originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Alles andere als lame – der LAM Syrah Rosé 2012 von Lammershoek

11/Jul/14 09:00 kategorisiert in: Alles Bio, Rosé, Rot, Südafrika, Syrah / Shiraz

Das erste Mal traf ich Craig Hawkins und seine Weine auf der 2012er RAW in London. Es war eines dieser besonderen Weinerlebnisse, denn neben all den schlechten bis teils hervorragenden Naturweinen aus Europa standen dort ein paar vereinzelte Winzer aus Übersee. Francois Morisette aus Kanada, Tom Shobbrook aus Australien und Craig Hawkins aus Südafrika. Alles, was ich von den dreien im Glas hatte, blew my mind, war outstanding, wenn ich mich, so wie die drei, im englischen Sprachraum bewegen würde.

Craig_Lammershoek

Craig Hawkins hat ein eigenes kleines Projekt names Testalonga – ich werde irgendwann darauf zurückkommen – und ist ansonsten der kreative Kopf hinter der Lammershoek Winery in Swartland. Das Weingut wird seit den 1990ern von Paul und Anna Kretzel geführt und Craig Hawkins ist so etwas wie der Schwiegersohn in spe. Craig hat auf Lammershoek Experimentiermöglichkeiten wie sonst wohl nur wenige Weinmacher. Das nutzt er und entsprechend kommen total ungewöhnliche, teilweise geniale Weine dabei raus. Dass zu diesem Zweck die Weinberg zu natürlich wie möglich bewirtschaftet werden, verwundert dabei nicht wirklich. Im Keller sind die Grundlagen Spontanvergärung, Verzicht auf Zusatzstoffe aus einer geringen Menge Schwefel bei der Abfüllung – wenn nötig – keine Filtration etc.

lam_rose

Der LAM Syrah Rosé, den ich die letzten Tage im Glas hatte, gehört zur Basislinie. Es sind die einfachsten, die am wenigsten experimentellen und gleichzeitig die trinkfreudigsten Weine. Hier gibt es neben dem Syrah-Rosé Chenin Blanc, Pinotage, Syrah und Blends. Die klassischen Weine aus den besten Lagen firmieren unter Lammershoek und das eigentliche Experimentierfeld findet sich in der CellerFoot-Linie. Da gibt es ungeschwefelten Pinotage-Rosé (auch darauf komme ich zurück), die ungarische Sorte Harslevelü reinsortig und eine rote Cuvée, die Craig in alten Barriques unter Wasser ausgebaut hat – Dirk Würtz war ganz begeistert von diesem Wein.

Der LAM Rosé hat schlanke 11,8% Alkohol und wurde 11 Monate in alten Eichenfässern ausgebaut. Auch das hier ist, wie beim letzten besprochenen Rosé von Majas, keine Fruchtbombe sondern ein Rosé auf der würzig-herben Seite mit viel Geschmack nach kargem Boden, der typischen Würze des Syrah – inklusive einem Hauch weißen Pfeffers, würde ich sagen. Natürlich gibt es Früchte, Erdbeeren vor allem, aber eben kein bisschen vordergründig oder kitschig. Das ist ein Wein – er kostet bei vinpur € 12,00 -  den man auch auf Grund seiner knackigen, bestens eingebundenen Säure einfach so wegtrinken möchte. Vor allem, wenn es dazu eine Schale frischer Erdbeeren gibt.

Das neue Beaujolais – alles, nur nicht Nouveau

Vor einigen Tagen fand in Hamburg ein Abend statt, an dem der Weinhändler Norbert Müller einige bemerkenswerte Beaujolais präsentiert hat – und zwar bei Madame Hu in Hamburg, in angemessener Atmosphäre also. Ich wäre gerne dabei gewesen, war aber auf der Vievinum, was ich auch nicht hätte missen wollen. Um so schöner, dass der Hamburger Weinfreund und Gastautor Stephan Bauer den Abend zusammenfasst:

header_beaujolais

Wenn einem Fußballer nachgesagt wird, er sei ein ewiges Talent heißt das in der Regel nicht nur Gutes, impliziert diese Bezeichnung doch, dass der Fußballer sein Talent nicht abgerufen hat.

Auch beim Beaujolais könnte man in letzter Zeit auf die Idee kommen, er sei das ewige Talent unter den Rotweinen Frankreichs. Mittlerweile dürften genügend Journalisten, Blogger und auch Weinhändler der breiten Öffentlichkeit mitgeteilt haben, dass die heutzutage im Beaujolais erzeugten Weine nichts mehr mit den schnell vinifizierten Beaujolais, den Beaujolais Nouveau, die schon nach ein paar Monaten keinen Spaß mehr machen, zu tun haben. Gleichwohl erzählen die Winzer im Beaujolais, dass sich ihre Weine nicht von selbst verkaufen, dass – wie auch anderswo in Frankreich – Weinberge brachfallen, weil sich keine Nachfolger für elterliche Betriebe finden, und dass man von einer ungetrübten Aufbruchsstimmung beileibe nicht sprechen kann.

