Am Freitag war ich in Köln im Marieneck um dort das Ergebnis der Arbeit eines wirklich schwierig zu meisternden Erstlingswerks zu probieren – das Ergebnis einer Gemeinschaftsleistung von fünf Weinfreunden und einem befreundeten Winzer, das Ergebnis einer Leidenschaft in Verbindung mit richtig viel Arbeit, mit Hoffen und Bangen.
Ein Haufen Leute war gekommen um den 2010er Mannwerk Riesling Spätlese »Alte Reben« die Ehre zu erweisen. Ein Riesling den die fünf – von denen ich Marquee persönlich kenne und Carsten Henn vom Lesen – als Erstlingswerk produziert haben. Ich finde solche Projekte an sich schon mal großartig: Sich zusammenzutun, ein Stück Weinberg zu kaufen und mit den eigenen Händen und wohl auch im Rücken zu erfahren, wie hart und auch gefährlich die Arbeit in einer moselanischen Steillage ist, welche Rolle Wind und Wetter spielen und die verschiedenen möglichen Schädlinge bis hin zu Wildschweinen und Staren… gleichzeitig ein Stück Weinkulturgeschichte zu bewahren, als das finde ich absolut unterstützenswert. Und damit war ich selbstverständlich nicht alleine. Schon von den bloggenden Weinfreunden habe ich neben Chez Matze und Chez Uli Werner Elflein, den Weinkaiser und Nur ein paar Verkostungen getroffen. Und alle jene wussten zu schätzen, was die fünf frischen Nebenerwerbswinzer mit Beihilfe des Winzers Uli Stein in der Steillage im Jahr 2010 geleistet haben. Wie sagt Chez Matze, "Wenn man älteren Winzern glauben darf, liegt der letzte derart schwierige Jahrgang wie 2010 schon mindestens 25 Jahre zurück. Ein Glück also für unsere fünf Männer, dass sie das Privileg besaßen, gleich im ersten Lehrjahr etwas erleben zu dürfen, worauf andere fast eine Generation lang warten mussten."
Sie haben die Feuertaufe bestanden, da waren wir uns ziemlich einig, auch wenn dieser Wein die ganze Schwierigkeit des Jahrgangs widerspiegelt, leicht entsäuert wurde und immer noch eine ordentliche Menge Säure besitzt, so dass ich an jenem Abend das Gefühl hatte, der Wein nagt am Zahnschmelz. Nein, es ist natürlich übertrieben, zumal die feine, weiße, teils etwas exotische Frucht die Säure gut kontert. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass der Wein noch etwas braucht, um wirklich zu sich zu kommen, ich glaube, dass er erst in einem halben Jahr wirklich da sein wird. Überhaupt ist das ein Wein, den ich erst wieder aus dem Keller holen möchte, wenn die Fünf schon den nächsten Jahrgang auf die Flasche gezogen haben werden. Dann haben sie hoffentlich ein wenig mehr Glück mit den Begleitumstände und kriegen dann auch das Fass voll, was schon in diesem Jahr geplant war aber nur zur Hälfte gefüllt werden konnte.
Sollte es dann wieder eine solche Veranstaltung im Marieneck geben und Marqueee erneut den Abend mit dem Backen von Flammkuchen verbringen kündige ich das hier vorher an, das ist ja eigentlich viel besser als nachher.
Weitere Blog-Veröffentlichungen zum Mannwerk:
Weiter also an den St. Emilion- und Pomerol-Schlössern vorbei ins Entre-deux-Mers, wo wir abends zu einer Gartenparty bei André Lurton eingeladen sind, jenem Konzernchef, nennen wir ihn mal so, der aus einem kleinen Unternehmen ein großes gemacht hat, der den richtigen Riecher hatte, die weißen Entre-deux-Mers in den 60ern europaweit bekannt zu machen und zur Mode werden zu lassen und dann sein Geld in verschiedene Weingüter vor den Toren Bordeaux investiert hat um der Stadt und ihren vorgelagerten Bereich die Weinberge abzutrotzen und eine neue Appellation zu gründen. André Lurton ist so zu sagen Mr. Pessac-Leognan und man muss ihm das hoch anrechnen, denn ohne ihn wären diese alten Weinbaugebiete wohl heute Wohnblocks und Gewerbeflächen gewichen.
Vorbei an L’Evangile Richtung Château Bonnet
Lurtons Weine kennt jeder, der schon mal bei Jacques vorbeischaut, gefühlt stammt jeder zweite Bordeaux dort von ihm. Und es sind locker 500.000 Flaschen, die er hier so jährlich vertickert. Seine Familie, ob Söhne oder Neffen besitzen nicht nur weitere Güter im Bordeaux, sondern haben sich auch über Spanien, Chile und Argentinien verteilt. Eine ganze Weindynastie also.
Château Bonnet
Der alte Herr jedenfalls ist mit seinen 87 Jahren noch ziemlich fit und posiert gerne vor seiner Sammlung alter Autos, unter anderem Militaria, was die vor Ort weilenden Chinesen anspricht. Überhaupt finden sich auf der Vinexpo und drum herum deutlich mehr Asiaten ein als auf der Prowein. Was nicht verwundert. Der Wein ist einfach angesagter als deutscher Weißwein. Und auch wenn beide Messen international sind zieht der Name der Stadt und des Anbaugebietes deutlich stärker. Bemerkenswert fand ich, wie selbst kleine Erzeuger darauf reagieren und teilweise schon mit chinesisch-sprachigen Mitarbeitern aufwarten können um ihre Weine möglichst barrierefrei feilbieten zu können.
André Lurton mit Gast vor historischen MilitariaDie Reise geht zu Ende. Bleibt noch ein Fazit: Es war das erste Mal, dass ich auf Einladung und fremde Rechnung eine Reise in ein Weinbaugebiet unternommen habe. Die Entscheidung, mich dafür zu bewerben, parallel zum Vinocamp für den Bordeauxverband als Sponsor des Vinocamps von der Vinexpo und rundherum zu berichten, habe ich mir wohl überlegt. Denn bisher war ich hier auf meinem Blog ganz unabhängig, nun war ich Teil einer PR-Maßnahme und ich war durchaus etwas misstrauisch zu Beginn. Dass dies ein nicht unwichtiges Thema ist hat sich wohl auch beim Vinocamp gezeigt und ist im Netz in der letzten Woche als Thema weitergeführt worden, siehe die Diskussion bei Thomas Lippert und bei Michael Pleitgen. In diesem Fall war das Misstrauen jedoch unbegründet – nicht zuletzt, weil es komplett transparent war und ich in dem, was ich geschrieben habe komplett unabhängig war – und das ist ja auch für die Einladenden durchaus ein Risiko, denn sie kannten mich nicht.
