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Fünf Jahrgänge Smith Haut Lafitte blanc und anderer genialer Stoff

Gestern haben wir mal wieder in kleiner Runde zusammengesessen. Auf dem Programm stand eine Fünfer-Vertikale des im Pessac-Léognan beheimateten Bordeaux-Châteaus Smith Haut Lafitte.

Traditionell beginnen wir unsere Abende mit einem Champagner, in diesem Fall mit einer Grande Réserve des Hauses Vilmart & Cie, Rilly-la-Montagne aus dem nördlichen Bereiche der Grande Montage de Reims.

Vilmart, 1890 gegründet, besitzt 11 Hektar rund um das eigene Anwesen, wobei hier, ganz unüblich für die Region, Chardonnay als Hauptrebsorte überwiegt. Normalerweise findet sich in der Montagne mehr Pinot. Sämtliche Lagen des Besitzes fallen unter den Premier Cru Status. Vilmart, bzw. der Besitzer Laurent Champs und auch schon sein Vater gehören zu den Winzern, die sehr früh auf den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden im Weinberg verzichtet haben und sie gehören weiterhin zu jenen, die ihre Grundweine samt und sonders in Holzfässern ausbauen. Non Vintage Champagner werden in Fudern ausgebaut, Jahrgangschampagner in gebrauchten Barriques. Die Vorgehensweise ähnelt also der bei beispielsweise Selosse, de Souza, Larmandier-Bernier und anderen Winzern, die biologisch im Weinberg arbeiten und auf Holz statt auf Edelstahl im Keller setzen.

Die Grande Réserve Brut Premier Cru, Losnummer 11 08, das dürfte auch das Degorgier-Datum sein, besteht im Gegensatz zu allen anderen Erzeugnissen Vilmarts zu einem höheren Anteil aus Pinot Noir (70%) und zu einem geringeren aus Chardonnay (die restlichen 30%).

In der Nase findet sich ein Hauch Holz und ein leichter Duft von Hefe, zusammen mit etwas Salzigem, was mich ein wenig an Fisch erinnert hat, aber das wäre ein Negativurteil, was ich so nicht formulieren mag. Es scheinen jedenfalls einige salzige Aromen am Geruchsbild mitzuwirken, das ansonsten eher auf Chardonnay denn auf Pinot schließen lässt: Zitrusfrüchte dominieren hier.

Am Gaumen ist der Wein zunächst einmal frisch und crémig, was meiner Meinung nach zunächst einmal das Wichtigste ist. Fehlt die Frische wird der Wein schnell langweilig, dann kann ich auch einen Stillwein trinken. Hier jedoch findet sich eine frische Säure, Mineralität, wiederum Citrusnoten und Pfirsich, begleitet von würzigen Noten und frischem Brioche. Im Mund merkt den Pinotanteil deutlicher als in der Nase, der Wein hat hier ein pinottypisches Volumen. Schön ist, um noch mal darauf zurück zu kommen, die crémige Textur, die nicht zuletzt aus dem zehnmonatigen Holzfassausbau resultieren dürfte sowie die Länge, die diesen Einstiegswein des Hauses zu einem guten Kauf werden lässt und mit 32 Euro bei Hardy in Berlin auch gut bepreist ist.

Das eigentliche Thema des Abends aber waren die weißen, von Sauvignon Blanc dominierten Gewächse des Château Smith Haut Lafitte, bei mir intern op Kölsch Schmitz-Hoot genannt.

Wie viele andere Châteaux im Bereich Pessac-Léognan, Graves auch ist Smith Haut Lafitte deutlich älter als die bekannten Médoc-Güter. Bis ins 14. Jhd gehen die Annalen zurück als die Familie Bosq im Jahre 1365 das Gut gegründet hat. Interessant wird es ab dem 17. Jahrhundert, als der Schotte George Smith den Besitz übernahm, das heutige Anwesen erbauen ließ und begann, die Weine auf die britischen Inseln zu exportieren. Ab 1842 hat der damalige Bürgermeister von Bordeaux, Monsieur Duffour-Dubergier den Besitz übernommen, ausgebaut und das Gut weiter bekannt gemacht. Den weltweiten Export übernahm der Händler Louis Eschenauer, der das Anwesen zwischenzeitlich erwarb bis es 1993 in den Besitz des früheren Ski-Olympiasiegers Daniel Cathiard überging. Dieser hat den Besitz zusammen mit seiner Frau Florence zu einer neuen Blüte gebracht, enorm viel Geld in das Anwesen mit dem markanten blauen Signet investiert und mit Frau und Tochter sogar eine eigene, auf Weintrauben basierende Kosmetiklinie namens Les Sources de Caudalie sowie eine Reihe von Spa eröffnet. Die Familie hat in den letzten zwei Jahrzehnten also keine Mühen gescheut um den Besitz in die erste Riege der Graves-Château zu befördern, zu denen es vorher eigentlich nie gehört hat. Eine der vielen Maßnahmen, die angewandt wurden um diesen Qualitätssprung zu erreichen ist neben der Neuanlage der Weinberge, dem Ausbau des Kellers und der Beratung durch Michel Rolland die stete Hinwendung zur biodynamischen Bewirtschaftung des Weinbergs, womit peu à peu 1997 begonnen wurde.

