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In Neuseeland – Teil 8: Nelson, bei Woollaston und Neudorf

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Als ich Samstagmorgen in der Lodge in Martinborough aufwache, ist es später als gedacht. Zwar habe ich nachts immer noch mit Jetlag-Nachwirkungen wachgelegen doch bin ich irgendwann wieder eingeschlafenen und habe nicht gemerkt, dass die Weckzeit, die ich mir gestellt hatte, nur für Wochentage eingestellt war, aber nicht für Samstage. So bin ich Hals über Kopf abgereist und durch den Morgennebel gefahren, der über den Weiden des Tals lag, zurück durch die Tararua Range zum Flughafen von Wellington. Die kurze Flugstrecke entschädigt jedoch für das ganze Gehetze, das sich am Flughafen noch fortgesetzt hat, da man das Terminal geändert hat, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Die Route führt bei wolkenlosem Himmel fast im Tiefflug über den Pelorus Sound. Was für eine fantastische Szenerie bietet dieses Land doch immer wieder – diesmal im Anflug auf Nelson, der Gebietshauptstadt eines Weinbaugebiets, das gerade einmal 963 Hektar bzw. zwei Prozent zur Gesamtweinproduktion Neuseelands beiträgt.

Nelson_Woolaston_02Das Weingut Woollaston und die preisgekrönte Architektur der gläsernen Villa fügen sich in die rolling hills ein. Uüberall finden sich Objekte von Bildhauern in residence. Foto Copyright: Woollaston Estates

Nelson schmiegt sich zwischen Meer und Berge und ist ursprünglich weniger für Wein bekannt als für Hopfen. Der unter Craft-Beer-Kennern wohl bekannteste Hopfen dieser Gegend ist der Nelson Sauvin. Das Witzige dabei ist, dass er im Bierbereich das ist, was Sauvignon Blanc im Weinbereich abdeckt. Er ist der Aromahopfen, der nach Stachelbeere, Trauben und Grapefruit schmeckt. Ganz so, als hätten Nelson Sauvin und Sauvignon Blanc einen gleichen Ursprung. Neben Nelson Sauvin stammen aus dieser Gegend ebenso die Hopfensorten Dr. Rudi (früher Super Alpha), Green Bullet, Kohatu, Motueka, Pacific Gem, Pacific Jade, Southern Cross, Sticklebract, Wakatu und eine Neuzüchtung namens Waimea. Diesen Namen gibt es nicht nur mehrfach auf den Hawaiianischen Inseln sondern auch in Appleby, nahe Nelson. Und nicht nur jener Hopfen wurde so benannt sondern auch das Weingut Waimea Estates. Im Angebot dieses Gutes zeigt sich, wofür das Gebiet bekannt geworden ist. Es sind vor allem die aromatischen weißen Rebsorten sowie Pinot Noir und Chardonnay. Auch wenn, wie so gut wie überall, der Sauvignon Blanc die erste Geige spielt, findet man bei Waimea ebenso Sauvignon Gris, Riesling, Grünen Veltliner, Viognier, Pinot Gris und Gewürztraminer. Die Weine, die ich im Regionaltasting probiert habe, wurden fast alle recht kalt vergoren. Neben dem Weinen von Neudorf, auf die ich gleich noch näher eingehen werde, gehörten die Weine von Richmond Plains und Woollaston zu den erfreulichen Ausnahmen.

Nelson_Woolaston_04Rechts: Ein kleiner Querschnitt durch den Boden von Mahana. Foto  Copyright: Woollaston Estates

Woollaston at Mahana
Überhaupt Woollaston. In diesem außergewöhnlichen Weingut fand das Regional Tasting statt. Es liegt vielleicht 770 Meter entfernt vom Meer und dem vor der Küste gelagerten Rabbit Island in den Hügeln. Der Name Woollaston ist in Neuseeland bekannt, denn der Vater des Weingutsgründers Philip Woollaston war Toss Woollaston, einer, wenn nicht der bekannteste neuseeländische Maler des 20. Jahrhunderts. Seine Familie hat über Jahrzehnte die wohl größte private Kunstsammlung in Neuseelands zusammengesammelt, von dessen Exponaten ein Teil im Weingut und um das Weingut herum zu finden ist.

Nelson_Woolaston_03Foto rechts, Copyright: Woollaston Estates

Das Weingut selbst existiert seit 2000 und ist eine wirkliche Entdeckung. Die Weingärten liegen im Mahana Vineyard rund um das Anwesen sowie im The Burke’s Bank ant the Red Shed Vineyard. Mahana bedeutet warm auf Maori und sagt etwas über Lage und Bodenstruktur aus. Mahana liegt in der Höhe auf 100 Meter und besteht aus in Lehm gebundenen Schotter aus der Eiszeit. Hier stehen die Chardonnay- und Pinot-Reben, Riesling und Pinot Gris. Weiter unten im Tal, in den Waimea Plains stehen die Rebstöcke für die aromatischeren Weine, für Sauvignon Blanc, Pinot Gris und Riesling. Vor einigen Jahren wurde das Weingut auf ökologischen Anbau umgestellt und zertifiziert. Das Weingut wurde direkt auf vier Ebenen geplant, so dass der Produktionsprozess ohne Umpumpen von statten gehen kann. Ich hatte das große Glück, den Weingutsrundgang und das Tasting mit Michael Glover machen zu können, der wenige Tage zuvor eingetroffen war.

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Michael kommt ursprünglich aus Nelson, ist aber als Weinmacher jahrelang durch die Welt gereist und hat viele Jahre lang auf dem Weingut Bannockburn Vineyards in Australien den Stil bestimmt. Ich bin das erste Mal mit den Weinen dieses Weinguts in Kontakt gekommen, aber es wird nicht das letzte Mal sein, vor allem, seitdem ich die ersten Experimente von Michael Glover probiert habe, einem äußerst sympathischen Weinmacher, der vor Energie nur so strotzt. Es werden Weine mit Kanten und Ecken entstehen, die sich aus der Stilistik, die man sonst in Nelson gerne findet, deutlich bzw. noch deutlicher abheben werden.

Neudorf Vineyards
Ganz in der Nähe von Woollaston liegen die Upper Moutere Hills, wo die Neudorf Vineyards liegen. Neudorf schwebt in diesem Anbaugebiet, das kann man ohne Übertreibung sagen, über allem. Die Weine profitieren davon, dass ihre Reben meist schon mehrere Jahrzehnte alt sind. Es ist ähnlich wie bei Ata Rangi und, was Chardonnay angeht, bei Kumeu Rivers: neben aller Arbeit und einem exzellenten Weinbergsmanagement profitiert die Qualität des Weins erheblich vom alten Rebbestand. Dieser wird bei Judy und Tim Finn biologisch-organisch bewirtschaftet. Die beiden haben das Gut Ende der 1970er gegründet. Auch hier gibt es die Parallele zu Ata Rangi. Sie sind ins Weingeschäft eingestiegen als dies in Neuseeland noch kaum existent war. Sie haben jede Menge Lehrgeld bezahlt und sind über die Jahrzehnte hinweg mit aller Erfahrung und altem Rebbestand zur Avantgarde in Neuseeland geworden. Wenn es für Chardonnay einen Cru-status gebe wie es ihn mittlerweile für Pinot Noir gibt, dann würde der Moutere Chardonnay von Neudorf neben dem Hunting Hill oder Coddington Chardonnay von Kumeu Rivers ganz oben stehen.

Nelson_Neudorf_03Möchte man hier wieder weg?

 

Neudorf – die Weine
Neben den hervorragenden Sauvignon Blanc und Lagen-Pinot-Gris haben Todd Stevens, der Winemaker, und ich uns vor allem intensiv mit den Chardonnays und Pinots beschäftigt. Es startet mit dem Estate Chardonnay 2013. Wenn es um guten, oder besser sehr guten Chardonnay geht, dann dreht sich in Neuseeland alles um den säurebetonten, kleinbeerigen Mendoza-Klon. So ist es auch hier. Er mischt sich hier mit Klon 15, 95, 8021, 548 zu 86% aus den Moutere-Hills (Neudorf Home Block, Neudorf Hill Block,Kina Beach, Renart und Flaxmore Vineyards) mit Lehm-Schotter-Gemisch plus einer 14%-Charge aus dem Lord Rutherford Vineyard in den Waimea Plains vom alluvialen Schwemmland. Die Trauben wurden whole bunch gepresst und mit weinbergseigener Hefe vergoren. Der Wein hat zu 100% malolaktische Gärung durchlaufen und wurde in einem kleinen Teil in neuem Holz ausgebaut. Dies gibt dem Wein einen leichten Schwung, einen Touch von Holzstruktur und Tiefe. Der Chardonnay duftet vor allem nach diversen Zitrusfrüchten und Fenchelsaat. Er präsentiert eine wunderbare Mischung aus Cremigkeit und frischer Säure und endet ausgesprochen lang.

Nelson_Neudorf_05Die Anfänge von Neudorf 1978. Foto Copyright: Neudorf Estates

Neu und in kleiner Menge wird der 25 Rows Chardonnay angeboten. Er ist die pure und kristallklare Antwort darauf, dass man in der so genannten Neuen Welt auch Chardonnays produzieren kann, die ihren Gegenpart im Chablis finden. Dieser Wein aus 100% Mendoza-Klon schafft es in beeindruckender Weise. Hier wurde nur 50% des Weins durch eine malolaktische Gärung geschickt, die Weine wurden in alten, größeren Fässern (Puncheons) ausgebaut, wobei nur ganz selten die Hefe umgerührt wurde. Der Clou ist, dass die Rebstöcke auf deutlich basischem, mineralischen Boden im Neudorf Hill Block stehen. So schmeckt man neben aller Grapefruit und Limette vor allem nassen Stein, Trockenkräuter und Brotgewürz. Der Wein vibriert auf der Zunge und hat eine hervorragende Länge.

