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Die Vorpremière der Großen Gewächse des VDP, Jahrgang 2013 – Ein wenig Erläuterung vorab

28/Aug/14 10:00 kategorisiert in: Rot, Deutschland, Weiß, Deutschland

Für jene, die mit der Qualitätspyramide des VDP vertraut sind heißt es: bitte weitergehen und auf den nächsten Artikel warten. Hier geht es einigermaßen kurz und bündig um eine Erläuterung des Verbandes der Präsikatsweingüter und um die Frage: Was ist eigentlich ein Großes Gewächs? Denn letzten Montag und Dienstag fand die erste diesjährige Präsentation der Großen Gewächse des VDP, des Verbandes der Prädikatsweingüter statt und am 1. September kommen jene Weine auf den Markt, die die Qualitätsspitze des deutschen Weins bilden. Somit wird dann auch klar, welche Qualität ein Jahrgang nicht nur in der Breite der einzelne Weine sondern vor allem auch in der Spitze hat. Bevor ich ein persönliches Resumée der beiden Tage und der insgesamt 325 verkosteten Wein ziehe, will ich kurz erklären, worum es hier eigentlich geht.

WEeb_VDP_LogoCopyright: VDP. Die Prädikatsweingüter

Was ist eigentlich der VDP?
Der VDP ist im Jahr 1971 aus dem Verband der Naturweinversteigerer hervorgegangen. Dieser wurde 1910 als Interessensverband von Winzern aus den Regionen Rheingau, Rheinhessen, Mosel und Rheinpfalz gegründet. Die Zeit vor dem ersten Weltkrieg war die Blütezeit des Deutschen Naturweins, jener Weine also, die ohne Zugabe weiterer Mittel erzeugt wurden. Der Verband, der damals vom einflussreichen Zentrumspolitiker Albert von Bruchhausen geführt wurde, hatte ein erhebliches politisches Gewicht, dass sich jedoch im Laufe der nächsten Jahrzehnte genauso verringerte wie der Ruf, den der Deutsche Wein weltweit vorher besessen hat. Als im Jahr 1967 der Begriff Natur aus dem deutschen Weingesetz gestrichen wird, ist das auch das Aus für den Verband, der sich mit geänderten Statuten schließlich 1971 als Verband der Prädikatsweingüter neu erfindet. 20 Jahre nach der Neugründung, eine Zeit, in der der deutsche Wein durch ein tiefes Tal der Tränen gewatet ist, beginnt auch im VDP eine neue Ära, die Qualität wieder, bzw. wieder viel deutlicher in den Vordergrund rückt. Der VDP sieht sich seitdem als Speerspitze des deutschen Weinbaus und die meisten Mitglieder gehören auch tatsächlich zur Spitze dessen, was es in Deutschland an Weinbau gibt. Seit 2007 werden Idee und Anspruch durch den Präsidenten Steffen Christmann repräsentiert, der selbst zu den besten Winzern dieses Landes zählt.

Web_VDP_ChristmannSteffen Christmann, Copyright: VDP. Die Prädikatsweingüter

Klassifikationsstruktur des VDP
Neben den freiwilligen Maßnahmen zur Qualitätskontrolle und Selbstbeschränkung war eine der entscheidenden Änderungen die Klassifikationsstatur, der sich die Mitglieder unterworfen haben. Ich versuche es kurz skizzieren. Wichtig zu wissen dabei ist, dass dieses System, in dem sich die 202 VDP-Mitglieder bewegen zwar innerhalb des Verbandes bindend ist, nicht aber für die Vielzahl an Weingütern, die nicht in diesem Verband organisiert sind (ca. 80.000 Betriebe laut Wikipedia in 2012). Für die gilt lediglich das deutsche Weinrecht. Weil dieses aber vor allem auch im Ausland als sehr kompliziert wahrgenommen wird, hat der VDP versucht, ein System zu etablieren, dass schon aus Frankreich, namentlich aus dem Burgund bekannt ist. Die einzelnen Statute sind über ein knappes Jahrzehnt verhandelt worden und auch wenn es die Großen Gewächse seit jetzt zehn Jahren gibt, ist erst 2012 das gesamte System verabschiedet worden.