Die Jahrgänge 2000 und 2002
Leider hatte direkt der erste Wein im ersten Flight einen Korkschmecker, der den Vergleich mit dem hervorragenden 2002er schwieriger werden ließ. Beide Weine standen goldgelb im Glas und dufteten mit einer Aromatik von leicht gerösteten Nüssen und Kernobst.

Was ich beim 2000er zuerst als Walnuss-Aromatik empfunden hatte wandelte sich zunehmend deutlich im Laufe des Abends zu einem TCA-Fehler des Korkens. Schade, denn der Wein hatte eine schöne Tiefe und Länge.

Der 2002er ist von der Zusammensetzung her ein typischer weißer Smith Haut Lafitte. 90% Sauvignon Blanc werden ergänzt durch 5% Sauvignon Gris und 5% Sémillon. Neben der Aromatik von gerösteten Nüssen findet sich ein wenig Akazienhonig, etwas Banane und reife Mirabellen. Und das nicht nur im Duft sondern ebenso im Geschmack, wo sich zusätzlich eine gewisse Kräuteraromatik einfindet. Der Wein hat eine schöne Dichte und ausgezeichnete Länge. Zum Schluss des Abends findet sich ein leichter Petrolton in der Nase.

Die Jahrgänge 2007 und 2006
Im zweiten Flight stand der 2007er Jahrgang neben dem 2006er. Auch diese setzen sich aus 90% Sauvignon Blanc und je 5% der Nebenrebsorten zusammen, der Ertrag lag bei beiden bei 30 Hektoliter je Hektar (2002 lag er bei 25hl).

Die Stilistik der ersten beiden probierten Weine setzt sich auch in diesen beiden fort. Auch wenn der 2007er säurebetonter ist als der 2002er und zurückhaltender im Duft, findet sich die Steinobst-Nuss-Aromatik, die zunehmend durch eine leicht steinige Komponente ergänzt wird. Im jüngsten Wein des Abends findet sich zwar etwas mehr Holz als in den anderen, doch oaky ist dieser Wein kein bisschen. Die Frucht überwiegt deutlich, ist expressiv und verbindet sich hervorragend mit der Säure. Sehr gut.

Der 2006er, von René Gabriel mit übertriebenen 20/20 Punkten bewertet, ist noch ein Schüppchen besser. Nüsschen, reife, ja crémige weiße Früchte mit einem satten Schuss Akazienhonig formen einen dichten, in angenehmen Sinne vollen Wein, der jedoch genau so viel Grip und Säure in sich trägt, dass sich eine großartige Balance ergibt. Der Wein weckt bei allen am Tisch gleichermaßen Begeisterung. Hervorragend.

Der Jahrgang 2005 und ein unbekannter Nebenbuhler
Der 2005er, im dritten Flight mit einem verdeckten Nachbarn kredenzt, fällt in der Aromatik zunächst ein wenig heraus. Die bisher immer mitschwingende Nusskomponente finde ich kaum, hier überwiegen Quitte und Trockenfrüchte in der Nase. Am Gaumen aber hat dieser Wein alles, was das Weingut ausmacht. Wenn der Wein auch weniger Säure hat als seine beiden Vorgänger ist dies hier die Quintessenz: kühle Frische, ausgezeichnete Säurestruktur, mineralische Kräuteraromatik, leichte Würze, stoffige, weiße Frucht und ein wenig vollreifer Pfirsich. Kraftvoller ist der Wein und doch elegant, tief, mit einer ausgezeichneten Länge fast monumental. Für mich nahe an der Perfektion weißer Graves.

Neben diesem 2005er stand ein Wein, der zwar in der Nase deutliche Alterungsnoten aufweisen konnte, im Glas aber hell schimmerte ohne jeden Alterungston. Auf einen 1979er Château Laville Haut Brion, heute La Mission Haut Brion, ebenfalls Graves, ebenfalls Sauvignon Blanc, ist am Tisch natürlich niemand gekommen. Durchaus amüsant und durch die Bank zutreffend waren die Geruchsvergleiche mit Tahin und Zitrone, Käse oder Kettenfett, gekochtem Gemüse und Karamell. Stand Tahin und Kettenfett zu Beginn im Vordergrund wurde der Wein über die nächsten Stunden nicht schwächer und müder, nein, im Gegenteil formte sich ein karamelliger Wein mit ausgezeichnetem Säuregerüst mit zunehmender Weichheit und Finesse. Sehr beeindruckend.

Was nach den drei Runden Pessac-Léognan wiederum verdeckt ins Glas kam war ein Wein, der von einem der bevorzugten Winzer unseres Gastgebers stammt. Der 2003er Uhlen Laubach von Heymann-Löwenstein, Terrassenmosel, hat uns ebenso viel Spaß bereitet wie die Bordeaux. Dieser Wein aus dem Hitzejahrgang wirkte überhaupt nicht müde – beim kürzlich genossenen 2003er von Clemens Busch konnte ich davon auch nichts feststellen. Der leicht nach Virginiatabak und Pfirsich duftende Wein hatte zwar naturgemäß keine überbordende Säure, aber eine, die den Wein sehr gut zusammengehalten hat. Leicht karamellig wirkte der Wein, mit kräutriger Mineralik, leicht herben Johannisbeer-Noten, einer deutlich spürbaren Restsüße und ausgezeichneter Länge.