On top gibt es den 2013er Moutere Chardonnay aus dem Neudorf Home und dem Neudorf Hill Block. Beeindruckend kraftvoll, reich und geradezu explosiv zeigt sich dieser Wein, dessen Rebstöcke teils direkt am Haus stehen, zu 1005 aus Mendoza-Klon bestehen, zu 100% Säureabbau genossen haben und zu 26% in neuem französischen Holz vergoren wurden. Hier verbindet sich der Duft von Blüten mit gerösteten Nüssen und dem typischen Flint-Geruch der oft entsteht, wenn spontan vergorener Chardonnay auf Holz trifft. Am Gaumen präsentiert sich der Wein aromatisch, frisch und gleichzeitig saftig und dicht mit einer superben Länge. Das ist großes Chardonnay-Kino mit einem gekonnten Holzeinsatz, der immer nur leicht unterstützt aber nie dominiert.

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Etwas kräftiger ist der Holzeinsatz beim Pinot, und doch bleibt er immer auf der unterstützenden Seite, vielleicht etwas mehr führend. Der 2012er Tom's Block Pinot Noir  präsentiert sich gerade in perfekter Verfassung. Der Pinot Noir vom Abel-Klon sowie den Varietäten 5, 10/5, 667, 777 und 115 stammt zum überwiegenden Teil aus Moutere (Neudorf Home Block, Kina Beach, Renart und Flaxmore) sowie dem Rutherford Vineyard in den Waimea Plains. Er wurde komplett entrappt, spontan vergoren im Open Top Fermenter. Tom’s Block Pinot duftet nach Pflaumen und Kirschen, Nüssen, Feld, Wiese und Wald. Das Tannin ist bestens integriert und seidig, die Frucht präsent, frisch und zupackend, die Säure hervorragend. Im Gegensatz dazu präsentiert sich der 2013er Tom’s Block Pinot Noir etwas wärmer und noch fruchtbetonter. Das wärmere Jahr gibt hier das Üppigere, wie es ja auch schon in Martinborough zu schmecken war. Dies findet sich auch im Moutere Pinot Noir 2013, dem Pendant zum Icon-Chardonnay. Der Pinot stammt vor allem aus dem Home Block vom 15 bis 33 Jahre alten Rebstöcken und ist eine Mischung verschiedener französischer Klone und dem Abel-Klon. Im Prinzip wurde der Wein genauso verarbeitet wie Tom’s Block, 21% der Fässer sind neue französische Eiche. Wald- und Wildnoten verbinden sich mit dunkler Frucht und Gewürzen wie Süßholz. Beeindruckend ist die Balance dieses noch so jungen Weins, wunderbar die Kraft und Komplexität und die jetzt schon gut integrierten Tannine. Wenn man bei Neudorf mit den Chardonnay schon auf Grand Cru Niveau angelangt ist, so spielen die Pinots definitiv in guter Premier-Cru-Liga.

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Nelson, der kleine Nachbar des großen Gebietes Marlborough, hat viele deutsche Wurzeln, auf die nicht zuletzt der Name des Weinguts Neudorf an der Neudorf Road hinweist. Mitte des 19. Jahrhunderts pflanzten sind Rebstöcke, Hopfen und Obstplantagen, die hier immer noch weit verbreitet sind. Das Gebiet macht sich einen immer besseren Namen mit Wein – und das ist, wenn man Woollaston oder Neudorf probiert auch kein Wunder. Daneben gibt es die, die im Prinzip so schmecken, wie im Nachbargebiet. Das liegt an der angewandten Technik. Da gibt es noch viel Luft nach oben, denn Eisbonbon und Hyperfrische können viele. Da bin ich gespannt, wo es insgesamt hingeht.

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In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

Tradition im Beaujolais – viele Fragen, wenig Antworten

11/Mai/15 12:00 kategorisiert in: Gamay, Rebsorten, Rot, Frankreich, Rotweine, Weinland Frankreich

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Stephan Bauer ist durch das Beaujolais gereist und klärt uns zunächst einmal umfassend darüber auf, was Beaujolais eigentlich ist und nicht ist und was das mit Traditionen zu tun hat:

Tradition ist ein schöner Begriff, denn er ist deutlich positiv belegt. Aber auf die Frage, was in bestimmten Regionen wirklich traditionell sei, wird man zahlreiche unterschiedliche Antworten bekommen. Beim Wein hat die Tradition durchaus eine nicht ganz unwichtige Bedeutung. Wer auf einem Etikett „Cuvée Tradition“ liest, kann damit gleich etwas assoziieren. Typizität kommt mir dabei in den Sinn, eventuell auch eine gewisse Bäuerlichkeit.

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Beaujeu vue de la Croix de Rochefort, Copyright: beaujolaisvignoble.com

Vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Weinwelt der letzten zehn Jahre, die in vollem Gange und noch längst nicht abgeschlossen ist, kommt der Tradition eine zunehmend größere Bedeutung zu. Dieser Bedeutungswandel der Tradition ist Teil der Veränderungen, galt Tradition im Weinbau doch bis vor wenigen Jahren noch eher als Hemmnis, war ein Synonym für fehlende Dynamik. Gerade in den Übersee-Ländern mit geringer Weinbautradition schien plötzlich alles möglich. Wie ein Wein bereitet wurde, war nebensächlich. Wichtiger war die Frage, wie der Wein schmeckte und was die Profikritiker dazu sagten. Wer in Frankreichs wichtigster Weinbaugegend, dem Bordelais, nicht technisch aufrüstete, wurde für hoffnungslos veraltet gehalten.

All das hat sich stark verändert. Seit mehreren Jahren verwenden Winzer, Weintrinker und Medien andere Begriffe: Typizität, Terroir, Herkunft. Dabei ist Terroir das Schlagwort, doch auch die Tradition wird wichtiger. Einige der neuen Superstars der Weinwelt verwenden die Etiketten, die schon ihre Altvorderen verwendeten, erzeugen ihre Weine stark angelehnt an die Praktiken ihrer Eltern oder Großeltern und posaunen gerade nicht heraus, dass sie radikal mit der Vergangenheit brechen wollen. Foucault (Clos Rougeard), Raveneau in Chablis oder Reynaud (Château Rayas) sind einige bekannte Namen, die für dieses Phänomen stehen. Ihre Weine sind weltweit so gefragt, weil die Weintrinker sich nicht nur einen guten Wein, sondern auch die Quintessenz ihrer Herkunft erhoffen (und meistens auch bekommen, wenn auch mit der Mühe einer intensiven Suche und zu mittlerweile sehr hohen Preisen). Gesucht werden traditionelle Weine.

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Chiroubles, Copyright: D. Gillet / Inter Beaujolais

Was in bestimmten Weinbaugegenden wirklich Tradition ist, ist allerdings nicht immer leicht zu sagen. Sind Mosel-, Saar- und Ruwerrieslinge, die durch technische Hilfsmittel, wie sie erst nach dem zweiten Weltkrieg wirklich massentauglich einsetzbar waren, in der Gärung gestoppt wurden, traditionell? Viele Leute würden Weine wie die von J.J. Prüm, Egon Müller oder von Schubert vermutlich schon als traditionell bezeichnen. Nach allem verkörpern sie am ehesten den international (jedoch nicht unbedingt national) gefragten Stil. Andere halten gestoppte Rieslinge für prinzipiell modern und gehen auf der Suche nach der wahren Tradition zurück in die ersten drei Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts, in denen Rieslinge so lange gärten, wie die Natur und das Klima im Keller es zuließen, zum Teil also vollständig (trocken) oder nicht vollständig (feinherb bzw. restsüß). Wer hat hier recht? Vermutlich beide Ansichten. Denn Traditionen kommen und gehen, überlappen sich, werden durch technischen Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklungen obsolet oder relevant.

Gamay und das Beaujolais
Was eigentlich im Beaujolais traditionell ist, lässt sich genauso schwer beantworten wie an Mosel, Saar und Ruwer. Es lohnt sich aber, sich die Geschichte des Weinbaus im Beaujolais  vor Augen zu führen, um besser zu verstehen, worauf sich Traditionen stützen. Eins ist gesichert: die traditionelle Rebsorte des Beaujolais ist die Gamay noir à jus blanc, eine Rebsorte mit roter Schale, aber weißem Saft. Im südlichen Beaujolais, wo sich mehr Kalkmergelböden finden, wird auch ein wenig Chardonnay angebaut. Auch Syrah findet sich im Beaujolais in homöopathischen Mengen. Dies ändert aber nichts daran, dass seit mehr als einem halben Jahrtausend die Gamay im Beaujolais dominiert. Ursprünglich wurde die Sorte mehr nördlich des Beaujolais im Burgund angebaut, bis Philipp der Kühne 1395 per Dekret den Anbau von Gamay im Burgund verbot, da er sie für das Burgund nicht für würdig erachtete. So landete die Gamay im Beaujolais, das mit seinen Granitböden ohnehin die besseren Voraussetzungen für den Anbau der Traube bietet.