Bei der letzten Verkostung. Foto © Christian RiedelMich für diese Reise zu entscheiden war gleichzeitig auch eine Chance, nämlich die, an Orte zu kommen, wo ich normalerweise nicht so schnell Zugang finde. Ich habe dies nicht bereut, denn ich bin ausgesprochen freundlich empfangen worden und die Reise war sehr gut organisiert, es hat einfach großen Spaß gemacht, das ist in der Artikelreihe wahrscheinlich klar geworden. Es sind immer die Menschen und die Geschichten vor Ort, über die es sich zu schreiben lohnt. Das ich das tun konnte, fand ich sehr befriedigend. Das ich alle Freiheiten seitens des C.I.V.B. hatte fand ich ebenfalls ausgesprochen angenehm und mir bleibt, herzlich zu danken.
Nun hat mich das Vinocamp 2011 nach Bordeaux gebracht, also freue ich mich auf’s nächste Vinocamp, wo ich dann hoffentlich mit dabei sein werde.
Wir brechen auf zur rechten Seite der Gironde. Oberhalb von Fronsac im klassischen Gebiet der Bordeaux et Bordeaux Supèrieur treffen wir auf Château de Piote die Winzerin Virginie Aubrion. Virgine ist ursprünglich Quereinsteigerin und lebt ihren Beruf mit viel Passion.
Rebbestand auf Château de PioteIm oberen Segment werden Weine zu Höchstpreisen verkauft, die Basis aber muss kämpfen. So auch Virginie Aubrion, die vor Jahren mit ihrem Mann aus Paris in dieses Gebiet gezogen ist. Sie hatten die Großstadt satt und wollten auf’s Land, den Lärm, den Stress ein Stück weit hinter sich lassen und zurück zur Scholle. Zunächst hatten sie sich in der Provence umgeschaut, woher sie beiden stammen. Doch seit Peter Mayle und dem großen Provence-Hype kann sich ein Normalsterblicher dort kein Anwesen mehr kaufen, alles zu teuer, vor allem wenn man einen vernünftigen Weinberg dazu haben möchte. Irgendwann, immer weiter im Westen suchend fanden sie diesen Flecken Erde mit teils alten Rebbestand und einer Ruine von Haus darauf.
Virginie Aubrion mit ihrer Nichte im WeinbergDas ist nun zwölf Jahre her. In dieser Zeit hat die Familie das Haus weitestgehend restauriert, die Rebflächen teils neu angelegt, in den Keller investiert und begonnen, Wein zu machen. Letztes Jahr ist dann ihr Mann gestorben. Auch wenn er nur aushilfsweise auf dem Hof gearbeitet hat, er war Apotheker, hat sich die Situation noch mal grundlegend geändert. Konnte sie bis vor kurzem im Nebenerwerb existieren muss sie nun vom Weinbau leben. Sie tut dies mit bemerkenswertem Optimismus. Doch weiss sie, dass es knapp wird mit der Zeit. Dass sie für ihren Wein neue Märkte erschließen muss, dass sie bekannter werden muss. Und das ist nicht einfach. Auch wenn sie gerade den Oscar 2011 Bordeaux für ihren Clairet erhalten hat.
Ein typischer Keller mit Betontanks und neuer PresseVirgine wird nicht nur an diesem Tag von ihrer Nichte, die für l’Express im Weinbereich arbeitet, unterstützt, sondern vor allem auch von ihren Kindern. Die Arbeit im Weinberg ist aufwendig, zumal, wenn man biologisch arbeitet, was sie nach ECOCERT-Richtlinien tut und immerhin sind es mittlerweile 14 Hektar Fläche, 11 davon stehen unter Reben.
Verkostung im GartenIhre Weine sind dabei durchaus markant in ihrem Segment. Sehr schön vor allem die beiden Clairet. Diese Art Wein ist hier in Deutschland ja fast unbekannt. Ein gekühlter Roter der zwischen Rosé und Rotwein liegt, also länger auf der Maische stand als normaler Rosé und entsprechend charaktervoll, eckiger wirkt als die häufig sehr geschmeidigen Rosé. Der erste Clairet stammt zu je 50% von Merlot- und Cabernet-Trauben, der zweite, noch zupackendere stammt zu 100% von Malbec, und das ist schon durchaus ungewöhnlich.
Wein-StillebenSchön auch der rustikale, dunkle 2001er Malbec, erdig, würzig mit einem Mund voller Herbe und Frucht, kein Solist, aber perfekt für das, für was er geschaffen wurde, zur Essenbegleitung. Geschmeidig und doch klar kommt der Rosé-Cremant von Cabernet-Trauben daher. Mit nur 3 Gramm Dosage ist das ein knackig-frischer Schäumer mit feiner Crème.
Genossen haben wir die Weine auf einem beneidenswert schönen, ruhigen Fleckchen Erde, das für jemanden, der nur kurz auf Durchreise ist direkt zum Urlaubsort, zum Fluchtpunkt werden kann, während die Winzerin langsam auf die Uhr schauen muss, um mit dem Tagwerk fortzufahren.
Wir fahren auch fort. Mit unserem Fahrer und Guide Martin Fueyo geht ins St. Emilion. Genauer gesagt werden wir als nächstes Château la Tour Figeac besuchen.
Während sich das Fußvolk, zu dem ich mich eigentlich zugehörig fühle, an so einem Messeabend die örtlichen Weinbars und Brasserien überfällt oder von einem Händler oder Winzer eingeladen wird, gibt es eine auserlesene Zahl von Weinfreunden, die auf die hiesigen Schlösser geladen werden. Sonntags lädt Haut-Brion, montags Rothschild, dienstags ich weiss nicht wer.
Gold auf Bütten, die EinladungEs war Sonntag, ich hatte die in Bütten gepresste Einladung seiner Exzellenz, des Prinzen von Luxembourg in der Tasche – natürlich hätte ich sie nicht gebraucht, mein Name stand ja auf der Gästeliste und die Karte war viel zu groß um sie ungefaltet in die Tasche stecken zu können. Aber man weiss ja nie, wenn man mit den Gepflogenheiten wenig vertraut ist – Stichwort Fußvolk – bestieg ich den Shuttle-Bus, der vor dem zentral gelegenen Office de Tourisme wartete.