Zum Schluss noch mal ein Höhepunkt eines feinen Weinabends: Château Suduiraut, Sauternes, 2003. Was für ein genialer Tropfen. Eine nicht enden wollende dichte Süße, eine crémige Karamellbonbonessenz mit eingelegten Früchten voller gebändigter Kraft und Dichte. Und das, was einen bei vielen Sauternes befürchten lässt, man müsse ob der Schwere durch die Decke plumpsen wird hier gekontert mit Frische, mit einem feinen Säuregerüst, was mir bei diesem Château wie bei kaum einem anderen immer wieder auffällt und die Weine unwiederstehlich macht: Da schwebt eine riesige, mit eingelegten Früchten durchsetzte Crème Brullée in einem schweren Tongefäss wie auf einem Magrittschen Gemälde schwerelos über den Dingen. Großer Wein, großartiger Abend.

Réserve del Conte 2007, Manincor, Alto Adige

Es gibt verschiedene Preisstufen, in denen ich mich bewege, wenn ich Wein kaufe. Da gibt es den ganz einfachen Wein der sich so um die sechs bis sieben Euro bewegt. Weine, die durchaus schon lecker und manchmal begeisternd sein können, sich aber auf Alltagsniveau bewegen. Dann kommt das, was bis knapp unter 10 Euro geht. Da ist der Konkurrenzkampf extrem hart und man bekommt schon guten Wein fürs Geld. Für mich wird es aber eigentlich erst wirklich interessant in der Kategorie 10 bis 15 Euro. Hier tauchen die Weine mit deutlich individuellem Charakter auf, Weine, die schon Begeisterung entfachen können, wo ich mich im besten Fall zurücklehne und verzückt lächle. Die nächste Stufe, für mich zwischen 15 und 30 Euro liegend, ist die, die das größte Potential hat und fast alle Wünsche befriedigen kann, die ich mir leisten kann. Alles darüber ist purer Luxus.

Der Wein, den ich hier vorstelle liegt in der Kategorie 10 bis 15 Euro und mit 12.50 Euro genau in der Mitte. Das ist kein Alltagswein, aber auch keiner, auf den ich jetzt sparen muss. Es ist ein Wein, den ich mir am Wochenende aufmache, wenn ich was Leckeres koche, wenn ich Muße habe, wenn ich Freunde bewirte.

Der Réserve del Comte besteht aus 40% Merlot, 20% Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc sowie 30% Lagrein, einer Südtiroler Rebsorte die lediglich auf 300 Hektar angebaut wird und bei Manincor zu einem durchaus beeindruckenden Wein heranreift. Abgesehen vom Lagrein, den man hier nicht wirklich herausschmeckt, ist das eine Alternative zum rechten Gironde-Ufer im Bordeaux die aber ganz woanders, nämlich auf Lagen in Kaltern und Terlan im Südtirol heranreift. Ihr Erzeuger, Graf Goess-Enzenberg gehört mittlerweile zur dortigen Winzerelite.

Als er Manincor 1977 übernahm, war dieses 45 Hektar-Gut einer der größten Traubenlieferanten im Alto Adige. Was das heisst weiß jeder, der mal in den Achtzigern einen Kalterer See oder Ähnliches getrunken hat. Ich erinnere nur an Gerhard Polts Spitzenwein. Das ist so in etwa das, was man hier aus Südtirol bekommen hat. Und viel mehr gab es eben auch nicht. Das erinnert so ein bisschen an die Verhältnisse an der hiesigen Mosel zu der Zeit.

Enzenberg jedenfalls hatte mehr vor und er hat es durchgesetzt und erreicht. Er hat nicht nur auf moderne Rebsorten gesetzt sondern genau so die traditionellen kultiviert. Auch heute gibt es einen Kalterer See und ebenso einen reinsortigen Lagrein, mit dem Unterschied, dass man ihn nicht nur trinken kann, sondern, dass er einen eigenen, feinen Charakter besitzt.

Neben der Weinbergarbeit, die er schon vor Jahren auf Biodynamie umgestellt hat, hat er akribisch an der Kellertechnik gearbeitet, die vor kurzem in der Einweihung des neuen Kellers seinen Höhepunkt gefunden hat. Nicht nur stellt dieser Keller einen architektonischen Höhepunkt im traditionellen Südtirol dar, nein, das ist kein Selbstzweck denn der Keller ermöglicht Abläufe in der Weinbereitung, die Qualitätsverluste minimieren. So haben sich Pumpen erübrigt, Schwerkraft ist hier schonender.

Dass die Anstrengungen im Weinberg, im Keller, wie auch in der Vermarktung nicht automatisch zu teuren Weinen führen zeigt eben der hier vorgestellte Réserve del Comte.

Dieser Wein bietet ein ausserordentlich gutes Preis-Genuss-Verhältnis und hat alles, was ich von dieser Qualitätsstufe erwarte. Er ist anspruchsvoll aber übertreibt es nicht. Man dürfte ihn so ziemlich Jedem vorsetzen können der Rotwein mag, er ist trotzdem nicht beliebig. Er ist fruchtig-beerig, ist würzig, mit einem Hauch von Süßholz bzw. Lakritze, ist saftig, gleichzeitig elegant, die Tannine sind reif und samtig, der Abgang hat eine angenehme Länge. Chapeau!

Ich habe diesen Wein neben einigen anderen Weinen von Manincor meinem Shop-Angebot hinzugefügt.