vdp_klassifikationen-qualitaetspyramide_uebersichtCopyright: VDP. Die Prädikatsweingüter

 

VDP-Gutswein
Dieses System basiert auf einer Qualitätspyramide, deren Basis der Gutswein ist (Pendant im Burgund: Bourgogne). Diese Weine müssen zu mindestens 80% regionstypische Traubensorten enthalten und die Erntemenge darf 75hl/ha nicht überschreiten. Die Rebsorten werden auf dem Etikett ausgewiesen. Im Klartext ist dies die Basisqualität eines VDP-Weinguts, in der eine Cuvée der Ernte aller verschiedenen Lagen des Guts verwendet werden darf.

 

VDP-Ortswein
Die nächste Stufe ist der Ortswein (Pendant im Burgund: Bourgogne Village). Beim VDP-Ortswein gelten die gleichen Voraussetzungen für Rebsorten und Erträge wie beim Gutswein. Allerdings dürfen die reinsortig ausgebauten Weine nur aus den Lagen eines Ortes stammen. Viele Betriebe haben ja Lagen in unterschiedlichen Orten, diese dürfen in einem solchen Wein nicht mehr zusammenfließen sondern müssen getrennt abgefüllt werden. Stammt beispielsweise ein Riesling aus dem Pfälzer Ruppertsberg, heißt der Riesling Ruppertsberger Riesling 2013. Ist dieser Wein trocken, wird er als trocken bezeichnet. Hat er einen Süßegrad, wird dieser benannt (Dafür gelten die so genannten Prädikate Kabinett, Spätlese, Auslese, Beerenauslese Trockenbeerenauslese, Eiswein).

 

VDP Erste Lage
Die dritte Stufe im Gefüge bildet die Erste Lage (Pendant im Burgund: Premier Cru). Die Weine mit einer solchen Bezeichnung dürfen ausschließlich aus Lagen stammen, die der VDP als erste Lage ausgewiesen hat. Diese Lagen kann das Weingut nicht einfach selbst bestimmen. Die Lagen werden von den jeweiligen Regionalverbänden bestimmt. Genauso wird festgelegt, welche Rebsorten typisch für eine solche Lage sind. Es kann also nicht plötzlich ein Chardonnay aus einer Lage stammen, die traditionell für Riesling steht. Die Ertragsmenge wird auf höchstens 60hl/ha festgelegt. Außerdem muss der Wein den Reifegrad einer Spätlese aufweisen. Um beim Beispiel Ruppertsberg zu bleiben, wäre eine korrekte Bezeichnung Ruppertsberger Hoheburg 2013, Riesling VDP. Erste Lage, Qualitätswein trocken. Die Erste Lage darf erst Ende April des Folgejahres in den Handel gebracht werden.

 

VDP Große Lage
Die Spitze dieser Pyramide bildet schließlich der Wein aus der Großen Lage (Pendant im Burgund: Grand Cru). Diese Lagen wurden von den Regionalverbänden des VDP bestimmt und basieren auf der jahrhundertelangen Erfahrung, dass diese parzellengenau abgestimmten Lagen die besten der jeweiligen Orte sind. Entsprechend lautet der Anspruch, dass die Weine hochwertiger sein sollen als die der ersten Lagen. Die Rahmenbedingungen dafür lauten: Ertragsbegrenzung auf 50hl/ha, Spätlesequalität, wobei normalerweise eher eine trockene Auslesequalität Standard ist. Auch wenn es restsüße Weine gibt, die dann aus der Großen Lage stammen, liegt der Fokus eindeutig auf trockenem Ausbau und nur dieser wird als Großes Gewächs bezeichnet. Weißweine werden ab dem 1. September des Folgejahres vermarktet, Rotweine müssen ein Jahr länger reifen. In Ruppertsberg beispielsweise heißt eine der großen Lagen Ruppertsberger Reiterpfad, dessen trockener Wein dann korrekt als Ruppertsberger Reiterpfad 2013, Riesling VDP Großes Gewächs bezeichnet wird. Die Bezeichnung trocken entfällt da ein Großes Gewächs immer trocken ausgebaut wird.

