originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Cuvée Columelle 2007, Domaine Richeaume, Provence

19/Jan/12 00:04 kategorisiert in: Bioweine, Cabernet Sauvignon, Rot, Frankreich, Syrah / Shiraz

Es dürfte schon einige Monate her sein, dass ich zu Hause einen Wein aufgemacht habe, den ich so vorbehaltlos gemocht habe, wie die 2007er Cuvée Columelle des Henning und Sylvain Hoesch von der Domaine Richeaume. Da ich schon hier etwas zur Domaine und dem ausgezeichneten Rosé (einer meiner All-Time-Favourite-Rosé) geschrieben habe, ausgeschmückt mit Fotos der Landschaft, konzentriere ich mich hier auf diesen ungewöhnlichen Wein.

Ich weiss, dass ich, wenn ich Weine dieser Domaine öffne, automatisch innerlich Richtung Montagne Saint Victoire reise und schnell den Duft, das Flirren der Wärme, die Geräusche im Ohr habe, Erinnerungen vieler Wanderungen durch diese zutiefst provenzialische Landschaft, eingefangen in dutzenden Bilder eines Paul Cézanne… Daher bin ich nicht wirklich objektiv. Also neige ich zur Übertreibung. Aber das ist nicht schlimm, denn die Begeisterung habe ich mit zwei unbelasteten Mitprobierern geteilt, insofern ist sie nicht unbegründet, zumal diese Begeisterung schon kurz nach dem Öffnen der Flasche eintrat, während der Wein sich über die nächsten drei Tage erst wirklich hervorragend entwickelt hat und noch sehr viel schöner geworden ist und ein bisschen ahnen lässt, wie er sich über die nächsten Jahre entwickeln mag. Denn, der Wein wurde zu jung getrunken, deutlich zu jung. Da ich ihn qualitativ auf gutem Cru-Classé-Niveau einstufen würde, könnte das Alterungspotential ebenfalls in diese Richtung gehen.

Mein Vergleich mit Bordeaux Cru-Classé kommt nicht von ungefähr. Diese Cuvée ist keine klassische südfranzösische Cuvée, keine Süd-Rhône-Cuvée. Hier verbinden sich zwei Sorten, die ich in dieser Klasse noch nicht zusammen verbunden probiert habe: Syrah und Cabernet Sauvignon. Und je länger ich diesen Wein trinke, frage ich mich, warum das nicht häufiger jemand macht. Das ist so ein bisschen Yin-Yang, Härte und Weiche, Expressivität und Intimität. Aber ich will eigentlich nicht schwadronieren.

Der Wein hat 14 Monate im Eichenfass gelegen, die Tannine sind ziemlich geschliffen, die Frucht ist noch präsent, Grafit ist bemerkbar und vor allem Schokolade. Er wirkt kühl und warm zugleich, bei angenehmen 13,5% Alkohol. Der Wein dürfte bei Mitte zwanzig Euro liegen, ist also wahrlich kein Schnäppchen. wer aber so viel Geld ausgeben mag und eine Bordeaux-Alternative sucht, sollte diesen Wein probieren.

Deutlich günstiger ist die Cuvée Tradition, wo sich neben Syrah und Cabernet mehr Grenache findet. Der Wein ist alles in allem typischer südfranzösisch, mit mehr Würze und Kräutern, die Grenache macht in zusätzlich süffiger und ungemein lecker.

Das war eines der Weingüter auf meiner Liste, deren Weine ich nun seit zwei Jahrzehnten kenne, die mich nie enttäuscht haben und die ich blind empfehlen würde.

Pineau d’Aunis und Côt. Zwei Unbekannte von der Loire

26/Okt/11 19:13 kategorisiert in: Bioweine, Malbec, Pineau d’Aunis, Rot, Frankreich

Ich kann es nur immer wieder gebetsmühlenhaft wiederholen: Das Anbaugebiet Loire ist nicht nur ein beeindruckend schöner Landstrich, hier werden auch fantastische Weine produziert und die Vielfalt ist groß. Leider wird das in Deutschland kaum wahrgenommen. Die meisten stolpern irgendwann mal über eine Flasche Sauvignon Blanc aus der Tourraine oder über eine Flasche Schaumwein von Bouvet-Ladubay.

