originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Ein Treffen mit Peter Gago – über 170 Jahre Penfolds und einen neuen Weinjahrgang

Kürzlich traf ich Peter Gago in Hamburg. Gago ist der Chief Winemaker von Penfolds, der australischen Wein-Legende. Penfolds wurde 1844 vom Einwanderer Christopher Penfolds gegründet und ist älter als der Staat selbst. Das große Weingut, dass in allen wichtigen Landesteilen Weinberge besitzt, gilt als Nationales Erbe, gehört also zu den wichtigsten historischen Institutionen Australiens. Ebenfalls Teil des National Trust ist der Wein, der das Weingut auch international berühmte machte. Es ist der Grange, der früher Grange Hermitage hieß und eigentlich die Erkennungsnummer (Barrel Identification Number) BIN 95 trägt. Der Grange ist so etwas wie eine Hommage an den berühmten Hermitage-Weinberg in Tain an der Nord-Rhône. Diesen hatte Max Schubert, der Jahrzehnte lang Chief Winemaker bei Penfolds war, in den 1950er Jahren genauso schätzen gelernt, wie den europäischen Umgang mit Rebstöcken im Weinberg und den reifen Trauben im Keller. Es war eine Europa-Reise, die beim deutschstämmigen Weinmacher Schubert zu einem kompletten Umdenken in der Weinproduktion bei Penfolds geführt hat. Das Ergebnis war ein großes Experimentieren im Weinberg wie im Keller mit neuen Anbaumethoden, Reifezeiten, Analysewerten, Hefen und Ausbauarten die schließlich nach und nach zu Neuerscheinungen im Weinmarkt führten, die bis heute international den Ruhm von Penfolds ausmachen und historische Fassnummern tragen. Neben dem BIN 95 sind das zum Beispiel der BIN 389, BIN 128 oder BIN 28.

Peter_Gago_02
Peter Gago, Chief Winemaker

Im Gegensatz zum Analysten und Eigenbrötler Schubert, der Tage am Stück in den Kellern und Laboren des Unternehmens verbringen konnte ist Peter Gago, der Schubert-Nachfolger in vierter Generation, heute vor allem das Gesicht eines Unternehmens, das schon seit den 1970ern nicht mehr im Familienbesitz ist sondern vielmehr der Leckerbissen im Portfolio diverser Getränkekonzerne, bei denen immer wieder die Eigner wechseln. Gerade in den letzten Wochen gab es wieder einen Bieterwettbewerb um den Eigner von Penfolds, Treasury Wines, zu denen noch ein paar Dutzend weiterer Weingüter gehören.

Während also draußen die Bieterschlacht um den Besitz von Penfolds tobte, saßen wir in kleiner Runde in einem Hinterzimmer des Hamburger Fairmont-Hotels Vier Jahreszeiten und begutachteten den neuen Jahrgang von Penfolds. Auch das ist Teil des Jobs von Peter Gago, den ich frage, wann er denn überhaupt noch Wein macht. „Im April und Mai mache ich keinerlei Reisen, dann kommen die Trauben rein und ich schaue mir an, wie die Gärung verläuft.“ Ansonsten dürfte der Mann über die Platinum-Card eines oder mehrerer Vielfliegerprogramme verfügen. Denn neben Masterclasses die er leitet und Treffen mit Händlern und Journalisten gibt es da noch die Recorcing Clinic, die jährlich an verschiedenen Orten der Welt stattfindet – auch schon hier in Deutschland und nebenan in Zürich, in der Sammler sich nicht nur Gewissheit über die Echtheit ihrer Penfolds-Weine verschaffen können sondern auch noch eine Auffüllung und einen neuen Korken erhalten – wenn nötig. Die Teilnahme ist kostenfrei, äußerst populär und als Teil der Kundenbindung ein genialer Marketing-Coup, wie ich finde.

Aktueller_Jahrgang

Überhaupt Marketing… Penfolds ist groß im Marketing. Das beginnt bei der Flaschenausstattung mit dem hohen Wiedererkennungswert der Label. Das geht weiter bei klaren Linien im Angebot und es manifestiert sich in den Icon-Wines, in den extrem seltenen Abfüllungen des Weinguts, mit denen man Sehnsüchte schafft, Begehrlichkeiten und damit das ganze Portfolio aufwertet.

Der charmante Peter Gago, der im ersten Leben Lehrer war und erst später ein Studium der Önologie angeschlossen hat, verkörpert diese Marketing-Philosophie und gibt der Idee und dem Großunternehmen das wichtige Gesicht, den Charakter. Alles in der Außendarstellung ist auf ihn abgestimmt. Und warum saß ich mit ihm in Hamburg zusammen? Weil Penfolds seine Weine ab diesem Jahr, dem 170sten der Unternehmensgeschichte, nicht mehr im Frühjahr, sondern im Herbst auf den Markt bringt. Bisher war es üblich, dies kurz nach der Ernte des neuen Jahrgangs zu machen, doch macht Penfolds vor allem schwere Rotweine, und im Mai und dem darauf folgenden Sommer hat kaum jemand Lust auf 14.5 bis 15.5%-Weine. Zudem hat dies etwas mit dem Wirtschaftsjahr der Unternehmen zu tun, die Penfolds die Weine abnehmen sollen. Werden die Weine im Oktober präsentiert, bleibt für den Kauf mehr Zeit. Alles bei Penfolds ist durchdacht und optimiert und das Weingut erinnert mich, wenn ich Vergleiche ziehen soll, an Champagner-Häuser wie Moët, Ruinart oder Roederer. Auch die sind Teil großer Luxusgüterkonzerne, auch dort sind es die Chef de Cave, die für die Außendarstellung verantwortlich sind und im Keller nur noch die elementar wichtigen Entscheidungen treffen. Auch dort wird auf Luxus und Begehrlichkeiten gesetzt. Vor allem aber, ist das Weinmachen ganz ähnlich. Viel ähnlicher als bei Weingütern à la Rothschild, beispielsweise. Auch die Rothschilds, ob nun Mouton oder Lafite, sind ja große Weinunternehmen mit vielerlei Streubesitz. Doch gibt es hier immer noch die Philosophie des Château und des Terroirs, vor allem natürlich im Bordelais. Das Weingut definiert sich über das Terroir, auf dem es steht. Bei Penfolds und auch bei den großen Champagne-Häusern ist dies vollkommen anders. Da gibt es diese seltenen Single-Vineyard-Weine nur als Ausnahme (Krug mit dem Clos de Mesnil, Penfolds mit dem Magill Estate – beides Weine von kleinen, legendären Weinlagen). Ansonsten sind es regional blends von ganz unterschiedlichen Lagen in einer Region oder sogar multiregional blends aus unterschiedlichen Regionen. Der Icon Wine von Penfolds, der Grange, beispielsweise stammt aus Lagen im Barossa Valley, Clare Valley, aus den Adelaide Hills, dem McLaren Vale und dem Magill Estate, wo Penfolds entstanden ist.