Auch die Reblaus, die im Beaujolais in den 1870er bis 1890er Jahren nahezu den gesamten Rebbestand vernichtete, änderte nichts an der Vormachtstellung der Gamay im Beaujolais. Zwar wurde zwischenzeitlich eine Traube namens Noah weit verbreitet im Beaujolais angepflanzt, da sie resistent gegen die Phylloxera war. Als jedoch auch im Beaujolais das Umpropfen von Gamay-Reisern auf US-amerikanische Rebunterlagen gute Erfolge zeigte, verschwand peu-à-peu die Noah-Traube wieder. Ein weiterer Aspekt scheint schon seit mehreren Jahrhunderten den Anbau von Wein im Beaujolais zu prägen: die Gobelet-Erziehung der Gamay-Reben, d.h. die Erziehung als freistehende Buschreben. Diese Erziehung erlaubt praktisch nur Handlese, die zusätzlich mühsam ist, weil die Trauben an einem Gobelet-Rebstock relativ tief hängen. Ebenso wie in der Champagne ist im Beaujolais in allen zehn Crus und in der AOC Beaujolais-Villages die maschinelle Lese gar nicht erlaubt.

Roilette

Beaujolais vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg
Wie der Beaujolais vor 100 Jahren erzeugt wurde, lässt sich ohne tiefgehende Recherchen nur schwer verlässlich rekonstruieren, daher sind Aussagen über eine wirkliche Tradition schwer zu treffen. Ob der Ausbau in den traditionellen burgundischen 228 l Fässern (pièces) eine Rolle gespielt hat, ist schwer zu sagen. Zwar finden sich in dem Buch „Les Vins du Beaujolais, du Mâconnais et du Chalonnais“ von Victor Vermorel und anderen (1893) Angaben für Erntemengen ausschließlich in pièces. Dies war jedoch in der gesamten Region von Dijon bis Lyon die damals gängige Mengenangabe. Die Weinerzeugung wird in dem genannten Buch wie folgt zusammengefasst, was nicht für einen Ausbau in 228 l Fässern spricht:

Die Trauben werden in Holzkisten gesammelt und sodann in den Keller getragen. Man entrappt nicht, aber manche Winzer stampfen die Trauben, was mehr und mehr zunimmt. Hier und da werden die Trauben direkt in den Holzkisten gequetscht, bis die Traube zu Wein wird. Die Vergärung wird dann in offenen Bottichen vorgenommen; der Tresterhut wird mehrmals von einem Mann runter gedrückt, der in den Bottich hinabsteigt. Manche Winzer lassen den Tresterhut sogar dauerhaft im Most mit Hilfe eines Gitterrostes. Je nach Temperatur und Beschaffenheit des Weines, den man erzielen will, lässt man den Wein zwischen drei und sechs, manchmal sogar bis zu acht Tage, im Bottich. Der Wein wird in tonneaux [gemeint sind vermutlich Fässer bis max. 600 l] oder Fuderfässer abgezogen und während des ersten Monats alle acht Tage, danach alle 15 Tage aufgefüllt. […] Im März des Folgejahres wird der Wein das erste Mal abgezogen, um ihn von der Grobhefe zu trennen. […] Manchmal erfolgt ein zweiter Abzug im Juni. Während dieses zweiten Abzugs erfolgt häufig eine Eiweißschönung des Weins. Schließlich erfolgt im August der Abzug auf die Flasche gepaart mit einer Eiweißschönung.

Vermorel

Vermutlich änderte sich hieran bis mindestens zum Ende des zweiten Weltkrieges auch nichts Wesentliches. Die Weine der Beaujolais Crus genossen in dieser Zeit einen guten Ruf. Schaut man sich Restaurant-Weinkarten aus den 1910er und 1920er Jahren an, so erreichten die Preise der beiden heutigen Crus Moulin-à-Vent und Fleurie zwar nicht – wie manchmal kolportiert – das Niveau der Grand Crus aus dem Burgund, jedoch schon in etwa das preisliche Niveau von Village Weinen aus renommierteren Dörfern im Burgund wie Pommard, Volnay oder Nuits Saint Georges. Allerdings wurde auch in der Zeit zwischen 1900 und dem zweiten Weltkrieg schon die Art von Beaujolais erzeugt, die heute regelmäßig mit dem Beaujolais Nouveau in Verbindung gebracht wird: schnell vergorener, leichter, süffiger Rotwein. Dieser wurde bis zum zweiten Weltkrieg jedoch hauptsächlich vor Ort und in den Bouchons in Lyon konsumiert. Zunächst war der Beaujolais Nouveau lediglich die Belohnung für die Erntehelfer und die Winzer selbst. 1938 wurde festgelegt, dass der Beaujolais nicht vor dem 15. Dezember nach der Ernte vermarktet werden durfte.

Beaujolais_03Copyright links: Stephan Bauer / Copyright rechts: D. Gillet / Inter Beaujolais

Georges Duboeuf und der Beaujolais Nouveau
Nach dem zweiten Weltkrieg begann der vorübergehende Niedergang des Beaujolais mit zwei herausragenden Jahrgängen, nämlich dem 1945er und dem 1947er. Beide Jahrgänge zeichneten sich durch eine hohe Traubenreife und eine höhere Alkoholausbeute aus, als dies in anderen Jahrgängen der Fall war. Einige Winzer berichteten von einer natürlichen Alkoholausbeute von über 15% Vol.

Der Winzer Jules Chauvet, zu ihm gleich mehr, berichtete sogar von einem Wein aus seinem Weinberg in Cercié, der 17% Vol. Alkohol ohne Chaptalisation erreichte. Der Überlieferung nach kamen diese beiden Jahrgänge bei den Kunden derart gut an, dass einige Winzer die Erfolge des 1945ers und des 1947ers auch in weniger guten Jahrgängen zu reproduzieren versuchten. Der Alkoholgehalt wurde durch Anreicherung des Mostes mit Zucker erhöht.

Ein wichtiges Jahr in der Geschichte des Beaujolais ist auch das Jahr 1951. Denn in diesem Jahr feierte Georges Duboeuf seinen 18. Geburtstag und legte den Grundstein für sein Beaujolais-Imperium, indem er eine Kooperative gründete, die kurze Zeit später aber wieder eingestampft wurde und durch ein Négociant-Business ersetzt wurde.

Beaujolais_04Copyright: Stephan Bauer

Ebenfalls in diesem Jahr lockerte die Union Interprofessionnelle des Vins du Beaujolais die Regeln für die Vermarktung des Beaujolais und erlaubte selbige bereits ab dem 15. November eines Jahres. Damit war dem Beaujolais Nouveau als Massenphänomen der Weg geebnet. Was als lokale Eigenart begann, weitete sich zunächst nach Paris und dann in die ganze Welt aus. Medienwirksam rasten Händler und andere Verkäufer des Beaujolais Nouveau Anfang der 50er Jahre um die Wette nach Paris, um den ersten Wein des Jahrgangs in die Bars und Restaurants zu bringen.

Die Marketingmaschine kam langsam in Gang. 1964 gründete Georges Duboeuf sein eigenes Négociant-Geschäft. Zunächst verkaufte er Weißweine aus dem Mâconnais und diverse Beaujolais vor allem an die Restaurants in der Region, unter anderem an die Frères Troisgros und an Paul Bocuse. Anders als bei anderen Négociants schrieb Duboeuf überwiegend nicht nur seinen Namen auf das Etikett, sondern auch den Namen des Winzers. Dies beließ den Weinen eine gewisse Originalität. Gegen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre gewann der Beaujolais Nouveau an Bekanntheit außerhalb Frankreichs, so dass die weltweite Nachfrage stieg. Ja, die Welt konnte plötzlich nicht genug kriegen von diesem jungen, frischen, leicht zu trinkenden Rotwein, der sich wie ein Weißwein trank.

Bunte Etiketten, lebenslustige Poster und vor allem ein griffiger Slogan, der Lust auf den ersten Wein des Jahres machen sollte („Le Beaujolais Nouveau est arrivé), Aktionen in Bars und Restaurants setzten in England, in den USA, in Deutschland und in Japan einen run auf den Beaujolais Nouveau in Gang, der in den 1980er und 1990er Jahren seinen Höhepunkt erreichte. Um dem Beaujolais Nouveau jährlich ein Wochenende widmen zu können, wurde 1982 der erste Vermarktungstag auf den dritten Donnerstag des Novembers gelegt, den Beaujolais Nouveau Day. Im Zentrum dieses Phänomens stand all die Jahre Georges Duboeuf, der in immer größerem Stil Trauben und Wein vor allem aus dem südlichen Teil des Beaujolais kaufte und als Beaujolais Nouveau vermarktete.

Für die Weinbauern bedeutete dies eine verlässliche und schnelle Einnahmequelle. Bereits wenige Wochen nach der Ernte konnten sie sich über volle Einnahmen freuen. Um den Beaujolais Nouveau jedes Jahr möglichst ähnlich schmeckend hinzubekommen, aber auch, um die Qualität innerhalb eines Jahrgangs so homogen wie möglich zu gestalten, industrialisierten sich die Vermarkter des Beaujolais die Weinbereitung zunehmend. Um ihm eine leichte Frische zu bewahren, wird der Beaujolais Nouveau mittels macération carbonique (Kohlensäuremaischegärung) erzeugt. Bei der macération carbonique werden die Trauben in ganzen Trauben mit den Stielen in die Gärbehälter gegeben und mit einer Schutzschicht aus CO² abgedeckt. Die erste Gärung findet mittels Enzymen innerhalb der Trauben statt, wodurch ca. 2% Vol. Alkohol entsteht. Sobald diese Gärung abgeschlossen ist und die Trauben beginnen, aufzuplatzen, werden die Trauben gepresst und zu Ende vergoren, jedoch mit nur sehr kurzem Schalenkontakt. Georges Duboeuf, aber auch viele andere Beaujolais-Nouveau-Erzeuger bedienten sich hierfür in den 1970er und 1980er Jahren einer bestimmten Reinzuchthefe, die den Weinen ein (fälschlicherweise als charakteristisch angesehenes) Bananenaroma verlieh. Diese Reinzuchthefe wurde ab ca. Mitte der 1980er Jahre auch bei Duboeuf nicht mehr eingesetzt, das Bananenaroma setzte sich aber bei den Kunden fest.