Für die Weinliebhaber, die gerne erfrischende Rotweine trinken, die gut zum Essen passen, sich dafür aber nicht knietief ins Dispo stürzen wollen, ist das Beaujolais so weiterhin ein Eldorado. Wie in vielen anderen Weinbauregionen auch, tut sich im Beaujolais laufend etwas. Neue Erzeuger treten auf den Plan, Generationswechsel stehen an, das Sortiment wird ausgeweitet und differenziert, lange praktizierte Methoden der Weinbereitung werden auf den Prüfstand gestellt. Zusätzlich bieten die Gamays aus dem Beaujolais ebenso wie ihre roten Nachbarn, die Pinot Noirs aus dem Burgund und die Syrahs von der nördlichen Rhône, die Möglichkeit, sich mit Haut und Haaren ins Detail zu stürzen, zu schauen, ob einem ein Morgon Côte du Py von Basalt- und Schieferböden oder ein Fleurie von sandigen Granitböden besser schmeckt, ob ein Fleurie aus der Lage Chapelle des Bois südlich des Dorfes sich anders präsentiert als einer aus der Lage La Roilette am Rande der Appelation Moulin-à-Vent und ob und wie ein Gamay, der nach burgundischer Art vinifiziert wurde, anders schmeckt, als einer, der mit macération carbonique oder macération semi-carbonique vinifiziert wurde.

Eine Gelegenheit, sich solchen Details zu nähern und zusätzlich kennenzulernen, dass Beaujolais zu allererst kein Verkostungswein, sondern ein Trinkwein zum Essen ist, bot jüngst der von Weinhändler Norbert Müller organisierte Abend Beaujolais meets Barbecue im Restaurant Madame Hu bei der Schilleroper in Hamburg. Zwölf überwiegend junge Weine aus seinem Programm stellte Norbert an. Dazu servierte Kit Hu sieben Gänge vom Grill, die ihre hervorragende Kochkunst an der Schnittstelle zwischen deutscher, französischer, chinesischer und internationaler Küche noch einmal unterstrichen.

Den Aperitif nahmen wir draußen ein, nämlich den Crémant de Bourgogne von Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux), der hier als Kir mit einem Crème de Cassis der Domaine des Nugues zu Salsiccia from Grill mit Senf und Belugalinsen serviert wurde.

Beaujolais_Hu_Wassermelone
Copyright Fotos: Karen Sapre

Gleich die ersten beiden Weine waren spannend zu trinken. Während das Beaujolais ganz überwiegend für Gamay bekannt ist, gibt es auch ein wenig Syrah und Chardonnay. Aus Chardonnay wurden auch die beiden Beaujolais Blancs erzeugt, die Norbert Müller zu einer köstlichen gegrillten Wassermelone mit Ziegenfrischkäse und Edamame-Bohnen einschenkte. Dies war zum einen der 2012 Beaujolais Blanc von Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux), zum anderen der 2012 Beaujolais Blanc „Clos de Rochebonne“ vom Château Thivin. Der Vissoux wurde im Stahltank ausgebaut, der Thivin in gebrauchten pièces. Auch das den Weinen zugrunde liegende Terroir ist unterschiedlich. Der Thivin kommt von Kalkmergelböden mit Sandsteinanteilen (den sog. pierres dorées, aus denen im südlichen Beaujolais viele Häuser gebaut sind). Der Vissoux stammt aus drei Parzellen mit Granitböden, Kalk-Silex-Böden und Kalkmergelböden. Zu der Wassermelone passte der Vissoux mit seiner kühlen Frische und feinen Art besser, die leichte Holznote und stämmigere Struktur des Thivin hingegen hatte mit dem Essen leichte Schwierigkeiten.

Ab dem folgenden Gang tranken wir nur noch Rotweine. Kit Hu ist große Liebhaberin von Innereien, so dass es auch in ihrem Barbecue-Menü Innereien geben sollte, hier gegrillte Nierenspießchen mit Pfirsichchutney und Rotkohlsalat. Traditionell wird wohl der meiste Beaujolais in Lyon getrunken, wo Innereien und gerade Nieren (Rognons) zu den Spezialitäten gehören. Insofern passten die Nieren auch kulturell hervorragend zu den nächsten beiden Beaujolais, beide von der Domaine des Nugues: 2012 Beaujolais-Villages und 2012 Fleurie. Der Fleurie war für mich eindeutig der bessere Wein der beiden, hatte mehr Struktur, mehr Stoff, mehr Potenzial für die zukünftige Entwicklung. Zu den Nierchen mit ihren dezenten Bitternoten passte hingegen der Beaujolais Villages besser, da er weniger Tannin hatte und einen besseren Ausgleich zu dem Geschmack der Nieren darstellte.

