Von den tendenziell bekannteren Weingütern nun zu den (mir) bisher unbekannten, zumindest hatte ich von ihnen noch keinen Wein im Glas. Bevor es jedoch mit Wein weitergeht, gibt es noch ein paar Impressionen aus dem Umfeld der RAW.
Im Vorfeld wurde eine Kooperation mit Ottolenghi angekündigt und ich hatte erwartet, dass es eine Küchenecke mit einigen Kreationen geben würde. Stattdessen gab es einen Ottolenghi-Weinladen, in dem man eine Auswahl jener Weine erwerben konnte, die auf der Messe präsentiert wurden. Ehrlich gesagt, i give it a pass. Wo ich schon dabei bin: die zusätzlichen Veranstaltungen und Vorträge hatten im letzten Jahr mehr Substanz, das tat dem Ganzen jedoch keinen Abbruch. Neben frisch geröstetem Kaffee und Gebäck gab es Austern aus Kent, exzellenten Käse aus England und der Schweiz, im Hof stand ein Grill (der dafür gesorgt hat, dass zwischenzeitlich in einem Teil der Halle alle Weine nach Holz gerochen haben) und neben dem ganzen Wein gab es auch Bier. Nicht irgendein Bier natürlich, sondern Biere von The Kernel, einer der angesagtesten und definitiv besten kleinen Brauereien in England.
Entdeckungen
Von den insgesamt 160 Ausstellern habe ich ca. 120 besucht. Davon eine Auswahl zu erstellen, ist immer schwierig. Der folgende Überblick ist daher nur ein kleiner Ausschnitt, und da ich letzten Monat auf der Vinitaly so viel Italien probiert habe und ich darauf aus war, Weine mit weniger Holz zu finden, finden sich hier keine Italiener. Mein Fokus lag auf Frankreich, auf Österreich und Slowenien, vor allem beeindruckt haben mich aber die Überseer, aber dazu etwas später.

Luc Lybaert war früher Physiotherapeut. Heute macht er zusammen mit seiner Frau Trees erfolgreich Weine auf lous Grezes.
Begonnen habe ich mit dem frischen Petillant Natur Pet' Nat und dem weißen BlaBLaBLanc Südfrankreich, der mir vom ausgesprochen witzigen Winzer Jolly Ferriol präsentiert wurde. Sein Weine fallen unter die Kategorie einfach aber lecker und sie sind alle sauber und ohne Fehltöne, obwohl sie ohne zugesetzten Schwefel auskommen müssen. Das finde ich schon mal bemerkenswert. Die Weine sind pures, einfaches Südfrankreich, saftig, frisch, würzig und stammen von einer Domaine, die vor Urzeiten schon Napoleon III. und die Queen beliefert hat.
Etwas mehr Substanz, ja ungewöhnlicher waren die Weine von Lous Grezes. Die Winemakers of the Year 2010 und 2011 Languedoc des Gault Millau sind nicht biozertifiziert, gehören aber dem Bund VinNaturel an. Viel Substanz hatte der gRandiOSE, ein Rosé aus Grenache und Alicante Bouschet, der zwei Jahre in Demi Muits ausgebaut wird. Ziemlich gelungen auch der Château Chapeau, ein Cuvée von Carignan, Merlot und Tempranillo. Besonders gut gefallen haben mir zwei Jahrgänge des D&D (Destiny & Desire). 100% Grenache, wie ich sie in der Tiefe und Komplexität an der südlichen Rhône auf einem Spitzenweingut vermutet hätte.
Ganz anders dagegen die Weine von La Sorga. Zwei junge Typen arbeiten als Nego-Weinhändler, sie kaufen aus 40 verschiedenen Lagen Trauben und machen ein Dutzend schräger Weine. Das ist noch nicht alles ganz ausgereift, das ist wild und teilweise ist da zu viel Säure oder ein wenig zu viel Bret im Spiel. Im Ganzen aber machen diese Weine Spaß. Man kommt sich vor wie bei einer Craftbeer-Brauerei wie Mikeleer. Experimentierweine in lauten, bunten Flaschen. Ich finde das gut. Hier steht Carignan von alten Reben neben einem Orangewine, Rot und Weiß wird zusammengemischt, Trauben werden vorher getrocknet. Das hat alles Charakter.