Laut vielen Winzern im Beaujolais war (und ist) der größte Fehler in der Weinbereitung aber die sogenannte Thermovinifikation, bei der die Maische kurz stark erhitzt und danach wieder runtergekühlt wird, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Farbstoff aus den Schalen zu extrahieren und so die Dauer des Schalenkontakts zu minimieren. Gepaart mit der Aufzuckerung zur Erhöhung des Alkoholgehalts auf den gewünschten Wert entstanden so viele Beaujolais Nouveau, die auch dem Qualitätsanspruch von Duboeuf nicht gerecht wurden, aber trotzdem auf den Markt geworfen wurden, um die Nachfrage nach Beaujolais Nouveau zu bedienen.

Mitte der 1990er Jahre wurde mehr als die Hälfte der Erntemenge im Beaujolais als Beaujolais Nouveau vermarktet, ein Großteil hiervon durch Georges Duboeuf. Dessen Firma kontrollierte auch einen durchaus wesentlichen Teil der Vermarktung von Beaujolais (nicht Nouveau), Beaujolais-Villages und den Beaujolais Crus, die teils nicht unter der Marke Georges Duboeuf, sondern unter teils historischen, teils neu geschaffenen Weinguts-Namen verkauft wurden. Wie in einer klassischen „Rise and Fall“ Geschichte hatte der Beaujolais Nouveau aber Mitte bis Ende der 1990er Jahre dann seinen Höhepunkt erreicht. Georges Duboeufs Firma wurde zudem in 2006 zu einer Geldstrafe verurteilt, da vorsätzlich Wein aus den zehn Crus mit Wein aus der AOC Beaujolais-Villages gemischt wurde, um letzteren in minderwertigen Jahren aufzuwerten. Dieser „Mini-Skandal“ war jedoch nicht wirklich der Grund dafür, dass der Beaujolais Nouveau wieder außer Mode kam. Der Grund dürfte eher darin zu suchen sein, dass Moden kommen und gehen und die Mode des Beaujolais Nouveau weitgehend vorbei war.

Jules Chauvet und die Rennaissance des Beaujolais
Der Schaden für das Beaujolais war jedoch angerichtet. Die Weinwelt verband mit dem Beaujolais als Region letztlich nur den Beaujolais Nouveau als süffiges, kühl zu trinkendes Kopfschmerzgetränk, den One-Night-Stand, den man am nächsten Morgen bereut (obwohl der Beaujolais laut Kermit Lynch an sich der vergnügliche One Night Stand sein soll. Lynch schrieb wörtlich: „Beaujolais should not be a civilized society lady; it is the one night stand of wines.“) Etliche Weinbauern hatten ihre Weinberge, nicht nur für den Beaujolais Nouveau, sondern auch für die Erzeugung der Beaujolais Crus durch den Einsatz von chemischen Herbiziden, Fungiziden und Düngern auf den größtmöglichen Ertrag getrimmt. Ihnen fehlten sowohl das Know-How als auch die technischen Mittel, um qualitativ hochwertige Weine zu erzeugen und zu vermarkten. All dies hatten ihnen jahre-, ja sogar jahrzehntelang Georges Duboeuf und andere Négociants abgenommen.

Der Wegbereiter für einen Weg aus der Krise lebte in Cercié, am Fuße des Mont Brouilly, wo er ein paar Hektar Weinberge bewirtschaftete. Jules Chauvet war aber nicht nur Winzer, sondern auch Chemiker und Autor. Sein Ziel war es, dem Beaujolais seine Seele zurückzugeben. Interessanterweise war diese Seele von dem Beaujolais Nouveau in seiner Prägung vor den 1960er Jahren gar nicht so weit entfernt. Das Idealbild Chauvets für einen Beaujolais hängt mit den Bouchons in Lyon zusammen, wo der Beaujolais lange Jahre der klassische unkomplizierte Begleiter für die deftige Küche des Lyonnais war und auch teils noch ist. Würste, Innereien, gepökeltes Schweinefleisch bedürfen eines Durstlöschers, keines strukturierten, komplexen, schweren Rotweins. Dieses Bild des unkomplizierten Speisebegleiters, des joie-de-vivre-Rotweins hatte Jules Chauvet im Kopf, als er Anfang der 1980er Jahre begann, den Beaujolais ähnlich, aber doch deutlich anders zu erzeugen, als dies Duboeuf & Co. zu der Zeit taten.

Beaujolais_02Copyright: Stephan Bauer

Auch Jules Chauvet setzte auf die macération carbonique, allerdings in seiner Prägung, die als macération semi-carbonique bekannt ist. Dabei werden die Trauben nach der innerzellulären Gärung nicht gleich gepresst und von den Stielen getrennt, sondern der austretende Saft wird nach dem Platzen der Trauben wieder oben in den Bottich gepumpt, so dass der Saft etwas länger mit den Schalen und Stielen in Kontakt ist. Der große Unterschied zwischen der Weinbereitung Chauvets und derjenigen Duboeufs war, dass Chauvet auf Vieles, was die Weinbereitung vermeintlich einfach macht und standardisierte Produkte hervorbringt, verzichtete: Reinzuchthefen, Chaptalisation, künstlich zugesetztes CO², Stabilisatoren, Eiweißschönung, Filtration und vor allem auch die Zugabe von Sulfit. Chauvet war der Ansicht (die sich bei sorgfältiger Arbeit als richtig herausstellen sollte), dass die anärobe Gärung und der weitgehend oxidationsfreie Ausbau seiner Beaujolais für eine ausreichende Stabilität der Weine sorgt, so dass sich die Sulfitzugabe erübrigt.

Die Arbeit Chauvets legte nicht nur den Grundstein für die gesamte vin-naturel-Bewegung in Frankreich, sondern war zudem die Basis für den vielleicht wichtigsten, heute anzutreffenden Stil im Beaujolais. Die ersten bekannten Schüler Chauvets wurden von dem US-Importeur Kermit Lynch als Gang of Four betitelt und gewannen schnell in den USA eine eingefleischte Fangemeinde. Es handelte sich um Marcel Lapierre, Jean Foillard, Guy Breton und Jean Thevenet, alle vier aus Villié-Morgon. Sie erzeugten saftige, aber dennoch strukturierte Morgons, die mit macération carbonique erzeugt und unfiltriert, ungeschönt und ungeschwefelt abgefüllt wurden. In seinen Memoiren Adventures on the Wine Route schildert Kermit Lynch auf plastische Art und Weise, wie die vier Pioniere aus Villié-Morgon sich gegenseitig inspirierten, leichte Modifikationen in der Vinifikation austesteten und mit der Zeit ihren Stil fanden. Alle vier Betriebe sind noch heute aktiv, wobei Mathieu Lapierre nach dem Tod seines Vaters die Domaine übernommen hat.

Kann man aufgrund dieser Entwicklungen den Stil Chauvets und seiner Schüler als für das Beaujolais traditionell bezeichnen? Das ist schwierig – zumindest ist er nicht der traditionelle Stil, sondern repräsentiert eine von mehreren Traditionen. Wie sich als Gegenbewegung zu dem industriell geprägten Stil Duboeufs und des Beaujolais Nouveau der von Jules Chauvet inspirierte Stil herausbildete, zeigt aber, dass Traditionen und vermeintliche Traditionen stets im Fluss sind. Die Geschichte der Stilistiken im Beaujolais ist hier auch noch lange nicht am Ende.

Louis Jadot und die Ankunft der burgundischen Vinifikation
Der nächste wichtige Meilenstein erfolgte im Jahr 1996 mit dem Erwerb des Château des Jacques durch Louis Jadot, einem der großen Négociant-Häuser aus dem Burgund. Die Négociant-Häuser des Burgunds waren schon immer im Beaujolais aktiv. Häuser wie Mommesin besaßen nicht nur eigene Rebflächen, sondern kauften vor allem Trauben und Wein und nutzten ihre Vertriebskanäle, um den Beaujolais insbesondere an Supermärkte und die Gastronomie zu verkaufen. Der Erwerb des Château des Jacques durch Jadot ist gleichwohl ein Meilenstein aus mehreren Gründen. Erstens verfügt das Château des Jacques über substanzielle Parzellen in einigen der besten Lagen in der Appellation Moulin-à-Vent auf dem Plateau von Thorins bei der namensgebenden Windmühle: La Rochelle, Le Grand Carquelin, Rochegrès, Champ de Cour.

Beaujolais_01Copyright: Stephan Bauer

Zweitens brachte das Team von Jadot deutlich burgundische Einflüsse in die Vinfikation des Beaujolais. Ende der 1990er Jahre herrschte im Beaujolais ganz klar die macération carbonique oder macération semi-carbonique (siehe oben) vor. Jadot ging einen anderen Weg und vinifizierte seine Moulin-à-Vents wie die Burgunder. Die Trauben wurden vollständig entrappt, erhielten eine Maischestandzeit von gut drei Wochen und wurden dann ca. ein Jahr in 228 l Fässern ausgebaut, anfangs mit beträchtlichen Anteilen an neuen Fässern. Mittlerweile wurde der Anteil an neuem Holz wieder runtergefahren, die Vinifikation ist ansonsten aber weitgehend gleich geblieben. Tatsächlich erinnern die Moulin-à-Vents des Château des Jacques eher an rote Burgunder als an Moulin-à-Vent, erst mit beträchtlicher Flaschenreife von zehn und mehr Jahren kommt der Charakter der Gamay besser durch, namentlich wenn das Holz verdaut ist. Neu seit wenigen Jahren ist bei Jadot, dass einige neu gepflanzte Reben in Guyot-Erziehung anstatt in Gobelet-Erziehung gepflanzt wurden. Ob dies Auswirkungen auf den Geschmack der Weine haben wird, bleibt abzuwarten. Ungewohnt ist der Anblick von Weinbergen ohne Buschreben im Beaujolais gleichwohl.