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Penfolds in Magill bei Adelaide, Copyright: Penfolds.com

Dies ist eine Idee des Weinmachens, die hier in Europa bei Champagner zwar akzeptiert wird, bei der wir aber sonst immer noch große Probleme haben. Oder kann sich hier jemand vorstellen, dass beispielsweise Wilhelm Weil einen Ultra-Riesling für 500 Euro die Flasche auf dem Markt bringt, dessen Trauben von ausgewählten Weinbergen aus dem Rheingau, aus Franken, der Mosel, der Nahe und aus Rheinhessen stammen? Wohl kaum.

Begonnen haben wir übrigens auch bei Penfolds mit einem Riesling. Es ist der Penfolds BIN 51 Riesling 2014 Eden Valley. Auch dieser stammt aus zwei unterschiedlichen Regionen und man geht, ganz typisch für diese Philosophie des Weinmachens ganz pragmatisch vor. Man nimmt das Material, das die geforderte Qualität hat. Deshalb hat man in verschiedenen Cool-Climate-Gebieten Verträge mit Winzern abgeschlossen (auch hier gibt es natürlich neben dem großen Eigenbesitz jede Menge Vertragswinzer – wie in der Champagne). Da kann dann das Traubenmaterial auch mal aus Tasmanien stammen. Der Wein hat kein 2 Gramm Restzucker bei 3,1 ph-Wert, 7,1 Gramm Säure und 12,5% Alkohol. Er ist kräftig, hat viel gelbe Frucht, eine leicht tropische Note und Zitronenschale, ist intensiv und sehr saftig. Der Wein hat mir sehr gut gefallen, da ist nichts Fettes, nichts Überreifes, alles ist elegant und klar.

Der Penfolds Reserve BIN 13A Chardonnay 2013 Adelaide Hills wird spontan angegoren und neun Monate lang zu 40% in neuen und zu 60% in gebrauchten französischen Barriques ausgebaut. Dabei kommt der Wein direkt von der Presse in die jeweiligen Barriques, so dass jedes Barrique deutliche Unterschiede aufweist. 13% Alkohol hat der Wein, der zu 100% eine malolaktische Gärung durchlaufen hat. Er präsentiert sich offen, rund mit viel Steinobstfrucht, Zitronensorbet, etwas Banane mit gerösteten Nüssen und erstaunlich zurückhaltendem Holz. Es fehlt mir allerdings etwas die Säure und das etwas Kantige, das, was Charakter ausmacht.

Penfolds Yattarna BIN 144 Chardonnay 2012 South Eastern Australia dagegen ist momentan dicht wie eine beleidigte Auster. Ein gutes Jahr älter als der BIN 13A und aus verschiedenen Gebieten stammend ist er der weiße Icon Wine des Unternehmens und präsentiert die typische Idee einer Gebiets-Cuvée. Während vergleichbar teure Weine aus Meursault nach einzelnen Lagen ausgesucht werden, stammen die Trauben für diesen Wein aus Tasmanien, Victoria und Adelaide Hills, Weinberge also, die hunderte Kilometer voneinander entfernt sind. Der Wein wird etwas kürzer (acht Monate) in mehr gebrauchtem Holz ( 55%) ausgebaut aber ähnlich verarbeitet wie die Reserve BIN, also Nach Gebiet und dann noch mal einzeln direkt nach der Pressung Fass für Fass gesondert ausgebaut. Der Wein ist viel weniger rund und auf Show gemacht wie die Reserve. Vor allem hat er die Frische, die mir bei der Reserve etwas gefehlt hat. Auch wenn er momentan verschlossen ist, zeigt sich das Pure, das Elegante, der feine Nusston, das ganze fruchtige Aromenspektrum fein verwoben und komplex. ein toller Chardonnay!

Alter Rebstock in KalimnaKalimna_Old_Vine_Credit_Penfolds

Der rote Penfolds BIN 28 Kalimna Shiraz 2012 South Australia ist ein guter Einstieg in die Shiraz-Welt von Penfolds. Der erste Jahrgang stammt aus der Max-Schubert-Zeit und wurde 1959 abgefüllt. Der Shiraz stammt aus dem McLaren Vale, Wrattonbully, Langhorn Creek, Barossa Valley, Padthaway und Upper Adelaide und hat 14.5% – wie alle Roten die nun folgen. Der Wein reift 13 Monate in alten Hogsheads aus amerikanischer Eiche. Hogshead war übrigens ein englisches Volumen-Flüssigkeitsmaß, das man in den Hansestädten als Oxhoft bezeichnet hat. Bei Wein war dies ein Volumen von 285 Liter, bei Ale waren es 218 Liter und bei Porter 245 Liter, aber das nur am Rande. Der Wein ist typisch dunkel mit reifer Johannisbeer- und Kirschfrucht, Leder, Erde, Trockenkräuter, Anis und am Gaumen mit viel dunkler Frucht. Nur ganz leicht marmeladig, saftig, schon sehr rund und schmeichelnd und von einer angenehmen Frische.

