originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Werlitsch 2011 – Liebeserklärung an einen Wein

20/Mai/15 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Weiß, Österreich

Manchmal plöppt in der Weinwelt, und zwar vor allem auf facebook ein Wein oder Weingut auf und alle schreiben darüber. So viel und so, dass dann andere, die das lesen, sich fragen, wieviel das Weingut denn wohl für die Promotion bezahlt hat. Das ist normalerweise nicht der Fall. Es ist vielmehr so, dass die Zunft der Weinschreiber so klein ist, dass solche Weine schnell die Runde machen.

Doch kann eigentlich über außergewöhnliche Weine jemals genug gesagt werden? Nicht, wenn sie so vielschichtig sind und sich immer wieder so neu und doch so vertraut präsentieren, wie es ein Wein von Ewald Tscheppe tut. Der Wein ist vor einiger Zeit durch die hiesige Weinszene gereicht worden, als große Offenbarung. Weil dieser Wein tatsächlich eine solche Offenbarung ist, ist es gut, dass er und sein Erzeuger diese Aufmerksamkeit bekommt. Denn Ewald Tscheppe, der aus einer traditionsreichen steirischen Weinbaufamilie stammt, gehört nicht zu jenen, die besonders laut wären. Für diesen Typ Winzer dauert es deutlich länger, bis er entdeckt wird – wenn es überhaupt geschieht.

Ewald_Tscheppe

Die Familie Tscheppe ist in Glanz an der Weinstraße in der Südsteiermark beheimatet. Dort bewirtschaftet sie seit dem 17. Jahrhundert die Weingärten, die teils in Steillagen terrassiert sind und deren Sockel der Opok bildet – so nennt man dort den Kalkmergel mit besonders hohem ph-Wert. Seit einigen Jahren haben die beiden Brüder den Besitz des Vaters Andreas Tscheppe sen. geteilt. Der Bruder, Andreas jun. firmiert unter eigenem Namen und Ewald und seine Frau Brigitte haben ihren Betrieb Werlitsch genannt. Werlitsch ist der Name des Hofs, auf dem die Familie beheimatet ist.

Die beiden Brüder, die bei der Wiener Weinmesse Vievinum im letzten Jahr auch direkt nebeneinander standen, bewirtschaften die gleichen Weinberge und sie tun es auf die gleiche Weise, denn sie haben sich beide dem biodynamischen Weinbau verschrieben. Eine durchaus unterschiedliche Stilistik entwickelt sich erst im Weinkeller, der teils noch von beiden genutzt wird. Wenn man die Weine probiert, zeigt sich eindrücklich, dass schon das Drehen an wenigen Stellschrauben völlig unterschiedlich wirkende Weine zustande bringt. In beiden Betrieben geht es vor allem um Sauvignon Blanc, Morillon, wie der Chardonnay dort genannt wird und um Gelben Muskateller.

Ewald Tscheppes Landwein Werlitsch wird aus 50% Morillon und 50% Sauvignon Blanc gekeltert. Die Reben für diesen Wein stammen aus den kargsten und steilsten Lagen, die Tscheppe im Besitz hat. Der Saft bleibt lange auf der Maische und das im offenen großen Holzbottich. Nach dem langsamen Pressen wird der Wein zwei Jahre auf der Feinhefe im großen Holzfass gelagert, bevor er auf die Flasche kommt.

werlitsch

Soweit zum Hintergrund. Der spielt allerdings zunächst einmal, wenn man den Wein öffnet und ins Glas gießt, keine Rolle mehr. Man kann über dieses Wissen verfügen oder nicht, wenn der Wein ins Glas rinnt, trüb und orange wie ein modernes Craftbeer, dann spielt all das für eine Zeit keine Rolle mehr. Den Vergleich mit dem Craftbeer nutzte ich natürlich bewusst, denn sowohl in der Farbe als auch im Aroma ist es genau das, woran dieser Wein im ersten Moment erinnert. Es ist die Hefe, die zunächst den Charakter bestimmt, und so etwas wie die typischen momentan gefragten Aromahopfen wie Amarillo oder, mit Blick auf den verwendeten Sauvignon Blanc auch Nelson Sauvin. Schnell aber verändert sich der Wein im Glas und was dann über die nächsten Stunden oder Tage hinweg passiert ist einfach beeindruckend schön. Wenn man alles, was man sonst so mit Wein verbindet zunächst einmal zur Seite lässt und sich auf diesen Wein einlassen mag – vor allem, wenn man keine Erfahrung mit Orange-Weinen hat – dann ist dies ein Erlebnis, wie man es mit Getränken nur selten hat. Dieser Wein ruht auf unglaubliche Weise in sich selbst, ist ruhig und gelassen wie sein Erzeuger, öffnet sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen demjenigen, der sich Zeit mit ihm lässt. Die Frucht changiert im Laufe des Abends von grüner und gelber zur orangener und leicht kandierter Frucht. Es gibt neben hefigen Anklängen auch malzige. Es gibt Kräuter, viele Kräuter und Gewürze (Brotgewürz,Thymian, Fenchelblüte), dazu Tabak, Nüsse, Mandeln, Speck und immer ein wenig Salz dabei. All das verbindet sich in höchster Komplexität ohne auch nur eine Spur anstrengend zu sein. Das ist Wein wie ein Naturschauspiel außerhalb der Stadt. Man ist mit seinen ganzen Sinnen gefangen, aber es hat nichts Hektisches, nichts Lautes. Einen Wein zu machen, der so geerdet ist und gleichzeitig so zu schweben scheint, ist nicht einfach zu machen. Dazu muss man schon im Weinberg und ebenso im Keller sehr genau nach innen und nach außen hören, muss sich ganz einlassen auf das, was die Natur einem da angeboten hat. Ewald Tscheppe kann das, keine Frage. Und selbst wenn wir, als Betrachter, als Erschmecker, als Genießer der Idee der Biodynamie, der Tscheppe folgt, kritisch gegenüber stehen mögen, so kommen wir doch nicht umhin, diesen Wein als außergewöhnlich zu groß zu bezeichnen. Dass diese Größe aber nur deshalb möglich ist, weil Tscheppe sich so intensiv auf die Natur und seine Art der Bewirtschaftung einlässt, finde ich bei diesem Wein so offensichtlich wie bei kaum einem zweiten. Es ist gut, dass wir Menschen haben, die sich darauf einlassen, die sich nicht beirren lassen und diese Hilfsmittel nutzen, um Weine von solcher Tiefe und solcher Größe und vor allem Schönheit erzeugen.

