Letzte Woche viel mir auf, dass das 600ste Posting vor der Tür steht. Da dachte ich, ich könnte was Längeres schreiben, doch dann war wieder zu wenig Zeit und dann stauen sich wieder die Beiträge und dann musste es einfach weiter gehen. Doch wollte ich zum kleinen Jubiläum nicht irgendeinen Weinen nehmen, es sollte schon etwas Besonderes sein.
Diesen besonderen Wein habe ich gefunden. Er stammt von Rita und Rudolf Trossen. Die beiden gehören zum Urgestein der deutschen Bioweinszene. Sie sind noch nicht so alt wie der Schiefer, auf dem sie stehen, doch so lange ich mich mit biologisch erzeugten Weinen beschäftige, sind sie da. Um präzise zu sein, haben sie mit der biodynamischen Form der Bewirtschaftung ihrer Weinberge Ende der 70er Jahre angefangen. Die Etiketten (nicht dieses hier sondern die anderen) sehen immer noch so aus wie damals, als sie im Bioladen meines Onkels standen und die Trossens haben woll nicht den Eindruck, dass sich das ändern müsste. Es ist ihr Stil und noch viel wichtiger als das Etikett ist eh das, was in der Flasche ist.
Um sie herum hat sich viel geändert. Die einstmals belächelte Bioweinszene ist genauso wie die grüne Partei inmitten der Gesellschaft angelangt, einer der früher Mitstreiter an der Mosel, Clemens Busch hat längst designte Etiketten und ist Mitglied im Verband deutscher Prädikatsweingüter. Neben der mittlerweile etablierten Bioweinszene die entsprechend ihren Weg aus den Bioläden der Nation in die Weinläden geschafft hat und der sich diverse Spitzenwinzer angeschlossen haben, weil sie erkennen mussten, dass Qualität, besondere Qualität auf Dauer nur mit biologisch oder biodynamisch bewirtschafteten Weinbergen zu bewerkstelligen ist (selbst wenn manche davon sich nicht zertifizieren lassen und hier und da dann doch die Giftspritze rausholen, ist die Richtung doch klar).
Neben den Etablierten hat sich derweil eine neue, unangepasste Szene gebildet. Ähnlich wie die Grünen zu den Konservativen gehören und ein bunt gemischter Haufen Piraten die Szene teils professionell, teils dilletantisch aufgemischt hat, gibt es eine Winzerbewegung, die sich Vin Naturel auf die Fahnen geschrieben haben und ähnlich agieren wie Piraten, denn auch hier gibt es viel Licht und vielleicht noch mehr Schatten.
Vin Naturel also, Wein, der so natürlich wie möglich produziert werden soll. Da würden jetzt die aus der etablierten Szene sagen: Hey, das machen wir doch schon längst, aber so einfach ist das nicht. Der klassische Biowein ist einer, der im Weinberg nach ökologischen Kriterien erzeugte wurde. Im Keller durfte man, zumindest wenn man die EU-Standards zur Hand nimmt, ziemlich viel machen, was einer, der Vin Naturel machen will als das Böse deklarieren würde. Dass Verbände wie Ecovin oder Demeter schärfer Richtlinien haben, steht auf einem anderen Blatt. Was jedoch auch dort möglich ist (und ich bewerte das nicht, ich sage es nur), ist der Einsatz von Reinzuchthefen, ist das Schwefeln und Schönen und Filtern. All das versucht der Hersteller von Vin Naturel zu vermeiden. Entsprechend anders sind die Weine. Zumal dann, wenn sie auch noch in eine Richtung ausgebaut werden, die sich ein wenig mit der Vin Naturel-Szene überschneidet. Es ist die der Orange-Wines, Weine also, die eine kupferfarbene bis orangene Färbung haben, weil die Weine, es handelt sich hier um Weißweine, so ausgebaut wurden wie Rotweine. Die Trauben wurden also angepresst und der Saft auf der Maische belassen. Die Farbstoff der Beerenhäute sammelt sich genauso im Wein wie der Extrakt. Beide Szenen bedürfen noch einmal eines genaueren Blicks. Doch kurz gesagt, die Vin Naturel Szene ist in Frankreich und Italien ausgesprochen aktiv, hier weniger. Genauer gesagt habe ich noch keinen solchen Wein aus deutschen Landen getrunken, auch wenn es vereinzelt welche geben mag.
