originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Bordeaux zwischen Vinocamp und VinExpo, 5 – zurück zur Scholle: Château de Piote

28/Jun/11 13:14 kategorisiert in: Bioweine, Malbec, Rot, Frankreich, Vinocamp, Weinfrauen, Weiss, Frankreich

Wir brechen auf zur rechten Seite der Gironde. Oberhalb von Fronsac im klassischen Gebiet der Bordeaux et Bordeaux Supèrieur treffen wir auf Château de Piote die Winzerin Virginie Aubrion. Virgine ist ursprünglich Quereinsteigerin und lebt ihren Beruf mit viel Passion.

Rebbestand auf Château de Piote

Im oberen Segment werden Weine zu Höchstpreisen verkauft, die Basis aber muss kämpfen. So auch Virginie Aubrion, die vor Jahren mit ihrem Mann aus Paris in dieses Gebiet gezogen ist. Sie hatten die Großstadt satt und wollten auf’s Land, den Lärm, den Stress ein Stück weit hinter sich lassen und zurück zur Scholle. Zunächst hatten sie sich in der Provence umgeschaut, woher sie beiden stammen. Doch seit Peter Mayle und dem großen Provence-Hype kann sich ein Normalsterblicher dort kein Anwesen mehr kaufen, alles zu teuer, vor allem wenn man einen vernünftigen Weinberg dazu haben möchte. Irgendwann, immer weiter im Westen suchend fanden sie diesen Flecken Erde mit teils alten Rebbestand und einer Ruine von Haus darauf.

Virginie Aubrion mit ihrer Nichte im Weinberg

Das ist nun zwölf Jahre her. In dieser Zeit hat die Familie das Haus weitestgehend restauriert, die Rebflächen teils neu angelegt, in den Keller investiert und begonnen, Wein zu machen. Letztes Jahr ist dann ihr Mann gestorben. Auch wenn er nur aushilfsweise auf dem Hof gearbeitet hat, er war Apotheker, hat sich die Situation noch mal grundlegend geändert. Konnte sie bis vor kurzem im Nebenerwerb existieren muss sie nun vom Weinbau leben. Sie tut dies mit bemerkenswertem Optimismus. Doch weiss sie, dass es knapp wird mit der Zeit. Dass sie für ihren Wein neue Märkte erschließen muss, dass sie bekannter werden muss. Und das ist nicht einfach. Auch wenn sie gerade den Oscar 2011 Bordeaux für ihren Clairet erhalten hat.

Ein typischer Keller mit Betontanks und neuer Presse

Virgine wird nicht nur an diesem Tag von ihrer Nichte, die für l’Express im Weinbereich arbeitet, unterstützt, sondern vor allem auch von ihren Kindern. Die Arbeit im Weinberg ist aufwendig, zumal, wenn man biologisch arbeitet, was sie nach ECOCERT-Richtlinien tut und immerhin sind es mittlerweile 14 Hektar Fläche, 11 davon stehen unter Reben.

Verkostung im Garten

Ihre Weine sind dabei durchaus markant in ihrem Segment. Sehr schön vor allem die beiden Clairet. Diese Art Wein ist hier in Deutschland ja fast unbekannt. Ein gekühlter Roter der zwischen Rosé und Rotwein liegt, also länger auf der Maische stand als normaler Rosé und entsprechend charaktervoll, eckiger wirkt als die häufig sehr geschmeidigen Rosé. Der erste Clairet stammt zu je 50% von Merlot- und Cabernet-Trauben, der zweite, noch zupackendere stammt zu 100% von Malbec, und das ist schon durchaus ungewöhnlich.

Wein-Stilleben

Schön auch der rustikale, dunkle 2001er Malbec, erdig, würzig mit einem Mund voller Herbe und Frucht, kein Solist, aber perfekt für das, für was er geschaffen wurde, zur Essenbegleitung. Geschmeidig und doch klar kommt der Rosé-Cremant von Cabernet-Trauben daher. Mit nur 3 Gramm Dosage ist das ein knackig-frischer Schäumer mit feiner Crème.

Genossen haben wir die Weine auf einem beneidenswert schönen, ruhigen Fleckchen Erde, das für jemanden, der nur kurz auf Durchreise ist direkt zum Urlaubsort, zum Fluchtpunkt werden kann, während die Winzerin langsam auf die Uhr schauen muss, um mit dem Tagwerk fortzufahren.

Wir fahren auch fort. Mit unserem Fahrer und Guide Martin Fueyo geht ins St. Emilion. Genauer gesagt werden wir als nächstes Château la Tour Figeac besuchen.

Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 4 – Château Haut-Brion

26/Jun/11 16:04 kategorisiert in: Abschweifungen, Mixtouren, Rot, Frankreich, Vinocamp, Weiss, Frankreich

Während sich das Fußvolk, zu dem ich mich eigentlich zugehörig fühle, an so einem Messeabend die örtlichen Weinbars und Brasserien überfällt oder von einem Händler oder Winzer eingeladen wird, gibt es eine auserlesene Zahl von Weinfreunden, die auf die hiesigen Schlösser geladen werden. Sonntags lädt Haut-Brion, montags Rothschild, dienstags ich weiss nicht wer.

Gold auf Bütten, die Einladung

Es war Sonntag, ich hatte die in Bütten gepresste Einladung seiner Exzellenz, des Prinzen von Luxembourg in der Tasche – natürlich hätte ich sie nicht gebraucht, mein Name stand ja auf der Gästeliste und die Karte war viel zu groß um sie ungefaltet in die Tasche stecken zu können. Aber man weiss ja nie, wenn man mit den Gepflogenheiten wenig vertraut ist – Stichwort Fußvolk – bestieg ich den Shuttle-Bus, der vor dem zentral gelegenen Office de Tourisme wartete.

Unscheinbare, doch verflucht teure und gepflegte Weingärten – Haut-Brion

Es saßen schon einige Personen im Bus und die Männer trugen Smoking. Alle. Plötzlich wurde mir die wahre Bedeutung des Begriffes Black Tie bewusst. Stichwort Fußvolk, erneut. Ich musste innerlich lachen, hatte ich mich doch gefragt, warum man denn ausgerechnet eine schwarze Krawatte tragen sollte als einzigen Dresscode während mir jene, die mir die Einladung hatte zukommen lassen noch meinte, zur Not ginge auch eine schwarze Fliege. Früher wäre mir das hochpeinlich gewesen, heute ist es Stoff für einen guten Twit. Ausserdem kamen nach mir noch ein paar andere mit Krawatte und schließlich Oz Clarke, der weder noch trug sondern vielmehr, und dafür ist er bekannt, eine etwas aufgewertete Straßenkleidung am Leib trug. Er pfeifft auf Dresscode und kann es sich leisten. Ich finde dieses Markenzeichen durchaus angenehm.

Der Weg gesäumt von Hostessen

Nichts desto trotz wäre, um dem Rahmen gerecht zu werden, ein Smoking durchaus angemessen gewesen. An diesem Abend, man erwartet das ja bei Bütten und Goldrand, wird nicht gekleckert. Schon der Weg zum Innenhof des bemerkenswert schönen Schlösschens wird gesäumt von Hostessen die zu nichts anderem da zu sein scheinen, als mich anzulächeln und den Weg zu weisen. Im Innenhof stehen, um einen Turm herum gruppiert aus dem dezent einige Fotografen ihre Chipkarten füllen, sechs Stationen, an denen je drei unterschiedliche Sauternes ausgeschenkt werden während futuristisch anmutende Häppchen gereicht werden. Beispielsweise Bille de foie gras et rhubarbe à la baie rose oder Oeuf en chaus froid vinaigrette xérès et sirop dérable, einem eratischen Eischaum in Originalhülle, sprich mit dem Strohhalm aus dem halb geköpften Ei gesogen.

Die Winzer der Grand Cru Classé en 1855 stellen sich zum Gruppenfoto

Da dies eine Einladung der Gruppe der Grand Cru Classé Weingüter ist werden entsprechend Grand Cru Classé Sauternes kredenzt. Wenn ich ehrlich sein darf, hätte es mir nichts ausgemacht, mit einer Gruppe von Freunden den Rest des Abends an jenem Tisch zu verweilen, an dem es La Tour Blanche gab und diesen exzellenten 2008er Lafaurie-Peyrague. Stattdessen habe ich hier und da probiert und mir Notizen gemacht, also im Prinzip das Gleiche wie Oz Clarke der mich angrinst und meint „I’m just here for working“.

Eisgekühlter Sauternes

Was ich ja besonders amüsant fand an diesem Abend war, dass ich, während ich insgeheim der Musik von Mahler und Pergolesi lauschte, jemanden suchte, mit dem ich mich würde unterhalten können und irgendwann eine Person fand, die ich zwar nicht kannte, der ich aber schon auf verschiedenen Verkostungen in Deutschland über den Weg gelaufen bin. Peer J. Pfeiffer ist Directeur Export bei Borie-Manoux, ein angenehmer Gesprächspartner und im weiteren Verlauf des Abends mein Tischnachbar, nicht weil wir gemeinsam in Richtung des Tisches 28 gegangen wären sondern eher obwohl, ein reiner Zufall also.