Noch ein Beaujolais-Villages stand zum nächsten Gang auf dem Tisch: Aus zwei jeweils 1 ha großen Parzellen mit jeweils über 100 Jahre alten Reben erzeugt Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux) seinen Beaujolais-Villages Coeur de Vendanges, hier aus dem Jahrgang 2012. Der Wein kostet lediglich um die 10 Euro und dürfte jeden verzücken, der ein Herz für Beaujolais hat. Er ist dicht, komplex, voller Energie, erinnert an kleine schwarze und rote Beeren und hat die für Beaujolais von Granitböden typischen kühlen steinigen Noten. Man darf sich von der Bezeichnung als Beaujolais Villages und von dem niedrigen Preis nicht in die Irre führen lassen. Dieser Wein wird sicher über die nächsten fünf bis zehn Jahre eine schöne Entwicklung durchlaufen. Nicht ganz mithalten konnte in diesem Duo der 2012 Brouilly „Reverdon“ von Château Thivin, ein durchaus angenehm zu trinkender Wein, aber ohne die Finesse und den Charme des Vissoux. Dazu gab es einen Garnelenburger vom Grill mit chinesischem Brokkoli, zu dem die beiden Gamays nicht wie Fremdkörper wirkten, zu dem sie aber auch nicht wirklich gut passten.

Beaujolais_GarnelenburgerCopyright Fotos: Karen Sapre

Auf die nächsten beiden Weine war ich besonders gespannt. Neu im Programm von Norbert Müller sind die Weine von Raphael Chopin, der gerade einmal 25 Jahre alt ist. 2008 hat er die Domaine seines Vaters mit 5 ha Weinbergen in Morgon und Regnié übernommen und stellt die Weinberge jetzt langsam auf Bio-Anbau um. Zwei Morgons aus 2012 hatten wir zum Essen, den 2012 Morgon Charmes und den 2012 Morgon Archambault. Der Charmes passte sehr gut zum Essen (Kalbsrücken vom Grill Jerk Style mit Mango und Ananas) und war – Nomen est Omen – durchaus charmant. Es lohnt sich aber, ein paar Euro mehr in den Morgon Archambault zu investieren. Der Jahrgangsvorgänger aus 2011 war schon hervorragend, der 2012er steht dem 2011er in nichts nach, präsentiert sich aber deutlich anders – straffer, säurebetonter, transparenter, ein bisschen mineralischer. Den Namen Raphael Chopin wird man sich merken müssen.

Im nächsten Gang waren die Weine und das Essen etwas schwierig zu kombinieren. Ein in Alufolie schonend gegrillter und saftiger Steinbeißer in einem köstlichen Sud mit Lauch war einfach zu zart für die beiden durchaus gehaltvollen Moulin-à-Vents, die dazu serviert wurden. Es gab vom Château du Moulin-à-Vent den 2011 Moulin-à-Vent und den 2011 Moulin-à-Vent Champ de Cour. Für die Weine aus der AOC Moulin-à-Vent (der einzige Cru, der nicht nach einem Dorf benannt ist, ein Dorf Moulin-à-Vent gibt es nicht) habe ich eine besondere Schwäche. War man einmal oben auf dem Plateau im Weiler Les Thorins, wo die Windmühle (franz.: Moulin-à-Vent) steht, muss man den Weinen eigentlich verfallen. Hier stellt sich dasselbe Gefühl ein, das man bezüglich der Pinot Noirs aus dem Burgund hat, wenn man vom Dörfchen Vosne-Romanée in Richtung Mittelhang geht und das Kreuz vor dem Grand Cru Romanée Conti sieht: Das Gefühl, an einem erhabenen Ort zu sein.

