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In Neuseeland – Teil 2: Einige erste Gedanken zum neuseeländischen Weinbau

28/Feb/15 09:34 kategorisiert in: Weinland Neuseeland

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Die Stippvisite auf Waiheke Island war ein wunderbarer Anfang, quasi ein Aperitif, um in die neuseeländische Weinszene einzutauchen. Er war auch deswegen gut, weil meine Entscheidung, Man O' War zu besuchen strukturell gut zu den weiteren Besuchen in Hawke's Bay passte, denn hier wie dort, sind es Unternehmer, die sich ein Weingut leisten. In den Tagen drei und vier bin ich nun schon tiefer in die neuseeländische Weinszene, vor allem in die von Hawke's Bay eingedrungen. Und das hat mich aus verschiedenen Gründen stark beeindruckt. Deswegen stelle ich in Teil 2 nicht einfach Landschaft und Weine vor, sondern hole etwas weiter aus.

Grund 1 – das Marketing
Wenn man von Deutschland nach Neuseeland kommt, könnte man so etwas wie einen Kulturschock kriegen, denn der neuseeländische Weinbau ist völlig anders als der deutsche. Und er ist in einem viel höheren Maße anders, als ich es erwartet hatte. Denn wir als Exportweltmeister schaffen es ja bis heute nicht, uns als Weinland international zu vermarkten. Wir leben, was die Weinvermarktung und den Weinhandel angeht, in einer träumerischen und manchmal naiven, ja kleinkarierten Welt, der man erst wirklich gewahr wird, wenn man mal etwas weiter über den Tellerand hinausschaut. Neuseeland ist ziemlich weit vom eigenen Tellerrand entfernt.

Für uns in Deutschland zählt vor allem die eigenen Weinkultur. Für uns zählen Tradition und Handwerk. Dagegen ist nichts auszusetzen, ich bin selber ein klarer Befürworter von Handwerk. Auch Tradition hat ihre guten Seiten. Allerdings auch ein paar miserabele. Wir besinnen uns gerne auf unsere Tradition. Zu der gehört allerdings auch, dass wir sie zeitweise vergessen haben und die Tradition durch Müller-Thurgau ersetzt haben. Gleichzeitig halten wir sie hoch, indem wir auf die Qualität der Lagen setzen. Dabei versuchen einige, die Qualitätsstufen von Kabinett, Spätlese, Auslese etc. aufrecht zu erhalten und andere setzen auf die Qualitätspyramide der Guts-, Orts- und Lagenweine sowie der Großen Gewächse während der Titel Kabinett, Spätlese und Auslese den (rest-)süßen Weinen durchaus weiter verliehen werden kann. Jenen, die tiefer in der Szene stecken, ist das natürlich nicht neu, dass diese völlige Begriffsverwirrung zu einem ratlosen Schulterzucken auf den internationalen Märkten führt und man sich von Seiten engagierter Importeure (z.B. Terry Theise in den USA) teils harsche, manchmal auch etwas bornierte Kritik anhören muss. Ich saß derweil gestern mit einem Sommelier aus Las Vegas zu Tisch bei Craggy Range. Der  hatte das ganze Lagen-ABC und das halbe Deutsche Weingesetz für seine Prüfungen auswendig gelernt, doch verstanden hatte er, nach eigener Aussage, wenig.

Da kommt man dann in ein Land, das keine Weintradition hat und das von Beginn an (es gab auch vor dem Sauvignon-Boom eine übersichtliche Weinszene, aber die können wir noch kurz beiseite schieben) auf den Export gesetzt hat. Der Weinbau gehört heute mit Kiwis und Lämmern und Merinowolle und einigen anderen Dingen zu den fünf wichtigsten Exportzweigen in Neuseeland. Dabei hat sich das Weinland ein ganz klares Profil erarbeitet. Obwohl es sich in einem gewissen Maße immer noch in der Experimentierphase befindet. Neuseeland hat sich mit dem von Cloudy Bay ausgelösten Sauvignon-Blanc-Boom im mittleren Preissegment festgesetzt. Der Durchschnittspreis einer Flasche exportierten neuseeländischen Weins liegt bei 5,52 Euro pro Liter. Wir sollten uns daran erinnern, dass der Deutsche im Durchschnitt 2,8 Euro für einen Liter ausgibt. Als USP setzt Neuseeland ganz deutlich auf den Begriff der Sustainability, der Nachhaltigkeit, für die heute schon 94% aller Weinbaubetriebe zertifiziert sind. Der Begriff der Nachhaltigkeit hat bei uns schon etwas Abgedroschenes, hier aber wirkt er wie selbstverständlich. Auch wenn es unterschiedliche Zertifizierungsprogramme mit unterschiedlichem Fokus gibt und die Unterschiede dort womöglich ähnlich sind, wie die zwischen europäischem Biosiegel und einer Bioland- oder Naturland-Zertifizierung, so scheint es mir doch immer eine Idee von der Notwendigkeit zu geben, nachhaltig zu arbeiten und auch einen Willen, dies zu beherzigen.

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Man kann Jon Peet als einen glücklichen Menschen bezeichnen. Er managt die Weinberge bei Elephant Hill und kann bei der Pflegeauf fast unbegrenzte Ressourcen zugreifen.

