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Meine Sommerweinempfehlung (1): Crémant Rosarot von Stephan Steinmetz, Obermosel

05/Jul/15 13:22 kategorisiert in: Crémant, Sekt & Co.

Stephan Steinmetz ist ein Mann mit klaren Prinzipien. Dazu gehört auch, dass sein Angebot nicht ausfranst sondern übersichtlich bleibt. Deshalb gibt es bei ihm nur acht Weine auf der Karte: Elbling in Liter- und in Lagenqualität, Auxerrois, Weiß- und Grauburgunder sowie Elbling- und Burgunder-Crémant und abschließend gab es bisher einen Spätburgunder.

Spätburgunder, zumal in dieser Qualität, erwartet kaum ein Kunde an der Mosel. Nur wenigen ist bekannt, dass es bei Weingütern wie Günther Steinmetz oder Markus Molitor etwas weiter runter an der Mittelmosel mittlerweile exzellente Spätburgunder gibt. Der Spätburgunder war also immer etwas schwerer verkäuflich bei Stephan und Petra Steinmetz. Im Gegensatz zum Rest des Programms und vor allem im Gegensatz zu den Sekten, die Stephan allerdings genau so nennt, wie man es üblicherweise einen Kilometer weiter auf der luxemburgischen Seite tut. Seine Crémants sind neben dem Elbling die Aushängeschilder. Und deshalb gibt es konsequenterweise mit diesem Jahr keinen Spätburgunder aus dem Holzfass mehr sondern einen rosarot schimmernden Crémant vom Spätburgunder.

Steinmetz_Cremant_Rosarot

Der Crémant Rosarot ist für mich die aktuelle Sommerweinempfehlung. Stephan versektet ihn in gewohnt gekonnter Manier mit dem für Crémant üblichen Druck, einem langen Hefelager und einer entsprechend feinen Perlage. Wie es bei einem Crémant sein sollte, liegt die Betonung auf der Frische. Hier gibt es keine schweren Brioche-Aromen sondern Frucht. Und zwar eine Frucht, wo ich neben einigen Nussaromen und etwas Erd- und Himbeer vor allem die Frucht von Johannisbeeren finde. Es ist also eine Frucht, bei der immer auch ein wenig Gerbstoff mitschwingt, was den Crémant pikant macht und genau das Gegenteil von einem weichfruchtig kitschigen Exemplar werden lässt, wie man es im Rosé-Bereich viel zu oft findet. So hat man mit dem Crémant Rosarot einen erstklassig gemacht Schaumwein, in dem die Mineralität der für die Obermosel typischen Muschelkalkböden immer präsent ist, der mit der Ribisel-Frucht immer seriös bleibt und mit Druck, Perlage und nur wenig Dosage erfrischt.

Foto Stephan Steinmetz

Das Markenzeichen der Obermosel, das Gestein des Pariser Beckens, dessen letzten Ausläufer die Obermosel bildet, findet man nun auch auf den Etiketten von Steinmetz. Eigentlich wollten Stephan und Petra Steinmetz nur endlich mal eine neue Website haben. Daraus wurde allerdings ein komplettes Corporate-Design-Projekt, in dessen Ergebnis sich genau das widerspiegelt, was das Weingut ausmacht. In der klaren Art, wie hier die Weine erzeugt werden, präsentieren sie den Muschelkalk, der zu Wein wird auf schöne Weise.

Den Podcast, den ich vorletztes Jahr mit Stephan gemacht habe, gibt es hier. Die Weine direkt ab Hof. Der Rosarot kostet 12.50 Euro.

In Neuseeland – Teil 11: Marlborough, Framingham und Seresin

Header Neuseeland

Wer einmal die andere Seite von Marlborough kennenlernen will, also die, bei der Sauvignon Blanc zugunsten der anderen Sorten etwas stärker in den Hintergrund tritt,  der sollte (neben bereits erwähnten Wineries) erstens Framingham besuchen und zweitens die Mitglieder der MaNa-Gruppe.