Foto ©: Domaine Bellivière, Danièle & Remi Loisel - Studio Amarante

Dabei ist die Chenin-Blanc-Traube dort fast so vielseitig und komplex wie der Riesling hier, Sancerre und Pouilly-Fumé können brillant sein, ebenso einige ausgewählte Muscadets, was hier aber kaum bekannt ist, ist die mögliche Güte der Rotweine. Neben dem vorherrschenden Cabernet Franc, ich habe hier mal einige zusammengestellt, gibt es jedoch noch ein paar andere Rebsorten, die wirklich selten sind und auch Profis eher selten unterkommen. Eine Sorte ist der Grolleau, dazu werde ich mal was Eigenes schreiben, eine weitere ist der Côt, was allerdings nur eine regionale Bezeichnung für den Malbec ist. Insgesamt findet man Malbec ja nicht mehr allzu häufig in Frankreich, Argentinien ist mittlerweile hautsächlich bekannt für den Anbau dieser Sorte, an der Loire kommt der Wein ganz selten vor. Als ich dann sah, dass Xavier Weisskopf, der sich eigentlich auf Chenin Blanc spezialisiert hat, sich auch dieses Nischenprodukts angenommen hat, war ich gespannt. Weisskopf ist einer der spannenden Nachwuchswinzer aus der Region, der nach eigener Aussage im Geiste eines Jacky Blot und François Chidaine arbeitet. Er besitzt 13 Hektar Weinberge, einen Teil in der AC Tourraine, einen anderen, nämlich den mit Chenin Blanc, in der AC Montlouis. Wer die Appellation nicht kennt – macht nichts, da kamen in den letzten Jahrzehnten keine bemerkenswerten Weine her. Allerdings ändert sich das rapide, seit Chidaine und Blot und die Revue du Vin de France der Meinung sind, dass dies momentan eine der spannendsten Entdeckerregionen ist. Weisskopf, der eigentlich aus dem Norden stammt, wo keinerlei Wein angebaut wird, und erst seit Beginn des Studiums in Chablis dem Wein verfiel, hat im Burgund dann auch Weinbau studiert und an der Rhône im bekannten Gut St. Cosme gelernt, bevor er sich seinen eigenen Weinberg gesucht hat.

Der Côt Vieille Vignes 2009 der Domaine Le Rocher des Violettes stammt von Rebstöcken, die zwischen 65 und 120 Jahre alt sind und einen entsprechend geringen Ertrag von 25 hl/ha erwirtschaften. Die Reben werden einer Maceration Carbonique unterzogen und kommen dann in den Bottich, um einen biologischen Säureabbau zu vollziehen. Danach kommt der Wein noch drei Monate auf die Flasche, bevor er verkauft wird. Es ist also ein Jungwein, den wir hier im Glas haben, einer, der nicht für die lange Lagerung gedacht ist. Das ist gut zu wissen; denn wenn ich eine Flasche mit einem Wein von alten Reben in der Hand habe, gehe ich von einem lagerbaren Wein aus, der tendenziell nach zwei Jahren Lagerung noch zu jung ist. Außerdem erklärt die Kohlensäuremaischegärung auch die expressiven Fruchtnoten in der Nase, Himbeere, Pflaume, etwas Kirsche, leicht kompottig. All das wirkt verführerisch, kann diesen Versuch der Verführung jedoch am Gaumen nicht umsetzen, wie so oft bei Weinen, die diese Art der Gärung durchlaufen haben. Hier wirkt der Wein nicht frisch genug, das Kompott dominiert, dazu kommt eine nicht ganz passende Säure und die Tannine wirken ein wenig stumpf.

Klarer und präziser dagegen wirkt der Pineau d’Aunis Rouge-Gorge 2009. Dieser Wein stammt von der Domaine de Bellivière aus der Appellation Coteaux du Loir, einem Nebenfluss der Loire, deren Gebiet lediglich 75 Hektar umfasst. Eric Nicolas, der Eigner, ist eigentlich ebenfalls Spezialist für Chenin Blanc und macht insgesamt acht Weine aus dieser Rebsorte, vier aus den weißen Coteaux de Loir, vier aus dem Gebiet Jasnières. Für seinen roten Wein baut er eine wirklich seltene Sorte an, die gerade noch auf unter 500 Hektar Gesamtfläche angebaut wird. Der Pineau d’Aunis, der seinen Namen von einer Abtei herleitet, in deren Gärten diese Traube möglicherweise durch Zufallsmutation entstanden ist, wird manchmal auch Chenin Noir genannt. Die Herkunft ist nicht eindeutig, doch wird angenommen, dass zumindest ein Elternteil dieser Rebe der Chenin Blanc ist. Der Wein riecht so, wie ich es erhofft habe: wild und markant. Etwas Himbeere und Kirschen verbinden sich mit leicht medizinischen Jodtönen, Rauch kommt hinzu und Trockenkräuter und Gewürze. Das ist so ein bisschen wie frische Frucht in altem Gemäuer, wobei das Gemäuer trocken ist, nicht modrig. Am Gaumen hat der Wein eine tolle Frucht, wirkt straff, mit angenehmer, durchaus prägnanter, aber nicht störender Säure, mit weichen Tanninen bei mittlerem Körper. Der Wein ist absolut trocken, da findet sich keine Fruchtsüße wie beispielsweise beim Côt. Nicolas, der seine Rebhänge auf biodynamische Wirtschaftsweise umstellt, hat hier einen Ertrag von ebenfalls 25 hl/ha aus dem Weinberg geholt. Das ist gute, konzentrierte Qualität mit klarem, eigenen Charakter, nicht fein, eher robust, doch sehr befriedigend. Der Wein ist mit € 19,- zwar jetzt auch nicht günstig, aber wann trinkt man schon mal Chenin Noir?

