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In Neuseeland – Teil 6: Richtung Martinborough, bei Ata Rangi

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Von Hawke’s Bay aus geht es mit der Bombardier Turbo-Prop weiter nach Martinborough – allerdings mit einem klitzekleinen Abstecher nach Wellington. Während der Fluges über genau jene Berge, die ich am nächsten Morgen mit dem Auto wieder überqueren muss, wird das Wetter schlechter und mir wird bewusst, dass ich ab dem Flughafen nicht nur selbst fahren muss (links natürlich), sondern durch Regen und Rush-Hour auch noch das erste Mal rechts lenken werde. Bisher bin ich in UK immer mit dem eigenen Wagen unterwegs gewesen, das Rechtslenken ist durchaus noch mal etwas, worauf ich mich neu konzentrieren muss. Das Hotel in Wellington mit Blick über die Stadt ist derart, dass ich länger bleiben möchte als eine kurze Nacht. Doch ich habe keine Wahl, ich will nach Martinborough. Und wer ein wenig mehr über Wellington lesen will, der sollte zwischenzeitlich beim Küchenjungen vorbeilesen, der war da länger – und zwar etwa zwei Wochen vor mir.

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So kommt es, dass man, wenn man genau vergleicht ein paar Ähnlichkeiten findet. Und zwar in der Essensauswahl des Ladens, wo ich unbedingt hin wollte: Duke Carvell’s No. 6. Und so esse ich blood sausage scotch egg with mojo verde, roast bone marrow with coriander, caper, black vinegar & toasted sourdough, Cauliflower with preserved lemon & pistaccio, pan roasted fish with fennel, green olive & feta sowie wild fennel ice cream with almond & olive oil sponge and pear. Der Fisch war etwas langweilig. Dafür aber absolut ungewöhnlich das Ei in der Blutwurst und natürlich großartig der Markknochen zum Auslutschen. Das Wildfenchel-Eis muss ich unbedingt mal selber nachmachen. Ich habe abends üblicherweise ein paar verschiedene Craftbeers betrunken, so dass ich über die zwei Wochen hinweg auch einen ganz guten Überblick über die Bierszene bekommen habe. Ich ziehe seitdem die Möglichkeit in Betracht, mal mit dem neuseeländischen Bierverband… ach nee, lassen wir das vorerst.

Martinborough_02Erst mit dem Flieger über die Berge und dann mit dem Auto zurück.

Am nächsten Morgen geht es durch regnerische Täler und dann die Serpentinen immer höher zum Pass und dann ins Tal des Wairarapa nach Martinborough, einer 1.500-Seelengemeinde, die Hauptstadt eines der kleinen Weinbaugebiete der Nordinsel ist. Wairarapa ist sehr viel mehr meins, entspricht meiner Idee von Weinbau viel mehr, als es das in Hawke’s Bay getan hat. Ich kann da nicht aus meiner Haut raus. Ich bin wohl zu sehr im deutschen Weinbau verwurzelt um riesige Weingüter wie Villa Maria oder so große Investitionsobjekte wie Elephant Hill wirklich sexy finden zu können. Unabhängig davon, dass ich viele der Weine trotzdem schätzen gelernt habe.

Ata Rangi
Doch wie anders ist es, durch das Tor von Ata Rangi zu schlendern, einem der angesehensten und ältesten Weingüter Neuseelands (mit „ältesten“ meine ich jetzt die Neuzeit und nicht jene, die vor der Prohibition schon mal ein paar Flaschen erzeugt haben), um auf ein paar kleine Holzhäuser zu treffen, die mehr oder weniger mitten zwischen den Reben stehen. Die langjährige Weinmacherin Helen Masters fällt erst einmal gut gelaunt allen Mitarbeitern um den Hals und macht ein paar Witze. Und nicht nur sie, der ganze Laden scheint bester Laune zu sein, inklusive der Winzerlegende, quasi dem Gründervater Clive Paton, der mal kurz vorbeischneit. Clive hat das Weingut 1980 gegründet und war mit drei anderen Verrückten der erste, der das Experiment „Weinbau in Martinborough“ begonnen hat. Von dieser frühen Gründung profitiert Helen Masters ganz klar, wie sie sagt und wie man es auch schmecken kann. Denn das Alter der Rebstöcke, selbst wenn es, was Pinot und Chardonnay angeht, nach heutigem Wissenstand nicht immer die geeignetsten Klone sein mögen, bringt mehr Tiefe in den Wein. Ata Rangi zeigt dabei exemplarisch, wo es mit dem neuseeländischen Weinbau hingeht, wenn man gleichzeitig so akribisch an der Qualität arbeitet, wie man es auf diesem biologisch zertifzierten Weingut tut.

Ata Rangi Wairarapa, das heißt aus der Maori-Sprache übersetzt so viel wie Neuanfang am glitzernden Wasser. Das Weingut, um bei Maori zu bleiben, hat 2010 zusammen mit Felton Road in Central Otago den Titel Tipuranga Teitei o Aotearoa erhalten, was so viel heißt wie Grand Cru of New Zealand. Der Titel belegt die Sonderstellung, die das Weingut hat.

Martinborough_03 Der Home-Block und einer dieser herrlichen Bäume, die in Neuseeland zu finden sind.

Begonnen hat das Ganze auf einer Schafswiese. Dort hat Clive die ersten Weinstöcke gepflanzt, nachdem er seine Milchvieh-Herde verkauft hatte. Ich habe ja schon weiter oben den Begriff Verrückter in Zusammenhang mit Clive erwähnt und tatsächlich haben ihn die Nachbarn und Freunde für Verrückt gehalten. Es hatte zwar schon mal ein paar Versuche mit Weinbau in Gladstone gegeben, doch das war damals mehr als hundert Jahre her und 1980 hat eigentlich niemand dem Weinbau in Neuseeland eine große Zukunft voraus gesagt. Eine der wenigen, die an das geglaubt hat, was Clive vorhatte, war seine Schwester Ali, die, bevor sie eine Zeit nach England ging, in direkter Nachbarschaft einige weitere Hektar gekauft hat, um sie Clive für das Weinbauprojekt zu überlassen. Damals bestand der heutigen Weinort aus einigen Hütten, zwei Pubs und einer Fish’n’Chips-Bude und Clive verkaufte die ersten Jahre Gemüse, dass er zwischen den Rebzeilen anbaute. Diese Jahre waren weder für ihn noch die Reben einfach denn der Wind pfeift ordentlich über die Ebene.

Martinborough_10Blick über die freie Ebene

Wairarapas Klima
Wairarapa ist zum Süden hin offen zum Pazifik und von dort, aus dem Süden kommt die kalte Luft der Antarktis. Die sorgt in diesem Gebiet zum einen für gute Durchlüftung und damit für wenig Pilzdruck, zum anderen entsteht hier das entscheidend wichtige Cool Climate am 42ten südlichen Breitengrad. Gleichzeitig ist das Gebiet durch die Riutuka Ranges, die ich am Morgen überquert habe so stark vor Regen geschützt, dass das Gebiet mit 700mm Niederschlag der trockenste Ort der nördlichen Insel darstellt. Diese Voraussetzungen sind also schon mal nicht schlecht. Weshalb Clive allerdings damals den Entschluss gefasst hat, Rebstöcke zu pflanzen war eine wissenschaftlich durchgeführte Bodenanalyse, die den Böden und dem Mikroklima um Martinborough eine ähnliche Qualität beschieden hat wie es Teile des Burgunds haben. Was auch immer man von dieser Aussage halten mag, die Qualität speziell des Pinots ist unbestritten. Die Rebstöcke stehen vor allem auf alten Flussbetten, die heute 20 bis 30 Meter höher sind als das aktuelle Flussbett, und durch Erdbeben verschoben wurden. Über diesem alluvialen Schwemmland von 10 bis 30 Meter Tiefe liegen 30 bis 300mm dicke Löss- und Lehmschichten.

Wairarapa zählt heute 990 Hektar, was gerade einmal 2,8% der neuseeländischen Gesamtproduktion ausmacht. 326 Hektar davon sind mit dem omnipräsenten Sauvignon Blanc gepflanzt, 496 Hektar mit Pinot und den Rest teilen sich Chardonnay, Riesling, Pinot Gris und Syrah. Aufgrund der klimatischen Bedingungen trauen sich hier viel mehr Winzer, biologisch zu arbeiten und sich zertifizieren zu lassen als in Hawke’s Bay, wo es ja fast gegen null geht.