Den Penfolds BIN 150 Marananga Shiraz 2012 Barossa gibt es erst im fünften Jahr. Er gehört zu den regional blends, genauer gesagt ist er ein sub-regional blend, denn er stammt aus der Sub-Region des Barossa Valley namens Marananga, einer Talsohle im Barossa, aus der auch Frucht für den Grange verwendet wird. Der berühmteste Plot in dieser Subregion ist das Seppeltsfield, einer der ältesten Weinberge des Landes. Der Wein wird 14 Monate in neuem Holz (25%) und alten Holz zu je 25% aus französischer Eiche und amerikanischer Eiche unterschiedlicher Größe (330-600L) gelagert. Der violett-blaue Wein zeigt deutlich mehr Kraft als der BIN 28. Er ist dichter und hat von allem mehr – vor allem einen anderer Typus. Hier findet sich etwas von Eukalyptus und einer medizinalen Note mit einer Noten von Leinsamen (erstaunlich), Veilchen, Nutella und mehr Holz als beim BIN 28. Am Gaumen dann konzentrierte fleischige Frucht, viel Tannin, Konzentration und Dunkelheit. Weglegen…

Der Penfolds BIN 407 Cabernet Sauvignon bildet zusammen mit dem neuen BIN 150 und dem Klassiker BIN 389 die obere Mittelklasse der Fass-Serie (unten fängt es an mit BIN 2, BIN 8, BIN 9, Mittelklasse ist BIN 28, BIN 128, BIN 138). Der reinsortige Cabernet stammt aus unterschiedlichen Regionen (Wrattonbully, Padthaway, McLaren Vale, Coonawarra, Langhorne Creek) und wird 14% Monate in 22% neuer französischer Eiche und desweiteren in neuer und gebrauchter amerikanischer Eiche ausgebaut. Hätte ich den Wein blind im Glas gehabt, hätte ich nicht auf Cabernet getippt sondern ebenfalls auf Shiraz. Cabernet-Puristen, die bei dieser Sorte eher linkes Ufer Bordeaux oder Ähnliches im Sinn haben, werden mit diesem wein kaum glücklich. Jene, die jedoch mit Cabernet auch Kalifornien und die höhere Reife, Saftigkeit und dichte verbinden, werden diesen Wein sehr mögen denn er ist innerhalb des Stils exzellent gemacht. Im Gegensatz zu klassischen Coonawarras wie beispielsweise von Wynns, ist diese Cuvée viel üppiger, konzentrierter, ein Ausbund an reifer Frucht, Fleisch, reifer Süße in der sich erst mit der Zeit typische Cabernet-Attribute wie Cassis, Zeder, Grafit offenbaren. Wenn der BIN 389 der Baby-Grange ist (so wird er ja gerne genannt weil er in alten Grange-Fässern ausgebaut wird), dann ist das hier der Baby-707. Wobei das mit dem Baby naürlich kompletter Unsinn ist. Beide Weine, 407 wie 389 neun sind aus dem Stadium, in dem man fürsorglich sein müssten längst raus.

Coonawara_Rote_Erde_Credit_PenfoldsCoonawarra mit dem typischen roten Boden, Copyright: Penfolds.com

Der BIN 389 Cabernet Shiraz  wurde von Max Schubert zum ersten Mal mit dem Jahrgang 1960 abgefüllt und besteht meist aus mehr oder weniger 50% Cabernet und 50% Shiraz aus Wrattonbully, Barossa, McLaren, Langhorne Creek und Robe. Der Wein wird, ich schreib es bereits, 12 Monate lang zu 60% in Grange-Fässern ausgebaut und zu 40% in neuer Amerikanischer Eiche. Puh, das ist Konzentration pur, dunkle Marmelade, eingekocht, wie das Gewürzpflaumenmus, das ich letztens gekocht habe. Dazu aber dunkle, flüssige Schokolade, Salz, Teer, rohes Fleisch, ein Wein, den man kauen muss mit konzentrierter Frucht, Dattel- und Feigenkuchen mit Vanille und Zimt. Trotzdem mit gewisser Frische und Säure, die die Konzentration etwas abfedert.

Angekommen in Premier-League des Weinguts haben wir mit dem Penfolds St. Henri Shiraz 2011 einen Wein mit Ausnahmestellung unter den Penfolds-Erzeugnissen. Schon das Etikett ist klassischer und er ist noch vor der Max-Schubert-Ära auf den Markt gekommen. Der Shiraz ist immer der europäischste Wein, der am ehesten an die Heimat des Syrah, die Nord-Rhône erinnert. die Trauben stammen aus dem McLaren Vale, Barossa und den Adelaide Hills und der Wein wird 12 Monate lang in– Achtung! – großen alten Holzfudern ausgebaut. Im Gegensatz zu allen Rotweinen davor und danach findet sich hier nicht die dunkle Frucht, die schwarze Olive und die Marmelade sondern es ist rote Frucht, es sind rote Johannisbeeren, Preiselbeeren, grüne Olive, grüner Pfeffer, etwas rohes Fleisch, etwas Teer, alles fein verwoben und lang. Wenn ich mir von allen Weinen der Probe einen hätte mit nach Hause nehmen können, ich hätte definitiv den St. Henri genommen!