Übrigens gibt es englischsprachig zwei hervorragende Seiten über die Loire. Chris Kissack schreibt beängstigend viel auf der Seite des WineDoctor. Dazu kommt ein großer Fundus in Jims Loire Blog.

Den Côt Vieilles Vignes 2009 der Domaine Le Rocher des Violettes gibt es bei Karl Kerler für € 12,-, den Rouge-Gorge 2009 der Domaine de Bellivière gab es im Rahmen einer Aktion des Weinbund Berlin für         € 19,-, ich denke, erhältlich über Hardy Weine.

Fleurie 2007, Jean Foillard, Beaujolais

27/Jul/11 18:24 kategorisiert in: Bioweine, Gamay, Rot, Frankreich

Manchmal treffen die Dinge scheinbar zufällig zusammen. Vor drei Wochen habe ich mich in einem Brüsseler Weinladen namens Basin & Morot rumgetrieben der sich vor allem französischen Vin Naturels und biodynamische Sachen verschrieben hat, und nehme dort unter anderem jene Flasche mit, von der ich heute berichten werde. Eine Woche später sitze ich mit Bloggerfreunden zusammen und wir trinken unter anderem einen Wein von Jean-Paul Brun. Ich habe den Wein hier beschrieben, er hat mich beeindruckt. Dieser Weine hier beeindruckt mich ebenso. Beides sind Beaujolais und ich fange gerade an, mich in dieses Gebiet einzulesen denn ich habe es jahrelang völlig vernachlässigt. Zu Unrecht, wie es scheint, denn hier, wie anderswo gibt es mindestens ein Dorf, das dem Eindringling (in Form von Aromahefen etc.) nachhaltig Widerstand geleistet hat. Dieses Dorf namens Villié-Morgon beherbergt den Club der Morgon Gang of Four – mittlerweile sind es eher sechs Winzer – die seit Jahren ganz konsequent auf den An- und Ausbau von Naturweinen setzen. Wobei ich beim nächsten Thema wäre. Eines, das Matthias in seinem Blog schon auf die Agenda gesetzt hat, denn es war eines der Themen, welches wir bei dem oben genannten Miniaturbloggertreffen angerissen haben. Naturwein also… doch dazu später mehr.

Kommen wir zurück auf die Morgon Gang of Four und Jean Foillard. Denn der ist Gründungsmitglied dieser losen Vereinigung, neben Guy Breton, Marcel Lapierre und Jean-Paul Thévenet. Mittlerweile sind Georges Descombes sowie Karim Vionnet hinzugekommen. Also lauter Winzer, die Parzellen in den Cru-Lagen von Fleurie, Morgon, Moulin-a-Vent etc. besitzen. Und lauter Winzer die nicht nur ohne jegliche Pestizide und Herbizide arbeiten sondern auch im Weinkeller so natürlich wie möglich arbeiten. Das übliche Bio-Siegel übrigens gibt ja nur an, das Weine entsprechend chemiefrei angebaut wurden, es sagt nichts aus über den Umgang der Weine im Keller. Dort darf der Bio-Winzer im Prinzip genau so schalten und walten wie ein konventioneller Winzer auch, es sei denn er hat sich freiwillig einem Verband angeschlossen, der strengere Auflagen hat (demeter, biodyvin…). Verzichtet man aber auf externe Hefen, vergärt also mit jenen Hefen, die sich auf den Traubenschalen und im Keller befinden, verzichtet man auf Schönung und Filtration und sogar auf Schwefel, dann wird es durchaus kompliziert im Keller. Ich kenne in Deutschland bisher niemanden, der so arbeitet, dass er selbst auf Schwefel verzichten würde und insgesamt ist es eine Herausforderung für den Winzer, auf das Stabilisieren des Weins durch Schwefel gänzlich zu verzichten. Foillard tut dies übrigens auch nicht immer. Er nutzt teils sehr kleine Mengen, wie beispielsweise bei diesem Wein und genauso klein ist auch der Hinweis auf seiner Flasche. Foillard misst den Bakteriengehalt des Weines bevor er sich entscheidet, Schwefel zu nutzen oder nicht.