Framingham
Framingham ist bisher in Deutschland so gut wie gar nicht vertreten, doch ich halte es für eines der besten neuseeländischen Weingüter überhaupt. Dass man es hier kaum kennt, liegt wahrscheinlich auch daran, dass es erstens eben nicht auf den typisch tropischen Sauvignon Blanc setzt und zweitens vor allem berühmt ist für die außerordentlich guten Rieslinge und anderen aromatischen Rebsorten. Zu verdanken ist dieser Erfolg vor allem dem Weinmacher Andrew Hedley. Diesen höchst sympathischen und kompetenten Menschen habe ich während eines Naturwein-Symposiums in Martinborough kenngelernt, dass er dort gehalten hat. Er gehört neben seiner Tätigkeit als Weinmacher zu den wenigen, die diese Weine in kleinen Mengen nach Neuseeland importieren. Andrew kommt ursprünglich aus dem Norden Englands und hat dort seinen PhD in Chemie gemacht bevor er 1993 nach Neuseeland gegangen ist.

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Seit 1998 ist er Weinmacher und verantwortet mittlerweile 16 Jahrgänge. Obwohl er 2006 an Kehlkopfkrebs erkrankt ist und seitdem nur mit so einem kleinen Handgerät reden kann, was sich mechanisch metallisch anhört, hält ihn das glücklicherweise keineswegs davon ab, öffentlich aufzutreten und über seinen Themen zu reden und trotz des monotonen, leblos wirkenden Sounds dieses Geräts ist Andrew ein Mensch, der einen sofort in seinen Bann schlägt.

Framingham_02Andrew Hedley, Copyright Fotos mitte und rechts: Framingham.co.nz

 

Der erste Weingarten des Weinguts Framingham wurde 1981 vom ebenfalls englischstämmigen Rex Brooke-Taylor angelegt. Somit gehört diese mit Riesling bestockte Fläche zu den ältesten in Marlborough und sie wird, wie die anderen Flächen auch, auf ökologischen Weinbau umgestellt. Der erste Wein unter dem Namen Framingham wurde 1994 auf den Markt gebracht, zwischenzeitlich wurde das Weingut an Constellation Brands verkauft, mittlerweile befindet es sich im Besitz des Unternehmens Sogrape. Die Portugiesen sind zwar ebenfalls ein großer Player, aber immer noch in Familienbesitz, was eine ganz andere Unternehmenskultur ermöglicht.

Framingham_01Copyright Fotos: Framingham.co.nz

 

Zwar werden hier auch rote Weine erzeugt, allen voran der hervorragende Pinot Noir aus der F-Serie und auch ein Montepulciano, daneben ein ungewöhnlich mineralisch-erdiger Sauvignon Blanc (F-Series) und ansonsten Gewürztraminer, Pinot Gris und vor allem Riesling. Die Rieslinge, an denen Andrew Herz hängt, vor allem die aus der F-Serie (zum Beispiel der Old Vines Riesling oder die Auslese 2011) aus dem schon angesprochenen alten Weinberg, gehört zum Besten, was ich aus der Sorte außerhalb Deutschlands bisher probiert habe und auch im Vergleich mit großen deutschen Rieslingen ist das eine Wucht. Es ist eine Schande, dass man das hierzulande nicht bekommt!

MaNa
Da ich nicht alle Weingüter der Winzergruppe MaNa einzeln treffen konnte, haben wir den Spieß während meines Aufenthalts umgedreht. Wir haben ein Speed-Dating im Weingut Hans Herzog vereinbart. Ich habe mich auf die Terrasse des bekannten Weinguts-Restaurants gesetzt und die Gruppenmitglieder hatten jeweils zwanzig Minuten Zeit, sich und ihre Weine vorzustellen. Das war durchaus witzig, viel zu kurz, um die Weingüter und die Menschen dahinter wirklich kennenzulernen, aber nach einem Tag mit 50 Weinen beim Regionaltasting, einem Rundgang durch das Weingut von Villa Maria und einem Nachmittag bei Yealands das Äußerste, was noch drin war. Und schließlich haben wir alle zusammen gespeist, was nach dem Tag in dieser Runde ein großes Vergnügen war.