Neuseeland hat es enorm schnell geschafft, sich ein klares Image auf den internationalen Märkten zu verschaffen. Und während neben der Nachhaltigkeit natürlich weiterhin der Marlborough-Sauvignon die erste Geige spielt und die anderen Region mitzieht, arbeiten viele daran, dass andere Weinregionen und andere Sorten irgendwann ein ähnliches Alleinstellungsmerkmal bekommen.  Die internationale Aufmerksamkeit für den neuseeländischen Wein sowie die Möglichkeiten, die das Land bietet, ziehen gleichzeitig internationale Investoren und lassen nationale ebenfalls investieren. Neben international tätigen Getränkemarken und Konzernen wie Constellation Brands, Pernod-Ricard oder im Luxussegment LVMH (Besitzer von Cloudy Bay), sind es vor allem private Unternehmer, die hier ihr Geld investieren. Während meines Aufenthalts in Hawke's Bay war ich gleich bei vier solcher Unternehmungen (von vieren, die ich besucht habe). Während Sileni sehr erfolgreich vor allem im Consumer-Bereich mitspielt, haben Trinity Hill, Elephant Hill und Craggy Range im Sinn, das Beste zu produzieren, was geht. Übrigens ist das bei Man O' War auf Waiheke kaum anders. Was hier also genauso an der Tagesordnung ist wie die Nutzung des Begriffs Weinindustrie – wenn man das Wort in Deutschland in den Mund nimmt, wird man ja eher angeschaut, als würde man in aller Öffentlichkeit ungeniert in der Nase bohren – ist in Deutschland immer noch eine Seltenheit. Selbst nationale Investoren, Unternehmer wie Achim Niederberger oder Detlev Meyer sind die absolute Ausnahme und was internationale angeht, fallen mir gerade einmal Weil, Koehler-Ruprecht und Klingenberg ein. Für das neuseeländische Weingeschäft haben diese Weingüter eine klare Leuchtturmfunktion und ich bin mir sicher, dass zum Beispiel die drei genannten aus Hawke's Bay, auf die ich noch mal im Regionalporträt zurückkommen werde, einen immensen Einfluss darauf haben werden, ob beispielsweise die Chardonnays und Syrahs aus Hawke's Bay auf Dauer den internationalen Erfolg haben werden, den sie verdienen.

Das viele Geld, das währenddessen  investiert werden will, führt zu einem ausgesprochen hohen Qualitätsstandard. Technisch gesehen ist hier so ziemlich alles perfekt, was ich bisher probiert habe. Die Technik unterstützt auch den Nachhaltigkeitsgedanken, denn viele Prozesse werden durch moderne Technik deutlich umweltschonender. Auf dem Weg zur angestrebten Perfektion ist allerdings nach meiner Auffassung etwas Vorsicht geboten, denn perfekte Technik und perfekte Hilfsmittel ersetzten nicht den Charakter, den Wein haben sollte. Michael Henley, der CEO des Weinguts Trinity Hill nannte dies in unserem Gespräch den Beauty Spot, der eine Schönheit zur wirklich begehrenswerten Schönheit macht. Dieser Fleck, diese Kante oder Seele fehlt hier manch einem Wein noch.

Steine in Hawkes Bay

Grund 2 – der Boden
Wir haben ja in unserem Weinbau das Glück, dass die besten Plätze schon vor oftmals tausend Jahren von Mönchen entdeckt und kultiviert wurden. In Neuseeland hat man im 19. Jahrhundert hier und da ein paar Rebflächen gepflanzt, dann kam die Prohibition und eigentlich ging es dann erst in den 1970ern langsam weiter (unter anderem mit Müller-Thurgau, der Erfolgsrebe der 70er-Jahre). In den frühen 1980ern hat man in Hawke's Bay angefangen, in größerem Maße zu pflanzen, während der Erfolg des Sauvignons vor allem in die beginnenden 1990er in Marlborough fällt. An vielen Orten hat man damals die Rebstöcke auf fette Böden gepflanzt. vor allem in Hawke's Bay ist dies dann schnell zum Thema geworden.

Auf der Suche nach Qualität ändert sich hier beständig eine ganze Menge. Ein gutes Beispiel dafür sind die Gimblett Gravels. Dieser steinige Boden eignet sich für Truppenübungsplätze, für Müllhalden und – für Wein. Das hat man vor einigen Jahren erkannt und mittlerweile ist die gesamte Fläche außer dem Truppenübungsplatz bebaut. Der Blick von Good Old Europe auf die Weinbau produzierenden Länder der südlichen Hemisphäre ist ja gerne der, dass man da sowie entweder kein Terroir hat oder nicht darüber redet.  Das ist schlichtweg falsch. Alle hier reden von Terroir, auch wenn sie den Begriff kaum nutzen. Und alle sind auf der Suche nach den besten Böden. In den vulkanischen Böden gibt es Granit, Gabbro, Dunit, Basalt, Andesit, Rhyolit, Schiefer, Gneiss, Marmor, Greenstone, Kalkstein, Silit und vieles mehr. Wer es sich leisten kann, untersucht seine Weinberge genau und pflanzt hier teils im Zeilenabstand die passenden Rebsorten zu den jeweiligen Böden.

ausgetrocknetes FlussbettWas aussieht, wie der Untergrund für anstehende Straßenbauarbeiten ist ein aktuelles ausgetrocknetes Flussbett, typisch für den aktuellen Wassermangel auf der Nordinsel

