Sauvignon Blanc nimmt man meist irgendwie so mit, finde ich. Den bestellt man mal mehr oder weniger zufällig im Restaurant oder kauft hier oder da mal ein paar Flaschen. Irre ich mich? Natürlich gibt es jene, die gerne einen vernünftigen Sancerre trinken oder ein Flaschenregal voller Weine von Didier Dagueneau besitzen. Aber ich habe den Eindruck, dass diese Vorlieben selten sind.
Fest steht, dass der Sauvignon Blanc mit zu den Cépages Nobles, den edlen Rebsorten dieser Welt zählt und wahscheinlich aus Traminer x Chenin Blanc entstanden ist. Neben den klassischen Gebieten an der Loire wird er gerade in Neuseeland und Südafrika mit Erfolg angebaut und nach Europa exportiert während hier immer mehr Massenertragswinzer den Sauvignon Blanc als Rebsorte sehen, die einfach zu handhaben ist und sich zunehmend gut verkauft.
Auf eine Stufe mit großen Rieslingen oder Chardonnay dürften ihn die wenigsten stellen. Wie gut Sauvignon Blanc sein kann wollten wir daher mal in unserem Bonner Weinzirkel näher untersuchen und haben uns am Samstag 15 verschiedenen SBs gewidmet, vornehmlich aus Europa.
Stefan Sander, Sauvignon Blanc 2009, Thomas Pichler Sauvignon »Puiten« 2009, Wagner-Stempel Sauvignon Blanc 2008
Über das Weingut Sander habe ich schon mal an anderer Stelle ausführlicher berichtet, als Einstiegswein in die Runde fand ich Stefan Sanders Sauvignon Blanc genau richtig. Der Wein wirkt frisch und belebend, die Spätlese perlt noch leicht, wirkt pfeffrig und dicht und macht es mit seiner leichten Restsüße den meisten in der Runde einfach, den Wein zu mögen. Zum Schluss des Abends noch mal verkostet hat der Wein deutlich an Vielfalt gewonnen, Steinobst mischt sich mit Maracuja und das Pfefferl bleibt im Glas.
Auf Thomas Pichlers Weine bin ich durch Zufall aufmerksam geworden. Ein Praktikant im Büro sprach von ihm, es ist so in etwa der Nachbar seiner Eltern und er schwärmte von den Weinen die Pichler dort in Kaltern am See vinifiziert. Der Puiten wirkt deutlich grasiger als der rheinhessische SB, etwas grün noch und vor allem ein wenig brandig und bitter in der Kehle. Fiel er zu Beginn in der Runde durch, hat er sich im Laufe des Abends durchaus entwickelt und irgendwann fünf Stunden später hat er das Brandige ein wenig verloren.
Auch Daniel Wagner habe ich hier schon häufiger vorgestellt und ich kam nicht umhin, einen Wein eines meiner Lieblingswinzer aus Rheinhessen mit in die Runde zu werfen. Er macht nur eine Qualitätsstufe Sauvignon Blanc, diese aber hat mir von Anfang an gefallen. Der 2008er SB wirkt schon in der Nase sehr cremig – was sich am Gaumen bewahrheitet. Im Gegensatz zu Sanders eher fruchtbetonten und Pichlers eher grasigen Sauvignon liegt der Fokus bei Wagners Wein beim leicht gekochten Gemüse mit einem Hauch Stachelbeeren und Johannisbeeren. Dabei hat der Wein viel Kraft und Volumen und ist ebenfalls mit einer ganz leichten Restsüße ausgestattet, was nicht jedem am Tisch gefiel.
Weingut Aufricht, Sauvignon Blanc »Lilie« 2008, Johner Estate, »Gladstone« Sauvignon 2008, Reiner Schnaitmann Sauvignon Blanc *** 2008
Aufrichts Sauvignon Blanc ist bekannt und wird geschätzt. Ich kann diese Wertschätzung beim 2008er Lilien nicht wirklich unterstreichen. Der Wein wirkt aufgesetzt, die Komponenten passen nicht ganz zusammen, die Stachelbeernote steht zu stark im Vordergrund, dahinter kommt etwas gekochtes Gemüse und leichtes Gewürz, im Abgang allerdings hat dieser Wein etwas Alkoholisch-Bitteres, was er den ganzen Abend nicht verliert und mir auch schon bei anderen Verkostungen aufgefallen war.