Gleich werden wir gebeten, einzutreten

Ebenfalls ausgesprochen amüsant und kurzweilig war die Gesellschaft des Finnen Jouko Mykkänen, Columnist, Dozent und Sommelier in Helsinki. So eine unbekannte Tischrunde hätte ja im Zweifelsfall auch durchaus Langeweile aufkommen lassen können denn der Abend ging erst spät nach Mitternacht dem Ende entgegen. Doch weit gefehlt, ich habe mich gut unterhalten. Wozu nicht zuletzt die Form der Inszenierung beigetragen hat. Man beachte das Glaszelt und die Lüster, die Anzahl der Kellner die zusammen mit den drei Dreisterne-Köchen den Abend auf ein beachtliches Niveau gehoben haben, auch wenn man die Leistung der Küche für 350 geladene Gäste nicht damit vergleichen kann, für ein überschaubares Publikum in einem Gourmet-Tempel zu kochen. Das ist nicht Drei Sterne, aber fast, und das ist beachtlich. Zu Beginn übrigens spricht dann zunächst der Prinz, dann Alain Jupée, die Weine werden jeweils von geladenen Master-Sommeliers beschrieben, im Falle von Haut-Brion war es, glaube ich, Markus del Monego.

Unsere Weinkellnerin und eine beträchtliche Anzahl Gläser

Ach, und wenn ich über Niveau und Qualität schreibe und über besonderes Vergnügen, dann sollte ich an dieser Stelle die Weine nicht außer acht lassen denn nach diesen ganzen Sauternes Herrlichkeiten gab es je zwei Jahrgänge Château Lascombes und Château Lynch-Moussas. Der Besitzer von Lascombes saß mir zur Linken, seine Frau quer gegenüber und Peer Pfeiffer vertrat Lynch-Moussas, denn dies ist eines der Château neben Batailley, Trotte Vieille und anderen, die sich im Besitz von Borie-Manoux befinden.

Hummer zu mittelschwerem Bordeaux

Also Lascombes und Lynch-Moussas 2003 zu einer Vorspeise von Alain Passard, 1996er Lascombes und 1985er Lynch-Moussas zu unten abgebildetem Hummer mit Erbsen und roten Früchten, einer Komposition von Anne-Sophie Pic.

Während wir zu Tische sitzen baut sich draussen immer wieder auf’s Neue die Phalanx der Kellner auf

Zu carré de veau rôti dann wurde der Wein des Hauses kredenzt, ein 1975er Château Haut-Brion 1er Grand Cru Classé aus der Doppel Magnum, was ein wirklich schöner, aber kein überragender Wein war. Immer noch absolut frisch mit ausgezeichneter Säure und feinen Tanninen. Eukalyptus, Zedernholz, Erde und dunkle Früchte in der Nase, Mineralität findet sich, Noten von Paprika und dunklen Beeren am Gaumen, auch hier etwas Erdiges, auch einige grüne Komponenten, mittlerer Körper und guter Abgang. Ein eher rustikaler, Oldschool-Bordeaux.

Meine Tischrunde

Begeisternd jedoch, ja phantastisch der 1990er Château d’Yquem zum so genannten Neun-Sterne-Dessert, einer Gemeinschaftskreation von Pic, Passard und Alleno.

Der Wein hat ja mit seinen 21 Jahren gerade mal die Volljährigkeit erreicht, ist absolut frisch und knackig, er hat viel Kraft, Substanz, Länge, ist dicht und balanciert, sprich, von allem genug – aber da ist nichts, was zu üppig wäre. Wahre Größe also und ein ehrfürchtiger, dankbarer Weblogger der dabei fast vergisst, dieses ausgezeichnete Dessert zu verspeisen.

Auf dem Weg zum Ausgang passierten wir dann erneut den Innenhof, wo die Weinkühler längst durch Espressomaschinen und einige Flaschen Cognac von Tesseron ersetzt worden waren, dem Cognac jener Familie, der im Paulliac das Château Pontet-Canet gehört.

Blick auf das angestrahlte Château

Nach dieser wahrhaft fürstlichen Veranstaltung ließen es sich die Gastgeber dennoch nicht nehmen, uns noch eine Glaskaraffe mit Château-Signet mit auf den Weg zu geben. Schade, dass man auf den Flughäfen so lausig mit dem Gepäck umspringt denn trotz Vorsichtsmaßnahmen und stabiler Umverpackung – die Glaskaraffe befand sich in einer Original Haut-Brion-Holzkiste – hat das Glas den Flug nicht heil überstanden.

Im nächsten Teil dann geht es zurück zur Basis, zur Scholle. Der Sprung könnte kaum weiter sein, aber Erdung tut gut. Ich selber jedenfalls habe mir im Hotel noch ein Glas Wein eingeschenkt, einen Cru Bourgois, ganz bürgerlich, und ein paar Zeilen im demokratischen Weinbuch waren auch noch drin.

Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 3 – Die Stadt und ihre Messe

24/Jun/11 18:19 kategorisiert in: Rot, Frankreich, Vinocamp, Weiss, Frankreich

Als ich am vergangenen Samstag am Flughafen Bordeaux das Gebäude verlasse um mit dem Taxi Richtung Innenstadt zu fahren weiss ich, es werden schöne Tage werden. Selbst wenn ich nicht die Verabredungen gehabt hätte, die das Programm vorsahen, selbst wenn ich nicht mal ein Glas Wein hätte trinken können. Allein wieder im Südwesten Frankreichs zu sein, die Atmosphäre aufzusaugen, an Platanen vorbeizufahren, an den typischen Sandsteingebäuden, nicht zu letzt an den leichten hügeligen Weingärten; all das hätte schon gereicht. Oft überfällt mich zuhause eine Sehnsucht, wenn ich Bordeaux trinke, oder Weine von der Rhône oder aus dem Languedoc. Eine Sehnsucht nach dieser Atmosphäre, nach der Lebensart, nach der Landschaft. Ich hatte nun drei Tage Zeit, davon etwas in mich aufzunehmen.

Blick auf den zentralen Platz vor dem Theater

Als wir in Bordeaux ankommen haben wir gerade einmal Zeit, uns etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen, wir sind verabredet in der Bar à Vin. Diese liegt im Erdgeschoss des Fachverbandes der Bordeaux-Weine, des C.I.V.B., jenem Verband, der mich zu dieser Reise eingeladen hat um parallel zum Vinocamp von der Vinexpo und aus Bordeaux zu berichten.

Die Bar à Vin im Haus des C.I.V.B.

Eine schöne Lokation, eine Mischung aus Klassik und Moderne, wie man sie hier in Bordeaux häufig trifft. Das hat nichts Verstaubtes, nichts Altbackenes. Die ganze Stadt wirkt lebendig, frisch, modern innerhalb ihrer klassischen Prachtbauten. Und – hier wird Wein gelebt, und, ja, auch zelebriert. Die Bar ist ein Ausdruck dessen. Anderswo trifft man sich auf ein Bier, hier trifft man sich auf ein Glas Wein. Und hätte wir uns nicht mit Marie-Christine Cronenberger getroffen, die in der darüber liegenden Etage arbeitet, wir hätten so direkt keinen Platz bekommen. Das galt entsprechend auch für die Brasserie, in der wir unsere leeren Mägen mit Entrecôte von Bouzy-Rind füllen konnten.

Die Brasserie Bordelaise

 


In der Altstadt

 

Blick in eine typische Weinbar

Man sieht es schon auf den Bildern, es ist laut und quirlig in den Gassen der Altstadt und in den Brasserien, es ist die Atmosphäre in der man einen hervorragenden Samstagabend verbringen kann. Am Vorabend der Vinexpo ist es dann kein Wunder, dass Händler, Journalisten und Kritiker an den Nebentischen sitzen, wie in diesem Fall Oz Clarke, den ich deshalb erwähne, weil wir uns im Laufe des folgenden Tages noch mehrmals über den Weg laufen werden. Die Stadt füllt sich jedoch nicht nur mit den Besuchern der Messe, die, mittlerweile sind die Zahlen bekannt, rund 48.000 Besucher verzeichnen konnte, auch aus anderen Ecken der Region zieht es Menschen an die Garonne, denn es wird die Fête le Fleuve gefeiert.

Blick von Flussufer auf die Häuserzeile

Das Flussfest wird mich noch lange nicht schlafen lassen, trotz audauernder Versuche: Erst brennt das Feuerwerk ab, dann findet das Volk den Weg zurück nach Hause, lärmend durch die Gasse vor dem Hotel; gerade eingeschlafen erwache ich dann ruckartig mit dem Gefühl, unter meinem Bett werde gesaugt, doch es ist lediglich die Straßenreinigung, die ebenfalls die hohle Gasse gewählt hat und deren Geräusche an den Wänden widerhallen.

