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Axels letzte Weine: Koehler Silvaner (Krähberg) 2010 und Silvaner Auslese 2010

20/Nov/14 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Silvaner, Weiß, Deutschland

Als ich 2009 mit Alexander Gysler, dessen Weine ich damals schon in mein Programm aufgenommen hatte, in seiner Probierstube saß und ihn fragte, wessen Weine er mir aus seinem näheren Umfeld noch empfehlen würde, fiel ohne zu zögern der Name Axel Koehler. Axel hatte 2007 seinen ersten Jahrgang vinifiziert und zwar im gleichnamigen Weingut seines Vaters. Er war damals schon längst kein Neueinsteiger mehr. Er hat schon Jahre zuvor in Geisenheim studiert und zwar in einem Jahrgang mit Leuten wie Daniel Wagner. Leider aber konnte er nach dem Studium nicht ins heimische Weingut. Zu unterschiedlich waren die Interessen zwischen ihm und seinem Vater. Das ist nicht ungewöhnlich, gerade im Weinbereich und gerade in den 1990er Jahren, wo es einen großen Umbruch gab. Was vorher kleinkariert und verschlossen und wenig qualitätsorientiert wirkte, wollte die damals noch junge Garde, die sich später zu Message in a Bottle zusammengeschlossen hat, aufbrechen. Zu diesen Leuten gehörte Phillip Wittmann, Daniel Wagner, Hans-Oliver Spanier, Alexander Gysler und eben auch Axel Köhler. Während Alexander Gysler viel schneller in die Verantwortung gezogen wurde als er erwartet hatte – sein Vater ist 1999 verstorben -, und Daniel Wagner und Phillip Wittmann bei ihren Vätern auf deutlich mehr Offenheit stießen, ist Axel Köhler in die Ferne gezogen und hat auf anderen Weingütern gearbeite. Neben dem schon erwähnten Weingut Wittmann war er bei Marc Kreydenweiss oder auch bei Louis Latour.

Axel Koehler
Im alten Keller probieren wir den 2010er Jahrgang aus dem Fass.

Schließlich jedoch wollte sich sein Vater mehr und mehr zurückziehen und Axel wollte seine Chance nutzen. Es sind jedoch unterm Strich nur vier Jahrgänge geworden, die er vinifizieren konnte. Danach hat er entnervt aufgegeben weil er keine Perspektive sah, das Weingut letztlich doch nicht so führen konnte, wie er wollte und auch nicht investieren konnte. Der Fall Axel Köhler ist leider einer, bei dem dieser Umbruch, dieser Generationswechsel überhaupt nicht geklappt hat. Axel jedoch hat noch ganz andere Interessen, die er nun weiter verfolgt. Ich selber habe seine Weine zwei Jahre lange verkauft, bis auch ich einen anderen Weg eingeschlagen habe. Was aber trotzdem bleibt ist ein Verlust, denn Axel Koehler gehörte für mich zu den talentiertesten Weinmachern, die wir hatten. Und es war einer, der vor hatte, im alternativen Weinbau, beim Naturwein weiter zu gehen, als es die meisten anderen gemacht hatten.

Restzuckergehalt auf dem Fass notiertRestzuckergehalt des Silvaners während der Gärung auf dem Fass notiert

Sein Können bestätigt sich noch einmal in den Silvanern, die er 2010 vinifiziert hat. Der trockene Silvaner 2010 aus der Lage Krähberg in Heimersheim gehört mit zum Schönsten, was ich an Silvanern aus diesem Jahr getrunken habe. Es ist ein erdig-steiniger Wein vom Kalkmergelboden mit rauchigen Noten, einer verhaltenen doch immer präsenten Frucht und einer wunderbaren Cremigkeit am Gaumen. Das hat so viel Stil, wie man es von einem guten Burgunder erwartet, aber nicht unbedingt von einem rheinhessischen Silvaner. Dieser burgundische Eindruck mag auch dadurch zustande kommen, dass der Wein einen biologischen Säureabbau durchgemacht hat und die fünf Promille Säure wenig auffallen.