Gastbeitrag von Daniel Wagner zum Jahrgang 2010

14/Nov/10 13:08 kategorisiert in: Bioweine, Weingüter

Es ist ja schon viel geschrieben worden zum ungewöhnlichen Jahrgang 2010. Eine Menge Nachrichten aus der Gerüchteküche brodelten durch das Netz. Mittlerweile gibt es allerdings gute Informationen aus erster Hand, also Einschätzungen  der Winzer selber und die sollten es eigentlich wissen. Dabei zeigt sich, wie heterogen die Qualität des Jahrgangs je nach Gebiet sein wird und wie stark die Ausfälle. Gleichzeitig aber wird ebenso klar, dass das Engagement des einzelnen Winzers und seines Teams entscheidend sein wird für die Qualität der Weine die wir dann im nächsten Jahr erleben werden.

Ich bin froh, dass ich zu diesem Thema die Einschätzung Daniel Wagners vom Weingut Wagner-Stempel veröffentlichen kann, der sehr ausführlich den Vegetationsverlauf und die erwarteten Mengen und Qualitäten für seine Siefersheimer Lagen beschreibt.

Das Sonnenfenster im Oktober

2010 war ein Jahr der Extreme. Der zurückliegende Vegetationsverlauf hat alles geboten, was an Wetterextremen in den gemäßigten Breiten anzutreffen ist. Eisige Kälte, Sturm, Hagel, Hitze und sintflutartige Regenfälle…es war ein Ringen in den letzten Monaten – zuweilen auch nur ein banges Hoffen und zuletzt ein Geschenk mit glücklichem Ausgang.
Das Jahr begann überaus kalt mit einem der härtesten Winter der letzten Dekaden. Selbst in der Rheinebene gab es ergiebige Schneefälle, und die Minusgrade reichten bis weit in den März hinein. An ein frühes Erwachen der Natur war nicht zu denken. Anfang April schaltete das Wetter direkt auf Frühsommer um, und bei sommerlichen 25°C überschlug sich die Vegetation förmlich im Wachstum. Selbst unsere 70 Jahre alte Kastanie in der Hofmitte war binnen 2 Wochen grün.

Die Entwicklung in den Weinbergen verlief ebenfalls derartig rasant, dass viele handwerkliche Arbeiten des Frühlings wie das Ausbrechen und anschließende Heften teilweise parallel ablaufen mussten. Alle Hände waren gefragt. Der Mai brachte eher kühles und wechselhaftes Wetter mit sich, die ersten Gewitter mit Hagelschauern und ergiebigen Regenfällen zogen über das Land und an eine frühe Blüte der Reben war nicht zu denken.

Erst Mitte Juni begann die Hauptblüte in der Lage Höllberg und ungefähr 10 Tage später in der Heerkretz. Beim Riesling zeigte sich eine starke Gescheinsausbildung mit vielfach 3 Trauben und mehr pro Trieb bei gleichzeitig starker Verrieselung der einzelnen Gescheine. Auch die Burgunder- und Silvaneranlagen entwickelten sich in dieser Weise und machten Hoffnung, die später nötigen Ausdünnarbeiten moderat ausfallen zu lassen.

Das hochsommerliche Wetter der Monate Juni und Juli brachte nochmals einen weiteren Wachstumsschub mit sich. Die Reben profitierten von der Feuchtigkeit im Mai. Das Traubenwachstum hingegen fiel sehr moderat aus, und es bildeten sich vielfach nur kleine Beeren in den Gescheinen. Wir waren voller Hoffnung, und Ende Juli zeigten unsere Rebanlagen ein z.T. idealtypisches Bild. Schlanke, lichte und hohe Laubwände bei gleichzeitig vielen lockerbeerigen Gescheinen mit kleinen Früchten.

Der August bereitete diesem Bild ein jähes Ende. Die ergiebigsten Regenfälle in einem August seit Aufzeichnung gingen über Rheinhessen hinweg. Mit knapp 130 l/m2 kam Siefersheim noch glimpflich davon. Die eher kühlen Temperaturen hielten auch die Pilzgefahr vorerst im Zaun und dennoch waren die Rebanlagen angezählt. Die vormahls lockerbeerigen Trauben waren wie aufgeblasen. Zum Glück hatten wir uns während des Sommers entschlossen, keine Gescheine zu entfernen, um die Ertragsregulierung zu erzielen, sondern wir hatten in beinahe sämtlichen Anlagen die Trauben halbiert. Zudem zeigte sich, dass aufgrund unserer ökologischen Bewirtschaftung ein guter Teil des Wassers von unserer Begrünung aufgenommen worden war, und auch Erosionserscheinungen eher selten waren. Der gute Wasserabzug des porphyrischen Untergrunds besonders in den Lagen Höllberg und Heerkretz kam als ergänzender Vorteil hinzu. Die dortigen Rieslinganlagen verkrafteten die Wasserzufuhr erstaunlich gut.

Eine von Pilzkrankheiten völlig zerstörte Rebanlage in der Heerkretz Anfang Oktober. Wer im Jahr 2010 nicht alle Kraft in die Weinbergsarbeit investiert hatte, konnte praktisch nichts ernten.

Eine Beruhigung und Besserung der Situation ergab sich auch im September nicht. Im Gegenteil. Die wärmeren ersten Wochen des Septembers kulminierten wiederum in ergiebigen Regenfällen eines Wärmegewitters am 12. September. Auch hier kam Siefersheim mit knapp 15 l/m2 vergleichsweise glimpflich davon – im südlichen Rheinhessen fielen an die 40 l/m2 – und dennoch war es jetzt geboten, alle Anlagen so gesund zu halten wie irgend möglich. Alle Rotweinanlagen wurden in der Traubenzone komplett freigestellt und für viele Weißweinanlagen galt dasselbe.