Die zweijährig stattfindende Vinexpo dürfte immer wieder aufs Neue ein Fixpunkt im Leben der Stadt sein. Die Bedeutung der Weinwirtschaft ist gewaltig, ebenso der Stolz auf den hiesigen Wein. Vielleicht hat den Bordelaisern dieser Stolz das Leben zwischenzeitlich durchaus schwer gemacht, zu lange hat man hier auf alte Stile und Weinbereitungsmethoden gesetzt, auf den Weltruf des Weines vertraut und dabei ignoriert, dass sich alles im Fluss befindet, dass auch Ikonen gestürmt werden können, dass Anbaugebiete, über die man lange die Nase gerümpft hat, den Bordelaiser Winzern langsam aber sicher das Wasser abgegraben haben mit deutlich einfacher und leichter zu konsumierenden Weinen, mit gefälligeren, reiferen, technisch besser gemachten Weinen. Wohlgemerkt, ich rede hier von der Masse der Winzer, nicht von der marginalen Zahl der klassifizierten Schlösser. Vor wenigen Jahren gab es noch um die 20.000 Winzer im Bordelais, Heute sind es noch ca. 7.000. Das zeigt, wie schwer der Überlebenskampf geworden ist und wie viele nicht mehr Schritt halten, notwendige Investitionen in die Kellertechnik und das Marketing nicht mehr schultern konnten. Die Schere zwischen dem Hype auf die Grand Cru Classé Weine und den Erzeugnissen der einfachen Winzer wird immer größer und erscheint mir wie ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. In der Stadt selber nehme ich dies nicht war, sie wirkt wie frisch renoviert. Alain Jupée, gerade mal wieder Minister und gleichzeitig Bürgermeister von Bordeaux hat diese Stadt umgekrempelt und tut es weiter. Zunächst wurde das linke Ufer von betonierten Altlasten befreit, Straßenbahngleise durch die Stadt gezogen, jetzt ist das rechte Ufer dran, nebst zusätzlicher Brücke über die Garonne und großem Wein-Erlebnispark.

Der Stand von Thierry Germain

Zwischen den Extremen habe auch ich mich jedenfalls innerhalb dieser Tage bewegt, also ganz praktisch zwischen Château de Piote, Bordeaux AOC und Château Haut-Brion, 1er Grand Cru Classé. Die Vinexpo spiegelt diese Schere natürlich genau so wieder und auch hier bewegten wir uns zwischen den mondänen Ständen von Lafite-Rothschild oder Roederer und den Gemeinschaftsständen kleiner Erzeuger. Dazwischen liegt die Welt der Händler und großer Erzeuger wie beispielsweise Cheval Quancard, die ich in der relativ kurzen Zeit besucht habe, die ich hatte. Nicht zuletzt als Reminiszenz an vergangene Zeiten, mein Vater hat früher Weine dieses Erzeugers getrunken.

Cheval-Qancard, einer der großen Erzeuger des Gebiets

Von aussen betrachtet ähnelt die Vinexpo der Prowein. Sie hat ein Drittel mehr Besucher, allerdings ein Drittel weniger Aussteller. Die Prowein wird thematisch nachvollziehbar organisiert, die Vinexpo ist ein zunächst wirres Chaos, in dem der große Negociant neben dem Deutschen Pavillon und dem spanischen Brandy-Hersteller platziert wird. Hier zählt der angestammte Platz, nicht die regionale Zugehörigkeit. Das heisst zum Einen, dass man ohne Plan völlig aufgeschmissen ist, das bedeutet zum Anderen, dass man mehr oder weniger zufällig über interessante kleinere Stände stolpern kann. Für mich, der nur den Sonntag zu einem Teil und den Dienstagmorgen nutzen konnte waren vor allem die Tastings interessant und hier zeigt sich die Veränderung der Vinexpo. Beispielsweise ist die Veranstaltung der Bio-Winzer innerhalb der Vinexpo neu und erinnert in seiner egalitären Schlichheit an die Bio-Millesime. Alle sind gleich und präsentieren jeweils auf zwei aneinander geschobenen Tischen. Der Loire-Winzer steht neben einem aus der Champagne neben einem aus dem Roussillon. Hier finde ich Clos Puy Arnauld, Château la Grolet und Vincent Gaudry, den ich einfach erwähnen muss, denn dessen Sancerre à mi-Chemin, eine Auslese, eine in 200 Flaschen abgefüllt Essenz der Silex-Böden des Sancerre ist eine Wonne, ein Gedicht.

Ein flüssiges Gedicht, eine Hommage an den Silex.