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Zurück zu Ata Rangi
Doch zurück zum ebenfalls ökologisch arbeitenden Betrieb Ata Rangi. Dort hat Clive Paton das große Glück gehabt, 1982 auf Malcolm Abel zu treffen. Bei diesem Weinmacher aus Auckland hat er einen Jahrgang mitgemacht, sie wurden Freunde – allerdings nur für kurze Zeit, denn Malcolm starb ein Jahr später. Der Auckland-Weingarten musste städtischer Bebauung weichen, doch Clive hatte bereits einige Stöcke des Pinot-Klones bekommen, der heute Gummistiefel-Klon, Abel-Klon oder Ata-Rangi-Klon genannt wird. Er stammt von einem Klon ab, denn jemand unberechtigter Weise auf Romanée-Conti entfernt und mit nach Neuseeland gebracht hatte. Da dort die Kontrollen am internationalen Flughafen bezüglich des Imports von organischem Material jedoch sehr streng sind, musste er den Rebstock abgeben. Malcolm wiederum hat damals, Mitte der 1970er als Zollbeamter am Flughafen gearbeitet und den Stock zur Staatlichen Weinbaubehörde geschickt, um ihn dort auf Rebläuse etc. untersuchen zu lassen. Als klar war, dass der Stock – den der Reisende nach eigener Aussage im Burgund in seinen Stiefel gesteckt hatte, daher der Name – sauber war, konnte er ihn pflanzen. Dieser Abel-Klon ist heute neben einem Dutzend anderer Klone das Herzstück der Pinot-Weingärten von Ata Rangi.

Martinborough_06Hulk Hogan, der Weinschreiber, die Winzerlegende Clive Paton & the winery dog

Die Weine von Ata Rangi
Doch bevor wir zum Pinot Noir kommen, probiere ich mit Helen die Weißweine. Helen hat 1990, auch eine nette Geschichte, kurz nach dem Abschluss der Schule einen Brief an die Patons geschrieben und gefragt, ob sie bei Ihnen Arbeiten können, was sie wenigen Wochen später dann auch direkt gemacht hat. Dann ist sie zum Studium gegangen und hat noch ein paar andere Orte aufgesucht, bis sie 2033 zurückgekehrt ist.

Der aktuelle Jahrgang des Graighall Rieslings ist der 2010er. Es sind 27 Jahre alte Reben in diesem trockenen Riesling und er ist eine Wucht. deutlich der beste Riesling, den ich bis dato außerhalb der deutschsprachigen Sphäre probiert habe. Langsam gepresst und spontan vergoren, keine Bewässerung im Weinberg (was normalerweise bis auf ganz wenige, ultratrockene Jahre für alle Weingärten zutrifft). Wunderbare tiefe Grapefruit- und Limettenfrucht mit herrlichem Druck am Gaumen. Dazu eine ganz leichte Ahnung von Holz, ein cremiges Mundgefühl, Mandelmus, Salzmandeln – ein toller Einstieg.

Martinborough_04Helen Master vor ihrem Home-Block und die völlig unscheinbare winery

Beim 2014er Sauvignon Blanc wird das Basismaterial auf vier unterschiedlichen Arten ausgebaut. Etwa 50% werden im Edelstahl ausgebaut. 20% werden direkt nach der Pressung in größeren Fässern spontan vergoren und auf der Hefe gelassen. 25 weitere Prozente gehen durch Malolaktik und ein kleiner weiterer Teil wird auf den Traubenhäuten vergoren. So entsteht ein knalltrockener und cremiger Sauvignon mit einer tiefen Frucht und üppig floralen Noten – weit entfernt von grasiggrünen und tropischen Clichées.

Vom Craighall Chardonnay 2013 möchte ich gerne eine Kiste, bitte! Die Mendoza-Klone, diese ultrakleinen, säurebetonten Beeren überzeugen in Neuseeland einfach auf ganzer Linie, sind mehr als dreißig Jahre alt und stehen dem Home Block genau gegenüber auf der anderen Straßenseite. Ein Teil des Craighall nennt sich bis heute Dry River, und genau das liegt hier im Untergrund: ausgetrocknetes Flussbett mit jeder Menge Kies, wenig Regen, keine Bewässerung, viel Wind und kühle Nächte. Das Ergebnis ist ein höchst energiegeladener und vibrierender Chardonnay der gleichzeitig elegant und komplex ist. Grapefruit und Zitrone, Steinfrucht in rauhen Mengen, dazu Feuerstein und abgebranntes Schwefelholz, etwas Butterfudge und Biskuitteig.

Etwas breiter präsentiert sich der Petrie Chardonnay 2013, der von lehmhaltigerem Boden stammt. Auch hier wieder viel Flint und Steinobst, etwas wärmere Noten, etwas breiter, meloniger, aber immer noch viel Zitrusfrucht, Säure und mineralische Noten. Hier ist nicht der Mendoza- Klon am Werk sondern Clone 15, der zu den Böden der Hügel, auf denen der Wein steht besser passt. Der Weinberg liegt in Gladstone und wird von der Petrie-Familie an Ata Rangi, Matua und Trinity Hill verpachtet.

Martinborough_08Blick in den Barrique-Raum, Querschnitt durch Hügel in Gladstone (Copyright Fotos links: Wairarapa Winegrowers)

Schließlich holt Helen noch einen 2011er Craighall hervor, der aus einem ganz hervorragenden Jahrgang stammt. Whole-Bunch-Pressing, wie es die Neuseeländer nennen, der Saft spontan in Barriques vergoren (25% neu) und neun Monate auf der Hefe gelassen. Neben den Grapefruits und Pfirsichen sind es Kräuter und florale Noten, die hier dominieren, der Pfirsich ist eher weiß als gelb, dazu kommt ein Hauch von Zimt und gebackenem Apfel. Sinnlich, saftig, Sonderklasse!

Mit dem Crimson Pinot Noir 2013 kommen wir zum Kerngeschäft von Ata Rangi. Das ist der Wein, den man trinken kann, während man darauf wartet, dass der ata Rangi Pinot Noir reift, der deutlich länger braucht. Der Crimson stammt von 12 bis 22jahre alten Rebstöcken verschiedener Blocks. ein Teil der Erlöse des Weins fließt in das Project Crimson, daher unterscheidet sich auch das Label von allen anderen Weinen. Crimson ist duftig und rotbeerig (Cranberry und rote Johannisbeere), dazu fleischige Noten, Gewürze, Süßholz, am Gaumen dann dunkler mit etwas Unterholz, mit samtigem Tannin, fast plüschiger Textur und viel Trinkfluss.

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Der Ata Rangi Pinot Noir 2012 stammt im Wesentlichen von etwa 30 Jahre alten Reben. Die Erneten hier sind auf Grund des speziellen Klimas und des für Neuseeland fortgeschrittenen Alters der Rebstöcke die kleinsten im ganzen Land. Alle Blocks und Klone werden separat vergoren und gelagert. Nach 10 Monaten entscheidet Helen, welche Fässer sie für den Ata Rangi nutzen wird, während die anderen dem Crimson zugeschlagen werden. Für den Ata Rangi werden eeigentlich immer die Blocks mit den alten Abel-Klonen genutzt, weil diese extrem fein und samtig sind und ganz dunkle Kirschfrucht präsentieren. Die besten Dijon-Clone-Blocks bringen etwas mehr vordergründige Frucht, Kraft und auch zusätzliche Komplexität und balancieren den Wein. Der 2012er stammt aus einem kühlen Jahr, ist etwas rotbeeriger als die dunkleren umschließenden Jahrgänge – und auch die Johannisbeere ist eher rot und die Pflaume nicht so ultrareif. Hinzu kommen Fleisch, Kräuter, etwas Trüffel und Unterholz, am Gaumen dann mehr Noten von Kirsche, Wild, etwas Tomatenessenz und eine hervorragende Säurestruktur. Auch hier würde ich mir gerne, sehr gerne eine Kiste einlagern.

