Wenn ich momentan ein Weingut des Toskana favorisiere, dann ist es Querciabella. Nicht nur die Art, wie man sich gibt, das professionelle Auftreten, die klare, feine Gestaltung, das ausgezeichnete Marketing, die konsequent biodynamische Anbauweise, die nachhaltige Wirtschaftsweise sind eine Klasse für sich, es sind vor allem die Weine.
Wenn ich Toskana trinke, dann will ich Eleganz, Finesse und das wenn möglich mit dieser so einzigartigen Form einer deutlichen, doch perfekt eingebundenen Säure. Bei Querciabella bekomme ich das. Schon der Chianti Classico bietet mir viel Genuss. Mehr noch bekomme ich beim diesjährig vorgestellten Turpino, einer modernen Cuvée aus doppelt Cabernet Franc, Syrah und Merlot. Es ist ein moderner Wein, den man hier lanciert hat, keine Frage. alle Weine von Querciabella sind modern. Für Toskana-Puristen ist es vielleicht nicht das Richtige aber was ist heute schon noch Toskana-Purismus?
Hier wird Wein erzeugt, der mit guten Bordeaux oder Burgundern auf einer Augenhöhe liegen will. Das finde auch ich manchmal etwas irritierend denn eigentlich möchte ich gerne die Herkunft eines Weines erahnen können. Hier kann ich das nicht zwingend. Hier kann ich allerdings etwas anderes erahnen, die Herkunft in Bezug auf das Weingut. Das ist auch schon was und, zugegeben, dieser prägnante Stil des Hauses fasziniert mich. Da trifft es sich gut, dass ich auf der Vinitaly das Glück hatte, gleich eine ganze Reihe der beiden Premium-Weine probieren zu dürfen – den vom Cabernet dominierten Camartina und die weiße, Batàr genannte Cuvée aus Chardonnay und Pinot Bianco. Beim Camartina bin ich sehr glücklich, dass ich eine einzelne Flasche 2006er mein Eigen nenne und diesen irgendwann, wenn die Zeit gekommen ist, als Pirat in eine Bordeaux-Probe schleusen werde.
Vom Batàr hätte ich gerne ein paar Flaschen. Diese Cuvée, die jung an so ausgezeichneten Burgunder erinnert wie Batàr an Batard-Montrachet, entwickelt im Laufe der Jahre jedoch einen individuellen Charakter, der nicht zuletzt vom Weißburgunder mitbestimmt wird. Er gehört für mich zu den großen Weißweinen Italiens. Viele gibt es ja eh nicht und mir ist gar nicht so ganz klar, wer diesem Wein in Italien überhaupt das Wasser reichen kann, Angelo Gajas Rossj-Bass, ja, Vie di Romans? Der ein oder andere gereifte Wein der Tenuta Terlan vielleicht? Wer kann, sollte sich mal mit Batàr beschäftigen, 1998 und 2004 machen großen Spaß und haben noch diverse Jahre vor sich, 2007 und 2011 sind natürlich noch viel zu jung.
Es ist schon ein paar Jahre her, da bin ich über ein paar Rieslinge des Weinguts von Racknitz gestolpert. Freifrau von Racknitz-Adams hatte einige Zeit zuvor, genauer gesagt 2003, mit ihrem Mann Matthias Adams ein ehrgeiziges Projekt realisiert. Sie haben auf dem Besitz ihrer Familie, dem Gut des ehemaligen Klosters Disibodenberg, ein neues Weingut gegründet. Neu nicht im eigentlichen Sinn, denn Weinbau wird rund um das Kloster schon seit tausend Jahren betrieben, aber neu nach ihren eigenen Maßstäben.

