originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Das neue Beaujolais – alles, nur nicht Nouveau

Vor einigen Tagen fand in Hamburg ein Abend statt, an dem der Weinhändler Norbert Müller einige bemerkenswerte Beaujolais präsentiert hat – und zwar bei Madame Hu in Hamburg, in angemessener Atmosphäre also. Ich wäre gerne dabei gewesen, war aber auf der Vievinum, was ich auch nicht hätte missen wollen. Um so schöner, dass der Hamburger Weinfreund und Gastautor Stephan Bauer den Abend zusammenfasst:

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Wenn einem Fußballer nachgesagt wird, er sei ein ewiges Talent heißt das in der Regel nicht nur Gutes, impliziert diese Bezeichnung doch, dass der Fußballer sein Talent nicht abgerufen hat.

Auch beim Beaujolais könnte man in letzter Zeit auf die Idee kommen, er sei das ewige Talent unter den Rotweinen Frankreichs. Mittlerweile dürften genügend Journalisten, Blogger und auch Weinhändler der breiten Öffentlichkeit mitgeteilt haben, dass die heutzutage im Beaujolais erzeugten Weine nichts mehr mit den schnell vinifizierten Beaujolais, den Beaujolais Nouveau, die schon nach ein paar Monaten keinen Spaß mehr machen, zu tun haben. Gleichwohl erzählen die Winzer im Beaujolais, dass sich ihre Weine nicht von selbst verkaufen, dass – wie auch anderswo in Frankreich – Weinberge brachfallen, weil sich keine Nachfolger für elterliche Betriebe finden, und dass man von einer ungetrübten Aufbruchsstimmung beileibe nicht sprechen kann.

Für die Weinliebhaber, die gerne erfrischende Rotweine trinken, die gut zum Essen passen, sich dafür aber nicht knietief ins Dispo stürzen wollen, ist das Beaujolais so weiterhin ein Eldorado. Wie in vielen anderen Weinbauregionen auch, tut sich im Beaujolais laufend etwas. Neue Erzeuger treten auf den Plan, Generationswechsel stehen an, das Sortiment wird ausgeweitet und differenziert, lange praktizierte Methoden der Weinbereitung werden auf den Prüfstand gestellt. Zusätzlich bieten die Gamays aus dem Beaujolais ebenso wie ihre roten Nachbarn, die Pinot Noirs aus dem Burgund und die Syrahs von der nördlichen Rhône, die Möglichkeit, sich mit Haut und Haaren ins Detail zu stürzen, zu schauen, ob einem ein Morgon Côte du Py von Basalt- und Schieferböden oder ein Fleurie von sandigen Granitböden besser schmeckt, ob ein Fleurie aus der Lage Chapelle des Bois südlich des Dorfes sich anders präsentiert als einer aus der Lage La Roilette am Rande der Appelation Moulin-à-Vent und ob und wie ein Gamay, der nach burgundischer Art vinifiziert wurde, anders schmeckt, als einer, der mit macération carbonique oder macération semi-carbonique vinifiziert wurde.

Eine Gelegenheit, sich solchen Details zu nähern und zusätzlich kennenzulernen, dass Beaujolais zu allererst kein Verkostungswein, sondern ein Trinkwein zum Essen ist, bot jüngst der von Weinhändler Norbert Müller organisierte Abend Beaujolais meets Barbecue im Restaurant Madame Hu bei der Schilleroper in Hamburg. Zwölf überwiegend junge Weine aus seinem Programm stellte Norbert an. Dazu servierte Kit Hu sieben Gänge vom Grill, die ihre hervorragende Kochkunst an der Schnittstelle zwischen deutscher, französischer, chinesischer und internationaler Küche noch einmal unterstrichen.

Den Aperitif nahmen wir draußen ein, nämlich den Crémant de Bourgogne von Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux), der hier als Kir mit einem Crème de Cassis der Domaine des Nugues zu Salsiccia from Grill mit Senf und Belugalinsen serviert wurde.