Grund 3 – das Wetter
Das Wetter in Neuseeland hat, wie überall anderswo auch, einen enormen Einfluss auf den Weinbau. Vielleicht hier sogar noch mehr den der vergleichsweise schmale, lange Streifen aus zwei großen Inseln ist von allen Seiten vom Pazifik und seinen Winden beeinflusst. Das Mikroklima wechselt selbst auf der kleinen Insel Waiheke so schnell wie die Beschaffenheit der Böden. Der Umstand, dass es bei Man O' War nur hier und da eine Bepflanzung gibt, ist genau diesen beiden Umständen geschuldet, der Kombination aus Boden und Klima. Es ist natürlich kein Zufall, dass es in Martinborough, hier in Deutschland vor allem durch Ata Rangi, Karl H. Johner und Kai Schubert bekannt, vor allem Pinot Noir gibt. Der passt zum kühl-zugigen Wairarapa-Tal, in dem sich drei kleine Weinbaugebiete befinden, am besten. Die Idee, die auch die hier ansässigen Winzer immer wieder hören, dass die Jahrgänge in der Neuen Welt ja mehr oder weniger Bedeutungslos seien, ist also eine falsche Vorstellung. Es hat nicht zuletzt einen enormen Einfluss auf den gesamten Wirtschaftszweig. Im durchschnittlich guten Jahr 2011 wurden etwa 330 Millionen Tonnen Trauben geerntet, im kühlen und völlig verregneten Jahr 2012 waren es dagegen nur etwa 260 Millionen Tonnen während es im Jahr 2014 mehr als 440 Millionen Tonnen zu ernten gab.

Pinot-Reben bei Neudorf Pinot-Reben, einen Monat vor der Ernte. Bei Neudorf in Nelson.

Erstes, kurzes Fazit
Man hat hier im Land hervorragenden Bedingungen, um Weine auf hohem Niveau zu produzieren. Auch wenn es mittlerweile gute zwanzig Jahre Erfahrung gibt, steckt die Branche trotz hoher Professionalität noch in den Kinderschuhen. Und das ist gar nicht abwertend gemeint sondern schlichtweg eine Zustandsbeschreibung, die mir hier viele Winzer geben. Es wird in hohem Maße ausprobiert, während man mit den Standards das Geld verdient. Das Thema Boden ist noch lange nicht ausgereizt. Während man den Weinbau hier bisher vor allem im Flachland pflegt, gehen einige in die Hügel, was ein Menge Investitionen erfordert. Doch in Martinborough/Gladstone heißt das zum Beispiel, dass man in den Hügeln den Kalkstein hat, der im Tal selbst fehlt. Auch was die Rebsorten angeht, ist noch viel möglich. Bisher sind es ja vor allem die Standards, die sich auch international gut verkaufen lassen. Doch es gibt einige Überraschungen. Und gerade gestern habe ich die erste Reihe an Orange-Weinen probiert, die auf jeden Fall Teil des großen Experimentierfeldes sein sollten.

 

 

In Neuseeland – Teil 1: Auckland und Waiheke Island

24/Feb/15 20:46 kategorisiert in: Weinland Neuseeland

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Spätestens wenn man in einem Flugzeug von Air New Zealand sitzt, die vorgesehene Reisehöhe erreicht und vor dem Essen der Aperitif gereicht wird, wird klar, welche Bedeutung der Weinbau für dieses Land besitzt. Air New Zealand betreibt einen eigenen Wein-Wettbewerb und die Gewinner dieser Weine findet man dann in den verschiedenen Klassen der Airline wieder. Auf dem insgesamt 30-stündigen Flug nach Auckland, Neusselands Metropole (aber nicht Hauptstadt, dass ist dort in etwa so wie früher bei uns Bonn und Berlin), habe ich letztlich alle Weine durchprobiert, die bei mir im Angebot waren. Und sie bilden sehr gut die Mittelklasse und das Typische dessen ab, was weltweit populär ist: leicht exotischer Sauvignon aus Marlborough, frischer Chardonnay aus Hawke's Bay (hat mir am besten gefallen und war von Babich), die für Hawke's Bay ebenfalls typischen Bordeaux-Cuvée und schließlich Pinot Noir, in diesem Fall allzu weich und holzbetont. Was im Angebot noch fehlte war Syrah, aber das wird sich irgendwann ändern. Dafür allerdings gab es neben Allerweltsbieren ein Hop Rocker Pilsener von Mac's. Mac's trifft man hier überall und zurecht. Unter den Craft-Beer-Herstellern ist er der größte und das Bier ist gut (und ökologisch).

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Ich reise die nächsten zwei Wochen auf Einladung der NZ Wine, des neuseeländischen Weinbauverbandes durch das Land. NZ Wine hat mir exakt nach meinen Wünschen die Reise geplant und die habe ich nun angetreten. So gibt es also mit einer gewissen Zeitverzögerung (von mindestens 12 Stunden) einen aktuellen Einblick in die neuseeländischen Weinszene. Der Terminplan, den ich gewählt habe, ist extrem voll, so wird es hier und da mehr Fotos als Berichte geben. zudem werde ich einige Podcasts aufnehmen. Schließlich gibt es hier eine ganze Reihe deutscher und deutschsprachiger Winzer und ich möchte gerne wissen, warum (kann ich mir schon denken), warum also im Speziellen und wie sie hierher gefunden haben.