Dem Beispiel des Hauses Jadot sind mittlerweile einige Winzer aus dem Burgund gefolgt, so z.B. Thibault Liger-Belair (in Moulin-à-Vent), das Haus Henriot, denen im Chablis die Domaine William Fèvre und im Burgund das Haus Bouchard Père et Fils gehört (in Fleurie), Marie-Elodie Confuron-Zighera (in Morgon und Fleurie), die Familie Labruyère, denen im Burgund die Domaine Jacques Prieur gehört und die mit dem Jahrgang 2007 die Weinberge in Moulin-à-Vent wieder aus der Pacht in den Eigenbetrieb nahmen, oder Michel Lafarge (in Fleurie). Andere Neueinsteiger wie die Familie Parinet, die 2008 das Château du Moulin-à-Vent erwarben, setzen ebenfalls für die Spitzenweine auf eine burgundische Vinifikation.

Diese Bewegung stößt jedoch mittlerweile an ihre Grenzen. Sowohl die Domaine Labruyère als auch Thibault Liger-Belair entrappen nur noch einen Teil der Trauben für ihre Moulin-à-Vents und arbeiten bei dem Rest der Trauben mit macération semi-carbonique. Das Ziel ist es, regionstypischere Weine zu erzeugen, bei denen die Charakteristik der Gamay und auch die Frische besser herauskommen. Unter Umständen ist dieses Umschwenken auch darauf zurückzuführen, dass es den Winzern und Önologen aus dem Burgund anfangs darum ging, zu zeigen, dass Beaujolais Crus aus Top Terroirs sich hinter Pinot Noirs aus dem Burgund nicht zu verstecken brauchen, dass es also darum ging, aus der Gamay-Traube Weine zu erzeugen, die wie ein Top-Burgunder schmecken. Nachdem dies durchaus anerkannt wurde, kann sich jetzt darauf konzentriert werden, mehr an der Typizität zu arbeiten.

Ist die burgundische Vinifkation der Gamay nun für das Beaujolais traditionell oder nicht traditionell? Einige Winzer, für die die macération carbonique und der Ausbau in Holzfudern oder Betontanks die Tradition im Beaujolais darstellt, sind der Ansicht, dass kleine 228 l Fässer und entrappte Trauben im Beaujolais nichts zu suchen haben. Jean-Jacques Parinet entgegnet dem mit einem Blick in den Jahrhunderte alten Keller seines Château du Moulin-à-Vent und stellt die Frage, wie in diesen Keller mit niedriger Decke mehrere Hektoliter fassende Fuderfässer reinpassen sollen. Kleine Fässer scheinen also jedenfalls in den Weinbergen der AOC Moulin-à-Vent eine gewisse Tradition zu haben.

HD_14_chateaumoulinventcave03_DanielGilletInterBeaujolaiscopyrightmfKeller des Chateau du Moulin à Vent in Romanèche Thorins, Copyright: D. Gillet / Inter Beaujolais

Und was ist nun im Beaujolais traditionell?
Was ist jetzt am Ende dieser Reise traditionell im Beaujolais? Dem Beaujolais Nouveau lässt sich eine gewisse Tradition nicht absprechen. Viele Trauben wie Tannat, Cabernet Sauvignon oder Mourvèdre eignen sich gar nicht für die Erzeugung von Primeur-Weinen, da ihre Tannine die Erzeugung leichter, fruchtiger Weine zum jung trinken nicht zulassen. Auch der „Stil Chauvet“ hat sich mittlerweile bei so vielen renommierten Winzern durchgesetzt, dass man ihn getrost als traditionell bezeichnen kann. Ob der burgundische Stil im Beaujolais eine Tradition hat, lässt sich nur schwer sagen. Jedenfalls scheint er nur für eher gehaltvolle Weine aus Moulin-à-Vent und einige wenige Terroirs in Fleurie und Chénas geeignet.

Eine (positive) Entwicklung der letzten Jahre scheint aber nicht mehr aufzuhalten sein: die Diversifizierung der Produktion und die Abfüllung verschiedener Lagenweine. Auf den allermeisten Domaines im Beaujolais gab es früher für jeden Cru nur eine Abfüllung („Brouilly“ oder „Morgon“). Allenfalls noch gab es Sonderabfüllungen mit Fantasienamen, die von besonders alten Reben stammen oder in kleinen Holzfässern ausgebaut wurden („Cuvée Tradition“ oder „Elevé en fut de chêne“). Mittlerweile werden gerade bei den Crus, bei denen einzelne Lagen schon länger mit Namen bekannt sind, Weine aus verschiedenen Lagen bei vielen Winzern unter dem Lagennamen vermarktet. Diese Lagen sind – wie in Fleurie, Chénas oder Moulin-à-Vent – mal kleiner oder – wie in Morgon – mal größer.

Diese Entwicklung unterstützt die von der Vereinigung Inter-Beaujolais in Auftrag gegebene Bodenstudie des Geologie-Büros Sigales, die mittlerweile abgeschlossen ist und in mehreren detaillierten Karten der Lagen und Böden resultiert. Die Studie bietet nicht nur den Winzern, Händlern und Kunden die Möglichkeit, die einzelnen Bodenbeschaffenheiten zu erkennen, sondern soll auch als Vorbereitung für eine Abstufung der einzelnen Terroirs dienen. Geplant ist, dass auf lange Sicht ein System mit Premier Crus und evtl. auch Grand Crus geschaffen wird, in dem die höherwertigen Terroirs durch eine entsprechende Einstufung honoriert werden. Wie bei allen Lagenklassifikationen dürfte das System aber bei einigen Winzern auf Widerstand stoßen. Gerade in Moulin-à-Vent teilen sich einige der hochwertigsten Terroirs wie Le Carquelin, Le Clos du Moulin-à-Vent, La Rochelle, Champ de Cour oder Les Verillats auf nur wenige Erzeuger auf. Von der Klassifikation werden also voraussichtlich nicht alle Winzer profitieren.

Hinzu kommt, dass durch die unterschiedlichen Methoden der Vinifikation die Eigenheiten bestimmter Lagen schwer zu erkennen sind, da ein burgundisch vinifizierter Beaujolais generell anders schmeckt als ein mit macération carbonique vinifizierter Beaujolais. Gleichwohl sind schon jetzt und auch in der Jugend die Lagenunterschiede innerhalb des Portfolios einzelner Winzer gut erkennbar, gerade wenn entsprechende Hinweise der Winzer zu den Eigenheiten der Lagen vorhanden sind. So schmeckt zum Beispiel bei der Domaine Labruyère der Champ de Cour immer etwas konzentrierter als der Le Carquelin. Vergleichbar damit ist auch beim Château du Moulin-à-Vent der Champ de Cour immer etwas konzentrierter und gradliniger als der Croix des Verillats. Die Abfüllung verschiedener Lagenweine lohnt sich also auf jeden Fall.

Am Ende ist – wie so oft und glücklicherweise – auch im Beaujolais nichts in Stein gemeißelt und vieles möglich. Sollte ich jedoch meinen idealen Beaujolais auf mehrere Worte runterbrechen, so ist die von Würsten, Hühnern, Käse und Gartengemüsen geprägte Küche Lyons prägend. Der ideale Beaujolais ist ein leicht verdaulicher Wein, der lieber etwas zu süffig als zu gehaltvoll ist, komplex sein darf, dies aber nicht sein muss und vor allem für ein bäuerliches joie de vivre steht, das im Beaujolais auch an jeder Ecke zu finden ist.

Fleurie_2007_foillard

Ein paar typische Beaujolais

Cedric Chignard – Fleurie Cuvée Spéciale

Jean-Louis Dutraive – Fleurie En Champagne

Alain Coudert – Fleurie Clos de la Roilette Cuvée Tardive

Daniel Bouland – Morgon Vieilles Vignes

Marcel Lapierre – Morgon

Louis-Claude Desvignes – Morgon Côte du Py

Jean Foillard – Morgon Côte du Py

Bernard Diochon – Moulin-à-Vent Vieilles Vignes

Château des Jacques – Moulin-à-Vent Clos de Rochegrès

Richard Rottiers – Moulin-à-Vent Champ de Cour

Domaine Labruyère – Moulin-à-Vent Le Clos

Hubert Lapierre – Chénas Vieilles Vignes

Dominique Piron – Chénas Quartz

Domaine des Billard – Saint Amour Clos des Billards

Daniel Bouland – Chiroubles

Jean-Marc Burgaud – Chiroubles

Nicole Chanrion – Côte de Brouilly

Château Thivin – Côte de Brouilly Les 7 Vignes

Georges Descombes – Brouilly Vieilles Vignes

Raimon Jambon – Brouilly La Pointe des Einnards

Pierre-Marie Chermette – Beaujolais-Villages Coeur de Vendanges

Jean-Paul Brun – Beaujolais „L’Ancien“

In Neuseeland – Teil 6: Richtung Martinborough, bei Ata Rangi

Header Neuseeland

Von Hawke’s Bay aus geht es mit der Bombardier Turbo-Prop weiter nach Martinborough – allerdings mit einem klitzekleinen Abstecher nach Wellington. Während der Fluges über genau jene Berge, die ich am nächsten Morgen mit dem Auto wieder überqueren muss, wird das Wetter schlechter und mir wird bewusst, dass ich ab dem Flughafen nicht nur selbst fahren muss (links natürlich), sondern durch Regen und Rush-Hour auch noch das erste Mal rechts lenken werde. Bisher bin ich in UK immer mit dem eigenen Wagen unterwegs gewesen, das Rechtslenken ist durchaus noch mal etwas, worauf ich mich neu konzentrieren muss. Das Hotel in Wellington mit Blick über die Stadt ist derart, dass ich länger bleiben möchte als eine kurze Nacht. Doch ich habe keine Wahl, ich will nach Martinborough. Und wer ein wenig mehr über Wellington lesen will, der sollte zwischenzeitlich beim Küchenjungen vorbeilesen, der war da länger – und zwar etwa zwei Wochen vor mir.

