Wer Romanée-Conti für selten hält, hat noch keinen Versoaln probiert

Kürzlich hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen der London International WineFair als Gast an einer Masterclass des Circle of Wine Writers teilzunehmen. Es ging um seltene Rebsorten und geleitet wurde die Runde von Dr. José Vouillamoz. Der Schweizer Ampelograph hat erst kürzlich zusammen mit Jancis Robinson und Julia Harding das neue Standardwerk zum Thema Rebsorten herausgegeben. Das knapp 1300 Seiten umfassende Wine Grapes listet so ziemlich alles auf, was heute kommerziell an Rebsorten weltweit angebaut wird. Dabei werden die Herkunft und Historie so umfangreich wie möglich betrachtet. Das ist natürlich bei manchen Sorten sehr gut erforscht, bei anderen weniger. Manchmal sind nicht einmal die Ahnen der Sorte, also die direkten Eltern, aus denen die Sorte entstanden ist, nachweisbar. Bei anderen Sorten ist es ein ausgesprochen aufwendiges Unterfangen, wie sich am Beispiel einiger vorgestellter Weine und deren Rebsorten zeigte.


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Versoaln 2009, Castel Katzenzungen, Südtirol
Begonnen hat die Runde von elf Weinen mit einer der rarsten Sorten unter der Sonne. Der Versoaln existiert nur noch in einer einzigen Anlage, nämlich in einem Rebberg des Castel Katzenzungen in Südtirol. De facto gab es nur noch einen einzigen, jahrhundertealten Rebstock, von dem aus mittlerweile so viele Ableger gezüchtet wurden, dass man im Durchschnitt heute wieder auf 400 Flaschen pro Jahrgang kommt. Das Castel beansprucht für sich, mit dem Versoaln den ältesten existenten Rebstock auf ihrem Acker zu haben. Ob das wirklich so ist, mag dahingestellt bleiben, auf jeden Fall ist der Stock sehr alt und verfügt über ein einzigartiges DNA-Profil.

Rüdesheimer Berg Schlossberg Orlèans 2011, Georg Breuer Rheingau
Der Wein aus dem Weingut Breuer war für mich einer der schönsten Weine der Probe. Noch verhalten und recht verschlossen, jedoch von einer schönen Tiefe und cremigen Textur. Duft nach weißem Pfirsich, Ananas und Orangenschale, eine deutliche, an Riesling erinnernde Säure und ein Aroma, das mit seinem Mandelton an Furmint erinnert. Der Orlèans ist eine der ältesten deutschen Rebsorten, die im Laufe der Zeit fast vollständig vom Riesling verdrängt worden ist. Heute gibt es reinsortigen Orlèans lediglich bei Breuer im Rheingau und bei Knipser in der Pfalz. Vor einigen Jahren hat der deutsche Ampelograph Andreas Jung einen mehrere hundert Jahren alten Stock bei von Racknitz am Disiboden gefunden. Matthias Adams ist gerade dabei, aus diesem uralten Stock eine nennenswerte neue Anzahl zu züchten.

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Lafnetscha 2011, Chanton Kellerei, Visp, Schweiz
Gerade einmal 1.5 Hektar der Sorte Lafnetscha gibt es noch in der Schweiz. Daraus entstehen bei vier Produzenten gerade einmal 700 Flaschen. Der Name Lafnetscha kommt wohl von „Laffen se es net schon“, was so viel heißt wie „trinken Sie es nicht zu früh“. Es war gar nicht so einfach, die Vorfahren dieser Sorte zu bestimmen, denn die Eltern stammen aus zwei ganz unterschiedlichen Bereichen in der Schweiz, die rebtechnisch nur selten etwas miteinander zu tun hatten. Irgendwann jedoch hat sich Humagne aus dem Wallis mit dem Completer aus Graubünden gekreuzt und herausgekommen ist eine sensible aber durchaus aromatische Sorte. Vor dem Schwenken im Glas duftet der Wein deutlich nach Lakritze, nach dem Schwenken wirkt er verhalten. Das kommt nicht oft vor, aber bei manchen Weinen führt das Schwenken zum Gegenteil dessen, was man erreichen möchte. Dieser deutlich säurebetonte weiße Wein ist ausgesprochen frisch, zeigt Noten von Pfirsich und Äpfeln, vor allem aber, eine, wie ich es nenne, Gin-Aromatik – also eine etwas alkoholische Note, die nach Kräutern duftet, deren Mitte der Wacholder bildet. ein sehr schöner, eigenständiger Wein, von dem ich mir wünschen würde, ihm noch mal zu begegnen.

Grk 2011, Branimir Cebalo, Korcula, Kroatien
Grk ist eine durchaus ungewöhnliche Rebsorte, deren einer Elternteil zwar bekannt ist – Es ist Tripidrag, bekannter unter den Namen Primitivo bzw. Zinfandel – dessen zweiter Elternteil sich jedoch noch nicht geoutet hat. Das Ungewöhnliche? Es ist eine rein weibliche Sorte, die sich entsprechend nicht selbst befruchtet. Man muss also eine andere Sorte, die Pollen trägt, dazu pflanzen. So habe ich es zumindest verstanden. Die Rebsorte stammt von der Insel Korčula, ist weiß und leicht bitter. Daher wohl auch der Name, der wohl von gark abstammt, was bitter heißt. Die Sorte wird nur noch selten angebaut, meist in Dalmatien, und stammt in diesem Fall von einem 0,75ha Weinberg, der Branimir Cebalo gehört. Der Wein hat mir gut gefallen, auch wenn er mich ein wenig nach Fruchtzwerg Birne/Banane erinnerte. Am Gaumen sehr cremig, ein wenig laktisch, mit Tönen von Honigmelone, Orangenzesten und eine Toastnote, die vom dezenten Holzeinsatz stammte. Das Ganze mit einer gut eingebundenen deutlichen Säure und durchaus konzentriert.

