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Die Vorpremière der Großen Gewächse des VDP, Jahrgang 2013 – Ein wenig Erläuterung vorab

28/Aug/14 10:00 kategorisiert in: Rot, Deutschland, Weiß, Deutschland

Für jene, die mit der Qualitätspyramide des VDP vertraut sind heißt es: bitte weitergehen und auf den nächsten Artikel warten. Hier geht es einigermaßen kurz und bündig um eine Erläuterung des Verbandes der Präsikatsweingüter und um die Frage: Was ist eigentlich ein Großes Gewächs? Denn letzten Montag und Dienstag fand die erste diesjährige Präsentation der Großen Gewächse des VDP, des Verbandes der Prädikatsweingüter statt und am 1. September kommen jene Weine auf den Markt, die die Qualitätsspitze des deutschen Weins bilden. Somit wird dann auch klar, welche Qualität ein Jahrgang nicht nur in der Breite der einzelne Weine sondern vor allem auch in der Spitze hat. Bevor ich ein persönliches Resumée der beiden Tage und der insgesamt 325 verkosteten Wein ziehe, will ich kurz erklären, worum es hier eigentlich geht.

WEeb_VDP_LogoCopyright: VDP. Die Prädikatsweingüter

Was ist eigentlich der VDP?
Der VDP ist im Jahr 1971 aus dem Verband der Naturweinversteigerer hervorgegangen. Dieser wurde 1910 als Interessensverband von Winzern aus den Regionen Rheingau, Rheinhessen, Mosel und Rheinpfalz gegründet. Die Zeit vor dem ersten Weltkrieg war die Blütezeit des Deutschen Naturweins, jener Weine also, die ohne Zugabe weiterer Mittel erzeugt wurden. Der Verband, der damals vom einflussreichen Zentrumspolitiker Albert von Bruchhausen geführt wurde, hatte ein erhebliches politisches Gewicht, dass sich jedoch im Laufe der nächsten Jahrzehnte genauso verringerte wie der Ruf, den der Deutsche Wein weltweit vorher besessen hat. Als im Jahr 1967 der Begriff Natur aus dem deutschen Weingesetz gestrichen wird, ist das auch das Aus für den Verband, der sich mit geänderten Statuten schließlich 1971 als Verband der Prädikatsweingüter neu erfindet. 20 Jahre nach der Neugründung, eine Zeit, in der der deutsche Wein durch ein tiefes Tal der Tränen gewatet ist, beginnt auch im VDP eine neue Ära, die Qualität wieder, bzw. wieder viel deutlicher in den Vordergrund rückt. Der VDP sieht sich seitdem als Speerspitze des deutschen Weinbaus und die meisten Mitglieder gehören auch tatsächlich zur Spitze dessen, was es in Deutschland an Weinbau gibt. Seit 2007 werden Idee und Anspruch durch den Präsidenten Steffen Christmann repräsentiert, der selbst zu den besten Winzern dieses Landes zählt.

Web_VDP_ChristmannSteffen Christmann, Copyright: VDP. Die Prädikatsweingüter

Klassifikationsstruktur des VDP
Neben den freiwilligen Maßnahmen zur Qualitätskontrolle und Selbstbeschränkung war eine der entscheidenden Änderungen die Klassifikationsstatur, der sich die Mitglieder unterworfen haben. Ich versuche es kurz skizzieren. Wichtig zu wissen dabei ist, dass dieses System, in dem sich die 202 VDP-Mitglieder bewegen zwar innerhalb des Verbandes bindend ist, nicht aber für die Vielzahl an Weingütern, die nicht in diesem Verband organisiert sind (ca. 80.000 Betriebe laut Wikipedia in 2012). Für die gilt lediglich das deutsche Weinrecht. Weil dieses aber vor allem auch im Ausland als sehr kompliziert wahrgenommen wird, hat der VDP versucht, ein System zu etablieren, dass schon aus Frankreich, namentlich aus dem Burgund bekannt ist. Die einzelnen Statute sind über ein knappes Jahrzehnt verhandelt worden und auch wenn es die Großen Gewächse seit jetzt zehn Jahren gibt, ist erst 2012 das gesamte System verabschiedet worden.

vdp_klassifikationen-qualitaetspyramide_uebersichtCopyright: VDP. Die Prädikatsweingüter

 

VDP-Gutswein
Dieses System basiert auf einer Qualitätspyramide, deren Basis der Gutswein ist (Pendant im Burgund: Bourgogne). Diese Weine müssen zu mindestens 80% regionstypische Traubensorten enthalten und die Erntemenge darf 75hl/ha nicht überschreiten. Die Rebsorten werden auf dem Etikett ausgewiesen. Im Klartext ist dies die Basisqualität eines VDP-Weinguts, in der eine Cuvée der Ernte aller verschiedenen Lagen des Guts verwendet werden darf.