Ob MaNa auch eine Bedeutung in Maori hat, weiß ich nicht, aber es ist offensichtlich die Abkürzung für MArlborough NAtural Winegrowers. Ursprünglich bestand die Gruppe aus den Weingütern Seresin, Huia, Hans Herzog, Fromm und Te Ware Ra, mittlerweile haben sich jedoch Clos Henri und RockFerry angeschlossen. Di e Mitglieder der Gruppe müssen zertifiziert sein (bio-organisch oder biodynamisch), ihre Weine müssen ihn Marlborough entstehen und in der eigenen Winery entstehen und sie die Weine werden alle von den Gruppenmitgliedern probiert und getestet, bevor sie auf den Markt kommen.

Seresin
Seresin ist das Herzensprojekt eines weitgereisten neuseelandstämmigen Kameramanns, der sein Geld unter anderem mit Hollywood-Produktionen verdient hat. Ohne den guten Salaire, den man dort erhält, wäre der Aufbau eines solchen Gutes nicht möglich. Der Aufbau und Betrieb eines Weinguts ist nichts, was man mit kleinen Mitteln finanzieren könnte und ich habe einige Projekte in Neuseeland (und natürlich auch anderswo) gesehen, wo sich Investoren schlichtweg übernommen haben. Nun hat man in Neuseeland zumindest den Vorteil, dass man dort damit rechnen kann, das selbst in schlechteren Jahren noch genügend Ernte eingefahren werden kann – im Gegensatz zu manchen Totalausfällen, die in Mitteleuropa viel häufiger vorkommen.

Seresin_01Copyright Fotos: Seresin.co.nz

 

Michael Seresin jedenfalls hat auf seinen Reisen, die ihn nicht nur nach Kalifornien führten sondern oft vor allem auch nach Europa, italienische Lebenskultur schätzen gelernt und ist ursprünglich irgendwann dort auf die Suche gegangen, um den geeigneten Platz für ein Landgut zu finden. Doch ist es dort gar nicht so einfach, etwas Vernünftiges und Bezahlbares zu erwerben und außerdem fing während seiner Suche der Sauvignon-Blanc-Boom in seiner Heimat an. Ein Grund, sich Marlborough doch noch mal genauer anzuschauen. Im Wairau Valley ist er dann fündig geworden und hat sich sein in Italien präferiertes Dolce Vita nach Marlborough adaptiert. Begonnen hat er mit dem Erwerb einer 45 Hektar Fläche, dem Home Vineyard im zentralen Wairau mit seinen alten Flussbetten, den Kieseln und dem gut drainagierten alluvialen Schwemmland, wo natürlich Sauvignon Blanc angebaut wurde, aber auch Chardonnay, Riesling, Pinot Gris, Pinot Noir und Semillon. Im Omaka Valley kam später der 51 Hektar große Raupo Creek Vinyard dazu. Seresin war einer der ersten, die bewusst aus der Ebene in die Foothills gegangen sind um die Ton-Lehm-Böden für den Anbau von Pinot Noir und Chardonnay zu nutzen. Neben dem Wein stehen hier 25 weitere Hektar bepflanzt mit Olivenbäumen, Obstbäumen, Gemüsefeldern und weiter in der Ebene auch mit Weideland. Seresin Estate funktioniert wie eine italienische Fattoria, wozu natürlich auch ein Restaurant gehört, das sich am Homeblock befindet und die Ernte des komplett biodynamisch zertifizierten Landes verarbeitet. Vor einiger Zeit sind noch einmal 15 Hektar Weingarten hinzugekommen. Der Tatou Vineyard, umgeben von Olivenbäumen und mit Sauvignon und Pinot bepflanzt, liegt etwas westlich des Home Vineyard.