Doch zurück zu diesem Wein. Es handelt sich um den Schieferstern 2011 Purus, ein Experimentalwein, den die Trossens hier in kleiner Stückzahl anbieten. Ein Experiment, das darauf basiert, dass Freunde und Kunden immer wieder mit Vin Naturels ankamen, mit archaischen Weinen aus dem Jura oder den Savoien und die Trossens sich immer intensiver mit dieser so anderen Art von Wein beschäftigt haben. Dieser Wein wird in Flaschen mit Kronkorken abgefüllt und wurde nicht geschwefelt. Wenn mein Urin so aussähe wie die Farbe des Weines, würde ich mir ernsthaft Sorgen über eine Lebererkrankung machen. Es mischt sich ein Karamellton in die Brillanz des Rieslings, der auf dem Etikett als Landwein von der Mosel bezeichnet wird. Und diesen Karamellton hat man auch in der Nase, wenn man zum ersten Mal am Glas schnuppert. Ich habe den Wein vor Genuss doppelt dekantiert weil ich dachte, er ist noch jung und er kann ein wenig Luft gebrauchen. Das war eine gute Wahl, denn der Wein präsentierte sich von Anfang an offen. Feines Karamell bei einem trockenen Riesling in der Nase zu haben, ist schon mal ungewöhnlich. Dazu gesellt sich ein Hefeton und einer von Bitterorangen und Limetten. Und je länger ich schnuppere, desto intensiver wird der Wein. Er hat so viel mit Riesling zu tun wie Sepp Musters Gräfin oder Erde mit Sauvignon Blanc. Nicht viel. Es ist eine ganz andere Welt, in die man hier eintaucht. Woran ich zunehmend mehr denke, als an deutsche Weine ist Sherry. Frischer Sherry mit Noten von unreifen Walnüssen, Mandeln, frischen Haselnüssen. Moselrieslingfrucht? Fehlanzeige. Höchstens ein frischer Apfel schaut mal vorbei, ansonsten eher Blüten und Kräuter. Immer noch schrecke ich davor zurück, den Wein zu probieren. Was erwartet mich bei einer solchen Duftkomposition am Gaumen?
Der Wein, der Purus heißt, ist tatsächlich pur. Das, was er an Klarheit und Brillanz in seiner etwas schmutzigen Farbe nicht hat, hat er am Gaumen. Er ist präzise, fast messerscharf und weich zugleich. Ein Gebirgsbach mit weichem Wasser. Rebensaft mit einer begeisternden Struktur, ein Wein, der nicht mehr so jung wirkt, wie sein Alter vermuten ließe. Schiefer kann ich hier nicht schmecken, eher Stein im allgemeinen. Eine Grundidee von Stein und Mineralik. Der Wein erinnert mich am Gaumen an Weine des Champagnerherstellers David Léclapart, vor allem an dessen Grundweine. Es ist die erstaunliche Harmonie zwischen Kraft und Wärme und der klaren Säure und Agilität, die mich überrascht hat. Und noch viel mehr ist es der urwüchsige Charakter, der, wie gesagt, mit dem, was ich von Riesling erwarte nicht viel zu tun hat. Aber warum sollten die eigenen Erwartungen immer erfüllt werden? Zumal, wenn sie so befriedigend in eine andere Richtung gelenkt werden. Es wäre auf Dauer langweilig.
Das ist so eine Art von Weinen, die ich gerne mag. Als ich die Flasche erwarb, ging ich davon aus, dass sich ein halbtrockener Riesling in der Flasche befinden würde. Bei 10% Alkohol kann man das ja auch mal annehmen. Stattdessen erwartete mich ein wirklich trockener Riesling. Da hat Andreas Bender, der aus Leiwen an der Mosel stammt und dort, wie auch in der Pfalz Wein macht, was Schönes in die Flasche gefüllt, nämlich einen unkomplizierten, moseltypischen, mineralischen Riesling mit frischen Apfelnoten, einer Schieferpetrolnote und einer modernen Ausstattung, bei der ich mir Schrauber statt Kork wünschen würde. Die Substanz stimmt, er könnte hinten raus etwas saftiger sein aber hey, das ist ein trockener Mosel-Riesling mit gerade mal 10% Alkohol, als Essensbegleiter toll und einfach so zum runterschütten auch. Das, was ich jetzt gerade geöffnet habe, war 2009. Für eine einfache Qualität hielt sich die Alterung in Grenzen, der Wein ist noch fit. Den aktuellen Jahrgang 2011 gibt es hier, bei vicampo.