Le-Moulin-a-VentCopyright Foto: Stephan Bauer

Die berühmte Windmühle in Les Thorins ist von der Lage Le Clos umgeben, einer Monopollage der Domaine Labruyère. Auf der anderen Seite der Straße folgt die bekannte Lage Grand Carquelin, die die Domaine Labruyère und Château des Jacques (Louis Jadot) unter sich aufteilen. Östlich davon zieht sich der Champ de Cour um den Hang herum. Nicht viele Domaines dürfen sich glücklich schätzen, im Champ de Cour begütert zu sein. Das Château du Moulin-à-Vent gehört zu den Glücklichen. Zusätzlich hat das Château du Moulin-à-Vent noch in weiteren Spitzenlagen Parzellen, u.a. der Lage Croix des Vérillats. Hier oben auf dem Hügel erzeugen durchaus einige Domaines ihre Weine nach burgundischer Art, d.h. entrappt mit ein paar Tagen Kaltmazeration und längerem Ausbau in 228-Liter-Fässern mit teils auch neuem Holz. Der Grund dafür ist gut erkennbar, wenn man die Weine trinkt. Während ein Fleurie, Chiroubles oder Saint Amour sich durch Leichtigkeit, florale Noten und sehr feine Frucht auszeichnet, hat ein Moulin-à-Vent (und teils auch ein Chénas) deutlich mehr Struktur, Fülle, Volumen und auch Tannin. Dieses Plus an Materie hält eine etwas offensivere Vinifikation durchaus aus.

Zu den Weinen: beide Weine hatte ich zuvor schon bei anderen Gelegenheiten getrunken. Noch ein Jahr vorher war der Moulin-à-Vent Champ de Cour noch recht stark vom Holzausbau geprägt, so langsam beginnt das Holz, sich besser zu integrieren. In jedem Fall ist der 2011 Champ de Cour ein Wein mit sehr viel Potenzial und einer großen Sinnlichkeit, er hat die für Moulin-à-Vent typischen würzigen Noten, eine gewisse pflaumige Fülle. Das gilt mit nur leichten Abstrichen auch für den 2011 Moulin-à-Vent Village. Auf der anderen Seite ist der Village schon jetzt gut zu trinken. Wer den Stil von Château des Jacques mag, wird auch den Stil des Château du Moulin-à-Vent mögen. Deren Moulin-à-Vents sind füllige und sehr strukturierte Weine, die für ein langes Leben gedacht sind.

Noch zwei weitere Weine folgten, zwei weitere 2011er, nämlich der 2011 Côtes de Brouilly Cuvée Zaccharie von Château Thivin und der 2011 Moulin-à-Vent Vieilles Vignes von Thibault Liger-Belair. Thibault Liger-Belair, Winzer aus Nuits St. Georges im Burgund, ist seit ca. 2008 im Beaujolais engagiert und erzeugt derzeit vier Weine, zwei Lagen Moulin-à-Vents (Rocheaux und La Roche), einen einfachen Moulin-à-Vent und einen raren Moulin-à-Vent von über 130 Jahre alten Reben. Schon der einfache Moulin-à-Vent Vieilles Vignes kommt von 60 bis 80 Jahre alten Reben. Auch Thibault vinifiziert seine Beaujolais nach burgundischer Art. Seit dem ersten kommerzialisierten Jahrgang (2009) habe ich nun alle Jahrgänge seines Moulin-à-Vent Vieilles Vignes getrunken, der 2011er reiht sich hinter dem sehr fülligen 2009er und dem sehr straffen und mineralischen 2010er als recht typischer Vertreter des 2011er Jahrgangs ein – eher vollmundig und saftig, jedoch ohne die Opulenz von 2009 und ohne die straffe Art von 2010. Harmonisch, gut balanciert, schmeichelnd und tief. Für einen Preis von etwas unter 20 Euro wird man im burgundischen Stil im Beaujolais kaum einen besseren Wein finden.

Beaujolais_SatespiesseCopyright Fotos: Karen Sapre

Von Château Thivin hatten wir mit der Cuvée Zaccharie den Spitzenwein der Domaine im anderen Glas. Die Cuvée wird aus den ältesten Reben der Domaine in den Lagen La Chapelle und Godefroy erzeugt. Wähnt man sich auf dem Hügel bei der Windmühle in Les Thorins auf dem aristokratischen Gipfel der Weine des Beaujolais, so erinnert der Mont de Brouilly, von dem die Weine der AOC Côte de Brouilly stammen, an den Corton Hügel in Ladoix-Serrigny bzw. Pernand-Vergelesses im Burgund. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis man von der Ebene den Gipfel des Mont de Brouilly erklommen hat. Hier findet sich ein ähnliches Terroir wie an der Côte du Py in Morgon – vulkanisches Gestein mit Schiefer-, Mangan- und Basaltanteilen. Die Reben gehen einmal vollständig um den Mont de Brouilly herum. Dies führt dazu, dass die Weine von der Nordseite etwas kühler in der Art sind als die von der Südseite, auf der auch die Reben des Château Thivin überwiegend stehen. Auch die Cuvée Zaccharie ist ganz leicht vom Holz geprägt, aber auch hier finden wir wieder diese Fruchtfülle und würzige Art. Im Vergleich zum Thibault, der durchaus zeigt, was er hat, ist die Cuvée Zaccharie aber zurückhaltender, als ob sie sagen wolle Noblesse Oblige. In jedem Fall passten beide Weine wunderbar zu einem Rindersaté-Spieß vom Grill.