Dies sind also, vereinfacht gesagt, die Voraussetzungen des VDP (hier wird das noch mal ausführlicher erläutert) für die Erzeugung unterschiedlicher Qualitäten die vor allem Eines zum Ziel haben: die Herausarbeitung unterschiedlicher Terroirs (ich bezeichne Terroir als die Verknüpfung der einzelnen Lage und des Bodens mit dem individuellen Mikroklima und der Hand des Winzers, die den Stil formt). Eine Kommission entscheidet schließlich noch einmal individuell, ob ein Großes Gewächs den Anforderungen des VDP entspricht, oder nicht. Dabei gilt, das sollte nicht vergessen werden, das Ein-Wein-Prinzip, was bedeutet, dass es immer nur einen Wein aus einer klassifizierten Lage gibt. Wenn im Ruppertsberger Reiterpfad ein Großes Gewächs entsteht, darf dort kein anderer trockener Wein als Ruppertsberger Reiterpfad bezeichnet werden.

So viel also zum Hintergrund und zum Qualitätsanspruch jener Weine, die ich in den letzten Tagen probieren durfte. Wie schon angesprochen, repräsentieren die 202 Mitgliedsbetriebe des VDP nur einen kleinen Teil der deutschen Winzerschaft. Allerdings sind es die, die in der Weinwelt, und vor allem im Ausland einen überdurchschnittlich großen Teil der Aufmerksamkeit bündeln. Wer bei den großen ausländischen Importeuren schaut, wird nicht nur, aber vor allem einen Teil dieser Winzer finden. Im internationalen Kontext muss sich ein Großes Gewächs entsprechend mit anderen Grand Cru wie beispielsweise jenen aus dem Burgund messen lassen. Die Aufmerksamkeit für trockene deutsche Spitzenweine ist allerdings noch nicht so hoch, wie die für die ungleich berühmteren Riesling-Kabinette, Spätlesen und Auslesen. Dass hier großartige Burgunder entstehen, ist mittlerweile auch deutlich geworden. Für den trockene Riesling erhofft man sich nicht zuletzt durch die Großen Gewächse eine ähnliche Aufmerksamkeit.

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Wurzelecht und bunt gemischt – uralte Gemischte Sätze von wurzelechten Rebstöcken in Deutschland

Daz niemand keinen win mit gemecht machen sol noch keinen hunischen stock machen oder legen noch kein sun davon ziehen
Heilbronner Urkundenbuch von 1399

Wenn wir heute über Wein sprechen, meinen wir in erster Linie ein Genussmittel, dem wir mehr oder weniger viel Aufmerksamkeit schenken. Wein muss nicht immer edel und teuer sein, es kann auch ein einfacher Alltagswein sein, der uns schmeckt. Die Zeiten, in denen die Bedeutung von Wein über die eines Genussmittels hinausging, sind dagegen noch gar nicht so lange vergangen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts baute beispielsweise der Gründer eines der heute angesehensten und größten Weinunternehmens der Welt, Dr. Christopher Rawson Penfold, kurz nach seiner Einwanderung in Australien den Wein als Heilmittel an. Er ging von der tonischen Wirkung dieses Getränks aus, das anämischen Patienten besonders in den abgasbelasteten Städten des industrialisierten Nordens den Aufbau roter Blutkörperchen erleichtern sollte. Neben dem Einsatz als Heilmittel hatte Wein jedoch eine noch viel wichtigere, ja lebenswichtige Bedeutung. Wein galt über Jahrhunderte hinweg als Lebensmittel, genauer gesagt als Standardgetränk, mit dem zum Teil auch Arbeiten entlohnt wurden.