Bis zu diesem Zeitpunkt zeigte sich in der Traubenentwicklung ein eher groteskes Bild. Der Reifeprozess der Beeren hatte sich in den Wochen seit August merklich verlangsamt. Die Zuckerwerte in den Beeren waren als Ergebnis der Ertragsreduzierung schon bemerkenswert hoch, die Schalen und Kerne jedoch noch grün, bei Rotweinen fehlte es an Farbpigmenten und Gerbstoffreife in den Schalen, und insgesamt lagen die Säurewerte aufgrund der wenigen warmen Nächte in den vorangegangenen Wochen überdurchschnittlich hoch.

Eine Lösung konnte nur eine stabile, sonnige Periode erbringen und die ergab sich vom 4. bis zum 17. Oktober. Ein wunderschöner, verspäteter Altweibersommer verheilte viele Wunden. Die langen, feuchten Vormittagsstunden mit intensiver Sonne und hohen Temperaturen am Nachmittag ließ besonders die Burgunderanlagen an einen Punkt der Reife gelangen, der Wochen zuvor schwer vorstellbar war. Auch unsere Rieslinganlagen am Höllberg zeigten gegen Ende des „Sonnenfensters“ jene Reife, die wir auch in den Vorjahren beobachten konnten. Selbst die Säurewerte fielen in verschiedenen Anlagen vergleichsweise moderat aus und wir wurden insgesamt optimistischer – insbesondere im Hinblick auf die Aufgaben in der Heerkretz. Besonders jetzt zeigten sich die Vorteile unserer ökologischen Bewirtschaftung mit dem damit verbundenen Reifevorsprung. Vergleichbare, konventionell bewirtschaftete Weinberge mit starkem Botrytizideinsatz waren zu diesem Zeitpunkt noch völlig unreif.

Der letzte Schlag der Wetterkapriolen kam wenige Tage später am 22.Oktober. Dichter Nebel und tiefe Minusgrade bis in Höhenlagen von 300m hatte das Laub der Weinberge in Rheinhessen förmlich einfrieren lassen. Innerhalb von 24 Stunden lagen alle Blätter am Boden – der vegetative Prozess im engeren Sinne war beendet. Unsere Weinberge in der Heerkretz wurden in den nachfolgenden Tagen gelesen und am 3. November war die Lese mit unseren letzten Rieslingparzellen am Siefersheimer Ajaxturm vorbei.

Perfekt ausgereifte Trauben in der Heerkretz am Siefersheimer Ajaxturm. Das Laub war bereits am Boden. Anfang November zeigten die Beeren ein idealtypisches Bild mit Verfärbungen von grün zu gelb bis violett.

Das Gesamtbild des Jahrgangs 2010 ist auch jetzt nur schwer auf einen Punkt zu bringen. Die Erinnerung an 2002 wird wach, und dennoch steht dieses Jahr ganz für sich. Die Erträge insgesamt bewegen sich unterhalb unseres langjährigen Mittels. Ein mengenmäßig kleiner Jahrgang. Die Zuckerwerte sind durchweg gut bis sehr gut gewesen. Die Säurewerte reichten von milden 7g/l bei verschiedenen Silvaneranlagen bis hin zu spitzen 13 g/l bei einzelnen Basis-Rieslingparzellen. Die Schalen, Kerne und das Fruchtfleisch zeigten alle Grade der Entwicklung von kerngesund grün bis hochreif violett – eine Zusammensetzung, die wir eigentlich jedes Jahr anstreben. Besonders die aromatische Ausreifung hat von den Bedingungen im Oktober mit kalten Nächten, Nebel und überaus warmen Mittagssonnenstunden profitiert. Der Übergang der Schalenfärbung, der in ökologisch bewirtschafteten Weinbergen von grün zu gelb und rosa reichte, war der Schlüssel der langen und langsamen Ausreifung – in der Heerkretz bis in den November hinein.

Die Kombination dieser Axiome lässt Weine mit viel Kraft und Volumen, ausgeprägter Mineralität bei gleichzeitig hohen Säurewerten und komplexer Aromatik erwarten. Weine – die eine enorme Spannung entfalten können und ein grandioses Alterungspotenzial besitzen. Wir sind uns sicher, dass der Jahrgang 2010 – insbesondere für den Riesling aus Heerkretz und Höllberg – ein großer Jahrgang sein wird. Einziger Wehmutstropfen – es wird weniger Basisqualitäten geben.

Daniel Wagner, Weingut Wagner-Stempel

Ridge, Geyserville 2006, Kalifornien

04/Jun/10 21:11 kategorisiert in: Rot, USA, Rotweine, Weingüter, Zinfandel

Seit Wochen beschäftige ich mich ziemlich intensiv mit kalifornischen Weinen. Das hat mit meiner Mitarbeit in der noch zu eröffnenden Atlantic Vinothek in Essen zu tun, deren Weinkeller eine so superbe Dichte an besten kalifornischen Weinen zu bieten hat, dass man weinen könnte. Allerdings werden sich die wenigsten eine Träne aus dem Knopfloch wischen, weil sich die wenigsten wirklich mit kalifornischen Weinen beschäftigen. Die guten Weine sind teuer und gelten hier in Europa eher als over the top. Dicht, konzentriert, marmeladig etc. sind typische Adjektive, die direkt aufkommen, wenn man Kalifornien thematisiert. Wer also hat sich jemals mit Diamond Creek beschäftigt? Oder mit Abreu oder mit Quilceda Creek oder mit Sine Qua Non? Das sind alles Weine, die von Robert Parker schon mal 100 Punkte ergattert haben. Und egal, wie man zu Parker steht – beim Dirk Würtz gab es dazu mal wieder eine längere Diskussion –, und egal, ob man wirklich der Meinung ist, dass ein Wein perfekt sein kann, und wenn, dann nach welchen Maßstäben, so kann man bei einer solchen Bewertung doch zumindest davon ausgehen, dass es sich bei diesen Weinen um denkwürdige und außergewöhnliche ihrer Art handelt.