Seit 1985 schon gibt es mit dem Célèbre eine Cuvée, die auf Merlot (60%), Syrah(30%) und Cabernet (10%) beruht. Der Wein stammt sowohl aus dem Home Block, wo alle drei Sorten stehen, als auch einigen anderen Weingärten, die aber im Prinzip auf der gegenüberliegenden Seite der Straße stehen. Der Wein wird im Holz vergoren, von dem nur 20% neu ist. Der 2011er Célèbre präsentiert sich extrem schüchtern und reserviert, geht erst ganz langsam auf und zeigt dann ein wunderbar feines Tannin. Ich stelle den Wein weg und widme mich dem 2010er Syrah, der eigentlich in den Célèbre wandert, aber seit einiger Zeit in kleinen Mengen auch reinsortig ausgebaut wird. Der Syrah ist deutlich weniger offensiv pfeffrig wie die Hawke’s Bay Syrahs. Gleichzeitig ist es ebenfalls ganz deutlich Cool Climate. Viel frische Säure, Kräuternoten, Stein und Olive mischen sich in Veilchen, Pflaumen, Sternanis, rohes Fleisch und eine hintergründige Pfeffernote. Am Gaumen ist der Syrah superfrisch und lebendig, dabei lang und mundfüllend. so möchte ich das gerne trinken! Währenddessen hat sich die Cuvée geöffnet und präsentiert zunehmend mehr schwarze Frucht und dunkle Schokolade. Und man findet auch die Pflaume und den Sternanis vom Syrah. Dazu kommen erdige Noten, etwas Holz und auch hier wieder eine Säure, die den Wein lange tragen wird. Die Säure prägt diese Weine insgesamt enorm. Und es ist eine Säure, die nicht nur Frische bietet sondern sich wieder ein Nervenkostüm durch alle Weine zieht. Neben der Säure gefällt mir vor allem das zurückhaltende Holzmanagement, das hier immer nur trägt, sich aber nie in den Vordergrund drängt. tatsächlich habe ich den Eindruck, dass das fortgeschrittene Alter der Rebstöcke eine weitere Dimension in die Weine bringt, die die noch jungen Anlagen aus Hawke’s Bay (noch) nicht bieten können. Was Ata Rangi an Weinen präsentiert, ist schon wirklich hohes Niveau.

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Ein intensiver Vormittag geht zu Ende. Ich werde von Alexis und Alex abgeholt, um das Regionaltasting zu starten, in dem ich einen Überblick über das gesamte Gebiet erhalten werde. Aber vorher gehen wir noch einen Happen essen – mitten in den Weinbergen.

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Die Magie der Windmühle – Das Château du Moulin-à-Vent

04/Feb/15 12:30 kategorisiert in: Gamay, Rot, Frankreich, Weingüter, Weinland Frankreich

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Neben gereiftem Riesling, den Weinen der Loire und des Burgund ist es vor allem der Beaujolais, der es Stephan Bauer zunehmend angetan hat. Deshalb schreibt er hier darüber. Und das gewissermaßen um sich warm zu machen für die in Kürze anstehende Beaujolais-Reise, von der er im März dann noch deutlich umfangreicher berichten wird. Hier aber zunächst ein Gastbeitrag zu einem Abend im Hamburger Mercier & Camier.

Quereinsteiger in die Weinwelt gibt es genug. Wer träumt nicht davon, auf einem schönen Anwesen, umgeben von Weinbergen, in den Sonnenuntergang zu schauen und die Träubchen langsam reifen zu sehen. So verwundert es nicht, dass so manches Quereinsteigerprojekt in landschaftlich attraktiven Gegenden verwirklicht wird – Napa Valley, Toskana, Provence.

Sich in Romanèche-Thorins im Niemandsland zwischen Lyon und Chalon-sur-Saone niederzulassen und das noch im Beaujolais, das erst seit ca. 10 Jahren seinen Ruf als Gegend für einfachste Tischweine abzulegen beginnt, bedarf wiederum entweder einer gewissen Vision oder familiärer Wurzeln in der Gegend. Zwar haben in den letzten Jahren zahlreiche Winzer und Négociants aus dem Burgund im Beaujolais investiert – Louis Jadot, Thibault Liger-Belair, Michel Lafarge, Henriot / Bouchard, die Familie Labruyère (Domaine Jacques Prieur), um nur einige zu nennen. Aber als Wohlfühl-Tourismus-Gegend ist das Beaujolais allemal nicht bekannt.

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Im Jahr 2009 entschied jedenfalls Jean-Jaques Parinet, Gründer der Softwarefirma Orsyp, die er 2008 an einen Private Equity Fonds verkaufte, sich nach dem Verkauf zur Investition in das Beaujolais, kaufte nicht nur das Château du Moulin-à-Vent (historisch: Château des Throns) mitsamt seiner 37 ha Weinberge, sondern zog auch dorthin mitsamt der Familie. Von Paris nach Romanèche-Thorins. Dass die Familie mit Haut und Haaren dabei ist, zeigt auch, dass Jean-Jacques Parinets Sohn Edouard nach Abschluss seines Wirtschaftsstudiums auch gleich mit in den Betrieb einstieg und sich nunmehr um den Vertrieb kümmert.

So wie in Deutschland gerne erzählt wird, dass am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Weine aus dem Rheingau, von Mosel und Saar oder vom roten Hang bei Nierstein die teuersten Weine der Welt kamen, die teurer waren als Château Latour oder Château d'Yquem, wird im Beaujolais gerne erzählt, dass früher mal die Weine aus Moulin-à-Vent so hohe Preise erzielten wie die Grand Crus aus dem Burgund. Der Blick auf historische Restaurant-Weinkarten aus den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts legt allerdings eher Preise auf dem Niveau eines Nuits St. Georges oder Gevrey-Chambertin Village nahe. Nichtsdestotrotz waren die Weine aus Moulin-à-Vent schon immer die am höchsten bepreisten Weine aus dem Beaujolais. So geht aus dem Buch "Les vins du Beaujolais, du Mâconnais et du Chalonnais" von Victor Vermorel, u.a von 1893 hervor, dass die Weine aus Chénas (nicht gleichzusetzen mit der heutigen AOC Chénas, da die Weine aus der heutigen AOC Moulin-à-Vent überwiegend, wenn auch nicht vollständig, zur Kommune Chénas hinzugerechnet wurden, bevor die AOCs im Beaujolais geschaffen wurden) einen Preis von 150 Francs je Fass erzielten und damit ca. doppelt so viel wie die Weine aus Fleurie, Chiroubles oder Regnié.

Die hohen Preise erzielten die Weine nicht ohne Grund. Aus der AOC Moulin-à-Vent kommen im Beaujolais die strukturiertesten und vollsten Weine. Die meisten Fleuries oder Chiroubles wird man in ihrer Feinheit mit einem Ausbau in kleinen, neuen Holzfässern erschlagen. Ein Moulin-à-Vent aus guter Lage hält das aus und gewinnt durch den Holzfassaubau an Struktur. Die Voraussetzungen für die Familie Parinet waren also gut, zumal das Château du Moulin-à-Vent seine 37 ha Reben nicht in irgendwelchen Lagen stehen hat, sondern in einigen den besten Lagen, die sich auf und um das Plateau "Les Thorins" bei der für die AOC namensgebende Windmühle befinden. Zwei Lagen sind hier hervorzuheben: Champ de Cour, eine nach Osten ausgerichtete Lage, die sich um den Hang schlängelt und Les Vérillats (bei Parinets "Croix des Vérillats" genannt) direkt hinter dem Château. In beiden Lagen haben die Parinets beachtliche Anteile von jeweils mehreren Hektar, die ihnen eine rigorose Selektionierung für die Lagenweine erlauben.

In beiden Lagen findet sich der für die AOC Moulin-à-Vent typische rosa Granit, wobei dieser im Champ de Cour etwas mehr zersetzt ist und sich ein höherer Lehmanteil findet, während er im Vérillats ziemlich schnell nach dem Oberboden beginnt. Die Weinberge sind mit einer recht hohen Pflanzdichte von über 10.000 Stöcken pro Hektar bepflanzt, auf denen die Reben in Gobelet (Busch) – Erziehung stehen. Die Reben der Domaine sind zwischen ca. 30 und 60 Jahren alt.