Dieser Wein ist einer der großen der Weinwelt, das würde ich ohne zu zögern sagen. Im Gegensatz zu vielen höchst bewerteten Weinen allerdings kostet dieser Wein hier etwa so viel wie eine gute Kiste Craftbeer. Wenn mich jemand fragen würde, welchen Wein ich in einer Originalkiste mit auf eine einsame Insel nehmen würde, dann wäre es genau dieser Wein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mir davon im Gegensatz zu anderen höchst bewerteten Weinen aus dem Burgund, dem Bordelais oder sonst woher auch persönlich eine Kiste leisten könnte.

In Neuseeland – Teil 8: Nelson, bei Woollaston und Neudorf

Header Neuseeland

Als ich Samstagmorgen in der Lodge in Martinborough aufwache, ist es später als gedacht. Zwar habe ich nachts immer noch mit Jetlag-Nachwirkungen wachgelegen doch bin ich irgendwann wieder eingeschlafenen und habe nicht gemerkt, dass die Weckzeit, die ich mir gestellt hatte, nur für Wochentage eingestellt war, aber nicht für Samstage. So bin ich Hals über Kopf abgereist und durch den Morgennebel gefahren, der über den Weiden des Tals lag, zurück durch die Tararua Range zum Flughafen von Wellington. Die kurze Flugstrecke entschädigt jedoch für das ganze Gehetze, das sich am Flughafen noch fortgesetzt hat, da man das Terminal geändert hat, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Die Route führt bei wolkenlosem Himmel fast im Tiefflug über den Pelorus Sound. Was für eine fantastische Szenerie bietet dieses Land doch immer wieder – diesmal im Anflug auf Nelson, der Gebietshauptstadt eines Weinbaugebiets, das gerade einmal 963 Hektar bzw. zwei Prozent zur Gesamtweinproduktion Neuseelands beiträgt.

Nelson_Woolaston_02Das Weingut Woollaston und die preisgekrönte Architektur der gläsernen Villa fügen sich in die rolling hills ein. Uüberall finden sich Objekte von Bildhauern in residence. Foto Copyright: Woollaston Estates

Nelson schmiegt sich zwischen Meer und Berge und ist ursprünglich weniger für Wein bekannt als für Hopfen. Der unter Craft-Beer-Kennern wohl bekannteste Hopfen dieser Gegend ist der Nelson Sauvin. Das Witzige dabei ist, dass er im Bierbereich das ist, was Sauvignon Blanc im Weinbereich abdeckt. Er ist der Aromahopfen, der nach Stachelbeere, Trauben und Grapefruit schmeckt. Ganz so, als hätten Nelson Sauvin und Sauvignon Blanc einen gleichen Ursprung. Neben Nelson Sauvin stammen aus dieser Gegend ebenso die Hopfensorten Dr. Rudi (früher Super Alpha), Green Bullet, Kohatu, Motueka, Pacific Gem, Pacific Jade, Southern Cross, Sticklebract, Wakatu und eine Neuzüchtung namens Waimea. Diesen Namen gibt es nicht nur mehrfach auf den Hawaiianischen Inseln sondern auch in Appleby, nahe Nelson. Und nicht nur jener Hopfen wurde so benannt sondern auch das Weingut Waimea Estates. Im Angebot dieses Gutes zeigt sich, wofür das Gebiet bekannt geworden ist. Es sind vor allem die aromatischen weißen Rebsorten sowie Pinot Noir und Chardonnay. Auch wenn, wie so gut wie überall, der Sauvignon Blanc die erste Geige spielt, findet man bei Waimea ebenso Sauvignon Gris, Riesling, Grünen Veltliner, Viognier, Pinot Gris und Gewürztraminer. Die Weine, die ich im Regionaltasting probiert habe, wurden fast alle recht kalt vergoren. Neben dem Weinen von Neudorf, auf die ich gleich noch näher eingehen werde, gehörten die Weine von Richmond Plains und Woollaston zu den erfreulichen Ausnahmen.

Nelson_Woolaston_04Rechts: Ein kleiner Querschnitt durch den Boden von Mahana. Foto  Copyright: Woollaston Estates

Woollaston at Mahana
Überhaupt Woollaston. In diesem außergewöhnlichen Weingut fand das Regional Tasting statt. Es liegt vielleicht 770 Meter entfernt vom Meer und dem vor der Küste gelagerten Rabbit Island in den Hügeln. Der Name Woollaston ist in Neuseeland bekannt, denn der Vater des Weingutsgründers Philip Woollaston war Toss Woollaston, einer, wenn nicht der bekannteste neuseeländische Maler des 20. Jahrhunderts. Seine Familie hat über Jahrzehnte die wohl größte private Kunstsammlung in Neuseelands zusammengesammelt, von dessen Exponaten ein Teil im Weingut und um das Weingut herum zu finden ist.