Die Voraussetzung für gute Weine war dabei in hohem Maße gegeben und diese Voraussetzung wollten die beiden nutzen. Der Besitz der Familie auf dem Disibodenberg ist ein ganz alter. Und zwar einer, der nicht nur allgemein historisch interessant ist, immerhin hat Hildegard von Bingen viele Jahre im dortigen Kloster verbracht und einige ihrer wichtigsten Schriften am Disibodenberg verfasst, er hat auch weinhistorisch Einiges zu bieten. Denn vor nicht allzu langer Zeit haben die beiden in einem noch gänzlich der Natur überlassenen Teil des Weinbergs eine ganze Menge teils uralter Rebsorten gefunden, Rebsorten, die es vielleicht in der genetischen Reinheit nur noch dort am Disibodenberg gibt. Um diesen Besonderheiten einmal tiefer auf den Grund zu gehen habe ich mich längst mit Matthias Adams zu einem Podcast verabredet, der dann irgendwann auch hier erscheinen wird wenn ich mich in Hamburg mal so weit sortiert habe, dass ich es dann auch wieder in die Weingebiete schaffe, die plötzlich so weit entfernt liegen.
Zurück zum Thema. Ich habe vor einigen Jahren ein paar Weine vom Weingut von Racknitz probiert und auch in diesem Blog besprochen und hatte damals das Gefühl, dass die Weine in eine besondere Richtung gingen, die ich wirklich gut fand. Trotzdem erschienen sie mir zu teuer, was ich damals auch ziemlich unverblümt geschrieben habe. Auch wenn ich noch derselben Meinung wäre, würde ich das heute nicht mehr so formulieren. Und wie auch immer die ambitionierten Preise damals zustande gekommen sind – ich kann es mir denken, denn die Form des Weinmachens, die Racknitz-Adams gewählt haben, ist aufwendig – heute bin ich der festen Überzeugung, dass von Racknitz' Weine jeden Penny wert sind.
Der Weg, den die beiden damals eingeschlagen haben – und man muss dazu sagen, dass Matthias Adams aus einem ganz anderen Bereich kam und das Weinmachen im Schnelldurchgang erlernt und sich im Laufe der Jahre einfach ganz tief in das Thema hineingekniet hat – war und ist im wahrsten Sinne des Wortes steinig. Die Racknitz-Weine wollen ganz explizit Terroir-Weine sein. Und dies sind sie im Laufe der Jahre auch immer stärker geworden. Dass die Rieslinge der zweiten Qualitätsstufe Riesling vom Schiefer und Riesling vom Vulkangestein heißen, ist entsprechend konsequent. Mittlerweile ist noch ein dritter Riesling hinzu kommen, nämlich der Riesling vom Kieselstein und ich bin schon sehr gespannt, wie diese drei dann nebeneinander wirken.
Hier geht es mir, ich weiß, ich habe etwas weiter ausgeholt, jedoch um die Einstiegsqualität des Weingutes. Einmal Riesling trocken, einmal Rivaner, der anderswo auch gerne mal Müller-Thurgau heißt. Beide Weine zeichnen sich, und wir reden hier von Weinen, die zwischen fünf und acht Euro kosten, durch einen erstaunlichen Extraktreichtum aus, durch eine, für diese Preisklasse, fast sensationelle Tiefe und Länge und durch eine markante Würze, die ebenfalls selten ist für die Einstiegsklasse. Gerade der Rivaner hat mich begeistert denn hier findet sich ein ernsthafter Wein im Glas, der trotzdem frisch und unkompliziert bleibt, den man schnell zum Alltags-Sommerwein erklären kann und mehrfach genossen nicht langweilig wird. Denn, was bei den größeren Weinen jener Weingüter typisch ist, die Slow Wine produzieren, gilt auch für die Gutsweine: Der Winzer lässt ihnen Zeit, zu reifen. Entsprechend sollten wir ihnen etwas Zeit geben, dass sie sich im Glas entwickeln. Die Weine bedanken sich dafür, indem sie im Laufe des Abends eine ganze Fülle von Facetten offenbaren. So auch beim Riesling. Zu Beginn steht der Extrakt im Vordergrund, untermalt von einer feinen Cremigkeit. Dann schieben sich nach und nach Fruchtaromen in den Vordergrund. Pfirsich, Bitterorange, etwas Mango, dazu Kräuter und wieder eine klare Würze, ein Ausdruck des Bodens, auf dem der Riesling gewachsen ist. Beide Vertreter zeigen sehr gut, was man bei Weinen von diesem Weingut erwarten kann. Sie bieten sehr viel Trinkspaß ohne oberflächlich und gefällig zu sein. Je näher man dann zu den Lagenweinen kommt, desto interessanter wird es, sich länger mit den Weinen auseinander zu setzen.