Als Pirat hatte ich an diese Stelle den 2008er Gladstone von Johner Estate, Neuseeland gestellt. Es ist also gewissermaßen nur ein halber Pirat denn der Macher hat schon einen deutschen Weinstil. Nach Aufrichts und vor Schnaitmanns SB ist beim Gladstone keiner darauf gekommen, dass er aus fremnden Ländern kommen könne. Der Wein besitzt ein feine, kühle Mineralik, wir vermuteten ein höheres Alter, nicht weil der Wein schlaft wirkte sondern eher einige Alterungsnoten in der Nase darauf hindeuteten. Geradlinig wirkt er, mit leichter, aber nicht störender Bitternote, wie etwas Medizinisch-Bitter-Kräutriges. Ein Neuweltwein der überhaupt nicht den Vorurteilen und auch Erfahrungen entspricht, die ich mit neuseeländischen Sauvignons bisher gemacht habe.
Rainer Schnaitmann gehört ja zu den Schooting-Stars der deutschen Weinszene und bis vor wenigen Jahren hätte man kaum vermutet, dass im Raum Stuttgart-Fellbach mal große Weine entstehen würden. Schnaitmann hat bewiesen, dass das geht und seine Spätburgunder und Lemberger können wirklich beeindruckend sein. Bekannt ist er aber auch für seinen Drei-Sterne-Sauvignon-Blanc. Diesen allerdings hätte ich eher bei den burgundischen Chardonnay verortet. Die Nase ist völlig untypisch, es sind eher gelbe, reife Birnen, die hier wirken, Karamell-Créme und Kräuter. Der Wein wirkte an dem Abend ein klein wenig dropsig-aufgesetzt, zwar gut, lang, dicht, aber nicht wirklich fein – was uns alle etwas überrascht hat.
Domaine Vacheron, Sancerre »Les Romains« 2006, Alphonse Mellot »La Moussière« 2005, Tenuta Terlan »Quarz« 2007
Die Domaine de Vacheron, ein biodynamisch arbeitender, ziemlich großer (80 Hektar) Betrieb, hier schon mal erwähnt, liegt im Herzen des Gebietes, im Dörfchen Sancerre. Die Vacherons produzieren ausgezeichnete roten Sancerre genauso wie weltweit anerkannte weiße Sancerre. Der Les Romains ist das Flagschiff des Betriebes, aus den besten Silex-Lagen ausgewählt und im Holzfass ausgebaut. Es ist der bisher feinste, subtilste Wein des Abends, sechs Stunden vorher geöffnet merkt man, dass er noch gut einen Tag mehr hätte haben können. Der Les Romains duftet nach Stein und Kräutern, im Mund findet sich neben Fruchtnoten etwas Salz auf Feuerstein, im Gegensatz zu allen bisherigen Weinen ist er dabei knochentrocken. Ein Sauvignon Blanc für Fortgeschrittene, würde ich sagen, leise, fein, präzise, dicht und lang, großartig.
Aus dem selben Gebiet stammt der – ebenfalls biodynamisch ausgebaute – La Moussière von Alphonse Mellot. Mellot, der auch als Mister Sancerre bezeichnet wird, hat einen deutlichen Anteil am neuen Aufstieg der Appellation. Sein Wein hat stilistisch nichts mit dem zu tun, was die Vacherons unter biodynamisch ausgebautem Sancerre verstehen. Mellot gehört zu jenen, die ihre Weine oxydieren lassen, was man mögen muss, denn es führt zu einer expressiven, dichten Nase vollreifer Birnen und gelber Äpfel, zu dem sich hier ein Hauch Grapefruit gesellt, unterlegt mit etwas Silex. Das ist ein massiver, robuster Wein, der im Laufe des Abends noch gewinnt, zu Beginn jedoch – trotz früher Öffnung – etwas kantig und trotz seiner Alters fast noch etwas unreif wirkt, wobei er es neben der Subtilität des Vacheron auch wirklich schwer hat.
Der Quarz der Tenuta Terlan, Jahrgang 2007, fällt in diesem Flight deutlich hintenrüber. In der Nase Stachelbeer, Cassis, Stein und Gras, im Mund zu viel Alkohol. Schade, der 2006er Jahrgang war deutlich besser und ich glaube auch nicht, dass sich dieser ganze Alkohol noch einbinden wird.
