szene, Cabernets von Harlan Estate, Screaming Eagle und diversen anderen Boutique-Weingütern aus dem Napa Valley gerne mal mehrere hundert bis tausend Dollar. Der Monte Bello, die Vorzeige-Cuvée von Paul Draper, dem Winemaker von Ridge, dagegen liegt zwischen 90 und 110 Euro. Das ist jetzt nicht günstig, aber ähnlich moderat wie beispielsweise die Weine des Château Pontet-Canet im Vergleich zu anderen klingenden Paulliac-Namen wie Mouton oder Lafite. Die Weine aus der zweiten Reihe, der Cabernet Santa Cruz Mountains, die Zinfandel-Cuvée Geyserville oder Lytton Springs dagegen kosten um die 30 Euro. Und dafür hat man etwas Exzellentes im Glas.

Das erste Mal bin ich über die Flaschen von Ridge gestolpert, weil mir die Etiketten so gut gefielen. Das ist vielleicht verzeihlich, weil ich als Grafikdesigner immer auch mit den Augen trinke. Ridge hat das schlichte, zeitlose und klare Design im Laufe der Jahrzehnte nie geändert und das mag ich schon mal sehr. Hinzu kommt etwas, das ich von kaum einem anderen Weingut kenne. Alle wesentlichen Informationen zum Jahrgang, zur Ernte, zum Wetterverlauf etc. stehen detailliert auf der Flaschenrückseite.

Ridge wurde in der ersten Boomzeit des kalifornischen Weinbaus als Monte Bello Winery gegründet – sie besaß damals 72 Hektar am Monte Bello Ridge. Anfang der 60er Jahre wurde die Winery dann von David Bennion und drei Arbeitskollegen der Standford University aufgekauft und umbenannt. Paul Draper wurde Teilhaber und Winemaker – was er bis heute ist. Es ist sein Stil, den man in all diesen Weinen findet – ein Stil, der amerikanisch ist und doch europäisch. Paul Draper macht nie fette, marmeladige Weine, sein Monte Bello 2005, den ich vor drei Wochen getrunken habe, besitzt eine außergewöhnliche Eleganz. Trotzdem nutzt er, und das vertritt er vehement, ausschließlich amerikanische Eiche für die Fässer, auch wenn dies wiederum bei vielen als unelegant gilt.

Wenn wir von Ridge reden, dürfen wir übrigens die legendäre Probe von Paris 1976 nicht unerwähnt lassen. Hier, ich habe es schon mal erwähnt, wurde zum ersten Mal geradezu offiziell deutlich, dass kalifornische Weine französischen Spitzengewächsen nicht nachstehen. Es waren vor allem französische Kritiker, die die kalifornischen Weine eigentlich gerne mit einer blasierten Handbewegung vom Tisch gewischt hätten, gerade diesen aber dann in der verdeckten Verkostung die besser Noten ausstellen mussten. Vor allem die überlieferten Kommentare sind köstlich, die von Ignoranz nur so triefen. Für die Franzosen war die Offenlegung der Bewertungen damals eine mittlere Katastrophe, die Ergebnisse wurden in der französischen Presse nahezu totgeschwiegen, während der Landpreis im Napa Valley innerhalb von Wochen in die Höhe schoss und Weingüter wie Stag’s Leap oder Château Montelena innert Stunden ausverkauft waren.

Der Wein, der in dieser Probe hinter Haut Brion, aber vor Leoville Las Cases den fünften Platz belegte, war damals der 1971er Ridge Monte Bello. Was aber noch denkwürdiger ist, ist die Tatsache, dass der gleiche Wein dreißig Jahre später bei der Wiederholung der Probe – schließlich waren die Franzosen ja der Meinung, französische Weine würden viel besser altern als kalifornische Gewächse – bei zwei parallel abgehaltenen Verkostungen in London und Los Angeles jeweils den ersten Platz belegt hat – übrigens vor den Weinen von Stag’s Leap, Mayacamas, Heitz und Clos du Val. Château Mouton-Rothschild kam als erster Franzose auf dem sechsten Platz.

Der 2006er Geyserville, eine Cuvée aus 72 % Zinfandel, 18 % Carignan und 10 % Petite Sirah kommt mit einer ziemlichen Wucht daher. Es war ein heißes Jahr und der Alkoholgehalt dieses dichten Weines liegt bei 14,5 %. Das ist relativ viel für ein Weingut, bei dem der Alkoholgehalt gerne bei 13 bis 13,5 % liegt. Eigentlich ist der Wein noch zu jung. Wo ich über Ridge lese, wird geschrieben, dass die Weine frühestens  fünf Jahre nach Abfüllung geöffnet werden sollten, weil sie sich dann weg bewegen von der fülligen, dichten, satten Art hin zu einem feineren, burgundischen Stil. Dafür bin ich also jetzt zu früh dran, ich befinde mich noch in der Sturm- und Drang-Zeit des Weines und die beeindruckt schon sehr. Denn wenn auch dieser Wein dicht und alkoholreich ist, merkt man das eigentlich nur daran, dass irgendwann der Kopf schwirrt. Das ist nichts Brandiges, nichts, ich sagte es schon, Fettes. Reifer Beerensaft, leichte Vanilletöne, Schokolade finden sich in einem runden, geschlossenen Zinfandelmonument. Zu diesem Wein und zu einigen anderen Themen gibt es übrigens eine schöne Vaynerchuk-Folge, zusammen mit Jancis Robinson.