An diesem Abend zeigte sich einmal mehr, dass die Weine des Beaujolais letztlich schon seit Jahren eine Klasse erreicht haben, die man im Hinterkopf behalten sollte bzw., es unbedingt zu entdecken gilt. Dabei greifen die häufig zu lesenden Burgund-Vergleiche zu kurz. Sicher ist eine gewisse Ähnlichkeit diverser Beaujolais zu Pinot Noirs aus dem Burgund nicht von der Hand zu weisen, gerade bei burgundischer Vinifikation und mit zunehmender Flaschenreife. Aber auch an die Syrahs der nördlichen Rhône fühlt man sich beizeiten erinnert, denn diese kühle Frische, die Weine von Granitböden hervorbringen können, findet man sowohl an der Rhône als auch im Beaujolais. Letztlich sind die guten Beaujolais dabei so eigenständig und individuell, dass Vergleiche zu Weinen von außerhalb des Beaujolais an Bedeutung verlieren. Ein Beaujolais muss kein preisgünstiger Ersatz für Pinot Noirs aus dem Burgund oder Syrahs von der nördlichen Rhône sein. Er ist gut, wie er ist.

Libanon – von Kriegen gebeuteltes Weinland im Aufbruch

06/Mai/14 14:09 kategorisiert in: Obeidy, Rot, Rot, Libanon, Weiß, Libanon, Weiß, Portugal

Wie oft kommt es vor, dass man an einem Nachmittag den Weinbau eines ganzen Landes kennenlernen und probieren kann? Mir ist es, glaube ich, erst ein Mal passiert – gestern. Denn gestern haben sich so gut wie alle existierenden libanesischen Weingüter in Berlin präsentiert.

Charakter - Colette Arslan Naim, chateau Qanafar

Charakter – Colette Arslan Naim, chateau Qanafar

Das war für dieses Land ein Ereignis. Deshalb war auch der Minister für Landwirtschaft da und das Ritz-Carlton als standesgemäßer Veranstaltungsort war vollgeparkt mit Botschaftswagen. Gerade einmal 2.000 Hektar Fläche stehen im Libanon unter Reben. Und doch ist der Wein ein wichtiger Wirtschaftszweig für diesen so ungewöhnlichen Staat im Nahen Osten. Denn viele Exportprodukte hat das von Krisen und Kriegen gebeutelte Land nicht zu bieten. Und vor allem nicht viele mit hohem Renomée. Der Libanon aber zählt zu den ältesten, Wein produzierenden Regionen der Welt und da er in Teilen immer noch christlich geprägt ist, ist das Land neben Israel das einzige in der Region, wo professionell Wein erzeugt wird.

Wer in die Rebsortenliste schaut, wird vor allem französische Reben finden, Cabernet und Syrah sind verbreitet, aber auch Cinsault und Grenache. Im Weißweinbereich herrschen Viognier, Sauvignon und Chardonnay. Lediglich Obeidy findet man hier und da als lokale weiße Rebsorte. Angebaut wird oftmals auf über 1.000 Meter Höhe. Das ist schon durchaus ungewöhnlich, bietet aber die Möglichkeit, Kühle in den Wein zu kriegen, Säure und Frische.

alt eingesessen und neu durchstartend, zwei Vertreter des libanesischen Weinbaus

alt eingesessen und neu durchstartend, zwei Vertreter des libanesischen Weinbaus

Vor diesem Besuch kannte ich eine Hand voll Weingüter, jetzt kenne ich also fast alle – zumindest oberflächlich. Für mich stand gestern das bekannteste Weingut des Libanon über allem. Château Musar ist das Zugpferd, Gaston Hochar der unbestrittene Primus des libanesischen Weinbaus, der seit Jahrzehnten trotz aller Wirren Wein auf höchstem Niveau keltert, die zudem enorm haltbar sind. Hinter Château Musar jedoch folgen eine ganze Reihe interessanter Weingüter, deren Weine deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie sie bei uns bisher bekommen. Einige alteingesessene Weingüter, deren Weine ich empfehlen möchte sind Château Ka, Château Kefraya und Chateau Ksara. Weingüter, die neu gegründet wurden und meiner Meinung nach definitv Aufmerksamkeit verdienen sind Château Qanafar, Domaine de Baal, Adyar, Chateau Sanctus und Chateau Heritage.