Nelson_Woolaston_03Foto rechts, Copyright: Woollaston Estates

Das Weingut selbst existiert seit 2000 und ist eine wirkliche Entdeckung. Die Weingärten liegen im Mahana Vineyard rund um das Anwesen sowie im The Burke’s Bank ant the Red Shed Vineyard. Mahana bedeutet warm auf Maori und sagt etwas über Lage und Bodenstruktur aus. Mahana liegt in der Höhe auf 100 Meter und besteht aus in Lehm gebundenen Schotter aus der Eiszeit. Hier stehen die Chardonnay- und Pinot-Reben, Riesling und Pinot Gris. Weiter unten im Tal, in den Waimea Plains stehen die Rebstöcke für die aromatischeren Weine, für Sauvignon Blanc, Pinot Gris und Riesling. Vor einigen Jahren wurde das Weingut auf ökologischen Anbau umgestellt und zertifiziert. Das Weingut wurde direkt auf vier Ebenen geplant, so dass der Produktionsprozess ohne Umpumpen von statten gehen kann. Ich hatte das große Glück, den Weingutsrundgang und das Tasting mit Michael Glover machen zu können, der wenige Tage zuvor eingetroffen war.

Nelson_Woollaston_02

Michael kommt ursprünglich aus Nelson, ist aber als Weinmacher jahrelang durch die Welt gereist und hat viele Jahre lang auf dem Weingut Bannockburn Vineyards in Australien den Stil bestimmt. Ich bin das erste Mal mit den Weinen dieses Weinguts in Kontakt gekommen, aber es wird nicht das letzte Mal sein, vor allem, seitdem ich die ersten Experimente von Michael Glover probiert habe, einem äußerst sympathischen Weinmacher, der vor Energie nur so strotzt. Es werden Weine mit Kanten und Ecken entstehen, die sich aus der Stilistik, die man sonst in Nelson gerne findet, deutlich bzw. noch deutlicher abheben werden.

Neudorf Vineyards
Ganz in der Nähe von Woollaston liegen die Upper Moutere Hills, wo die Neudorf Vineyards liegen. Neudorf schwebt in diesem Anbaugebiet, das kann man ohne Übertreibung sagen, über allem. Die Weine profitieren davon, dass ihre Reben meist schon mehrere Jahrzehnte alt sind. Es ist ähnlich wie bei Ata Rangi und, was Chardonnay angeht, bei Kumeu Rivers: neben aller Arbeit und einem exzellenten Weinbergsmanagement profitiert die Qualität des Weins erheblich vom alten Rebbestand. Dieser wird bei Judy und Tim Finn biologisch-organisch bewirtschaftet. Die beiden haben das Gut Ende der 1970er gegründet. Auch hier gibt es die Parallele zu Ata Rangi. Sie sind ins Weingeschäft eingestiegen als dies in Neuseeland noch kaum existent war. Sie haben jede Menge Lehrgeld bezahlt und sind über die Jahrzehnte hinweg mit aller Erfahrung und altem Rebbestand zur Avantgarde in Neuseeland geworden. Wenn es für Chardonnay einen Cru-status gebe wie es ihn mittlerweile für Pinot Noir gibt, dann würde der Moutere Chardonnay von Neudorf neben dem Hunting Hill oder Coddington Chardonnay von Kumeu Rivers ganz oben stehen.

Nelson_Neudorf_03Möchte man hier wieder weg?

 

Neudorf – die Weine
Neben den hervorragenden Sauvignon Blanc und Lagen-Pinot-Gris haben Todd Stevens, der Winemaker, und ich uns vor allem intensiv mit den Chardonnays und Pinots beschäftigt. Es startet mit dem Estate Chardonnay 2013. Wenn es um guten, oder besser sehr guten Chardonnay geht, dann dreht sich in Neuseeland alles um den säurebetonten, kleinbeerigen Mendoza-Klon. So ist es auch hier. Er mischt sich hier mit Klon 15, 95, 8021, 548 zu 86% aus den Moutere-Hills (Neudorf Home Block, Neudorf Hill Block,Kina Beach, Renart und Flaxmore Vineyards) mit Lehm-Schotter-Gemisch plus einer 14%-Charge aus dem Lord Rutherford Vineyard in den Waimea Plains vom alluvialen Schwemmland. Die Trauben wurden whole bunch gepresst und mit weinbergseigener Hefe vergoren. Der Wein hat zu 100% malolaktische Gärung durchlaufen und wurde in einem kleinen Teil in neuem Holz ausgebaut. Dies gibt dem Wein einen leichten Schwung, einen Touch von Holzstruktur und Tiefe. Der Chardonnay duftet vor allem nach diversen Zitrusfrüchten und Fenchelsaat. Er präsentiert eine wunderbare Mischung aus Cremigkeit und frischer Säure und endet ausgesprochen lang.

Nelson_Neudorf_05Die Anfänge von Neudorf 1978. Foto Copyright: Neudorf Estates

Neu und in kleiner Menge wird der 25 Rows Chardonnay angeboten. Er ist die pure und kristallklare Antwort darauf, dass man in der so genannten Neuen Welt auch Chardonnays produzieren kann, die ihren Gegenpart im Chablis finden. Dieser Wein aus 100% Mendoza-Klon schafft es in beeindruckender Weise. Hier wurde nur 50% des Weins durch eine malolaktische Gärung geschickt, die Weine wurden in alten, größeren Fässern (Puncheons) ausgebaut, wobei nur ganz selten die Hefe umgerührt wurde. Der Clou ist, dass die Rebstöcke auf deutlich basischem, mineralischen Boden im Neudorf Hill Block stehen. So schmeckt man neben aller Grapefruit und Limette vor allem nassen Stein, Trockenkräuter und Brotgewürz. Der Wein vibriert auf der Zunge und hat eine hervorragende Länge.