Gross, Sauvignon Blanc »Ratscher Nussberg« 2007 – Tement »Zieregg« 2007 – Lis Neris »Picol« 2007
Der dritte Wein im Flight, der Picol von Lis Neris passt stilistisch viel eher zum Quarz der Tenuta Terlan, die beiden Weine aus der Steiermark dagegen sind eine Welt für sich. Im Lis Neris aus dem Friaul finden sich wieder die Aromen von Stachelbeere, Cassis und ein wenig kräutrige Mineralik, allerdings fehlt hier glücklicherweise die alkoholische Komponente. Insgesamt aber lässt mich der Wein eher kalt.
Ganz anders der Ratscher Nussberg und die Steigerung, der Zieregg von Tement. Ich habe bisher nicht viele Sauvignon Blancs auf diesem Niveau getrunken und sie zeigen auch noch nicht in voller Breite, was sie wirklich drauf haben, dazu hätte man sie länger lagern müssen aber das hier ist schon großes Kino. Im Ratscher Nussberg findet sich von Allem reichlich. Diese Steiermarkschen Weine haben nichts mit der Subtilität eines Vacheron zu tun. Neben einer Veilchen-Laktritznote und Gemüse findet sich Holz, noch nicht ganz perfekt eingebunden aber dafür ist der Wein noch etwas zu jung, viel erdige Mineralik und ein wenig Pfeffer. Der Wein ist saftig, voll und massiv und zeigt, dass das Weingut Gross auch zu den Großen in Österreich gehört.
Der Zieregg von Tement, ebenfalls aus der Süd-Steiermark, wird oft als bester Sauvignon Blanc Österreichs benannt. Das mag sein denn dieser Wein ist beeindruckend gut. auch hier merkt man direkt, welches Potential hinter der Klasse, die er jetzt schon hat, noch schlummert. Er ist erst drei Jährchen alt und dürfte das Potential für ein gutes Jahrzehnt in sich tragen. Veilchen, Blumen, Vanille und exotische Früchte mischen sich in einer Balance aus Wucht und Finesse, Créme und Säure halten sich die Waage und zum Schluss kommt noch eine ganze Ladung frischer Äpfel angerauscht. Klasse!
Angelo Gaja, »Alteni di Brassica« 2006, Langhe – Manincor »Lieben Aich« 2006, Alto Adige – Didier Daguenau »Silex« 2006, Pouilly-Fumé
Wir waren uns ja nicht sicher, ober wir diesen teuren Wein – so um die fuffzig Euro – mit einbauen sollten, wir hatten so ein wenig Bedenken, ob das Verhältnis stimmen würde. Dagueneau ist ja nochmals teurer, dafür ist er legendär, was man von Gajas SB nun im Gegensatz zu seinen Barolo und Barbaresco nicht behaupten kann – dafür ist alles, was er macht immer teuer.
Und der Wein? Ja, er ist teuer und ich würde ihn mir für den Preis nicht kaufen. Aber, er ist gut, sehr gut, eher zurückhaltend in der Nase mit ein wenig Limonenschale und etwas Stein wirkt der Wein von Beginn an, wir hatten die letzten drei Weine karaffiert, crémig und gleichzeitig säurebetont fordernd mit einem ganz eigenen Charakter der sich weder zu den Loire-Getreuen gesellt noch zur deutschsprachigen Gemeinde.
Kürzlich bin ich bei meiner Recherche über Thomas Teibert – Domaine de l’Horizon, auf den Sauvignon Blanc »Lieben Aich« gestoßen. Thomas Teibert war Kellermeister bei Manincor, dem Weingut der Grafen Goess-Enzenberg, einem biologisch-dynamisch arbeitenden Südtiroler Gut mit viel Renomée und er hat auch Jahrgänge des Lieben Aich verantwortet, den Kritiker zum besten Sauvignon Blanc Italiens zählen. Die Rebstöcke aus der Lage Ansitz Liebenaich in Terlan stehen auf sandhaltigem Lehmboden mit Porphyruntergrund, der Wein wird spontanvergoren und in verschieden großen Fässern ausgebaut (300 – 500 Liter).