So spannend wie das, was aus dem Bio-Bereich kommt und das, was unter dem Begriff Nachhaltigkeit ebenfalls ein wichtiges Thema der Messe ist, so spannend ist das, was von den Frauen kommt. Denn diese werden in der ehemaligen Männer-Domäne immer selbstbewusster. So gab es in diesem Jahr zum ersten Mal den Wine Woman Awards sowie eine eigene Verkostung der Femmes du Vin. Dazu passt, ganz nebenbei, die Weinbar La Robe am Ufer der Garonne. Hier werden Weine ausgeschenkt, die von Winzerinnen gemacht wurden. Ich selbst hatte leider keine Zeit, mir die Bar von innen anzuschauen oder dort einen Wein zu probieren, wohl aber, auf der Messe bei der Vereinigung Les Alienor du Vin de Bordeaux vorbeizuschauen, einer Gruppe von 12 Winzerinnen aus dem Bordelais, benannt nach Alienor, oder Eleonore von Aquitanien, Königen von Frankreich und später von England, einer der mächtigsten Frauen des Mittelalters. Diese Vereinigung übrigens gibt es schon mindestens 10 Jahre und ist keineswegs eine neue Erscheinung. Trotzdem, der zunehmende Einfluss der Frauen im Weingeschäft ist nicht mehr übersehbar, und das kann nur gut tun. Besonders beeindruckend fand ich übrigens den Pauillac von Pascale Peyronie, Château Fonbadet und die Weine von Laurence Lataste, vom Château La Fleur Jonquet, nicht zu vergessen die mir schon bekannten Pomerols von Clair Laval und ihrem Château Gombaude-Guillot. Bei den ganzen erwähnten Frauen sollte ich dann auch Elisabeth Ziegler nicht vergessen, die erfahrene Fachfrau in Sachen Wein hat mich den Tag lang über die Messe begleitet.

Pascasle Peyronie vom Château Fonbadet und Laurence Lataste, Château La Fleur Jonquet

Nicht zuletzt haben wir zusammen gespeist. Ich wähle den Begriff bewusst, denn das kann man auf der Vinexpo ausgezeichnet. Und wenn sie der Prowein etwas voraus hat, dann ist das die Vielfalt an kulinarischen Möglichkeiten. Hier haben so einige französische Weinregionen oder Verbände ihre eigenen Restaurants und bieten neben regionstypischem Essen auch die entsprechenden Weine an. Wir haben uns in das Restaurant der Bordeaux Superieur bzw der Satelliten-Appellationen gesetzt und nicht nur waren die Speisen verführerisch, es kam auch relativ häufig der Weinkellner vorbei und bot verschiedene Weine an, im Preis inbegriffen.

Was ja eigentlich geplant war an diesem Tag, die Liveschaltung nach Geisenheim, die Verbindung zwischen Vinocamp und Vinexpo ist leider fehlgeschlagen, die Technik hat nicht funktioniert, alles war eingerichtet, die Probeläufe waren erfolgreich doch während der Bordeauxverband im Vinocamp sein Zeitfenster hatte, um zu uns zu schalten, fiel im Pavillon des C.I.V.B. das WLAN aus. Einen ersten Eindruck meiner Reise konnte ich trotzdem zumindest per Telefon durchgeben.

Am Pavillon des C.I.V.B.

Auf dem Rückweg von der Messe in die Stadt saß ich dann wieder neben Oz Clarke und wir hatten beide das gleiche Ziel am Abend: Château Haut-Brion. Seine Exzellenz, der Prinz Robert de Luxembourg hatte eingeladen, einen exklusiven Kreis der internationalen Presse und mich, den Blogger aus Bonn – dem Bordeaux-Verband sei dank. Doch dazu später mehr.

Dieter Meier und Los Dos Malbec 2009

15/Jun/11 09:39 kategorisiert in: Abschweifungen, Bioweine, Im Netz, Malbec, Rot, Argentinien

Seit langer Zeit schön möchte ich mal die Weine von Dieter Meier probieren. Dieter Meier hat für mich durchaus eine besondere Bedeutung. Weniger, was Wein, eher was Musik angeht. Hat er doch zusammen mit Boris Blank und zu Beginn mit Carlos Peron Ende der Siebziger Yello gegründet. Was später in der Mitte des Meinstreams gelandet ist war zu Beginn durchaus ungewohnt experimentell, neu, gut. Stücke wie Bostich oder Lost again sind längst Klassiker. Ebenso die dazu gehörigen Videos, die irgendwann Eingang gefunden haben in die Sammlung des MoMA. Diese Videos stammen ebenfalls von Dieter Meier, genau so wie eine Reihe von Glossen im NZZ Folio der Neuen Zürcher Zeitung, ein Langfilm, ein Buch und was weiss ich nicht. Ich habe sein Schaffen längere Zeit verfolgt, nicht zuletzt, weil mir gerade die frühen Platten von Yello viel gegeben haben und ich die Musik mit vielen guten Momenten in meinem Erwachsenwerden verbinde.