Sie kommen spät, aber sie kommen, die großen Nummern in der Champagne. Im Gegensatz zu dem Output der großen Häuser und Genossenschaften umfasst das, von dem ich bisher gesprochen habe, also die Weine der Winzer, ein Promille. Nicht in der Qualität, aber in der Produktion.
In der Champagne gibt es übrigens sehr unterschiedlichen Typen zugelassener Winzer. Die, die wir bisher kennengelernt haben, sind die RMs und die NMs. Die Récoltants-Manipulants produzieren Champagner lediglich aus eigenen Trauben. Das ist die absolute Minderheit. Viele Winzer, auch kleine, kaufen Traubenmaterial dazu, nicht zuletzt deshalb, weil es ihnen nicht möglich ist, zusätzliches Land zu erwerben. Diese nennt man dann Négociant-Manipulant, Winzer, die gleichzeitig auch mit Traubenmaterial handeln dürfen. Hinzu kommen die CMs, die Coopérative-Manipulante, Genossenschaften, die Champagner erzeugen. Nicolas Feuilatte beispielsweise ist der Handelsname einer Genossenschaft, er suggeriert einen einzelnen Winzer, dahinter stehen jedoch Hunderte. Bleibt noch die MA, die Marque d’Acheteur, die Handelsmarke. Die Abkürzung steht dann beispielsweise auf einer Flasche Veuve Monsigny.
Die vorletzte Begegnung des Abends hatten die Häuser Billecart-Salmon und Alain Thienot. Billecart-Salmon gehört zum gestandenen Adel der Region, distinguiert, zurückhaltend, qualitätsorientiert, gediegen. Alain Thienot ist Selfmade-Man, hat in den achtziger Jahren ziemlich viel Land in der Champagne gekauft, selbst von Krug, mittlerweile hat er auch einiges im Bordeaux erworben. So ungleich die Winzer, so ungleich sind auch die Champagner. Die einzige Gemeinsamkeit ist auch hier wieder die Rebsorte. Billecart-Salmons Millèsime Brut stammt aus dem Jahr 1998 und stammt aus ganz verschiedenen Lagen der Côte de Blancs, der La Vigne aux Gamins stammt aus einer Einzellage in Avize aus dem Jahr 1999.
Blanc de Blancs Brut 1998, Billecart-Salmon
Die Familie der Billecart lebt seit dem 16. Jahrhundert in Mareuil-sur-Aÿ . Das Champagnerhaus wurde 1818 gegründet und befindet sich immer noch im mehrheitlichen Besitz der Familie. Es ist ein Produkt der Heirat zwischen Nicolas François Billecart und Elisabeth Salmon, die einen nicht unbeträchtlichen Besitz in Chouilly, in der Côte des Blancs, beigesteuert hat. Billecart besitzt 15 Hektar, sieben in Damery, Marne, vier an der Côte de Blancs, und zwar in Chouilly, Avize und Le Mesnil, sowie vier Hektar in Aÿ und Mareuil-sur-Aÿ. 50 weitere Hektar sind gepachtet, dazu Trauben von 100 weiteren Hektar hinzugekauft. Die Familie besitzt vier Presshäuser in Mareuil-sur-Aÿ, Mailly, Le Mesnil-sur-Oger und Damery.