Der Wein greift das auf, was ich bei Mellot beschrieben hatte. Es findet sich eine oxydative Note mit dem Duft vollreifer Birnenquitten, mürben Apfels, Holunder und, etwas später, tropischer Früchte wie Kiwi und Papaya. Das ist ein mollig-runder Wein auf höchstem Niveau der voll ist und dicht, aber nicht zu opulent, nicht zu schwer, ich ertrinke nicht in diesen vollreifen Obstnoten zu denen sich noch eine leichte Honignote gesellt denn die Mineralik und Säure steht fast perfekt dagegen.
Was für ein Kontrast bildet wiederum der Silex von Didier Dagueneau! Und wie begeisternd sind die letzten beiden Flights, den Lis Neris mal ausgenommen.
Der Silex, ca. 10 Stunden vorher geöffnet, nach 5 Stunden karaffiert, geht, so scheint es, im Glas noch weitere Entwicklungsstufen durch. Zunächst wirkt er wild und verschlossen, leichte Spontanvergährungsnoten stehen im Vordergrund. Dann öffnen sich Zitrone und Limonen, etwas grüne Bohnen und ein Hauch von Kräutern und ein wenig Rauch und Pfeffer. Die Struktur, die dieser Wein hat ist beeindruckend und schwer zu fassen. Die Aromenpalette in ihrer ganzen Breite mal beiseite gelassen ist das Eine; die Dichte, der Druck, die unglaubliche Länge, die Mineralität ist das Andere. Und die Präzision des Ganzen macht den Wein groß. Man merkt, was für ein Typ Mensch Dagueneau gewesen sein muss, wenn man diesen Wein trinkt.
Tja. Sauvignon Blanc…
Überraschend, wie vielschichtig diese Rebsorte ist. Die am Samstag verkosteten Weine hatten teils so überhaupt nichts miteinander zu tun als wären es grundverschiedene Rebsorten. Das verwundert nicht grundsätzlich, hängt es doch wie immer ab von Boden, Mikroklima und besonders an der Art des Ausbaus. Und doch, bei Riesling beispielsweise kommt es sehr selten vor, dass die Rebsortentypizität so stark hinter der Art des Ausbaus verschwindet.
Fest steht für mich, dass diese Rebsorte hervorragende, in der absoluten Spitze große Weine hervorbringen kann wenn diese Spitze allerdings auch sehr übersichtlich sein dürfte. Einige Weine dieses Abends werden definitiv in Erinnerung bleiben und das sind bei mir vier, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Vacherons »Les Romains«, Tements »Zieregg«, Manincors »Lieben Aich« und Dagueneaus »Silex«.
Der Quarz 2007 der hervorragend arbeitenden, 1893 gegründeten kleinen Genossenschaft Cantina Terlan stammt aus der Reihe der Selektionsweine, der oberen Riege der insgesamt 24 angebotenen Weine. Der Sauvignon Blanc stammt aus vier Einzellagen und wird zu 60 % in Edelstahl und zu 40 % in 500 l Tonneaux ausgebaut.
Der 2007er ist noch jung und wird sich noch deutlich weiter öffnen. In der Nase Holunder- und Stachelbeergeruch und eine Ahnung des Volumens, das dieser Wein hat. Der 13.5-Prozenter wirkt noch fast scharf, so als hätte man Reste von Virginia-Tabak auf der Zunge. Nach und nach aber setzt sich eine feine Cremigkeit durch, dazu kommen so unterschiedliche Aromen wie zu Beginn Rose, später immer deutlicher Kümmel und Brennessel – neben den Stachelbeeren. Abgesehen von all den Aromen liegt darunter eine deutliche mineralische Struktur und eine hohe Dichte. Beeindruckend.
Dieser Wein war genau einer von der Art, bei der man sagt, dass es eigentlich nur besser, in diesem Falle spannender werden könne. Nicht dass er fehlerhaft gewesen wäre oder schlecht, nein, er war langweilig. Mit einer verhaltenen Nase von Hefe, etwas Blüten, etwas Würze muss das bei einem Weißburgunder nicht unbedingt etwas heißen, ich habe da schon so einige kennen gelernt, die am Gaumen plötzlich Gas gegeben haben.
Nicht so der von Hofstätter. Im Mund so ein Gefühl, einen nassen Stein zu lutschen, wo jemand ein paar wenige Kräuter gestreut hat. Dazu hatte er auch noch ein Loch in der Mitte und erst zum Schluss kam noch mal ein wenig Kraft.