Pizza mit Trüffeln und Kartoffeln bei Mamma Roma, Place du Chatelain, Bruxelles

Nun, wir sind hier in Europa, speziell auch in Deutschland und in Frankreich, sehr schnell dabei, wenn es die Möglichkeit gibt, die USA in irgendeiner Form zu bashen. Ich möchte mich da selber gar nicht ausschließen, schließlich legt es das dortige System ja durchaus darauf an, würde ich behaupten. Auch habe ich genügend Getränke von Gallo, Mondavi, Ravenswood oder Seghesio probiert, die ich völlig eindimensional und überreif fand.

Und doch gibt es dort natürlich einen komplexen und abwechslungsreichen Weinmarkt, nicht mit der gleichen Rebsortenvielfalt wie hier, aber doch spannend.

Eine der Rebsorten, für die Kalifornien berühmt ist, ist der Zinfandel. Bis 2002 war es unklar, mit welcher europäischen Rebsorte er verwandt ist. Mit Hilfe von Genanalysen ist aber klar geworden, dass es sich um eine Form der Primitivo handelt, wie sie in Süditalien vorkommt.

Das Museum Victor Horta, Rue des Americains, feinste Architektur im Jugendstil

Während ich also in Brüssel im Hotelzimmer sitze und zu Weingütern wie Corison, Dalle Valle oder Pride recherchiere, probiere ich mal in Ruhe das, wass ich vor drei Wochen bei einer Probe des Fachhändlerbereiches von Gute Weine Lobenberg probiert habe: den 2006er Geyserville von Ridge.

Ridge dürfte zu den Weingütern dieser Welt gehören, die immer noch viel zu häufig übersehen werden. Das ist erstaunlich, kosten doch die Icons der Szene, Cabernets von Harlan Estate, Screaming Eagle und diversen anderen Boutique-Weingütern aus dem Napa Valley gerne mal mehrere hundert bis tausend Dollar. Der Monte Bello, die Vorzeige-Cuvée von Paul Draper, dem Winemaker von Ridge, dagegen liegt zwischen 90 und 110 Euro. Das ist jetzt nicht günstig, aber ähnlich moderat wie beispielsweise die Weine des Château Pontet-Canet im Vergleich zu anderen klingenden Paulliac-Namen wie Mouton oder Lafite. Die Weine aus der zweiten Reihe, der Cabernet Santa Cruz Mountains, die Zinfandel-Cuvée Geyserville oder Lytton Springs dagegen kosten um die 30 Euro. Und dafür hat man etwas Exzellentes im Glas.

Das erste Mal bin ich über die Flaschen von Ridge gestolpert, weil mir die Etiketten so gut gefielen. Das ist vielleicht verzeihlich, weil ich als Grafikdesigner immer auch mit den Augen trinke. Ridge hat das schlichte, zeitlose und klare Design im Laufe der Jahrzehnte nie geändert und das mag ich schon mal sehr. Hinzu kommt etwas, das ich von kaum einem anderen Weingut kenne. Alle wesentlichen Informationen zum Jahrgang, zur Ernte, zum Wetterverlauf etc. stehen detailliert auf der Flaschenrückseite.

Ridge wurde in der ersten Boomzeit des kalifornischen Weinbaus als Monte Bello Winery gegründet – sie besaß damals 72 Hektar am Monte Bello Ridge. Anfang der 60er Jahre wurde die Winery dann von David Bennion und drei Arbeitskollegen der Standford University aufgekauft und umbenannt. Paul Draper wurde Teilhaber und Winemaker – was er bis heute ist. Es ist sein Stil, den man in all diesen Weinen findet – ein Stil, der amerikanisch ist und doch europäisch. Paul Draper macht nie fette, marmeladige Weine, sein Monte Bello 2005, den ich vor drei Wochen getrunken habe, besitzt eine außergewöhnliche Eleganz. Trotzdem nutzt er, und das vertritt er vehement, ausschließlich amerikanische Eiche für die Fässer, auch wenn dies wiederum bei vielen als unelegant gilt.

Wenn wir von Ridge reden, dürfen wir übrigens die legendäre Probe von Paris 1976 nicht unerwähnt lassen. Hier, ich habe es schon mal erwähnt, wurde zum ersten Mal geradezu offiziell deutlich, dass kalifornische Weine französischen Spitzengewächsen nicht nachstehen. Es waren vor allem französische Kritiker, die die kalifornischen Weine eigentlich gerne mit einer blasierten Handbewegung vom Tisch gewischt hätten, gerade diesen aber dann in der verdeckten Verkostung die besser Noten ausstellen mussten. Vor allem die überlieferten Kommentare sind köstlich, die von Ignoranz nur so triefen. Für die Franzosen war die Offenlegung der Bewertungen damals eine mittlere Katastrophe, die Ergebnisse wurden in der französischen Presse nahezu totgeschwiegen, während der Landpreis im Napa Valley innerhalb von Wochen in die Höhe schoss und Weingüter wie Stag’s Leap oder Château Montelena innert Stunden ausverkauft waren.