Wenn wir schon von Ausnahmestellung reden, dann gehört dieser Wein eigentlich auch dazu. Der Penfolds Magill Estate Shiraz 2012 ist eben jener Single-Vineyard-Wein, der am ehesten mit den klassischen Chateau-Weinen des Bordelais zu vergleichen ist – auch wenn es sich hier um einen reinsortigen Shiraz handelt, wirkt er tatsächlich relativ europäisch. Er stammt aus dem nur noch 5.2 Hektar kleinen Weinberg, der den Grundstein des Penfolds-Imperiums geliefert hat. Magill ist heute längst von Adelaide eingemeindet und der kleine Besitz am Stammhaus liegt im Ort. Der Wein wird 15 Monate lang zu 65% in französischer Eiche ausgebaut, der Rest in teils neues, teils gebrauchte amerikanisches Holz. Dieser Shiraz ist durchaus fein und energetisch, duftet ein wenig nach einer klassischen Cabernet-Merlot-Cuvée mit Zedernholz, Tabak, Grafit, Pflaume und Cassis. Dann aber kommen eukalyptische Noten, zunehmend Leder, Nelke, Zimt. Am Gaumen dann eher intensive rote Frucht, komplex, würzig mit präsentem Holz und viel Tannin. Viel zu jung natürlich, aber schön.

Icon_Wines

Das RWT im Penfolds RWT Barossa Valley Shiraz 2012 steht für Red Wine Trial, ein ungewöhnlicher Name für ein Luxusprodukt. Es war der Versuch, einen Shiraz-Counterpart zum Grange auf ähnlichem Niveau zu machen. Der Grange, in amerikanischer Eiche ausgebaut, muskulös, extrem dicht und voller Energie, der RWT vor allem in französischer Eiche ausgebaut etwas opulenter, schwebender aber auch fleischiger mit viel Pfeffer, Cassis und Schokolade. Üppig, dicht und strukturiert mit viel Extrakt. Bei längerer Reifezeit allerdings nähert er sich weit stärker den Syrah vom Hermitage-Weinberg der Norsd-Rhône an als es der Grange tut, der den Namen Hermitage ja sogar lnge im Namen getragen hat.

Das Cabernet-Flaggschiff des Hauses ist der Penfolds BIN 707 Cabernet Sauvignon 2012. Der Wein wurde als 1964er Jahrgang in der Schubert-Ära das erste Mal abgefüllt und ist so etwas wie die australische Cabernet-Ikone, die allerdings auch nur dann abgefüllt wird, wenn das Traubenmaterial zu 100% die Erwartungen erfüllt (2011 war das beispielsweise nicht der Fall). Die Trauben stammen von den roten Böden des Coonawarra, Padthaway, Barossa, Wrattonbully und den Adelaide Hills. Der Wein lagert zu 100% in neuer amerikanischer Eiche und spielt stilistisch eher im großen Konzert der Kalifornier mit denn in dem Franzosen. Dieser Wein ist ein wenig so wie BIN 407 nur von allem noch viel mehr. Mehr Dichte, mehr üppige Frucht, mehr Konzentration. Es ist ein gewaltiger Cabernet voller Cassis und Kirsche, Rauch, Fleisch, Sojasoße, schwarzen Oliven, Zeder, Lakritze, Eukalyptus, Tiramisu, Nuss, am Gaumen würzig, explodierend, mit extrem reifer aber nicht überreifer Frucht, mit einem ganzen Schokoladenbrunnen, Vanille, Zimt und Eiche. Eleganz trifft Geilheit, irgendwie. Man will das in großen Schlucken trinken, so gut ist das. andererseits eben auch so üppig, das es zum jetzigen Zeitpunkt fast ein wenig ordinär wirkt. Trotzdem, der Wein ist purer, australischer Cabernet-Wahnsinn. Aber man sollte diesen, genauso wie den nächsten Wein sowieso erst einmal vergessen, wenn man sich ihn denn für ca. 320€ die Flasche in den Keller legen will. Überhaupt schraubt sich in der Oberklasse von Penfolds die Preisspirale zunehmend deutlich nach oben. Den St. Henri bekommt man kaum unter 100€, der RWT liegt dann schon bei ca. 170€, und für den 2010er Grange will man so ca. 600€ die Flasche haben – das ist ambitioniert.

Peter_Gago_old_Bottles

Der Penfolds BIN 95 Grange 2010 ist eine Cuvée aus 96% Shiraz und 4% Cabernet, aus alten Anlagen des Barossa Valley, des Clare Valley, den Adelaide Hills, McLaren Vale und dem Magill Estate stammend. Er wurde 17 Monate lang in neue amerikanische eiche gelegt. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt ein Wein, dessen Tragweite nur zu erahnen ist. Definitiv war 2010 ein ziemlich perfekter Jahrgang für diesen Wein und so präsentiert der Grange sich tief und konzentriert mit sehr viel Spannung und enormer Komplexität. Dieser Wein ist ja grundsätzlich, bis auf den Alkohol, nicht mehr weit von einem Jahrgangsport bester Provenienz entfernt, so dicht ist die Frucht, so konzentriert die schwarzen Kirschen, das Cassis, das Süßholz, die schwarze Schokolade, das Zedernholz und das Fleischige. Dabei findet sich Samt auf der Zunge, wunderbar eingebundenes Tannin und auch hier eine enorme Tiefe. Ein souveräner, großer Wein in einem Stil, der in seiner Opulenz vielleicht nicht jedem gefällt, der in seiner außerordentlichen Qualität jedoch über jeden Zweifel erhaben ist.