On top gibt es den 2013er Moutere Chardonnay aus dem Neudorf Home und dem Neudorf Hill Block. Beeindruckend kraftvoll, reich und geradezu explosiv zeigt sich dieser Wein, dessen Rebstöcke teils direkt am Haus stehen, zu 1005 aus Mendoza-Klon bestehen, zu 100% Säureabbau genossen haben und zu 26% in neuem französischen Holz vergoren wurden. Hier verbindet sich der Duft von Blüten mit gerösteten Nüssen und dem typischen Flint-Geruch der oft entsteht, wenn spontan vergorener Chardonnay auf Holz trifft. Am Gaumen präsentiert sich der Wein aromatisch, frisch und gleichzeitig saftig und dicht mit einer superben Länge. Das ist großes Chardonnay-Kino mit einem gekonnten Holzeinsatz, der immer nur leicht unterstützt aber nie dominiert.

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Etwas kräftiger ist der Holzeinsatz beim Pinot, und doch bleibt er immer auf der unterstützenden Seite, vielleicht etwas mehr führend. Der 2012er Tom's Block Pinot Noir  präsentiert sich gerade in perfekter Verfassung. Der Pinot Noir vom Abel-Klon sowie den Varietäten 5, 10/5, 667, 777 und 115 stammt zum überwiegenden Teil aus Moutere (Neudorf Home Block, Kina Beach, Renart und Flaxmore) sowie dem Rutherford Vineyard in den Waimea Plains. Er wurde komplett entrappt, spontan vergoren im Open Top Fermenter. Tom’s Block Pinot duftet nach Pflaumen und Kirschen, Nüssen, Feld, Wiese und Wald. Das Tannin ist bestens integriert und seidig, die Frucht präsent, frisch und zupackend, die Säure hervorragend. Im Gegensatz dazu präsentiert sich der 2013er Tom’s Block Pinot Noir etwas wärmer und noch fruchtbetonter. Das wärmere Jahr gibt hier das Üppigere, wie es ja auch schon in Martinborough zu schmecken war. Dies findet sich auch im Moutere Pinot Noir 2013, dem Pendant zum Icon-Chardonnay. Der Pinot stammt vor allem aus dem Home Block vom 15 bis 33 Jahre alten Rebstöcken und ist eine Mischung verschiedener französischer Klone und dem Abel-Klon. Im Prinzip wurde der Wein genauso verarbeitet wie Tom’s Block, 21% der Fässer sind neue französische Eiche. Wald- und Wildnoten verbinden sich mit dunkler Frucht und Gewürzen wie Süßholz. Beeindruckend ist die Balance dieses noch so jungen Weins, wunderbar die Kraft und Komplexität und die jetzt schon gut integrierten Tannine. Wenn man bei Neudorf mit den Chardonnay schon auf Grand Cru Niveau angelangt ist, so spielen die Pinots definitiv in guter Premier-Cru-Liga.

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Nelson, der kleine Nachbar des großen Gebietes Marlborough, hat viele deutsche Wurzeln, auf die nicht zuletzt der Name des Weinguts Neudorf an der Neudorf Road hinweist. Mitte des 19. Jahrhunderts pflanzten sind Rebstöcke, Hopfen und Obstplantagen, die hier immer noch weit verbreitet sind. Das Gebiet macht sich einen immer besseren Namen mit Wein – und das ist, wenn man Woollaston oder Neudorf probiert auch kein Wunder. Daneben gibt es die, die im Prinzip so schmecken, wie im Nachbargebiet. Das liegt an der angewandten Technik. Da gibt es noch viel Luft nach oben, denn Eisbonbon und Hyperfrische können viele. Da bin ich gespannt, wo es insgesamt hingeht.

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In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

It's Sauvignon Blanc Day! Mit Giesen Dillons Point und The August 1888

24/Apr/15 10:45 kategorisiert in: Sauvignon Blanc, Weinland Neuseeland, Weiß, Neuseeland

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Als ich kürzlich in Neuseeland war habe ich, wen wundert’s – gefühlt hundert Sauvignon Blancs probiert. Gezählt habe ich sie nicht. Doch jede Winery, die ich besucht habe, von den Regionaltastings ganz zu schweigen, hatte Sauvignon Blanc mit an Bord. Es ist einfach die Rebsorte in Neuseeland. Es gibt zig verschiedene Stile, auch wenn der tropische, manchmal bonbonhafte Stil, den Cloudy Bay geprägt hat, immer noch dominiert.

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Heute ist International Sauvignon Blanc Day und deshalb ist es klar, dass ich heute zwei weitere Sauvignons vorstelle, und zwar solche, die ansonsten in meinem Reisebericht nicht vorkommen werden. Leider hat der Besuch der Winery von Theo, Alex und Marcel Giesen nicht in meinen Zeitplan gepasst. So sind mir die Weine in Neuseeland nicht untergekommen. Entsprechend hole ich das mit zumindest zwei Weinen nach, die die deutschen Auswanderer in Blenheim, dem Hauptort von Marlborough vinifiziert haben.

Die drei Brüder sind seit den 1980ern in Neuseeland. Nachdem sie sich zunächst in Australien umgeschaut hatten, behagte ihnen das Klima Neuseelands deutlich eher. Sie kommen aus Deutschland, ihr Vater war Steinmetz und verfügt über keine eigenen, kommerziell betriebenen Weinberge doch die drei hatten schon in ihrer Jugend als Hobby einen Weinberg angelegt, inspiriert von ihrem Großvater August, der auch einem der Weine seinen Namen gegeben hat.