Da es wenig Sinn macht, an einem Sonntag nach 30 Stunden Flug direkt die erste Winery zu besuchen, gab es den ersten und einzigen freien Tag. Den habe ich genutzt um die 1.5 Millionenstadt ein par Kilometer zu Fuß zu erkunden und ins Nationalmuseum zu gehen um etwas mehr Geschichte kennenzulernen, als ich mir angelesen hatte. Neuseeland ist eine junge Nation. Das Land wurde von europäischer Seite aus von James Cook Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckt. Aber das Land war natürlich nicht leer. Neben einer Reihe flugunfähiger Vögel, die bis heute damit klar kommen müssen, dass die Europäer in ihrer oft grenzenlosen Arroganz zunächst Kaninchen zum Jagen eingeschleppt haben und dann Raubtiere, um der Kaninchenpopulation Herr zu werden, waren da die Maori, die schon Jahrhunderte vorher von Polynesien aus kommend das Land in Teilen besiedelt hatten. Und natürlich hat man die Maori genau so arrogant behandelt wie Aborigine, Inka, Maja, Sioux usw. So hatte es Kriege gegeben, die der Commenwealth letztlich für sich entschieden hat. Und es hat lange gedauert, bis die Maori zumindest in Teilen eine Gleichberechtigung erfahren haben. Wunderbar fand ich die Vorführung der Maori im Nationalmuseum. Ich habe lange gezögert, ob ich das mitmachen soll, das hat ja unterm Strich doch gerne etwas sehr Peinliches, denn verstehen tut man von der Kultur ja eigentlich nichts und das bekommt dann so etwas von einem Eingeborenenspektakel. Aber mitnichten. Die Gruppe der Maori, die ihre Tänze im Museum aufführen und ihre Waffen etc. erklären, tun das mit einer so wunderbar liebevollen spöttischen Distanz, dass ich glücklich war, dabei gewesen zu sein.

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Die Reise bietet mir aus Zeitmangel wenig Gelegenheit, auf eigene Faust Dinge zu erkunden und so war der Sonntag eine der wenigen. Ich habe mich nach dem stundenlangen Gang durch die Stadt schließlich in einem quirligen Viertel an der Ponsonby Road niedergelassen. Ich hatte natürlich im Vorfeld ein paar Foodblogs konsultiert und mich schließlich für die Revelry Bar entschieden. Im Angesicht zweier Wochen voller Wein gab es Bier, die denn die Bierszene in Neuseeland ist mindestens so engagiert wie bei uns. Vor wenigen Jahren noch gab es eigentlich nur zwei Fernsehbier-Brauereien und mittlerweile dutzende kleinere und größere Craft-Beer-Breweries. In der Revelry Bar lief laut Musik, die Bar war gut gefüllt mit Spirituosen und nach einem Bier in der Plüschecke habe ich mich für Yellow Fin Tuna mit einem Keffir-Lime-Schaum entschied und dann das Meat Board genommen, zusammen mit einer Kreuzkümmelmayonnaise und Reduktionen vom Lamm und Hühnchen. Ziemlich gut und ziemlich viel.

Revelry

Waiheke Island
Auckland hat ein paar Hochhäuser downtown und rundherum mischen sich die Betonbauten ziemlich unvermittelt mit einigen alten ,seltenen Gebäuden aus der Kolonialzeit. Eines der ältesten stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Ziemlich prägnant ist dann auch das Haus am Fährterminal, von dem aus es am nächsten Mittag (der Morgen habe ich im Büro des Weinverbandes verbracht, der Leiter hat Germanistik in Deutschland studiert) Richtung Waiheke Island ging. Waiheke gehört zu einer Gruppe kleinerer Weinbaugebiete um Auckland, die zusammen 343 Hektar haben. Die Insel war früher eine Hippie-Kommunen-Insel und wenn ich aussteigen wollen würde, wäre das kein schlechter Ort. Die Insel liegt eine Dreiviertelstunde von Auckland per Fähre entfernt und der Ort, wo ich hinwollte noch einmal so lange mit dem Auto. Ziel war Man O' War. Man O' War hört sich an wie eine Heay-Metal-Band und so ein bisschen die richtige Statur hat der CEO und Weinmacher Duncan McTavich auch. Aber  statt Musik wird hier Wein gemacht. Die Besitzerfamilie hat hier noch lange vor dem Sauvignon-Blanc-Boom zu Beginn der Achtziger eine ganze Menge Land gekauft (dürfte nicht viel gekostet haben damals). Sie haben dem Weingut deshalb den martialischen Namen gegeben weil die Bucht so heißt. Und die wiederum hat den Namen nach dem Schiffstypus erhalten, mit dem James Cook unterwegs war. Der ist nämlich in der Bucht vor Anker gegangen, sah die hohen Kauri-Bäume und war der Ansicht, dass sie hervorragende Masten für seine Man O' Wars abgeben würden. Heute stehen in der Bucht neben dem etwas abseits gelegenen unscheinbaren Betriebsgebäude ein par schwarze Hütten mit Küche, Shop und Verkostungsbereich. Die meisten Leute kommen per Boot zur Winery, denn sie ist nicht Teil der Route der meisten Weintouristen, die hier in Scharen per Bus über die Insel gefahren werden.

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Man O' War ist anders. Das merkt man schon beim ziemlich ambitionierten Schaumwein nach Methode traditionelle. Der Chardonnay für den Zero Dosage Blanc de Blancs wurde im alten Holz vergoren, aber so kühl, dass er keine malolaktische Gärung mitgemacht hat. Neun Monate hat er bis zum Degorgieren in der Flasche verbracht. Das Ergebnis dieses ersten, offiziellen Jahrgangs (2012) des Tulia Blanc de Blancs kann sich sehen lassen. Das ist eine angenehme Kombination aus Frucht (Weinbergspfirsich, Apfel, etwas Grapefruit), Haselnuss und Mandel und Creme.