Klarer und klassischer wird es an der Loire. Muscadet, Sauvignon Blanc, Chenin und Cabernet Franc heißen hier die Rebsorten. Den Sancerre von Riffault habe ich schon vorgestellt, den Pouilly Fumé von Alexandre Bain noch nicht. Zwei hochartifizielle Weine, toller Stoff, voller Charakter und Würze, Sauvignon Blanc, wie man in selten findet. Überhaupt, bei den Naturalisti verändert sich diese Sorte – wenn sie korrekt ausgebaut wurde – am deutlichsten. Das hat mit irgendeinem grasig grünen, stachelbeerigen Stoff, wie wir ihnen eigentlich kennen nur noch sehr entfernt etwas zu tun.
Ziemlich umgehauen haben mich die Weine von Sébastien Bobinet und Emeline Calvez. Hanami ist ein leichter Sommer-Cabernet, ein roter Saumur, der weiter oben abgebildete Échalier ist ein komplexer, würziger Cabernet Franc-Stoff aus Saumur, der das gewisse Etwas an Tiefe und Charakter hat.
Bemerkenswert schon wegen der schrägen Anbaumethode ist der Les Murs von Clos Cristal. Der Wein wurde tatsächlich vor ca. hundert Jahren auf der einen Seite der Mauer gepflanzt und durch Löcher auf die andere Seite gebunden, wo er noch heute seine Früchte trägt. Der Cabernet Franc aus dem Saumur hat einiges an schönem Tannin und reifer Frucht, noch jung, trotzdem tief und komplex. Zwei Saumur-Weingüter, die mir ausgesprochen gut gefallen haben und die ich sehr gerne weiter beobachten würde, wenn mir die Gelegenheit dazu gegeben würde. Wahrscheinlich muss ich bis zur nächsten RAW warten, bis das der Fall ist.
Zum Schluss noch ein bemerkenswertes Weingut aus Mallorca. Eloi Cedó Perelló hat sein Weingut Sistema Vinari 2010 gegründet und seinen Wein zunächst als lokale Tauschware angeboten. Erst seit 2012 ist das Gut kommerziell und hat auf der RAW seine ersten Weine, allesamt Fassproben, vorgestellt. Reinsortiger Callet, reinsortiger Prensal blanc, dazu eine Cuvée aus regionalen Sorten wie Callet, Fogoneu, Manto Negro und etwas Syrah. Leider wird der Callet später in die Cuvée eingehen und nicht sortenrein ausgebaut. Der Wein hat einigen Charakter. Die Cuvée jedoch hat mir schon als Fassprobe ausnehmend gut gefallen. Für den ersten Jahrgang echt ein Knaller und es würde mich freuen, von Eloi noch was zu hören. Es würde mich wundern, wenn nicht.
Übersee
Die größte Überraschung für mich waren die Weine aus Übersee. Nicht, dass ich an deren Kunst gezweifelt hätte, aber so einen frischen Syrah aus dem Barossa-Valley, so einen Riesling aus Kanada, so einen Pinotage bar jeder Röstnoten habe ich vorher selten getrunken. Alle Weine waren gut, teilweise großartig und alle waren frisch, schlank, klar, einfach zum Schwärmen.