Das Programm des Château du Moulin-à-Vent ist mehrstufig aufgebaut. An der Basis steht der Moulin-à-Vent "Couvent des Thorins", der als einziger Gamay der Domaine mit maceration semi-carbonique, also Ganztraubenmaischung unter Kohlensäureschutz, erzeugt und in Stahltanks ausgebaut wird. Er repräsentiert den eher frischen, jung zu trinkenden Beaujolais-Stil und wird vor allem in der Gastronomie vertrieben. Es folgt der Vorzeigewein der Domaine, der Moulin-à-Vent tout court. Dieser ist stets eine Lagencuvée, für den die Trauben vollständig entrappt werden, der eine längere Maischestandzeit erhält und anschließend für 14 Monate in 228 l Fässern mit ca. 20% Neuholzanteil ausgebaut wird. An der Spitze stehen die Einzellagenweine: Croix des Vérillats, Champ de Cour und – seit dem Jahrgang 2012 – La Rochelle. In ausgewählten Jahrgängen gibt es zudem den "Clos de Londres", eine Spezialcuvée, die bislang ihren Weg nur nach England und in die USA, aber noch nicht nach Deutschland gefunden hat. Die Lagenweine werden 4 Monate länger als der Village Wein ausgebaut.

Im Januar 2015 kam Edouard Parinet nach Deutschland, um seine Weine zusammen mit seinem Händler Norbert Müller zu präsentieren. Die beiden entschieden sich für ein Dinner in Hamburgs vielleicht derzeit zweitspannendsten Restaurant, dem Mercier und Camier im Literaturhaus am Schwanenwik. In wunderbarer familiärer Atmosphäre stand an dem Abend weniger eine wortreiche und langatmige Vorstellung der Weine im Vordergrund, sondern vielmehr ein gutes Essen begleitet von tollen Weinen.

Zu mehreren tollen Amuses Gueules (Rote Bete Gelée mit Meerrettichmousse, Tafelspitzsülze) begann das Dinner mit den beiden neuesten Jahrgängen des Couvent des Thorins (2011 und 2012). Während der 2012er jahrgangstypisch eher knackig in der Frucht, herb und rotbeerig war, spiegelte der 2011er ebenfalls sehr schön den Jahrgang wieder mit seiner Harmonie der Aromen, samtigen Tanninen und ausgewogener Säure. Welchen Jahrgang man hier bevorzugt, ist am Ende Geschmackssache.

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Für die nächsten vier Weine, eine Mini-Vertikale des Moulin-à-Vent Village von 2012 bis 2009, wurden mehrere Platten für ein Family-Style-Dinner gebracht – hausgeräucherte, wunderbar milde und zarte Forelle, Kalbsfrikadellen mit Kartoffel-Gurken-Salat, mit Bulgur gefüllte Tomaten, der mittlerweile schon zum Klassiker avancierte Mercier und Camier Salat mit kandierter Zitrone und Oliven und eine wunderbar samtige Kartoffelsuppe mit Mettenden. Auch beim Village kamen die Jahrgangscharakteristika sehr schön heraus. 2012 eher herb und schlank, 2011 (aus einer Magnumflasche) harmonisch, füllig, balanciert, 2010 etwas streng, sehr mineralisch, wie mit dem Lineal gezogen, 2009 (ebenfalls aus der Magnumflasche) sehr üppig, sonnig, an der Grenze zum Rotwein eher südlicher Prägung (südliche Rhône, Midi). Mein persönlicher Favorit an dem Abend war der 2010er, der sehr spannende Kräuternoten (Dill, Minze, Eukalyptus), feine Lakritznoten und einer sehr tiefe Mineralität hatte. Auch wenn viele Leute mittlerweile auf den sonnigen Jahrgang 2009 schimpfen, halte ich es für gesichert, dass auch der 2009er einmal ganz groß wird. Die ganze Materie muss jedoch noch ein bisschen zur Ruhe kommen, bis dieser Wein sein ganzes Potenzial zeigen wird, zumal aus Magnumflaschen.

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Ebenfalls zwei Magnumflaschen hatten wir zum Hauptgang: 2011 Champ de Cour und 2011 Croix des Vérillats. Hierzu brachte der wie immer großartiger Mercier und Camier Service, geführt von Markus Ernst, einem Restaurant-Service-Naturtalent, geschmorten Lammbraten mit einem intensiven Lammjus, Schnippelbohnen, Artischocken und Polenta. Bei dem Champ de Cour und dem Croix des Vérillats zeigen sich die Lagenunterschiede sehr deutlich. Edouard erläuterte die geschmacklichen Unterschiede vorher exakt auf den Punkt, was zeigt, dass er seine Weine sehr gut kennt. Champ de Cour: geradeaus, präzise, linear, ein wenig streng. Croix des Vérillats etwas weicher, ausladender in der Aromatik, rotbeeriger, sehr würzig. Exakt so präsentierten sich die Weine auch. Während ich anfangs den Champ de Cour bevorzugte, einen Wein, den ich auch von anderen Winzern wie Richard Rottiers, Domaine Labruyère, Bernard Diochon oder Château des Jacques sehr schätze, wuchs der Vérillats mit dem Lamm zusammen über sich hinaus. Diese feine Würze, die perfekte Reife der Frucht, der zarte Holztouch, das ist der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Der Champ de Cour war zum Essen vielleicht etwas streng, aber in ein paar Jahren und evtl. auch zu anderem Essen vielleicht der bessere Wein. Beide Weine gehören aber in jeden gut sortierten Beaujolais-Keller, am besten in 0,75 l und 1,5 l Flaschen.

Zum Dessert hat das Château du Moulin-à-Vent keine Weine zu bieten, aber nach dem Dessert probierten wir noch den 2012 Pouilly-Fuissé Vieilles Vignes aus zugekauften Trauben und den 2012 Moulin-à-Vent La Rochelle. Die Trauben für den Pouilly-Fuissé kaufen die Parinets von einem Winzer zu und bauen ihn eher fruchtbetont aus, ohne nennenswerten Holzeinsatz mit Fokus auf die Frucht und die Frische. Der 2012 La Rochelle war zum jetzigen Zeitpunkt noch etwas schwer einzuschätzen, die Konzentration der Aromen ist immens, hier ist enorm viel Stoff drin, durchaus eine präsente Säure, Tannin, eine sehr dichte Frucht. Der Wein wird aus meiner Sicht Jahre brauchen, bis er sich wirklich öffnet, aber die Anlagen sind hervorragend.

Dank der engagierten Vertriebsarbeit der Parinets sind die Weine in einigen Ländern schon bei den jeweiligen Top-Importeuren verfügbar, Flint und Berry Brothers & Rudd in Großbritannien, Wilson Daniels in den USA. In Deutschland werden die Weine von Norbert Müller importiert, glücklicherweise auch häufig in Magnum-Flaschen, die für diese köstlichen Weine wie das perfekte Format für einen geselligen Abend wie den Abend im Mercier und Camier wirken. Trotz aller Seriosität sind auch die Moulin-à-Vents der Parinets keine Weine zum Anbeten, sondern zum Trinken, am besten zu einem guten Familienessen. Viele Kritiker wie die Revue des Vins de France, David Schildknecht und Allen Meadows haben die Weine der Domaine schon für sich entdeckt und es würde mich nicht wundern, wenn sich die Domaine in den nächsten Jahren noch weiter oben etabliert. Die Qualität der Weine spricht für sich.

Die ersten 11 Jahrgänge Siefersheimer Heerkretz von Wagner-Stempel – ein Probenbericht

29/Jan/15 11:11 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Riesling, Weingüter, Weiß, Deutschland

Es dürfte so etwa 2003 gewesen sein, als ich das erste Mal einen Wein von Daniel Wagner im Glas hatte. Möglicherweise war es ein Riesling vom Porphyr, der damals noch etwas wilder war als heute und deutliche Sponti-Noten aufwies. Für mich war schnell klar, dass das Weingut Wagner-Stempel ein Betrieb war, den ich besser kennenlernen wollte. So ist es geschehen und bis heute ist er mir einer der liebsten in Rheinhessen. Das hat natürlich viele Gründe. Zunächst ist da die unbestrittene Weinqualität, die sich dank akribischer Arbeit im Weinberg immer weiter verbessert hat. Dann ist da der moderate Preisanstieg der Weine über die letzten Jahre. Wagner-Stempel gehört ja zu den Spitzenbetrieben in Deutschland und die Gutsweine kosten auch heute noch keine € 9,- im Handel. Der Ortswein Siefersheimer Riesling vom Porphyr liegt unter € 15,- und gehört für mich beständig zu den besten trockenen Rieslingen, die man unterhalb der Großen Gewächse überhaupt kaufen kann. Da ist die besondere Lage in der Rheinhessischen Schweiz, die das manchmal Mächtige im Rheinhessischen Wein mit dem eher Spielerischen, Säurebetonteren der unweit entfernten Nahe verbindet und da ist natürlich der Mensch, der hinter den Weinen steht. Mit ihm, Daniel Wagner, habe ich letzten Samstag eine Probe in Berlin veranstaltet und wir haben die ersten elf Jahrgänge des Weins geöffnet, mit dem er bekannt geworden ist, dem Riesling Großes Gewächs aus dem Siefersheimer Heerkretz.