Letzte Woche Montag war ich noch mal im Louis C. Jacob, um beim Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) die Großen Gewächse aus dem Rheingau, Franken, Baden und Württemberg zu probieren. Ich sage direkt, ich konnte nicht die gesamte Zeit verweilen, und so musste ich dieses Jahr Württemberg außen vor lassen. Das ist schade, jedoch leider nicht zu ändern. ich habe mich schlichtweg zu lange im Rheingau aufgehalten, bildlich gesprochen. Nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte. Das hat mir in diesem Jahr viel mehr Spaß gemacht als in den Jahren zuvor.
Rheingau
Es tut sich was im Rheingau. Das postuliert nicht nur Dirk Würtz, das kann man auch schmecken – unter anderem und nicht zuletzt bei Dirk Würtz und seinen Weinen, die er bei Balthasar Ress gemacht hat. Doch dazu später. Ich habe mich im letzten Artikel zu den Großen Gewächsen dazu entschieden, ein besonderes Gewächs hervorzuheben und eine Kollektion. Diese Idee wird dann kompliziert, in die Tat umgesetzt zu werden, wenn die Kollektionen so unterschiedlich umfangreich sind: Ein Winzer bringt zwei Weine mit, der andere sechs. Und im Rheingau beispielsweise viel es mir wirklich schwer. Sowohl bei der Einzelbewertung, als auch bei der Kollektion. Trotzdem habe ich mich entschieden, und diese Entscheidung ist ein Statement, und zwar eins für den Einzug der Moderne in dieser Traditionsweinlandschaft. Es ist immer so eine Sache mit der Tradition, vor allem, wenn man sich auf ihr ausruht. Und wenn dann Weine entstehen, die eigentlich nicht mehr zur Qualitätsspitze gehören. Darüber ist in letzter Zeit viel geschrieben und diskutiert worden – die Problematik gut zusammengefasst findet man bei vinositas. Bei der GG-Probe jedoch musste ich feststellen, das sich etwas tut. Hier finden sich vielleicht nicht die überragenden Weine eines Keller, Wittmann oder Battenfeld-Spanier, hier finden sich jedoch Große Gewächse, die ihren Namen verdienen und die in ihrer Stilistik sehr unterschiedlich sind – nicht nur, was Lagentypizität angeht. Es finden sich Weine, die ich bisher nicht unbedingt ins Rheingau verortet hätte.
Rheingau – Einzelweine
Es sind in diesem Jahr zwei Weingüter, deren Weine mich stark beeindruckt haben. Hervorheben möchte ich den Nussbrunnen von Balthasar-Ress und auch den Berg Schlossberg. Ersterer offen, mit einer faszinierenden Note von Zimt und weihnachtlichen Gewürzen. Der Wein ist gerade jetzt ungemein geschmeidig, weich und zugänglich, dabei komplex und tief. Der Berg Schlossberg wirkt etwas verschlossener (nein, kein Wortspiel), kühler, mineralischer, mit einer deutlichen Lakritznote. Dazu kommen Kräuter und ein paar Blumen. Auch diesen Riesling mag man so weg trinken aus purer Lust am Wein – auch wenn ihm Zeit noch gut tun wird. Wenn ich einen Wein aus der Kollektion der Georg-Müller-Stiftung hervorheben soll, dann ist es das Hattenheimer Schützenhaus. Spielerische Leichtigkeit triff auf ein Holzfass, das seltsamerweise mitten in einer Blumenwiese steht. Diese beiden Weine, bzw. Kollektionen von Dirk Würtz und Alf Ewald zeigen mir, wo es im Rheingau unter anderem hingehen kann und ich glaube, dass man hier in den nächsten Jahren noch Einiges erwarten kann, denn die beiden stehen bei den jeweiligen Gütern erst am Anfang. Klassischer, jedoch auch ausgezeichnet war der Berg Rottland vom Weingut Johannishof, die Hochheimer Hölle von Künstler und der Kiedricher Gräfenberg von Robert Weil, ein leiser, unaufgeregter Wein, der mir selten so zugesagt hat, wie in diesem Jahr. Etwas gereift und besonders hervorzuheben wäre für mich noch der 2010er Wisselbrunnen von Knyphausen und das 2008er Oestricher Lenchen "Rosengarten" vom Weingut Josef Spreitzer.