Da wäre zum Beispiel der Lagrein von Alan und Nelly Cooper, Cobaw Ridge, Macedon Ranges. Mace What? Yes, Macedon Ranges. Cool Climate in Südost-Australien. Der Weinberg der seit 1985 bestehenden Winery befindet sich in einem natürlichen Amphietheater auf 610 Meter Höhe, eine Autostunde von Melbourne entfernt. Hier wird biodynamisch gearbeitet. Die Weine sind fruchtig, schlank, der Pinot wirkt geradezu deutsch mit seinen Erdbeer- und Himbeertönen, der Lagrein steht gutem Lagrein aus Südtirol in nichts nach. Die Sorte hat ja gerne mal üppig Alkohol. nicht dieser hier. Auch er wirkt schlank und fruchtbetont, mit feiner Würze.
Neben ihm steht Tom Shobbrook, der bei Sean O'Callghan im toskanischen Weingut Riecine gelernt hat – ich hatte dieses kurz im Vinitaly-Artikel erwähnt. Tom ist herzlich und nett – überhaupt ist das auf der RAW alles sehr persönlich und angenehm offenherzig – und spricht lange mit mir über seine Weine. Er ist sechs Jahre lang durch Europa gereist und hat hier und dort verschiedene Techniken gelernt um in Australien einen eigenen Stil zu entwickeln. Hier wird im alten Holz und im Zement-Ei ausgebaut. Hier schmeckt nichts nach breitem, alkoholischen, marmeladigen, ultraüppigem Barossa. Das ist alles so saftig und frisch, kaum zu glauben, dass diese Weine aus einem der wärmsten Weingebiete kommen. Das ist wirklich gut gemacht. Sein Syrah und Mourvèdre sind zwei der Stars dieser Show.
Vielleicht noch nicht ganz auf gleichem Niveau aber auch nicht weit dahinter sind die Si Vintners, Sarah Morris und Iwo Jakimowicz. Ihr Weingut liegt im Bereich Margret River und die Weine sind ähnlich frisch wie die von Shopbrook. Nur zwei wurden im Holz ausgebaut, der Rest im Zement oder alten Fass.

Craig Hawkins von Lammershoek. Das linke Etikett, El Bandito ist ein Monty Python Motiv. Gerade mal 185 Kisten dieses feinen kanadischen Chardonnays werden bei Pearl produziert.
Jetzt aber noch zu zwei Weingütern, die es in sich haben. Das eine liegt auf der Niagara-Halbinsel in Kanada und nennt sich Pearl Morissette. Es wurde erst 2008 gegründet und zwar in der Zusammenarbeit eines Geldgebers und Francois Morissette, der im Burgund gelernt hat. Es liegt auf der Hand, dass er Pinot und Chardonnay im Angebot hat, doch mittlerweile hat er sich in Cabernet Franc verliebt und nicht zuletzt auch in Riesling. So bietet Francois auf der Messe seinen Riesling, den Chardonnay und seinen Cabernet Franc an. Drei sehr elegante, komplexe und dichte Weine. Ich habe Francois eine Flasche Cabernet Franc abschwatzen können, um sie in naher Zukunft mal neben ein paar andere Größen dieser Sorte stellen zu können. Ich bin mal gespannt, wie der Wein, dessen 2010er Jahrgang natürlich eigentlich noch viel zu jung ist, abschneiden wird.
Der nächste hochbegabte Weinmacher und auch der letzte, den ich hier vorstellen will, ist Craig Hawkins von Lammershoek im Swartland, Südafrika. Auf dem Familienweingut gibt es drei Weinlinien. Die erste ist LAM, quasi Gutsweine auf gutem Niveau. Dann kommt die nach dem Weingut benannte Serie. Von der hatte er Chenin und Syrah dabei, sehr sortentypisch, auch hier wieder diese frische Stil, ohne vordergründig, einfach oder primärfruchtig zu sein, nein, Weine von sehr guter Qualität und einem eigenen Charakter. In der Serie Cellar Foot werden besondere Rebsorten vorgestellt. Craig Hawkins hatte einen Harslevelü dabei, also eine ungarische Sorte, die bei uns Lindenblättriger heißt. In dieser Serie gibt es auch einen pinken Pinotage, einen Mourvèdre oder einen Wein, der unter Wasser gereift ist. Der Weinmacher zeigt auch bei seinen Weinen El Bandito und El Bandito Cortez Experimentierfreude. Die Chenin Blancs wurden beide sauber ohne SO2 ausgebaut, der eine wurde mit den Füßen gepresst, der andere längere Zeit auf den Traubenhäuten belassen. Auch hier zeigt sich für mich, wer es sowieso kann, kann auch einen guten Orangewine produzieren. Craig Hawkins jedenfalls dürfte ebenfalls zu jenen gehören, von denen man noch viel mehr hören und probieren wird, da bin ich mir ziemlich sicher.