 

VDP-Ortswein
Die nächste Stufe ist der Ortswein (Pendant im Burgund: Bourgogne Village). Beim VDP-Ortswein gelten die gleichen Voraussetzungen für Rebsorten und Erträge wie beim Gutswein. Allerdings dürfen die reinsortig ausgebauten Weine nur aus den Lagen eines Ortes stammen. Viele Betriebe haben ja Lagen in unterschiedlichen Orten, diese dürfen in einem solchen Wein nicht mehr zusammenfließen sondern müssen getrennt abgefüllt werden. Stammt beispielsweise ein Riesling aus dem Pfälzer Ruppertsberg, heißt der Riesling Ruppertsberger Riesling 2013. Ist dieser Wein trocken, wird er als trocken bezeichnet. Hat er einen Süßegrad, wird dieser benannt (Dafür gelten die so genannten Prädikate Kabinett, Spätlese, Auslese, Beerenauslese Trockenbeerenauslese, Eiswein).

 

VDP Erste Lage
Die dritte Stufe im Gefüge bildet die Erste Lage (Pendant im Burgund: Premier Cru). Die Weine mit einer solchen Bezeichnung dürfen ausschließlich aus Lagen stammen, die der VDP als erste Lage ausgewiesen hat. Diese Lagen kann das Weingut nicht einfach selbst bestimmen. Die Lagen werden von den jeweiligen Regionalverbänden bestimmt. Genauso wird festgelegt, welche Rebsorten typisch für eine solche Lage sind. Es kann also nicht plötzlich ein Chardonnay aus einer Lage stammen, die traditionell für Riesling steht. Die Ertragsmenge wird auf höchstens 60hl/ha festgelegt. Außerdem muss der Wein den Reifegrad einer Spätlese aufweisen. Um beim Beispiel Ruppertsberg zu bleiben, wäre eine korrekte Bezeichnung Ruppertsberger Hoheburg 2013, Riesling VDP. Erste Lage, Qualitätswein trocken. Die Erste Lage darf erst Ende April des Folgejahres in den Handel gebracht werden.

 

VDP Große Lage
Die Spitze dieser Pyramide bildet schließlich der Wein aus der Großen Lage (Pendant im Burgund: Grand Cru). Diese Lagen wurden von den Regionalverbänden des VDP bestimmt und basieren auf der jahrhundertelangen Erfahrung, dass diese parzellengenau abgestimmten Lagen die besten der jeweiligen Orte sind. Entsprechend lautet der Anspruch, dass die Weine hochwertiger sein sollen als die der ersten Lagen. Die Rahmenbedingungen dafür lauten: Ertragsbegrenzung auf 50hl/ha, Spätlesequalität, wobei normalerweise eher eine trockene Auslesequalität Standard ist. Auch wenn es restsüße Weine gibt, die dann aus der Großen Lage stammen, liegt der Fokus eindeutig auf trockenem Ausbau und nur dieser wird als Großes Gewächs bezeichnet. Weißweine werden ab dem 1. September des Folgejahres vermarktet, Rotweine müssen ein Jahr länger reifen. In Ruppertsberg beispielsweise heißt eine der großen Lagen Ruppertsberger Reiterpfad, dessen trockener Wein dann korrekt als Ruppertsberger Reiterpfad 2013, Riesling VDP Großes Gewächs bezeichnet wird. Die Bezeichnung trocken entfällt da ein Großes Gewächs immer trocken ausgebaut wird.