Während Theo und Alex schließlich in der Nähe von Canterbury ihren ersten Weinberg anlegten – den damals südlichsten Weinberg der Welt, studierte Marcel in Geisenheim zu Ende und folgte den beiden Brüdern etwas später. Die Geschichte ging dann in Marlborough weiter, wo die drei zur ersten Gründergeneration gehörten und heute insgesamt dreizehn verschiedene Lagen besitzen, die nach und nach ökozertifiziert werden.

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Im Mittelpunkt des Programms steht ganz klar der Sauvignon Blanc. Ein zweiter Fokus liegt zunehmend auf Pinot Noir. Und zwar auf dem aus kleinen Einzellagen, die es als Sondereditionen gibt. Marcel hat, was Pinot angeht, schon viel Erfahrung in Canterbury gemacht, wo er seit 1997 zusammen mit Sherwyn Veldhuizen ziemlich exzeptionellen Pinot im Bell Hill Vineyard produziert. Aktuell gibt es von den Giesens in Marlborough Pinot aus den Lagen Brookby Road, Clayvin, Ridgeblock, Waihopai sowie chardonnay aus den Lagen Clayvin und Dog Point Road sowie Sauvignon Blanc aus der Lage Dillons Point.

Zurück zum Sauvignon, schließlich ist Sauvignon Day. Auf dem Tisch stehen der Giesen 2011er Dillons Point und der 2011er The August 1888.

Dillons Point ist mittlerweile der Estate Sauvignon Blanc und dürfte bis einschließlich 2011 komplett aus der Lage Dillons Point am Opawa River gekommen sein. Der Wein erinnert mich zunächst viel mehr an einen Rheingau-Riesling denn an einen Marlborough-Sauvignon. Hier ist phenolische Reife im Spiel, Kern-, Stein- und Zitrusobst und frische Säure. Erst später drängen leicht grasiggrüne Noten weiter in den Vordergrund und eine Maraguja schaut scheu vorbei.

The August 1888 ist ein ganz anderes Kaliber. Der Sauvignon Blanc wurde spät und von Hand gelesen, was eher untypisch für Marlborough ist. Dann ist die kleine Menge ins französische Holz gewandert und wurde dort spontan vergoren. Es gab ganz offensichtlich Batonnage und der Wein lag lange auf der Hefe. Heraus kommt natürlich etwas, was mit üblichem Marlborough-SB nichts zu tun hat. Der Wein ist dicht, kräftig, mit massiven 14,5% Alkohol, die man allerdings überhaupt erst nachher spürt, wenn man die Flasche geleert hat. Was zunächst im Vordergrund steht ist Karamell und Vanille vom Holz. Das mag ich eigentlich gar nicht so gerne, aber es hat passt, es fügt sich ins Gesamtbild ein. Es dauert ein bisschen, bis sich Guave, Papaya, Pfirsich, etwas Banane und Zitrone einmischen und auch das Mineralisch-Frische durchschlägt. Gestern war das genau der Wein, der zum Tag gepasst hat und er war, ehrlich gesagt, schnell leer. Zumal er zur Pasta mit Lammlachs und Salbeibutter gepasst hat, obwohl das weit von einer klassischen Kombination entfernt ist. Nach dem 2011er Sauvignon Blanc Section 94 von Dog Point sowie dem 2011er Wild Sauvignon von Greywacke ist das hier unterm Strich der dritte der aktuellen Neuseeland-Sauvignon-Blanc-Hitliste.

Die Weine hat mir New Zealand Wine zur Verfügung gestellt.

In Neuseeland – Teil 6: Richtung Martinborough, bei Ata Rangi

Header Neuseeland

Von Hawke’s Bay aus geht es mit der Bombardier Turbo-Prop weiter nach Martinborough – allerdings mit einem klitzekleinen Abstecher nach Wellington. Während der Fluges über genau jene Berge, die ich am nächsten Morgen mit dem Auto wieder überqueren muss, wird das Wetter schlechter und mir wird bewusst, dass ich ab dem Flughafen nicht nur selbst fahren muss (links natürlich), sondern durch Regen und Rush-Hour auch noch das erste Mal rechts lenken werde. Bisher bin ich in UK immer mit dem eigenen Wagen unterwegs gewesen, das Rechtslenken ist durchaus noch mal etwas, worauf ich mich neu konzentrieren muss. Das Hotel in Wellington mit Blick über die Stadt ist derart, dass ich länger bleiben möchte als eine kurze Nacht. Doch ich habe keine Wahl, ich will nach Martinborough. Und wer ein wenig mehr über Wellington lesen will, der sollte zwischenzeitlich beim Küchenjungen vorbeilesen, der war da länger – und zwar etwa zwei Wochen vor mir.

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So kommt es, dass man, wenn man genau vergleicht ein paar Ähnlichkeiten findet. Und zwar in der Essensauswahl des Ladens, wo ich unbedingt hin wollte: Duke Carvell’s No. 6. Und so esse ich blood sausage scotch egg with mojo verde, roast bone marrow with coriander, caper, black vinegar & toasted sourdough, Cauliflower with preserved lemon & pistaccio, pan roasted fish with fennel, green olive & feta sowie wild fennel ice cream with almond & olive oil sponge and pear. Der Fisch war etwas langweilig. Dafür aber absolut ungewöhnlich das Ei in der Blutwurst und natürlich großartig der Markknochen zum Auslutschen. Das Wildfenchel-Eis muss ich unbedingt mal selber nachmachen. Ich habe abends üblicherweise ein paar verschiedene Craftbeers betrunken, so dass ich über die zwei Wochen hinweg auch einen ganz guten Überblick über die Bierszene bekommen habe. Ich ziehe seitdem die Möglichkeit in Betracht, mal mit dem neuseeländischen Bierverband… ach nee, lassen wir das vorerst.