Im Gegensatz zu den meisten Winzerchampagnern ist es bei den größeren Produzenten üblich, relativ früh zu ernten, der Alkoholgehalt liegt üblicherweise bei 10%. In den so genannten Häusern, den klassischen Champagner-Produzenten, wird viel mehr im Keller gemacht als bei den Winzern. Gilt dort eher das Prinzip, aus einer Lage und einem Jahrgang das Beste herauszuholen und schon viel mehr dafür im Weinberg zu unternehmen, können und wollen sich die großen Häuser Jahrgangsschwankungen bei den meisten Weinen gar nicht leisten. Der Kunde möchte dies nicht. Und die Tradition ist eindeutig. Wer Champagner eines renommierten Hauses kauft, möchte eine gleichbleibende, nicht allzu schwankende Qualität. Die Jahrgangschampagner werden dementsprechend nur in den guten Jahrgängen produziert und allein sie bringen eine gewisse Individualität, auch wenn diese begrenzt bleibt. Das hat alles sein Für und Wider und spricht auch keineswegs gegen die vorhandene Qualität eines Stils. Für mich gehören Krugs Champagner beispielsweise zum Besten, was ich kenne – auch und gerade wegen des gleichbleibenden Stils. Nur ist der Ansatz eben ein anderer.
©:Billecart-SalmonSeit 2001 gibt es, um auf Billecart-Salmon zurückzukommen, eine ultramoderne Kellerei in Mareuil. Das Haus ist bekannt für eine doppelte Klärung, speziell bei der zweiten wird der Most abgekühlt auf unter 5 Grad, wobei die Trubstoffe ausflocken, dann wird der Most auf bis 15 Grad langsam erwärmt und es beginnt die Gärung. Das alles passiert ohne Enzyme, Filterung oder Zentrifugen. Die Gärung verläuft über 5 Wochen, danach bleibt der Wein auf den Trubstoffen für ca. 5 Monate mit zweiwöchiger Battonage.
Der Wein selber war ganz ausgezeichnet. Ich glaube, er hat es hinter den so individuellen Persönlichkeiten der Winzer-Champagner etwas schwer gehabt, da er seidiger ist, feiner, eleganter, ja aristokratischer. Aber was für ein ausgezeichneter Blanc de Blancs: Reich an Frucht und rassig, mit süßem Brot, eine Verbindung aus Brioche und Shortbread. Neben der Frucht findet sich deutliche Mineralik und eine feine Säure. Dabei ist der Wein crémig und reif mit einem langen Abgang.
La Vigne aux Gamins 1999, Brut Blanc de Blancs, Champagne Thienot
Die Familie Thienot gehört zu den Aufsteigern in der Champagner-Szene. Vom ganzen Habitus und der Größe, die sie erreicht hat, aber auch vom Selbstverständnis her und von der Ausrichtung der Marken gehört sie mit zum vorderen Feld in der Champagne. Die Familie besitzt über 30 Hektar guter und sehr guter Lagen und ein Kleinod, einen alten Weinberg in Avize, eine mit Chardonnay bestockte Grand Cru Lage. Diese wird unter dem Namen La Vigne aux Gamins seit dem Jahrgang 1996 als Einzellage ausgebaut. Der deutsche Importeur bewirbt den Wein mit folgender Aussage: die Clos des Mesnil von Selosse und Krug spielen nicht in einer anderen Liga. Ich muss sagen, ich fand das ein wenig hochgegriffen. Eigentlich hat dieser Champagner bei uns keinen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen. Er hatte nicht den ausgleichenden Charakter der Billecarts und Taittingers und auch nicht den eigenen, kompromisslosen der formidablen Winzer. Zudem wirkte er trotz Dekantierens ziemlich verschlossen. Trotzdem, da ist viel Substanz, viel prägnante Säure, Kraft und auch Balance und man sollte ihm nicht Unrecht tun, er braucht wohl noch mehr Zeit.
Les Chênes 2004, Cumières Premier Cru Brut Nature, Georges Laval
Wie bei Dufour kann man auch die Lavals lange suchen, bevor man sie findet. Es gibt lediglich ein kleines Klingelschild. Trotz des Understatements findet man hier eine der feinsten und ungewöhnlichsten Adressen in der Champagne. Das wissen die Lavals und entsprechend sind auch die Preise. Der Einstiegswein beginnt in Deutschland bei knapp € 50 und die Linie endet bei knapp unter € 200 Euro. Das ist schon ein Wort, und es ist ungewöhnlich für Winzer, solche Preise zu nehmen, die höher liegen als manche Prestigecuvée berühmter Häuser, doch die Preispolitik scheint zu funktionieren.