Es folgt der nächste Wein. Duncan McTavich: So, und jetzt unser Sauvignon Blanc. Ich: Sauvignon Blanc? Echt jetzt? Und er so: Weißt Du, wenn der gesamte Weinbau eines Landes zu 75% Sauvignon Blanc ist, kannst du schlecht darauf verzichten. Ok, geschenkt. Interessanter dann schon die typische Bordeaux-Kombination aus Sauvignon Blanc und Sémillon namens Gravestone mit einer angenehmen Cremigkeit am Gaumen und viele Guave-Frucht. Besonders gelungen ist für mich der Chardonnay namens Valhalla (die haben dort schon ein Händchen für düstere Romantik). Der Chardonnay hat 20% neues Holz und der Rest ist mehrjährig. Genutzt werden 500-Liter-Fässer aus Eiche und Akazie. Was hier auffällt, und das zieht sich dann auch konsequent durch die ganze Linie, ist der zurückhaltende Einsatz von Holz, die elegante und nie vordergründige Frucht sowie der unbedingte Wille, die Frische im Wein zu halten. Der Chardonnay hat leider 14,5% Alkohol, die man allerdings zunächst einmal überhaupt nicht spürt (bei drei Gläsern dürfte das dann anders sein). Besonders schön ist die rauchige und flintige Note dieses Chardonnay, der auf zwei ganz unterschiedlichen Böden wächst: Kalk und Vulkangestein.

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Insgesamt stehen auf dem 1.800 großen Gelände, das zu Man O' War gehört, neben Schafen und Black-Angus-Rindern 76 so genannt Blocks, also kleine Weinberge mit insgesamt ca. 60 Hektar. Alle liegen in Meeresnähe und manche sogar – und das ist ziemlich einzigartig – auf einer vorgelagerten Insel, die manchmal auf Grund komplizierter Strömungen und Gezeiten ein, zwei Wochen nicht zu erreichen ist. Auf Ponui, so der Name der Insel, steht ein Teil des Materials für die Bordeaux Blends, und im Falle des Warspite sogar das gesamte Material. So traten auf dem Verkostungstisch der 2010er Ironclad und der 2012er Warspite gegeneinander an. Beide sind nach historischen Kriegsschiffstypen benannt, beides sind Bordeauxblends. Während Ironclad aus 45 verschiedenen Blocks, vor allem aus Waiheke zusammengesetzt wird (Cabernet Franc 39%, Merlot 30%, Cabernet Sauvignon 18%, Malbec und Petit Verdot zusammen 13%) und in 25% neuem Holz ausgebaut wird, sind es beim Warspite 45% neues Holz und 60% Cabernet Franc und je 30% Merlot und Malbec. Entsprechend völlig unterschiedlich sind die Weine. Beide eint, dass das Holz klar im Hintergrund steht, beide eint, dass es eine gewisse Grundwürze gibt und beide eint leider auch der vorhandene Alkohol, auch wenn man ihn, wie beim Chardonnay überhaupt nicht merkt. aber trotzdem, 15% sind eine klare Ansage. Ironclad ist der dunkle, blau- und schwarzfruchtigte Wein mit viel Cassis, Warspite der rotfruchtige mit einer Traminernote und einer unglaublichen Bandbreite an Gewürzen. So, in Maßen genossen ein fantastischer Wein.

Wirklich beeindruckend aber war das, was dann folgte: Der Bellerophon Syrah/Viognier aus dem Jahr 2014 und der Dreadnought Syrah aus dem Jahr 2011. Dreadnought stammt aus dem kühlen und feuchten Jahr 2011, das dem Weinbergsteam extrem viel Arbeit abverlangt hat, und zu einer kleinen Ernte geführt hat. Wer denkt, Neue Welt wäre immer mehr oder wenig Laissez Fair und das Wetter immer gut (ich höre das immer noch häufiger), wird natürlich schnell eines Besseren belehrt. Im Keller wurde der Syrah entrappt und spontan vergoren, ohne den Syrah anzupressen. Der Wein gärt in 30% neuem und 70% altem Holz und geht irgendwann durch eine malolaktische Gärung. Was hier direkt klar wird ist, dass diese Weine, die in Neuseeland Syrah genannt werden und nicht Shiraz, wie im quasi benachbarten Australien, auch Syrah sind und in Ihrer Feinheit und Luftigkeit deutlich an Nord-Rhône erinnern und überhaupt nicht an die fetten Schnecken aus Südaustralien. Dreadnought bringt eine süße, auf den Punkt reife Frucht, Pfeffer, Veilchen, rohes Fleisch, Zimt und andere Gewürze. Die Tannine sind ausgesprochen fein, die Säure ziemlich perfekt. Das ist extrem gelungen und erinnert mit seiner Kraft an Hermitage, während der der 2014er Bellerophon deutliche Parallelen zur Côte Rôtie aufweist. Es ist übrigens der teuerste Wein und kostet beim deutschen Importeur 36.99 Euro, was für den Gegenwert ganz eindeutig angemessen ist. 4% Viognier bringen eine Leichtigkeit und zusätzliche Frische und eine florale Note, die einfach wunderbar ist. Der Wein schwebt förmlich. Die Rebsorten wurden zusammen vergoren und nur teilweise entrappt. Das Aromenspektrum reicht von roter Frucht und Veilchen über Süßholz und Rauchfleisch hin zu weißem Pfeffer. Wunderbar. Zumal plötzlich Lamm von den eigenen Herden, eigenes Olivenöl und die besten Tomaten auf dem Tisch standen, die ich seit Jahren gegessen habe. Und das während der Blick über das grüne Wasser der Bucht schweift.

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Diese Reise erfolgt auf Einladung von NZ Wines, dem neuseeländischen Weinbauverband, der mir diese Reise exakt so geplant hat, wie ich es vorgeschlagen habe.