Ridge, Geyserville 2006, Kalifornien

Cardinal Zin

24/Sep/09 10:05 kategorisiert in: Rebsorten, Rot, USA, Rotweine, Zinfandel

Auch wenn dieser Wein 14 % Alkohol in sich birgt, ist er ein durchaus schlanker Vertreter seiner Art. Es ist ein Zin, ein Zinfandel – ein Wein also, mit dem ich im Wesentlichen aufgespritzte Botox-Weine verbind, die ich normalerweise rechts in die Kategorie Popcorn-Wein verlagere. Nicht so dieser salopp daherkommende Rote, wo Zin draufsteht, aber nicht komplett Zin drin ist. Auch wenn es die dominierende Rebsorte ist, haben sich Carignan und Sangiovese eingeschlichen. Eine ungewöhnliche Kombination, die aber nicht weiter überrascht, wenn man Randall Grahm kennt, den Macher dieses Weins und Gründer der Bonny Doon Winery. Da ist so ziemlich alles ungewöhnlich. Der Mann verschneidet auch kalifornische Weißweine mit Moselriesling. Er arbeitet völlig unorthodox, die Weine sind genauso wie die Etiketten. Sie spielen mit den verschiedensten Stilen, nichts ist ihm wirklich heilig und trotzdem ist er kein Ikonoklast, er zerstört nicht, sondern zitiert.

cardinal_zin_2007

Ok, abseits der Schwafelei – ich höre ja schon auf – birgt dieser Wein nur leichte Tannine, man findet neben der Kirsch- und Blaubeerfrucht einen Teelöffel voll Gewürze, etwas Orange vielleicht und ein wenig Teer und vor allem eine klare Säure, die diesen Wein angenehm rund und sehr trinkbar macht.

In Zukunft allerdings wird dieser Wein, neben Grahms zweitem Topseller Big Hous, nicht mehr von ihm selber gemacht. Die beiden Label sind an The Wine Group LLC verkauft worden, "Bonny Doon möchte sich auf seine Wurzeln besinnen und terroirgeprägte, biodynamisch angebaute Weine erzeugen".

Cardinal Zin 2005, Bonny Doon, Kalifornien, gut, 15 Euro

Schneepause mit eingelegtem Rosinenkompott in amerikanischer Eiche

Unterach, Blick von Haus auf den Attersee

Im letzten Beitrag habe ich eine neue Kategorie eingeführt, die ich mal »Popcornwein« nenne. In der kurzen Winterpause nach Weihnachten und über Neujahr haben wir die Zeit ein bisschen im Salzburger Land vertrödelt. Schneewanderungen, Kasnocken, Germknödel, Rodeln und natürlich hier und da ein Glas Wein. Nun fand meine Begleitung den hiesigen Zweigelt und Blaufränkisch nicht so attraktiv und da dachte ich, ich kaufe mal nen Mädchenwein, geh’ in den – gemesssen an seiner Größe – hervorragend ausgestatteten Spar-Markt und kaufe ihr eine Flasche Kalifornier. Ich hätte mich auch für Penfolds Koonunga Hills oder Ähnliches entscheiden können. Da gab es auch ordentliche Barolos und die obere Smaragd-Wein Klasse aus Österreich in dem Spar-Markt, in allen Spar-Märkten dort. Da haben die uns schon was voraus. Deutsche Weine gab es selbstredend nicht. Das ist da so wie in der Schweiz.

Hallstaetter See

Es hätte auch ein Mondavi sein können, aber ich habe mich dann für einen Ravenswood-Zinfandel entschieden. Ich dachte, die sind schön fruchtig, haben ein bisschen Holz und sind seeehr gefällig. Ich hatte mal einen vor langer Zeit getrunken und das war wohl zu der Zeit, als Joel Person der Laden noch gehört hat. Ich hatte ihn schon mal vor einiger Zeit zum Thema Wein, Masse und Profit zitiert und jetzt also auch den entsprechenden Wein getrunken.

Ravenswood Zinfandel 2005

Diese Erfahrung war, ehrlich gesagt, gar nicht schön. Eher ernüchternd. Der Einstiegswein in die Zinfandelwelt von Ravenswood hat mich spontan an die dicke Rosinensoße erinnert, die wir unter dem Namen Polnische Tunke früher immer bei meiner Oma zu Weihnachten serviert bekamen. Süss und eingedickt. Das habe ich damals sehr gemocht. Und als Soße würde der Zinfandel vielleicht auch was hermachen. Nicht aber als Wein. Zu dem Rosinenkompott kam dann noch frisches Eichenholz, Himbeersirup und eine schwere Süße.

Also wirklich. Das war schon obszön. Ein obszöner Popcornwein.

Wir haben uns dann lieber an den Blaufränkisch von Gernot Heinrich gehalten. Der hat dann sogar der Dame gefallen. Brombeer statt Himbeersirup, Ein bisschen Duft und Geschmack nach verottendem Holz, nicht unangenehm, man nennt das wohl auch Bodennoten. Würze, Mineralik und Frische!

Gernot Heinrich Blaufraenkisch 2005

Bei Pinard de Picard heißt es übrigens dazu: »Dieser reinsortige Blaufränkisch aus der österreichischen Charaktersorte schlechthin besticht durch eine ungewöhnliche Feinheit und Eleganz, da alle rosinenartigen Trauben ausselektiert wurden, um eine überreife, marmeladige Stilistik zu vermeiden.« Das war also das exakte Kontrastprogramm zum Ravenswood.

Jurtschitsch Rotbichl Zweigelt

Ach ja, im Laufe des Urlaubs gab es noch den Rotbichl Zweigelt von Jurtschitsch. Zweigelt, neben dem Blaufränkisch die zweite autochtone Rebsorte Österreichs. Ein einfacher, angenehmer Wein mit leichter Kirsche, nicht allzu schwer, ein wenig Würze, doch schnell vergessen.


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