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Copyright Foto rechts: Seresin.co.nz

 

Bei Seresin und auch später bei den anderen Mitgliedern von MaNa lässt sich gut ablesen, dass es vor allem auch in Marlborough längst nicht mehr nur um Sauvignon Blanc geht. Pinot Noir findet hier ausgezeichnete Bedingungen und präsentiert sich in einem fruchtbetonten, frischen Stil. Gerade mit den Weinbergsmethoden der MaNa-Mitglieder entstehen hier strukturierte, Pinots mit großer Persönlichkeit. Für mich besonders empfehlenswert bei Seresin sind die Pinot Noirs, die Chardonnay Reserve und Chiaroscuro, ein Blend von Chardonnay, Pinot Gris und Riesling, eine wirklich ungewöhnliche Mischung aus dem 500-Liter-Punchon.

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In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Teil 10: In Marlborough, über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

Im Speiselokal

15/Jun/15 13:45 kategorisiert in: Abschweifungen

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Billy Wagner ein begeisterter Freund des Polosports ist. Er wirkt nicht so. Trotzdem ist er vielleicht durch Zufall irgendwann einmal 2011 über eine Überschrift in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gestolpert die da lautete: Nobel, hart & schmutzig. Dort ging es um den klassisch englischen Upperclass-Pferdesport Polo, der unter anderem auch unweit meiner eigenen Behausung in den Elbvororten Hamburgs gespielt wird.

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Das Speiselokal, das Billy Wagner zu Beginn dieses Jahres an einem festen Ort eröffnet hat, befindet sich nicht in den Elbvororten Hamburgs sondern in der Friedrichstraße in Berlin. Dort war ich am Samstag als Gast – genau ein Jahr, nachdem Billy Wagner das erste Mal mit dem ungewöhnlichen Namen in die Öffentlichkeit getreten ist um zusammen mit Micha Schäfer im Rahmen eines Supper Clubs die ersten Gäste zu bewirten. Was nach dieser ersten Verlautbarung passiert ist, war eine ungewöhnlich lang anhaltende Werbekampagne für ein Restaurant, das noch gar nicht existierte. Billy hat dabei alle Medien und vor allem die sozialen genutzt, um Nobelhart & Schmutzig in die Gehirne der Ess- und Trinksüchtigen zu pflanzen. Das hat gewirkt, denn seit dem ersten Tag ist das Restaurant, das sich, wie früher viele in Berlin, Speiselokal nennt, ausgebucht.

Neben der historischen dürfte der Begriff Speiselokal allerdings noch eine zweite Bedeutung besitzen. Denn Speiselokal kann ebenso als  Speisen lokal gedeutet werden und das ist genau der Ansatz für das, was einem bei Nobelhart & Schmutzig geboten wird. Alle Speisen, bzw. die Produkte, die für die Speisen verwendet werden kommen entweder aus Berlin oder aus dem Umfeld von Berlin. Da gibt es keine Ausnahmen. Deshalb wird man dort die Pfeffermühle vergeblich suchen und auch kaum missen. Denn die Würze, die wir so gerne beim Essen haben, wird anders erzeugt. Zum Beispiel mit Hilfe von Kräutern, von Suden und Aufgüssen, von Fermentationen und Kollaborationen. Zu diesen Kollaborationen zählt zum Beispiel die ausgezeichnete Abstimmung von Getränken (die nur in Teilen lokal erzeugt werden, in Berlin wächst kaum guter Wein) und den zehn Gängen, die uns gereicht werden. So empfehle ich, sich zumindest beim ersten Mal den Empfehlungen des Herrn Wagner anzuvertrauen, der sein Getränke- und Speisen-Kombinationswissen von Grund auf beherrscht.