Beaujolais_Hu_Wassermelone
Copyright Fotos: Karen Sapre

Gleich die ersten beiden Weine waren spannend zu trinken. Während das Beaujolais ganz überwiegend für Gamay bekannt ist, gibt es auch ein wenig Syrah und Chardonnay. Aus Chardonnay wurden auch die beiden Beaujolais Blancs erzeugt, die Norbert Müller zu einer köstlichen gegrillten Wassermelone mit Ziegenfrischkäse und Edamame-Bohnen einschenkte. Dies war zum einen der 2012 Beaujolais Blanc von Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux), zum anderen der 2012 Beaujolais Blanc „Clos de Rochebonne“ vom Château Thivin. Der Vissoux wurde im Stahltank ausgebaut, der Thivin in gebrauchten pièces. Auch das den Weinen zugrunde liegende Terroir ist unterschiedlich. Der Thivin kommt von Kalkmergelböden mit Sandsteinanteilen (den sog. pierres dorées, aus denen im südlichen Beaujolais viele Häuser gebaut sind). Der Vissoux stammt aus drei Parzellen mit Granitböden, Kalk-Silex-Böden und Kalkmergelböden. Zu der Wassermelone passte der Vissoux mit seiner kühlen Frische und feinen Art besser, die leichte Holznote und stämmigere Struktur des Thivin hingegen hatte mit dem Essen leichte Schwierigkeiten.

Ab dem folgenden Gang tranken wir nur noch Rotweine. Kit Hu ist große Liebhaberin von Innereien, so dass es auch in ihrem Barbecue-Menü Innereien geben sollte, hier gegrillte Nierenspießchen mit Pfirsichchutney und Rotkohlsalat. Traditionell wird wohl der meiste Beaujolais in Lyon getrunken, wo Innereien und gerade Nieren (Rognons) zu den Spezialitäten gehören. Insofern passten die Nieren auch kulturell hervorragend zu den nächsten beiden Beaujolais, beide von der Domaine des Nugues: 2012 Beaujolais-Villages und 2012 Fleurie. Der Fleurie war für mich eindeutig der bessere Wein der beiden, hatte mehr Struktur, mehr Stoff, mehr Potenzial für die zukünftige Entwicklung. Zu den Nierchen mit ihren dezenten Bitternoten passte hingegen der Beaujolais Villages besser, da er weniger Tannin hatte und einen besseren Ausgleich zu dem Geschmack der Nieren darstellte.

Noch ein Beaujolais-Villages stand zum nächsten Gang auf dem Tisch: Aus zwei jeweils 1 ha großen Parzellen mit jeweils über 100 Jahre alten Reben erzeugt Pierre-Marie Chermette (Domaine de Vissoux) seinen Beaujolais-Villages Coeur de Vendanges, hier aus dem Jahrgang 2012. Der Wein kostet lediglich um die 10 Euro und dürfte jeden verzücken, der ein Herz für Beaujolais hat. Er ist dicht, komplex, voller Energie, erinnert an kleine schwarze und rote Beeren und hat die für Beaujolais von Granitböden typischen kühlen steinigen Noten. Man darf sich von der Bezeichnung als Beaujolais Villages und von dem niedrigen Preis nicht in die Irre führen lassen. Dieser Wein wird sicher über die nächsten fünf bis zehn Jahre eine schöne Entwicklung durchlaufen. Nicht ganz mithalten konnte in diesem Duo der 2012 Brouilly „Reverdon“ von Château Thivin, ein durchaus angenehm zu trinkender Wein, aber ohne die Finesse und den Charme des Vissoux. Dazu gab es einen Garnelenburger vom Grill mit chinesischem Brokkoli, zu dem die beiden Gamays nicht wie Fremdkörper wirkten, zu dem sie aber auch nicht wirklich gut passten.

Beaujolais_GarnelenburgerCopyright Fotos: Karen Sapre

Auf die nächsten beiden Weine war ich besonders gespannt. Neu im Programm von Norbert Müller sind die Weine von Raphael Chopin, der gerade einmal 25 Jahre alt ist. 2008 hat er die Domaine seines Vaters mit 5 ha Weinbergen in Morgon und Regnié übernommen und stellt die Weinberge jetzt langsam auf Bio-Anbau um. Zwei Morgons aus 2012 hatten wir zum Essen, den 2012 Morgon Charmes und den 2012 Morgon Archambault. Der Charmes passte sehr gut zum Essen (Kalbsrücken vom Grill Jerk Style mit Mango und Ananas) und war – Nomen est Omen – durchaus charmant. Es lohnt sich aber, ein paar Euro mehr in den Morgon Archambault zu investieren. Der Jahrgangsvorgänger aus 2011 war schon hervorragend, der 2012er steht dem 2011er in nichts nach, präsentiert sich aber deutlich anders – straffer, säurebetonter, transparenter, ein bisschen mineralischer. Den Namen Raphael Chopin wird man sich merken müssen.