Dies sind also, vereinfacht gesagt, die Voraussetzungen des VDP (hier wird das noch mal ausführlicher erläutert) für die Erzeugung unterschiedlicher Qualitäten die vor allem Eines zum Ziel haben: die Herausarbeitung unterschiedlicher Terroirs (ich bezeichne Terroir als die Verknüpfung der einzelnen Lage und des Bodens mit dem individuellen Mikroklima und der Hand des Winzers, die den Stil formt). Eine Kommission entscheidet schließlich noch einmal individuell, ob ein Großes Gewächs den Anforderungen des VDP entspricht, oder nicht. Dabei gilt, das sollte nicht vergessen werden, das Ein-Wein-Prinzip, was bedeutet, dass es immer nur einen Wein aus einer klassifizierten Lage gibt. Wenn im Ruppertsberger Reiterpfad ein Großes Gewächs entsteht, darf dort kein anderer trockener Wein als Ruppertsberger Reiterpfad bezeichnet werden.

So viel also zum Hintergrund und zum Qualitätsanspruch jener Weine, die ich in den letzten Tagen probieren durfte. Wie schon angesprochen, repräsentieren die 202 Mitgliedsbetriebe des VDP nur einen kleinen Teil der deutschen Winzerschaft. Allerdings sind es die, die in der Weinwelt, und vor allem im Ausland einen überdurchschnittlich großen Teil der Aufmerksamkeit bündeln. Wer bei den großen ausländischen Importeuren schaut, wird nicht nur, aber vor allem einen Teil dieser Winzer finden. Im internationalen Kontext muss sich ein Großes Gewächs entsprechend mit anderen Grand Cru wie beispielsweise jenen aus dem Burgund messen lassen. Die Aufmerksamkeit für trockene deutsche Spitzenweine ist allerdings noch nicht so hoch, wie die für die ungleich berühmteren Riesling-Kabinette, Spätlesen und Auslesen. Dass hier großartige Burgunder entstehen, ist mittlerweile auch deutlich geworden. Für den trockene Riesling erhofft man sich nicht zuletzt durch die Großen Gewächse eine ähnliche Aufmerksamkeit.

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Rosé-Sommer: Pardevalles Prieto Picudo Rosado

12/Aug/14 12:30 kategorisiert in: Prieto Picudo, Rosé, Rot, Spanien

Es ist wahrscheinlich noch keine drei Jahre her, da kannte selbst in Spanien kaum jemand die rote Rebsorte Prieto Picudo – und wenn, da war es vielleicht ein Wein, den Spanienkenner dieser Rebsorte zuordnen konnten, der Klassiker Don Suero der Bodegas Vinos de León . Das ändert sich langsam – auch wenn die auf 5.200 Hektar angebaute Rebsorte noch keine feste Größe im spanischen Rebsortenspiegel darstellt, denn eine Reihe weiterer Bodegas widmet sich so langsam dieser ungewöhnlichen Rebsorte.

Pardevalles_01

Prieto Picudo stammt aus der Provinz León und wird auch vor allem dort angebaut. Vor einiger Zeit hat der Spanienexperte David Schwarzwälder mal einige Weine aus dieser Rebsorte in Hamburg vorgestellt und ich war ziemlich beeindruckt. Dunkel wie Mencia, dabei zwar mit ordentlich Alkohol ausgestattet, aber auch mit präsenter Säure, viel (Kirsch-)Frucht und immer elegant. Ein Wein, der mir damals besonders gut gefallen hat, war der Carroleón der Bodegas Pardevalles. Als ich dann kürzlich die Paaarungen des schon erwähnten Rosé-Abends zusammengestellt habe, erinnerte ich mich daran, dass David Schwarzwälder mir den Pardevalles Prieto Picudo Rosado 2012 ans Herz gelegt hat.

100% Prieto Picudo aus Valdevimbre in der Provinz León ergeben einen Rosé mit einer Farbe, die eigentlich direkt zum Öffnen auffordert. Zumindest empfinde ich das so. Dieses tiefe Rosé mit rotem Schimmer schreit geradezu danach, ins Glas gegossen zu werden. Das, was die Farbe verspricht, hält das Aroma. Da sind viele Erdbeeren drin, abgerundet mit einigen dunkleren Beeren, den für Prieto typischen Kirschen und einer Grapefruitnote. Auf Grund der Herstellung hat der Wein noch etwas ganz leicht Moussierendes, was ihn neben der Säure zusätzliche Frische verleiht.

