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Wurzelecht und bunt gemischt – uralte Gemischte Sätze von wurzelechten Rebstöcken in Deutschland

Daz niemand keinen win mit gemecht machen sol noch keinen hunischen stock machen oder legen noch kein sun davon ziehen
Heilbronner Urkundenbuch von 1399

Wenn wir heute über Wein sprechen, meinen wir in erster Linie ein Genussmittel, dem wir mehr oder weniger viel Aufmerksamkeit schenken. Wein muss nicht immer edel und teuer sein, es kann auch ein einfacher Alltagswein sein, der uns schmeckt. Die Zeiten, in denen die Bedeutung von Wein über die eines Genussmittels hinausging, sind dagegen noch gar nicht so lange vergangen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts baute beispielsweise der Gründer eines der heute angesehensten und größten Weinunternehmens der Welt, Dr. Christopher Rawson Penfold, kurz nach seiner Einwanderung in Australien den Wein als Heilmittel an. Er ging von der tonischen Wirkung dieses Getränks aus, das anämischen Patienten besonders in den abgasbelasteten Städten des industrialisierten Nordens den Aufbau roter Blutkörperchen erleichtern sollte. Neben dem Einsatz als Heilmittel hatte Wein jedoch eine noch viel wichtigere, ja lebenswichtige Bedeutung. Wein galt über Jahrhunderte hinweg als Lebensmittel, genauer gesagt als Standardgetränk, mit dem zum Teil auch Arbeiten entlohnt wurden.

Genau aus diesem Grund kam das Weinland Südafrika zu seinem heute wichtigsten Exportartikel. Südafrika lag auf der Route der Holländisch-Ostindischen Compagnie, und diese nahm auf dem Weg nach Indien das Kap Afrikas in Besitz, um zunächst einmal eines zu tun: Wein anzubauen. Wein wurde auf Schiffen als Wasserersatz genutzt; denn er war nicht nur sauberer als das meiste Wasser, das früher zu haben war, er hielt sich auf Schiffsreisen auch bedeutend länger. Von ähnlicher Bedeutung war der Wein im Mittelalter und darüber hinaus. Neben der zweifelsohne berauschenden Wirkung dieses Getränks diente es in den vergangenen Jahrhunderten auch der Grundversorgung. Vom Regensburger Dombau – ein großes und hohes Gebäude, bei dem es eigentlich auf Zuverlässigkeit und sicheren Tritt ankam – und seinen Rechnungen weiss man, dass die dortigen Arbeiter trotzdem mehrere Liter Wein am Tag tranken. Auch wenn der Wein, was den Alkoholgehalt angeht, kaum mit dem heutigen vergleichbar gewesen sein dürfte, muss die Leber ordentlich zu tun gehabt haben. Auch die Qualität dieser Weine dürfte selten wirklich Freude bereitet haben; denn Wein wurde überall, auch in kalten Gegenden angebaut, in denen nicht einmal die früh reifenden Sorten jemals eine Chance für die Reife hatten. Selbst die kleine Eiszeit vom 14. bis 19. Jahrhundert hielt in Deutschland kaum jemanden davon ab, aus erbärmlichen Hügeln jene Weinberge zu machen, die heute noch in Flurnamen erhalten sind.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Um jedoch den Weinberg möglichst widerstandsfähig gegen Frost und Krankheiten zu halten, wählte man damals eine Anbaumethode, die heute unter dem Namen Gemischter Satz bekannt ist. Dabei werden im Gegensatz zur heute üblichen Monokultur unterschiedliche Sorten gepflanzt. Ein Gemischter Satz ist also eine Umschreibung für einen Weinberg, in dem es wild zugeht, so wild, wie wir es gar nicht mehr gewohnt sind. Nach heutiger Definition müssen mindestens zwei verschiedene Rebsorten durchmischt gepflanzt sein, meist waren es jedoch bis zu dreißig. Und da konnten sich dann auch rote Sorten mit weißen Sorten die Fläche teilen. Zum Schluss wurde das Mittelmaß der Reife genommen, oder der Winzer orientierte sich an der Leitrebsorte des Weinbergs. Er wird im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht haben, dass der Wein am besten schmeckt, wenn eine spezifische Sorte des Weinbergs ausgereift ist. Entsprechend durften früh reifende Sorten ein wenig überreif sein und andere, spät reifende Sorten, durften noch etwas grün und unreif sein. Im Mittel jedoch – diese Erfahrung konnte man mit solchen Weinen machen – fiel es nicht auf. Für den Winzer ist diese ganz alte Form des Weinanbaus ein Schutz gewesen; denn er hatte mit dieser Methode durch die Sortenvielfalt einen widerstandsfähigeren Weinberg, der Weinberg wurde zu einem einzigen Zeitpunkt gelesen und die klimatischen Schwankungen wurden zumindest teilweise ausgeglichen.