Nach dem Öffnen der Flasche – ich muss mich leider durch einen Harz-Verschluss popeln – entströmt ein intensiver, warmer Duft von reifen Kirschen, leicht süsslicher, crèmiger Schokolade, etwas Brombeeren, etwas fleischig-käsige Noten, dazu etwas Anis und Zimt. Der Gamay, um diese Rebsorte handelt es sich ja hier, wirkt duftig und voluminös-kräftig zugleich. Das bleibt auch am Gaumen so. Gleichzeit leicht samtig und reif, kräftig und markant mit schöner Länge, wirkt der Wein elegant und erinnert an guten Burgunder von der Côte de Beaune. Der vier Jahre alte Wein wirkt so, als sei er noch am Anfang seiner Entwicklung und ich bin mal gespannt, wie er sich in ein paar Jahren entwickelt haben wird.

 

 

Beaujolais Cuvée l’Ancien Vieilles Vignes 2005, Domaine des Terres Dorées, Jean-Paul Brun

19/Jul/11 16:03 kategorisiert in: Bioweine, Gamay, Rot, Frankreich

Ich muss zugeben, noch immer denke ich, wenn ich den Begriff Beaujolais lese an ein sehr unangenehmes Weinerlebnis, welches ich mal mit Beaujolais Primeur hatte. Das war so eins mit Nachgärung im Magen, der dann ausgepumpt werden musste und so. Das vergisst man nicht so schnell und ich habe auch, damals war ich 16, seit dem keinen Primeur mehr getrunken und überhaupt jahrelang auf Wein verzichtet. Das allerdings hat sich, wie man unschwer nachlesen kann, wieder geändert. Trotzdem klingt bei diesem Namen immer noch was Unschönes mit – ganz unverdient. Allerdings, mit diesem fiesen Massen-Primeur hat der Weinbau-Verband es sich auch selber verbockt, wieder seinerzeit das Chablis mit Billigfusel und das Elsass mit dem substanzlosem Edelzwicker. Die Vorurteile sind da längst nicht abgebaut und auch wenn ich gerne Weine aus dem Elsass verkaufen würde – schließlich gibt es da ne ganze Menge – der Ruf ist so schlecht, ich trau mich nicht.

Zurück zu diesem Wein. Er hat mit dem Primeur genau zwei Dinge gemeinsam: das Anbaugebiet und die Traubensorte, die in diesem Anbaugebiet für rote Weine immer Gamay ist. Ansonsten werden die üblichen Beaujolais im Gegensatz zu diesem mit Kohlensäuremaischegärung hergestellt, sprich, der Gärbehälter wird mit nicht abgebeerten ganzen Trauben gefüllt, der Gärbehälter wird mit Kohlendioxid vollgepumpt, was den Sauerstoff verdrängt. Mit Hilfe von Enzymen und Hefen beginnt der Most zu gären. Meist wird der sich unten bildende gärende Most nach oben gepumpt, der Gärprozess verstärkt sich. Der Effekt dieser Methode ist der, dass Geschmack und Duft des Weines sich verstärken, Gerbstoff und Säure aber sehr moderat ausfallen. Das mag für jugendlich zu trinkende Weine gut sein, nicht aber für das Alterungspotential. Allerdings bin ich der Meinung, dass solcher Art gemachter Wein meist auch ziemlich kitschig-plüschig schmeckt.

Nicht so der Cuvée l’Ancien von Jean-Paul Brun. Dieser gehört mit zu den Altmeistern des Beaujolais und zeigt, was man hier an Qualität erzeugen kann. Er ist ein klarer Verfechter des nicht manipulierten, ursprünglich oder traditionell gekelterten Charaktertropfens, dessen Ecken und Kanten letztlich einen Wein auch ausmachen. Bruns Besitz liegt in Charnay, im südlichen Beaujolais in einer Gegend, die auch Region der goldenen Steine genannt wird, oder auch Terres Dorée. Entsprechend seiner Idee von Wein arbeitet Brun ohne Einsatz von Herbiziden und Pestiziden und vergärt seinen Gamay spontan. Er möchte keinesfalls, dass sein Gamay in die gleiche Schublade gesteckt wird wie der überwiegende Rest der produzierten Weine, die meist mit 71B vergoren werden, einer Industriehefe, die aus der Tomatenproduktion in Holland stammt und Bananen- und Bonbonaromen pusht.