Fazit? Ich wäre gerne nächstes Jahr wieder dabei. Die Messe macht großen Spaß, weil die Bandbreite an Weinen hoch ist und einfach viel, viel Wein von hohem Unterhaltungswert dabei ist. Dass so viele Weine dann doch irgendwie fehlerhaft sind, irritiert mich ein bisschen, ich verstehe einfach nicht, wie Winzer mit solchen Weinen irgendwo auftauchen oder es anscheinend irgendwie in der "Szene" akzeptiert oder sogar goutiert wird. Es gab jedoch manche Winzer, mit denen ich gesprochen habe, die mich gefragt haben, ob ich dies oder jenes probiert hätte und ob es sauber gewesen sei. Auf Winzerseite gibt es diese Irritation also auch.
Es war die zweite Ausgabe der RAW, die am 19.05. und 20.05.2013 in den alten Truman Breweries an der Brick Lane stattgefunden hat. Es ist nicht die einzige Messe für Naturwein in London – die andere Messe fand im März statt – es ist jedoch die deutlich größere und dürfte in dieser Form einzigartig sein.
Was »That crazy french woman« Isabelle Legeron, MW hier auf die Beide stellt, ist für die Weinszene, die sich mit den Begriffen Bio, Biodynamie und Natural Wine auseinandersetzt, so erhellend wie horizonterweiternd. Es lohnt sich, von Deutschland aus aufzubrechen, um zumindest einen Teil der 160 Aussteller kennenzulernen, die vornehmlich aus Italien und Frankreich stammen, jedoch in kleiner Anzahl auch von der iberischen Halbinsel gekommen sind, aus Österreich, Slovenien, Kroatien oder Ungarn und auch von Übersee. Nur aus Deutschland hat genau ein Winzer den Weg gefunden – sieht man mal von Dominik Huber ab, der mit seinen im Priorat erzeugten Weinen jedoch in spanischen Teil gelistet ist. Es ist eigentlich eine Schande, wenn man bedenkt, wie gut der deutsche Wein ist, auch der Biowein, auch der Wein, der so naturnah wie möglich erzeugt wird, hinter dem eine Idee steht, die der Idee der RAW nahe kommt. All das gibt es in Deutschland. Anscheinend jedoch hat es bei uns niemand nötig, oder traut sich nicht auf unbekannte Märkte. Dominik Huber sagt, das Publikum, das aus Endkunden und Händler besteht, sei so informiert und kompetent, wie er es auf noch keiner anderen Messe bisher erfahren hätte. Für ihn sei diese Messe bisher die interessanteste. Und wohl gemerkt, die Standgebühren sind ausgesprochen gering. Hier stehen Winzer, die gerade einmal ihren ersten Jahrgang vinifiziert haben und die selbstverständlich noch keinen Importeur in England haben. Doch wo, wenn nicht in London (und New York und Paris) ist Platz für deutsche Weine, die den Ideen der RAW folgen? Hier geht es um Weine, die eine besondere Präsenz haben sollen, die möglichst ein authentisches Bild des Ortes wiedergeben sollen, auf denen die Reben gewachsen sind. Hier geht es darum, transparent zu kommunizieren, in welcher Art der Wein entsteht, hier geht es weniger darum, bestimmte Gruppen einzuschließen und andere auszuschließen. Es ist ziemlich offen, und das sehe ich als Chance, und nicht so, das schnell wieder welche bemängeln, das hätte ja nicht Hand und Fuß, weil es keine Statuten gibt.