Im nächsten Gang waren die Weine und das Essen etwas schwierig zu kombinieren. Ein in Alufolie schonend gegrillter und saftiger Steinbeißer in einem köstlichen Sud mit Lauch war einfach zu zart für die beiden durchaus gehaltvollen Moulin-à-Vents, die dazu serviert wurden. Es gab vom Château du Moulin-à-Vent den 2011 Moulin-à-Vent und den 2011 Moulin-à-Vent Champ de Cour. Für die Weine aus der AOC Moulin-à-Vent (der einzige Cru, der nicht nach einem Dorf benannt ist, ein Dorf Moulin-à-Vent gibt es nicht) habe ich eine besondere Schwäche. War man einmal oben auf dem Plateau im Weiler Les Thorins, wo die Windmühle (franz.: Moulin-à-Vent) steht, muss man den Weinen eigentlich verfallen. Hier stellt sich dasselbe Gefühl ein, das man bezüglich der Pinot Noirs aus dem Burgund hat, wenn man vom Dörfchen Vosne-Romanée in Richtung Mittelhang geht und das Kreuz vor dem Grand Cru Romanée Conti sieht: Das Gefühl, an einem erhabenen Ort zu sein.

Le-Moulin-a-VentCopyright Foto: Stephan Bauer

Die berühmte Windmühle in Les Thorins ist von der Lage Le Clos umgeben, einer Monopollage der Domaine Labruyère. Auf der anderen Seite der Straße folgt die bekannte Lage Grand Carquelin, die die Domaine Labruyère und Château des Jacques (Louis Jadot) unter sich aufteilen. Östlich davon zieht sich der Champ de Cour um den Hang herum. Nicht viele Domaines dürfen sich glücklich schätzen, im Champ de Cour begütert zu sein. Das Château du Moulin-à-Vent gehört zu den Glücklichen. Zusätzlich hat das Château du Moulin-à-Vent noch in weiteren Spitzenlagen Parzellen, u.a. der Lage Croix des Vérillats. Hier oben auf dem Hügel erzeugen durchaus einige Domaines ihre Weine nach burgundischer Art, d.h. entrappt mit ein paar Tagen Kaltmazeration und längerem Ausbau in 228-Liter-Fässern mit teils auch neuem Holz. Der Grund dafür ist gut erkennbar, wenn man die Weine trinkt. Während ein Fleurie, Chiroubles oder Saint Amour sich durch Leichtigkeit, florale Noten und sehr feine Frucht auszeichnet, hat ein Moulin-à-Vent (und teils auch ein Chénas) deutlich mehr Struktur, Fülle, Volumen und auch Tannin. Dieses Plus an Materie hält eine etwas offensivere Vinifikation durchaus aus.

Zu den Weinen: beide Weine hatte ich zuvor schon bei anderen Gelegenheiten getrunken. Noch ein Jahr vorher war der Moulin-à-Vent Champ de Cour noch recht stark vom Holzausbau geprägt, so langsam beginnt das Holz, sich besser zu integrieren. In jedem Fall ist der 2011 Champ de Cour ein Wein mit sehr viel Potenzial und einer großen Sinnlichkeit, er hat die für Moulin-à-Vent typischen würzigen Noten, eine gewisse pflaumige Fülle. Das gilt mit nur leichten Abstrichen auch für den 2011 Moulin-à-Vent Village. Auf der anderen Seite ist der Village schon jetzt gut zu trinken. Wer den Stil von Château des Jacques mag, wird auch den Stil des Château du Moulin-à-Vent mögen. Deren Moulin-à-Vents sind füllige und sehr strukturierte Weine, die für ein langes Leben gedacht sind.