Genau aus diesem Grund kam das Weinland Südafrika zu seinem heute wichtigsten Exportartikel. Südafrika lag auf der Route der Holländisch-Ostindischen Compagnie, und diese nahm auf dem Weg nach Indien das Kap Afrikas in Besitz, um zunächst einmal eines zu tun: Wein anzubauen. Wein wurde auf Schiffen als Wasserersatz genutzt; denn er war nicht nur sauberer als das meiste Wasser, das früher zu haben war, er hielt sich auf Schiffsreisen auch bedeutend länger. Von ähnlicher Bedeutung war der Wein im Mittelalter und darüber hinaus. Neben der zweifelsohne berauschenden Wirkung dieses Getränks diente es in den vergangenen Jahrhunderten auch der Grundversorgung. Vom Regensburger Dombau – ein großes und hohes Gebäude, bei dem es eigentlich auf Zuverlässigkeit und sicheren Tritt ankam – und seinen Rechnungen weiss man, dass die dortigen Arbeiter trotzdem mehrere Liter Wein am Tag tranken. Auch wenn der Wein, was den Alkoholgehalt angeht, kaum mit dem heutigen vergleichbar gewesen sein dürfte, muss die Leber ordentlich zu tun gehabt haben. Auch die Qualität dieser Weine dürfte selten wirklich Freude bereitet haben; denn Wein wurde überall, auch in kalten Gegenden angebaut, in denen nicht einmal die früh reifenden Sorten jemals eine Chance für die Reife hatten. Selbst die kleine Eiszeit vom 14. bis 19. Jahrhundert hielt in Deutschland kaum jemanden davon ab, aus erbärmlichen Hügeln jene Weinberge zu machen, die heute noch in Flurnamen erhalten sind.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Um jedoch den Weinberg möglichst widerstandsfähig gegen Frost und Krankheiten zu halten, wählte man damals eine Anbaumethode, die heute unter dem Namen Gemischter Satz bekannt ist. Dabei werden im Gegensatz zur heute üblichen Monokultur unterschiedliche Sorten gepflanzt. Ein Gemischter Satz ist also eine Umschreibung für einen Weinberg, in dem es wild zugeht, so wild, wie wir es gar nicht mehr gewohnt sind. Nach heutiger Definition müssen mindestens zwei verschiedene Rebsorten durchmischt gepflanzt sein, meist waren es jedoch bis zu dreißig. Und da konnten sich dann auch rote Sorten mit weißen Sorten die Fläche teilen. Zum Schluss wurde das Mittelmaß der Reife genommen, oder der Winzer orientierte sich an der Leitrebsorte des Weinbergs. Er wird im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht haben, dass der Wein am besten schmeckt, wenn eine spezifische Sorte des Weinbergs ausgereift ist. Entsprechend durften früh reifende Sorten ein wenig überreif sein und andere, spät reifende Sorten, durften noch etwas grün und unreif sein. Im Mittel jedoch – diese Erfahrung konnte man mit solchen Weinen machen – fiel es nicht auf. Für den Winzer ist diese ganz alte Form des Weinanbaus ein Schutz gewesen; denn er hatte mit dieser Methode durch die Sortenvielfalt einen widerstandsfähigeren Weinberg, der Weinberg wurde zu einem einzigen Zeitpunkt gelesen und die klimatischen Schwankungen wurden zumindest teilweise ausgeglichen.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Wo im Mittel gelesen wird, kann auch nur eine mittlere Qualität herauskommen, mag man annehmen – aber so einfach ist es nicht. Auch wenn kaum ein Winzer, der einen gemischten Satz anbaut, mit diesem in die Riege der Spitzenweine vorstoßen dürfte, gibt es doch eine Reihe wirklich bemerkenswerter Weine, die über ein Mittelmaß deutlich hinausgehen. Die Ergebnisse sind sogar so gut, dass man wohl von einer kleinen, noch schüchternen Renaissance sprechen kann. Leider haben die Wiener Winzer sich die Bezeichnung Gemischter Satz frühzeitig EU-weit schützen lassen, sodass sich nur Weine aus dem Wiener Weinviertel so nennen dürfen. Alle anderen Weine müssen auf andere Bezeichnungen wie Alter Satz etc. ausweichen. Einer der Winzer, die einen solchen Weinberg frisch angelegt haben und sich eine entsprechende Bezeichnung suchen mussten, ist der Nahe-Winzer Matthias Adams, der mit seiner Frau Luise Freifrau von Racknitz das gleichnamige Weingut führt.