Kürzlich hatte ich die Möglichkeit, einen Chardonnay derer von Montezemolo zu probieren. Cordero di Montezemolo baut seit 1340 Wein an, gehört zu Italiens altem Adel und bekannt ist die Familie hier vor allem dadurch geworden, dass einer ihrer Sprösslinge, der Marquis Luca di Montezemolo, Ferrari-Rennstallchef war, als Schumi so seine Runden gedreht hat, und 2004 Chef des Mutterkonzerns Fiat geworden ist.
Der Elioro besticht durch eine sehr satte goldgelbe Farbe und einen immer noch sehr frischen Duft nach Zitrusfrüchten und erstaunlich viel Banane. Dazu kommt etwas Akazienhonig und ein bisschen Klebstoff. Am Gaumen zeigt sich dann sein Alter, er wirkt etwas verwässert. Bei deutlichen Alterungsnoten ist es kein wirklicher Spass mehr, ihn zu trinken, trotzdem ist er keineswegs hinüber, allerdings eher ein Nasen- denn ein Gaumenschmeichler.
Mit Siggi habe ich in Bonn glücklicherweise jemand gefunden, der genauso weinvernarrt ist wie ich selber, einen, der sich mit einem Weinatlas ins Bett legt und diesen durchliest wie andere Krimis und der sich auch mal ’ne gute Flasche vom Munde abspart.
Er jedenfalls hatte mich eingeladen zu Essen und Wein – und ich habe es nicht bereut.
Blind verkostet gab es vorab einen Schluck von einem im großen Holzfass ausgebauten Weißburgunder der Cantina Terlan. Ein feiner, nach Birnen und Äpfeln duftender Pinot Bianco, dem die leicht würzige Holznote sehr gut tut.
Was Siggi dann zu gefüllten Kalbsrouladen und Polenta gereicht hat, war aller Ehren wert.
Der 2000er Fontalloro von Felsina, einer der berühmten Tafelweine aus dem Chianti, 100 % Sangiovese, wartet auf mit kräftigem Duft nach Süß- und Sauerkirschen. Dazu ein wenig vom typischen Geruch nach Stall, Schweiß und Leder. Später kommt etwas Kräuteriges hinzu und ein bisschen Eukalyptus. Er wirkt fest und stark zu Beginn, baut dann aber im Laufe des Abends ab. Nichtsdestotrotz ein beeindruckender Wein.
Der 1999er Poliziano von Asinone, ein Vino Nobile de Montepulciano, gilt bei Einigen als Referenzwein in Sache Vino Nobile. Erstmals 1985 abgefüllt, zeigt er Jahr für Jahr kontinuierlich eine Klasse, wie sie andere Erzeuger nicht so stringent hinkriegen. Der Wein besteht aus den autochtonen Rebsorten Prugnolo Gentile, Canaiolo und Mammolo.
Zunächst einmal ist dieser Wein ein ungeheuerer Nasenschmeichler. Kirsche und Pflaume, weich und dunkel, Schokolade kommt hinzu und ein angenehmer Hauch von Kühle weht herein, als ob jemand im Hintergrund die Tür öffnet. Ein wenig Leder findet sich ein und später Marzipan in diesem Tropfen, der immer noch feste Tannine und straffe Säure besitzt. Ein ungemein tiefer, klarer, harmonischer Wein.
Zu einem ungewöhnlichen, in Jamie Olivers Italienbuch gefundenden, einfach zuzubereitenden Dessert von Vanilleeis mit Olivenöl und Fleur du Sel – die drei Ingredienzien sollten von sehr guter Qualität sein, dann überzeugen sie durch einen überraschenden und faszinierenden Geschmack – gab es einen Muscat de Lemnos von Ktima Hatzigeorgiou. Dieser Wein lag dem Weihnachtsstammtischpaket von WeinPlus bei und erhielt in der Wertung 92 Punkte. Diese konnten wir nicht wirklich nachvollziehen. Der Wein wirkt überkandiert und vordergründig. Sehr, sehr viele vollreife Aprikosen gehen eine Allianz ein mit einigen Bitterorangen und Datteln. Neben viel Süße erhaschen wir eine Bitternote, etwas von Crema Catalan und Kandiertem. Nicht wirklich tief und harmonisch. Die Harmonie zeigt sich erst eine Woche später, als ich den Wein noch mal aus dem Kühlschrank hole.