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OVP021 – In Franken. Zu Gast bei Hermann Mengler. Leiter Fachberatung Oenologie, Bezirk Unterfranken

22/Feb/15 12:00 kategorisiert in: Podcast

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"Alle reden von Terroir aber keiner wills haben." Hermann Mengler

Im Rahmen meiner Weinreise durch Franken hatte ich das Glück, Hermann Mengler treffen zu können. Er leitet den Bereich Fachberatung Oenologie für den Bezirk Unterfranken. Was heißt das konkret? Konkret berät er seit mehreren Jahrzehnten die Winzer Frankens. Und er kennt jeden von ihnen. Mengler hat ganz wesentlich die Veränderungen im fränkischen Weinbau der letzten Jahrzehnte nicht nur mitbekommen, er hat sie begleitet und oft mit initiiert. Und genau deshalb ist er ein wunderbarer Gesprächspartner denn er hat einfach enorm viel Erfahrung und entsprechend viel zu erzählen. Und schließlich klärt sich auch das Zitat auf, das ich dem Podcast vorangestellt habe.

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Es war ein wenig kalt draußen ohne Jacke. Ein leicht verfrorener aber gut gelaunter Berater…

Wir reden über die Grundlagen, die ein Winzer beherrschen muss (Sensorik zum Beispiel oder Ertragsregulierung), über die Art, wie bis in die 1980er Jahre Wein gemacht wurde und wie sich dies dann verändert hat. Wir reden über entsprechende Veränderungen im Weinberg und über flying winemakers, die wichtige Prozesse angestoßen haben. Wir reden über die Aufbruchstimmung, die die Gründung der Winzergruppe Frank & Frei erzeugt hat, und wie die Art der dort gepflegten Weinbereitung dann irgendwann an ihre Grenzen gestoßen ist. Wir reden viel über den Silvaner, die für Mengler klar wichtigste und Identität stiftende Rebsorte Frankens. Doch auch Klimawandel, Veränderungen im Rebsortenspiegel, Steillagenweinbau oder der Einsatz von Vollerntern werden angesprochen.

Der Einstieg in den Podcast ist etwas plötzlich, wir hatten einfach angefangen zu reden, und dann waren wir plötzlich mittendrin.

Domaine Huet – Alles im Fluss

Stephan Bauer war auf einer Veranstaltung, bei der wir wohl eigentlich am gleichen Tisch gesessen hätten. Obgleich ich mich über Wochen auf den Abend gefreut hatte – ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des Weinguts Huet, bzw. seiner Weine – musste ich schließlich doch auf Grund einer akuten Grippeerkrankung passen. So sind die Kelche, die im Folgenden beschrieben werden, einfach an mir vorüber gegangen. Gott sei Dank aber, hat Stephan den Part des Chronisten übernommen:

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Heraklits Ausspruch „Pánta chorei kaì oudèn ménei“, lose übersetzt als „Alles fließt und nichts bleibt“, beschreibt vielleicht am besten, in welcher Phase sich die Domaine Huet in Vouvray derzeit befindet.

Vor nahezu drei Jahren verließ Noël Pinguet die Domaine. Er hatte sie über die vergangenen dreißig Jahre zu einer der besten Adressen für Chenin Blanc der Loire geführt. Schon vor Noël Pinguet wurden auf der Domaine herausragende Vouvrays erzeugt, jedoch nahm davon lange Jahre nur ein klitzekleiner Teil der Weinwelt Notiz. Unter Noël Pinguet, dem Schwiegersohn von Gaston Huet, wurde 1989/1990 die Biodynamie auf der Domaine eingeführt und der Ruf als einer der ein bis zwei Top-Domaines für Vouvray begründet.

2003 kaufte die Familie Hwang die Domaine von der Familie Huet, Noël Pinguet blieb aber fortgesetzt für die Arbeit im Weinberg, Keller und Vertrieb verantwortlich. Im Februar 2012 gab Noël Pinguet dann überraschend seinen Abgang bekannt, gut drei Jahre vor dem geplanten Ausstieg, und das nicht friedlich, sondern begleitet von öffentlich bekannt werdenden Differenzen mit der Familie Hwang. Ihm passte laut Presseberichten zum einen nicht, dass die Hwangs den Anteil der trockenen Vouvrays erhöhen wollte, zum anderen, dass sie den Vertrieb zulasten des kleinteiligen Verkaufs an Endverbraucher, Restaurants, usw. verbreitern wollen.

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Seit dem Jahrgang 2012 sind nun Jean-Bernard Berthomé, der langjährige Kellermeister der Domaine, und Benjamin Joliveau, den Pinguet als seinen Nachfolger auserkoren und vier Jahre angelernt hatte, ohne Pinguet für die Weine verantwortlich. An sich wären die Voraussetzungen da gewesen, die Domaine wieder in ruhigere Fahrwasser zu führen. Zwei schwierige erste Jahrgänge (2012 und 2013) und ein Eklat über Weinbewertungen und Hausverbote mit zwei der einflussreichsten englischsprachigen Journalisten und Blogger über die Weine der Loire, Jim Budd (Jim’s Loire) und Chris Kissak (The Wine Doctor), legten dem neuen Team jedoch einige Steine in den Weg.