Wenn ich mir die Preise so ansehe bin ich fast froh, dass ich gar nicht mehr in Erwägung ziehen muss, ob ich mir von irgendeinem dieser Weine etwas in den Keller legen würde. Lediglich beim Bin 28 könnte ich theoretisch schwach werden, denn der liegt heute so in etwa auf dem Preisniveau, das damals der BIN 389 hatte. Er ist ein wirklich guter Einstieg in die Welt und Stilistik von Penfolds. Die eigentliche Basis ist der Koonunga Hill, ein Wein, der schon immer so um die 10 (Mark/Euro) gekostet hat und sehr respektable Qualität liefert. Überhaupt finde ich es schon bemerkenswert, wie man bei Penfolds diese Qualität, das Blending und den logistischen Aufwand gemeistert kriegt. Auch wenn im Keller natürlich mit vielen üblichen Tricks gearbeitet wird (Tanninpulver, Kastanienmehl etc.) und ich davon jetzt wahrlich kein Fan bin. Weinmachen bei dieser Größe und bei solch umkämpften Märkten, auch im Luxus-Segment, hat eben nichts mehr mit Romantik zu tun – die scheint nur noch nach außen. Da tun sich die Großen nichts, die Tricks bei Penfolds dürften sich da kaum von denen auf bekannten Bordeaux-Cru-Classé-Gütern unterscheiden. Stilistisch erinnern mich die Icon-Wines unter Strich, wenn ich Vergleiche ziehen will, an so etwas hier, während ich persönlich eher diesen Stil bevorzuge (wenn ich mal auf annähernd ähnlichem Preisniveau bleibe). Trotzdem, was Penfolds bietet ist – wie schon gesagt – Weinmachen auf höchstem Niveau, und darüber hinaus ein außergewöhnliches Stück Weingeschichte. Das 170jährige Jubiläum fällt übrigens mit meinem eigenen zusammen. Denn wenn ich richtig gerechnet habe, dass habe ich 1994 zum ersten Mal Weine von Penfolds probiert und es waren die ersten, die ich mir am Beginn meiner Weinleidenschaft in den Keller gelegt habe – präzise gesagt waren es einige Flaschen BIN 389. Damals hat eine Flasche dieses Weins 22 Mark gekostet. Heute kostet eine aktuelle Flasche so um die €75,- Nicht schlecht, hm? (Und das ist noch nichts im Vergleich zum Preisanstieg beim Oberklasse-Bordeaux)

 

Burgund, bezahlbar und charaktervoll: Les Saulniers 2011, Domaine de la Cadette, Vezelay

09/Jan/14 12:30 kategorisiert in: Alles Bio, Chardonnay, Weingüter

Eine Frage die sich immer wieder stellt und die auch mehrere  Leser bei meiner Umfrage im Dezember aufgeworfen haben ist die: Wo bekommt man eigentlich bezahlbaren guten Burgunder her? Ich mache mich dieses Jahr mal auf die Suche. Mindestens einen Winzer allerdings habe ich schon jetzt im Petto und wer damals meinen Artikel im Blog der FAZ übersehen hat (in dem mittlerweile seltsamerweise Fotos aus einem ganz anderen Artikel auftauchen), bekommt hier noch einmal eine klare Empfehlung.

cadette_les_saulniers_2011

Die Domaine de la Cadette liegt in Vézelay. Wer diesen Ort, der auf dem Weg vom Chablis an die Côte d’Or liegt noch nie im Zusammenhang mit Wein kenngelernt hat, muss sich nicht wundern, viel Wein gibt es hier nicht. Mehr Wallfahrt, denn Vézelay ist eines der berühmtesten Wallfahrtszentren Frankreichs und Weltkulturerbe. Bis vor wenigen Jahren wurde hier auch nur Fassware produziert, doch mittlerweile hat der Ort eine eigene AOC und die Familie Montanet hat sich dazu entschlossen, ihre Weine selber zu vermarkten. Seit 1986 bauen sie sowohl weiße als auch rote Sorten an, wobei hier vor allem der César hervorzuheben ist. Diese rote Sorte, die wohl mit den Römern aus dem Piemont ins Burgund gelangt ist, hat hier so etwas, wie eine Ausnahmeanbaugenehmigung erhalten. Dass die Montanets überhaupt Wein anbauen, ist schon gewagt, denn Montanet selbst stammt aus der Normandie, die nicht gerade für Rebsaft bekannt ist, und, wie schon gesagt, der Ort, der vor der Reblauskatastrophe ein bekannter Weinort war, dümpelte qualitativ Jahrzehnte lang vor sich hin. Die Montanets waren Teil der 1989 gegründeten Kooperative von  einigen wenigen Weinbauern und man wählte Jeannot Montanet zum Präsidenten. Der erste Erfolg, den die Kooperative hatte war denn auch die Verleihung des AOC-Status, der zweite Erfolg bestand darin, dass Jeannot den Chablis-Winzer Bernard Ravenau als Berater gewinnen konnten. Dies führte zu einer Umwälzung, wie sie in den Neunzigern in vielen Teilen des französischen (und auch deutschen) Weinbaus stattgefunden hat. Back to the roots war das Stichwort – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Raveneau hat man die rigide Weinbergsarbeit wiederentdeckt und Jeannot Montanet hat sich zunehmend dem natürlichen und biologischen Anbau zugewandt. Nach 15 Jahren hieß es für ihn dann 2004, mit der Gründung der Domaine de la Cadette eigene Wege zu gehen.