Zum Schluss dann, mitten in der Nacht quasi gehen wir noch mal in den Keller und verharren vor dem Flaschenarsenal, entscheiden uns schließlich für eine Flasche La Lune 2006 der Ferme de la Sassonière, also für einen Chenin Blanc aus dem Anjoù.
Dieser nach Demeter-Richtlinien erzeugte Wein hat mich nicht ganz überzeugt. Direkt nach dem Öffnen ein wenig UHU-Noten und Pflaume. Die Aromen vergehen schnell und weichen der Süße, feiner Mineralik und dem Geruch reifer Birnen. Vielleicht etwas Aprikose. Der Wein trägt eine beschwingte Leichtigkeit in sich, wirkt zunächst sehr harmonisch. Viel Frucht paart sich mit einer klaren Mineralik. Doch ist er mir zu zurückhaltend, schüchtern fast, freundlich, aber mit zu wenig Biss. Und plötzlich dann löst er sich in seine Bestandteile auf …
Nach dem Sauvignon Blanc und dem Merlot nun in kurzer Zeit der dritte Wein von Meister Loacker, der mir durch die Kehle rinnt. Der Chardonnay soll’s diesmal sein und ich nehme mich seiner an.
Der Chardonnay ist unter vielen Weinliebhabern in den letzten Jahren ziemlich in Verruf geraten. Nicht zuletzt hat der Wein schon in seinem Ursprungsland jahrelang zwei dicke Probleme gehabt. Das erste: In den Hauptanbaugebieten im Burgund (Chablis etc.) wurden die Weine immer teurer bei meist stark nachlassender Qualität. Das zweite Problem: Der Chardonnay ist eine genügsame Traubensorte – wenn auch ein noble –, die dazu verleitet, sie überall, wo es nur geht, anzupflanzen, und weil Chardonnay als Name gut zieht, haben das mal eine ganze Reihe von Winzern gemacht und jede Menge Plörre auf den Markt geworfen. Und weil das wohl noch nicht gereicht hat, haben Kalifornier und Australier usw. ebenfalls den Markt mit leckerem Chardonnay überschwemmt, und zwar mit Chardonnay ,der teilweiseso stark nach Eichenholz schmeckte und schmeckt, dass man sich wundert, dass der Wein nicht faserig wird und aus der Tube gedrückt werden muss.
Da haben sich dann irgendwann als Reaktion die ABC-Trinker formiert, die »anything but Chardonnay« trinken. Was der Merlot bei den Roten, ist schon länger der Chardonnay bei den Weißen. Und die Schelte finde ich meist begründet. Nun muss ich aber sagen, dass ich ausgerechnet gerade in Deutschland im letzten Jahr zwei wirklich tolle Chardonnay getrunken habe. Der eine stammte von Wagner-Stempel, der andere von Sander und der von Battenfeld-Spanier fiel zwar ab, war aber auch nicht übel. Das war nach langer Zeit ein Lichtblick im tief verhangenen Chardonnay-Himmel, zumindest was die Weine in der Preisklasse bis 20 Euro angeht.
Nun also zum Ateyon. Woher nun dieser Name stammt, konnte ich bisher nicht herausfinden. Ein starkes Goldgelb mit grünen Reflexen im Glas. Nach dem ersten Öffnen des Glasverschlusses ein Geruch nach in Zitronen eingelegter, gerösteter Eiche, klar in der Nase – fast ein wenig zu stark. Dann der Geruch nach reifer Honigmelone, der Honig, die Melone und der Gärgeruch bei Vollreife. Dann noch Minerale. Am Gaumen dominiert mir einen Tick zu stark das Holz, wobei das Mineralische und die Frucht zu stark in den Hintergrund treten. Ich weiß nicht, ob sich das in einem Jahr noch stark ändern wird, ich bezweifle es. Insofern finde ich ihn ein wenig unausgewogen, auch wenn er typisch kräftig und voluminös ist in seiner Konsistenz mit einer angenehmen Säure und schönem Schmelz. Ein Prachtchardonnay im alten Sinn.
Im Moment gefallen mir allerdings die Chardonnays deutlich besser, deren Winzer auf den Einsatz von Barriques weitgehend verzichtet haben. Ich habe das Gefühl, Chardonnay braucht kein langes Holz. Ihm steht das Kurze, Frische besser. Das Barrique drückt dieser Rebsorte, die eh schon von Haus aus volumiös und eher dicht ausfällt, tendenziell zu viel Volumen in den Körper.