Unscheinbare, doch verflucht teure und gepflegte Weingärten – Haut-BrionEs saßen schon einige Personen im Bus und die Männer trugen Smoking. Alle. Plötzlich wurde mir die wahre Bedeutung des Begriffes Black Tie bewusst. Stichwort Fußvolk, erneut. Ich musste innerlich lachen, hatte ich mich doch gefragt, warum man denn ausgerechnet eine schwarze Krawatte tragen sollte als einzigen Dresscode während mir jene, die mir die Einladung hatte zukommen lassen noch meinte, zur Not ginge auch eine schwarze Fliege. Früher wäre mir das hochpeinlich gewesen, heute ist es Stoff für einen guten Twit. Ausserdem kamen nach mir noch ein paar andere mit Krawatte und schließlich Oz Clarke, der weder noch trug sondern vielmehr, und dafür ist er bekannt, eine etwas aufgewertete Straßenkleidung am Leib trug. Er pfeifft auf Dresscode und kann es sich leisten. Ich finde dieses Markenzeichen durchaus angenehm.
Der Weg gesäumt von HostessenNichts desto trotz wäre, um dem Rahmen gerecht zu werden, ein Smoking durchaus angemessen gewesen. An diesem Abend, man erwartet das ja bei Bütten und Goldrand, wird nicht gekleckert. Schon der Weg zum Innenhof des bemerkenswert schönen Schlösschens wird gesäumt von Hostessen die zu nichts anderem da zu sein scheinen, als mich anzulächeln und den Weg zu weisen. Im Innenhof stehen, um einen Turm herum gruppiert aus dem dezent einige Fotografen ihre Chipkarten füllen, sechs Stationen, an denen je drei unterschiedliche Sauternes ausgeschenkt werden während futuristisch anmutende Häppchen gereicht werden. Beispielsweise Bille de foie gras et rhubarbe à la baie rose oder Oeuf en chaus froid vinaigrette xérès et sirop dérable, einem eratischen Eischaum in Originalhülle, sprich mit dem Strohhalm aus dem halb geköpften Ei gesogen.
Die Winzer der Grand Cru Classé en 1855 stellen sich zum GruppenfotoDa dies eine Einladung der Gruppe der Grand Cru Classé Weingüter ist werden entsprechend Grand Cru Classé Sauternes kredenzt. Wenn ich ehrlich sein darf, hätte es mir nichts ausgemacht, mit einer Gruppe von Freunden den Rest des Abends an jenem Tisch zu verweilen, an dem es La Tour Blanche gab und diesen exzellenten 2008er Lafaurie-Peyrague. Stattdessen habe ich hier und da probiert und mir Notizen gemacht, also im Prinzip das Gleiche wie Oz Clarke der mich angrinst und meint „I’m just here for working“.
Eisgekühlter SauternesWas ich ja besonders amüsant fand an diesem Abend war, dass ich, während ich insgeheim der Musik von Mahler und Pergolesi lauschte, jemanden suchte, mit dem ich mich würde unterhalten können und irgendwann eine Person fand, die ich zwar nicht kannte, der ich aber schon auf verschiedenen Verkostungen in Deutschland über den Weg gelaufen bin. Peer J. Pfeiffer ist Directeur Export bei Borie-Manoux, ein angenehmer Gesprächspartner und im weiteren Verlauf des Abends mein Tischnachbar, nicht weil wir gemeinsam in Richtung des Tisches 28 gegangen wären sondern eher obwohl, ein reiner Zufall also.
Gleich werden wir gebeten, einzutretenEbenfalls ausgesprochen amüsant und kurzweilig war die Gesellschaft des Finnen Jouko Mykkänen, Columnist, Dozent und Sommelier in Helsinki. So eine unbekannte Tischrunde hätte ja im Zweifelsfall auch durchaus Langeweile aufkommen lassen können denn der Abend ging erst spät nach Mitternacht dem Ende entgegen. Doch weit gefehlt, ich habe mich gut unterhalten. Wozu nicht zuletzt die Form der Inszenierung beigetragen hat. Man beachte das Glaszelt und die Lüster, die Anzahl der Kellner die zusammen mit den drei Dreisterne-Köchen den Abend auf ein beachtliches Niveau gehoben haben, auch wenn man die Leistung der Küche für 350 geladene Gäste nicht damit vergleichen kann, für ein überschaubares Publikum in einem Gourmet-Tempel zu kochen. Das ist nicht Drei Sterne, aber fast, und das ist beachtlich. Zu Beginn übrigens spricht dann zunächst der Prinz, dann Alain Jupée, die Weine werden jeweils von geladenen Master-Sommeliers beschrieben, im Falle von Haut-Brion war es, glaube ich, Markus del Monego.
Unsere Weinkellnerin und eine beträchtliche Anzahl GläserAch, und wenn ich über Niveau und Qualität schreibe und über besonderes Vergnügen, dann sollte ich an dieser Stelle die Weine nicht außer acht lassen denn nach diesen ganzen Sauternes Herrlichkeiten gab es je zwei Jahrgänge Château Lascombes und Château Lynch-Moussas. Der Besitzer von Lascombes saß mir zur Linken, seine Frau quer gegenüber und Peer Pfeiffer vertrat Lynch-Moussas, denn dies ist eines der Château neben Batailley, Trotte Vieille und anderen, die sich im Besitz von Borie-Manoux befinden.
Hummer zu mittelschwerem BordeauxAlso Lascombes und Lynch-Moussas 2003 zu einer Vorspeise von Alain Passard, 1996er Lascombes und 1985er Lynch-Moussas zu unten abgebildetem Hummer mit Erbsen und roten Früchten, einer Komposition von Anne-Sophie Pic.
Während wir zu Tische sitzen baut sich draussen immer wieder auf’s Neue die Phalanx der Kellner aufZu carré de veau rôti dann wurde der Wein des Hauses kredenzt, ein 1975er Château Haut-Brion 1er Grand Cru Classé aus der Doppel Magnum, was ein wirklich schöner, aber kein überragender Wein war. Immer noch absolut frisch mit ausgezeichneter Säure und feinen Tanninen. Eukalyptus, Zedernholz, Erde und dunkle Früchte in der Nase, Mineralität findet sich, Noten von Paprika und dunklen Beeren am Gaumen, auch hier etwas Erdiges, auch einige grüne Komponenten, mittlerer Körper und guter Abgang. Ein eher rustikaler, Oldschool-Bordeaux.
Meine TischrundeBegeisternd jedoch, ja phantastisch der 1990er Château d’Yquem zum so genannten Neun-Sterne-Dessert, einer Gemeinschaftskreation von Pic, Passard und Alleno.
Der Wein hat ja mit seinen 21 Jahren gerade mal die Volljährigkeit erreicht, ist absolut frisch und knackig, er hat viel Kraft, Substanz, Länge, ist dicht und balanciert, sprich, von allem genug – aber da ist nichts, was zu üppig wäre. Wahre Größe also und ein ehrfürchtiger, dankbarer Weblogger der dabei fast vergisst, dieses ausgezeichnete Dessert zu verspeisen.