Die Lavals bauen seit 4 Generationen Wein an, Georges Laval begann mit eigener Abfüllung 1971, der Sohn Vincent arbeitet seit 1991 mit und ist seit 1996 für den Keller verantwortlich. Die Lavals besitzen lediglich 2,5 Hektar inklusive einem halben Hektar Meunier in Chambrecy, dessen Ertrag an den Nego verkauft wird. Die restlichen zwei Hektar liegen alle in Grand Cru Lagen in Cumières und sind 30 bis 70 Jahre alt. Biologisch-organisch wird schon seit 1971 gearbeitet, womit die Lavals zu den ersten Winzern gehören, die gänzlich auf Chemie im Weinberg verzichtet haben. Die Trauben werden in traditionellen Conquard-Pressen gepresst, und zwar in den kleinen für 2.000 Kilo. Bei Laval wird sehr reif gelesen – der Blanc de Blancs beispielsweise bei 11,5% Alkohol, das merkt man den Weinen immer an. Hinzu kommt der Verzicht auf Chaptalisation, dafür gibt es Spontanvergärung, keine Schönung, keine Filtration, keine Stabilisierung und ein minimaler Einsatz von Schwefel, der immer unter 20 mg bleibt.
Vincent Laval | Foto links ©: Thomas Iversen, Mad about Wine, Foto rechts ©:Familie LavalWir haben es hier mit dem Blanc de Blancs Les Chênes, also im besten Sinne mit einem Naturprodukt zu tun, von einem Winzer mit Minimalertrag – 1.776 Flaschen wurden abgefüllt, dazu 10(!) Magnums. Irgendwer sagte mal, dass Laval sehr guten Burgunder mit Bläschen herstellen würde, und ich finde, dass das eine gute Beschreibung ist. Der Champagner ist sehr burgundisch weinig und dafür aber wenig Champagner, viel weniger als beispielsweise La Bolorée. Und wenn Cedric Bouchard weniger Druck auf den Flaschen hat als üblich, würde es mich bei Laval nicht wundern, wenn das bei ihm genauso wäre. Der Champagner ist außerdem sehr reif, aber nicht überreif, deutlich mineralisch und kalkig – kein Wunder, das Terrain ist reiner Kreidekalk mit einer geringen Auflage von 40 cm. In der Nase finden sich Maracuja und Zitronen, Honig und Brotteig, am Gaumen explodiert die Maracuja geradezu, dazu kommen Mango und Limette sowie Steinobst. Auch hier Kalk, Mineralität, gute Säure, alles sehr dicht und noch gar nicht richtig offen. Der Wein ist, wie viele an diesem Abend, einfach noch zu jung, aber das ist nicht wirklich schlimm. Er ist jetzt schon ausgezeichnet, die Maracuja vielleicht im Moment noch zu vordergründig, es fehlt ein wenig die Balance und Feinheit, aber bitte, geben wir auch ihm noch Zeit, dann wird das ein ganz großer Wein, das finde ich hier viel deutlicher als beim Vigne aux Gamins.
Comtes de Champagne 2000, Blanc de Blancs, Taittinger
Fein, subtil, elegant und voll ist der Comtes de Champagne von Taittinger und auch bei einer verdeckten Verkostung wäre deutlich geworden, dass wir es hier mit einem Spitzenprodukt aus großem Haus zu tun haben. Zu deutlich ist der Unterschied zum Stil der Lavals, Bouchards oder Bérèches. Er repräsentiert den Stil des Hauses Taittinger, bei dem Eleganz über Fülle und Expressivität steht, sehr gut und ich denke, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet ein Blanc de Blancs als Préstigecuvée diesen Stil in seiner reinsten Form wiedergibt. Der Wein stammt aus den besten Lagen der Côte de Blancs, vornehmlich aus Avize, Le Mesnil, Oger, Chouilly und Cramant. Mittlerweile wird dem Jahrgang eine kleine Menge Resèrvewein hinzugefügt, der aus dem Holzfass stammt. Der 2000er gehört nicht zu den größten Jahrgängen und ist nicht so eindrücklich wie beispielsweise der 1996er Comtes de Champagne, wirkte aber durchaus elegant und schon ziemlich offen, mit einer ausgezeichneten Balance und Länge. Das macht schon sehr viel Spaß.