Copyright: Burgundy Wine Board, www.vins-bourgogne.fr

Copyright: Burgundy Wine Board, www.vins-bourgogne.fr

Die Rebstöcke der Montanets stehen in den Hügeln des Morvan, der einzigen größeren Erhebung, die zwischen dem Chablis und der Côte d‘Or zu finden ist. Die Bodenbeschaffenheit ist besonders, die Erhebung besteht in Teilen aus Granit, hinzu kommt noch etwas Kalkstein mit einer Menge fossiler Einschlüsse, sowie verschiedene Lagen Lehm. Solche Weine in der burgundischen Einheitsmelange zu finden, ist immer eine besondere Freude. Es sind nicht die feinen Weine, die man im besten Fall, und auch nur dann, an der Côte de Beaune bekommt, es sind tendenziell eher würzigere Weine, Weine mit einem sehr eigenen Charakter, der sich im Laufe eines Abends stark entwickelt.

Ein exzellentes Beispiel dafür ist der weiße Les Saulniers 2011. Er stammt von einer Hanglange hinter dem Dorf, die an einem ehemaligen Salzschmugglerpfad (faux Saulniers) liegt. Dazu ist zusagen, dass es früher eine Salzsteuer gab und man entsprechend Wege gefunden hat, an dieser Salzsteuer vorbei zu kommen. Eine Möglichkeit war die Nutzung von Salzbrunnen, denn es gibt bei Vezelay Salzwasserquellen, die seit 4.000 Jahren genutzt werden und einen ungewöhnlich hohen Salzgehalt haben.

Die Chardonnayreben sind alt und der Boden, in dem sich eine Eisenoxidschicht und viele Mineralsalze befinden, liefert einen markanten, tatsächlich salzig-mineralischen Wein. In der Farbe ähnelt er mit seinen leicht grünlichen Reflexen eher einem Chablis. Im Duft findet sich schon das Salzige, dazu kommen Melone und Birne und etwas Pfirsich. Am Gaumen ist der Wein üppig und doch klar und präzise mit schönem Tiefgang, Druck am Gaumen und einer hervorragenden Länge. Wie man es von einem guten Wein erwartet, entwickelt er sich im Laufe des Abends immer weiter und wird zunehmend komplexer. Das ist exzellenter, charaktervoller Stoff für einen bemerkenswert günstigen Preis. Wo bekommt man sonst charaktervollen Burgunder für unter € 15,-? Jedem Interessenten dieses Weins sei dabei geraten, auch die anderen Weine des Gutes auszuprobieren, die es noch in kleinen Mengen bei Vins Vivants zu kaufen gibt.

Trinkt mehr Sherry! Teil 1 – Manzanilla und die Equipo Navazos

28/Nov/13 13:00 kategorisiert in: Palomino, Weingüter, Weiß, Spanien

Hand auf’s Herz. Wann habt Ihr das letzte Mal Sherry getrunken? Sherry gehört zu den Weinthemen, die in Deutschland nie populär waren. Zwar findet man die üblichen Verdächtigen wie Sandemann & Co. in jedem Supermarkt-Regal und auch im Weinladen gibt es die eine oder andere Flasche, doch das ist normalerweise Alibi. Muss man halt haben. Und warum sollte man auch mehr dort hinstellen, wenn es eh keiner kauft? In vielen anderen Ländern ist das anders. England hat eh eine lange Tradition bei Sherry (und Portwein), doch auch in Belgien oder Holland, ja selbst in Frankreich ist Sherry populärer als hierzulande. Ganz groß im Kommen ist Sherry in den US-Metropolen. In New York fand in diesem Jahr die zweite Sherry-Woche statt und einer ihrer Protagonisten, Peter Liem, eigentlich Champagne-Spezialist, hat mittlerweile ein Sherry-Buch geschrieben.Wer sich ein bisschen mit dem Thema befasst, merkt schnell, dass das eine quirrlige Szene ist. Diese wurde zwar traditionell von großen Häusern bestimmt, es hat sich jedoch längst eine alternative Szene dazu etabliert. Einer, wenn nicht der wichtigste Vertreter ist die Equipo Navazos, die ich hier mit ihrem Manzanilla 32 vorstellen möchte.

Ernte der Palomino-Trauben auf typischen Albariza-Kreideböden. © sherry.org

Ernte der Palomino-Trauben auf typischen Albariza-Kreideböden. © sherry.org

Die Equipo Navazos sind keine Weinmacher im eigentlichen Sinne sondern eher Jäger des verlorenen Schatzes. Sie haben sich 2005 gegründet, als sie in einer alten Bodega mehr oder weniger zufällig über einige alte Fässer Amontillado stolperten, die dort über zwei Jahrzehnte gereift waren. Man kaufte einen Teil und vertrieb ihn privat an Sherry-Liebhaber.  Bei dieser ersten 600 Flaschen-Abfüllung jedoch sollte es nicht bleiben. Die Equipo hatte Blut geleckt und machte sich auf die Suche nach weiteren, raren Abfüllungen. die nächsten beiden wurden immer noch privat verkauft, doch dann hat man sich entschlossen, das internationale Netzwerk von Freunden, die eh schon als Weinimporteure und Distributeure arbeiten zu nutzen, um diese teils stark, teils weniger stark limitierten Abfüllungen zu vertreiben. Mittlerweile ist man bei der 47. Abfüllung angelangt und manche Bota ist bereits Legende – zumindest unter den Sherry-Liebhabern. Die gesamte bisherige Serie findet man übrigens hier.