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So schenkt er zu einem Viertel Kopfsalat, der mit Öl, Weizengras, Emmer-Crunch und Lammsoße kombiniert war ein Schönramer Pils mit hohem Bitterstoffanteil ein. Eine hervorragende Kombination und ein so einfacher wie gewitzter Gang. Das Viertel knackiger Salat ist in Weizengrasöl getränkt, zwischendrin liegt der crunchige Emmerweizen und darüber wird die warme umamilastige Soße gegossen, die dann im Mund auf das Bitterbier trifft und verschmilzt. Wunderbar auch die gereifte Riesling-Spätlese von J.B. Becker aus dem Rheingau, die ich pur gar nicht so begeisternd finde (etwas schwerfällig und auch nicht so lang), in der Kombination mit Schweinenacken, Zwiebeln und Holunderblüten aber strahlend aufgeht und das Essen perfekt ergänzt. Dies übrigens war der einzige Gang, wo ich spontan gedacht habe, ich könne einen Hauch Pfeffer vertragen. Doch wirklich vermisst, habe ich ihn nicht.

Die Küche bleibt immer leicht und schwebend. Fleisch wird nur in übersichtlichem Maße serviert. Hier ein Klecks Blutwurst, da eine Lammreduktion, schließlich der Schweinenacken. Lokalen Fisch von der Müritz (Saibling und Forelle) gibt es in zwei Gängen und hier, wie beim Fleisch sind es vor allem die Kombinationen mit Sprossen, Gräsern, Blättern, Blüten und Samen, die alles verbinden und heben. Entsprechend sind wir zur Menüfolge ohne ein Glas Rotwein ausgekommen, was ich durchaus angenehm fand, wird es doch schnell zu schwer, wenn man mindestens acht Getränke probiert. Geradezu sensationell gut wurde es bei den beiden ausklingenden Dessert-Gängen. Sauerampfer und Dillblüten treffen auf Traubenkernöl und einen Brand von der Chicorée-Wurzel, Grüner Hafer wird mit Rhabarber und Thymian kombiniert.

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Was diesen Ort neben dem außergewöhnlichem Speise- und Getränkeansatz aber so besonders macht, ist die Ruhe, in der hier die Kraft liegt. Der Raum ist dunkel und lediglich die tiefe Bar, an der in einem U mindestens Dreiviertel der möglichen 40 Gäste sitzen, wird über warmes Licht illuminiert. Dann natürlich die Küche, um die das U gebaut wurde: dort im Kraftzentrum, in das jeder Gast vollen Einblick hat, geht jeder ganz ruhig und konzentriert zu Werke. Das Meiste ist längst am Nachmittag geschehen, es wird noch aufgekocht und angewärmt, wenige Teile frisch geschnitten und natürlich angerichtet. Die Choreografie fasziniert und strahlt Ruhe aus. Neben dem Gastgeber Billy Wagner, lernen wir nach und nach alle Beteiligten einzeln kennen, denn die erklären uns, was sie im Einzelnen angerichtet haben und wo es herkommt. Sie sind dabei genauso umsichtig wie der Gastgeber selbst. Man fühlt sich richtig aufgehoben an diesem Ort, der das Lokale mit Ansätzen skandinavischer Küche und der Ruhe und Spiritualität des Zen-Buddhismus verbindet. Da haben Billy Wagner und Micha Schäfer etwas sehr Außergewöhnliches geschaffen, etwas, was tief im Inneren glücklich macht.

Die Mahlzeit kostet Euro 80 inklusive Wasser und exklusive weiterer Getränke, die wir noch bis in die Nacht genossen haben. Und auch wenn man dafür monatelang sparen muss, lohnt sich das ohne jeden Zweifel. Dass ich nicht völlig blank aus dem Laden rausgegangen bin, verdanke ich meinem Freund Holger, der sich drüben in der faz.net ebenfalls geäußert hat.