Dieter Meier entstammt einer Zürcher Bankiersfamilie und musste sich, so schätze ich mal, um Geld nie Sorgen machen. So hat er dann eine Zeit lang das Leben eines klassischen Bohemiens geführt, war in den Siebzigern als Künstler auf der Documenta in Kassel vertreten, verdingte sich als professioneller Pokerspieler und gehörte zwischenzeitlich der Schweizerischen Golf-Nationalmannschaft an. Mit Yello ist er vor allem in der Achtzigern richtig erfolgreich geworden, Stücke wie Oh Yeah oder The Race tauchten immer wieder in Hollywood-Produktionen auf. Die Arbeiten des Regisseurs und Künstlers Dieter Meier sind dadurch nicht allzu stark hervorgetreten. Kürzlich war er mit einer Solo-Performance in Bonn, ich hatte Karten und konnte trotzdem leider nicht hingehen. Vielleicht schaffe ich es aber in die Hamburger Deichtorhallen, die ihm bis September eine Ausstellung widmen. Was er künstlerisch und dadaistisch so alles gemacht hat findet sich dort in einer Retrospective, kurz zusammengefasst mittlerweile auch hier, auf seiner Homepage.

Neben seinem performativen Schaffen ist Meier nicht zuletzt Geschäftsmann. Neben der Beteiligung an diversen Unternehmen hat er vor Jahren 2.200 (!) Hektar Land in Argentinien gekauft, eine Bio-Farm aufgebaut, begonnen, Rinder und, wenn ich richtig informiert bin, Polo-Pferde zu züchten und nicht zuletzt Wein anzubauen. Wein und Beef von Ojo de Agua werden in seinem eigenen Laden in Zürich verkauft, wie auch in seinem eigenen Restaurant Bärengasse, ebenfalls in Zürich.

Was ich nun auf auf der Prowein und am Sonntag zu Hause probiert habe ist ein Wein, der aus einer Gemeinschaftsproduktion mit Laurenz Moser stammt. Angebaut wird auf Meiers Farm im Agrelo Alto. Der Los Dos Malbec 2009 ist ziemlich sortentypisch, besitzt eine schöne Würze und Frucht, ist nach argentinischer und EU-Norm biozertifiziert und passte ausgezeichnet zu den Stücken, die wir auf den Grill gelegt hatten. Mit knapp 10 Euro ist der Wein durchaus selbstbewusst bepreist, da zahlt man ein paar Cents für die Story dahinter mit, schätze ich, trotzdem ist der Preis ok. Es ist ein guter Einstieg in die Malbec-Welt, in die ich mich gerade gerne ein bisschen vertiefen würde.

Gibt es Anregungen? Empfehlungen? Kennt jemand in Deutschland einen Händler für Meiers Ojo de Agua-Weine?

Weinrallye No. 46: Feth-Wehrhof, Spätburgunder 2009 Trocken

Jetzt hätte ich doch beinahe die Weinrallye übersehen samt Thema und Datum, ich hatte das Gefühl, die letzten beiden wären gerade erst vorbei. Nun, nicht zuletzt dafür ist es ja gut, dass es Twitter gibt, dann kriegt man sowas doch noch mit.  Gastgeber der aktuellen Rallye ist das Weinreich-Blog, Ausrichter und Organisator wie immer Thomas Lippert vom Winzerblog.

Da ich eh gerade dabei war, ein Portrait des oben angekündigten Winzers zu schreiben, schaffe ich es spontan, von ihm einen seiner Gutsweine gesondert zu präsentieren, nämlich einen der schönsten neu entdeckten Brot- und Butter-Weine die ich in der letzten Zeit entdeckt habe. Es ist der 2009er Spätburgunder trocken vom Weingut Wehrhof in Worm-Pfeddersheim. Dieser alteingesessene Betrieb ist vor wenigen Monaten vom bisherigen, jungen Betriebsleiter Florian Feth übernommen worden und wird in der Mitte des Jahres mit dem Betrieb des Vaters, dem Weingut Feth in Flörsheim-Dalsheim verschmolzen.

Florian Feth führt im Wehrhof die Linie fort, die sein Vater schon in den ausgehenden Achtzigern begonnen hat. Er setzt auf Bio-Dynamie im Weinberg und entsprechende Arbeit im Keller. Während seine eigene Edition F schon seit Jahren aus entsprechend angebauten Reben erzeugt wird, befinden sich die restlichen Lagen noch in Umstellung Richtung Demeter.

Was mich bei Florian Feths Weinen vor allem beeindruckt, sind seine Rotweine, und ein Paradebeispiel dafür ist der Guts-Spätburgunder aus dem Pfeddersheimer Hochberg. Diesen gibt es ab Gut für sage und schreibe 6.50 Euro und optisch wirkt er so, als habe man eine Flasche aus einem Supermarktregal entwendet. Und doch ist es vielleicht der beste Pinot, den ich bisher unterhalb der 10 Euro-Grenze getrunken habe.