Rheingau – Kollektion
Wenn ich etwas nicht erwartet hatte, dann war es die im Holz gereifte Riesling-Kollektion von Alf Ewald, Beitriebsleiter der Georg-Müller-Stiftung. Die Rieslinge 2011er Hattenheimer Nussebrunnen, 2011er Hattenheimer Schützenhaus und der 2009er Hattenheimer Hassel zeigen auf beeindruckende Weise eine Alternative zu ausgetretenen Pfaden. Ich war bisher nicht unbedingt positiv eingestellt gegenüber spürbarem Holz im Riesling. Diese Weine haben mich jedoch eines Besseren belehrt. Es funktioniert also, wenn man es kann, denn die Leichtigkeit, das Verspielte, das den Riesling so einzigartig macht, geht dem Wein nicht verloren sondern stellt sich eher in einen Kontrast und in eine gleichzeitige Verbindung zu der Ernsthaftigkeit und Erdverbundenheit, die das Holz bietet. Das Gut, dass ich bis vor kurzem nur dem Namen nach kannte – vor kurzem trank ich einen ausgesprochen schönen Frühburgunder – ist eines, dass ich auf jeden Fall verstärkt im Auge behalten werde. Was mir wirklich Spaß gemacht hat war das Verweilen am Stand vom Baron Knyphausen. Nicht nur gefiel mir die aktuelle Kollektion, wir konnten auch Weine abseits der Großen Gewächse probieren, beispielsweise den Riesling Royal Blue, Imperial Yellow und Constitutional Green, Riesling-Auslesen von trocken bis süß, ebenfalls immer mit spürbarer Holznote und durchaus begeisternd.
Franken
Die Franken hatten es nicht in der letzten Zeit. Hagel und vor allem Fröste haben ihnen schwer zu Schaffen gemacht. Das was bei der GG-Probe geboten wurde war jedoch meist ganz ausgezeichnet, und zwar bei Silvaner, Spätburgunder und Riesling.
Franken – Einzelweine
Der Wein, den ich in einer Vertikale von 2008 bis 2011 zuerst probiert habe, gehörte für mich auch zu den besten. Der 2011er Silvaner Kapellenberg "Mönchshof" von Bickel-Stumpf ist frisch, klar, absolut terroirbetont (Muschelkalk) und präzise, dazu balanciert und mit feiner Komplexität. So kann, ja sollte Silvaner häufiger schmecken. Ähnlich klar und fokusiert, ohne Schnörkel, jedoch etwas komplexer und cremiger die beiden Weine von Horst Sauer. Der 2011er Silvaner und Riesling aus dem Escherndorfer Lump begeisterten mich ebenso wie mindestens zwei Weine vom Weingut Rudolf Fürst, nämlich die 2010er Spätburgunder Klingenberger Schlossberg und Burgstädter Hundsrück. Das ist klassischer, deutscher Spätburgunder auf höchstem Niveau.
Franken – Kollektion
Das ist dann auch meine Wahl für meine persönliche fränkische Kollektion des Jahren: Rudolf Fürsts Riesling 2011er Bürgstädter Centgrafenberg ist ebenso gelungen wie die ganze Riege der Spätburgunder, wo mich der 2010er Hundsrück in seiner Offenheit, Frische und gleichzeitiger Tiefe genauso beeindruckt hat wie der Schlossberg, der für mich lediglich von einem einzigen badischen Spätburgunder geschlagen wurde. Der 2008er, der gereifte Schlossberg zeigt dann deutlich, wie viel Substanz und Komplexität in Zukunft zu erwarten sein wird.