Vor einigen Tagen traf ich ihn auf einer Veranstaltung, wo es um eine ganz spezielle, ja rare Form des Gemischten Satzes ging, nämlich um Gemischte Sätze aus wurzelechten Reben. Wenn Gemischte Sätze schon relativ selten sind, so sind es die aus wurzelechten Reben erst recht; denn sie sind Relikte einer weitgehend vergangenen Zeit. Sie stammen im Wesentlichen aus der Zeit vor der Reblausplage im 19. Jahrhundert. Die Reblausplage, die mit Setzlingen aus den USA eingeschleppt wurde, zerstörte innerhalb weniger Jahre die meisten Rebbestände in Mitteleuropa und ließ, vereinfacht gesagt, nur dort Reben übrig, wo die Rebläuse sich nicht im Boden festsetzen konnten, beispielsweise im reinen Schiefer einiger Mosellagen oder in sandigen Böden. Von dort, wo das Verderben herkam, wurde irgendwann allerdings auch die Hilfe geliefert. Es waren wilde amerikanische Rebsorten, die schließlich in den hiesigen Weinbaugebieten gepflanzt wurden – nicht um Wein zu liefern; denn der schmeckte nicht. Die Rebstöcke liefern bis heute lediglich die Unterlage, also den Stamm, auf dem die edlen Reben wie Riesling, Chardonnay oder Pinot Noir wachsen.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Racknitz’ Wein mit dem Namen Gemengelage stammt zwar nicht direkt von alten knorrigen wurzelechten Reben, und doch hat er etwas damit zu tun. Matthias Adams hat diesen Weinberg gepflanzt, um Rebsorten zu erhalten, die kurz davor sind auszusterben und die es teilweise nur noch in diesen uralten wurzelechten Weinbergen gibt. Eine dieser Sorten ist der Weiße Orléans und einen Rebstock, vielleicht den ältesten, mehrere hundert Jahre alten fand man bei von Racknitz am Disibodenberg. Dort, wo Hildegard von Bingen ihr halbes Leben verbrachte, wird seit Urzeiten Weinbau betrieben, und einer dieser vielleicht im ausgehenden Mittelalter gepflanzten Rebstöcke hat bis heute überlebt. Damit der Weiße Orléans dort erhalten bleibt, wurde auf dem Weingut ein Weinberg angelegt, in dem Orléans-Klone im Verbund mit anderen, teils höchst seltenen Sorten gepflanzt wurden. Dabei hat Matthias Adams einen besonders alten und gesunden Weinberg fast eins zu eins abgebildet und lediglich einige weitere alte Sorten zusätzlich mit aufgenommen. Der wurzelechte Weinberg, von dem diese Reben stammen, steht in Franken und wurde in jenem Jahr gepflanzt, als die erste deutsche Eisenbahn, der Adler, von Nürnberg nach Fürth fuhr – 1835. Seitdem hat dieser Weinberg Fröste genauso wie Krankheiten überlebt, und für das Weingut Zang in Somerach ist der aus diesem Weinberg stammende sogenannte Alte Satz mittlerweile das Paradepferd im Angebot. Es war auch der beste Wein des Abends, den der Bonner Weinenthusiast Thomas Riedl in dreijähriger Vorbereitung organisiert hat. Schnell wurde bei seiner Präsentation klar, wie aufwendig die Recherche nach den verbliebenen uralten, teils winzigen Weinbergen war. Er hat etwa 20 gefunden, und sehr viel mehr dürfte es in Deutschland, wo der Gemischte Satz über Jahrhunderte hinweg die normale Anbauform war, nicht mehr geben. So stand auch weniger die Weinqualität der einzelnen Weine der Probe im Vordergrund – hier spielt ja auch die Erfahrung der Winzer eine nicht ganz unbedeutende Rolle -, sondern vielmehr das Besondere im Weinberg.