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So sieht es aus im Heerkretz: alles voller Stein.

Den Siefersheimer Heerkretz, bis in die 1930er Jahre noch durchaus bekannt für seine Weinlagen, hatte jahrzehntelang niemand mehr auf dem Plan, bis der junge Daniel Wagner sich in den 1990er Jahren aufgemacht hat, dies wieder grundlegend zu ändern. Revolution war angesagt in Rheinhessen. Junge Winzer wie Klaus-Peter Keller, Phillip Wittmann, Hans-Oliver Spanier, Alexander Gysler oder eben auch Daniel Wagner waren angetreten, die Qualität der Weine und das Bild, dass der Weinbau nach außen gab, grundlegend zu ändern. Die Qualität haben sie jeder für sich, aber auch gemeinsam in ständigem Gespräch und Austausch über den Wein in neue Höhen geschraubt. In einer Interessensgruppe, die sich irgendwann den programmatischen Titel message in a bottle gegeben hat, entstand gleichzeitig eine für Rheinhessen neue Form des Marketings, die wichtig war für das Weinland und die Aufbruchstimmung deutlich nach außen getragen hat.

Den Jahrgang 2002 hat Daniel zum ersten Mal bei der Zeitschrift Der Feinschmecker angestellt – und wurde auf Anhieb Deutscher Rieslingpreisträger 2003. Mit diesem Jahrgang hat er sich in die Riege der Spitzenwinzer Rheinhessens katapultiert, und das nachhaltig. Zumal schnell klar wurde, dass er auf der breiten Klaviatur spielen kann. Neben Riesling beherrscht er den Silvaner (sein erster Wein 1993), die Scheurebe, den Sauvignon und Chardonnay, Sankt Laurent, Merlot, Früh- oder Spätburgunder und neben den trockenen Gewächsen sollte man viel stärker auch die süßen Spätlesen und Auslesen beachten. Daniel ist in seiner leisen Art ein akribischer Arbeiter – im Weinberg wie im Keller und man kann hier im Blog einige seiner Jahrgangsberichte lesen, die zeigen, mit wie viel Herzblut er im Wingert engagiert ist.

Mit dem 2002er Heerkretz habe ich also angefangen, diesen Wein zu sammeln und jetzt, nach elf Jahren stand es an, einmal eine Vertikale dieses Weins zu präsentieren. So sind wir am vergangenen Samstag in einer kleinen Gruppe im Berlin Schmidt Z & Ko. zusammengekommen, und haben zusammen mit Daniel Wagner probiert, während er uns die Besonderheiten der jeweiligen Jahrgänge näher gebracht hat.

Heerkretz_02Die Halbstücke in denen Heerkretz, Höllberg und Porphyr schlummern. Außerdem jene Gewölbebögen, die die Etiketten prägen.

Rheinhessen rund um Siefersheim unterscheidet sich wesentlich zu den anderen Spitzenlagen Rheinhessens, vor allem jenen in Westhofen, wo die Kellerschen und Wittmannschen Spitzenlagen beheimatet sind. Das Gebiet wird auch die Rheinhessische Schweiz genannt, was erahnen lässt, dass es dort hügeliger ist als in anderen Teilen Rheinhessens. Hier bricht nicht der Rotliegende hervor wie es in Nierstein der Fall ist und es ist auch nicht der Kalkstein mit tonigem Mergel, wie es etwa in Westhofen der Fall ist. Hier liegen die Rotliegenden Schichten viel tiefer, darüber prägt schwarzer Melaphyr und vor allem rosaroter Porphyr den Boden. Dieser ist nicht so reintönig vorhanden wie an der nur unweit entfernten Nahe, prägt aber doch den Stil der Weine, den man als Melange aus Nahe und Rheinhessen einordnen kann. Das Goldene Horn, westlich des Ortes ist der große Porphyr-Buckel, dessen südlicher Teil Heerkretz genannt wird, während die zweiten Große-Gewächs-Lage, der Höllberg, nördlich liegt und wesentlich weniger steinig ist. Was die Winzer an Stein im Boden haben (siehe Bild) ist gewaltig und so prägen Steinwerke voll mit quarzithaltigem rosaroten Porphyr, auch Rhyolith genannt, den Heerkretz. Dieses Gestein ist ausgesprochen sauer, der Wein hat also immer einen niedrigen pH-Wert, der ihn von den Westhofener Weinen deutlich unterscheidet. Genau diese schlanke und säurebetonte Art bei deutlicher Frucht hat mir immer besonders gut gefallen.

Siefersheimer Heerkretz 2002 bis 2008
Dieser spezielle Typus zeigt sich auf wunderbare Art direkt im ersten Wein des Abends, dem 2002er Siefersheimer Heerkretz. Die Säure trägt und prägt den Wein bis heute, macht ihn frisch und brillant. Hätte jemand gesagt, der Riesling wäre 13 Jahre alt, hätte ich es kaum geglaubt. Lediglich eine ganz leichte Alterungsnote, aber weit von jeglicher Firniss entfernt, deutet das Alter an. Ansonsten ist der Wein absolut stimmig, fokussiert mit Blütenduft, leichter Cremigkeit, Salzigkeit und einer Kräuternote. Das ist eines der schönsten Exemplare an 2002er Riesling, das ich bisher getrunken habe – und ein toller Einstieg in die Probe. 750 Liter hat Daniel übrigens davon ausgebaut. Es sind alte Reben, die er in den Jahren 2000 bis 2002 dazu gekauft hat. Damals, als niemand außer ihm den Heerkretz auf dem Plan hatte, kostete der Quadratmeter dort übrigens 1,20 DM. Das kann man heute kaum glauben, das ist gerade 15 Jahre her. Der Wein ist übrigens noch mit Reinzuchthefen komplett im Edelstahl vergoren. Kann man deshalb einen Mangel an irgendwas feststellen? Nein, absolut nicht. Geerntet wurden die Trauben, nachdem der Oktober 2002 sehr kühl war übrigens erst am 16. November, ein sehr später Lesezeitpunkt.

Der 2003er Siefersheimer Heerkretz ist ein typischer Ausdruck des Jahrgangs. Ihm fehlt die Säure. Die Lesemannschaft hat damals bereits am 10. September vorgelesen – kerngesundes Material mit bereits 92 Grad Oechsle. Heute merkt man neben dem Mangel an Säure doch deutlich mehr Alkohol als bei allen anderen Weinen. Die Cremigkeit, das Salzige und die typische, saftige Frucht, die die Heerkretz-Rieslinge auszeichnet ist aber auch hier vorhanden.

2004 ist für Daniel Wagner das Jahr, welches ihm selbst nicht gut gefällt – was ich bei diesem Heerkretz gar nicht nachvollziehen konnte. Er bemängelt eine grüne Note in allen Weinen, die für ihn kaum zu erklären sei, denn das Lesegut sei reif und gesund gewesen und die einzige Erklärung sei für ihn der Stress der Reben im Jahr zuvor. Wenn überhaupt, dann konnte ich beim 2004er Siefersheimer Heerkretz lediglich eine ganz leichte Sauvignon-Note feststellen, ein bisschen Pyrazin, aber kaum der Rede wert – und bei Pyrazin in allem, was nicht junger Sauvignon Blanc ist, reagiere ich gern allergisch (im bildlichen Sinne). Dieser Wein ist klar, hell, mit feiner Säure und schlankem Körper ausgestattet.

Heerkretz_03Das Schmidt Z & Ko.