Nach der Lese wird der Prieto Picudo entrappt und im Edelstahl einer kalten Gärung unterzogen. Dann wird abgepresst und leicht gefiltert. Danach wird eine weitere Tranche Trauben hinzugegeben, worauf eine weitere Gärung stattfindet, die aber diesmal intrazellulär (maceration carbonique) stattfindet. Daher stammt nicht nur die betont frische Frucht sondern auch der leichte Blubber. In der Provinz León wird diese typische Herstellungsweise clarete de aguja genannt.

Mit 13,5% hat der Wein einen für Spanien schon fast niedrig zu nennenden Alkoholgrad und mit 30mg einen für konventionelle Weine geringen Schwefelanteil. Als Auftakt (nach den restsüßen Schaumweinen) fand ich diesen Wein für einen Rosé-Abend gerade richtig. Der Wein ist einerseits unkompliziert, andererseits wirklich gut gemacht und hat vor allem durch die spezielle Herstellungsmethode einen eigenen Charakter.

Das ist vor allem dann beeindruckend, wenn ich den Preis verrate. Ich habe den Wein bei Vinos Barrón für gerade einmal €6.70 erworben. Der Wein ist für mich eindeutig eine Kaufempfehlung. Und damit einher geht, die anderen Weine der Bodega zu probieren. David Schwarzwälder findet, dass der Weißwein aus der ebenfalls in León autochthonen Sorte Albarin Blanco einer der besten Weißweine Spaniens ist und der kostet gerade einmal €9.50. Hinzu kommen drei Qualitätsstufen des roten Prieto Picudo. Das gibt also mal auf einen Schlag die Möglichkeit, einen neuen Teil der spanischen Weinlandschaft zu entdecken.

 

Rosé-Sommer: Alles andere als lame – der LAM Syrah Rosé 2012 von Lammershoek

11/Jul/14 09:00 kategorisiert in: Alles Bio, Rosé, Rot, Südafrika, Syrah / Shiraz

Das erste Mal traf ich Craig Hawkins und seine Weine auf der 2012er RAW in London. Es war eines dieser besonderen Weinerlebnisse, denn neben all den schlechten bis teils hervorragenden Naturweinen aus Europa standen dort ein paar vereinzelte Winzer aus Übersee. Francois Morisette aus Kanada, Tom Shobbrook aus Australien und Craig Hawkins aus Südafrika. Alles, was ich von den dreien im Glas hatte, blew my mind, war outstanding, wenn ich mich, so wie die drei, im englischen Sprachraum bewegen würde.

Craig_Lammershoek

Craig Hawkins hat ein eigenes kleines Projekt names Testalonga – ich werde irgendwann darauf zurückkommen – und ist ansonsten der kreative Kopf hinter der Lammershoek Winery in Swartland. Das Weingut wird seit den 1990ern von Paul und Anna Kretzel geführt und Craig Hawkins ist so etwas wie der Schwiegersohn in spe. Craig hat auf Lammershoek Experimentiermöglichkeiten wie sonst wohl nur wenige Weinmacher. Das nutzt er und entsprechend kommen total ungewöhnliche, teilweise geniale Weine dabei raus. Dass zu diesem Zweck die Weinberg zu natürlich wie möglich bewirtschaftet werden, verwundert dabei nicht wirklich. Im Keller sind die Grundlagen Spontanvergärung, Verzicht auf Zusatzstoffe aus einer geringen Menge Schwefel bei der Abfüllung – wenn nötig – keine Filtration etc.

lam_rose

Der LAM Syrah Rosé, den ich die letzten Tage im Glas hatte, gehört zur Basislinie. Es sind die einfachsten, die am wenigsten experimentellen und gleichzeitig die trinkfreudigsten Weine. Hier gibt es neben dem Syrah-Rosé Chenin Blanc, Pinotage, Syrah und Blends. Die klassischen Weine aus den besten Lagen firmieren unter Lammershoek und das eigentliche Experimentierfeld findet sich in der CellerFoot-Linie. Da gibt es ungeschwefelten Pinotage-Rosé (auch darauf komme ich zurück), die ungarische Sorte Harslevelü reinsortig und eine rote Cuvée, die Craig in alten Barriques unter Wasser ausgebaut hat – Dirk Würtz war ganz begeistert von diesem Wein.