Baden
Wenn man Baden nach Franken probiert, muss man aufpassen, dass einem nach den teils sehr klaren und präzisen, auf das Wesentliche reduzierten Rieslinge und Silvaner die Breite der badischen Burgunder nicht erschrickt. So habe ich eine sanfte Überleitung von fränkischen Pinots zu badischen gefunden. Ich stelle immer wiederfest, dass ich auf Weiß- und Grauburgunder meist (meist, nicht immer) verzichten kann. Sie können tolle Weine sein, aber berühren tun sie mich selten. Das hat auch heuer niemand geschafft. Bei den Pinots war das anders.
Baden – Einzelweine und Kollektion
So sind es auch die Spätburgunder-Spezialisten, die mich gepackt haben. Einzelweine und Kollektion sind hier für mich nicht zu trennen. Sie überschneiden sich und es sind genau zwei Weingüter, deren Weine mich gefesselt haben. Der 2010er Schlossberg von Bernhard Huber war für mich der Wein der Probe. Moderner als die Weine von Rudolf Fürst aus Franken, noch offener, weicher, doch ebenso komplex. Ein saftiger, jetzt schon unglaublicher leckerer Wein. Die beiden anderen Weine Hubers, der Bienenberg und die Sommerhalde stehen kaum nach, sind stilistisch jedoch anders. Großartig auch die weißen und späten Burgunder von Salwey. Wenn man die Weine nach denen Hubers probiert, haben sie es zunächst ein wenig schwer, denn die Macht der Huberschen Weine ist beeindruckend. Wenn man aus dieser Aura wieder raus ist und sich ganz den Salweyschen Weinen widmen kann, macht es Spaß. Vor allem der frische, ganz gradlinige Henkenberg gehörte für mich zu den besten Weinen des Tages.
Fazit
Neben dem Fazit des ersten Tages, das man hier nachlesen kann, würde ich mich jetzt nur wiederholen. Rheingau war spannender als erwartet, in Franken überrascht mich immer wieder die Vielfalt auf hohem Niveau und in Baden finde ich mal wieder Rotweine, in denen ich baden möchte von denen ich mir gerne eine Kiste oder zwei in den Keller legen würde. Weine, die den Spagat schaffen zwischen komplexer Tiefe lustvoller Saftigkeit.
P.S.: Hendrik Thoma war diesmal auch da, aber der kleine Jacob und sein Bistro hat sich unserer trotzdem nicht erbarmt.
Vorgestern war ich den Nachmittag über beim Verband der Deutschen Prädikatsweingüter, bzw. beim VDP – Verband der Prädikatsweingüter (VDP). Er hatte mir die Chance gegeben, die Großen Gewächse von Mosel, Nahe, Rheinhessen und Pfalz zu probieren. Die eigentliche Probe findet immer im Herbst statt, wenn die Großen Gewächse (GG) gerade abgefüllt sind, aber da konnte ich nicht und dann hat der VDP gesagt, ok, dann laden wir halt noch mal im Januar ein, und ob es im Louis C. Jacob denn recht wäre? Und ich dachte, ja gut, wenn es denn nicht normaler geht und ich nicht immer Angst haben muss, dem Geist von Hendrik Thoma in diesen Heiligen Hallen zu begegnen. Und wenn Sie die Krönung ihres Schaffens im Sterneambiente präsentieren mögen, dann sollen sie es halt tun.
Großes Gewächse sind das Ergebnis einer Idee. Die Idee geht etwa so, dass man mal allen zeigen wollte, dass Deutschland nicht nur süß kann und da Spitze ist, sondern dass es auch trocken geht. Vor allem mit Riesling, seltener mit Bacchus. Vielleicht aber ginge es auch mit Bacchus, denn es gibt natürlich Winzer, die weniger Wert auf die Rebsorte legen denn aufs Trottoir Terroir. Das Terroir bestimmt die Güte des Weins. Natürlich funktioniert Terroir nicht wirklich mit Bacchus. Es sollte schon eine edlere Rebsorte sein. Sonst würde das auch nicht mit dem Luis C. Jacob funktionieren, denn das Louis C. Jacob duldet keinen Bacchus.