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Wo im Mittel gelesen wird, kann auch nur eine mittlere Qualität herauskommen, mag man annehmen – aber so einfach ist es nicht. Auch wenn kaum ein Winzer, der einen gemischten Satz anbaut, mit diesem in die Riege der Spitzenweine vorstoßen dürfte, gibt es doch eine Reihe wirklich bemerkenswerter Weine, die über ein Mittelmaß deutlich hinausgehen. Die Ergebnisse sind sogar so gut, dass man wohl von einer kleinen, noch schüchternen Renaissance sprechen kann. Leider haben die Wiener Winzer sich die Bezeichnung Gemischter Satz frühzeitig EU-weit schützen lassen, sodass sich nur Weine aus dem Wiener Weinviertel so nennen dürfen. Alle anderen Weine müssen auf andere Bezeichnungen wie Alter Satz etc. ausweichen. Einer der Winzer, die einen solchen Weinberg frisch angelegt haben und sich eine entsprechende Bezeichnung suchen mussten, ist der Nahe-Winzer Matthias Adams, der mit seiner Frau Luise Freifrau von Racknitz das gleichnamige Weingut führt.

Vor einigen Tagen traf ich ihn auf einer Veranstaltung, wo es um eine ganz spezielle, ja rare Form des Gemischten Satzes ging, nämlich um Gemischte Sätze aus wurzelechten Reben. Wenn Gemischte Sätze schon relativ selten sind, so sind es die aus wurzelechten Reben erst recht; denn sie sind Relikte einer weitgehend vergangenen Zeit. Sie stammen im Wesentlichen aus der Zeit vor der Reblausplage im 19. Jahrhundert. Die Reblausplage, die mit Setzlingen aus den USA eingeschleppt wurde, zerstörte innerhalb weniger Jahre die meisten Rebbestände in Mitteleuropa und ließ, vereinfacht gesagt, nur dort Reben übrig, wo die Rebläuse sich nicht im Boden festsetzen konnten, beispielsweise im reinen Schiefer einiger Mosellagen oder in sandigen Böden. Von dort, wo das Verderben herkam, wurde irgendwann allerdings auch die Hilfe geliefert. Es waren wilde amerikanische Rebsorten, die schließlich in den hiesigen Weinbaugebieten gepflanzt wurden – nicht um Wein zu liefern; denn der schmeckte nicht. Die Rebstöcke liefern bis heute lediglich die Unterlage, also den Stamm, auf dem die edlen Reben wie Riesling, Chardonnay oder Pinot Noir wachsen.