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Equipo Navazos No. 32 La Bota de Manzanilla
Es ist die fünfte Abfüllung aus der gleichen Solera (diesen Begriff erkläre ich im zweiten Teil). Insofern ist La Bota de Manzanilla 32  der direkte Nachfolger der Nummern 4, 8, 16 und 22. Der Manzanilla stammt aus den Bodegas M. Sánchez Ayala. Dies ist die Bodega, in der die Equipo damals die ersten Fässer Amontillado gefunden und La Bota de Amontillado No. 1 abgefüllt hat. Die Bodegas liegen in Sanlucar de Barrameda und somit im Herzen der D.O. Jerez-Xérès-Sherry. Die Küstenstadt liegt direkt an der Mündung des Guadalquivir, der Lebensader des Weingebietes. Manzanilla ist eine Spezialität der Stadt und nur ein hier entstandener Sherry besonderer Machart darf sich Manzanilla – Sanlúcar de Barrameda DO nennen. Obwohl die Produktionsmethoden und die verwendete Rebsorte die gleiche wie die für den Fino sind, der beispielsweise in Jerez entsteht, schreibt man dem Manzanilla doch einen anderen Duft und Geschmack zu. Und diese Besonderheit dürfte tatsächlich daher stammen, dass das Mikroklima von Sanlúcar Besonderheiten aufweist. Es ist die Feuchtigkeit der Luft, die diese Stadt prägt. Sanlúcar wird im Norden durch den Guadalquivir begrenzt, im Westen durch das Meer und des weiteren durch ein Feuchtgebiet namens Marsima. Das Klima innerhalb dieser Zone ist mild und, wie gesagt, leicht feucht, mit einer salzigen Note in der Luft. Dieses gleichmäßige Klima fördert das Wachstum der Flor-Schicht, die auf dem Sherry liegt, jene Hefe-Schicht, unter der Fino und Manzanilla traditionell reift.

Manzanilla reift auf Grund des Klimas unter der dichtesten Flor-Schicht. © sherry.org

Manzanilla reift auf Grund des Klimas unter der dichtesten Flor-Schicht. © sherry.org

Was man Manzanilla im Allgemeinen zuschreibt ist eine intensive Salzigkeit, und genau die findet man in diesem Wein. Salz, Walnuss, Brot und Blüten, etwas mürber Apfel, Aubergine und geröstete Haselnüsse. Das ist komplex, gereift und frisch zugleich. Der Wein hat Tiefe und Länge und einfach immens viel eigenen Charakter und Klasse. Er verändert sich über Stunden hinweg kontinuierlich an der Luft, das Salzige duftet immer wieder unterschiedlich, genauso die Nussaromen, die mal mehr Walnuss, mal mehr Haselstrauch oder Pekannüsse sind. Ich bin froh, dass man zumindest an einer Stelle eine Auswahl von Botas der Equipo Navazos bekommt, die momentan, das ist zumindest die Meinung so einiger aus dem englischsprachigen Raum, die Referenz an Sherrys auf den Markt bringen. Ihr findet den Wein hier bei Weine & Feinkost in Wuppertal und er wird dort auch treffend beschrieben. 29,90 Euro die Flasche sind jetzt nicht Portkasse aber für ein solches Prachtstück absolut angemessen, finde ich.

Während es hier allgemein üblich ist, Sherry solo zu trinken, wird er vor Ort praktisch immer mit Speisen kombiniert. Vor allem Tapas mit Fisch und anderem Seegetier bieten sich an und es darf natürlich salzig und kräftig sein, wie zum Beispiel ein salziger Hering. Ich selber habe den Manzanilla mit Artischocken-Pesto kombiniert. Bisher dachte ich immer, die Bitterstoffe der Artischocke würden jeden Wein platt machen, aber der Manzanilla schafft sie spielend, vor allem wenn das Gemüse mit etwas Zitrone gekocht wurde.

Im zweiten Teil der kleinen Sherry-Serie wird es um die verschiedenen Ausbauarten ghen, Soleo und Solera werden angesprochen, Fino, Amontillado und die anderen Stile.

Hier geht es weiter zu Teil 2 der kleinen Sherry-Serie

Domaine Richeaume, Cuvée Tradition – eine Herzensangelegenheit

Es ist mal wieder Zeit für Herzensangelegenheiten. Für Weine, die ich schätze. Nein mehr als das. Sie begleiten meine Weinleidenschaft seit vielen Jahren. So komme ich mal wieder auf die Weine der Domaine Richeaume zurück, die ich natürlich nicht das erste mal hier erwähne. Doch habe ich vor wenigen Tagen dankenswerter Weise mehr als ein Paket von vinaturel ins Haus bekommen, in dem sich eine Reihe von Richeaume-Weinen befand. Sogleich mischte sich die Vorfreude auf die Weine mit einer gewissen Wehmut. Denn als ich meinen kleinen Originalverkorkt-Bauchladen noch hatte, war ich mit Henning Hoesch, dem Gründer der Domaine gerade übereingekommen, dass ich seine Weine in mein Programm aufgenommen hätte. Inklusive einiger gereifter und seltener Jahrgänge. Es ist anders gekommen, so laufen die Dinge, und letztlich überwiegt natürlich die Vorfreude auf die Weine.

Richeaume_02

In einer kleinen sporadischen Serie über die Weine des provenzialischen Weinguts beginne ich mit der Basisqualität der Weine. Es sei gleich dazu gesagt, dass diese bei ca. € 15,- beginnt, also nicht ganz günstig zu haben ist. Dafür allerdings bietet sie jede Menge Wein. die Tradition-Serie besteht aus Weißwein, Rotwein und Rosé. Natürlich Rosé, schließlich sind wir in der Provence. Genauer gesagt unterhalb der Montagne Saint Victoire, nicht allzu weit von Aix-en-Provence entfernt. Hoesch, der aus einer rheinischen Unternehmerfamilie stammt, hat hier zu Beginn der siebziger einige Hektar Land gepachtet und später gekauft. Er hat das Anwesen und vor allem die Weinberge immer weiter, aber behutsam vergrößert. Henning und später auch sein Sohn Sylvain haben dabei von Anfang an auf biologische Weinbergsarbeit gesetzt – was in den Siebzigern nicht unbedingt üblich war. Es ist jedoch mehr, was die Hoeschs auf Richeaume verwirklichen. Es ist vielmehr eine Kreislaufwirtschaft, die die Domaine quasi autark macht. Sie wird durch den Kreis symbolisiert, der mittlerweile jedes Etikett prägt und den Wein durchschimmern lässt. Dieser Kreis, man schaue sich die Impressionen auf der Website an, wird auch architektonisch und in den Rebanlagen immer wieder aufgegriffen.