Die Silvaner Auslese 2010 liegt mit ihren 119 Grad Öchsle ein Grad unter einer Beerenauslese. Der Wein hat dabei im Gegensatz zum trockenen Lagenwein eine markante Säure von knapp 13 Promille. Das balanciert die Süße und macht sie nicht pappig. Silvaner als quasi Beerenauslese muss man lange suchen. Und da Silvaner für so eine Form von Wein oft zu wenig Säure hat, ist das auch kein Wunder. Hier passt es und es kommt ein markanter, ungewöhnlicher Weine zu stande, denn trotz aller Süße bleibt natürlich die geschlamckliche Charakteristik des Silvaners – und die erwartet man hier eigentlich nicht.

koehler_silvaner_02

Wer Interesse an diesen beiden Weinen an – es sind die letzten ihrer Art – kontaktiere mich bitte direkt per Mail (info ät originalverkorkt punkt de). Ich kann noch einigen Flaschen dieser außergewöhnlichen Weine vermitteln. Beide Weine dürften exzellent zur Gans passen, die Auslese zu einer Gänseleber aus vernünftiger Aufzucht, der trockene Lagenwein zur Weihnachtsgans. Der Silvaner (Krähberg) kostet € 14.90, die Auslese gibt es in zwei Varianten. Die 0,75l-Flasche liegt bei € 18,-, die 0,5l-Flasche bei € 12,-.

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Es gab Zeiten, da war der Wein vor allem eines: ein Nahrungsmittel. Es dürfte kaum geschmeckt haben aber es war – im Gegensatz zum Wasser – meist sauber. Vorausgesetzt, es hatte niemand Wasser in Wein geschüttet (ich meine wohlgemerkt nicht das Verwandeleln. Verwandeln durfte man, ist aber wohl nur einmal vorgekommen). Das Strecken des Weins mit Hilfe von Wasser war denn auch bei Strafe verboten und diese Strafen möchte man sich heute gar nicht mehr ausmalen. Sie hatten etwas mit großen Rädern und gebrochenen Knochen zu tun, mit dem Schleifen nackter Haut auf Erde und so weiter. Bestraft wurde damals nicht etwa das eigentliche Verlängern des Weins sondern die Tatsache, dass man damit die Verunreinigung des sauberen Nahrungsmittels billigend in Kauf genommen hat. Sauberes Wasser war knapp und auch beim Bier konnte man nicht unbedingt sicher sein, dass man auf der richtigen Seite war. Von der Gose, jenem Sauerbier aus Goslar, das mit Wasser aus gleichnamigen Fluss gebraut wurde beispielsweise sagt man, dass es gerne für Diarrhöe gesorgt hat.

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Wein dagegen, der vergorene Rebsaft, führte zu solchen Problemen nicht. Deshalb wurde er auch lange Zeit, wir reden hier mindestens vom Mittelalter bis in die Neuzeit, auch Kindern gegeben, zumindest wenn nichts anderes da war. Aufgeteilt war das Weinangebot in Zeiten der Unfreiheit grob gesagt in zwei Qualiätsstufen. Der hunnische Wein war der fürs Volk. Saurer Saft dürfte das gewesen sein, vor allem wenn man schaut, wo der überall angebaut wurde. In Köln standen Rebstöcke, in der Eifel standen Rebstöcke, in den Niederlanden ebenso (ok, da stehen heute auch wieder welche, aber die Reben haben es gern mollig warm in Gewächshäusern und auch sonst bekommen sie alles, was der moderne Weinbau zu bieten hat, dass aus ihnen auch ja ein vorzeigbares Produkt wird). Angebaut wurde im Gemischten Satz, wo jede Menge unterschiedlicher Sorten im Weinberg standen und immer dann geerntet wurde, wenn die Leitrebsorte leidlich reif wurde. Das war beim Wein fürs einfache Volk meist der Elbling. In diesem hunnischen oder auch heunischen gemischten Satz tauchte neben allerlei Sorten, die heute oft keine Bedeutung mehr haben, auch der Riesling auf, denn der wurde damals noch als niedere Rebsorte angesehen. Er war den Leuten schlicht zu sauer. Das änderte sich erst, als man das mit der Spätlese entdeckte. Der fränkische gemischte Satz dagegen war der den Herrschern vorbehaltene Wein, in dem vor allem die fränkischen, also burgundischen Sorten eine Rolle spielten, aber gerne auch Silvaner und Traminer.

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Im Laufe der Zeit hat man dann aber die Wasser- und auch die Bierqualität besser in den Griff bekommen. Arbeitsverträge, in denen den Handwerkern mehrere Liter Wein am Tag garantiert wurden, gehörten der Vergangenheit an und der Weinkonsum verringerte sich massiv. Das ging ein wenig einher mit der Reblauskatastrophe im 19. Jahrhundert, die ja flächendeckend die Rebflächen dezimiert hat. So ist es kein Wunder, dass Anbaugebiete manchmal um acht oder neun Zehntel geschrumpft sind.