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Racknitz’ Wein mit dem Namen Gemengelage stammt zwar nicht direkt von alten knorrigen wurzelechten Reben, und doch hat er etwas damit zu tun. Matthias Adams hat diesen Weinberg gepflanzt, um Rebsorten zu erhalten, die kurz davor sind auszusterben und die es teilweise nur noch in diesen uralten wurzelechten Weinbergen gibt. Eine dieser Sorten ist der Weiße Orléans und einen Rebstock, vielleicht den ältesten, mehrere hundert Jahre alten fand man bei von Racknitz am Disibodenberg. Dort, wo Hildegard von Bingen ihr halbes Leben verbrachte, wird seit Urzeiten Weinbau betrieben, und einer dieser vielleicht im ausgehenden Mittelalter gepflanzten Rebstöcke hat bis heute überlebt. Damit der Weiße Orléans dort erhalten bleibt, wurde auf dem Weingut ein Weinberg angelegt, in dem Orléans-Klone im Verbund mit anderen, teils höchst seltenen Sorten gepflanzt wurden. Dabei hat Matthias Adams einen besonders alten und gesunden Weinberg fast eins zu eins abgebildet und lediglich einige weitere alte Sorten zusätzlich mit aufgenommen. Der wurzelechte Weinberg, von dem diese Reben stammen, steht in Franken und wurde in jenem Jahr gepflanzt, als die erste deutsche Eisenbahn, der Adler, von Nürnberg nach Fürth fuhr – 1835. Seitdem hat dieser Weinberg Fröste genauso wie Krankheiten überlebt, und für das Weingut Zang in Somerach ist der aus diesem Weinberg stammende sogenannte Alte Satz mittlerweile das Paradepferd im Angebot. Es war auch der beste Wein des Abends, den der Bonner Weinenthusiast Thomas Riedl in dreijähriger Vorbereitung organisiert hat. Schnell wurde bei seiner Präsentation klar, wie aufwendig die Recherche nach den verbliebenen uralten, teils winzigen Weinbergen war. Er hat etwa 20 gefunden, und sehr viel mehr dürfte es in Deutschland, wo der Gemischte Satz über Jahrhunderte hinweg die normale Anbauform war, nicht mehr geben. So stand auch weniger die Weinqualität der einzelnen Weine der Probe im Vordergrund – hier spielt ja auch die Erfahrung der Winzer eine nicht ganz unbedeutende Rolle -, sondern vielmehr das Besondere im Weinberg.

Zwar habe ich an jenem Abend nicht das erste Mal vom Blauen Kölner gehört; denn ich bin im Rheinland aufgewachsen und dank Kölsch und Karneval ist mir der Blaue Kölner nicht fremd. Nur als Rebsorte hatte ich ihn bisher nicht wahrgenommen. Auch das Möhrchen war mir bisher als Rebsorte gänzlich unbekannt. Im Alten Satz von Zang stehen vornehmlich uns bekannte Sorten wie Elbling, Silvaner, Traminer, Riesling oder Gutedel. Eine solche Mischung wird als vinum francium oder Herrensatz bezeichnet, denn hier finden sich die noblen Rebsorten, die für den Adel bestimmt waren, und die als Zehntwein abgegeben werden mussten. Für das einfache Volk gab es vinum hunicum, den heunischen Wein oder Knechtwein, also den für den Hausgebrauch. In solchen Sätzen finden sich die Sorten, die heute kaum noch jemand kennt und die tatsächlich so rar sind, dass sie in wenigen Jahren ganz aus unseren Weinbergen verschwinden könnten. Zählte man im 19. Jahrhundert offiziell noch über 400 gebräuchliche Weinsorten, sind es heute noch 130, Tendenz fallend – man kennt es von Birnen- und Apfelsorten zur Genüge. Aufzählen muss ich einige dieser Sorten; denn wer vermutet schon eine Putzscheere im Weinberg? Wer kennt noch Honigler oder Vogelfränkische, Hartschwartz oder den Blauen Urban? Auch der Weiße Heunisch, neben dem Traminer die zweite Sorte, die sich irgendwann in einer Wildkreuzung zum Riesling geformt hat, gehörte zu den heunischen Weinen, während der Traminer zu den edlen Sorten gezählt wird.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Wer als Winzer das schnelle Geld machen will, ist bei dieser Art Weinbau natürlich falsch aufgehoben. Das wurde beim letzten Wein des Abends mehr als deutlich, einem roten gemischten Satz aus Franken, wo mit Abstand die meisten dieser alten Rebanlagen zu finden sind. Der im churfränkischen Klingenberg stehende Satz besteht aus 16 Rebsorten wie der Fleischtraube, dem Roten Elbling, dem Roten Franken (den es nur noch dort gibt), Cabernet Sauvignon (tatsächlich wurzelecht) oder Blauem Kölner (sic!). Um den Weinberg zu erhalten, hat man kürzlich allein 116 Meter an neuen Mauern gezogen, eine Treppe neu angelegt und den Weinberg teils neu terrassiert – für 130 Flaschen Erntemenge pro Jahr. Das Thema ist also ohne Zweifel eine Aufgabe für Enthusiasten. Genauso aber eine Aufgabe für jene, die gerne neben Chardonnay und Pinot, Riesling und Sauvignon Blanc mal etwas weiter schauen und stöbern, um etwas Unbekanntes zu finden, was dabei übrigens selten mehr als einen Zehnten kostet und doch deutlich seltener ist als Romanée-Conti oder eine Flasche Château Petrus.