Martinborough_01

So kommt es, dass man, wenn man genau vergleicht ein paar Ähnlichkeiten findet. Und zwar in der Essensauswahl des Ladens, wo ich unbedingt hin wollte: Duke Carvell’s No. 6. Und so esse ich blood sausage scotch egg with mojo verde, roast bone marrow with coriander, caper, black vinegar & toasted sourdough, Cauliflower with preserved lemon & pistaccio, pan roasted fish with fennel, green olive & feta sowie wild fennel ice cream with almond & olive oil sponge and pear. Der Fisch war etwas langweilig. Dafür aber absolut ungewöhnlich das Ei in der Blutwurst und natürlich großartig der Markknochen zum Auslutschen. Das Wildfenchel-Eis muss ich unbedingt mal selber nachmachen. Ich habe abends üblicherweise ein paar verschiedene Craftbeers betrunken, so dass ich über die zwei Wochen hinweg auch einen ganz guten Überblick über die Bierszene bekommen habe. Ich ziehe seitdem die Möglichkeit in Betracht, mal mit dem neuseeländischen Bierverband… ach nee, lassen wir das vorerst.

Martinborough_02Erst mit dem Flieger über die Berge und dann mit dem Auto zurück.

Am nächsten Morgen geht es durch regnerische Täler und dann die Serpentinen immer höher zum Pass und dann ins Tal des Wairarapa nach Martinborough, einer 1.500-Seelengemeinde, die Hauptstadt eines der kleinen Weinbaugebiete der Nordinsel ist. Wairarapa ist sehr viel mehr meins, entspricht meiner Idee von Weinbau viel mehr, als es das in Hawke’s Bay getan hat. Ich kann da nicht aus meiner Haut raus. Ich bin wohl zu sehr im deutschen Weinbau verwurzelt um riesige Weingüter wie Villa Maria oder so große Investitionsobjekte wie Elephant Hill wirklich sexy finden zu können. Unabhängig davon, dass ich viele der Weine trotzdem schätzen gelernt habe.

Ata Rangi
Doch wie anders ist es, durch das Tor von Ata Rangi zu schlendern, einem der angesehensten und ältesten Weingüter Neuseelands (mit „ältesten“ meine ich jetzt die Neuzeit und nicht jene, die vor der Prohibition schon mal ein paar Flaschen erzeugt haben), um auf ein paar kleine Holzhäuser zu treffen, die mehr oder weniger mitten zwischen den Reben stehen. Die langjährige Weinmacherin Helen Masters fällt erst einmal gut gelaunt allen Mitarbeitern um den Hals und macht ein paar Witze. Und nicht nur sie, der ganze Laden scheint bester Laune zu sein, inklusive der Winzerlegende, quasi dem Gründervater Clive Paton, der mal kurz vorbeischneit. Clive hat das Weingut 1980 gegründet und war mit drei anderen Verrückten der erste, der das Experiment „Weinbau in Martinborough“ begonnen hat. Von dieser frühen Gründung profitiert Helen Masters ganz klar, wie sie sagt und wie man es auch schmecken kann. Denn das Alter der Rebstöcke, selbst wenn es, was Pinot und Chardonnay angeht, nach heutigem Wissenstand nicht immer die geeignetsten Klone sein mögen, bringt mehr Tiefe in den Wein. Ata Rangi zeigt dabei exemplarisch, wo es mit dem neuseeländischen Weinbau hingeht, wenn man gleichzeitig so akribisch an der Qualität arbeitet, wie man es auf diesem biologisch zertifzierten Weingut tut.

Ata Rangi Wairarapa, das heißt aus der Maori-Sprache übersetzt so viel wie Neuanfang am glitzernden Wasser. Das Weingut, um bei Maori zu bleiben, hat 2010 zusammen mit Felton Road in Central Otago den Titel Tipuranga Teitei o Aotearoa erhalten, was so viel heißt wie Grand Cru of New Zealand. Der Titel belegt die Sonderstellung, die das Weingut hat.

Martinborough_03 Der Home-Block und einer dieser herrlichen Bäume, die in Neuseeland zu finden sind.

Begonnen hat das Ganze auf einer Schafswiese. Dort hat Clive die ersten Weinstöcke gepflanzt, nachdem er seine Milchvieh-Herde verkauft hatte. Ich habe ja schon weiter oben den Begriff Verrückter in Zusammenhang mit Clive erwähnt und tatsächlich haben ihn die Nachbarn und Freunde für Verrückt gehalten. Es hatte zwar schon mal ein paar Versuche mit Weinbau in Gladstone gegeben, doch das war damals mehr als hundert Jahre her und 1980 hat eigentlich niemand dem Weinbau in Neuseeland eine große Zukunft voraus gesagt. Eine der wenigen, die an das geglaubt hat, was Clive vorhatte, war seine Schwester Ali, die, bevor sie eine Zeit nach England ging, in direkter Nachbarschaft einige weitere Hektar gekauft hat, um sie Clive für das Weinbauprojekt zu überlassen. Damals bestand der heutigen Weinort aus einigen Hütten, zwei Pubs und einer Fish’n’Chips-Bude und Clive verkaufte die ersten Jahre Gemüse, dass er zwischen den Rebzeilen anbaute. Diese Jahre waren weder für ihn noch die Reben einfach denn der Wind pfeift ordentlich über die Ebene.

Martinborough_10Blick über die freie Ebene

Wairarapas Klima
Wairarapa ist zum Süden hin offen zum Pazifik und von dort, aus dem Süden kommt die kalte Luft der Antarktis. Die sorgt in diesem Gebiet zum einen für gute Durchlüftung und damit für wenig Pilzdruck, zum anderen entsteht hier das entscheidend wichtige Cool Climate am 42ten südlichen Breitengrad. Gleichzeitig ist das Gebiet durch die Riutuka Ranges, die ich am Morgen überquert habe so stark vor Regen geschützt, dass das Gebiet mit 700mm Niederschlag der trockenste Ort der nördlichen Insel darstellt. Diese Voraussetzungen sind also schon mal nicht schlecht. Weshalb Clive allerdings damals den Entschluss gefasst hat, Rebstöcke zu pflanzen war eine wissenschaftlich durchgeführte Bodenanalyse, die den Böden und dem Mikroklima um Martinborough eine ähnliche Qualität beschieden hat wie es Teile des Burgunds haben. Was auch immer man von dieser Aussage halten mag, die Qualität speziell des Pinots ist unbestritten. Die Rebstöcke stehen vor allem auf alten Flussbetten, die heute 20 bis 30 Meter höher sind als das aktuelle Flussbett, und durch Erdbeben verschoben wurden. Über diesem alluvialen Schwemmland von 10 bis 30 Meter Tiefe liegen 30 bis 300mm dicke Löss- und Lehmschichten.

Wairarapa zählt heute 990 Hektar, was gerade einmal 2,8% der neuseeländischen Gesamtproduktion ausmacht. 326 Hektar davon sind mit dem omnipräsenten Sauvignon Blanc gepflanzt, 496 Hektar mit Pinot und den Rest teilen sich Chardonnay, Riesling, Pinot Gris und Syrah. Aufgrund der klimatischen Bedingungen trauen sich hier viel mehr Winzer, biologisch zu arbeiten und sich zertifizieren zu lassen als in Hawke’s Bay, wo es ja fast gegen null geht.

Martinborough_07

Zurück zu Ata Rangi
Doch zurück zum ebenfalls ökologisch arbeitenden Betrieb Ata Rangi. Dort hat Clive Paton das große Glück gehabt, 1982 auf Malcolm Abel zu treffen. Bei diesem Weinmacher aus Auckland hat er einen Jahrgang mitgemacht, sie wurden Freunde – allerdings nur für kurze Zeit, denn Malcolm starb ein Jahr später. Der Auckland-Weingarten musste städtischer Bebauung weichen, doch Clive hatte bereits einige Stöcke des Pinot-Klones bekommen, der heute Gummistiefel-Klon, Abel-Klon oder Ata-Rangi-Klon genannt wird. Er stammt von einem Klon ab, denn jemand unberechtigter Weise auf Romanée-Conti entfernt und mit nach Neuseeland gebracht hatte. Da dort die Kontrollen am internationalen Flughafen bezüglich des Imports von organischem Material jedoch sehr streng sind, musste er den Rebstock abgeben. Malcolm wiederum hat damals, Mitte der 1970er als Zollbeamter am Flughafen gearbeitet und den Stock zur Staatlichen Weinbaubehörde geschickt, um ihn dort auf Rebläuse etc. untersuchen zu lassen. Als klar war, dass der Stock – den der Reisende nach eigener Aussage im Burgund in seinen Stiefel gesteckt hatte, daher der Name – sauber war, konnte er ihn pflanzen. Dieser Abel-Klon ist heute neben einem Dutzend anderer Klone das Herzstück der Pinot-Weingärten von Ata Rangi.