Noch zwei weitere Weine folgten, zwei weitere 2011er, nämlich der 2011 Côtes de Brouilly Cuvée Zaccharie von Château Thivin und der 2011 Moulin-à-Vent Vieilles Vignes von Thibault Liger-Belair. Thibault Liger-Belair, Winzer aus Nuits St. Georges im Burgund, ist seit ca. 2008 im Beaujolais engagiert und erzeugt derzeit vier Weine, zwei Lagen Moulin-à-Vents (Rocheaux und La Roche), einen einfachen Moulin-à-Vent und einen raren Moulin-à-Vent von über 130 Jahre alten Reben. Schon der einfache Moulin-à-Vent Vieilles Vignes kommt von 60 bis 80 Jahre alten Reben. Auch Thibault vinifiziert seine Beaujolais nach burgundischer Art. Seit dem ersten kommerzialisierten Jahrgang (2009) habe ich nun alle Jahrgänge seines Moulin-à-Vent Vieilles Vignes getrunken, der 2011er reiht sich hinter dem sehr fülligen 2009er und dem sehr straffen und mineralischen 2010er als recht typischer Vertreter des 2011er Jahrgangs ein – eher vollmundig und saftig, jedoch ohne die Opulenz von 2009 und ohne die straffe Art von 2010. Harmonisch, gut balanciert, schmeichelnd und tief. Für einen Preis von etwas unter 20 Euro wird man im burgundischen Stil im Beaujolais kaum einen besseren Wein finden.

Beaujolais_SatespiesseCopyright Fotos: Karen Sapre

Von Château Thivin hatten wir mit der Cuvée Zaccharie den Spitzenwein der Domaine im anderen Glas. Die Cuvée wird aus den ältesten Reben der Domaine in den Lagen La Chapelle und Godefroy erzeugt. Wähnt man sich auf dem Hügel bei der Windmühle in Les Thorins auf dem aristokratischen Gipfel der Weine des Beaujolais, so erinnert der Mont de Brouilly, von dem die Weine der AOC Côte de Brouilly stammen, an den Corton Hügel in Ladoix-Serrigny bzw. Pernand-Vergelesses im Burgund. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis man von der Ebene den Gipfel des Mont de Brouilly erklommen hat. Hier findet sich ein ähnliches Terroir wie an der Côte du Py in Morgon – vulkanisches Gestein mit Schiefer-, Mangan- und Basaltanteilen. Die Reben gehen einmal vollständig um den Mont de Brouilly herum. Dies führt dazu, dass die Weine von der Nordseite etwas kühler in der Art sind als die von der Südseite, auf der auch die Reben des Château Thivin überwiegend stehen. Auch die Cuvée Zaccharie ist ganz leicht vom Holz geprägt, aber auch hier finden wir wieder diese Fruchtfülle und würzige Art. Im Vergleich zum Thibault, der durchaus zeigt, was er hat, ist die Cuvée Zaccharie aber zurückhaltender, als ob sie sagen wolle Noblesse Oblige. In jedem Fall passten beide Weine wunderbar zu einem Rindersaté-Spieß vom Grill.

An diesem Abend zeigte sich einmal mehr, dass die Weine des Beaujolais letztlich schon seit Jahren eine Klasse erreicht haben, die man im Hinterkopf behalten sollte bzw., es unbedingt zu entdecken gilt. Dabei greifen die häufig zu lesenden Burgund-Vergleiche zu kurz. Sicher ist eine gewisse Ähnlichkeit diverser Beaujolais zu Pinot Noirs aus dem Burgund nicht von der Hand zu weisen, gerade bei burgundischer Vinifikation und mit zunehmender Flaschenreife. Aber auch an die Syrahs der nördlichen Rhône fühlt man sich beizeiten erinnert, denn diese kühle Frische, die Weine von Granitböden hervorbringen können, findet man sowohl an der Rhône als auch im Beaujolais. Letztlich sind die guten Beaujolais dabei so eigenständig und individuell, dass Vergleiche zu Weinen von außerhalb des Beaujolais an Bedeutung verlieren. Ein Beaujolais muss kein preisgünstiger Ersatz für Pinot Noirs aus dem Burgund oder Syrahs von der nördlichen Rhône sein. Er ist gut, wie er ist.