Anmerkung: Bild 3, von Matthias Adams zur Verfügung gestellt, zeigt den Jahrhunderte alten weißen Orléans am Disibodenberg, der auf den ersten Blick eher an Efeu denn an Wein erinnert. Auf Bild 1 und 2 bekommt man einen Eindruck vom Zustand solch alter Rebanlagen und auf Bild 4 gibt es einen Blick auf die Parzellierung eines alten fränkischen Weinbergs. Fotos jeweils von Thomas Riedl, dem viel Dank gebührt.

Der Artikel erschien zuerst im Januar 2013 im Blog Stützen der Gesellschaft der faz.net. Aber da ich das Thema weiterhin so spannend finde, dachte ich, es kann nicht schaden, es hier auch noch mal zu publizieren. List ja nicht jeder die Stützen.

 

Ein Gavi mit Größe – Der Filagnotti von Stefano Bellotti

14/Apr/14 18:00 kategorisiert in: Alles Bio, Cortese, Dolcetto, Rot, Italien, Weiß, Italien

Ich weiß es noch wie heute, als ich das Etikett des Filagnotti das erste Mal im Bio(wein)laden meines Onkels sah. Es muss so Anfang der Neunziger gewesen sein. Gavi sagte mir noch nichts, welche Traube dahinter steckt auch nicht. Aber der Hund auf dem Etikett fiel natürlich auf. De facto war es für mich die erste Berührung mit einem Piemonteser Wein. Seitdem habe ich immer wieder Gavi probiert, der Wein, der rund um die Ortschaft Gavi entsteht und aus der Cortese-Trauben gewonnen wird. Normalerweise ist das ein ziemlich beschränkter Wein, eher zurückhaltend, im besten Falle als fein zu bezeichnen, ein guter Essensbegleiter, aber nie praktisch nie etwas, was einem wirklich in Erinnerung bleibt. Den Filagnotti habe ich im Laufe der Jahre immer wieder probiert und immer wiederneu entdeckt. Er ist so grundlegend anders als all das neutrale Zeuchs, was es sonst so auf dem Markt gibt.

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Stefano Bellotti, der Mann hinter diesem Wein, sorgt seit Mitte der Achtziger für einen konsequent gesunden Weinberg, er erntet die Trauben, die von den dortigen roten Tonerde stammen mit geringem Ertrag und vergärt sind dann spontan. Sie reifen daraufhin ein knappes Jahr auf der Feinhefe, und zwar in großen Fässern aus Akazienholz. Danach werden sie ohne Schwefelzusatz abgefüllt und verschwinden im Keller. Dort bleiben sie noch eine Zeit, so dass aktuell erst der 2011er Jahrgang auf dem Markt ist. Den hat Bellotti aber gar nicht mit auf die Vinitaly gebracht. Dort stand der 2007er. Das ist der, den er jetzt trinkt. Sieben Jahre ist dieser Cortese gereift, und das ist gut. Der wein wirkt tatsächlich auf den Punkt gereift, strukturiert, harmonisch, dabei mit perfekter Säure ausgestattet und entsprechend frisch. Der Wein trägt die für den Cortese typischen Mandelaromen mit sich. Danach übernehmen Birne und Quitte (der leicht oxydative Ausbau im großen Holzfass lässt grüßen). Dann treten Kräuter in den Vordergrund, Salbei meine ich gerochen zu haben. Dazu finden sich feine Grapefruitaromen und Stein. Die Länge ist phantastisch und bekam direkt Lust auf Gnocchi in Salbeibutter.