Auf Chaptalisierung, also Anreicherung des Mostes mit Zucker oder Süßreserve zur Erhöhung des Alkoholgrades verzichtet er ebenso wie starke Filtration oder Einsatz von Schwefel. Beides findet nur minimal statt. So werden bei Brun wohl selbst die Nouveaus zu Charakterweinen, bestätigen kann ich es nicht, ich habe noch keinen probiert.

Für den Vieilles Vignes aber kann ich das bestätigen. Bestimmen zunächst Bratensoße, etwas Rost und vor allem Liebstöckel den Duft, finden sich bei zunehmendem Luftkontakt Johannisbeeren, und zwar die richtig schwarzen das Geruchsbild, unterstrichen von einigen medizinischen Noten. Am Gaumen dann treten die Johannisbeeren in den Hintergrund und reife Sauerkirschen übernehmen das Zepter. Es finden sich einige grüne Noten, der Wein besitzt eine schöne Säure, vor allem aber eine gute Länge. Insgesamt überrascht er, der keine 15 Euro gerade mal elf Euro kostet (siehe Kommentar), mit viel Substanz. Da muss man erst mal einen Burgunder finden, der diesem Wein das Wasser reichen kann in dieser Preisliga.

Dürfte in der Cave des Oblats zu finden sein.

 

 

Bordeaux zwischen Vinocamp und VinExpo, 7 – Gartenparty mit Fazit

02/Jul/11 12:32 kategorisiert in: Rot, Frankreich, Vinocamp, Weingüter, Weiss, Frankreich

Weiter also an den St. Emilion- und Pomerol-Schlössern vorbei ins Entre-deux-Mers, wo wir abends zu einer Gartenparty bei André Lurton eingeladen sind, jenem Konzernchef, nennen wir ihn mal so, der aus einem kleinen Unternehmen ein großes gemacht hat, der den richtigen Riecher hatte, die weißen Entre-deux-Mers in den 60ern europaweit bekannt zu machen und zur Mode werden zu lassen und dann sein Geld in verschiedene Weingüter vor den Toren Bordeaux investiert hat um der Stadt und ihren vorgelagerten Bereich die Weinberge abzutrotzen und eine neue Appellation zu gründen. André Lurton ist so zu sagen Mr. Pessac-Leognan und man muss ihm das hoch anrechnen, denn ohne ihn wären diese alten Weinbaugebiete wohl heute Wohnblocks und Gewerbeflächen gewichen.

Vorbei an L’Evangile Richtung Château Bonnet

 

Lurtons Weine kennt jeder, der schon mal bei Jacques vorbeischaut, gefühlt stammt jeder zweite Bordeaux dort von ihm. Und es sind locker 500.000 Flaschen, die er hier so jährlich vertickert. Seine Familie, ob Söhne oder Neffen besitzen nicht nur weitere Güter im Bordeaux, sondern haben sich auch über Spanien, Chile und Argentinien verteilt. Eine ganze Weindynastie also.

Château Bonnet

 

Der alte Herr jedenfalls ist mit seinen 87 Jahren noch ziemlich fit und posiert gerne vor seiner Sammlung alter Autos, unter anderem Militaria, was die vor Ort weilenden Chinesen anspricht. Überhaupt finden sich auf der Vinexpo und drum herum deutlich mehr Asiaten ein als auf der Prowein. Was nicht verwundert. Der Wein ist einfach angesagter als deutscher Weißwein. Und auch wenn beide Messen international sind zieht der Name der Stadt und des Anbaugebietes deutlich stärker. Bemerkenswert fand ich, wie selbst kleine Erzeuger darauf reagieren und teilweise schon mit chinesisch-sprachigen Mitarbeitern aufwarten können um ihre Weine möglichst barrierefrei feilbieten zu können.