Auf dem Weg zum Ausgang passierten wir dann erneut den Innenhof, wo die Weinkühler längst durch Espressomaschinen und einige Flaschen Cognac von Tesseron ersetzt worden waren, dem Cognac jener Familie, der im Paulliac das Château Pontet-Canet gehört.
Blick auf das angestrahlte ChâteauNach dieser wahrhaft fürstlichen Veranstaltung ließen es sich die Gastgeber dennoch nicht nehmen, uns noch eine Glaskaraffe mit Château-Signet mit auf den Weg zu geben. Schade, dass man auf den Flughäfen so lausig mit dem Gepäck umspringt denn trotz Vorsichtsmaßnahmen und stabiler Umverpackung – die Glaskaraffe befand sich in einer Original Haut-Brion-Holzkiste – hat das Glas den Flug nicht heil überstanden.
Im nächsten Teil dann geht es zurück zur Basis, zur Scholle. Der Sprung könnte kaum weiter sein, aber Erdung tut gut. Ich selber jedenfalls habe mir im Hotel noch ein Glas Wein eingeschenkt, einen Cru Bourgois, ganz bürgerlich, und ein paar Zeilen im demokratischen Weinbuch waren auch noch drin.
Als ich am vergangenen Samstag am Flughafen Bordeaux das Gebäude verlasse um mit dem Taxi Richtung Innenstadt zu fahren weiss ich, es werden schöne Tage werden. Selbst wenn ich nicht die Verabredungen gehabt hätte, die das Programm vorsahen, selbst wenn ich nicht mal ein Glas Wein hätte trinken können. Allein wieder im Südwesten Frankreichs zu sein, die Atmosphäre aufzusaugen, an Platanen vorbeizufahren, an den typischen Sandsteingebäuden, nicht zu letzt an den leichten hügeligen Weingärten; all das hätte schon gereicht. Oft überfällt mich zuhause eine Sehnsucht, wenn ich Bordeaux trinke, oder Weine von der Rhône oder aus dem Languedoc. Eine Sehnsucht nach dieser Atmosphäre, nach der Lebensart, nach der Landschaft. Ich hatte nun drei Tage Zeit, davon etwas in mich aufzunehmen.
Blick auf den zentralen Platz vor dem TheaterAls wir in Bordeaux ankommen haben wir gerade einmal Zeit, uns etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen, wir sind verabredet in der Bar à Vin. Diese liegt im Erdgeschoss des Fachverbandes der Bordeaux-Weine, des C.I.V.B., jenem Verband, der mich zu dieser Reise eingeladen hat um parallel zum Vinocamp von der Vinexpo und aus Bordeaux zu berichten.
Die Bar à Vin im Haus des C.I.V.B.Eine schöne Lokation, eine Mischung aus Klassik und Moderne, wie man sie hier in Bordeaux häufig trifft. Das hat nichts Verstaubtes, nichts Altbackenes. Die ganze Stadt wirkt lebendig, frisch, modern innerhalb ihrer klassischen Prachtbauten. Und – hier wird Wein gelebt, und, ja, auch zelebriert. Die Bar ist ein Ausdruck dessen. Anderswo trifft man sich auf ein Bier, hier trifft man sich auf ein Glas Wein. Und hätte wir uns nicht mit Marie-Christine Cronenberger getroffen, die in der darüber liegenden Etage arbeitet, wir hätten so direkt keinen Platz bekommen. Das galt entsprechend auch für die Brasserie, in der wir unsere leeren Mägen mit Entrecôte von Bouzy-Rind füllen konnten.
Die Brasserie Bordelaise

Blick in eine typische WeinbarMan sieht es schon auf den Bildern, es ist laut und quirlig in den Gassen der Altstadt und in den Brasserien, es ist die Atmosphäre in der man einen hervorragenden Samstagabend verbringen kann. Am Vorabend der Vinexpo ist es dann kein Wunder, dass Händler, Journalisten und Kritiker an den Nebentischen sitzen, wie in diesem Fall Oz Clarke, den ich deshalb erwähne, weil wir uns im Laufe des folgenden Tages noch mehrmals über den Weg laufen werden. Die Stadt füllt sich jedoch nicht nur mit den Besuchern der Messe, die, mittlerweile sind die Zahlen bekannt, rund 48.000 Besucher verzeichnen konnte, auch aus anderen Ecken der Region zieht es Menschen an die Garonne, denn es wird die Fête le Fleuve gefeiert.
Blick von Flussufer auf die HäuserzeileDas Flussfest wird mich noch lange nicht schlafen lassen, trotz audauernder Versuche: Erst brennt das Feuerwerk ab, dann findet das Volk den Weg zurück nach Hause, lärmend durch die Gasse vor dem Hotel; gerade eingeschlafen erwache ich dann ruckartig mit dem Gefühl, unter meinem Bett werde gesaugt, doch es ist lediglich die Straßenreinigung, die ebenfalls die hohle Gasse gewählt hat und deren Geräusche an den Wänden widerhallen.
Die zweijährig stattfindende Vinexpo dürfte immer wieder aufs Neue ein Fixpunkt im Leben der Stadt sein. Die Bedeutung der Weinwirtschaft ist gewaltig, ebenso der Stolz auf den hiesigen Wein. Vielleicht hat den Bordelaisern dieser Stolz das Leben zwischenzeitlich durchaus schwer gemacht, zu lange hat man hier auf alte Stile und Weinbereitungsmethoden gesetzt, auf den Weltruf des Weines vertraut und dabei ignoriert, dass sich alles im Fluss befindet, dass auch Ikonen gestürmt werden können, dass Anbaugebiete, über die man lange die Nase gerümpft hat, den Bordelaiser Winzern langsam aber sicher das Wasser abgegraben haben mit deutlich einfacher und leichter zu konsumierenden Weinen, mit gefälligeren, reiferen, technisch besser gemachten Weinen. Wohlgemerkt, ich rede hier von der Masse der Winzer, nicht von der marginalen Zahl der klassifizierten Schlösser. Vor wenigen Jahren gab es noch um die 20.000 Winzer im Bordelais, Heute sind es noch ca. 7.000. Das zeigt, wie schwer der Überlebenskampf geworden ist und wie viele nicht mehr Schritt halten, notwendige Investitionen in die Kellertechnik und das Marketing nicht mehr schultern konnten. Die Schere zwischen dem Hype auf die Grand Cru Classé Weine und den Erzeugnissen der einfachen Winzer wird immer größer und erscheint mir wie ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. In der Stadt selber nehme ich dies nicht war, sie wirkt wie frisch renoviert. Alain Jupée, gerade mal wieder Minister und gleichzeitig Bürgermeister von Bordeaux hat diese Stadt umgekrempelt und tut es weiter. Zunächst wurde das linke Ufer von betonierten Altlasten befreit, Straßenbahngleise durch die Stadt gezogen, jetzt ist das rechte Ufer dran, nebst zusätzlicher Brücke über die Garonne und großem Wein-Erlebnispark.