 

 

In Neuseeland – Teil 10: Über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

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Das, was das Wein-Reisen ausmacht ist ja, dass man tatsächlich die Weinregionen noch einmal anders oder vielleicht überhaupt erst versteht. So erging es mir mit Marlborough und dessen Sauvignon Blanc. Denn dieses Gebiet ist, ich erwähnte es bereits, letztlich mit einem ganz bestimmten Sauvignon-Blanc-Stil bekannt geworden und der war und ist so erfolgreich, dass er mit Marlborough quasi gleichgesetzt wird. Die Weinmacher in Marlborough aber sind schon ein ganzes Stück weiter als und das so auf der anderen Seite der Erdhalbkugel vorkommt. Denn das, was wir als Marlborough-Sauvignon-Blanc kennen ist eine Form der Terroirs. Eines Terroirs, um genau zu sein. dieses Terroir setzt sich zusammen aus der besonderen Bodenstruktur und des Mikroklimnas im Wairau Valley und einer bestimmten Machart im Keller. Hier trifft Sauvignon Blanc auf ein altes Flussbett samt typischer alluvialer Schwemmböden mit Flusskiesel. Das Tal ist Richtung Meer hin kühler und windiger als Richtung Inland wo auch die Böden etwas grob-kiesiger sind. Über das ganze Tal hinweg entsteht intensiv tropisch-fruchtiger Wein der, wenn die die Sauvignon-Blanc-Stöcke noch jung sind, noch zusätzlich die stark pyrazinhaltigen, grünen Aromen einbindet. dies alles wird beim typischen Marlborough-Sauvignon-Blanc ziemlich kalt vergoren, was das Tropische noch fördert.

Yealands_PazifikDer Weinberg von Yealnds beginnt direkt an der Bruchkante zum Pazifik

Neben dem Wairau Valley gibt es aber noch ein paar andere Gegenden in Marlborough, und die dortigen Gegebenheiten lassen einen ganz anderen Sauvignon Blanc entstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Awatere Valley. In diesem Bereich, der am Südrand von Marlborough liegt, habe ich ein wirklich spezielles Weingut besucht. Es heißt Yealands, wie sein Gründer Peter Yealand und es zeigt, was man leisten kann, wenn man eine konkrete Idee von nachhaltigem Wirtschaften hat.

Yealands_WeingutMitten im 1.000 Hektar-Weinberg liegt das moderne, mit Solarzellen bestückte Weingut. Foto Copyright: Yealands

Peter Yealands hat dort vor einigen Jahren Land gekauft. Das dürfte nicht so teuer gewesen sein denn es war trocken, unbepflanzt und nur von einigen Schafen bewohnt. Es ist eine ganze Menge Land, das er sich dort zugelegt hat und so stehen heute 1.000 Hektar unter Reben. Es sind 1.000-Hektar Single-Vineyard mit 1.6 Millionen Rebstöcken auf 4.000 Kilometer Rebzeilen, die sich über die Hügel ziehen. Und weil Peter ein ordentlicher Mensch ist hat er sie auch nicht einfach so wild wachsen lassen sondern er hat sich ein Instrument gebaut (er macht Vieles einfach am liebsten selbst) mit dem er mit Hilfe von GPS-Koordinaten die Rebzeilen genau abstecken konnte, so dass sie sich wie die 6. römische Legion in Schlachtordnung über die Hügel ziehen.

YealandsRechts oben: Mr. Peter Yealand, ein Charakterkopf mit ziemlich klaren Ideen. Rechts unten: Das Strauchwerk wird gesammelt, gepresst und als Brennmaterial verwendet. Fotos links Copyright: Yealands.

Die Perfektion, mit der er beim Anbau ans Werk gegangen ist, hört hier jedoch längst nicht auf. Denn Peter Yealand wollte nicht irgendein Weingut errichten sondern er wollte das nachhaltigste Weingut errichten, das es bis zu diesem Zeitpunkt gab. Als er am 08.08.08 (sic!) das Weingut offiziell eröffnete war es bereits carboNZeroCertTM zertifiziert. Was heißt das konkret vor Ort? Zunächst einmal hat man dort, wo es vorher nur Steppe gab, Flora und Fauna implementiert (200.000 Pflanzen) und eine ganze Reihe größerer Teiche geschaffen, aus denen sich im Zweifel auch der Weinberg bewässern lässt, ohne dass das Grundwasser angezapft werden muss.

Yealnds_SchweineMan begegnet Schafen, Schweinen und Hühnern im Weinberg.  Das Bodenprofil zeigt den typischen Schwemmlandboden.