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Besonders auch sein gereifter Dolcetto. Das ist normalerweise ein bisschen so wie beim Gavi. Der Dolcetto wird als junger Wein getrunken, er ist ein guter Essensbegleiter und Punkt. Wenn es spannend werden soll, entscheidet man sich doch besser für Barbera oder noch besser, Nebbiolo. Nicht so beim Nibiô. Der 2006er Nibiô krempelt diese Denke genau so um wie der Filagnotti es beim Gavi tut. Auch hier bleibt der Wein erst einmal im Keller liegen. 2006 ist der aktuelle Jahrgang. Der Dolcetto der Unterart Graspo Rosso, eine sehr alte, lokale Variante, steht auf weißem Kalkstein mit Tonerde. Er wird, genau so wie der Gavi mit geringen Erträgen geerntet und spontan über 40 Tage vergoren, um dann für zwölf Monate im großen Eichenholzfass zu landen. Danach reift er auf der Flasche. Der Dolcetto duftet außerordentlich charmant nach den typischen Kirschen. Ich wollte schon Piemont-Kirschen schreiben, aber ich verkneife es mir. Dazu kommt Tabak, etwas mürbes Holz, Stein und Kräuter. Auch hier meine ich wieder etwas Salbei zu riechen. Der Geschmack steht im Spannungsfeld zwischen Reife und immer noch präsenter Jugend. Die Reife gibt etwas Süße und mürbe Noten, die Jugend eine immer noch vorhandene frische Kirschsaftigkeit und Säure. Dazu kommen präsente, aber gut eingebundene Tannine. Das ist ein herrlich eigenständiger Wein, zusammen mit dem Filagnotti eine Empfehlung für Ostern. Wild oder auch Lamm kann ich mir hier besonders in geschmorter Form vorstellen.

Zum Schluss gab es dann noch ein Schmakerl. C'era una volta il passato, ein Passito aus sonnengetrocknten Muskat-Trauben. Zum Niederknien. Die Trauben wurden wochenlang auf Strohmatten in der Sonne getrocknet, dann entrappt und vergoren. Die Trauben blieben eine Woche auf dem Saft, dann leicht gepresst  und in Holzbottich gefüllt, wo sie zehn Monate lang weiter gegoren haben. Der Wein ist dicht und überaus komplex. Dabei gar nicht so süß, wie ich es erwartet hatte. Kräuter, Honig, Blüten und Dörrobst bestimmen den Ton, getrocknete Feigen, Rosinen und Honig den Geschmack.

Die Weine gibt es (bis auf den Passito) seit einigen Wochen bei vinaturel. Lohnen tun sich auch die einfachen Weine aus den Flaschen mit Kronkorken. Aber Filagnotti und Nibiô sind schon wirklich besonders.

Die Weine habe ich auf der vinitaly 2014 probiert.

 

Inglenook – mit Eleganz gegen den Napa-Strom geschippert

10/Apr/14 13:28 kategorisiert in: Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Rot, USA

Vor kurzem habe ich eine ganze Reihe kalifornischer Weine probiert, und zwar bei einer großen Veranstaltung in Hamburg. Ich war, ehrlich gesagt, ein wenig entsetzt darüber, dass sich weder in der Breite, noch in der Spitze etwas getan zu haben schien in Bezug auf das späte Lesen, den Alkoholgehalt und die dementsprechende Schwere der Weine. Den Text dazu findet ihr hier.