Die Messe zeigt ein komplexes Bild der Naturwein-Szene. Sie reicht von den harten Biodynamikern wie Nicolas Joly über Orangewine-Produzenten über Amphoristen und Terroiristen bis hin zu ziemlich normalen Winzern, die schlichtweg guten Wein erzeugen wollen und gemerkt haben, mit welchen Mitteln sie das am besten hinkriegen. Die Qualität der angebotenen Weine reicht von untrinkbarem, fehlerhaftem, teils krautigem, teils hochoxydativem Stoff, den ich einfach nicht mehr trinken mag über ziemlich leckere, unintellektuelle Saufweine und gelungene Experimentalweine zu einer kleinen Handvoll Ausnahmeweine, wie es beispielsweise die von Terroir al Limit sind, oder die von La Baronne und Foradori, oder die von Sepp Muster oder Le Cos Perdus, um nur einige zu nennen. Es ist also in dieser Hinsicht eine ganz normale Messe, bis auf den Umstand, dass die Quote an Fehlern doch höher liegt als normal.
Ich fasse mal zusammen, was mich auf dieser Messe bewegt hat und lasse die Ärgernisse aus, denn Blame findet auf diesem Blog nicht statt.
Alte Bekannte
Es sind mindestens vier Weingüter, die ich unter dieser Kategorie subsumieren würde, von zwei Weingütern habe ich selbst Weine verkauft. Aus dem Süden Frankreichs empfehle ich die Weine vom Château La Baronne. Dieses Weingut wird in Deutschland vom Bioimporteur Riegel vertreten und vinifiziert exzellente, tiefe und komplexe Rotweine. Der Pièce de Roche, ein reinsortiger Carignan von 120 Jahre alten Reben war für mich einer der Stars der Winefair. Ein Weingut, das ich sehr gerne mag auf Grund seiner klassischen und unprätentiösen toskanischen und gut bepreisten Weine ist Colombaia, geführt von Helena und Dante Lomazzi. Die beiden sympathischen Winzer hatten ein paar Weine, gereifte Rote und einen exzellenten leicht restsüßen weißen Schaumwein dabei, die ich ausgezeichnet fand.
Nachdem ich Dominik von Terroir al Limit und seinen Weinen vor einiger Zeit in Hamburg über den Weg gelaufen bin habe ich ihn bei Alois Lageders summa getroffen, jetzt hier und in zwei Wochen wieder auf der Hausmesse von vinaturel, ebenfalls in Hamburg. Der Arme ist viel unterwegs, er macht Weine, die erklärt werden müssen, die einen neuen Stil bieten, der mit dem althergebrachten Stil des Priorat nicht mehr allzuviel zu tun hat. Ein alter Bekannter ist auch der Istrier Mladen Rozanic, der in seinem Weingut Roxanich einen sehr eigenen Stil erzeugt hst und im Rahmen der Orangewine-Bewegung bekannt geworden ist. Der Chardonnay Milva gehörte für mich zu den interessantesten Weinen der Ausstellung. Es wären noch ein paar andere alte Bekannte aufzuzählen – Château Le Puy oder Château Arnauld, champagne Tarlant und andere, deren Weine ich einfach nicht probiert habe, da es zu viele Weine gab, die Vorrang hatten.