Der Wein, der in dieser Probe hinter Haut Brion, aber vor Leoville Las Cases den fünften Platz belegte, war damals der 1971er Ridge Monte Bello. Was aber noch denkwürdiger ist, ist die Tatsache, dass der gleiche Wein dreißig Jahre später bei der Wiederholung der Probe – schließlich waren die Franzosen ja der Meinung, französische Weine würden viel besser altern als kalifornische Gewächse – bei zwei parallel abgehaltenen Verkostungen in London und Los Angeles jeweils den ersten Platz belegt hat – übrigens vor den Weinen von Stag’s Leap, Mayacamas, Heitz und Clos du Val. Château Mouton-Rothschild kam als erster Franzose auf dem sechsten Platz.

Der 2006er Geyserville, eine Cuvée aus 72 % Zinfandel, 18 % Carignan und 10 % Petite Sirah kommt mit einer ziemlichen Wucht daher. Es war ein heißes Jahr und der Alkoholgehalt dieses dichten Weines liegt bei 14,5 %. Das ist relativ viel für ein Weingut, bei dem der Alkoholgehalt gerne bei 13 bis 13,5 % liegt. Eigentlich ist der Wein noch zu jung. Wo ich über Ridge lese, wird geschrieben, dass die Weine frühestens  fünf Jahre nach Abfüllung geöffnet werden sollten, weil sie sich dann weg bewegen von der fülligen, dichten, satten Art hin zu einem feineren, burgundischen Stil. Dafür bin ich also jetzt zu früh dran, ich befinde mich noch in der Sturm- und Drang-Zeit des Weines und die beeindruckt schon sehr. Denn wenn auch dieser Wein dicht und alkoholreich ist, merkt man das eigentlich nur daran, dass irgendwann der Kopf schwirrt. Das ist nichts Brandiges, nichts, ich sagte es schon, Fettes. Reifer Beerensaft, leichte Vanilletöne, Schokolade finden sich in einem runden, geschlossenen Zinfandelmonument. Zu diesem Wein und zu einigen anderen Themen gibt es übrigens eine schöne Vaynerchuk-Folge, zusammen mit Jancis Robinson.

Ridge, Geyserville 2006, Kalifornien

Anschlag auf Château Pech-Redon

02/Mrz/10 21:08 kategorisiert in: Abschweifungen, Im Netz, Weingüter

Pech-Redon gehört neben Pech-Celeyran und Pech-Latt mit zu den Weingütern, die ich als erste besucht habe bei meiner beginnenden Weinliebe. Eine längerer Aufenthalt in Sète hat es damals möglich gemacht.

Auf das Weingut ist, so habe ich es bei bacchantus gelesen, am vergangenen Wochenende ein Anschlag verübt worden. Dabei sind über Nacht 500-600 Hektoliter abgelassen worden.

Mutwillig zerstört wurden Les Cades Jahrgang 2009, l’épervier rouge 2006, 2007, 2008 und 2009 sowie l’épervier Rosé und Blanc und auch die neuen Jahrgänge der Cuvées La Centaurée, Lithos und Cuvée Marie. Übrig sind ein paar Fässer La Centaurée sowie die abgefüllten Jahrgänge 2005 und 2006 La Centaurée,

so Gernot Freund von der Weinagentur Les Individuels. Ich hoffe für Christophe Bousquet und seine Familie, dass er von den Banken Kredite bekommt um weitermachen zu können denn es wäre sehr sehr Schade um dieses ausgezeichnete Bioweingut. Ein großer Verlust ist es schon jetzt. Von hier aus alles Gute!

Zwei Tage Rheinhessen, Zweiter Tag: Koehler und Riffel

15/Jan/10 18:51 kategorisiert in: Weingüter

Axel Koehler, bisher kannten wir uns nur vom Telefon, gehört für mich zu den Winzern, denen ich in den nächsten Jahren Großes zutraue. Er ist noch dabei, zu experimentieren mit seinem kompromisslosen, wilden Stil. Er wird noch ein bisschen was davon abschleifen im Laufe der nächsten Jahre, aber die Richtung steht fest. Auch hier gilt die Reduzierung auf das Wesentliche – noch deutlich weitreichender als bei Stefan Winter. Die Weine sind sämtlich spontan vergoren und durchgegoren, wo es irgendwie geht. Dabei verzichtet er auf das Nachimpfen mit Reinzuchthefen, wenn es mal nicht weitergehen sollte. Wie bei dem wundervollen Silvaner vom Krähberg, dessen Restzucker wunderbar changiert mit Säure und Mineralik, hier beschrieben. Kompromisslos heißt, dass auch die Gutsweine knalltrocken und durchgegoren daherkommen, Zeit und Luft brauchen wie die großen Brüder und Schwestern.