Domaine Pignier Brut Blanc – viel besser geht Crémant nicht

15/Mai/14 12:30 kategorisiert in: Alles Bio, Chardonnay, Weiß, Frankreich

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Die Domaine Pignier wurde ursprünglich im 18. Jahrhundert gegründet und 1970 noch einmal restrukturiert. Im 18. Jahrhundert haben  die Pigniers jedoch lediglich die Leitung des Gutes übernommen, das vorher seit dem 12. Jahrhundert einem Karthäuser-Kloster gehörte. Entsprechend sind die Gewölbekeller, in denen teilweise der Wein lagert, knapp 800 Jahre alt. Die Domaine Pignier, die in siebter Generation von den Geschwistern Marie-Florence, Jean-Etienne und Antoine geführt wird, ist die älteste Demeter-zertifizierte Domäne im Jura. Die Geschwister arbeiten sowohl traditionell, als auch modern. Das heißt, hier wird klassischer Jura-Wein angeboten, der unter einer Hefeschicht gereift ist, dazu der oxydierte Vin Jaune, allerdings ebenso Wein, der ohne die Hefeschicht auskommt, und ouillé genannt wird. Diese Methode, die anderswo normal ist, ist im Jura modern. Seit 1999 gibt es einen solchen Chardonnay und seit 2009 auch einen Savagnin in diesem  Stil. Savagnin ist die Hauptrebsorte im Jura. Es ist der alte Name für Traminer, eine der ältesten Rebsorten Europas, die tatsächlich ursprünglich aus dem Jura stammt. Neben diesen Weinen gibt es einen gemischten Satz (GPS geannt) was ja wiederum eigentlich traditionell ist. Zudem gibt es einige exzellente Rotweine aus Trousseau, Poulsard und Pinot. Ein besonderes Verdienst der Domaine ist der Anbau von Sorten, die fast verschwunden waren im Jura, und damit insgesamt, denn diese Rebsorten gab es früher ausschließlich im Jura, und da eben auch nur in den alten gemischten Sätzen. Sorten wie Petit Béclan, Argan oder Enfariné standen früher nebem einer ganzen Reihe anderer Sorten. Dann kam die Reblaus, der Weinanbau im Jura schrumpfte von 20.000 Hektar auf 2.000 und statt 40 erwähnter Sorten, wurden nur noch fünf angebaut.

Doch zurück zum Crémant. Dieser ist ein reiner Chardonnay Blanc de Blancs, der mit einem Ertrag von 45hl/Hektar geerntet wurde. Der Wein wurde spontan vergoren und im großen und kleinen Holzfass ausgebaut und 18 Monate nach der zweiten Gärung sur latte gelagert. Abgefüllt wurde er als brut, wobei ich von einem unteren brut-Bereich ausgehe, so um die sechs bis acht Gramm Dosage.

Dieser Crémant schäumt erst einmal ordentlich im Glas, so das ich schon kurz die Befürchtung hatte, dass das mit dem Schaum ein bisschen problematisch werden könnte, doch später ist das ein feines Mousseaux, nicht bubblig, nicht ordinär, gar nicht. Der Wein ist im Gegenteil extrem seriös, er hat eine schön integrierte Hefenote, er duftet nach reifen Kernobst, ganz leicht oxydativ, aber nur ein Spur. Dazu kommt ein leichter Hauch von Eisen, was aber kein bisschen abschreckend ist,  Blüten, weiße Blüten und leicht geröstete Haselnüsse. Ist das sexy? Ja, das ist es. Am Gaumen ist dieser Crémant stoffig, das heißt, man hat ein ganzes Maul voll Wein, dabei eine exzellente Säure, wiederum Brioche (Hefe), reifes Obst und eine ganze leichte Note von Akazienhonig. Das Entscheidende ist, dass das alles zusammenpasst: der Grip am Gaumen, das Stoffige, die leichte Frucht, das leicht Crémige, die Säure. Ich habe diese aktuelle Flasche, ehrlich gesagt, alleine ziemlich schnell leer gehabt. Und das passiert mir nur noch selten. Auf meiner persönlichen Crémant-Richterskala liegt dieser Crémant momentan an zweiter Stelle hinter dem unvergesslichen 2002er Crémant de Vouvray von Huet.

Den Crémant gibt es bei viniculture für € 16,- Das ist wenig Geld für so viel guten Wein.