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Waren bis in die Neuzeit große Teile der Bevölkerung also tendenziell ganztägig angeschickert, änderte sich dies im ausgehenden 19. Jahrhundert dramatisch. Der Wein wurde immer mehr Genuss- denn Nahrungsmittel. Vor allem in Deutschland hat sich der Wein im Laufe der Zeit von der Nahrung derart stark abgekoppelt, dass uns heute ein Speisekultur fehlt, die Essen und Wein untrennbar miteinander verbindet. Da wird dann lieber Wasser oder Bier (und zwar natürlich das einigermaßen geschmacksneutrale Fernsehbier) zum Essen konsumiert und der Wein für später aufgehoben. Ganz so, als wäre das Essen den Wein nicht wert – oder umgekehrt. Und was gerade in den südlichen Ländern Gang und Gäbe ist, ist hier bei den meisten komplett verpöhnt: Es ist der Wein zum Mittagessen. Für diesen wird man sofort schief angeschaut, wenn man sich nicht gerade unter Gleichgesinnten befindet. Natürlich wird schnell Alkoholismus unterstellt. Die Arbeitsfähigkeit wird in Frage gestellt oder auch gerne mal die Urteilskraft. Ich halte das alles für kompletten Unsinn. Denn wer ein Glas zum Mittagessen und ein Glas zum Abendessen konsumiert, dürfte kaum der Trunksucht anheimfallen. Das Essen schmeckt deutlich besser und der Wein zum Essen macht nicht etwa müde. Nein, er belebt, er verbessert die Laune und lässt die Gedanken weiter schweifen. Kurz gesagt, wer sich nicht gerade hoffnungslos dem calvinistischen Ethos verschrieben hat, sollte es einfach mal wagen. Der Mittagswein ist, ich bin fest davon überzeugt, eine große kulturelle und zivilisatorische Errungenschaft. Und er macht glücklich!

Drei Mal Bier: Ø-Bryg – Dampskipsøl, Emelisse – Smoked Rye IPA, Malmgård – Ceci n’est pas une Belge

14/Nov/14 12:30 kategorisiert in: Cascade, Drei Mal Bier, Hopfensorten, Nelson Sauvin, Simcoe, Tradition

Draußen hat der Herbst längst Einzug gehalten und wir müssen zwischenzeitlich schon mal die Heizung aufdrehen. Gerade hier in Hamburg pfeift es gerne mal kalt durch die Gassen und da macht es Spaß mal einige Biere probieren, die eher zum Herbst als zum Sommer passen. Die ersten der Herbst-Reihe bilden zwei rauchige Biere und ein Starkbier aus Finnland.

Drei_Mal_Bier_Bryg_Belge_Emelisse

Ø-Bryg Dampskipsøl
Tja, da wo Steam Beer draufsteht ist nicht unbedingt Dampfbier drin und schon gar keins, dass an das traditionelle Brauverfahren aus Franken erinnern würde. Steem Beer ist eine kalifornische Bierart, und zwar so eine für Blue Collar Worker, also ein einfaches Arbeiterbier, eine Mischung aus Lager und Ale. Der Biertyp ist zu einer Zeit entstanden, wo man in Kalifornien einfach keine Möglichkeiten des kühlen Brauens hatte. Das Land ist heiß und es gab keine Kühlmöglichkeiten. Also hat man auf bestimmte Lager-Hefen zurückgegriffen, die eine Fermentation auch bei höheren Temperaturen erlaubt.

Der Däne Erik Nielsen hat seine Ein-Mann-Brauerei 2010 in der dänischen Hafenstadt Svendborg gegründet und braut bei Œrbæk. Erfahrung hat er im Heimbrauen seit 2001 gesammelt, dann aber irgendwann den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Sein 2010 erschienen erste Bier. Das Brown Ale wurde denn auch direkt als bestes neues Bier Dänemarks ausgezeichnet, womit eine kleine Erfolgsgeschichte begann. So wird es wohl auch nicht mehr lange dauern, bis er seine eigene Anlage hat um nicht mehr anderswo brauen zu müssen.