André Lurton mit Gast vor historischen Militaria

Die Reise geht zu Ende. Bleibt noch ein Fazit: Es war das erste Mal, dass ich auf Einladung und fremde Rechnung eine Reise in ein Weinbaugebiet unternommen habe. Die Entscheidung, mich dafür zu bewerben, parallel zum Vinocamp für den Bordeauxverband als Sponsor des Vinocamps von der Vinexpo und rundherum zu berichten, habe ich mir wohl überlegt. Denn bisher war ich hier auf meinem Blog ganz unabhängig, nun war ich Teil einer PR-Maßnahme und ich war durchaus etwas misstrauisch zu Beginn. Dass dies ein nicht unwichtiges Thema ist hat sich wohl auch beim Vinocamp gezeigt und ist im Netz in der letzten Woche als Thema weitergeführt worden, siehe die Diskussion bei Thomas Lippert und bei Michael Pleitgen.  In diesem Fall war das Misstrauen jedoch unbegründet – nicht zuletzt, weil es komplett transparent war und ich in dem, was ich geschrieben habe komplett unabhängig war – und das ist ja auch für die Einladenden durchaus ein Risiko, denn sie kannten mich nicht.


Bei der letzten Verkostung. Foto © Christian Riedel

Mich für diese Reise zu entscheiden war gleichzeitig auch eine Chance, nämlich die, an Orte zu kommen, wo ich normalerweise nicht so schnell Zugang finde. Ich habe dies nicht bereut, denn ich bin ausgesprochen freundlich empfangen worden und die Reise war sehr gut organisiert, es hat einfach großen Spaß gemacht, das ist in der Artikelreihe wahrscheinlich klar geworden. Es sind immer die Menschen und die Geschichten vor Ort, über die es sich zu schreiben lohnt. Das ich das tun konnte, fand ich sehr befriedigend. Das ich alle Freiheiten seitens des C.I.V.B. hatte fand ich ebenfalls ausgesprochen angenehm und mir bleibt, herzlich zu danken.

Nun hat mich das Vinocamp 2011 nach Bordeaux gebracht, also freue ich mich auf’s nächste Vinocamp, wo ich dann hoffentlich mit dabei sein werde.

 

Bordeaux zwischen Vinocamp und VinExpo, 6 – Château la Tour Figeac und St. Emilion

29/Jun/11 12:56 kategorisiert in: Bioweine, Cabernet Franc, Merlot, Rot, Frankreich, Vinocamp, Weingüter

Weiter geht es Richtung La Tour Figeac, wo Otto M. Rettenmaier schon wartet. Château La Tour Figeac ist ein Grand Cru Classé Weingut dritter Ordnung aus der Provinienz St.Emilion. Es liegt in den sogenannten Graves de St. Emilion, wo der Oberboden relativ viele Kiesel aufweist, die hier Graves genannt werden. Daher auch der Appellationsname »Graves« auf der anderen Seite der Gironde, vor den Toren Bordeauxs. Das Plateau grenzt an Pomerol und liegt in Sichtweite von Cheval Blanc, wo ständig die Motoren der Hubschrauber rattern, die im Pendelverkehr die Exklusivgäste von und zur Vinexpo bringen.

Das als Gästehaus genutzte Haupthaus liegt versteckt hinter der Halle mit Fudern und Barriques

Figeac wurde im 19. Jhd. nach und nach in drei Güter aufgeteilt von denen das bekanntere Château Figeac ist, das unbekanntere Gut Château La Tour du Pin Figeac. La Tour Figeac selbst nun gehört seit dem Beginn der Siebziger Jahre der Familie Rettenmaier, die das Gut damals, als Bordeaux-Weingüter noch erschwinglich waren, auf Anraten des Jagdfreundes Hubertus Graf von Neipperg gekauft haben. Auch die Neippergs haben in dieser Zeit in Bordeaux investiert und sind Eigner der Güter La Mondotte, Canon La Gaffelière, Clos de l’Oratoire, Peyreau, d’Aiguilhe und Clos Marsalette, plus Beteiligungen an Château Guirauld und Soleil.

Otto Maximilian Rettenmaier in seinem Wingert

Doch zurück zu La Tour Figeac. Der Besitz wurde damals, und das sollte auch zunächst so bleiben, von Michel Boutet verwaltet, der wiederum auch die Neipperg-Güter Canon La Gaffelière und Clos de l’Oratoire verwaltet hat. Als Boutet sich zu Beginn der 90er zurückzog übernahm Otto Maximilian Rettenmaier die Verwaltung des Familienbesitzes. Der gelernte Betriebswirt wollte eigentlich nur die Verwaltungsnachfolge regeln, konnte sich aber von Gut, Landschaft und Leuten nicht mehr so richtig trennen, wie er selbst erzählt. Das Gut hat unter ihm einen kontinuierlichen Qualitätsanstieg erlebt, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass er ein gutes Händchen für die richtigen Leute zu haben scheint. Die technische Direktorin heißt Christine Derenoncourt, der Nachname ist nicht ganz unbekannt in der Weinwelt, ihr Mann Stéphane Derenoncourt, der nachvollziehbarer Weise häufiger auf dem Besitz anzutreffen ist und entsprechend berät, gehört mit zu den wichtigsten önologischen Beratern im Bordeaux und Kalifornien, auch hier gibt es wieder eine enge Verbindung zu den Neippergs, denn er berät auch Canon La Gaffelière und Clos de l’Oratoire aber genau so beispielsweise auch Smith Haut Lafitte oder Francis Ford Coppola. Für einen speziellen Teil der Weinbergsarbeit, nämlich für die Erfahrung mit biodynamischer Arbeitsweise wurde zwischenzeitlich François Bouchet herangezogen, der sich unter anderem bei Chapoutier mit dieser Arbeitsweise vertraut gemacht hat. Mittlerweile ist Caroline Guillier hinzugekommen, die vor allem für den Keller verantwortlich zeichnet.