Zwar habe ich an jenem Abend nicht das erste Mal vom Blauen Kölner gehört; denn ich bin im Rheinland aufgewachsen und dank Kölsch und Karneval ist mir der Blaue Kölner nicht fremd. Nur als Rebsorte hatte ich ihn bisher nicht wahrgenommen. Auch das Möhrchen war mir bisher als Rebsorte gänzlich unbekannt. Im Alten Satz von Zang stehen vornehmlich uns bekannte Sorten wie Elbling, Silvaner, Traminer, Riesling oder Gutedel. Eine solche Mischung wird als vinum francium oder Herrensatz bezeichnet, denn hier finden sich die noblen Rebsorten, die für den Adel bestimmt waren, und die als Zehntwein abgegeben werden mussten. Für das einfache Volk gab es vinum hunicum, den heunischen Wein oder Knechtwein, also den für den Hausgebrauch. In solchen Sätzen finden sich die Sorten, die heute kaum noch jemand kennt und die tatsächlich so rar sind, dass sie in wenigen Jahren ganz aus unseren Weinbergen verschwinden könnten. Zählte man im 19. Jahrhundert offiziell noch über 400 gebräuchliche Weinsorten, sind es heute noch 130, Tendenz fallend – man kennt es von Birnen- und Apfelsorten zur Genüge. Aufzählen muss ich einige dieser Sorten; denn wer vermutet schon eine Putzscheere im Weinberg? Wer kennt noch Honigler oder Vogelfränkische, Hartschwartz oder den Blauen Urban? Auch der Weiße Heunisch, neben dem Traminer die zweite Sorte, die sich irgendwann in einer Wildkreuzung zum Riesling geformt hat, gehörte zu den heunischen Weinen, während der Traminer zu den edlen Sorten gezählt wird.

Bild zu:   Wurzelecht und bunt gemischt

Wer als Winzer das schnelle Geld machen will, ist bei dieser Art Weinbau natürlich falsch aufgehoben. Das wurde beim letzten Wein des Abends mehr als deutlich, einem roten gemischten Satz aus Franken, wo mit Abstand die meisten dieser alten Rebanlagen zu finden sind. Der im churfränkischen Klingenberg stehende Satz besteht aus 16 Rebsorten wie der Fleischtraube, dem Roten Elbling, dem Roten Franken (den es nur noch dort gibt), Cabernet Sauvignon (tatsächlich wurzelecht) oder Blauem Kölner (sic!). Um den Weinberg zu erhalten, hat man kürzlich allein 116 Meter an neuen Mauern gezogen, eine Treppe neu angelegt und den Weinberg teils neu terrassiert – für 130 Flaschen Erntemenge pro Jahr. Das Thema ist also ohne Zweifel eine Aufgabe für Enthusiasten. Genauso aber eine Aufgabe für jene, die gerne neben Chardonnay und Pinot, Riesling und Sauvignon Blanc mal etwas weiter schauen und stöbern, um etwas Unbekanntes zu finden, was dabei übrigens selten mehr als einen Zehnten kostet und doch deutlich seltener ist als Romanée-Conti oder eine Flasche Château Petrus.