Martinborough_06Hulk Hogan, der Weinschreiber, die Winzerlegende Clive Paton & the winery dog

Die Weine von Ata Rangi
Doch bevor wir zum Pinot Noir kommen, probiere ich mit Helen die Weißweine. Helen hat 1990, auch eine nette Geschichte, kurz nach dem Abschluss der Schule einen Brief an die Patons geschrieben und gefragt, ob sie bei Ihnen Arbeiten können, was sie wenigen Wochen später dann auch direkt gemacht hat. Dann ist sie zum Studium gegangen und hat noch ein paar andere Orte aufgesucht, bis sie 2033 zurückgekehrt ist.

Der aktuelle Jahrgang des Graighall Rieslings ist der 2010er. Es sind 27 Jahre alte Reben in diesem trockenen Riesling und er ist eine Wucht. deutlich der beste Riesling, den ich bis dato außerhalb der deutschsprachigen Sphäre probiert habe. Langsam gepresst und spontan vergoren, keine Bewässerung im Weinberg (was normalerweise bis auf ganz wenige, ultratrockene Jahre für alle Weingärten zutrifft). Wunderbare tiefe Grapefruit- und Limettenfrucht mit herrlichem Druck am Gaumen. Dazu eine ganz leichte Ahnung von Holz, ein cremiges Mundgefühl, Mandelmus, Salzmandeln – ein toller Einstieg.

Martinborough_04Helen Master vor ihrem Home-Block und die völlig unscheinbare winery

Beim 2014er Sauvignon Blanc wird das Basismaterial auf vier unterschiedlichen Arten ausgebaut. Etwa 50% werden im Edelstahl ausgebaut. 20% werden direkt nach der Pressung in größeren Fässern spontan vergoren und auf der Hefe gelassen. 25 weitere Prozente gehen durch Malolaktik und ein kleiner weiterer Teil wird auf den Traubenhäuten vergoren. So entsteht ein knalltrockener und cremiger Sauvignon mit einer tiefen Frucht und üppig floralen Noten – weit entfernt von grasiggrünen und tropischen Clichées.

Vom Craighall Chardonnay 2013 möchte ich gerne eine Kiste, bitte! Die Mendoza-Klone, diese ultrakleinen, säurebetonten Beeren überzeugen in Neuseeland einfach auf ganzer Linie, sind mehr als dreißig Jahre alt und stehen dem Home Block genau gegenüber auf der anderen Straßenseite. Ein Teil des Craighall nennt sich bis heute Dry River, und genau das liegt hier im Untergrund: ausgetrocknetes Flussbett mit jeder Menge Kies, wenig Regen, keine Bewässerung, viel Wind und kühle Nächte. Das Ergebnis ist ein höchst energiegeladener und vibrierender Chardonnay der gleichzeitig elegant und komplex ist. Grapefruit und Zitrone, Steinfrucht in rauhen Mengen, dazu Feuerstein und abgebranntes Schwefelholz, etwas Butterfudge und Biskuitteig.

Etwas breiter präsentiert sich der Petrie Chardonnay 2013, der von lehmhaltigerem Boden stammt. Auch hier wieder viel Flint und Steinobst, etwas wärmere Noten, etwas breiter, meloniger, aber immer noch viel Zitrusfrucht, Säure und mineralische Noten. Hier ist nicht der Mendoza- Klon am Werk sondern Clone 15, der zu den Böden der Hügel, auf denen der Wein steht besser passt. Der Weinberg liegt in Gladstone und wird von der Petrie-Familie an Ata Rangi, Matua und Trinity Hill verpachtet.

Martinborough_08Blick in den Barrique-Raum, Querschnitt durch Hügel in Gladstone (Copyright Fotos links: Wairarapa Winegrowers)

Schließlich holt Helen noch einen 2011er Craighall hervor, der aus einem ganz hervorragenden Jahrgang stammt. Whole-Bunch-Pressing, wie es die Neuseeländer nennen, der Saft spontan in Barriques vergoren (25% neu) und neun Monate auf der Hefe gelassen. Neben den Grapefruits und Pfirsichen sind es Kräuter und florale Noten, die hier dominieren, der Pfirsich ist eher weiß als gelb, dazu kommt ein Hauch von Zimt und gebackenem Apfel. Sinnlich, saftig, Sonderklasse!

Mit dem Crimson Pinot Noir 2013 kommen wir zum Kerngeschäft von Ata Rangi. Das ist der Wein, den man trinken kann, während man darauf wartet, dass der ata Rangi Pinot Noir reift, der deutlich länger braucht. Der Crimson stammt von 12 bis 22jahre alten Rebstöcken verschiedener Blocks. ein Teil der Erlöse des Weins fließt in das Project Crimson, daher unterscheidet sich auch das Label von allen anderen Weinen. Crimson ist duftig und rotbeerig (Cranberry und rote Johannisbeere), dazu fleischige Noten, Gewürze, Süßholz, am Gaumen dann dunkler mit etwas Unterholz, mit samtigem Tannin, fast plüschiger Textur und viel Trinkfluss.

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Der Ata Rangi Pinot Noir 2012 stammt im Wesentlichen von etwa 30 Jahre alten Reben. Die Erneten hier sind auf Grund des speziellen Klimas und des für Neuseeland fortgeschrittenen Alters der Rebstöcke die kleinsten im ganzen Land. Alle Blocks und Klone werden separat vergoren und gelagert. Nach 10 Monaten entscheidet Helen, welche Fässer sie für den Ata Rangi nutzen wird, während die anderen dem Crimson zugeschlagen werden. Für den Ata Rangi werden eeigentlich immer die Blocks mit den alten Abel-Klonen genutzt, weil diese extrem fein und samtig sind und ganz dunkle Kirschfrucht präsentieren. Die besten Dijon-Clone-Blocks bringen etwas mehr vordergründige Frucht, Kraft und auch zusätzliche Komplexität und balancieren den Wein. Der 2012er stammt aus einem kühlen Jahr, ist etwas rotbeeriger als die dunkleren umschließenden Jahrgänge – und auch die Johannisbeere ist eher rot und die Pflaume nicht so ultrareif. Hinzu kommen Fleisch, Kräuter, etwas Trüffel und Unterholz, am Gaumen dann mehr Noten von Kirsche, Wild, etwas Tomatenessenz und eine hervorragende Säurestruktur. Auch hier würde ich mir gerne, sehr gerne eine Kiste einlagern.

Seit 1985 schon gibt es mit dem Célèbre eine Cuvée, die auf Merlot (60%), Syrah(30%) und Cabernet (10%) beruht. Der Wein stammt sowohl aus dem Home Block, wo alle drei Sorten stehen, als auch einigen anderen Weingärten, die aber im Prinzip auf der gegenüberliegenden Seite der Straße stehen. Der Wein wird im Holz vergoren, von dem nur 20% neu ist. Der 2011er Célèbre präsentiert sich extrem schüchtern und reserviert, geht erst ganz langsam auf und zeigt dann ein wunderbar feines Tannin. Ich stelle den Wein weg und widme mich dem 2010er Syrah, der eigentlich in den Célèbre wandert, aber seit einiger Zeit in kleinen Mengen auch reinsortig ausgebaut wird. Der Syrah ist deutlich weniger offensiv pfeffrig wie die Hawke’s Bay Syrahs. Gleichzeitig ist es ebenfalls ganz deutlich Cool Climate. Viel frische Säure, Kräuternoten, Stein und Olive mischen sich in Veilchen, Pflaumen, Sternanis, rohes Fleisch und eine hintergründige Pfeffernote. Am Gaumen ist der Syrah superfrisch und lebendig, dabei lang und mundfüllend. so möchte ich das gerne trinken! Währenddessen hat sich die Cuvée geöffnet und präsentiert zunehmend mehr schwarze Frucht und dunkle Schokolade. Und man findet auch die Pflaume und den Sternanis vom Syrah. Dazu kommen erdige Noten, etwas Holz und auch hier wieder eine Säure, die den Wein lange tragen wird. Die Säure prägt diese Weine insgesamt enorm. Und es ist eine Säure, die nicht nur Frische bietet sondern sich wieder ein Nervenkostüm durch alle Weine zieht. Neben der Säure gefällt mir vor allem das zurückhaltende Holzmanagement, das hier immer nur trägt, sich aber nie in den Vordergrund drängt. tatsächlich habe ich den Eindruck, dass das fortgeschrittene Alter der Rebstöcke eine weitere Dimension in die Weine bringt, die die noch jungen Anlagen aus Hawke’s Bay (noch) nicht bieten können. Was Ata Rangi an Weinen präsentiert, ist schon wirklich hohes Niveau.

Martinborough_09

Ein intensiver Vormittag geht zu Ende. Ich werde von Alexis und Alex abgeholt, um das Regionaltasting zu starten, in dem ich einen Überblick über das gesamte Gebiet erhalten werde. Aber vorher gehen wir noch einen Happen essen – mitten in den Weinbergen.

Map_Neuseeland_Wairarapa

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

In Neuseeland – Teil 4: Craggy Range und Elephant Hill

Header Neuseeland

Hawke’s Bay ist neben Marlborough die Region der großen, von Investoren gegründeten Weingüter. Nach dem Regionaltasting, von dem ich noch einige Weine empfehlen werde, habe ich in zwei Tagen vier dieser Weingüter besucht. Heute stelle ich Craggy Range und Elephant Hill vor, danach geht es weiter mit Trinity Hill und Sileni.