Früher wurden Rosen als Mehltaufrühindikatoren angepflanzt. Das ist heute nur noch Optik. Moderne Wettermeldungen und Messsysteme im Weingarten sind viel genauer.

Wenn man mit Otto M. Rettenmaier spricht, unterhält man sich mit einem Menschen, der ziemlich genau weiß, was er will und der dies sehr geerdet und  bestimmt formulieren kann. Im Gespräch über die biodynamisch angewandten Methoden im Weinberg wird schnell klar, dass er mit Esoterik und Quasi-Okkultem, was in Steiners Traktaten ja immer wieder mitschwingt, nichts am Hut hat, dass er auch nicht vor hat, irgendwann einmal mit Dung gefüllte Kuhhörner im Weinberg zu vergraben. Es geht ihm um den grundsätzlichen Blick auf die Reben und den Umgang mit ihnen. Es geht ihm um Respekt und  den natürlich Umgang mit seinem wertvollen Rebmaterial. Was er festgestellt hat, und das sagen ja alle, die in diese Richtung der Weinbergbearbeitung gehen, das im Laufe der Zeit der sorgfältigen Bodenbearbeitung, des Umgangs mit Kräutersuden und Präparaten und dem Einsatz rein natürlicher Dünger und Mikroorganismen der Wein immer terroirtypischer geworden ist und stabiler, sich mehr im Gleichgewicht befindet. Angebaut wird auf den 14.5 Hektar zu 65% Merlot und zu 35% Cabernet Franc, der Ertrag liegt normalerweise bei etwa 40hl/ha.

Die großen Fuder sind neu, ebenso der gesamte Bereich der Trauben-Anlieferung und -Sortierung

Dass auf La Tour Figeac im Keller genau so penibel gearbeitet wird, wie im Wingert versteht sich dabei eigentlich von selbst. In den modernen, großen hölzernen Gärbottichen beginnen die Trauben mit Unterdruck zu gären bevor sie angepresst werden. Es gibt in den ziemlich neuen Fudern ein mechanisches System zum Maischestoßen, was wesentlich ruhiger und schonender verläuft als das Umpumpen. Hier wird beides in Kombination angewandt. Später wandert der Wein für 13 bis 15 Monate in Barriques.

Amüsant sind übrigens die Bezeichnungen der Eichenholzfuder und Stahltanks. Während Rettenmaier die Bottiche nach großen klassischen Komponisten benannt hat steht Caroline Guillier eher auf Jazz-Sängerinnen. Wozu die Namen? O-Ton Rettenmaier: »Es ist doch netter sich zu fragen, was Beethoven wohl gerade so treibt als zu schauen, was in Fass 6 passiert.«

Der eine liebt die Klassik, die andere den Jazz

Otto Rettenmaier hat sich Zeit für uns genommen. Zunächst gab es die jüngeren Jahrgänge im Verkostungsraum, die Jahrgänge 2000 und 2001 dann haben wir zum Essen im nahegelegenen St. Emilion getrunken.

Wir beginnen mit dem 2008er L’Esquisse de la Tour Figeac, einem raren Zweitwein der in diesem Jahr aus 95% Merlot und 5% Cabernet Franc besteht. Ausgebaut wurde der Wein auf der Feinhefe in einjährigen Barriques. Ein ziemlich gelungener Einstieg. Merlot-Kraft und Dichte bestimmen den Wein und dieser besticht durch eine schöne Länge und Harmonie.