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Durch die Gegend getingelt ist er, der Axel Koehler, nachdem er sich mit seinem Vater nicht darauf einigen konnte, wie es weitergeht mit dem Weingut, mit dem Stil und den Anbaumethoden. Anderswo umgeschaut hat er sich dann – bei Wittmann, bei Louis Latour, bei Marc Kreydenweiss, um nur ein paar zu nennen. Dann hat er irgendwas ganz anderes gemacht, insgesamt 15 Jahre, um wieder zurückzukehren, nachdem klar war, dass er das Weinmachen im traditionsreichen elterlichen Hof verantworten wird. Tradition ist so ein Stichwort. Einer seiner Vorfahren hat eine halbe Millionen Liter Fasswein verkauft und fünf Höfe besessen, auch eine eigene Küferei in Rheinhessen. Tradition gibt es hier überall auf den Höfen. Aber mit Tradition hat er nicht viel am Hut, der Axel, Winzer in der achten Generation, der gerade noch die Krähe aus dem Familienwappen – fein stilisiert – auf die Flaschenetiketten druckt.

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Wenn man mit ihm redet, merkt man, wie viel Herz daran hängt, an der Art, diesen Wein zu machen, und wie gut es ist, dass er die Chance hat, das zu tun. Die Weine jedenfalls, die nicht für jeden etwas sein werden, nicht sein sollen, die finde ich ganz großartig. Das sind Terroirweine besten Stils. Und das ist das, was sie hier erzeugen wollen. Wagner, Winter oder Koehler. Hier spiegelt sich Melaphyr und Magnetit und Rotliegendes, Scheurebe vom Buntsandstein, Weißburgunder vom Tonmergel, der 2007er Grauburgunder von der Balzhecke in der alten Korbpresse schonend gepresst, im Steingutfass ausgebaut mit herrlich tiefen Aromen von der Quitte und reifen Williams-Birnen mit sehr viel Kraft. Der 2008er Grauburgunder dagegen stammt vom Rotenfels, vom Kalkstein. Hier ist die Birne in der Nase deutlich knackiger, grün, versetzt mit deutlicher Apfelsäure und Aromen von vergorenem Apfel. Der Wein erinnert in mancher Hinsicht an reifen Cidre. Dabei hat er eine deutliche Länge und Tiefe. Beide Weine waren an diesem Morgen zu kalt, wir hatten zu wenig Zeit, um sie warm werden zu lassen, leider, das müssen wir zu Hause noch mal nachholen; denn Zeit brauchen sie alle, die Weine vom Koehler. So auch der Riesling vom Alzeyer Rotenfels im Stile eines großen Gewächses. Den werden ich bei Zeiten noch gesondert beschreiben.

Weingut Riffel, Bingen

Ganz anders wiederum trifft man es an auf dem Gut der Riffels in Bingen. Eben noch in der guten Stube eines kleinen Hofes gesessen und über einige wenige Weine von 4 Hektar Lagen gesprochen, finden wir hier ein modernes, neu aufgebautes Weingut. Das Weingut eines erfolgreichen Teams, das lange genug in einer Art Minikeller ähnlich einer Garage Winery gearbeitet hat und dann Stück für Stück, auf den Ortsteil verteilt, dazugemietet hat für das größer werdende Gut, bis es nicht mehr ging mit dem Hin und Her und neu gebaut wurde, und zwar so, dass man aus dem Turmzimmer den Weinberg am Binger Rochusberg sehen kann – über den Ort hinweg.

binger_scharlachberg

Auf die Riffels, Carolin und Erik bin ich durch Stuart Pigott aufmerksam geworden. Er hat sie in den höchsten Tönen in der F.A.S. gelobt und auch in seinem Weinführer. Er ist aber nicht der Einzige, der besonders das denkwürdige Preis-Leistungsverhältnis hervorhebt. Gutsweine gibt es ab Hof immer noch ab 4 Euro in einer ausgezeichneten Flaschenausstattung mit Glasverschluss. Ein solcher Wein wie der halbtrockene Gutsriesling für 4,40 Euro wurde im letzten Jahr von Stuart Pigott zum „Saufwein des Jahres“ gekürt – zu Recht. Herrliche Frucht, schönes Spiel mit dem Restzucker. Feine Mineralität bekommt man hier in den Binger Lagen.

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Dass es hier aber nicht mehr nur um die einfachen Weine geht, merkt man sehr schnell, wenn man die Spätlesen und die hochpreisigere Serie Turm probiert. Vor allem die Rieslinge bestechen durch gelbe Früchte, feine Mineralik und eine schöne Balance. Beide Spätlesen kommen aus dem Binger Scharlachberg, der Quarzit von 3 bis 15 Jahre alten Reben, die Reben vom Turm stehen schon eher auf gelbem und rotem Sandstein, die Stöcke sind über 40 Jahre alt. Das ist sehr gekonntes Handwerk des Kellermeisters Erik Riffel. Vorgestellt habe ich hier im Blog ja schon den Chardonnay, den Sauvignon Blanc Leimen, den Weissburgunder Tum oder den herrlichen Spätburgunder Mariage.

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Beeindruckend schließlich der 2007er Spätburgunder Turm aus dem Binger Bubenstück, einer Verlängerung des Scharlachbergs mit Quarzit-Untergrund. 20 Hektoliter pro Hektar sind die Ausbeute, der Pinot Noir vergärt spontan, liegt sechs Wochen auf der Maische, bevor er ins neue Barrique kommt. Der 2007er wirkt schon erstaunlich gereift, und das wohl von Beginn an, so Erik Riffel. Neben typischen Waldbeernoten und deutlicher dunkler Würze findet man Tabak, Schokolade und Holz. Dabei steht dieses, obwohl komplett neu, überhaupt nicht im Vordergrund.


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