Weine, die ich immer mal gerne probieren wollte
Eines der vielen Weingüter, die ich bisher in Brüsseler Weingeschäften entdecken durfte ist Clot de l‘Oum. Lèia und Eric Monné führen ihr Weingut im katalanischen Teil des Roussillon, am Fuße der Pyrenäen in Bélesta. Die weit verstreuten Weinberge liegen auf 400 bis 700 Metern Höhe und reichen von Granit über Gneiss bis Schiefer. Ich mag ja nicht nur die klaren Etiketten in diesem besonderen Grünton, ich fand auch ihre Weine exzellent. Besonders hervorzuheben sind La Compagnie Des Papillons, ein feiner, reifer roter aus Carignan und Grenache, der gerade einmal 12% Alkohol besitzt. Saint Bart, ein Wein von hundert Jahre alten Reben wurde zu gleichen Teilen aus Grenache, Syrah und Carignan vinifiziert und gefiel mir noch besser als die pfeffrig-würzige Nummero Uno des Hauses.
Mit einer ganz eigenen Stilistik sind die Sancerres von Sébstian Riffault gesegnet. Er zeigt bei seinen Terroir-Weinen Auksinis und Skeveldra, wie sich unterschiedliche Böden auf den Wein auswirken. Sie sind in ihrem Charakter komplett unterschiedlich, wurden aber im Prinzip gleich behandelt: späte Lese, geringe Erträge, keine filtration, kein zugegebener Schwefel. Die beiden Weine – und auch der mit leichtem Schwefel behandelte Brot und Butterwein Les Quarterons – zeigen eine Aromatik vom Sauvignon Blanc, die ich sonst noch nirgendwo probiert habe.
Bewusst anders schmecken natürlich ebenso die beiden Orange-Sauvignon Blancs von Sepp Muster. Die Gräfin wird einige Wochen auf den Häute gelassen und besteht zu 100% aus Sauvignon, die Erde wird ungewöhnlicherweise im Tongefäß verkauft und liegt genauso ungewöhnlicherweise ein Jahr lang auf den Traubenhäuten. Dass diese Cuvée aus Sauvignon und Morillon (Chardonnay) nicht total freakig schmeckt, dürfte dem besonderen Händchen des Winzers zu verdanken sein, der ebenso besondere wie elegante Weine herstellt. Das wurde auch bei seinen etwas, na, sagen wir normaleren Sauvignons deutlich, die in drei verschiedenen Höhenlagen wachsen und für sich vinifiziert werden. Das ist besonderer, hochklassiger Sauvignon. Nur wenige Stände weiter konnte ich die exzellenten Gelb- und Goldmuskateller von Andreas Tscheppe probieren. Auch das ist schlicht großartiger Stoff.
In Teil Zwei geht es die Tage weiter mit Neuentdeckungen alte Welt, neue Welt und ein paar weiteren Impressionen von der RAW.
Eigentlich hatte ich gestern vor, mit Florian Siepert, mit dem ich gerade auf seiner Plattform Opentrips eine kleine Loire-Genussreise plane, während meines Messeaufenhaltes in London endlich mal im Upstairs at the Ten Bells Essen zu gehen. Der Laden gehört nicht nur zu Florians Lieblingsrestaurants, ich kenne noch ein paar andere, begeisterte Anhänger. Nun hat jedoch vor zwei Wochen eine neues, kleines, so genanntes Nachbarschaftrestaurant geöffnet, von dem Florian nur Gutes gehört hat und was er gerne kennenlernen wollte. Also sind wir ins Mayfields gegangen. Da ich mich an der Hackney Road einquartiert habe konnten wir nach einem Abstecher ins Sebright Arms zu Fuß durch den sommerlichen Abend schlendern. Das Mayfields hat sich in einer ehemaligen Kebab-Bude einquartiert und pflegt einen offenen und völlig unprätentiösen Stil, der mir sehr entgegen kommt. Es ist völlig egal, in welcher Aufmachung Du dahin kommst, die Kellner sind so normal drauf wie Du und ich, die Teller kommen nicht aus dem Designlabor sondern sind so angerichtet, wie ich das mit etwas Mühe auch schaffen könnte. Überhaupt wirken die ganzen Gänge so, dass ich den Eindruck hatte, ich könnte im Prinzip alles mit meinen Möglichkeiten replizieren. Die Küche ist einsehbar und ziemlich einfach ausgestattet. Hier wird Wert gelegt auf den kleinen Kick der Kombinationen, auf die Überraschung, die hier jede Platte bringt. Nachdem wir gestern die Hälfte der angebotenen Gänge geschafft haben, waren wir uns einig, dass dies ein Laden ist – der Chef kommt übrigens aus dem Ten Bells – den wir auf jeden Fall weiterempfehlen wollen. Fotos gibt es nicht viele, denn dafür war es zu dunkel. Perfekt war es auch nicht, sie können noch an ein paar Dingen feilen, aber sie sind eben auch erst seit zwei Wochen am Markt und erst auf dem Weg Top of the Pops zu werden.