Neben der großflächigen Ausstattung mit Sonnenkollektoren (die größte in Neuseeland mit 297 Panels und 133.000kWh pro Jahr), einer eigenen Wasseraufbereitungsanlage oder dem Einsatz von Bio-Kraftstoff in landwirtschaftlichen Geräten werden beispielsweise sämtliche Rebschnitte gesammelt, gepresst und als Brennmaterial für den Winter verwendet. Alles, was im Weingut, aber auch im Vorfeld bei den Zulieferern und auch nachher beim Verschiffen passiert, wird in den Carbon-Footprint mit aufgenommen und das Weingut arbeitet von „cradle to grave“ CO2-neutral. In den Weinbergen liegen heute die größten Komposthaufen Neuseelands, mit dem der Weinberg gedüngt wird, der in diesem Jahr die Öko-Zertifizierung erhält. Anderthalbtausend Schafe bearbeiten den Weinberg. Es ist eine kleine Rasse, die nicht an die Trauben kommt, so dass sie das ganze Jahr über grasen kann. Unterstützt werden sie von Kunekune-Schweinen und jeder Menge Hühner, die beide effektiv als Schädlingsbekämpfer arbeiten.

Wer jetzt meint, ich würde hier ungefiltert eine Werbebotschaft abtippen, liegt falsch. Aber ich habe mir das Weingut einen Tag lang angesehen und bin bis heute begeistert, mit welcher Konsequenz dort gearbeitet wird. Das habe ich, vor allem in dieser schieren Größe sonst noch nirgendwo gesehen. Wer also mal in Marlborough aufschlägt, sollte dieses Weingut definitiv einen Besuch abstatten und sich selbst überzeugen.

Yealands_MulchDer Kompost besteht vor allem aus Mulch und zerkleinerten Muschelschalen, die an der Küste leicht zu bekommen sind.

Der Weinberg beginnt übrigens direkt oberhalb des Pazifik. Hier im Awatare District – Awatare bedeutet auf Maori schneller Strom – ist es im Weinberg deutlich kühler, trockener und windiger als in denWeinbergen des Wairau Valley. Dies führt, zusammen mit der Bodenbeschaffenheit von alluvialem Schwemmland mit Kies und Löss zu einer anderen Typizität denn durch das Klima sind die Beeren kleiner, dickschaliger und verfügen, was z.B. den Sauvignon Blanc angeht über ganz andere Aromen. Nimmt man zum Beispiel den Yealands Single Vineyard Sauvignon Blanc 2014 als Beispiel und geht davon aus, dass die Kellertechnik ähnlich wie bei typischen Marlborough-Sauvignons abläuft, dann hat man hier viel mehr Guave, Johannisbeere, Kräuter und Zitrus statt der typischen Wairau-Maracuja.

Yealands_lookoutEin schlichtweg beeindruckender Weingarten

Die Weine bei Yealands sind klar und typisch gemacht. Man erkennt die neuseeländisch-australische Schule der Weinmacherin Tamra Kelly-Washington. Hier findet man saubere Kellertechnik mit typisch kühler Vergärung und Reinzuchthefen. Auch wenn diese Weine größtenteils nicht meiner persönlichen Neigung entsprechen, gefallen mir doch speziell die Estate Single Blocks und der Gemischte Satz aus Riesling, Pinot Gris und Gewürz. Als Kritiker würde ich auch die anderen Weine hoch bewerten, weil sie einfach gut gemacht sind. Ich weiß, dass ich mit dem ausgezeichneten Material, das dort im Keller angeliefert wird, anders umgehen würde, aber das ist Geschmacks- und nicht Qualitätssache.

Auf jeden Fall hat mich der Besuch bei Yealands sowohl der Sauvignon-Blanc-Lagen-Diversität von Marlborough näher gebracht als auch der Idee von Sustainability, von der ja in Neuseeland allerorts die Rede ist. Und, um es noch einmal zu sagen, die Konsequenz dort hat mir stark imponiert.

Map_Neuseeland_Marlborough

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 


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