Der Weinmacher, Philippe Bascaules und die Inglenook-Cabernets

Der Weinmacher, Philippe Bascaules und die Inglenook-Cabernets

Letzten Samstag hatte ich nun die Gelegenheit, etwas zu probieren, was deutlich anders gelagert war. Ich konnte den Cask Cabernet Sauvignon und den Rubicon von Inglenook probieren. Und zwar den gerade abgefüllten Jahrgang 2011 und den eigentlich noch im Fass befindlichen 2012er. Inglenook lautet der Name des Weinguts, das früher Niebaum-Coppola hieß. Es ist eines der berühmtesten und ältesten Weingüter in Kalifornien. Das Weingut wurde 1879 gegründet, und zwar von einem finnischen Kapitän namens Gustave Niebaum. Dieser hat sich dort niedergelassen, um schon damals in Konkurrenz zu treten mit den besten europäischen Gewächsen. Das alles hat sich ein bisschen verschoben, später gab es dann die Prohibition, der kalifornische Weinbau kam großenteils zum Erliegen und erst sein Großneffe John Daniel Jr. hat in den 30ern begonnen, mit dem Weingut wieder Fahrt aufzunehmen. 1975 hatte Francis Ford Coppola die Möglichkeit, das Weingut und große Teile der Weinberge zu übernehmen. Coppola hatte sich damals schon als Regisseur und Produzent einen Namen gemacht (Der Pate II kam 1974 in die Kinos und eigentlich steckte er gerade in den traumatischen Dreharbeiten zu Apocalypse Now), doch hatte er hier die Chance, seiner zweiten Leidenschaft zu frönen.  1978 kam der Wein auf den Markt, der ihm einen der vorderen Plätze auf der Richter-Skala des kalifornischen Weinbaus sichern sollte: Rubicon, Cabernet Sauvignon aus Rutherford im Napa Valley. Dass Coppola nicht nur ein Promi ist, der nebenbei ein Weingut betreibt, muss er längst nicht mehr beweisen. Er ist viel mehr als das. Er ist eine feste Größe in kalifornischen Weinbau und hat mit der Francis Ford Coppola Winery in Geyserville ein zweites Schiff unter Dampf, das auch niedrigspreisiger und konsumorientierter arbeitet als das edle Inglenook.

Der Inglenook Cask liegt bei 14.2% Alkohol. Das ist immer noch deutlich von den 12.5% entfernt, die entsprechende Weine in den 90ern in die Waagschale geworfen haben und deren Feinheit ich im letzten Artikel gelobt habe. Und doch ist dieser Wein meilenweit von den fetten Schnecken entfernt, die einem das Weintrinken, nein Weingenießen vergrämen. Der Wein wirkt duftig und mittelgewichtig. Er bringt vor allem etwas von den grünen Noten mit, die bei einem Cabernet schnell verloren gehen, wenn  man diesen zu spät erntet. Neben diesen leicht grünen (aber reifen) Noten findet sich Frucht und Leder, etwas Grafit und Zeder. Am Gaumen bleibt der Wein immer elegant, gut strukturiert und offen. Er hat mir in diesem Stadium sehr gut gefallen.

Das Château Inglenook im original angelsexy-georgiastischen Stil. Copyright Inglenook

Das Château Inglenook im original angelsexy-georgiastischen Stil. Copyright Inglenook

Obwohl der 2011er Rubicon etwas weniger Alkohol besitzt, wirkt er dichter und üppiger als der Cask. Das ist kein Wunder. Er ist das first growth des Hauses, in ihm findet sich das reifste und konzentrierteste Traubenmaterial. Und doch, trotz der höheren Dichte wirkt nichts überreif oder zu konzentriert. Das ist auch nicht im Sinne des Weinmachers. Philippe Bascaules ist eben kein Mann des Napa-Valley, denn er stammt aus dem Südwesten Frankreichs. Coppola hat ihn vom Château Margaux geholt, wo er viele exzellente Jahrgänge verantwortet hat. Das zeigt ziemlich deutlich, wo die Reise hingehen soll. Und das hat Bascaules im Gespräch auch bestätigt. Man hat sich einen neuen Entrapper angeschafft, der die Oxydation auf ein Mindestmaß reduziert. Man vergärt anders und will keine Überextraktion mehr haben. Obwohl der Wein zu 80% in neuem Holz lag, bleibt die Holznote schwebend elegant. Auch wenn 20111 ein wirklich schwieriger Jahrgang war, verregnet, zwischenzeitlich kalt, mit Stürmen während der Lese und Problemen mit Pilzbefall, zeigt sich hier die Hand eines exzellenten Weinmachers. Auch wenn ich mir die Weine noch mehr old school vorstellen könnte (das zeigte sich beim typischeren 2012er Jahrgang), noch etwas leichter und frischer mit noch weniger Holz – was ich probieren durfte, fand ich schon sehr beeindruckend.