Am Ende geht es aber um den Wein, und um den kümmert sich in Deutschland ganz besonders der Weinhändler Vinaturel. Als Pinguet die Domaine Huet verließ, waren Teil seines Abschiedspakets große Teile der Schatzkammer,beispielsweise sämtliche Weine vor 1971 und alle Weine aus dem Jahrhundertjahrgang 1989. Diese Schatzkammer kaufte zum einen Teil Berry Brothers & Rudd aus England und zum anderen eben Vinaturel. Dass ein deutscher Weinhändler die Gelegenheit bekam, ein so wichtiges Stück Weingeschichte zu erwerben, ist schon ein großer Erfolg. Dass Vinaturel die Gelegenheit wahrnehmen konnte, ist ein noch viel größerer Erfolg. Und dass Vinaturel Weinliebhabern die Chance gibt, zu bezahlbaren Preisen diese außerweltlichen Weine im Rahmen von Verkostungen und Dinners kennenzulernen und auch wiederzutreffen, ist geradezu ein Geschenk des Himmels.

Ende 2012 hatte ich das Glück, bei einer denkwürdigen Probe mit anschließendem Dinner von Weinen der Domaine Huet im Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg dabei zu sein. Probiert wurden Weine von 1919 bis 1989, unter anderem Legenden wie der 1947 Vouvray Le Mont Moelleux oder eine feine Reihe verschiedener 1989er Vouvray Moelleux. Dabei konnten auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Weinbergen, Le Mont, Le Haut Lieu und Clos du Bourg, sehr schön herausgeschmeckt werden: Le Mont häufig sehr fest und sehr pikant-würzig, Le Haut Lieu transparent und mit der klarsten Frucht, Clos du Bourg sehr ausladend und expressiv. Es mag etwas vermessen klingen, aber bei einem Weingut wie Huet kommen diese Unterschiede erst mit 25+ Jahren Flaschenreife wirklich gut zur Geltung.

Es braucht schon perfekt gelagerte Flaschen aus einem Keller wie dem kühlen Tuffsteinkeller der Domaine Huet, um eine Probe wie die Huet Probe Ende 2012 in all ihren Nuancen so erfolgreich zu gestalten, wie dies gelungen ist. Nur bei solchen perfekt gelagerten Flaschen lässt sich dann feststellen, dass ein Jahrgang wie 1961 noch Flaschenreife vertragen kann und dass auch nahezu 100 Jahre alte Flaschen immer noch frisch schmecken können.

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Ein solches unvergessliches Ereignis ist kaum zu wiederholen. Gleichwohl freute ich mich sehr, als Vinaturel eine weitere Tour durch einige von Deutschlands Top-Restaurants mit Weinen der Domaine Huet ankündigte. In Hamburg fand Vinaturel mit dem Mercier und Camier im Literaturhaus an der Alster einen würdigen Restaurantpartner, der mit Ingolf Klinder einen von Hamburgs derzeit ambitioniertesten Küchenchefs stellt und daneben ein atemberaubendes Ambiente bieten kann.

Zu Beginn wurden einige der aktuellen Weine eingeschenkt, auf die ich sehr gespannt war, von denen ich aber wegen verspäteter Ankunft nur zwei probieren konnte: 2012 und 2013 Vouvray Le Mont Sec. Sowohl 2012 als auch 2013 waren vom Witterungsverlauf her problematische Jahrgänge an der gesamten Loire, die nur Minierträge zuließen und eine sorgfältige Selektion erforderten. Beide Weine waren derzeit sehr schwer einzuschätzen, da sie noch sehr fest in der Struktur sind, insbesondere der 2013er jahrgangsbedingt über eine fordernde Säure verfügt und sich die Konzentration der Aromen in beiden Weinen erst noch entspannen muss. Ich würde davon absehen wollen, diese beiden Weine jetzt einordnen zu wollen, eine vernünftige Einschätzung wird erst in zwei bis drei Jahren möglich sein.

Unser Dinner startete mit einem Kalbskuttelragout und dem 2007 Crémant de Vouvray Pétillant Brut. Bei den Crémants war die Domaine Huet für mich noch nie der Star der Region, und auch dieser 2007er Crémant war lediglich gut, versprühte aber nicht den Esprit, den die Stillweine haben.

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Überraschend groß war anschließend der 2011 Vouvray Le Mont Sec, der zu lauwarmem Hummer mit Blumenkohl und einer köstlichen Sauce Maltese eingeschenkt wurde. Vermutlich werden 2012 und 2013, aber auch 2010, etwas länger brauchen, um sich zu öffnen, als dieser 2011er Le Mont Sec, der jetzt bereits die Komplexität zeigte, die die trockenen Weine auszeichnet mit ineinander gewobenen Aromen, etwas Quitte, pikanter Ingerwürze und einem harmonischen Mundgefühl. Dieser Wein war der lebende Beweis dafür, dass bei Spitzenweingütern wie Huet der Jahrgang keine ganz so große Rolle spielt wie bei minderen Erzeugern. Wirkte der Wein kurz nach der Füllung noch etwas undefiniert, so hat er jetzt schon ein Niveau an Komplexität erreicht, was Ende 2012 kaum möglich schien.

Ein sehr kontroverser Wein folgte zum nächsten Gang, einem Malaysischen Curry in Kokosmilch mit Steinbutt und knusprigem Schweinebauch: 2008 Vouvray Le Haut Lieu Demi-Sec. Diesen Wein hatte ich zuvor schon einmal im Glas und hielt ihn seinerzeit für fehlerhaft, allerdings bizarr fehlerhaft. Er roch stechend, etwas nach Hühnerbrühe, nach Käserinde, nach oxidierendem Traubensaft. Dann folgte aber im Mund eine atemberaubende Brillanz der Aromen, eine wunderbare Harmonie aus moderater Süße und rassiger Säure, eine divin wirkende Transparenz der Frucht (Aprikose, Quitte, jeweils in perfekter Reife). Dass sich der Wein jetzt nahezu exakt identisch präsentierte, spricht gegen einen Flaschenfehler und dafür, dass der Wein eben so riecht wie er riecht. Ich habe damit immer noch meine Probleme, kann aber angesichts dieses nahezu perfekten Mundeindrucks des Weins darüber hinwegsehen, zumal der Wein zum Malaysischen Curry deutlich weniger extrem wirkte als solo getrunken. Es wird spannend sein, diesen Wein über die nächsten 5-10 Jahre zu verfolgen.