Taittinger wurde übrigens 1734 von Jacques Fourneaux gegründet und 1930 von den Taittingers erworben. 1942 wurde das Haus am Place Saint-Niçaise in Reims etabliert, auf den Grundmauern einer alten Abtei und deren Kreidegängen, die teils ins 4. Jh zurückdatieren. Die Gebrüder François und Claude haben sich viel Reputation erworben, nachdem sie ihren bei einem Autounfall gestorbenen Vater sehr früh in der Leitung ersetzen mussten. Heute trägt Pierre-Emmanuel Taittinger die Verantwortung. Das Haus gehörte längere Zeit zur Gruppe Société du Louvre, die 2005 von einer Kapitalgesellschaft gekauft wurde. Da diese mehr Interesse an anderen Teilen des Konglomerats hatte, konnten Taittingers das Haus zurückkaufen. Ich selber habe bei der Auswahl der Weine bewusst Taittinger und Billecart-Salmon genommen. Dabei war für mich nicht nur die Qualität entscheidend, sondern auch der Umstand, dass sich die Güter in Familienbesitz befinden und nicht zu einem Großkonzern gehören.
Foto ©: CIVCWenn ich den Blanc de Blancs-Abend Revue passieren lasse, kann man kaum darüber streiten, dass die Champagner der Winzer individueller, charakteristischer, klarer, präziser waren und letztlich im Ganzen mehr Persönlichkeit aufwiesen als die der größeren Hersteller. Billecart und Taittinger dagegen trumpfen mit ihrer Balance, der Finesse, Elegance und ihrer Breite. Ich persönlich hätte mich, wenn ich die Weine in eine Ordnung hätte bringen sollen, an diesem Abend vor allem anderen für Léclaparts L’Apôtre und Cédric Bouchards La Bolorée entschieden, dicht gefolgt von Taittinger und Laval. Doch untern Strich ist das nicht entscheidend. Wichtiger war es, zu sehen, welch enorme Bandbreite bei qualitativer Dichte an diesem Abend vorhanden war. Ich erinnere mich gerne an die Brillianz von Bérèche und Larmandier-Bernier, die Fülle von de Sousa im unteren Preisbereich. Der Abend war entsprechend schon beeindruckend, bevor die richtigen Highlights kamen.
Bevor ich zum letzten Teil der Serie über Blanc de Blancs Champagner komme, wo sich der renommierte Kleinwinzer Vincent Laval mit Billecart-Salmon, André Thinault und dem Comte de Champagne misst, möchte ich gerne einen Champagner vorstellen, der so ungewöhnlich wie selten ist. In Wahrheit hätte ich gerne zwei aus Pinot Blanc gekelterte Champagner vorgestellt doch der 1999er Ligne 79 von Champagne Charles Dufour hatte leider Kork. Bleibtalso ein Wein, der für mich persönlich der Star des Abends war. Wenn ich den Geschmack dieses Champagners jetzt, während ich schreibe, erinnere, frage ich mich, warum sich nicht mehr Winzer trauen, das Potential und den Charakter des Weißburgunders für ihre Zwecke zu nutzen. Wenn es gut gemacht, und bei Bouchard ist es gut gemacht, hat man einen charakterstarken Individualisten im Glas, einen mit Tiefe, mit Eleganz, mit Länge und mit Stoff. Doch ausser den beiden Winzern kenne ich momentan keinen Winzer in der gesamten Champagne, der einen reinsortigen Weißburgunder Blanc de Blancs keltern würde.