Anmerkung: Bild 3, von Matthias Adams zur Verfügung gestellt, zeigt den Jahrhunderte alten weißen Orléans am Disibodenberg, der auf den ersten Blick eher an Efeu denn an Wein erinnert. Auf Bild 1 und 2 bekommt man einen Eindruck vom Zustand solch alter Rebanlagen und auf Bild 4 gibt es einen Blick auf die Parzellierung eines alten fränkischen Weinbergs. Fotos jeweils von Thomas Riedl, dem viel Dank gebührt.

Der Artikel erschien zuerst im Januar 2013 im Blog Stützen der Gesellschaft der faz.net. Aber da ich das Thema weiterhin so spannend finde, dachte ich, es kann nicht schaden, es hier auch noch mal zu publizieren. List ja nicht jeder die Stützen.

 

Knipser Syrah Réserve 2009 – Mein Rotwein des Jahres (für 2014)

13/Dez/13 17:37 kategorisiert in: Rot, Deutschland, Syrah / Shiraz

Jetzt habe ich wirklich länger überlegt, ob ich einen Rotwein, der noch gar nicht auf dem Markt ist und den ich nur deshalb probieren durfte, weil mir das Weingut Knipser vorab ein Muster hat zukommen lassen, als Wein des Jahres 2013 betiteln kann. Aber natürlich kann ich, ist ja eh fast alles subjektiv hier. Außerdem gibt Euch diese Empfehlung die Chance, eine Flasche oder zwei oder drei zu reservieren, solange man dazu überhaupt die Möglichkeit hat. 2.000 Flaschen werden in den Handel kommen bzw. direkt ab Weingut verfügbar sein.

knipser

Es handelt sich bei dem Wein um die 2009er Syrah Réserve aus dem Weingut Knipser. In der aktuellen Ausgabe der effilee hatte ich schon den exzellenten einfachen Syrah aus dem Jahr 2007 beschrieben und auch dieser Wein war schlichtweg eine Wucht. nicht weil er wuchtig gewesen wäre, sondern weil mich die Mischung, die stimmige Mischung aus Kraft, Feinheit, Holzeinsatz und Sortentypizität fast umgehauen hat. Vorher kannte ich die absolut empfehlenswerten Syrah von Hanspeter Ziereisen und die meiner Meinung nach nicht empfehlenswerten Syrah von Fritz Waßmer. Das ist jetzt kein breites Spektrum an Erfahrung, doch ist diese Sorte in Deutschland eben auch immer noch selten, sie befindet sich immer noch im Versuchsanbau. Ich kenne aber natürlich einige Dutzend Syrah von der Nordrhône, und das ist ohne Zweifel  die Benchmark, an der sich Weingüter wie Waßmer, Ziereisen oder Knipser messen lassen müssen, und mit Sicherheit auch wollen, denn diese Weingüter haben genau diesen Anspruch.

Die Réserve ist jetzt gewissermaßen die Auslese der Auslese. Denn was ich vorhin als den einfachen Syrah bezeichnet habe, ist natürlich keineswegs einfach. Es ist ein komplexer, tiefgründiger Wein von deutlich eigenem Charakter, wie man ihn in der deutschen Weinlandschaft so momentan kaum noch mal findet. Was natürlich daran liegt, dass rote Weine aus Deutschland, die man als hervorragend bezeichnen darf eigentlich immer aus Spätburgunder gekeltert werden (Ausnahmen wie beispielsweise der 2009er Cabernet Sauvignon Ambrosia „Bestes Fass“ vom Aloisiushof bestätigen die Regel). 2009 war wohl auch ein gutes Jahr für französische Rebsorten in Deutschland, denn ich erinnere mich auch an einen exzellenten Merlot von Wagner-Stempel – aber ich schweife ab und der Satz ist natürlich zu plakativ. Streichen wir ihn.