Bryg_Dampskipsol

Das Dampfschiffbier hat einen Alkoholgehalt von 5,5% und einen IBU von 30. Nielsen verwendet Pale-Ale- und Cara-Munich-Malz sowie Nelson-Sauvin-Hopfen aus Neuseeland. Das Bier ist dunkel-bernsteinfarben mit mittlerer Schäumung. Der duft ist zitronig mit leicht herber, kräutriger Note und einer leichten Karamellsüße. Ähnlich am Gaumen: Noten von Karamellmalz, etwas zitronig, leicht herb, die Zitronen werden von Grapefruit ausgetauscht, in denen ein paar Tannennadeln stecken. Zum Schluss wird es noch ein wenig herb bei gleichzeitig malziger Süße. Man kann es schon lesen, es ist kein Bier, das mich wirklich begeistert hat. Es ist natürlich auch kein typisches Steambeer, wie es früher gebraut wurde, da ist es dann schon komplexer. Es ist allerdings auch kein Dampfbier, wie ich es erwartet hatte. Es ist solide, aber nicht begeisternd.

Emelisse Smoked Rye IPA
Das ändert sich schlagartig beim zweiten Bier des Abends. Es stammt von den ziemlich umtriebigen Brauern der Emelisse-Brauerei in Kamperland. wer mal bei ratebeer reinschaut kann sehen, was ich meine. Da sind bestimmt drei Dutzend Biere aufgeführt. das bürgt natürlich nicht für Qualität, aber die steckt in dieser Flasche auf jeden Fall drin. Das Smoked Rye greift eine alten Brautradition auf, weil früher viele Biere deshalb einen leichten Rauchton hatten, weil das verwendete Getreide geröstet worden war. Weshalb? Weil es in dem Teil von Holland feucht und tendenziell kalt ist und das feuchte Getreide über offenem Feuer getrocknet wurde.

Emelisse_Smoked_Rye

Emelisse hat für das Bier 20% Roggenmalz und 10% Bamberger Rauchmalz verwendet. Dazu kommt IPA-Hopfen der Typen Simcoe und Cascade. Das Bier hat 6,2% Alkohol bei IBU 55. Um es vorab zu sagen, wer auf Dampfbier aus Bamberg und Umgebung steht, wird bei diesem Bier nicht das finden, was er erwartet. So stark ist der Einfluss des Rauchs nicht. Außerdem ist es natürlich ein IPA, was auch nix mit Rauchbier zu tun hat. Was ich hier gelungen finde, ist die Kombination aus diesem frisch-fruchtig-bitteren IPA und der leichten Rauchnote. In der Nase also die etwas schräge Mischung aus IPA-Mango und Grapefruit mit Bacon. am Gaumen leicht röstige Malznoten, leichte Mango-, Gapefruit- und Maracujanoten, dann Bitterstoffe und etwas weißer Pfeffer. Speziell, aber wirklich nett.

Malmgård Ceci n’est pas une Belge
Eigentlich ist Malmgård ein über vierhundert Jahre altes, historisches Anwesen mit 500 Hektar biologisch-organisch bewirtschafteter landwirtschaftlicher Fläche. Seit einiger Zeit aber betreibt Johan Creutz, der 16. Creutz, der das Anwesen führt, eine kleine Mikorbrauerei. Das Getreide für die Malze stammt vom eigenen Land und Creutz hat das Glück, über besonders gutes, weiches Wasser auf seinem Land zu verfügen. Seine Biere kommen ohne jede weiteren Zusätze aus und werden nicht filtriert.

Das Malmgård hat einen Alkoholgehalt von 8% bei 28 IBU. Es ist belgisch und auch wieder nicht. Daher der Name, der gleichzeitig eine Reminiszenz an den belgischen Maler René Magritte darstellt. Creutz verwendet hier eine spezielle belgische Hefe, heimisches Gerstenmalz und mir unbekannte Hopfensorten für diesen Ale-Stil. Das kupferfarbene Bier duftet nach Getreide, Hefe und leichter frucht von mürbem Apfel und Pfirsich. Am Gaumen kommen ein paar rote Beeren hinzu, etwas Wacholder und ansonsten wieder Apfel. Dominant ist auch hier eher die würzige Hefe und das Gerstenmalz, unterstrichen von einem Pfefferton. Das Bier endet leicht süß und erdig. Schön, balanciert, schöne Länge, der Alkohol schlägt nicht durch.

Die Biere habe ich bei Bier-Deluxe erworben.