Im Ritz

Im Ritz

Abgesehen von Château Musar sind dies noch keine wirklichen Spitzenweingüter – aber sie arbeiten dran und haben die Möglichkeit, mit den speziellen Klimata, die in den Weingebieten von Batroun über Bekaa runter nach Jezzine herrschen, einen eigenen Charakter zu entwickeln. Das sollten sie nutzen. Ich denke, häufig dürfte es etwas weniger Holz sein, etwas seltener flüchtige Säure und die Winzer sollten an einem wirklich eigenen Charakter arbeiten, abseits des Vorbildes Frankreich. Auf dem Weg dahin sind sie. Und unterstützen sollte man sie dabei auch.

Wurzelecht und bunt gemischt – uralte Gemischte Sätze von wurzelechten Rebstöcken in Deutschland

Daz niemand keinen win mit gemecht machen sol noch keinen hunischen stock machen oder legen noch kein sun davon ziehen
Heilbronner Urkundenbuch von 1399

Wenn wir heute über Wein sprechen, meinen wir in erster Linie ein Genussmittel, dem wir mehr oder weniger viel Aufmerksamkeit schenken. Wein muss nicht immer edel und teuer sein, es kann auch ein einfacher Alltagswein sein, der uns schmeckt. Die Zeiten, in denen die Bedeutung von Wein über die eines Genussmittels hinausging, sind dagegen noch gar nicht so lange vergangen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts baute beispielsweise der Gründer eines der heute angesehensten und größten Weinunternehmens der Welt, Dr. Christopher Rawson Penfold, kurz nach seiner Einwanderung in Australien den Wein als Heilmittel an. Er ging von der tonischen Wirkung dieses Getränks aus, das anämischen Patienten besonders in den abgasbelasteten Städten des industrialisierten Nordens den Aufbau roter Blutkörperchen erleichtern sollte. Neben dem Einsatz als Heilmittel hatte Wein jedoch eine noch viel wichtigere, ja lebenswichtige Bedeutung. Wein galt über Jahrhunderte hinweg als Lebensmittel, genauer gesagt als Standardgetränk, mit dem zum Teil auch Arbeiten entlohnt wurden.

Genau aus diesem Grund kam das Weinland Südafrika zu seinem heute wichtigsten Exportartikel. Südafrika lag auf der Route der Holländisch-Ostindischen Compagnie, und diese nahm auf dem Weg nach Indien das Kap Afrikas in Besitz, um zunächst einmal eines zu tun: Wein anzubauen. Wein wurde auf Schiffen als Wasserersatz genutzt; denn er war nicht nur sauberer als das meiste Wasser, das früher zu haben war, er hielt sich auf Schiffsreisen auch bedeutend länger. Von ähnlicher Bedeutung war der Wein im Mittelalter und darüber hinaus. Neben der zweifelsohne berauschenden Wirkung dieses Getränks diente es in den vergangenen Jahrhunderten auch der Grundversorgung. Vom Regensburger Dombau – ein großes und hohes Gebäude, bei dem es eigentlich auf Zuverlässigkeit und sicheren Tritt ankam – und seinen Rechnungen weiss man, dass die dortigen Arbeiter trotzdem mehrere Liter Wein am Tag tranken. Auch wenn der Wein, was den Alkoholgehalt angeht, kaum mit dem heutigen vergleichbar gewesen sein dürfte, muss die Leber ordentlich zu tun gehabt haben. Auch die Qualität dieser Weine dürfte selten wirklich Freude bereitet haben; denn Wein wurde überall, auch in kalten Gegenden angebaut, in denen nicht einmal die früh reifenden Sorten jemals eine Chance für die Reife hatten. Selbst die kleine Eiszeit vom 14. bis 19. Jahrhundert hielt in Deutschland kaum jemanden davon ab, aus erbärmlichen Hügeln jene Weinberge zu machen, die heute noch in Flurnamen erhalten sind.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Um jedoch den Weinberg möglichst widerstandsfähig gegen Frost und Krankheiten zu halten, wählte man damals eine Anbaumethode, die heute unter dem Namen Gemischter Satz bekannt ist. Dabei werden im Gegensatz zur heute üblichen Monokultur unterschiedliche Sorten gepflanzt. Ein Gemischter Satz ist also eine Umschreibung für einen Weinberg, in dem es wild zugeht, so wild, wie wir es gar nicht mehr gewohnt sind. Nach heutiger Definition müssen mindestens zwei verschiedene Rebsorten durchmischt gepflanzt sein, meist waren es jedoch bis zu dreißig. Und da konnten sich dann auch rote Sorten mit weißen Sorten die Fläche teilen. Zum Schluss wurde das Mittelmaß der Reife genommen, oder der Winzer orientierte sich an der Leitrebsorte des Weinbergs. Er wird im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht haben, dass der Wein am besten schmeckt, wenn eine spezifische Sorte des Weinbergs ausgereift ist. Entsprechend durften früh reifende Sorten ein wenig überreif sein und andere, spät reifende Sorten, durften noch etwas grün und unreif sein. Im Mittel jedoch – diese Erfahrung konnte man mit solchen Weinen machen – fiel es nicht auf. Für den Winzer ist diese ganz alte Form des Weinanbaus ein Schutz gewesen; denn er hatte mit dieser Methode durch die Sortenvielfalt einen widerstandsfähigeren Weinberg, der Weinberg wurde zu einem einzigen Zeitpunkt gelesen und die klimatischen Schwankungen wurden zumindest teilweise ausgeglichen.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Wo im Mittel gelesen wird, kann auch nur eine mittlere Qualität herauskommen, mag man annehmen – aber so einfach ist es nicht. Auch wenn kaum ein Winzer, der einen gemischten Satz anbaut, mit diesem in die Riege der Spitzenweine vorstoßen dürfte, gibt es doch eine Reihe wirklich bemerkenswerter Weine, die über ein Mittelmaß deutlich hinausgehen. Die Ergebnisse sind sogar so gut, dass man wohl von einer kleinen, noch schüchternen Renaissance sprechen kann. Leider haben die Wiener Winzer sich die Bezeichnung Gemischter Satz frühzeitig EU-weit schützen lassen, sodass sich nur Weine aus dem Wiener Weinviertel so nennen dürfen. Alle anderen Weine müssen auf andere Bezeichnungen wie Alter Satz etc. ausweichen. Einer der Winzer, die einen solchen Weinberg frisch angelegt haben und sich eine entsprechende Bezeichnung suchen mussten, ist der Nahe-Winzer Matthias Adams, der mit seiner Frau Luise Freifrau von Racknitz das gleichnamige Weingut führt.