Die vier kleinen Rebsorten, die neben Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier erlaubt sind führen in der Champagne wahrhaft ein Schattendasein. Arbane, Petit Meslier, Pinot Gris und Pinot Blanc, denn um die handelt es sich, werden auf gerade einmal 90 Hektar kultiviert. Das ist bei einer Gesamtfläche von über 33.000 Hektar so gut wie nichts. Arbane und Petit Meslier sind wirkliche Exoten, uralte, französische, etwas divenhafte, spätreifende Rebsorten, die nur noch aus Traditiongründen angebaut werden und meist in kleinen Mengen anonym in den Wein wandern. Lediglich von Olivier Horiot aus Les Riceys weiss ich, dass er in seinem 5 Senses neben den drei Hauptrebsorten auch Pinot Blanc und Arbane erwähnt.
Bei Cédric Bouchard war es mehr Zufall als Leidenschaft für den Pinot Blanc, der ihn dazu geführt hat, diesen reinsortig auszubauen denn er hat vor einigen Jahren eine Parzelle Land kaufen können die mit Pinot Blanc, mit altem Pinot Blanc bestockt war, wie er erst nach dem Kauf herausgefunden hat. Bouchard selber verfügt lediglich über knapp einen Hektar eigener Weinberge, die sein Vater ihm gegeben hat. Hinzu kommen ein paar Hektar, die er bis 2015 pachten konnte. In der Champagne ist es so schwierig, Land zu kaufen, dass häufig das Los entscheidet. So war es auch bei der 0,2107 ha Parzelle La Bolorée. Es gab mehrere Interessenten und Bouchard hatte das Glück, dass das Los auf ihn viel. Als er das erste Mal auf den Land durfte – er hatte das Stück auf gut Glück erworben – fand er neben der Tatsache, das er alte Pinot Blanc-Stöcke trug heraus, das er nun seine erste Parzelle mit Kreideunterlage zu seinem Besitz zählen durfte. Bisher hatte er lediglich Argilo-Calcaire, und nun also auch die Möglichkeit, ein neues Individuum mit aufzunehmen.
Cédric Bouchard und seine Tanks | Fotos ©: Thomas Iversen, Mad about WineCédric Bouchard gehört zu den großen Individualisten der Champagne, ähnlich wie Selosse, Prévost, Leclapart oder Lassaigne und doch wieder ganz anders. Er mag eigentlich gar nicht so gerne Champagner, er mag die Bläschen nicht. Deshalb reduziert er den Druck von üblichen 6 bar auf 4.5 bar. Er mag auch, im Gegensatz zu Selosse und Schülern, kein Holz. Alles, was er produziert, macht er im Edelstahl. Holz, so sagt er, fügt etwas hinzu, was eigentlich nicht da ist. Das mag er nicht, also lässt er es. Seine Weine entstammen immer einer Rebsorte, einer Lage, einem Jahrgang. Es wird nicht chaptalisiert, nicht gefiltert, nicht geschönt, nicht dosiert. Einzig ein wenig Schwefel als Stabilisator kommt hinzu. Dafür hat er noch keinen Ersatz gefunden. Ansonsten sind diese Weine absolut pur.
Was unterm Strich nach 38 Monaten Hefelager herauskommt sind um die 900 Flaschen voll purer Energie. Für eine Probe ist der Wein tendenziell schwierig. Er ist noch zu jung, er braucht Luft, er entwickelt sich über Stunden. Es ist ein großer Wein. Und wie bei großen Burgundern gibt man ihnen Jahre, bis man sie öffnet, und Stunden, in denen man sich mit ihnen beschäftigt. Das alles haben wir nicht getan, auch wenn ich frühzeitig geöffnet und dekantiert habe. Trotzdem war für mich die Größe dieses Champagners klar zu schmecken. Ein duftiger und leicht fruchtiger Wein, mineralisch, dicht, leicht würzig, etwas feuersteinig, mit einem Hauch von Heu und Tee in der Nase. Am Gaumen ein Wechselspiel von kreidiger Mineralität, ja nasser Kreide, Aromen von exotischen Früchten (Mango), reifen Grapefruit, Limettenschalen, etwas Honig, etwas Ingwer sogar. Der reduzierte Druck reicht völlig aus, um den Champagner Champagner sein zu lassen. Der Rest ist gar nicht klar zu vergleichen. La Bolorée steht einfach für sich.