Die Großen Gewächse sollen in Deutschland die Spitze einer Qualitätspyramide darstellen, in der es die Basis der Gutsweine gibt, dann die höhere Qualität der Ortsweine und dann die Lagenweine, deren Spitze das Große Gewächs darstellt. Das ist ein bisschen so wie im Burgund. Da gibt es den Burgunder und die Ortslagen und die Premier Cru und die Grand Cru. Ehrlich gesagt, in den unteren Kategorien ist man normalerweise viel besser als im Burgund. Nur oben, da muss man das noch beweisen. Genau deshalb gibt es die Großen Gewächse. Kurz gesagt. Andere können das viel besser erklären, aber fürs Erste reicht es.
Vorgestern also Mosel, Nahe, Rheinhessen und Pfalz und damit die wichtigsten Gebiete für die Großen Riesling Gewächse. Der Rheingau fehlt, aber da heißen die sowieso Erste Gewächse und darüber hinaus gibt es ja böse Zungen die sagen, "kennse einen kennse alle". Also, ich habe das jetzt nicht gesagt, ich habe ja auch nicht so einen Slang und bevor ich das beurteile, probiere ich erst einmal nächsten Montag, denn dann geht es weiter mit dem VDP und den Großen Gewächsen, dann gibt es auch noch Baden und Franken und die Ahr mit dazu und es wird deutlich mehr Rotwein geben.
Nun also einen ernsthaften Überblick über meine persönlichen Entdeckungen bzw. Bestätigungen. Eine Große Gewächsprobe ist seltener ein Ort, wo man wirklich überrascht wird sondern eher einer, wo man seine vorgefasst Meinung bestätigt oder ein wenig redigiert. Überhaupt ist so eine GG-Probe meist eine intellektuelle Herausforderung. Das sind keine Spaßweine, die dort eingeschenkt werden sondern im besten Fall hochkomplexe Gewächse, die dort von 50 Weingütern angeboten werden. Häufig haben die Weingüter auch noch mehrere Große Gewächse im Angebot, so dass man in einer begrenzten Zeit gerne auf 150 Weine kommt.
Mosel
Die Mosel gehört nicht zu den Gebieten, in denen der Riesling allzu gerne besonders trocken ausgebaut wird, die Schieferlagen unterschiedlicher Couleur mögen den Restzucker und der Restzucker mag den Schiefer. Trotzdem ist dort trockener Riesling möglich und einer, der das am besten hinkriegt, ist Clemens Busch.
Mosel – Kollektion
Die Kollektion des Tages war für mich die von Clemens Busch. Die drei Marienburger Weine aus Rothenpfad, Fahrlay und Falkenlay hauen einem die unterschiedlichen Schieferformationen nur so um die Ohren. Mit den feinen Vertretern eines Haart, Haag oder Prüm haben diese Weine ziemlich wenig zu tun. Extrakt und Mineralität dominieren hier. Und je nach Schiefer wirkt die Frucht und Kräutrigkeit immer wieder anders. Alle Weine sind straff, cremig und kraftvoll.
Mosel – Einzelweine
Faszinierend fand ich die Erdener Weine von Dr. Loosen, Treppchen und Prälat, die jeweils in Halbliter-Flaschen ausgeschenkt werden. Viel Schieferwürze findet sich hier, dabei sind die Weine weich und dicht. Bei von Othergraven gefiel mir der Kanzemer Altenberg, bei S.A. Prüm vor allem der Domprost „Prevot“ und die Sonnenuhr „Devon“ und da speziell die aus 2010.
Nahe
Was an der Nahe passiert, ist begeisternd. Nicht nur bei jenen, die dort vorgestern standen. Gerade auch bei vielen Winzern, die dem VDP gar nicht angehören. Der VDP ist ja der kleine Verein der Weinelite, der Scull & Bones Club der deutschen Winzerszene, gewissermaßen. Und wenn dort sieben oder acht Winzer stehen, dann stehen da natürlich Dutzende nicht. Von diesen sieben oder acht gehören aber mindestens vier zu den besten Winzern Deutschlands.
Nahe – Kollektion
Die Kollektion des Tages fand ich bei Diel. Auch wenn der Ausschenker eigentlich gar keine Zeit für mich hatte, weil er mit seinen Kumpels beschäftigt war, muss ich gestehen: Alle vier angestellten Weine waren zum Niederknien (was ich mir verkniffen habe), speziell der Schlossberg in seiner grapefruitlastigen, etwas exotischen Aromatik und der Burgberg in seiner herbwürzigen, kräutrigen Dichte. Ein Wein kurz vor Erreichen der Buddha-Natur.