Martinborough_02Erst mit dem Flieger über die Berge und dann mit dem Auto zurück.

Am nächsten Morgen geht es durch regnerische Täler und dann die Serpentinen immer höher zum Pass und dann ins Tal des Wairarapa nach Martinborough, einer 1.500-Seelengemeinde, die Hauptstadt eines der kleinen Weinbaugebiete der Nordinsel ist. Wairarapa ist sehr viel mehr meins, entspricht meiner Idee von Weinbau viel mehr, als es das in Hawke’s Bay getan hat. Ich kann da nicht aus meiner Haut raus. Ich bin wohl zu sehr im deutschen Weinbau verwurzelt um riesige Weingüter wie Villa Maria oder so große Investitionsobjekte wie Elephant Hill wirklich sexy finden zu können. Unabhängig davon, dass ich viele der Weine trotzdem schätzen gelernt habe.

Ata Rangi
Doch wie anders ist es, durch das Tor von Ata Rangi zu schlendern, einem der angesehensten und ältesten Weingüter Neuseelands (mit „ältesten“ meine ich jetzt die Neuzeit und nicht jene, die vor der Prohibition schon mal ein paar Flaschen erzeugt haben), um auf ein paar kleine Holzhäuser zu treffen, die mehr oder weniger mitten zwischen den Reben stehen. Die langjährige Weinmacherin Helen Masters fällt erst einmal gut gelaunt allen Mitarbeitern um den Hals und macht ein paar Witze. Und nicht nur sie, der ganze Laden scheint bester Laune zu sein, inklusive der Winzerlegende, quasi dem Gründervater Clive Paton, der mal kurz vorbeischneit. Clive hat das Weingut 1980 gegründet und war mit drei anderen Verrückten der erste, der das Experiment „Weinbau in Martinborough“ begonnen hat. Von dieser frühen Gründung profitiert Helen Masters ganz klar, wie sie sagt und wie man es auch schmecken kann. Denn das Alter der Rebstöcke, selbst wenn es, was Pinot und Chardonnay angeht, nach heutigem Wissenstand nicht immer die geeignetsten Klone sein mögen, bringt mehr Tiefe in den Wein. Ata Rangi zeigt dabei exemplarisch, wo es mit dem neuseeländischen Weinbau hingeht, wenn man gleichzeitig so akribisch an der Qualität arbeitet, wie man es auf diesem biologisch zertifzierten Weingut tut.

Ata Rangi Wairarapa, das heißt aus der Maori-Sprache übersetzt so viel wie Neuanfang am glitzernden Wasser. Das Weingut, um bei Maori zu bleiben, hat 2010 zusammen mit Felton Road in Central Otago den Titel Tipuranga Teitei o Aotearoa erhalten, was so viel heißt wie Grand Cru of New Zealand. Der Titel belegt die Sonderstellung, die das Weingut hat.

Martinborough_03 Der Home-Block und einer dieser herrlichen Bäume, die in Neuseeland zu finden sind.

Begonnen hat das Ganze auf einer Schafswiese. Dort hat Clive die ersten Weinstöcke gepflanzt, nachdem er seine Milchvieh-Herde verkauft hatte. Ich habe ja schon weiter oben den Begriff Verrückter in Zusammenhang mit Clive erwähnt und tatsächlich haben ihn die Nachbarn und Freunde für Verrückt gehalten. Es hatte zwar schon mal ein paar Versuche mit Weinbau in Gladstone gegeben, doch das war damals mehr als hundert Jahre her und 1980 hat eigentlich niemand dem Weinbau in Neuseeland eine große Zukunft voraus gesagt. Eine der wenigen, die an das geglaubt hat, was Clive vorhatte, war seine Schwester Ali, die, bevor sie eine Zeit nach England ging, in direkter Nachbarschaft einige weitere Hektar gekauft hat, um sie Clive für das Weinbauprojekt zu überlassen. Damals bestand der heutigen Weinort aus einigen Hütten, zwei Pubs und einer Fish’n’Chips-Bude und Clive verkaufte die ersten Jahre Gemüse, dass er zwischen den Rebzeilen anbaute. Diese Jahre waren weder für ihn noch die Reben einfach denn der Wind pfeift ordentlich über die Ebene.

Martinborough_10Blick über die freie Ebene

Wairarapas Klima
Wairarapa ist zum Süden hin offen zum Pazifik und von dort, aus dem Süden kommt die kalte Luft der Antarktis. Die sorgt in diesem Gebiet zum einen für gute Durchlüftung und damit für wenig Pilzdruck, zum anderen entsteht hier das entscheidend wichtige Cool Climate am 42ten südlichen Breitengrad. Gleichzeitig ist das Gebiet durch die Riutuka Ranges, die ich am Morgen überquert habe so stark vor Regen geschützt, dass das Gebiet mit 700mm Niederschlag der trockenste Ort der nördlichen Insel darstellt. Diese Voraussetzungen sind also schon mal nicht schlecht. Weshalb Clive allerdings damals den Entschluss gefasst hat, Rebstöcke zu pflanzen war eine wissenschaftlich durchgeführte Bodenanalyse, die den Böden und dem Mikroklima um Martinborough eine ähnliche Qualität beschieden hat wie es Teile des Burgunds haben. Was auch immer man von dieser Aussage halten mag, die Qualität speziell des Pinots ist unbestritten. Die Rebstöcke stehen vor allem auf alten Flussbetten, die heute 20 bis 30 Meter höher sind als das aktuelle Flussbett, und durch Erdbeben verschoben wurden. Über diesem alluvialen Schwemmland von 10 bis 30 Meter Tiefe liegen 30 bis 300mm dicke Löss- und Lehmschichten.