Die Barrique-Spezialisten

Die Barrique-Spezialisten

Zurück zum Syrah: Was bei der Réserve wieder einmal deutlich wird, ist Knipsers Gefühl für das richtige Holz. Das ist bei den Spätburgundern eine ganz klare Sache, und das wird auch hier wieder deutlich. Die Holznote in diesem Syrah ist so ausgefeilt, dass ich das Gefühl hatte, die müssen mit dem Küfer durch die Wälder von Tronçais spaziert sein, um jede Eiche und später jede Fassdaube persönlich auszuwählen. Fakt ist jedenfalls, für mich sind die Knipsers so etwas wie die Magier des Holzeinsatzes. Beim 2009er, den ich im September letzten Jahres erhalten habe, steht das Holz natürlich stärker im Vordergrund als bei der 2007er Réserve, die ich parallel dazu probiert habe. Trotzdem ist es keine Spur zu viel. Was dann aus dem Glas strömt ist pure Syrah-Eleganz. Es ist das, was man sich wünscht, wenn man einen teuren Hermitage im Glas hat – und nicht immer bekommt. Es ist das, was die Sorte so unvergleichlich macht, es ist die schwebende, auf markanter Säure basierende Leichtigkeit rund um einen fest gewirkten Kern aus Würze und Frucht. Bildlich gesprochen ist dieser Wein ein Tänzer, maskulin, muskulös, dabei grazil, sich jeder Muskelkontraktion bewusst und immer voller Lebendigkeit. Wunderbar ist das Spiel aus dunkler Frucht (Schwarze Johannisbeere, Zwetschge, Holunder), Gewürzen, Kräutern und Blüten wie Pfeffer, Wacholder, Veilchen, Tabak, dazu feines Sattelleder und zum Schluss ein Hauch von Orangen. Wie beim 2007er entwickelt sich dieser Wein über Tage hinweg. Mal steht der Pfeffer mehr im Vordergrund, mal die Frucht, mal die noch gar nicht erwähnte erdig-steinige Note. Stets präsent bleibt aber das  Dialektische dieses Weins, die Spannung zwischen dem Schwebenden und dem Geerdeten. Und all  das zusammen genommen macht diesen Wein für mich groß. Dass das dann auch noch möglich ist mit einer Rebsorte, die hier so etwas wie eine Orchideensorte darstellt, macht den Wein darüber hinaus besonders und im Moment einzigartig.

Ein vergleichsweise unspektakulärer Weinberg, der Großkarlbach

Ein vergleichsweise unspektakulärer Weinberg in Großkarlbach

Es wird ihn ab 1.9.2014 geben. Ich weiß nicht, ob man ihn privat beim Weingut resevieren kann, aber einen Versuch wäre es wert. Die 2007er Réserve kostet um die € 60,-.

WRINT – Flaschen 8 – Deutscher Rotwein II

Es geht noch mal um deutschen Rotwein. Mit Spätburgunder bzw. Pinot hatten wir uns schon in der letzten Sendung eingehend beschäftigt, nun folgt, was in deutschen Landen schon lange beiheimatet ist, aber kaum jemand kennt. Schwarzriesling zum Beispiel, auch Müller-Rebe genannt, ist die drittwichtigste Rebsorte in der Champagne und mengenmäßig eine der am meisten angebauten Rotweinreben in Deutschland. Kennen tut sie kaum jemand, reinsortig ausgebaut wird sie auch nur von wenigen namhaften Winzern. Das Weingut Friedrich Becker aus der Pfalz aber hat den Schwarzriesling 2009 für 14 Monate ins Barrique gelegt und einen angenehmen Wein daraus gekeltert. Gefallen hat auch der würzig-fruchtige Lemberger vom Weingut Jürgen Ellwanger aus Württemberg, ein wenig durchgefallen dagegen ist der St. Laurent aus dem kleinen Pfälzer Weingut Landhaus Kronenberg. aber hört selbst…


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