Trinkt mehr Sherry! Teil 4 – Las Palmas del Gonzalez-Byass

12/Mai/14 17:19 kategorisiert in: Palomino, Weiß, Spanien

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Letzten Donnerstag war ich nachmittags bei einer Veranstaltung des Sherry-Hauses Gonzalez-Byass. Es ist das Haus, das mit dem Tio Pepe Fino den am meisten verkaufen Sherry weltweit auf den Markt bringt. Da die Absatzzahlen jedoch noch immer genau so rückläufig sind wie die Größe der Anbaufläche, muss man etwas tun, um diesem Negativ-Trend etwas entgegenzusetzen. Das Eine ist, neue, interessante Produkte auf den Markt zu bringen, das Andere ist, gezielt Fachleute anzusprechen, die als Multiplikatoren wirken. So gab es letzten Donnerstag eine ganze Reihe neuer Produkte – und weil ich die teilweise wirklich großartig fand, bin ich gerne Multiplikator. Dass ich ein Sherry-Fan bin, habe ich letztes Jahr schon mal Kund getan, und zwar in einer kleinen Reihe von Artikeln, die als Basis dessen dienen, was ich hier beschreibe. Gerade die verschiedenen Stile habe ich letztes Jahr schon mal aufgeführt, und ebenso das besondere Verfahren, das meist als Solera-Verfahren bezeichnet wird.

José Alberto, im Weingut für das Qualitätsmanagement verantwortlich, hat uns durch die Verkostung geführt

Am Anfang der Reihe stand der knalltrockene, leichte, kristalline Tio Pepe. Ein einfacher, blitzsauber gemachter Fino, den es für unter 10 Euro gibt und der nach Hefe und Apfel duftet und nur eine ganz kleine Spur nach grünen Nüssen. Er lag einige Jahre unter der Florschicht, bevor er abgefüllt wurde. Tio Pepe ist Fino auf gutem Niveau. Interessanter wird es beim Tio Pepe En Rama. Der Sherry durchläuft nicht so lange die Solera sondern wird jung und unfiltriert abgefüllt (während der Fino filtriert wird und kältestabilisiert wird). Der En Rama ist junger, wilder Sherry voller Hefe, Salz, Fenchel und Zitrus. Ich kann mir so etwas sehr gut zu Pata Negra-Schinken vorstellen, zu Fisch mit Zitrone vom Grill oder zu Artischocken. Was folgte war eine neue Serie von Sherry namens Una Palma, Dos Palmas, Tres Palmas und Cuatro Plamas, lediglich unterbrochen von drei Sherry, die ihr Leben als Fino unter der Deckschickt des Hefeflors verlassen haben oder von vornherein so ausgebaut wurden, um als Amontillado, Palo Cortado oder Oloroso weiterzuleben. Diese drei bilden zusammen mit dem Cuatros Palmas die obere Reihe der Gläser. Die Varianten Una, Dos und Tres Palmas sind Finos, die sechs, acht bzw. zehn Jahre gereift sind und deren Fässer Stück für Stück ausgewählt wurden. Die Farbe der Finos wird immer dunkler, sie wirken immer gereifter und, ich muss es klar sagen, sie werden mit jeder Palme großartiger bis sie mit dem Tres Palmas einen Reifegrad erreicht haben, wo die Hefen nichts mehr ausrichten können. Der Tres Palmas duftet wie karger, tiefer, dichter Walnusslikör, hat etwas Süße in der Nase und ist ausgesprochen cremig und lang am Gaumen. Gerade einmal ein Fass gibt es von diesem Wein, den man im Handel für ca. €35,- erwerben kann und der jeden einzelnen Cent wert ist. Was mich ebenfalls beeindruckt hat – bevor es zum Highlight des Nachmittags kam – war der Alfonso Oloroso. Das ist ein 8 Jahre alter cremig süßer Sherry, der nie ganz trocken ausgebaut wurde und direkt auf 18% Alkohol aufgespritet wurde. Da in diesem Bereich die Hefen nicht mehr arbeiten, hat er nie unter einer schützenden Fino-Schicht gelegen sondern ist im Laufe der acht Jahre, die er die Solera durchlaufen hat, oxydiert. Der Wein duftet nach getrockneten Früchten, Vanille und Holz. Er ist zwar leicht süß, hat aber letztlich nur 4.5 Gramm Zucker.

unten links der Tio Pepe Fino, oben rechts der Cuatro Palmas

Was zum Schluss kam, war der Cuatro Palmas, ein 48 Jahre gereifter Wein, der mich schon etwas sprachlos gemacht hat, so gut war er. Er wurde aus einem von gerade noch sechs bestehenden Fässern abgefüllt, die die so genannte Museo Solera bilden. Der Amontillado duftet und duftet nach Zedernholz, nach alten Möbeln, nach Tabak, nach getrockneten Früchten, nach einer Spur Hefe. Alles ist lang und konzentriert, es gibt etwas Süße und etwas mehr Säure, es gibt 21% Alkohol, der in dieser Stärke überhaupt nicht auffällt. Puh, das ist großes Kino!