Nahe – Einzelweine
Dann Dönnhoff, gut wie immer bei den Großen Gewächsen, Felsentürmchen, Dellchen, Hermannshöhle, die Expressivität und Eleganz schraubt sich Wein für Wein hoch. Bei der Hermannshöhle ist dies alles fein gewoben, lang, charmant, einer der besten Weine, die ich gestern getrunken habe. Auf ähnlichem Niveau bewegt sich das Frühlingsplätzchen von Emrich-Schönleber. Eine Espresso-Nase überrumpelt mich, dann kommen Kräuter, ein Hauch Vanille, Stein und alles cremig und rund, dabei fein und tänzelnd. Bei Schäfer-Fröhlich gab es „nur noch“ Felsenberg und Felseneck. Was für ein Unterschied zu Dönnhoff und Schönleber. Der Felsenberg wirkt so, als habe er die Kraft, sein eigenes Porphyr-Gestein sprengen zu können (und zu wollen). Ein elektrisierender, fordernder Wein voll gelber und exotischer Früchte, allerdings auch mit einem kleinen Böckser.
Rheinhessen
Der ehemalige Massenweinproduzent brilliert schon seit Jahren beim VDP. Rheinhessen ist für mich das quirligste Gebiet in Deutschland. So unfassbar konservativ es wirkt, wenn man durch die Dörfer fährt, in denen selten mal der Bürgerstein heruntergeklappt zu sein scheint, so fortschrittlich sind die Winzer. Auch hier gilt, dass die, die beim VDP stehen nur die minimale Spitze eines Eisbergs bilden, dessen Sockel an hervorragenden Weinen sehr breit geworden ist.
Rheinhessen – Kollektion
Wer die bemerkenswerteste Kollektion mitgebracht hat, ist für mich leicht zu beantworten. H.O. Spanier hatte Pettenthal und Ölberg (beide Kühling-Gillot) auf dem Tisch stehen, dazu Battenfeld-Spaniers Kirchenstück, Frauenberg und Zellerweg am schwarzen Herrgott. Die Rieslinge werden im Prinzip alle gleich ausgebaut, trotzdem sind Pettenthal und Ölberg so grundverschieden zu den anderen drei Weinen. Das hier sind fünf pure Terroir-Weine. Fünf große Weine. Wobei Pettenthal und Zellertal mich sprachlos zurücklassen, der erste wegen seines warmen, fruchtbetonten Farbenspiels, der andere wegen seiner kühlen, mineralisch-extraktreichen Noten.
Rheinhessen – Einzelweine
Mich hatte es nicht gewundert, aber Daniel Wagners Höllberg und Heerkretz sind wieder ganz vorne mit dabei, der erste offen, unkompliziert schön saftig und rund, letzterer dichter, massiver, verschlossener, aber trotzdem voll, dicht, harmonisch mit viel Grip – auch hier bestimmt der Porphyr die Aromatik.
Wo wäre Rheinhessen ohne Keller und Wittmann? Die beiden haben für das Renomée Rheinhessens unglaublich viel getan und Kellers Kirchspiel und Wittmanns Morstein, vor allem der Morstein, sind Solitäre, Jahre für Jahr, immer wieder faszinierend, auch wenn sie mich kälter lassen als Spaniers und Wagners Weine. Sie sind so hochintellektuell, dass ich sie gerne noch mal mit Ruhe und Zeit verkosten möchte – in ein paar Jahren. Und, das will ich noch sagen, wenn es um Aulerde oder Kirchspiel geht, dann sollte mehr über das Weingut Groebe geredet werden, denn auch hier gab es die Lagen Aulerde und Kirchspiel und die standen den Wittmannschen Weinen eigentlich nicht nach.
Pfalz
Das Land, in dem die Mittelhaardt die Vorraussetzung für große Weine liefert, passt für mich am besten zur Idee der Großen Gewächse. Allein die Namen der Traditionslagen wie Ungeheuer, Mandelpfad, Reiterpfad oder Hohenmorgen haben etwas Aristokratisches und erinnern mich viel eher an die großen Burgunder-Namen als Dellchen oder Frühlingsplätzchen. Hier kommen neben Riesling auch Weiß- und Spätburgunder ins Spiel.