Der Stand von Thierry GermainZwischen den Extremen habe auch ich mich jedenfalls innerhalb dieser Tage bewegt, also ganz praktisch zwischen Château de Piote, Bordeaux AOC und Château Haut-Brion, 1er Grand Cru Classé. Die Vinexpo spiegelt diese Schere natürlich genau so wieder und auch hier bewegten wir uns zwischen den mondänen Ständen von Lafite-Rothschild oder Roederer und den Gemeinschaftsständen kleiner Erzeuger. Dazwischen liegt die Welt der Händler und großer Erzeuger wie beispielsweise Cheval Quancard, die ich in der relativ kurzen Zeit besucht habe, die ich hatte. Nicht zuletzt als Reminiszenz an vergangene Zeiten, mein Vater hat früher Weine dieses Erzeugers getrunken.
Cheval-Qancard, einer der großen Erzeuger des GebietsVon aussen betrachtet ähnelt die Vinexpo der Prowein. Sie hat ein Drittel mehr Besucher, allerdings ein Drittel weniger Aussteller. Die Prowein wird thematisch nachvollziehbar organisiert, die Vinexpo ist ein zunächst wirres Chaos, in dem der große Negociant neben dem Deutschen Pavillon und dem spanischen Brandy-Hersteller platziert wird. Hier zählt der angestammte Platz, nicht die regionale Zugehörigkeit. Das heisst zum Einen, dass man ohne Plan völlig aufgeschmissen ist, das bedeutet zum Anderen, dass man mehr oder weniger zufällig über interessante kleinere Stände stolpern kann. Für mich, der nur den Sonntag zu einem Teil und den Dienstagmorgen nutzen konnte waren vor allem die Tastings interessant und hier zeigt sich die Veränderung der Vinexpo. Beispielsweise ist die Veranstaltung der Bio-Winzer innerhalb der Vinexpo neu und erinnert in seiner egalitären Schlichheit an die Bio-Millesime. Alle sind gleich und präsentieren jeweils auf zwei aneinander geschobenen Tischen. Der Loire-Winzer steht neben einem aus der Champagne neben einem aus dem Roussillon. Hier finde ich Clos Puy Arnauld, Château la Grolet und Vincent Gaudry, den ich einfach erwähnen muss, denn dessen Sancerre à mi-Chemin, eine Auslese, eine in 200 Flaschen abgefüllt Essenz der Silex-Böden des Sancerre ist eine Wonne, ein Gedicht.
Ein flüssiges Gedicht, eine Hommage an den Silex.So spannend wie das, was aus dem Bio-Bereich kommt und das, was unter dem Begriff Nachhaltigkeit ebenfalls ein wichtiges Thema der Messe ist, so spannend ist das, was von den Frauen kommt. Denn diese werden in der ehemaligen Männer-Domäne immer selbstbewusster. So gab es in diesem Jahr zum ersten Mal den Wine Woman Awards sowie eine eigene Verkostung der Femmes du Vin. Dazu passt, ganz nebenbei, die Weinbar La Robe am Ufer der Garonne. Hier werden Weine ausgeschenkt, die von Winzerinnen gemacht wurden. Ich selbst hatte leider keine Zeit, mir die Bar von innen anzuschauen oder dort einen Wein zu probieren, wohl aber, auf der Messe bei der Vereinigung Les Alienor du Vin de Bordeaux vorbeizuschauen, einer Gruppe von 12 Winzerinnen aus dem Bordelais, benannt nach Alienor, oder Eleonore von Aquitanien, Königen von Frankreich und später von England, einer der mächtigsten Frauen des Mittelalters. Diese Vereinigung übrigens gibt es schon mindestens 10 Jahre und ist keineswegs eine neue Erscheinung. Trotzdem, der zunehmende Einfluss der Frauen im Weingeschäft ist nicht mehr übersehbar, und das kann nur gut tun. Besonders beeindruckend fand ich übrigens den Pauillac von Pascale Peyronie, Château Fonbadet und die Weine von Laurence Lataste, vom Château La Fleur Jonquet, nicht zu vergessen die mir schon bekannten Pomerols von Clair Laval und ihrem Château Gombaude-Guillot. Bei den ganzen erwähnten Frauen sollte ich dann auch Elisabeth Ziegler nicht vergessen, die erfahrene Fachfrau in Sachen Wein hat mich den Tag lang über die Messe begleitet.
Pascasle Peyronie vom Château Fonbadet und Laurence Lataste, Château La Fleur JonquetNicht zuletzt haben wir zusammen gespeist. Ich wähle den Begriff bewusst, denn das kann man auf der Vinexpo ausgezeichnet. Und wenn sie der Prowein etwas voraus hat, dann ist das die Vielfalt an kulinarischen Möglichkeiten. Hier haben so einige französische Weinregionen oder Verbände ihre eigenen Restaurants und bieten neben regionstypischem Essen auch die entsprechenden Weine an. Wir haben uns in das Restaurant der Bordeaux Superieur bzw der Satelliten-Appellationen gesetzt und nicht nur waren die Speisen verführerisch, es kam auch relativ häufig der Weinkellner vorbei und bot verschiedene Weine an, im Preis inbegriffen.
Was ja eigentlich geplant war an diesem Tag, die Liveschaltung nach Geisenheim, die Verbindung zwischen Vinocamp und Vinexpo ist leider fehlgeschlagen, die Technik hat nicht funktioniert, alles war eingerichtet, die Probeläufe waren erfolgreich doch während der Bordeauxverband im Vinocamp sein Zeitfenster hatte, um zu uns zu schalten, fiel im Pavillon des C.I.V.B. das WLAN aus. Einen ersten Eindruck meiner Reise konnte ich trotzdem zumindest per Telefon durchgeben.
Am Pavillon des C.I.V.B.Auf dem Rückweg von der Messe in die Stadt saß ich dann wieder neben Oz Clarke und wir hatten beide das gleiche Ziel am Abend: Château Haut-Brion. Seine Exzellenz, der Prinz Robert de Luxembourg hatte eingeladen, einen exklusiven Kreis der internationalen Presse und mich, den Blogger aus Bonn – dem Bordeaux-Verband sei dank. Doch dazu später mehr.