Probiert auf der summa 14

Es gibt Fleisch! …und Syrah von Mas Coutelou

01/Apr/14 12:30 kategorisiert in: Alles Bio, Rot, Frankreich, Syrah / Shiraz

Am Wochenende gab es bei mir Daube de Boeuf. Zu diesem südfranzösischen Essen habe ich einen südfranzösischen Wein geöffnet. Auf dem Etikett steht Vin de France. Der Wein gehört also in die Kategorie der Landweine, dem Gesetzt nach steht dieser Wein also sehr weit unten in der Pyramide. Aber was heißt das tatsächlich? In diesem Fall heißt es, dass sich der Winzer – sein Name ist Jeff Coutelou – den Gesetzen entzogen hat, die gelten würden, wenn er einen Qualitätswein erzeugt hätte. Denn in der Gegend von Bézier zwischen den Appellationen Faugères und Saint-Chinian werden Qualitätsweine immer nur aus Rotwein-Cuvées erzeugt. In Faugères müssen in einem Rotwein mindestens 40% Carignan sein, dazu Cinsault, Mourvèdre, Syrah, Grenache Noir und Lladoner Pelut, eine kleinbeerige und dickschalige Version der Grenache. Das, was Jeff Coutelou jedoch am liebsten erzeugt, sind reinsortige Syrah. Und genau das darf er dort nur als Landwein oder Tafelwein abfüllen.

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Der la vigne haute 2012 gehört mit einem Preis um die 14 Euro zu den teuersten Weinen, die Coutelou im Programm hat. Obwohl er mit kleinen Erträgen sehr aufwändig biologisch im Weinberg arbeitet, sind seine Weine ziemlich preisgünstig. Der 7, Rue de La Pompe beispielsweise, ein junger frischer Syrah, ist schon für um die sieben Euro zu haben. Der la vigne haute wird komplett ohne Einsatz von Zusatzstoffen verarbeitet. Das heißt, er wird mit Weinbergs- und Kellerhefen vergoren, reift nach längerer Maischestandzeit im großen Fass und wird ohne weiteren Zusatz von Schwefel ungeschönt und unfiltriert abgefüllt. Es handelt sich also um das, was man heute Vin Naturel nennt. Jeff allerdings arbeitet schon seit 25 Jahren so. Dass man ganz saubere und stabile Vin Naturels erzeugen kann, und das auch in größeren Mengen, zeigt er deutlich. Ich betonte das deshalb, weil es immer wieder angezweifelt wird und vielen Winzern auch wirklich die Erfahrung fehlt, bzw. sie es nicht schaffen, den Wein stabil zu kriegen. Denn gerade der Verzicht auf Schwefel, dem klassischen Stabilisierungs- und Konservierungsstoff, führt zu deutlichen Problemen. Wie Jeffs Weine reifen, weiß ich nicht. Die jungen Weine jedoch sind sehr gut, und das über Tage hinweg. Sie schmecken einfach. Sie sind pure Frucht – ohne Schnörkel.

Der  la vigne haute ist Syrah, der mit seiner Fleischigkeit deutlich an die Nordrhône erinnert, wo die Mütter aller Syrah entstehen. la vigne haute ist dunkel und fleischig, die Frucht von Kirschen, Blaubeeren und Pflaumen ist präsent, der für Syrah so typische Pfeffer ist da, dazukommt so etwas die das klassische chinesische Five Spices, etwas Süßholz, etwas Unterholz und das leicht Ledrige, was bei Syrah gerne mal auftaucht. Am Gaumen setzt sich das fort, die pure Frucht, die Gewürzpalette, leichte Noten von Röstfleisch, aber kein Bret. Das Tannin ist schön fein, der Wein lang und die Säure macht‘s mal wieder. Die ist präsent und frisch. Dieser Syrah macht großen Spaß!

Vor allem zu einem Topf voll geschmortem Rind, Orangen, großen, fleischigen Tomaten, Knobi und Zwiebeln, Möhren und Fenchel, jeder Menge Kräuter und Gewürze sowie einer zusätzlichen Flasche Syrah.

Es gibt ihn bei Vin Pur und Vin Vivants


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