Wairarapa zählt heute 990 Hektar, was gerade einmal 2,8% der neuseeländischen Gesamtproduktion ausmacht. 326 Hektar davon sind mit dem omnipräsenten Sauvignon Blanc gepflanzt, 496 Hektar mit Pinot und den Rest teilen sich Chardonnay, Riesling, Pinot Gris und Syrah. Aufgrund der klimatischen Bedingungen trauen sich hier viel mehr Winzer, biologisch zu arbeiten und sich zertifizieren zu lassen als in Hawke’s Bay, wo es ja fast gegen null geht.

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Zurück zu Ata Rangi
Doch zurück zum ebenfalls ökologisch arbeitenden Betrieb Ata Rangi. Dort hat Clive Paton das große Glück gehabt, 1982 auf Malcolm Abel zu treffen. Bei diesem Weinmacher aus Auckland hat er einen Jahrgang mitgemacht, sie wurden Freunde – allerdings nur für kurze Zeit, denn Malcolm starb ein Jahr später. Der Auckland-Weingarten musste städtischer Bebauung weichen, doch Clive hatte bereits einige Stöcke des Pinot-Klones bekommen, der heute Gummistiefel-Klon, Abel-Klon oder Ata-Rangi-Klon genannt wird. Er stammt von einem Klon ab, denn jemand unberechtigter Weise auf Romanée-Conti entfernt und mit nach Neuseeland gebracht hatte. Da dort die Kontrollen am internationalen Flughafen bezüglich des Imports von organischem Material jedoch sehr streng sind, musste er den Rebstock abgeben. Malcolm wiederum hat damals, Mitte der 1970er als Zollbeamter am Flughafen gearbeitet und den Stock zur Staatlichen Weinbaubehörde geschickt, um ihn dort auf Rebläuse etc. untersuchen zu lassen. Als klar war, dass der Stock – den der Reisende nach eigener Aussage im Burgund in seinen Stiefel gesteckt hatte, daher der Name – sauber war, konnte er ihn pflanzen. Dieser Abel-Klon ist heute neben einem Dutzend anderer Klone das Herzstück der Pinot-Weingärten von Ata Rangi.

Martinborough_06Hulk Hogan, der Weinschreiber, die Winzerlegende Clive Paton & the winery dog

Die Weine von Ata Rangi
Doch bevor wir zum Pinot Noir kommen, probiere ich mit Helen die Weißweine. Helen hat 1990, auch eine nette Geschichte, kurz nach dem Abschluss der Schule einen Brief an die Patons geschrieben und gefragt, ob sie bei Ihnen Arbeiten können, was sie wenigen Wochen später dann auch direkt gemacht hat. Dann ist sie zum Studium gegangen und hat noch ein paar andere Orte aufgesucht, bis sie 2033 zurückgekehrt ist.

Der aktuelle Jahrgang des Graighall Rieslings ist der 2010er. Es sind 27 Jahre alte Reben in diesem trockenen Riesling und er ist eine Wucht. deutlich der beste Riesling, den ich bis dato außerhalb der deutschsprachigen Sphäre probiert habe. Langsam gepresst und spontan vergoren, keine Bewässerung im Weinberg (was normalerweise bis auf ganz wenige, ultratrockene Jahre für alle Weingärten zutrifft). Wunderbare tiefe Grapefruit- und Limettenfrucht mit herrlichem Druck am Gaumen. Dazu eine ganz leichte Ahnung von Holz, ein cremiges Mundgefühl, Mandelmus, Salzmandeln – ein toller Einstieg.

Martinborough_04Helen Master vor ihrem Home-Block und die völlig unscheinbare winery

Beim 2014er Sauvignon Blanc wird das Basismaterial auf vier unterschiedlichen Arten ausgebaut. Etwa 50% werden im Edelstahl ausgebaut. 20% werden direkt nach der Pressung in größeren Fässern spontan vergoren und auf der Hefe gelassen. 25 weitere Prozente gehen durch Malolaktik und ein kleiner weiterer Teil wird auf den Traubenhäuten vergoren. So entsteht ein knalltrockener und cremiger Sauvignon mit einer tiefen Frucht und üppig floralen Noten – weit entfernt von grasiggrünen und tropischen Clichées.

Vom Craighall Chardonnay 2013 möchte ich gerne eine Kiste, bitte! Die Mendoza-Klone, diese ultrakleinen, säurebetonten Beeren überzeugen in Neuseeland einfach auf ganzer Linie, sind mehr als dreißig Jahre alt und stehen dem Home Block genau gegenüber auf der anderen Straßenseite. Ein Teil des Craighall nennt sich bis heute Dry River, und genau das liegt hier im Untergrund: ausgetrocknetes Flussbett mit jeder Menge Kies, wenig Regen, keine Bewässerung, viel Wind und kühle Nächte. Das Ergebnis ist ein höchst energiegeladener und vibrierender Chardonnay der gleichzeitig elegant und komplex ist. Grapefruit und Zitrone, Steinfrucht in rauhen Mengen, dazu Feuerstein und abgebranntes Schwefelholz, etwas Butterfudge und Biskuitteig.

Etwas breiter präsentiert sich der Petrie Chardonnay 2013, der von lehmhaltigerem Boden stammt. Auch hier wieder viel Flint und Steinobst, etwas wärmere Noten, etwas breiter, meloniger, aber immer noch viel Zitrusfrucht, Säure und mineralische Noten. Hier ist nicht der Mendoza- Klon am Werk sondern Clone 15, der zu den Böden der Hügel, auf denen der Wein steht besser passt. Der Weinberg liegt in Gladstone und wird von der Petrie-Familie an Ata Rangi, Matua und Trinity Hill verpachtet.