Zufälliger Weise ist das nun das Posting No. 500. Nach etwas über vier Jahren. Da kommt ja doch was zusammen. Statt groß zu feiern mache ich das, wozu dieses Blog da ist und resümmiere mal den letzten Weinabend unserer Bonner Runde.
Hatten wir bisher meist klar umrissene Gebiete oder Sorten als Themen des Abends, war es diesmal anders. Es war so etwas wie eine Best-Bottle-Party, eigentlich aber eher nach dem Motto "Ich hole mal die Dinge aus dem Keller die ich immer mal mit anderen zusammen probieren wollte". So war bei diesem Abend nicht entscheidend, wer jetzt die rarste und teuerste Flasche aus den Tiefen des Kellers hervorgezaubert hat, angenehmer Weise wird hier eh nicht um die Position des Alphatier-Weinkenners und -sammlers gerungen, viel interessanter war die Bandbreite ungewöhnlicher Weine, die jeder beizusteuern hatte.
Ich selber habe zu diesem Abend einen süßen Champagner, und mit süß meine ich süß, von Fleury beigesteuert und die einzige Flasche Niepoort Redoma 1996, die ich hatte. Aber dazu später mehr.
Vorspiel
Begonnen haben wir, nachdem klar war, wer in die zweite Liga absteigen würde und wer noch eine Chance hat, drin zu bleiben. Begonnen haben wir mit einem Wein ausser der Reihe, einem Aperitiv des Gastgebers, genau so blind eingeschenkt wie die restlichen Weine des Abends.
Woran denke ich, wenn der Wein nach Traminer riecht aber nicht unbedingt danach schmeckt? Wenn er eher nach Riesling schmeckt, aber auch nicht so richtig? Ich denke dann immer an den Cöllner Rosenberg, auf dem der gemischte Satz (Riesling und Traminer) des Weinguts Hahnmühle steht. Ich hatte den 2010er gerade eine Woche vorher noch vor Ort probiert und das war meine Idee, die ich zu dem Wein im Glas hatte. Das Elsaß fällt mir noch als Alternativursprungsort zum Alsenztal ein, doch ich liege falsch. Was hier so frisch und kräutrig, mit angenehmer Holunderblütennoten daher kommt ist ein blitzsauberer trockener Muskateller 2009 der Familie Rebholz, Pfalz also, sehr ansprechend.
Erstes Doppel
Ernst wurde es mit dem ersten Gedeck, zwei Weiße nebeneinander und grundverschieden. Im linken Glas findet sich ein Wein mit leichten Petrolnoten, Riesling, ziemlich klar, zunächst denke ich an Mosel, doch nur im ersten Moment, dann wandere ich gedanklich weiter Richtung Nahe, Pfalz… Ins Elsass gelange ich nicht auf meiner imaginären Wanderung, doch da hätte ich hingemusst um den Wein zu verorten, den ich zwei Stunden vorher noch mit Matthias von Chez Matze aus dem Weinbunker geholt hatte. Der Wein schmeckt entschieden deutsch, nicht elsässisch, er schmeckt auch gut, aber nicht hervorragend, hat Charakter, aber zu wenig momentan, zu wenig für einen Schlossberg Grand Cru 2005 von Albert Mann. Auf mich wirkt er verschlossen, ich kenne ihn anders, feiner, subtiler, mit mehr Substanz. Das ändert sich übrigens auch nicht zum Schluss der langen Runde, als ich mir den Wein noch mal still und heimlich vornehme. Nein, das ist nicht seine beste Zeit.
Dem gegenüber steht ein Oak-Monster, ein Wein der sich erst einmal durch eine große Ladung Rösteiche zwingen muss, damit man ihn überhaupt wahr nimmt. Wer macht solche Weine, wo könnte er entstanden sein? Die erste Idee am Tisch ist Burgund, ich kenne auch solche Veltliner, aber ein Veltliner ist es nicht, Weißburgunder aus der Pfalz kommt dem am Nächsten, was ich im Glas erahne aber das fehlt die spezielle Crèmigkeit. Gelbe Früchte finde ich, aber nicht die des Chardonnay, etwas Marzipan, ein wenig Crème…
Es ist jedenfalls definitv eine Rebsorte, die nicht allzu deutlich mit eigenen Aromen glänzt, vielmehr Geschmackträger, Geschmacksverweber ist, das ist den Knipsers schon klar, deshalb stecken sie ihn ins Holz, in zu viel Holz, wie ich finde. Als Rebsorte führt das, was wir im Glas haben ein absolutes Nischendasein. Ein Gelber Orléans *** 2005 vom Weingut Knipser. Der Orléans ist aus den hiesigen Weingärten übrigens fast komplett verschwunden, früher wurde er im gemischten Satz angebaut, vornehmlich mit Traminer, Riesling und Heunisch baut ihn meines Wissens nur Knipser in der Pfalz und Georg Breuer im Rheingau an. Vor wenigen Jahren wurden am Kloster Disibodenberg beim Weingut von Racknitz einige uralte Rebstöcke gefunden, fünf davon sind Orléans, über 500 Jahre alt.
Zweites Doppel
Im zweiten Flight standen sich zwei Weine gegenüber, die ziemlich rebsortentypisch zu sein schienen, zumindest dachten wir das für den ersten Wein, der alle Charakteristiken eines reinsortigen Sauvignon Blanc aufweisen konnte. Beim zweiten Wein waren wir uns nicht ganz sicher, ich selbst habe auf Chenin Blanc von der Loire getippt und durfte Recht behalten. doch von vorne.
Was fällt einem dazu ein wenn man einen hellen Weißwein im Glas hat, der realtiv klar nach Stachelbeeren und Johannisbeere duftet und zudem leicht kräutrig wirkt?
Das muss doch entweder ein Sauvignon Blanc sein oder ein Grüner Veltliner aus dem Artikel von Captain Cork, also einer, wie wir uns ihn eigentlich nicht wünschen. Der Wein schmeckt nicht nach Sancerre, dafür ist er nicht trocken genug und ihm fehlen Kalk und Silex, nach Österreich schmeckt er nicht, dafür ist er nicht wuchtig genug, Deutschland könnte sein, aber die meisten hier haben etwas mehr Restzucker. Neuseeland, zumindest die älteren Jahrgänge wird es auch nicht sein, dafür ist er nicht exotisch genug. Ich tippe für mich auf Trentino oder Alto Adige, bin mir aber lediglich in der Rebsorte sicher – und scheitere. Wir haben etwas ganz Anderes im Glas. Einen Wein von einem Weingut, dessen Chenin Blancs ich früher mochte (ich habe hier mal einen vorgestellt). Das, was ich nun probieren muss, erschüttert mich. Ok, es erschüttert mich nicht wirklich, wir wissen mittlerweile zu viel von Aromahefen, Kaltvergärung und dem Zusammenspiel der Kräfte im Weinkeller wenn man einen Wein "machen" will. Aber es sollte erschüttern. Dieser Wein hier wurde gemacht. Das ist kein Chenin Blanc im eigentlichen Sinne. Das ist Chenin Blanc, der auch Grüner Veltliner sein könnte, der auch Sauvignon Blanc ist. Ein Wein also, den die Welt nicht braucht und bei dem ich mich frage: Wozu in aller Welt machen die das? Ja, ersthaft. Wozu? Warum machen die nicht Chenin Blanc der nach Chenin Blanc schmeckt und Sauvignon Blanc der nach Sauvignon Blanc schmeckt? Beides ist in Südafrika sehr gut möglich, auf sehr gutem Niveau. So viel also zum Chenin Blanc 2009 Vineyard Selection, Kleine Zalze.