Dann wurden die servierten Weine gereifter. Zur ungestopften Gänseleber mit Brioche, kandierter Bete und Granny Smith, hausgemacht im Mercier und Camier, servierte das gut aufeinander abgestimmte Serviceteam einen Klassiker aus dem Hause Huet, den 1989 Vouvray Le Haut Lieu Moelleux 1ère Trie. Die 1ère Trie Auslesen der besten Botrytis- und Passerilage-Trauben werden nur in den besten Jahrgängen erzeugt und waren 1989 quasi nach Gusto der Domaine in den einzelnen Lagen möglich. Der 1989 Le Haut Lieu Moelleux zeigte sich an dem Abend wieder von einer sehr guten Seite, aus dieser Flasche gar nicht mal sonderlich süß, vielleicht etwas verschlossener als aus einer zuletzt Mitte letzten Jahres getrunkenen Flasche, aber immer noch mit diesem sehr feinen Duft von getrockneten Aprikosen und Quittenbrot, der diesen Wein ausmacht.

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Als nächstes kam ein Duo von nicht ganz einfach zu trinkenden Weinen: 1994 Vouvray Le Mont Sec und 1998 Vouvray Le Haut Lieu Sec zu einem Stück vom Kalbsrücken mit Karottenpüree, karamellisiertem Chicoree und einem intensiven Jus. Beide Weine wirkten gut, aber nicht übermäßig gereift, der 98er deutlich jünger als der 94er, beide angenehm cremig und würzig. Beide Weine verfügten aber auch über eine wirklich markante Säure, die man bei dem 94er auch brachial nennen könnte. Diese brachiale Säure ließ den 94er etwas bäuerlicher auftreten als dies bei den Huet Weinen normalerweise der Fall ist. Der 98er hingegen hatte die gewohnte Finesse und hätte solo getrunken vielleicht noch mehr geglänzt als zum Kalb. Beide Weine harmonierten am besten mit dem bitteren Chicoree.

Zum Käsegang, einem Epoisses von Berthaut mit Kartoffeln, fuhren die Gastgeber einen weiteren Klassiker aus dem Huet Programm der letzten 80 Jahre auf, den 1959 Vouvray Le Haut Lieu Moelleux, einen Wein, der im Dezember 2012 fast noch zu jung wirkte und sich auch jetzt absolut zeitlos präsentierte. Die klassischen Altersnoten wie Pilze oder Honig konnten hier allenfalls im Hintergrund erahnt werden. Im Vordergrund stand eher eine wunderbare Frische, eine nur noch in ihren Konturen zu schmeckende Süße und eine sehr harmonische Säure, eine klare Quitten- und Birnenfrucht. Bei den Moelleux und Demi-Sec Weinen von Huet aus großen Jahrgängen bekommt man den Luxus geboten, sich nicht darüber freuen zu müssen, dass ein alter Wein noch gut trinkbar ist, sondern sich darüber freuen zu können, über 50 Jahre alte Weine auf ihrem Höhepunkt erleben zu dürfen.

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Zum Schluss wurde zu einer Tarte Tatin noch ein weiterer Klassiker der Domaine eingeschenkt: der 1989 Vouvray Clos du Bourg Moelleux 1ère Trié „Témoin“. Der Wein heißt „Témoin“, weil er Zeuge der ersten geglückten Biodynamie-Experimente der Domaine im Jahrgang 1989 vor der vollständigen Umstellung ein Jahr später ist. Der Wein ist extrem: einer extrem ausgeprägten Säure steht eine verschwenderische Süße entgegen. Dass der Wein weder ins unangenehm Süß-Saure noch in die manchmal zum Beispiel am Neusiedlersee zu findende „Rekordwerte“ Stilistik geht, spricht für ihn und das gute Verständnis von Pinguet von Harmonie. Reife und getrocknete Aprikosen, Honig, eine feine Botrytis-Würze finden sich in dem 1989er „Témoin“, bei dem man sich gut vorstellen kann, zu welcher Komplexität er in mehreren Jahrzehnten in der Lage sein wird (jedoch auch jetzt schon ist).

Vermutlich wird diese Serie von Diners vorerst oder endgültig die letzte sein, die Vinaturel mit den gereiften Huet Weinen veranstaltet, die Vorräte sind mittlerweile größtenteils verkauft. Einige Flaschen werden sicher noch die nächsten Jahrzehnte überleben und dann auf ihrem Höhepunkt serviert werden. Dass jedoch ein derart großer Keller perfekt gereifter Flaschen, letztlich eines Weintyps, der nicht jeden Geschmack trifft, den Weinfreunden der Welt eröffnet wird, wird im Zweifel nicht mehr oft vorkommen. Dabei gewesen sein zu dürfen, ist ein großes Privileg, das mir in den nächsten Jahrzehnten bei der einen oder anderen Flasche gereifter Huet Weine wieder in Erinnerung gerufen werden wird. Letztlich geht es hier um Weine, die über jede Mode, jeden Trend, jede Kurzfristigkeit erhaben sind, Weine, die so unaufgeregt sind wie die Loire, die friedlich unterhalb der Weinberge vorbeifließt.


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