Vor einigen Tagen traf ich ihn auf einer Veranstaltung, wo es um eine ganz spezielle, ja rare Form des Gemischten Satzes ging, nämlich um Gemischte Sätze aus wurzelechten Reben. Wenn Gemischte Sätze schon relativ selten sind, so sind es die aus wurzelechten Reben erst recht; denn sie sind Relikte einer weitgehend vergangenen Zeit. Sie stammen im Wesentlichen aus der Zeit vor der Reblausplage im 19. Jahrhundert. Die Reblausplage, die mit Setzlingen aus den USA eingeschleppt wurde, zerstörte innerhalb weniger Jahre die meisten Rebbestände in Mitteleuropa und ließ, vereinfacht gesagt, nur dort Reben übrig, wo die Rebläuse sich nicht im Boden festsetzen konnten, beispielsweise im reinen Schiefer einiger Mosellagen oder in sandigen Böden. Von dort, wo das Verderben herkam, wurde irgendwann allerdings auch die Hilfe geliefert. Es waren wilde amerikanische Rebsorten, die schließlich in den hiesigen Weinbaugebieten gepflanzt wurden – nicht um Wein zu liefern; denn der schmeckte nicht. Die Rebstöcke liefern bis heute lediglich die Unterlage, also den Stamm, auf dem die edlen Reben wie Riesling, Chardonnay oder Pinot Noir wachsen.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Racknitz’ Wein mit dem Namen Gemengelage stammt zwar nicht direkt von alten knorrigen wurzelechten Reben, und doch hat er etwas damit zu tun. Matthias Adams hat diesen Weinberg gepflanzt, um Rebsorten zu erhalten, die kurz davor sind auszusterben und die es teilweise nur noch in diesen uralten wurzelechten Weinbergen gibt. Eine dieser Sorten ist der Weiße Orléans und einen Rebstock, vielleicht den ältesten, mehrere hundert Jahre alten fand man bei von Racknitz am Disibodenberg. Dort, wo Hildegard von Bingen ihr halbes Leben verbrachte, wird seit Urzeiten Weinbau betrieben, und einer dieser vielleicht im ausgehenden Mittelalter gepflanzten Rebstöcke hat bis heute überlebt. Damit der Weiße Orléans dort erhalten bleibt, wurde auf dem Weingut ein Weinberg angelegt, in dem Orléans-Klone im Verbund mit anderen, teils höchst seltenen Sorten gepflanzt wurden. Dabei hat Matthias Adams einen besonders alten und gesunden Weinberg fast eins zu eins abgebildet und lediglich einige weitere alte Sorten zusätzlich mit aufgenommen. Der wurzelechte Weinberg, von dem diese Reben stammen, steht in Franken und wurde in jenem Jahr gepflanzt, als die erste deutsche Eisenbahn, der Adler, von Nürnberg nach Fürth fuhr – 1835. Seitdem hat dieser Weinberg Fröste genauso wie Krankheiten überlebt, und für das Weingut Zang in Somerach ist der aus diesem Weinberg stammende sogenannte Alte Satz mittlerweile das Paradepferd im Angebot. Es war auch der beste Wein des Abends, den der Bonner Weinenthusiast Thomas Riedl in dreijähriger Vorbereitung organisiert hat. Schnell wurde bei seiner Präsentation klar, wie aufwendig die Recherche nach den verbliebenen uralten, teils winzigen Weinbergen war. Er hat etwa 20 gefunden, und sehr viel mehr dürfte es in Deutschland, wo der Gemischte Satz über Jahrhunderte hinweg die normale Anbauform war, nicht mehr geben. So stand auch weniger die Weinqualität der einzelnen Weine der Probe im Vordergrund – hier spielt ja auch die Erfahrung der Winzer eine nicht ganz unbedeutende Rolle -, sondern vielmehr das Besondere im Weinberg.