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Hier geht es zu Teil 3 von Trinkt mehr Sherry!

Libanon – von Kriegen gebeuteltes Weinland im Aufbruch

06/Mai/14 14:09 kategorisiert in: Obeidy, Rot, Rot, Libanon, Weiß, Libanon, Weiß, Portugal

Wie oft kommt es vor, dass man an einem Nachmittag den Weinbau eines ganzen Landes kennenlernen und probieren kann? Mir ist es, glaube ich, erst ein Mal passiert – gestern. Denn gestern haben sich so gut wie alle existierenden libanesischen Weingüter in Berlin präsentiert.

Charakter - Colette Arslan Naim, chateau Qanafar

Charakter – Colette Arslan Naim, chateau Qanafar

Das war für dieses Land ein Ereignis. Deshalb war auch der Minister für Landwirtschaft da und das Ritz-Carlton als standesgemäßer Veranstaltungsort war vollgeparkt mit Botschaftswagen. Gerade einmal 2.000 Hektar Fläche stehen im Libanon unter Reben. Und doch ist der Wein ein wichtiger Wirtschaftszweig für diesen so ungewöhnlichen Staat im Nahen Osten. Denn viele Exportprodukte hat das von Krisen und Kriegen gebeutelte Land nicht zu bieten. Und vor allem nicht viele mit hohem Renomée. Der Libanon aber zählt zu den ältesten, Wein produzierenden Regionen der Welt und da er in Teilen immer noch christlich geprägt ist, ist das Land neben Israel das einzige in der Region, wo professionell Wein erzeugt wird.

Wer in die Rebsortenliste schaut, wird vor allem französische Reben finden, Cabernet und Syrah sind verbreitet, aber auch Cinsault und Grenache. Im Weißweinbereich herrschen Viognier, Sauvignon und Chardonnay. Lediglich Obeidy findet man hier und da als lokale weiße Rebsorte. Angebaut wird oftmals auf über 1.000 Meter Höhe. Das ist schon durchaus ungewöhnlich, bietet aber die Möglichkeit, Kühle in den Wein zu kriegen, Säure und Frische.

alt eingesessen und neu durchstartend, zwei Vertreter des libanesischen Weinbaus

alt eingesessen und neu durchstartend, zwei Vertreter des libanesischen Weinbaus

Vor diesem Besuch kannte ich eine Hand voll Weingüter, jetzt kenne ich also fast alle – zumindest oberflächlich. Für mich stand gestern das bekannteste Weingut des Libanon über allem. Château Musar ist das Zugpferd, Gaston Hochar der unbestrittene Primus des libanesischen Weinbaus, der seit Jahrzehnten trotz aller Wirren Wein auf höchstem Niveau keltert, die zudem enorm haltbar sind. Hinter Château Musar jedoch folgen eine ganze Reihe interessanter Weingüter, deren Weine deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie sie bei uns bisher bekommen. Einige alteingesessene Weingüter, deren Weine ich empfehlen möchte sind Château Ka, Château Kefraya und Chateau Ksara. Weingüter, die neu gegründet wurden und meiner Meinung nach definitv Aufmerksamkeit verdienen sind Château Qanafar, Domaine de Baal, Adyar, Chateau Sanctus und Chateau Heritage.

Im Ritz

Im Ritz

Abgesehen von Château Musar sind dies noch keine wirklichen Spitzenweingüter – aber sie arbeiten dran und haben die Möglichkeit, mit den speziellen Klimata, die in den Weingebieten von Batroun über Bekaa runter nach Jezzine herrschen, einen eigenen Charakter zu entwickeln. Das sollten sie nutzen. Ich denke, häufig dürfte es etwas weniger Holz sein, etwas seltener flüchtige Säure und die Winzer sollten an einem wirklich eigenen Charakter arbeiten, abseits des Vorbildes Frankreich. Auf dem Weg dahin sind sie. Und unterstützen sollte man sie dabei auch.


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