Craggy_Range_01Oben rechts: Matt Stafford erklärt anhand einer  Luftaufnahme den Te Muna Road Vineyard in Martinborough. Unten links: Sieht schwer nach einer heftigen Unterstockspritzung aus. Unten rechts: Weinmachen in pseudosakralem Ambiente. Wir kennen das aus dem Bordelais. Copyright: C. Raffelt

 

Craggy Range
Matt Stafford hat es sich netterweise – obwohl er an dem Tag die gesamte Belegschaft des Weinguts Stag's Leap erwartete – nicht nehmen lassen, mich selbst beim Regionaltasting abzuholen und einmal kurz bei den Gimblett Gravels vorbeizufahren, bevor wir eine Führung durchs Weingut unternommen haben. Matt Stafford ist der Chief Winemaker der 60-Millionen-Dollar-Investition namens Craggy Range. Gegründet hat es Terry Peabody, ein Australier, der in Australien die Abfallentsorgungsbranche revolutioniert und viel Geld damit gemacht hat. Er traf 1997 auf den Weinmacher und Master of Wine Steve Smith. Nach einem ersten Gespräch wusste Peabody, dass sein Wunsch, der Familie ein Weingut aufzubauen und letztlich zu hinterlassen, Gestalt annehmen würde. Allerdings nicht in Europa, wie eigentlich mal ins Auge gefasst, sondern in Neuseeland. Terry Peabody ist nun nicht der Typ, der ein solches Projekt halbherzig oder mit angezogener Handbremse beginnt. Er hat sich zusammen mit Smith sehr genau überlegt, nach welchem Konzept er das Weingut errichten und positionieren würde, und genau das hat er dann umgesetzt.

Craggy Range war von Beginn an darauf ausgelegt, eines, wenn nicht das beste Weingut des Landes zu werden. Und diesem ganz klaren Ziel folgt man in einem 50-Jahre-Plan. Dabei kamen Steve Smith’ außerordentlich guten Kenntnisse der geeigneten Rebfläche ins Spiel. Er hatte bereits jede Menge Parzellen in allen möglichen Teilen des Landes erworben und bepflanzt, um die besten Flächen zu finden. So startete man auf den Gimblett Gravels mit Syrah und einigen Bordeaux-Rebsorten und außerdem im Tuki-Tuki-Valley mit Chardonnay. Doch, wie ja schon mehrfach betont, wird in Neuseeland immer noch Pionierarbeit geleistet und so wurde später auch auf Craggy Range so manche Sorte wieder herausgerissen oder getauscht, um immer perfektere Ergebnisse zu erhalten.

Craggy_Range_02Leichte Lunch-Vorspeise im hervorragenden Restaurant Terrôir. Die Initialen der Weine gefallen mir natürlich. Ebenso der Blick vom Restaurant auf die gegenüberliegenden Hügel. Fotos Copyright: C. Raffelt

Neben dem Präsentationsstandort samt Restaurant bei Hastings wurde eine hochmoderne, technisch perfekt ausgestatte Werkstätte in die Gimblett Gravels gestellt. Wenn ich das Probieren der Wein resümieren soll, dann spiegeln die Weine den Preis der Technik wider, würde ich sie als technisch sehr perfekte, hoch elegante Weine beschreiben, die mehr den Stil des Hauses und des Weinmachers präsentieren, als den der individuellen Weingärten und Mikroklimate (auch wenn man die darin natürlich ebenso wiederfindet). Seitdem ich den ersten Wein von Craggy Range vor einigen Jahren probiert habe, empfinde ich es so, dass der Keller den Charakter zu stark poliert. Dies ist ein persönliches Empfinden, dass ich auch schnell mal bei modernen Cru-Classé-Weinen aus dem Bordelais habe. Manchmal sind diese Weine so elegant und glatt, dass sie mir einfach von der Zunge flutschen, dass ich sie nicht zu packen kriege. Und dann bleiben sie eben auch nicht haften.

Trotzdem bin ich beim Probieren der Weine glücklich geworden. Die 2011er Cuvée names Sophia hat mich ebenso beeindruckt wie die Rieslinge beim abschließenden Lunch im gutseigenen Restaurant Terrôir. Sophia ist eine St.-Émilion-Cuvée, wenn man so will. Merlot macht den Hauptteil aus, dazu gibt es Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und etwas Petit Verdot. Die reife Frucht ist hier präsent (Pflaumen, Brombeeren, Cassis), die Würze (getrocknete Provence-Kräuter, Zimt, etwas Vanille) und die Tanninstruktur ist fein und gelungen. Die Rieslinge waren schon in fortgeschrittenem Alter (2004, 2002) und haben sich in glänzender Verfassung präsentiert.

 

Elephant Hill
Auf ähnlichem Gebiet wie Craggy Range bewegt sich Elephant Hill. Das Weingut wurde von Roger Weiss gegründet, einem deutschen Unternehmer und Sammler historischer Jaguars, die er zur Generalüberholung zu einem der weltweit führenden Jaguar-Spezialisten nach Neuseeland verschiffen lässt. (Überhaupt scheinen historische Wagen und vor allem auch Flugzeuge ein besonderes Faible der Neuseeländer zu sein. Das Klima ist für diese Sammelleidenschaft auch ziemlich perfekt.) Es begab sich nun, dass Roger und Reydan Weiss ihren Fahrzeugen irgendwann selbst ans vermeintliche Ende der Welt folgten und so begeistert waren, dass sie 2001 einer weiteren Leidenschaft ein Gesicht geben wollten und das Weingut Elephant Hill gründeten (benannt nach einem weiteren Faible, dem für Elefanten). Dem Weinbergsmanager Jon Peet zu Folge, hat Weiss ähnliche Ambitionen wie Peabody. Auch er will auf seinem 25-Hektar-Weingut die besten Weine des Landes erzeugen. Jon Peet, aber auch Direktor Günter Thies und Winemaker Steve Skinner erhalten dafür alle Möglichkeiten, um dieses Ziel zu verwirklichen. Entsprechend aufwendig und geradezu penibel ist die Pflege der Weinberge. Es ist tatsächlich beeindruckend, wie weit man schon gekommen ist, wenn man bedenkt, dass der erste Jahrgang aus dem Jahr 2008 stammt.

Elephant_Hill_01Wenn Roger Weiss  in Neuseeland verweilt, blickt er von seinem Haus aus (oben links) auf die Te-Awanga-Weinberge, die Winery und den dahinterliegenden Pazifik (unten rechts). Die Rebstöcke und vor allem der boden sieht etwas anders aus als bei Craggy Range. Der Engländer Jon Peet ist ursprünglich Bodenforscher, was ihm hier durchaus zugute kommt. Er pfelgt die Weinberge mit einem minimalaufwand an Chemie. Doch praktisch alle in Hawke's Bay haben Angst vor Pilzkrankheiten und es gibt nur ganz wenige zertifiziert biologische Weinberge. Fotos Copyright: C. Raffelt

Die Weine zusammen mit Jon Peet im gutseigenen Restaurant beim Essen zu probieren, ist bei der Lage des Weinguts natürlich ein besonderes Vergnügen. Das Restaurant wurde gerade erst zum besten Weingutsrestaurant Neuseelands gekürt und ich würde lügen, wenn ich nicht eingestehen würde, dass ich mich an dem Abend schon sehr privilegiert gefühlt hätte. Gerade die Syrah und Chardonnay des Weinguts sind exzellent. Ausgesprochen gut gefallen haben mir jedoch auch die beiden Cuvées Le Phant rouge und Le Phant blanc mit Pinot Gris, Viognier und Gewürztraminer. Die Weine sind elegant und bergen gleichzeitig eine immense Frische. Ich ziehe dabei den 2012er Jahrgang, der nass und kühl war dem wärmeren 2013er vor. Das ist mir so von Nord nach Süd passiert. Fast überall wollte man mich von der besonderen, zweifelsohne vorhandenen Qualität des Topjahrgangs 2013 überzeugen (musste man gar nicht) und doch war ich mir dann fast immer sicher, dass ich mir selbst 2012 kaufen würde. Das war auch eindrücklich auf dem Hawke’s Bay Regionaltasting festzustellen, bei dem mich der neue Weinmacher des Weinguts Alpha Domus, Barry Riwai, begleitet hat. Unter Strich waren wir sogar der Ansicht, dass zum jetzigen Zeitpunkt vor allem die 2013er Bordeaux-Blends etwas fett wirkten und man ihnen etwas mehr Säure wünschen würde.

Elephant_Hill_02
Ja, hier will man Essen. Zum Beispiel Wild. Und hier will man auch trinken und länger verweilen. Foto oben rechts: Copyright: Elephant Hill, der Rest C. Raffelt

Besonders empfehlen möchte ich hier den 2012er Elephant Hill Syrah, den ich als qualitativ genauso gut empfunden habe wie die Reserve. Großartige Balance, die für Hawke’s Bay typische würzig-weißpfeffrige Note, die Einbindung des Holzes (30% neu) ist ausgesprochen gelungen. Die Stöcke stehen in den Gimblett Gravels und im Hausweingarten Te Awanga. Der Syrah wurde entrappt und in offenen Cuves vergoren, bevor es für 12 Monate ins Holz ging.

Die zweite klare Empfehlung ist die 2012er Elephant Hill Chardonnay Reserve, die auf dieser Qualitätsstufe zum ersten Mal abgefüllt wurde. 2012 war das Jahr für Te-Awanga-Chardonnay. Auf den nah am Meer gelegenen Böden aus Sand, Ton und Schluff stehen 15-er und 95erKlone. Die Trauben wurden mit Stilen gepresst und teils in Barrique und teils in Puncheons (500 Liter) gelegt, 40% davon neu. Alles wurde spontan vergoren, manche Fässer durchliefen Malo, andere nicht. Der Wein hat extrem viel Kraft, viel Weinbergspfirsich, viel Grapefruit, viel Flint, dabei einen angenehmen Holzton und vor allem ein exzellentes Säurespiel. Ich möchte diesen Wein gerne in fünf und in zehn Jahren wieder trinken.

Map_Neuseeland_Hawkes_Bay

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x


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