Den zweiten Wein habe ich vor nicht allzu langer Zeit schon mal getrunken, als Absacker gewissermaßen, als Schlusspunkt einer Cabernet Franc Verkostung. Und auch wenn die teils noch zu jungen Cabernets richtig Spaß gemacht haben, zum Schluss einen Chenin zu trinken ist eben ein i-Tüpfelchen. Der Wein hat mir damals gefallen, mit einer klaren Einschränkung, die ich ich hier nur bestätigen kann. Der Jahrgang leidet an zu viel Alkohol, wirkt etwas brandig hinten raus, etwas matt. Das ist eine Klage auf hohem Niveau, ich gebe es zu, aber es ist ehrlich. Der 2006er L’Enclos, Savennières von Eric Morgat ist expressiv, dicht, voll reifer Birnenfrüchte und ein wenig Banane, mit Anklängen von Nüssen und gut eingebundenem Holz, dazu kommt ein wenig Bitterorange, das mag ich.
Drittes Doppel
Was uns nun im dritten Doppel aus dem Glas entgegen strömte, das mochte ich auch, und zwar beides.
Das erst Glas war, was die Rebsorte anging erstaunlich schnell und präzise erraten, da gab es praktisch keine Diskussion. Cabernet Franc sollte es sein. Mit ziemlicher Sicherheit reinsortig. Die Art der Würze, die roten Paprika, die Säure, das Zusammenspiel der Komponenten macht uns sicher. Doch was heisst das schon nach der Pleite mit dem südafrikanischen Chenin? Und was macht die Note von nasser Pappe, der Brotteig, die Schokonote in diesem Wein? Matthias tippt auf Merlot als Beimischung, letztlich ist es aber Südafrika als Beimischung. Es ist ein 2005er (schon der dritte 2005er) Cabernet Franc von Buitenverwachting. Buitenverwachting verfügt nicht nur über eines der schönsten Häuser in diesem Landstrich, einem historischen Kleinod, es ist auch meiner Ansicht nach eines der beständigsten Weingüter dort, die Cuvée Christine mag ich immer wieder gerne, aber auch die reinsortigen Weine können sich sehen lassen, wie eben auch der Cabernet Franc, eine Seltenheit am Kap. Ach, und übrigens, warum soll der Wein nicht auch einen Anteil Merlot enthalten? Schließlich dürfen dem Wein undeklariert 15% weitere Rebsorten beigemischt werden, das Gesetz erlaubt es.
Dem Cabernet Franc zur Seite gestellt hat der Hausherr einen Wein, dessen Provinienz deutlich schwerer zu erraten war. Ein trüber Wein, süß in der Nase, etwas dumpf, matt, dazu etwas, was Matthias als Schiefernote identifiziert hat, "so was wie Faugères", meinte er, "so was wie Mas de Daumas Gassac". Der Wein dreht erst richtig am Gaumen auf. Ein Wechselspiel zwischen Fruchtsüße und klarer Säure, einer inneres Messen ob Frucht oder Säure bei der Sauerkirsche überwiegt. Mineralität ist im Spiel, etwas Hitze. Es ist definitiv ein südlicher Wein und da ich weiss, was ich mitgebracht habe bin ich mir ziemlich sicher, was im Glas ist und halte die Klappe. Irgendwann wird dann doch aufgedeckt und wir sind uns so ziemlich alle einig, auch später, dass dieser 1996er Redoma von Dirk van de Niepoort der Rotwein des Abends ist. Viel Struktur, viel Charakter findet sich in diesem Wein, dessen autochthone Rebsorten auf den Schieferböden des Dourotals wachsen. Lediglich der Abgang ist ein wenig kurz geraten, aber das frustriert nicht wirklich, es ist lediglich ein wenig Schade, denn von einem schönen Wein will man ja immer gerne noch mehr.
Stattdessen kommt es zur dritten Rotwein-Paarung mit zwei ganz unterschiedlichen Typen.
Viertes Doppel
Der erste Wein ist ähnlich unfiltriert wie der letzte Wein und, später kommt es heraus, aus dem gleichen Jahrgang 1996. Zunächst denke ich an Syrah, er hat so was Teeriges in der Nase, die helle Farbe passt aber gar nicht. Zum Teer kommt dann noch etwas gekocht Gemüsiges dazu. Der Sexappeal des Weines hält sich zunächst in Grenzen. Das Mundgefühl allerdings ist dann ein Pinotgefühl. Ein Rest aus dem Himbeer-Erdbeer-Früchtekorb ist noch da, Würze, Liebstöckel und zum Schluss ein abgebranntes Streichholz. Das alles ist sehr harmonisch zusammengefügt, mit viel Kraft, Struktur und ordentlichem Tannin. Gealterter Pinot nach meinem Geschmack. Es ist, voilà, ein 1996er Chambolle-Musigny, eine Dorflage von Hubert Lignier. Lignier gehörte in den 80ern und 90ern zu den sehr renommierten Winzern, auch wenn er seinen Besitz in Morey St. Denis hat, und nicht in der bekannteren Nachbargemeinde Gevrey-Chambertin. In den 90er Jahren hat seinen Sohn dann zunehmend die Leitung übernommen und die beiden haben eine Betriebsgesellschaft gegründet. Dann verstarb sein Sohn an einem Hirntumor und Hubert und seine Schwiegertochter können nicht miteinander. Die Folge ist, dass Lignier heute nicht einmal mal mehr in seinen eigenen Keller kommt.