Ein ganz leichter Holzton schwingt in diesem Wein und untermalt den Früchtekorb von roten Beeren. Dabei finde ich es zum Einen sehr angenehm, dass einem diese Früchte nicht direkt aus dem Glas entgegen springen und zum Anderen, dass diese Früchte nicht von dieser typischen, meist etwas platten, alles überlagernden Erdbeer-Aromatik dominiert werden. In das Gesamtbild mischt sich eine feine Schokoladennote und ein ebenso gut eingebundene pfeffrige Würze. Am Gaumen beeindrucken die schön runden Tannine ebenso wie die Kraft und Länge. Wie gesagt, ich rede hier immer noch über einen Wein, der unter 7 Euro verkauft wird. Aber er könnte auch das Doppelte kosten und auch in dieser Preislage würde ich so einige Weine für diesen hier stehen lassen, denn es gibt auch in diesem Segment allzu viele Weine, die an die hier gebotene Finesse und Balance nicht heranreichen.

Ich bin also mehr als begeistert und wenn das kein Brot- und Butter-Wein ist, den man sich – ich zitiere einen typischen Spruch von Robert Mittelinitial Parker – kistenweise in den Keller legen sollte, weiss ich es auch nicht. "Great Value for Money!!"

In Kürze wird es zu Florian Feth und seiner Edition F noch einige Sätze mehr geben.

l’Heravi 2010, Vinyes d’en Gabriel, Montsant

26/Mai/11 22:07 kategorisiert in: Bioweine, Carignan, Grenache / Garnacha, Rot, Spanien, Syrah / Shiraz

Als Einstimmung auf ein morgen anstehende Montsant- und Priorat-Probe habe ich mir heute Abend mal den jüngsten Wein der Runde eingeschenkt. Einen l’Heravi 2010 von Vinyes d’en Gabriel im Montsant. Dieses Weinbaugebiet ist durchaus spannend, nicht nur hat es durchaus viel vom Priorat – es schließt sich praktisch wie eine Schnalle um dieses deutlichbekanntere Gebiet – man findet dort auch eine ganze Menge an Weinen, die ein wesentlich besseres Preis-Genuss-Verhältnis besitzen. Drei Bodentypen herrschen in diesem Gebiet, das früher »Falset« genannt wurde vor: Kalkböden mit Kies, Granit-Sandgemische und Schiefer, ähnlich wie im Priorat, im Katalanischen Licorella genannt. Die Weinberge, häufig ganz urtümliche, alte Bestockungen liegen zwischen 200 und 700 Meter Meereshöhe. Auch hier wurde ein ganz erheblicher Teil der Weinberge rekultiviert, als im Priorat das Renomée stieg und auch der Preis und irgendwann die besten Lagen vergeben waren. Ähnlich wie im Priorat hat es sich lange Zeit nicht gelohnt, die Weinberge zu bewirtschaften weil den Wein keiner haben wollte bzw. keine adäquaten Preise gezahlt wurden. Mancher Moselwinzer mit Steillagen kann davon ein Lied singen.

Das Weingut Vinyes d’en Gabriel hat eine durchaus lange Tradition. Im 19. Jhd. gründete Joan Rofes das Gut. Heute, Generationen später bewirtschaftet Josep Maria Anguera Ansens die Weingärten nach biodynamischen Methoden, er ist noch nicht zertifiziert, er befindet sich in Konversion. Was er kann, mag ich noch nicht abschliessend beurteilen denn morgen werde ich zwei weitere Weine probieren.

Der junge 2010er jedenfalls beeindruckt mich auf jeden Fall. Ich habe den Wein am Dienstag geöffnet und ins Glas floss eine dichte, dunkle, violette Flüssigkeit, der ein frischer Duft von Cassis entströmte. Natürlich wurde der Wein von seiner Frucht dominiert, wie sollte es anders sein nach relativ kurzem Ausbau im Stahltank? Wer aber denkt, er hätte hier lediglich einen kurzlebigen Spaßwein im Glas, der irrt. Spaß macht er, aber auch heute, am dritten Abend ist der Wein absolut balanciert und stabil. Natürlich überwiegt die Cassis-Frucht deutlich, aber genauso finde ich eine Palette an Gewürzen. Vor allem aber sticht die Frische und Kühle hervor. Hier ist Mineralität drin. Der Wein bleibt dicht und ungewöhnlich lang. Wir reden hier von einem frischen Wein für 7.50 Euro. Wir reden aber auch von einem Wein, dessen Trauben von Rebstöcken stammen, die bis zu 40 Jahre alt sind. Das merkt man und die Qualität dieser Cuvée aus Carignan, Grenache und Syrah ist wirklich sehr gut.

 


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