 

Foto links: © Richeaume

Foto links: © Richeaume

Überhaupt die Landschaft und die Architektur. Die Domaine Richeaume war eines der ersten Weingüter in Frankreich, bei dem ich mich getraut habe, meinen Fuß über die Türschwelle zu setzen. Vielleicht, weil die Sprachbarriere nicht vorhanden war, möglicherweise aber auch, weil ich einfach so angetan war von diesem Ort. Wer runter fährt in die Provence, sollte einen Besuch vor Ort nicht verpassen und neben Wein auch Olivenöl einpacken.

 

© Richeaume

© Richeaume

Die Hoeschs verbinden in ihren Cuvées im Wesentlichen typische südfranzösische Rebsorten. So nutzen sie für den Rosé Grenache, Syrah und Cinsault, für die weiße Cuvée Rolle (Vermentino) und Clairette.  Was man zunächst in der Provence weniger erwartet sind Cabernet und Merlot. Diese finden sowohl ihren Platz in der Cuvée Tradition, als auch in der teureren Cuvée Columelle (hier schon mal beschrieben). Wer jetzt meint, er hätte hier so einen typischen nach seelenlosem Cabernet und Merlot schmeckenden Allgemeinplatz vor sich, dem darf ich Entwarnung geben. Schon bei der erwähnten Cuvée Columelle habe ich mich damals gefragt,  weshalb man im Süden nicht häufiger Syrah und Cabernet zusammen bringt.

Bei der Cuvée Tradition Rouge 2010 ist es nicht Syrah, sondern Grenache, die den Löwenanteil ausmacht. Grenache und Cabernet (und ein wenig Merlot) passt allerdings auch. Und die Hoeschs schaffen es, einen Wein zu kreieren, der zunächst nach Grenache schmeckt, so fruchtbetont und saftig, bei dem allerdings dann der Cabernet immer prägnanter wird. So als würde man in einen Dekanter, halbvoll mit Grenache, langsam den Cabernet einfließen lassen. Das ist großartig, vor allem, wenn sich der Wein öffnet. Schon die Einstiegscuvée – ok, sie kostet hier so viel wie bei anderen das Spitzenprodukt – zeigt Dichte und Komplexität und eine ungemein samtige Textur. Es dürfte das Prinzip des Weinguts sein, Weine mit Charakter zu produzieren, die trotzdem nicht zu kantig sind sondern Schmelz und Feinheit besitzen. Hier kommen also Gewürze, Pfeffer mit jeder Menge Frucht von Kirschen und Cassis zusammen und oben drauf noch Schokolade, Mokka und ein Hauch von Süßholz. In der Provence sind Weine von solche Klasse vergleichsweise selten.

Sylvain und Henning Hoesch, © Weingut

Sylvain und Henning Hoesch, © Richeaume

Typischer als der Tradition rouge ist der Tradition Blanc. In der Tradition Blanc 2011 wird Rolle, wie der Vermentino hier auch heißt, mit Clairette zu einer Cuvée geformt, die zunächst zart nach Mandelblüten und leichten Birnen und Quittennoten duftet, wo dann mit zunehmender Luft jedoch deutlich der Kalkstein Einzug hält. Je offener der Weiße wird, desto vielschichtiger wird er und desto schöner ergänzen sich Frucht, Kräuter und Gestein. Diesem Wein kommt zugute, dass ich Weißweine aus dieser Gegend, also von der Rhône runter bis an die spanische Grenze und darüber hinaus immer lieber trinken mag. Hier ist die Frucht nicht zu üppig, die Weine tragen oft eine herbe, sehr kräutrige Note und of steinige Note mit sich, die mir ausgesprochen gut gefällt. auch hier ist es so, dass der Wein, wie schon der Rote, viel Harmonie ausstrahlt. Das ist kein Freakwein, keiner mit zu vielen Ecken und Kanten – wie ich es auch durchaus mag, aber auch nicht immer, aber das ist Stoff, der sich die nächsten Jahre noch deutlich weiter entwickeln dürfte.

© Richeaume

Zum Schluss schließlich der Rosé, der mittlerweile auch Tradition heißt. Wahrscheinlich habe ich Anfang der Neunziger zum ersten Mal einen Rosé von Richeaume probiert und er ist mir immer in Erinnerung geblieben. Der Tradition Rosé 2012 ist ein lachsfarbener Provence-Rosé, wie er hier farblich üblich ist, vielleicht etwas kräftiger als die meisten anderen, die ich aus der Gegend so kenne, doch immer noch typisch. Auch in der Nase ist es Provence. Etwas Himbeer, aber auch Kirsche, Apfel, aber auch Holunderblüte, Kräuter und Mandelblüte und dann wieder der Kalkstein. Der kommt auch hier wieder, nachdem der Wein Sauerstoff bekommen hat. Dann wird die Note markant und kräftig. Sie bestimmt den Geschmack am Gaumen, wird begleitet von Kräutern und saftiger Frucht, vor allem aber auch von Zitronennoten und besagter Kräutermischung. Diese Flasche Wein hat keine Stunde überdauert. So saftig und lecker war dieser Rosé aus Grenache und Cinsault. Ein gutes Zeichen, oder?

Die Weine gibt es bei vinaturel, die mir die Flaschen freundlicherweise auch zur Verfügung gestellt haben. Der Tradition Rosé kostet € 15,-, Tradition Rouge und Tradition Blanc je € 17.50


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