Neben dem schlanken Persönchen aus 2004 wirkt der 2005er Siefersheimer Heerkretz fast wie ein Boxer – allerdings, wie ein elegant schlagender Athlet. Der Wein wirkt buttrig, cremig mit warmen gelben Noten, er ist enorm saftig und verfügt dabei über ordentlich Druck. Über dem Saft verwirbeln Kräuter, als Basis findet sich rauchig-salziges Gestein. Der Wein hat vielleicht am meisten Süße von allen, erinnert ein wenig an 2003, ist aber viel fester gewirkt. Die Trauben für diesen Wein hatten nur einen kleinen, dafür aber konzentrierten Wuchs. Gerade einmal 20 Hektoliter konnte Daniel Wagner damals ernten.

Mit dem 2006er Siefersheimer Heerkretz hatten wir dann wieder einen großen Riesling im Glas. Der Wein präsentierte sich wunderbar frisch mit einem Bukett aus Blumen und frisch geschnittenem Kern- und Steinobst – alles in der leicht gelben Richtung. Dann kommen die Kräuter, fast wie eine Infusion, kombiniert mit Orangen- und Zitronenblüten. Herrlich die Säure, die Klarheit dieses Weins. Und das trotz des Stresses, den die Rebstöcke am 3. Oktober hatten. 80 Liter hat es auf jeden Quadratmeter des Heerkretz geregnet – doch die Rebstöcke haben es gut verkraftet.

Vielleicht ist der 2007er Siefersheimer Heerkretz der kompletteste, der typischste Heerkretz der gesamten Vertikale. Sebastian Bordhäuser, ein Teilnehmer der Runde, meinte später, der wäre ihm schon fast zu perfekt gewesen. War das Langeweile auf Grund von Perfektion? Ich kann es für mich nicht bestätigen. Ich mag in diesem Falle dieses Gelungene. Genau nach 150 Tagen Vegetationszeit, nach einem feuchten Sommer einem kühlen und trockenen September und Oktober wurde der Riesling geerntet. Viel Saft findet sich hier, Rauch, Stein, Salz, wiederum die leicht tänzelnden Säure. Der Wein ruht in sich selbst und hat sicher noch viele Jahre vor sich.

2008 dagegen war kompliziert und das merkt man dem Wein auch ein wenig an. Liegt der 2007er auf der gelben Seite, wirkt der 2008er Siefersheimer Herrkretz eher etwas grüner und deutlich kräutriger. Hier hat sich Daniel etwas verkalkuliert, wie er sagte. Die Trauben waren zwar sehr gesund aber irgendwann ging es nicht mehr weiter. Der Weinberg hing voll, doch die Mostgewichte kamen nicht so richtig zustande. Mit Hans-Oliver Spaniers Ratschlag im Ohr „ach Daniel, die Botrytis wird’s schon richten“, hat er dann nach seinem Geschmack zu früh geerntet. Ist es deshalb ein Wein, der negativ aus dem Rahmen fällt? Nein, gar nicht. Er ist so etwas wie die ungezogene kleinere Schwester des hübschen 2007ers, etwas dreckiger, etwas kühler aber eben so gar nicht weniger attraktiv.

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Siefersheimer Heerkretz 2009 bis 2013
Eine gewisse Veränderung des Stils beginnt mit 2009. Hier hat Daniel Wagner zum ersten Mal Holz eingesetzt, und zwar Halbstückfässer. Ein Teil des Weines wird jedoch weiterhin im Edelstahl ausgebaut – zumindest bis einschließlich 2011 denn seit 2012 gibt es nur noch das traditionelle Halbstückfass. Zwar deutete das, was wir vom  2009er Siefersheimer Heerkretz auf eine tolle Qualität hin, doch wirklich zu beurteilen war sie nicht. Hatte die erste Flasche einen deutlichen Korkschmecker, war es bei der Konterflasche wohl ein verdeckter. Der Wein hatte einen ungewöhnlichen Chrysanthemen-Geruch und wirkte matt und leicht pappig und kurz hinten raus, was nicht zum Rest des Weines, zum eigentlichen Volumen passte.

Der 2010er Siefersheimer Heerkretz war für mich neben dem etwas überraschend großartigen 2002er eindeutig das Highlight der Probe. Gerade einmal 19 Hektoliter pro Hektar hat der Jahrgang gebracht, noch weniger als 2005. Dafür aber ist die Qualität beeindruckend, der Wein vibrierend frisch, fordernd, salzig-steinig-mineralisch und voller Kräuter. Hier ist die Primärfrucht schon so gut wie weg, was bleibt ist eine Stein- und Kernobstfrucht, die sich wunderbar ins Gesamtbild integriert hat, unterlegt mit einer perfekten Säure. Wer den 2010er Heerkretz im Keller hat, wird noch viele Jahre großen Spaß mit dem Wein haben.

Der 2011er Siefersheimer Heerkretz stach aromatisch am stärksten aus dem Gesamtbild des Heerkretz heraus, als Einziger, muss man sagen. Entsprechend bin ich äußerst gespannt, wie sich dieser Wein entwickeln wird. Momentan erinnert er eher an einen Traminer denn an einen Riesling, was vor allem an der unglaublichen Würze liegt. Es ist der erste Wein, der eine Bio-Qualifikation hat, denn mit dem Jahrgang 2011, hat Daniel Wagner die Umstellung abgeschlossen. Der 2011er ist, wie schon gesagt, der würzigste der Weine, der mineralischste, der rauchigste und dunkelste der Weine und auch der kühlste. Er hat enormen Druck und eine feine, klare Säure. Wenn hier der Riesling in der Aromatik wieder die Oberhand gewinnen sollte im Laufe der Zeit, dann wird das möglicherweise das Heerkretz-Monument werden. Daniel Wagner jedenfalls glaubt daran und erklärt ihn zu seinem bisher besten Heerkretz – und er sollte es wissen.

Mit dem 2012er Siefersheimer Heerkretz hat Daniel dann ganz auf den Ausbau im Holz umgestellt. Er nennt dafür vor allem historische Gründe, denn Wein in dieser Gegend ist früher immer in solchen Gebinden ausgebaut worden und entsprechend nach historischem Vorbild hat er sie anfertigen lassen. Der Wein wird vor allem von Primärfrucht bestimmt. Diese ist hell und erinnert an Zitrusfrüchte, die mit Kräutern abgeschmeckt sind. Neben all der Frucht dominiert auch hier wieder Steinwürze, allerdings viel weniger, als beim 2011er. Brillant, wie bei fast allen Weinen außer 2003 und 2005 präsentiert sich die Säure und wunderbar fein ist die cremige Note am Gaumen. Für Daniel Wagner war 2012 eine der entspanntesten Lesen, und genauso entspannt präsentiert sich der Wein.

Heerkretz_05Daniel Wagner gehört zu den nachdenklichen und ruhigen Vertretern seines Fachs.

Für mich hat die Probe, die der Sommelier des Hauses, Jan Wilhelm Buhrmann uns vor Ort organisiert und eingeschenkt hat, zu einem ausgesprochen befriedigenden Ergebnis geführt. Es gab nur eine Ausfall, und da gleich samt der Konterflasche, das ist Pech und Schade, denn 2009 wäre sicher ein weiteres Highlight gewesen. Ansonsten war die Serie ein reiner Ausdruck des Terroirs, wie ich es verstehe, in Kombination mit den jeweiligen Wetterbedingungen. Bis heute zeigen die Weine kaum Alterungserscheinungen – das ist vielleicht die größte Überraschung dieser Probe. Nicht mal 2003 wirkte alt. Ihm fehlte die Säure, ja, er hatte einen Anflug, aber auch nur einen Anflug von Firniss in der Nase, doch alt schmeckt anders. Eigentlich ist der 2002er Jahrgang der einzige, von dem man sagen könnte, dass er jetzt wohl auf dem Punkt der vollen Trinkreife angekommen ist. Alles andere (und auch der 2002er) hat noch viele schöne Jahre vor sich. Und bei der Qualitätsdichte kann man eigentlich nur sagen, dass man dieses Gewächs eigentlich blind kaufen und weglegen kann.

Vielen Dank an den Miteigner des Schmidt Z & Ko., Carsten Schmidt sowie den Sommelier Jan Wilhem Buhrmann für die tolle Organisation und eine dicke Empfehlung für den Laden mit einer ausgezeichneten Weinauswahl, guten Küche und angenehmen Atmosphäre).