Etwas nichtssagend waren die beiden Spargelgänge. Der weiße Spargel war kalt angerichtet und mit Miso, Grapefruit und sehr hellem, geriebenen Käse von erstaunlich wenig Geschmack. Auch nicht wirklich begeisternd war der grüne Spargel mit Butt, Pil Pil und Limone. Da fehlte das gewisse Etwas, eben jener kleine Kick, der die Platte besonders macht. Ein wenig ärgerlich auch, dass das Stück vom Schwein, das mit Chicorée, Anchovi- und Mandelsauce gereicht wurde, etwas zu trocken war. Das hätte man in der Küche sehen können. Schade deshalb, weil die Anchovi- und die Mandelsauce eigentlich genial gut gepasst haben und eine ungewöhnliche Kombination darstellten. Um noch mal zu meckern: Der Sancerre-Rosé von den Vignobles Gitton Les Crilles war ein Reinfall. Viel besser der später gewählte Furmint 2009 Tokaj Nobilis – frisch und leicht trotz Holz, mit schöner Frucht und einer angenehmen, leicht bitteren Note.
Wirklich gut waren die Lammherzen mit grüner Sauce, der selbst hergestellte Ricotta mit Erbsen, Limone und Zucchini, köstlich die frischen Flugmangos und die kleinen Tomaten mit Chaat, die ebenfalls auf dem Teller anwesenden Erdbeeren waren dagegen weniger aromatisch. Die beiden Höhepunkte für mich waren die Jakobsmuscheln, die lediglich mit Limonen-Granita und Fenchelgrün serviert wurden, sowie das perfekte Stück Entenbrust mit Karotten-Haselnuss-Creme, Rhabarber und Radieschen. Das war beides einfach prima gemacht.
Als Dessert stand auf dem Tisch eine Kugel Eiscreme von brauner Butter, ein ungewöhnliches Geschmackserlebnis, welches den Teller mit dem weißen Spargel deutlich aufgewertet hätte sowie eine Schokoladenmousse mit Kaffir-Blättern, Joghurt, Roggen und Sahne. Die Sahne war zuviel, stattdessen hätte man den Joghurt in ein Joghurteis umwandeln können, da wäre etwas mehr sensorische Spannung möglich gewesen. Aber was erzähle ich? Eigentlich bin ich ja Weinblogger und war nur zum Genießen dort – was ich absolut getan habe, trotz kleiner Kritik. So, wie der Laden schon gestern gebrummt hat, bedarf es auch kaum der Unterstützung eines deutschen Orchideenbloggers, aber über den Aufenthalt im Mayfields schreiben, wollte ich trotzdem.
Mayfields, Wilton Way 52, London E8
Ich muss mal gerade meiner Begeisterung Ausdruck verleihen. Normalerweise lasse ich Weinbeschreibungen ein wenig sacken, probiere Weine wenn möglich über drei Tage hinweg und schreibe dann. Jetzt möchte ich aber spontan einen Wein loben, der mir grade jetzt auf der Zunge liegt und ausnehmend gut gefällt.