Zwar habe ich an jenem Abend nicht das erste Mal vom Blauen Kölner gehört; denn ich bin im Rheinland aufgewachsen und dank Kölsch und Karneval ist mir der Blaue Kölner nicht fremd. Nur als Rebsorte hatte ich ihn bisher nicht wahrgenommen. Auch das Möhrchen war mir bisher als Rebsorte gänzlich unbekannt. Im Alten Satz von Zang stehen vornehmlich uns bekannte Sorten wie Elbling, Silvaner, Traminer, Riesling oder Gutedel. Eine solche Mischung wird als vinum francium oder Herrensatz bezeichnet, denn hier finden sich die noblen Rebsorten, die für den Adel bestimmt waren, und die als Zehntwein abgegeben werden mussten. Für das einfache Volk gab es vinum hunicum, den heunischen Wein oder Knechtwein, also den für den Hausgebrauch. In solchen Sätzen finden sich die Sorten, die heute kaum noch jemand kennt und die tatsächlich so rar sind, dass sie in wenigen Jahren ganz aus unseren Weinbergen verschwinden könnten. Zählte man im 19. Jahrhundert offiziell noch über 400 gebräuchliche Weinsorten, sind es heute noch 130, Tendenz fallend – man kennt es von Birnen- und Apfelsorten zur Genüge. Aufzählen muss ich einige dieser Sorten; denn wer vermutet schon eine Putzscheere im Weinberg? Wer kennt noch Honigler oder Vogelfränkische, Hartschwartz oder den Blauen Urban? Auch der Weiße Heunisch, neben dem Traminer die zweite Sorte, die sich irgendwann in einer Wildkreuzung zum Riesling geformt hat, gehörte zu den heunischen Weinen, während der Traminer zu den edlen Sorten gezählt wird.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Wer als Winzer das schnelle Geld machen will, ist bei dieser Art Weinbau natürlich falsch aufgehoben. Das wurde beim letzten Wein des Abends mehr als deutlich, einem roten gemischten Satz aus Franken, wo mit Abstand die meisten dieser alten Rebanlagen zu finden sind. Der im churfränkischen Klingenberg stehende Satz besteht aus 16 Rebsorten wie der Fleischtraube, dem Roten Elbling, dem Roten Franken (den es nur noch dort gibt), Cabernet Sauvignon (tatsächlich wurzelecht) oder Blauem Kölner (sic!). Um den Weinberg zu erhalten, hat man kürzlich allein 116 Meter an neuen Mauern gezogen, eine Treppe neu angelegt und den Weinberg teils neu terrassiert – für 130 Flaschen Erntemenge pro Jahr. Das Thema ist also ohne Zweifel eine Aufgabe für Enthusiasten. Genauso aber eine Aufgabe für jene, die gerne neben Chardonnay und Pinot, Riesling und Sauvignon Blanc mal etwas weiter schauen und stöbern, um etwas Unbekanntes zu finden, was dabei übrigens selten mehr als einen Zehnten kostet und doch deutlich seltener ist als Romanée-Conti oder eine Flasche Château Petrus.

Anmerkung: Bild 3, von Matthias Adams zur Verfügung gestellt, zeigt den Jahrhunderte alten weißen Orléans am Disibodenberg, der auf den ersten Blick eher an Efeu denn an Wein erinnert. Auf Bild 1 und 2 bekommt man einen Eindruck vom Zustand solch alter Rebanlagen und auf Bild 4 gibt es einen Blick auf die Parzellierung eines alten fränkischen Weinbergs. Fotos jeweils von Thomas Riedl, dem viel Dank gebührt.

Der Artikel erschien zuerst im Januar 2013 im Blog Stützen der Gesellschaft der faz.net. Aber da ich das Thema weiterhin so spannend finde, dachte ich, es kann nicht schaden, es hier auch noch mal zu publizieren. List ja nicht jeder die Stützen.

 


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