Wechselbäder – ein ausführlicher Jahrgangsbericht 2014 aus dem Weingut Wagner-Stempel

05/Nov/14 10:34 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Weingüter

Wie schon in früheren Jahren schreibt Daniel Wagner vom Weingut Wagner-Stempel ausführlich über den gerade in den Keller gebrachten Jahrgang 2014, über das Wetter, über die Wechselbäder der Gefühle und über die enorme Arbeit, die der Winzer und sein Team auf sich nehmen musste, um aus schwierigsten Bedingungen trotzdem Wein zu machen, der den Winzern und auch uns gefällt. Was mich, wenn ich am Schreibtisch diese Zeilen lese überkommt, ist Demut. Die sollte man immer haben, wenn man die Arbeit anderer betrachtet und man sollte nie vorschnell urteilen (übrigens der wichtigste Grund, warum es hier im Blog keine Verrisse gibt). Beim Lesen wird ebenfalls klar, dass es bei der Betrachtung des Jahres 2014 nicht darum geht, ob wir hier "ein Superjahr oder ein Arschjahr haben, sondern um einen differenzierten Blick auf ein gesamtes Erntejahr und seine Stärken und Schwächen", sagt Oliver Müller aus dem Weingut Wagner-Stempel. Ich bedanke mich dafür, dass ich den Bericht bei mir im Blog veröffentlichen darf:

Wechselbäder im engeren Sinne sind eine Form der physikalischen Therapie, die insbesondere durch Sebastian Kneipp publik wurde, bei denen Verspannungen des vegetativen Nervensystems aufgehoben werden sollen. Die Wechselbäder im weiteren Sinne, die sich im Wettergeschehen der zurückliegenden Monate im Bereich der rheinhessischen Schweiz um Siefersheim ereignet haben, führten zu extremen Spannungszuständen der übrigen Nerven. Wie wir weinbaulich auf diese Situation reagiert haben und wie vor diesem Hintergrund der Jahrgang 2014 aus unserer Sicht zu beschreiben ist, darum soll es im Folgenden gehen.

See am Fuße des Heerkretz

Wenn im Abendlicht der untergehenden Septembersonne eine romantisch anmutende Seenlandschaft am Fuße der Weinberge zu sehen ist, so hat dies nichts mit folkloristischer Weinlesestimmung zu tun, sondern mit einem realen Horrorszenario von bis zu 100 Liter Regen pro Quadratmeter.

Das Jahr 2014 begann überaus mild und schön. Ein Winter, der kein echter Winter war, und ein Frühlingserwachen Mitte März stimmten uns schon sehr früh überaus optimistisch für den anbrechenden Jahrgang. Im Februar gab es bereits keinen einzigen Frosttag mehr und nur geringe Niederschläge. Im März kletterten die Temperaturen erstmals deutlich über die 10° Celsius Marke, und Sonnenscheindauern von 10 Stunden und mehr pro Tag waren keine Seltenheit. Im April setzte sich dieses Wetter nahtlos fort, und mit dem Austrieb der Reben gegen Mitte des Monats wurde ein neuer Rekord der letzten Jahrzehnte aufgestellt. Man wähnte sich zuweilen schon im Sommer. Auch im Mai blieb das Jahr auf der Überholspur. Warme, sonnenreiche Tage mit mäßigen Niederschlägen begleiteten uns bei den Frühjahrsarbeiten, und eine sehr frühe Blüte Anfang Juni rief Erinnerungen an die Jahre 2007, 2009 wie auch 2011 wach. Hochsommerliches Wetter begleitete die Rebblüte, die erfreulicherweise nur zu geringen Verrieselungen führte und auf ein ertragsmäßig vielleicht sehr gutes Jahr hoffen ließ.

Der Übergang in den Juli brachte die ersten, kräftigen Gewitter mit teils ergiebigen Niederschlägen mit sich. Bei den gleichbleibend hohen Temperaturen und den enormen Regenmengen gestaltete sich der Schutz der Weinberge gegen die Pilzgefahr zusehends schwieriger, aber war, bedingt durch mehrere kurze Trockenperioden zwischen den Gewitterschauern, weitestgehend gut beherrschbar. Ende des Monats standen mehr als 200 Liter Regen in der Wetterbilanz. So viel wie sonst in einem halben Jahr. Auch der August setzte nahtlos fort, womit der Juli begonnen hatte. Sommerlich warme Temperaturen und immer wieder teils heftige Gewitter mit massiven Regenfällen. Ein leichter Hagelschlag in der gesamten Gemarkung Siefersheim Anfang August machte bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass es so unbeschwerte und günstige Verhältnisse wie in den Jahren 2007,2009 oder auch 2011 nicht geben würde. Wir waren gewarnt und hatten schon einen ersten Dämpfer erhalten. Der große Vorsprung der Vegetation aus dem Frühjahr war nahezu egalisiert, und die ersten Reifemessungen mit Beginn des Septembers waren eher ernüchternd denn erfreulich. Die weitere Marschroute war dementsprechend vorgegeben.

Als Mitte September die ersten Auswirkungen der Kirschessigfliege in unserem Frühburgunder sicht- und riechbar wurden, war auch wirklich alle Romantik und Vorfreude auf einen goldenen Herbst hinfort. Folgte dem Frühjahrsoptimismus noch eine sommerliche Skepsis, so war jetzt ein hochkonzentrierter Ernst die Gemütslage des beginnenden Herbstes. In vielen Vorjahren war das Einbringen der ersten Rot- und Weißweintrauben eher spielerisch mit kleiner Mannschaft erfolgt und von großer Gelassenheit und Entspanntheit gekennzeichnet. Dieser Herbst musste direkt mit ganzer Kraft und voller Konzentration gestartet werden. „Kaltstart mit Vollgas“.

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Eine für uns mustergültige Spätburgunderanlage in der Heerkretz gegen Ende August. Zu diesem Zeitpunkt sah alles nahezu optimal aus. Alle Wetterkapriolen gut überstanden, gute Durchfärbung, bestmögliche Durchlüftung, intakte Laubwände. Viel mehr kann man nicht tun. Wir waren voller Hoffnung auf einen großartigen und entspannten Herbstbeginn.

Im bewussten Verzicht auf den Einsatz von Insektizid gegen die Kirschessigfliege waren wir gezwungen, alle Rotweinparzellen aufwendig vorzulesen, partiell abzuwarten und bei einigen St.Laurentanlagen auch direkt vollständig zu lesen. Der Entscheidungsspielraum im Bereich Rotwein konnte zugespitzt so formuliert werden: „Entweder relativ gesunde, selektiv gelesene Trauben für Roséweine lesen oder das Risiko in Kauf nehmen, noch stärkere Fäulnis bei weiterer Ausreifung bis hin zum Totalverlust einzugehen.“ Wir haben uns vielfach für die erste Variante entschieden. Einzig der Spätburgunder schien den Umständen zu trotzen und konnte tatsächlich sehr viel später in guter Ausreifung bei noch moderaten Selektionsverlusten geerntet werden.

Abgesehen von den dramatischen Problemen bei den Rotweinsorten waren auch an vielen Weißweinanlagen die Wetterkapriolen der vorangegangenen Wochen nicht schadlos vorbei gegangen. Was bei den roten Sorten eingeläutet wurde, setzte sich bei den weißen Sorten fort. Ein schwieriger, aufwendiger Herbst war gestartet worden. Genau in diese erste Phase der Lese Mitte September brach das Gewitterwochenende vom 20. und 21. September herein. Weit über 50 Liter Regen in 2 Tagen bei sommerlich warmen Temperaturen. Ein Alptraum des Winzers. Was nun bis zum Ende des Monats folgte, kann man nur als Rennen bezeichnen. Sämtliche Parzellen mussten innerhalb kürzester Zeit vorgelesen werden. Jegliches Traubenmaterial, das bereits jetzt Schaden genommen hatte, musste aus den Anlagen entfernt werden, damit der verbleibende Teil unter besseren Bedingungen voll ausreifen konnte. Ein enormer Kraftakt wie er in ähnlicher Form schon im Jahr 2013 notwendig gewesen war.

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Ein exemplarisches Bild einer Traube, die in der 2.Hälfte des Septembers gelesen werden musste. Ein Teil der Beeren war bereits dünnhäutig, riss vielfach und wo der süßliche Zellsaft austrat, zeigten sich direkt die ersten Spuren des Pilzbefalls.