Es handelt sich um den gemischten Satz von 25 plus x verschiedenen Sorten, die heutzutage oder historisch in der Südsteiermark vorkommen und die der junge Winzer Gottfried Lamprecht frisch auf eine ehemalige Obstwiese gepflanzt hat, die Buchertberg heißt und zum Herrenhof Lamprecht gehört und vor langer Zeit schon unter Reben gestanden hat. Dieser Wein, der zunächst leicht tropisch nach Sauvignon Blanc riecht, sich dann aber von da weg bewegt in einer komplexe, cremige und leicht holzbetonte Richtung, straft all jene Lügen, die meinen, guter Wein könne eigentlich nur von alten Reben und besten Lagen stammen. Wer diesen wein trinkt weiß: es ist quatsch. Es kommt vor allem auf die Hand des Winzers an. Auf den richtigen Lesezeitpunkt und für das richtige Händchen im Keller. Wobei hier klar gesagt werden muss, dass Gottfried gerade mal ein wenig schwefelt – und das war's. 25 Rebsorten also, Grau- und Weißburgunder, Sauvignon, Riesling und einige andere Aromarebsorten wie Furmint und Muskateller gibt es hier und dann noch ein paar alte Sorten, die man in Jancis Robinsons dickem Buch über die Rebsorten dieser Welt nachschlagen muss oder die vielleicht in den alten fränkischen gemischten Sätzen vorkommen, die ich zu Anfang des Jahres mal probieren durfte.
Was ist das nun für ein Wein? Es ist einer, der ziemlich perfekt ausbalanciert ist zwischen Frucht und Säure, Saft und Körper, Würze, Mineralität und einer leichten Salzigkeit, wo der Holzeinsatz sehr angenehm den Stil des Weines unterstreicht, ohne ihn zu prägen. Wunderbar ist die frische Frucht zu Anfang, die dann aufkommende salzige Mineralik und die Gesteinswürze, die dann wiederum im Laufe des Abends in eine geradezu sinnlich-reife Frucht übergeht. Da, wo vorher Exotik war ist jetzt Marille, Birne und reifer Apfel, alles immer noch unterstrichen vom Gestein. Der wirklich Knaller ist, dass es den Buchertberg für 12.95 bei Probiowein gibt und dies ist ein äußerst fairer Preis für ein Wein, der gleichzeitig unkompliziert und komplex ist, der Tiefe hat und doch sehr viel Trinkspass heraufbeschwört, den man ziemlich schnell wegtrinken kann und dann tut es einem leid, dass er schon leer ist.
Probiert habe ich den Wein übrigens in drei Gläsern. Als Referenzglas hält immer das Gabriel-Glas her, der Unimog unter den Weingläsern, in dem der Wein sich relativ spät entfaltet. Hier finden sich zu Beginn ein paar Noten von Austernschalen, kombiniert mit exotischer Sauvignon Blanc-Frucht. Im Zalto-Glas Bordeaux öffnet sich der Wein viel schneller, hier wird der Sauvignon Blanc zur Seite geschoben und es offenbaren sich leicht salzige Noten und vor allem die Würze, die im neuen Zwiesel Wine Classics Chardonnay-Glas etwas länger braucht. Das Glas (links im Bild) ist ziemlich neu auf dem Markt und ich hatte das Glück, die ganze Serie von Zwiesel zum Testen zur Verfügung gestellt zu bekommen, was ich jetzt auch tatsächlich mache. Bei Freunden und Bekannten kommt das Glas mit dem durchaus eigenen Design spontan nicht besonders gut an, da die meisten die moderne Form mit dem Kamin zuoberst stört. Das stört mich beim Chardonnay-Glas nicht, da die Proportionen für mich stimmig sind, bei schlankeren Gläsern wie dem Riesling oder Sauvignon-Glas ist das problematischer, zumal ich dann mit der Nase ziemlich schnell gegen das Glas stoße. Vom Effekt her, von der Auffächerung der Aromen und der dann wieder erfolgenden Konzentration ist das Chardonnay-Glas gelungen, es liegt gut in der Hand, auch wenn es nicht die Leichtigkeit besitzt, die das Zalto-Glas so einmalig macht.