Der LAM Rosé hat schlanke 11,8% Alkohol und wurde 11 Monate in alten Eichenfässern ausgebaut. Auch das hier ist, wie beim letzten besprochenen Rosé von Majas, keine Fruchtbombe sondern ein Rosé auf der würzig-herben Seite mit viel Geschmack nach kargem Boden, der typischen Würze des Syrah – inklusive einem Hauch weißen Pfeffers, würde ich sagen. Natürlich gibt es Früchte, Erdbeeren vor allem, aber eben kein bisschen vordergründig oder kitschig. Das ist ein Wein – er kostet bei vinpur € 12,00 -  den man auch auf Grund seiner knackigen, bestens eingebundenen Säure einfach so wegtrinken möchte. Vor allem, wenn es dazu eine Schale frischer Erdbeeren gibt.

Das neue Beaujolais – alles, nur nicht Nouveau

Vor einigen Tagen fand in Hamburg ein Abend statt, an dem der Weinhändler Norbert Müller einige bemerkenswerte Beaujolais präsentiert hat – und zwar bei Madame Hu in Hamburg, in angemessener Atmosphäre also. Ich wäre gerne dabei gewesen, war aber auf der Vievinum, was ich auch nicht hätte missen wollen. Um so schöner, dass der Hamburger Weinfreund und Gastautor Stephan Bauer den Abend zusammenfasst:

header_beaujolais

Wenn einem Fußballer nachgesagt wird, er sei ein ewiges Talent heißt das in der Regel nicht nur Gutes, impliziert diese Bezeichnung doch, dass der Fußballer sein Talent nicht abgerufen hat.

Auch beim Beaujolais könnte man in letzter Zeit auf die Idee kommen, er sei das ewige Talent unter den Rotweinen Frankreichs. Mittlerweile dürften genügend Journalisten, Blogger und auch Weinhändler der breiten Öffentlichkeit mitgeteilt haben, dass die heutzutage im Beaujolais erzeugten Weine nichts mehr mit den schnell vinifizierten Beaujolais, den Beaujolais Nouveau, die schon nach ein paar Monaten keinen Spaß mehr machen, zu tun haben. Gleichwohl erzählen die Winzer im Beaujolais, dass sich ihre Weine nicht von selbst verkaufen, dass – wie auch anderswo in Frankreich – Weinberge brachfallen, weil sich keine Nachfolger für elterliche Betriebe finden, und dass man von einer ungetrübten Aufbruchsstimmung beileibe nicht sprechen kann.

Für die Weinliebhaber, die gerne erfrischende Rotweine trinken, die gut zum Essen passen, sich dafür aber nicht knietief ins Dispo stürzen wollen, ist das Beaujolais so weiterhin ein Eldorado. Wie in vielen anderen Weinbauregionen auch, tut sich im Beaujolais laufend etwas. Neue Erzeuger treten auf den Plan, Generationswechsel stehen an, das Sortiment wird ausgeweitet und differenziert, lange praktizierte Methoden der Weinbereitung werden auf den Prüfstand gestellt. Zusätzlich bieten die Gamays aus dem Beaujolais ebenso wie ihre roten Nachbarn, die Pinot Noirs aus dem Burgund und die Syrahs von der nördlichen Rhône, die Möglichkeit, sich mit Haut und Haaren ins Detail zu stürzen, zu schauen, ob einem ein Morgon Côte du Py von Basalt- und Schieferböden oder ein Fleurie von sandigen Granitböden besser schmeckt, ob ein Fleurie aus der Lage Chapelle des Bois südlich des Dorfes sich anders präsentiert als einer aus der Lage La Roilette am Rande der Appelation Moulin-à-Vent und ob und wie ein Gamay, der nach burgundischer Art vinifiziert wurde, anders schmeckt, als einer, der mit macération carbonique oder macération semi-carbonique vinifiziert wurde.

Eine Gelegenheit, sich solchen Details zu nähern und zusätzlich kennenzulernen, dass Beaujolais zu allererst kein Verkostungswein, sondern ein Trinkwein zum Essen ist, bot jüngst der von Weinhändler Norbert Müller organisierte Abend Beaujolais meets Barbecue im Restaurant Madame Hu bei der Schilleroper in Hamburg. Zwölf überwiegend junge Weine aus seinem Programm stellte Norbert an. Dazu servierte Kit Hu sieben Gänge vom Grill, die ihre hervorragende Kochkunst an der Schnittstelle zwischen deutscher, französischer, chinesischer und internationaler Küche noch einmal unterstrichen.