Der wohl markanteste Unterschied zum ebenfalls nicht einfachen Jahrgang 2013, der uns zu einem vergleichbaren Zeitpunkt ebenfalls massive Regenfälle beschert hatte, war die Art der Fäulnisentwicklung. Im vergangenen Jahr unter den eher kühlen Temperaturen im Oktober verlief der farbliche Übergang der hochreifen Trauben überaus rasant, insbesondere beim Riesling. Aber die beginnende Botrytis war sauber und insofern als „gut“ zu bezeichnen. Dieses Jahr war der Übergang deutlich langsamer, kontrollierbarer und eigentlich unproblematischer, aber die beginnende Botrytis war vielfach unsauber und musste rigoros heraus gelesen werden.

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Ein beispielhafter Rieslingstock in der Heerkretz Ende September. Die warmen Temperaturen samt den ergiebigen Regenfällen hatten sichtbare Spuren hinterlassen. Ein guter Teil der Trauben war noch völlig gesund und intakt, und es sollten noch rund 2 Wochen bis zur eigentlichen Hauptlese vergehen. Jedoch zwang uns die beginnende Botrytis alle Parzellen vorzulesen. Wer hätte gedacht, dass nach dem Schlüsselerlebnis 2013 mit einer so aufwendigen, selektiven Vorlese am Stock das Jahr 2014 nochmals in noch weiterem Umfang die „altgediente“ Lese von Hand einfordern würde.

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Das Resultat nach der Vorlese mutet beinahe so an, als sei nichts Dramatisches passiert. Insbesondere der Riesling in der Heerkretz zeigte sich sehr stabil gegenüber den Verhältnissen. Das Ergebnis der gesamten Vorlesen war ein beinahe makelloses Bild der Rebanlagen, was uns auf die weitere Ausreifung im Oktober hoffen ließ.

Anfang Oktober standen wir nach allen vorangegangenen selektiven Erntegängen praktisch wieder bei „Null“. Eine erste, kraftraubende Periode war vorbei und wir konnten sogar ein paar Tage pausieren und die weitere Wetter- und Reifeentwicklung abwarten.

Auch wenn sich die generelle Wetterlage seit dem 21.September weitestgehend stabilisiert hatte, waren die Verhältnisse weiterhin problematisch. Zwar blieben weitere Regenfälle aus und das Wetter zeigte sich vielfach freundlich und überaus warm, aber die dichten Nebel des Morgens kombiniert mit den hohen Tagestemperaturen verursachten eine zügige Entwicklung in den Weinbergen. Nach kurzer Verschnaufpause galt es, keine weitere Zeit zu verlieren. Wie schon bei der ersten Selektion der roten Trauben lief es wiederum auf die Formel hinaus: „Lieber ein tendenziell gesünderes, voll ausgereiftes Lesegut ernten, als ein hochreifes aber stark fäulnisbehaftetes Material lesen.“

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Eindrucksvolles Panorama der Siefersheimer Landschaft in den Morgenstunden der ersten Oktobertage. Was im oberen Hangteil der Heerkretz geradezu romantisch anmutete…

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…sah 100m weiter unten nicht mehr so wunderschön aus. Dichter Nebel bis in die Mittagsstunden und nachfolgend warme Temperaturen waren ein unheimlicher Beschleuniger der weiteren Ausreifung im Oktober.

In den ersten zwei Oktoberwochen wurden sukzessive alle unsere Weinberge gelesen. Wie schon im Vorjahr profitierten wir unter den gegebenen Bedingungen enorm von unserer erfahrenen Lesemannschaft und den kurzen, direkten Wegen zu den einzelnen Parzellen. Gerade die wichtigen Weinberge am Höllberg wie auch in der Heerkretz konnten bis zu drei Mal vorgelesen werden, um den endgültigen Lesezeitpunkt immer wieder ein paar Tage hinauszuzögern, um im Endresultat absolut reifes und gesundes Traubenmaterial in den Keller zu holen.

Die besten und wichtigsten Parzellen Riesling, Silvaner und Weißburgunder wurden zwischen dem 8. und 13. Oktober gelesen. Das Ergebnis der vielen vorangegangenen Tage der Vorlesen und des Aussortierens war ein gesundes, sehr aromatisches und voll ausgereiftes Lesegut, wie wir es im Frühjahr erhofft hatten lesen zu können. Glücklicher Lohn für vorherige Strapazen.

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Nahezu perfektes Lesegut am 13.Oktober in der Heerkretz. Die vielen Vorlesen hatten den Ertrag deutlich geschmälert, aber was schlussendlich in den Keller kam, war nach allen Kapriolen und Strapazen zuvor geradezu erstaunlich. An einigen Parzellen waren die Blessuren des Wetters einfach vorbei gegangen und wunderschöne, aromatische und gesunde Trauben hingen in den Reihen.

Wie lässt sich der 2014er Jahrgang zusamenfassen? Schon im letzten Jahr war es nahezu unmöglich, die Ergebnisse des Herbstes auf eine griffige, allgemeine Formel zu bringen. Für 2014 gilt dies in einem noch engeren Sinn. Heterogenität ist das Stichwort in diesem Zusammenhang. Selbst in einer so kleinen Gemarkung wie Siefersheim waren die Unterschiede von Lage, Parzelle und Rebsorte enorm. <br><br>Silvaner am Höllberg musste Ende September gelesen werden. Keine 500 Meter entfernt an den Osthängen des Horns kam der Silvaner in den letzten Lesetagen des Oktobers ohne nennenswerte Verluste, hochreif und mit goldgelber Färbung in den Keller. Ein Teil der Weißburgunder an denselben Hängen am Horn musste im September vollständig gelesen werden, wohingegen die Weißburgunder am Höllberg in perfektem Reifezustand am vorletzten Tag der Lese geholt wurden. Auch beim Riesling gab es dieses Phänomen beträchtlicher, völlig uneinheitlicher Unterschiede je nach Lage, Sorte und Parzelle. Ein in Teilen nahezu rätselhaftes Geschehen.
Rein analytisch bewegt sich der Jahrgang in Siefersheim auf einem Niveau vergleichbar mit dem Jahr 2008. Die Mostgewichte waren teils recht ordentlich und teils sehr gut und bewegten sich zwischen 76° und 94° Oechsle. Eine größere Spreizung als in den Vorjahren, die sich ganz einfach auf die vielen selektiven Lesegänge zurückführen lässt. Bei den Säurewerten war dementsprechend eine ebenso große Bandbreite zu verzeichnen. Moderate 6 g pro Liter bei verschiedenen hochreifen Burgundern traten ebenso auf wie rassige 13 g pro Liter bei verschiedenen Vorlesen für Sektgrundweine.

Der Geschmack der Moste spiegelte natürlich auch die Weite der analytischen Werte wieder. Frühzeitig gelesene Rieslinge waren rassig, fruchtig grünlich und durchaus pikant. Die spät gelesenen Burgunder hingegen geradezu säuremild, vollmundig und gelblich saftig. Besonders glücklich sind wir derzeit über den allgemein sehr klaren und frischen Ausdruck der Aromen der Jungweine. Ein ganz sicheres Zeichen für sehr sauberes, unbelastetes und gesundes Lesegut. Wie schon im Jahr zuvor deutet sich ein Jahrgangsstil an, der eher kühle, feine und elegante Weine zulässt. In der Jugend erscheinen diese Weine oft etwas subtiler und filigraner vom Charakter, aber mit der weiteren Reifung auf der Flasche entwickeln sie meist eine wunderbare Eleganz und Feinheit, wie sie in den so hochgelobten Jahrgängen wie 2007, 2009 oder 2011 nicht erreicht werden konnte. Qualitativ ganz sicher ein hochwertiger Jahrgang, der allerdings nur unter teils enormen Selektionsverlusten eingebracht werden konnte. In der Summe steht ein Durchschnittsertrag von gerade mal 56 hl/ha in den Büchern. Das trübt die Stimmung doch ein wenig – zumal das Jahr so verheißungsvoll begonnen hatte.
Auch dieses Jahr sind wir wieder sehr gespannt auf die weitere Entwicklung und die kommenden Monate. Von der Arbeitsintensität hat uns der 2014er wirklich alles abverlangt. Der glückliche Lohn der Anstrengungen darf sich über die nächsten Monate weiter entwickeln.

Daniel Wagner
Siefersheim, 3.November 2014

Text und Fotos: Copyright Weingut Wagner-Stempel

 


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