Schlichtheit bestimmt den Barrique-Keller, der auf jeden kathedralen Effekt wohltuend verzichtet

Auch wenn der Jahrgang 2008 zwischenzeitlich ein wenig zu entgleiten drohte aufgrund des feuchten Sommers und der Verrieselung der Blüte wird es mit der wärmenden Septembersonne schließlich mengenmäßig ein kleiner, qualitativ aber ein ausgezeichnet Jahrgang. Der Beste, den wir vor Ort probieren, auch wenn 2009 mehr Sex hat und 2005 natürlich fleischiger ist und dicht, beerig und weich. 2008, mit 70% Merlot und 25hl/ha Ertrag legt sich tief und breit ins Glas, wirkt eukalyptisch-mineralisch kühl, einigen Veilchen- und Schokoladenaromen verbinden sich mit reifer aber eben nicht zu reifer Frucht und werden durch einen (übrigens immer) sehr moderaten Holzeinsatz gestützt. Das ist ein Wein im klassischen Bordeaux-Stil, der mir ausgesprochen gut gefällt. 2006 ist noch so ein Jahr, das mir gefällt, das sich sehr schön entwickelt, nicht nur auf diesem Château. Auch hier eine schöne Dichte, Kraft und Saft, gebändigt durch eine ausgleichende Säure und ein angenehmes Tanningerüst. 2010 erinnert natürlich an 2005: der leichte Rumtopf, die reifen Trauben, ein satter Wein voller Frucht und, etwas Überbordendes, etwas, das viel schneller sättigt als 2008. Doch wen wundert’s, bei diesen Jahrgangsbedingungen?

Bemerkenswert auch: Die Sélection Prestige, eine Sonderabfüllung aus 100% Merlot

Wie erwähnt fahren wir gemeinsam nach St. Emilion, dieses im frühen Mittelalter gegründete Städchen, das ganz still in der Mittagshitze liegt. Auf halber Höhe zwischen Ober- und Unterstadt lassen wir uns im Logis de la Cadène nieder, ein 2000er und 2001er La Tour Figeac unterm Arm. Gereicht wird, neben einer Vergleichsflasche 2004er Château Canon Boeuf vom Stück. Nur aussen leicht angebraten, sonst noch bleu liegen dort zwei große Teile am Knochen. Zwei ausgezeichnete Stücke Fleisch zu moderat gereiften Weinen bester Qualität. Was für ein herrlicher Moment!

Wir entern die Logis de la Cadène, Christian Riedel, mein Begleiter während der Reise hat sich die den 2000er und 2001er unter den Arm geklemmt.

Der 2004er Canon kommt etwas leichter daher als die beiden La Tour Figeac, was nicht zuletzt am anderen Boden liegen dürfte. Beim 1er Grand Cru Classé herrscht Kalkstein vor. Kein bisschen Überreife, dafür eine feine Frucht, etwas fleischig, feine, präzise Säure und runde Tannine. Jetzt schon toll, aber eigentlich noch für den Keller.

Vom Verkosten zum Trinken, die Weine harmonieren hervorragend zu dem Stück Rind, das auf unsere Teller geschnitten wird

Der 2000er La Tour Figeac beeindruckt mich am stärksten neben dem 2008er. Während jener natürlich eigentlich noch viel zu jung war haben sich beim 2000er die Primäraromen weitgehend abgeschliffen, der Wein ist expressiv und ausladend. Aber auch hier gibt es nicht Überreifes. Das ist viel eher elegant und rund und passt ausgezeichnet zum Essen. Der 2001er steht ihm nicht viel nach, vielleicht wirkt der Wein ein wenig fetter und nicht ganz so elegant wie der 2000er, aber das wird die Zeit zeigen, denn beide kann man, sollte man sie im eigenen Besitz wähnen, durchaus noch ein paar Jahre im Keller vergessen.

Während Otto Rettenmaier sich langsam Richtung Heimat aufmacht, haben wir noch ein wenig Zeit. Viel zu wenig um in Ruhe und mit Muße durch die Stadt zu laufen, doch man kann selten alles haben und wir haben die Mittagszeit bei 30 Grad im Schatten lieber in guter Gesellschaft verbracht.

Blick auf die Unterstadt

 

La Maison du Vin

 

Vorbei an der Abtei…

 

und diversen Weinläden.

 


Während manch einer in der Sonne döst und Schwätzchen hält

 

schlendern wir an Château Ausone vorbei

 

zurück zum Wagen

So hat Martin Fueyo nicht mehr allzu viel Zeit, sein Wissen mitzuteilen doch für eine kleine Runde durch die Stadt reicht es noch, bevor ich mit Christian Riedel, der mich die meiste Zeit der Reise begleitet hat, Richtung Château Bonnet aufbreche, vorbei an so klingenden Namen wie Vieux Château Certan, l’Evangile oder Petrus.


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