Den Aperitif nahmen wir draußen ein, nämlich den Crémant de Bourgogne von Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux), der hier als Kir mit einem Crème de Cassis der Domaine des Nugues zu Salsiccia from Grill mit Senf und Belugalinsen serviert wurde.

Beaujolais_Hu_Wassermelone
Copyright Fotos: Karen Sapre

Gleich die ersten beiden Weine waren spannend zu trinken. Während das Beaujolais ganz überwiegend für Gamay bekannt ist, gibt es auch ein wenig Syrah und Chardonnay. Aus Chardonnay wurden auch die beiden Beaujolais Blancs erzeugt, die Norbert Müller zu einer köstlichen gegrillten Wassermelone mit Ziegenfrischkäse und Edamame-Bohnen einschenkte. Dies war zum einen der 2012 Beaujolais Blanc von Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux), zum anderen der 2012 Beaujolais Blanc „Clos de Rochebonne“ vom Château Thivin. Der Vissoux wurde im Stahltank ausgebaut, der Thivin in gebrauchten pièces. Auch das den Weinen zugrunde liegende Terroir ist unterschiedlich. Der Thivin kommt von Kalkmergelböden mit Sandsteinanteilen (den sog. pierres dorées, aus denen im südlichen Beaujolais viele Häuser gebaut sind). Der Vissoux stammt aus drei Parzellen mit Granitböden, Kalk-Silex-Böden und Kalkmergelböden. Zu der Wassermelone passte der Vissoux mit seiner kühlen Frische und feinen Art besser, die leichte Holznote und stämmigere Struktur des Thivin hingegen hatte mit dem Essen leichte Schwierigkeiten.

Ab dem folgenden Gang tranken wir nur noch Rotweine. Kit Hu ist große Liebhaberin von Innereien, so dass es auch in ihrem Barbecue-Menü Innereien geben sollte, hier gegrillte Nierenspießchen mit Pfirsichchutney und Rotkohlsalat. Traditionell wird wohl der meiste Beaujolais in Lyon getrunken, wo Innereien und gerade Nieren (Rognons) zu den Spezialitäten gehören. Insofern passten die Nieren auch kulturell hervorragend zu den nächsten beiden Beaujolais, beide von der Domaine des Nugues: 2012 Beaujolais-Villages und 2012 Fleurie. Der Fleurie war für mich eindeutig der bessere Wein der beiden, hatte mehr Struktur, mehr Stoff, mehr Potenzial für die zukünftige Entwicklung. Zu den Nierchen mit ihren dezenten Bitternoten passte hingegen der Beaujolais Villages besser, da er weniger Tannin hatte und einen besseren Ausgleich zu dem Geschmack der Nieren darstellte.

Noch ein Beaujolais-Villages stand zum nächsten Gang auf dem Tisch: Aus zwei jeweils 1 ha großen Parzellen mit jeweils über 100 Jahre alten Reben erzeugt Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux) seinen Beaujolais-Villages Coeur de Vendanges, hier aus dem Jahrgang 2012. Der Wein kostet lediglich um die 10 Euro und dürfte jeden verzücken, der ein Herz für Beaujolais hat. Er ist dicht, komplex, voller Energie, erinnert an kleine schwarze und rote Beeren und hat die für Beaujolais von Granitböden typischen kühlen steinigen Noten. Man darf sich von der Bezeichnung als Beaujolais Villages und von dem niedrigen Preis nicht in die Irre führen lassen. Dieser Wein wird sicher über die nächsten fünf bis zehn Jahre eine schöne Entwicklung durchlaufen. Nicht ganz mithalten konnte in diesem Duo der 2012 Brouilly „Reverdon“ von Château Thivin, ein durchaus angenehm zu trinkender Wein, aber ohne die Finesse und den Charme des Vissoux. Dazu gab es einen Garnelenburger vom Grill mit chinesischem Brokkoli, zu dem die beiden Gamays nicht wie Fremdkörper wirkten, zu dem sie aber auch nicht wirklich gut passten.