Pfalz – Kollektion
Leider konnte ich der Pfalz nicht so viel aufmerksam widmen wie den anderen Gebieten, dafür war mal wieder zu wenig Zeit. 50 Weingüter in vier Stunden, und allen gerecht werden, das ist nicht einfach. Trotzdem gab es für mich einen klaren Favoriten, was die Klasse der Gesamtbreite der Kollektion anging. Christmanns Reiterpfad, Langenmorgen, Mandelpfad und Idig sind sooo gut. So unterschiedlich und doch so stimmig in ihrer Gesamtheit. Der eine kräutrig, fast tabakig, der andere mit leichtem Parfum, duftig, leicht, der nächste würzig und mineralisch, der Idig schwebt wie immer ein wenig über den anderen, dabei traut man ihm das Schweben gar nicht zu, so fest gewirkt und dicht, so konzentriert und erdverbunden wirkt er.
Pfalz – Einzelweine
Die Weine von Knipser haben mir wieder ausnehmend gut gefallen, besonders die Weine aus dem Mandelpfad – Riesling und Pinot Noir. Dr. Bürklin-Wolf hatte aus 2011 lediglich den Gaisböhl dabei, aber ich trinke da eh lieber die reiferen Weine (die sie ebenfalls mitgebracht hatten), wie den saftigen 2008er Gaisböhl oder einen brillanten 2007er Hohenmorgen. Beckers Spätburgunder St. Paul würde ich mir gerne in den Keller legen, Siegrists 2008er Sonnenberg Pinot Noir genauso wie den 2007er Sonnenschein Spätburgunder von Rebholz, auch wenn dessen Holz immer noch recht weit vorne steht. Auch Rebholz' Riesling Im Sonnenschein gehörte bei der Pfalz mit zu meinen Favoriten. Von Winning hatte ich mir für die letzten Gläser aufgespart, doch bekam ich lediglich die letzte Pfütze aus Kalkofen und Kirchenstück. Das muss ich noch mal in Ruhe auf ein Neues probieren.
Fazit
Auch wenn manch ein Wein jahrgangsbedingt mit einem Zuviel an Alkohol und einem Zuwenig an Säure zu kämpfen hatte, präsentiert sich 2011 als sehr gelungenes, ziemlich homogenes Jahr für die S-Klasse der trockenen deutschen Weine. Sind mir in den vergangenen Jahren noch Weine begegnet, denen ich das GG-Qualitätssiegel nicht zugesprochen hätte, habe ich solche Weine vorgestern kaum erlebt – begeisternde Weine dagegen eine ganze Menge. Das Große Gewächs ist ausdrücklich kein Wein für den schnellen Konsum. Er ist ein Wein für die Sterneküche, ein Wein für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Produkt, einer, der dafür prädestiniert ist, in Weinrunden unter Weinfreunden auseinandergenommen, begutachtet und wieder zusammengesetzt zu werden. Er ist schließlich ein Wein, der Zeit braucht, so wie er schon im Keller auf der Hefe mehr Zeit bekommt als die anderen Weine des Hauses. Im besten Fall, zum Beispiel beim Pettenthal von Kühling-Gillot oder beim Heerkretz von Wagner-Stempel oder beim Frühlingsplätzchen von Emrich-Schönleber vereinigt das Große Gewächs pure Trinkfreude mit großer Komplexität und Tiefe. In einem anderen besten Fall, Wittmanns Morstein oder Battenfeld-Spaniers Kirchenstück überrascht der Wein mit einem Ausdruck so puren Terroirs, das einem schon mal die Spucke wegbleiben kann. Schlussendlich glaube ich, dass die Idee des Großen Gewächses auf einem guten Weg ist. Und auch wenn die Preise langsam und stetig weiter anziehen, hat man hier fast immer viel mehr im Glas, als ich es im Burgund auf diesem preislichen Niveau finden kann.
Na, und irgendwie war es dann auch egal, dass es im Louis C. Jacob stattgefunden hat, denn die haben nicht mal das Bistro früher geöffnet, so dass wir nicht mal unseren Heißhunger stillen konnten, auch nicht der Thoma, aber da war eh nicht da.