 

Zur 800 eine Flasche 738: a.k.a. Jacquesson is in da house

Zum Artikel mit der Nummer 800 gibt es mal wieder etwas Feines im Blog. Just gestern hat Champagne Jacquesson die aktuelle Cuvée der 700er Serie dem Fachpublikum in Hamburg vorgestellt. Das ist durchaus ein Ereignis, denn die Erzeugnisse des Champagnerhauses der Brüder Laurent und Jean Hervé Chiquet haben sich zu einigen der feinsten der gesamten Champagne entwickelt. Vor allem, seitdem die beiden Brüder das Haus 1988 von ihrem Vater übernommen haben um noch einmal viel aufwendiger und konsequenter im Weinberg und im Keller zu arbeiten. Das war durchaus ein Risiko, denn man hat die gesamte, vorher schon sehr gut laufende Linie erneuert. Begonnen hat dies mit dem Basis-Champagne, dem typischen Brut, der hier Perfection Brut hieß und mit dem Jahrgang 2000 zum Extra-Brut Cuvée No. 728 wurde. Dabei ist Extra Brut schon etwa übertrieben um die Leute nicht zu verschrecken (und möglicherweise je nach Jahrgang auch Spielraum zu haben), denn eigentlich ist dieser Champagne ein Brut Nature mit gerade einmal 1 bis 3 Gramm Dosage auf einen Liter.

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Die 700er-Serie stammt im Wesentlichen aus einem Jahr. Der erste der Serie, die Cuvée No. 728, wurde mit dem Grundwein aus 2000 gefüllt, der mit Reservewein der vorherigen Jahre assembliert wurde. Mit der aktuellen Füllung Cuvée No. 738 sind wir entsprechend zum Zehnjährigen beim Grundweinjahrgang 2010 angekommen. Dieser ist eine Cuvée aus 61% Chardonnay, 18% Pinot Noir und 21% Meunier. Der Wein stammt zu 67% aus dem Jahr 2010 und zu 33% aus Reserveweinen. Er wurde spontan vergoren, auf der Feinhefe in Holzfudern ausgebaut und unfiltriert abgefüllt. Schließlich wurde der 738 mit 2,5% Dosage im April 2014 degorgiert. All das steht angenehmer Weise auf der Flasche. Diese wurde im zehnten Jahr im Design noch mal etwas geändert. Und zwar mit einem etwas geordneteren und auch plakativeren Etikett. Die Seriennummer ist weiterhin rot, dafür aber bold, größer und außerdem nicht mehr in Serifenschrift. Die Typo für den Namen des Hauses dagegen wurde deutlich schlanker gesetzt. Das Etikett wirkt ensprechend aufgeräumter.

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Wer nun glaubt, die geringe Dosage würde zu einem eher kargen Champagner führen, wird eines Besseren belehrt. Eine hohe Dosage wäre bei diesem Wein kontraproduktiv denn der 738 hat genügend Volumen und Opulenz. Es ist ein weiniger, komplexer und kraftvoller Champagner, der eine gewisse Süße vom reifen Lesegut suggeriert, nicht aber einen süßen Geschmack. Kraft ist auch das, was ihn vom Vorgänger, dem 737 abhebt. Der Wein hat mehr Power und ist auch komplexer. Dabei bleibt der Champagne neben aller Kraft immer elegant, klar, hat eine tolle Säure und neben dem Weinigen, dem Einfluß von Holz und Hefe auch so etwas wie ein Fußabdruck des Bodens in Form einer kalkig-steinigen Mineralität.

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Eigentlich ist dieser Champagne die Einsteigsqualität des Hauses. Allerdings auf einem Niveau, wie es andere in ihrer gesamten Palette der Erzeugnisse nicht hinkriegen. Der Preis entspricht auch nicht unbedingt einem Einstiegsprodukt, denn er liegt bei um die 45 Euro. Aber, so viel kostet ein Veuve Clicquot ja auch (haha!). Wenn man allerdings wirklich ein besonders gelungenes Exemplar haben möchte, das genau den Spagat zwischen der besonderen Eleganz eines sehr guten Markenchampagners und dem markanten Charakter eines Winzerchampagners haben möchte, liegt bei diesem Wein genau richtig. Und bei der Cuvée No. 738 erst recht. Für mich ist das einer der Champagner, die ich am meisten wertschätze.

P.S.: Wer noch eins drauflegen will: Jacquesson bringt zusammen mit dem 738 noch den fünf Jahre älteren Cuvée No. 733 als Degorgement Tardif auf den Markt. Der Wein hat einfach fünf Jahre länger auf der Feinhefe gelegen, und das ist, also das ist… *seuftz*

Die Weine gibt es alle bei Weine Visentin, der auch den Generalimport für Deutschland hat. Man bekommt den 738 aber beispielsweise auch in der Weinhalle.

 


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