Beaujolais_GarnelenburgerCopyright Fotos: Karen Sapre

Auf die nächsten beiden Weine war ich besonders gespannt. Neu im Programm von Norbert Müller sind die Weine von Raphael Chopin, der gerade einmal 25 Jahre alt ist. 2008 hat er die Domaine seines Vaters mit 5 ha Weinbergen in Morgon und Regnié übernommen und stellt die Weinberge jetzt langsam auf Bio-Anbau um. Zwei Morgons aus 2012 hatten wir zum Essen, den 2012 Morgon Charmes und den 2012 Morgon Archambault. Der Charmes passte sehr gut zum Essen (Kalbsrücken vom Grill Jerk Style mit Mango und Ananas) und war – Nomen est Omen – durchaus charmant. Es lohnt sich aber, ein paar Euro mehr in den Morgon Archambault zu investieren. Der Jahrgangsvorgänger aus 2011 war schon hervorragend, der 2012er steht dem 2011er in nichts nach, präsentiert sich aber deutlich anders – straffer, säurebetonter, transparenter, ein bisschen mineralischer. Den Namen Raphael Chopin wird man sich merken müssen.

Im nächsten Gang waren die Weine und das Essen etwas schwierig zu kombinieren. Ein in Alufolie schonend gegrillter und saftiger Steinbeißer in einem köstlichen Sud mit Lauch war einfach zu zart für die beiden durchaus gehaltvollen Moulin-à-Vents, die dazu serviert wurden. Es gab vom Château du Moulin-à-Vent den 2011 Moulin-à-Vent und den 2011 Moulin-à-Vent Champ de Cour. Für die Weine aus der AOC Moulin-à-Vent (der einzige Cru, der nicht nach einem Dorf benannt ist, ein Dorf Moulin-à-Vent gibt es nicht) habe ich eine besondere Schwäche. War man einmal oben auf dem Plateau im Weiler Les Thorins, wo die Windmühle (franz.: Moulin-à-Vent) steht, muss man den Weinen eigentlich verfallen. Hier stellt sich dasselbe Gefühl ein, das man bezüglich der Pinot Noirs aus dem Burgund hat, wenn man vom Dörfchen Vosne-Romanée in Richtung Mittelhang geht und das Kreuz vor dem Grand Cru Romanée Conti sieht: Das Gefühl, an einem erhabenen Ort zu sein.

Le-Moulin-a-VentCopyright Foto: Stephan Bauer

Die berühmte Windmühle in Les Thorins ist von der Lage Le Clos umgeben, einer Monopollage der Domaine Labruyère. Auf der anderen Seite der Straße folgt die bekannte Lage Grand Carquelin, die die Domaine Labruyère und Château des Jacques (Louis Jadot) unter sich aufteilen. Östlich davon zieht sich der Champ de Cour um den Hang herum. Nicht viele Domaines dürfen sich glücklich schätzen, im Champ de Cour begütert zu sein. Das Château du Moulin-à-Vent gehört zu den Glücklichen. Zusätzlich hat das Château du Moulin-à-Vent noch in weiteren Spitzenlagen Parzellen, u.a. der Lage Croix des Vérillats. Hier oben auf dem Hügel erzeugen durchaus einige Domaines ihre Weine nach burgundischer Art, d.h. entrappt mit ein paar Tagen Kaltmazeration und längerem Ausbau in 228-Liter-Fässern mit teils auch neuem Holz. Der Grund dafür ist gut erkennbar, wenn man die Weine trinkt. Während ein Fleurie, Chiroubles oder Saint Amour sich durch Leichtigkeit, florale Noten und sehr feine Frucht auszeichnet, hat ein Moulin-à-Vent (und teils auch ein Chénas) deutlich mehr Struktur, Fülle, Volumen und auch Tannin. Dieses Plus an Materie hält eine etwas offensivere Vinifikation durchaus aus.

Zu den Weinen: beide Weine hatte ich zuvor schon bei anderen Gelegenheiten getrunken. Noch ein Jahr vorher war der Moulin-à-Vent Champ de Cour noch recht stark vom Holzausbau geprägt, so langsam beginnt das Holz, sich besser zu integrieren. In jedem Fall ist der 2011 Champ de Cour ein Wein mit sehr viel Potenzial und einer großen Sinnlichkeit, er hat die für Moulin-à-Vent typischen würzigen Noten, eine gewisse pflaumige Fülle. Das gilt mit nur leichten Abstrichen auch für den 2011 Moulin-à-Vent Village. Auf der anderen Seite ist der Village schon jetzt gut zu trinken. Wer den Stil von Château des Jacques mag, wird auch den Stil des Château du Moulin-à-Vent mögen. Deren Moulin-à-Vents sind füllige und sehr strukturierte Weine, die für ein langes Leben gedacht sind.