Martinborough_08Blick in den Barrique-Raum, Querschnitt durch Hügel in Gladstone (Copyright Fotos links: Wairarapa Winegrowers)

Schließlich holt Helen noch einen 2011er Craighall hervor, der aus einem ganz hervorragenden Jahrgang stammt. Whole-Bunch-Pressing, wie es die Neuseeländer nennen, der Saft spontan in Barriques vergoren (25% neu) und neun Monate auf der Hefe gelassen. Neben den Grapefruits und Pfirsichen sind es Kräuter und florale Noten, die hier dominieren, der Pfirsich ist eher weiß als gelb, dazu kommt ein Hauch von Zimt und gebackenem Apfel. Sinnlich, saftig, Sonderklasse!

Mit dem Crimson Pinot Noir 2013 kommen wir zum Kerngeschäft von Ata Rangi. Das ist der Wein, den man trinken kann, während man darauf wartet, dass der ata Rangi Pinot Noir reift, der deutlich länger braucht. Der Crimson stammt von 12 bis 22jahre alten Rebstöcken verschiedener Blocks. ein Teil der Erlöse des Weins fließt in das Project Crimson, daher unterscheidet sich auch das Label von allen anderen Weinen. Crimson ist duftig und rotbeerig (Cranberry und rote Johannisbeere), dazu fleischige Noten, Gewürze, Süßholz, am Gaumen dann dunkler mit etwas Unterholz, mit samtigem Tannin, fast plüschiger Textur und viel Trinkfluss.

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Der Ata Rangi Pinot Noir 2012 stammt im Wesentlichen von etwa 30 Jahre alten Reben. Die Erneten hier sind auf Grund des speziellen Klimas und des für Neuseeland fortgeschrittenen Alters der Rebstöcke die kleinsten im ganzen Land. Alle Blocks und Klone werden separat vergoren und gelagert. Nach 10 Monaten entscheidet Helen, welche Fässer sie für den Ata Rangi nutzen wird, während die anderen dem Crimson zugeschlagen werden. Für den Ata Rangi werden eeigentlich immer die Blocks mit den alten Abel-Klonen genutzt, weil diese extrem fein und samtig sind und ganz dunkle Kirschfrucht präsentieren. Die besten Dijon-Clone-Blocks bringen etwas mehr vordergründige Frucht, Kraft und auch zusätzliche Komplexität und balancieren den Wein. Der 2012er stammt aus einem kühlen Jahr, ist etwas rotbeeriger als die dunkleren umschließenden Jahrgänge – und auch die Johannisbeere ist eher rot und die Pflaume nicht so ultrareif. Hinzu kommen Fleisch, Kräuter, etwas Trüffel und Unterholz, am Gaumen dann mehr Noten von Kirsche, Wild, etwas Tomatenessenz und eine hervorragende Säurestruktur. Auch hier würde ich mir gerne, sehr gerne eine Kiste einlagern.

Seit 1985 schon gibt es mit dem Célèbre eine Cuvée, die auf Merlot (60%), Syrah(30%) und Cabernet (10%) beruht. Der Wein stammt sowohl aus dem Home Block, wo alle drei Sorten stehen, als auch einigen anderen Weingärten, die aber im Prinzip auf der gegenüberliegenden Seite der Straße stehen. Der Wein wird im Holz vergoren, von dem nur 20% neu ist. Der 2011er Célèbre präsentiert sich extrem schüchtern und reserviert, geht erst ganz langsam auf und zeigt dann ein wunderbar feines Tannin. Ich stelle den Wein weg und widme mich dem 2010er Syrah, der eigentlich in den Célèbre wandert, aber seit einiger Zeit in kleinen Mengen auch reinsortig ausgebaut wird. Der Syrah ist deutlich weniger offensiv pfeffrig wie die Hawke’s Bay Syrahs. Gleichzeitig ist es ebenfalls ganz deutlich Cool Climate. Viel frische Säure, Kräuternoten, Stein und Olive mischen sich in Veilchen, Pflaumen, Sternanis, rohes Fleisch und eine hintergründige Pfeffernote. Am Gaumen ist der Syrah superfrisch und lebendig, dabei lang und mundfüllend. so möchte ich das gerne trinken! Währenddessen hat sich die Cuvée geöffnet und präsentiert zunehmend mehr schwarze Frucht und dunkle Schokolade. Und man findet auch die Pflaume und den Sternanis vom Syrah. Dazu kommen erdige Noten, etwas Holz und auch hier wieder eine Säure, die den Wein lange tragen wird. Die Säure prägt diese Weine insgesamt enorm. Und es ist eine Säure, die nicht nur Frische bietet sondern sich wieder ein Nervenkostüm durch alle Weine zieht. Neben der Säure gefällt mir vor allem das zurückhaltende Holzmanagement, das hier immer nur trägt, sich aber nie in den Vordergrund drängt. tatsächlich habe ich den Eindruck, dass das fortgeschrittene Alter der Rebstöcke eine weitere Dimension in die Weine bringt, die die noch jungen Anlagen aus Hawke’s Bay (noch) nicht bieten können. Was Ata Rangi an Weinen präsentiert, ist schon wirklich hohes Niveau.

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Ein intensiver Vormittag geht zu Ende. Ich werde von Alexis und Alex abgeholt, um das Regionaltasting zu starten, in dem ich einen Überblick über das gesamte Gebiet erhalten werde. Aber vorher gehen wir noch einen Happen essen – mitten in den Weinbergen.

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In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 


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