Noch deutlich bekannter als Lignier ist der Schöpfer, der Macher des zweiten Weins. Ich habe kürzlich über das Weingut geschrieben, weil ich eine wirklich geniale Flasche von ihm aufmachen durfte. Diese hier, noch verdeckt, ich habe noch keine Ahnung, was hinter diesem Wein steht, macht mich nicht so an. Der Wein ist dicht und dunkel, massiv beerig, mit einem Hauch von Eukalyptus und Lakritze. Leider ist der Wein allerdings auch etwas bitter, und zwar hat es die Bitterkeit, die man nicht haben möchte. Der Wein wirkt wie einer aus Übersee, im Gegensatz zu dem, den ich vor Kurzem im Glas hatte. Wir probieren gerade einen 2002er Dominus von Christian Moueix. Sicherlich ein sher gut gemachter Wein, der aber bei mir gerade im direkten Vergleich zum Lignier keine Chance hat.
Interludium
Als intellektuelles Zwischenspiel und auch, um die Zungen ein wenig zu beruhigen, plöppt wenig später der Korken und Schaumwein ist angesagt. Nach dem ersten Schnuppern ist klar: Das ist Champagne. Diese Briochenoten, das leicht Kalkige, leicht Kräutrige kann nur Champagne sein. All dies setzt sich am Gaumen fort, dann aber kommt die Überraschung. Eine ungeahnte, in der Nase nicht präsente Süße macht sich breit. Was ich hier ins Feld werfe ist ein 1995er Fleury Doux. Ein Champagner mit 53 Gramm Restzucker. Das ist man heute gar nicht mehr gewohnt. Ich selber liebe Champagner gänzlich ohne Dosage, der Stoff hier hat richtig viel, ohne allerdings im Geringsten aufdringlich zu wirken. Die 53 Gramm jedenfalls hätte niemand getippt, es wirkt eher wie ein wenig mehr als Demi-Sec. Das ist schon gekonnt, hat Fleury doch den Säuregrad exakt abgepasst, damit es passt. Fleury ist übrigens momentan der Einzige, den ich als Produzenten kenne, der solche Champagner noch herstellt.
Fünftes Doppel
Kommen wir nach trockenen Weißweinen und Rotweinen zum dritten Teil des Abends, den Süßweinen.
Wer sich durch den Werkstattgeruch beim St. Urbanshof durchgearbeitet hat, landet eigentlich immer bei einem schönen Wein. Diese Erfahrung habe ich zumindest bisher gemacht, und das ist auch bei diesem 2002er Kabinett aus Wiltinger Schlangengraben nicht anders. Leicht, fein mit noch frischem Apfel und feiner Säure. Mosel, wie ich sie liebe.
Im direkten Vergleich wirkt der zweite Wein dagegen massiver, dichter, tropischer. Leider mit einem kleinen Korkgeruch, der den Wein aber glücklicher Weise nicht all zu stark behindert. Der Wein besitzt viel Restzucker und zu wenig Säure, im Mund verdichten sich die tropischen Früchte, hinzu kommt eine leichte Schwarzteenote und hinten raus eine Bitternote, die aber allgemein nicht als Fehler oder als störend empfunden wird. Es ist eher so eine Bitternote aus einer englischen Orangenmarmelade – mit entsprechender Süße. Wie gesagt, die Säure fehlt und macht den Wein etwas fruchtsaftig. Dass es sich hier um eine 1993er Spätlese handelt, hätten wir allerdings nicht gedacht. 1993er Bopparder Hamm Ohlenberg von Weingart. Unten auf dem Etikett taucht schon der Name Florian Weingart auf, die großen Lettern verweisen jedoch auf den Vater Adolf Weingart.
Sechstes Doppel
Auch der nächste Wein ist einer, der so wirkt, als habe man einen exotischen Früchtekorb gepresst. Litchi, Mango, noch mal Mango, Papaya und was sonst noch alles drin sein mag. Das ist Huxel, denke ich, liege jedoch falsch. Es ist Silvaner, in Auslesequalität. Das war klar, so konzentriert kommt der Wein daher. Allerdings fehlt diesem noch leicht moussierenden Stück aus der Horst Sauerschen 0,5er-Flasche doch ein wenig die Säure. Das ist Schade, ein mehr davon wäre perfekt gewesen. Andererseits, diese 2007er Silvaner Auslese aus dem Escherndorfer Lump ist für relativ kleines Geld zu haben und dafür macht sie richtig Spaß.
Was neben diesem Silvaner steht, wirkt davon meilenweit entfernt, statt wenige Zentimeter. Ein bernsteinfarbenes Extrakt, Orange- und Brauntöne mischen sich wie kürzlich erst beschrieben beim Genuss der 1994er Rieslaner Eselshaut-Auslese von Müller-Cartoir. Auch da war Matthias dabei und er denkt dasselbe. Etwas Steinobstfrucht noch in der Nase, vermischt mit Schwarzteesud, Kramellkeks kommt dazu und schon in der Nase erahnt man Säure. Am Gaumen gibt es dann jede Menge davon. Heftig. Was die Säure angeht, könnte diese Beerenauslese noch lange liegen blieben. Ob dann noch Frucht vorhanden sein wird mag bezweifelt werden. Ein Erlebnis ist es auf jeden Fall, mit solch einem Wein konfrontiert zu werden, mit einer 1996er Traiser Beerenauslese Riesling vom Weingut Crusius.
Nachlauf
Noch etwas? Ja, noch etwas. Bevor es Zeit wird, zu gehen, nach dem Säureschock der Beerenauslese kommt noch etwas sehr Süßes hinterher. Süßlich wie der Gewinnersong des ESC, der weit entfernt am anderen des Raumes vor sich hindudelt und dessen Verlauf wir mit halbem Auge verfolgt haben.
Was die Farbe von Sauternes hat und zunächst auch ähnlich in der Nase wirkt, die Fruchtnoten sind da, die Kaffenoten, gleitet bei zunehmender Vermischung mit Sauerstoff ins Alkoholische, etwas Acetonische ab. Am Gaumen bleibt der Alkohol präsent. Dazu kommt die oben schon genannte bittere Orangenmarmelade und noch ein wenig Exotik. Der Wein ist definitiv zu jung, noch unausgewogen. Kein wunder, wir haben einen 2009er Chenin Blanc im Glas. Noch mal Südafrika, diesmal Joostenberg.
Jetzt ist die Zunge müde, aber das Fazit ist sehr positiv. Auch wenn sich über einige Weine trefflich streiten ließ, oder vielleicht gerade deshalb, mag ich solch verdeckte runden in denen sich jeder auf’s Glatteis begeben muss und manchmal fällt. Ach ja, wir hatten zwei Gäste am Tisch, die wussten im Vorfeld gar nicht, was sie erwartet und schauten uns nur immer wieder staunend an, ob der Hingabe, mit der wir uns unserem Thema gewidmet haben. Ob sie wohl noch mal dazu stoßen würden, nach dieser Erfahrung? Wer weiss…