Noch zwei weitere Weine folgten, zwei weitere 2011er, nämlich der 2011 Côtes de Brouilly Cuvée Zaccharie von Château Thivin und der 2011 Moulin-à-Vent Vieilles Vignes von Thibault Liger-Belair. Thibault Liger-Belair, Winzer aus Nuits St. Georges im Burgund, ist seit ca. 2008 im Beaujolais engagiert und erzeugt derzeit vier Weine, zwei Lagen Moulin-à-Vents (Rocheaux und La Roche), einen einfachen Moulin-à-Vent und einen raren Moulin-à-Vent von über 130 Jahre alten Reben. Schon der einfache Moulin-à-Vent Vieilles Vignes kommt von 60 bis 80 Jahre alten Reben. Auch Thibault vinifiziert seine Beaujolais nach burgundischer Art. Seit dem ersten kommerzialisierten Jahrgang (2009) habe ich nun alle Jahrgänge seines Moulin-à-Vent Vieilles Vignes getrunken, der 2011er reiht sich hinter dem sehr fülligen 2009er und dem sehr straffen und mineralischen 2010er als recht typischer Vertreter des 2011er Jahrgangs ein – eher vollmundig und saftig, jedoch ohne die Opulenz von 2009 und ohne die straffe Art von 2010. Harmonisch, gut balanciert, schmeichelnd und tief. Für einen Preis von etwas unter 20 Euro wird man im burgundischen Stil im Beaujolais kaum einen besseren Wein finden.

Beaujolais_SatespiesseCopyright Fotos: Karen Sapre

Von Château Thivin hatten wir mit der Cuvée Zaccharie den Spitzenwein der Domaine im anderen Glas. Die Cuvée wird aus den ältesten Reben der Domaine in den Lagen La Chapelle und Godefroy erzeugt. Wähnt man sich auf dem Hügel bei der Windmühle in Les Thorins auf dem aristokratischen Gipfel der Weine des Beaujolais, so erinnert der Mont de Brouilly, von dem die Weine der AOC Côte de Brouilly stammen, an den Corton Hügel in Ladoix-Serrigny bzw. Pernand-Vergelesses im Burgund. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis man von der Ebene den Gipfel des Mont de Brouilly erklommen hat. Hier findet sich ein ähnliches Terroir wie an der Côte du Py in Morgon – vulkanisches Gestein mit Schiefer-, Mangan- und Basaltanteilen. Die Reben gehen einmal vollständig um den Mont de Brouilly herum. Dies führt dazu, dass die Weine von der Nordseite etwas kühler in der Art sind als die von der Südseite, auf der auch die Reben des Château Thivin überwiegend stehen. Auch die Cuvée Zaccharie ist ganz leicht vom Holz geprägt, aber auch hier finden wir wieder diese Fruchtfülle und würzige Art. Im Vergleich zum Thibault, der durchaus zeigt, was er hat, ist die Cuvée Zaccharie aber zurückhaltender, als ob sie sagen wolle Noblesse Oblige. In jedem Fall passten beide Weine wunderbar zu einem Rindersaté-Spieß vom Grill.

An diesem Abend zeigte sich einmal mehr, dass die Weine des Beaujolais letztlich schon seit Jahren eine Klasse erreicht haben, die man im Hinterkopf behalten sollte bzw., es unbedingt zu entdecken gilt. Dabei greifen die häufig zu lesenden Burgund-Vergleiche zu kurz. Sicher ist eine gewisse Ähnlichkeit diverser Beaujolais zu Pinot Noirs aus dem Burgund nicht von der Hand zu weisen, gerade bei burgundischer Vinifikation und mit zunehmender Flaschenreife. Aber auch an die Syrahs der nördlichen Rhône fühlt man sich beizeiten erinnert, denn diese kühle Frische, die Weine von Granitböden hervorbringen können, findet man sowohl an der Rhône als auch im Beaujolais. Letztlich sind die guten Beaujolais dabei so eigenständig und individuell, dass Vergleiche zu Weinen von außerhalb des Beaujolais an Bedeutung verlieren. Ein Beaujolais muss kein preisgünstiger Ersatz für Pinot Noirs aus dem Burgund oder Syrahs von der nördlichen Rhône sein. Er ist gut, wie er ist.


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