Kolorko 2010, Paşaeli Hoşköy, Türkei
Ein Vollwaise, Eltern unbekannt, irgendwann aufgefunden im südlichen Teil Trakiens. Der einzige rebsortenreine Wein wird von Paşaeli ausgebaut. Gerade einmal 200 Flaschen sind im Jahre 2010 entstanden. Die weiße Rebsorte hat eine dicke schale mit einem hohen Catechingehalt, so dass langsam gepresst werden muss. In der Nase findet sich eine leichte Manzanilla-Aromatik, der Wein ist am Gaumen leichter und frischer als erwartet, schmeckt deutlich nach Wachs und nassem Stein, hinzu kommen Grapefruit bzw. Pomelo und wilde Kräuter. Betonung liegt auf wild, denn dieser Wein wirkt wild, ungezähmt und hoch artifiziell – eine schöne Erfahrung.

Vigna del Lume (reinsortiger Biancolella) 2012, Antonio Mazzella, Ischia, Italien
Eine besondere, authochtone Sorte aus dem schier unerschöpflichen Fundus italienischer Rebsorten ist die Binacolella, die auf noch 293 Hektar auf der Insel Ischia angebaut wird. Hier beeindruckt schon die Anbauweise denn die Reben stehen an Steilhängen des Vulkans bis runter zu den Klippen. Da der Abtransport zu Fuß den Berg hinauf zu gefährlich ist, werden die geernteten Reben in unter den Weinbergen liegenden Höhlen gepresst und der Saft wird per Schiffe weitertransportiert. 6.000 Flaschen Spätlese werden hier erzeugt. Der Wein duftet großartig: würzig, leicht rauchig wie kalter Pfeiffentabak, Mandel, Ananas. Alles sehr balanciert, komplex, leichte Tannine, Trockenaprikosen, tolle Länge. Diesen Wein würde ich wirklich gerne noch mal probieren.

Negre de San Colonia 2010 (Callet), Vins Toni Gelabert
Der erste Rotwein der Runde ist für mich auch der enttäuschendste, zumindest, was seine Originalität betrifft, denn Eichenholznoten und Röstnoten vom Holz, Würze, etwas Tabasco, Schokolade und Unterholz sind jetzt nicht wirklich besonders. Auch wenn das alles gut gemacht ist bei diesem Wein, kann man eine besondere Rebsorte kaum herausschmecken. Dafür ist der Wein bei diesem Holzeinsatz dann auch noch zu jung. Gelaberts Callet wird in Colonia San Pere übrigens so nah am Meer angebaut, dass er durch eine Mauer geschützt werden muss und trotzdem manchmal vom Meersalz verbrannt wird.

Callet ist eine von mehreren autochthonen Sorten der Insel Mallorca. Ein Elternteil ist der heute ebenfalls wieder hoch im Kurs stehende Fogoneu, der andere Teil ist ein Vorläufer des Callet, der Callet Cas Concos, der heute nicht mehr angebaut wird. Die dritte wieder erstarkte Sorte ist übrigens der Manto Negro. Alle drei Weine werden ist den auch hier bekannten, modernen Cuvées von Anima Negra , 4 Kilos, Can Majoral oder Macia Batle verwendet. Callet heißt auf mallorquinisch übrigens schlicht schwarz.

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Karasi 2011 (Areni), Zorah Wines, Rind, Armenia
Eine weitere Sorte mit unbekannter Herkunft ist Areni, die populärste Sorte Armeniens, eines der ältesten Weinbau betreibenden Länder der Welt. Hier hat man kürzlich einen 6.000 Jahre alten Weinkeller gefunden, in dem im Prinzip so Wein produziert wurde, wie es auch in dieser Gegend wieder populär ist, mit Amphoren. Der Karasi 2011, der von Zorik Gharibian, dem Inhaber von Zorah Wines persönlich vorgestellt wurde, duftet zunächst nach Tomatenessenz , zunehmend kommt Kräuterwürze ins Spiel. Auch dieser Wein, dessen Name Karasi übersetzt Amphore heißt, ist von sehr eigenständigem, ungewöhnlichem Wesen. Die wurzelechten Rebstöcke stehen auf 1.400 Meter, der Boden ist sandig und kalkig und es werden gerade einmal 20hl/ha gelesen. Der Ausbau erfolgt dann in Edelstahl (30%), in Karas (35% in mit Wachs versiegelten, im Boden vergrabenen Amphoren), in französischer eiche (30%) und armenischer Eiche (5%). Je länger der Wein im Glas ist, desto komplexer entfaltet sich der Duft. Die Tomatenessenz tritt zurück und die Kräuterwürze stärker hervor, durchmischt mir roten Früchten, erdigen Noten und einer deutlichen Mineralität. Am Gaumen beeindrucken die sanfte Tannine und ein leichter Geschmack nach Orangen.

Gelsaia DOCG Piave Malanotte 2009 (Raboso Piave), Azienda Agricola Cecchetto, Veneto, Italien
Dieser hundertprozentige Raboso war der erste Wein der Runde bei dem ich insgeheim dachte, dass es kein Wunder ist, dass man den nicht häufiger im Glas hat. Er wird auf immerhin ca. 1.100 Hektar bei Treviso angebaut, ist fast schwarz (mit ein wenig rotem Rand) und ist so tanninreich und herb, ja knochentrocken, dass ich unwillkürlich Lust auf ein Werthers Echte bekomme, als ich den ersten Schluck ausgespuckt habe. 20% des Weines wird getrocknet, Passito, man kennt das aus dem Veneto. Der Wein kommt 12 Monate ins Holz dann noch mal 16 Monate auf die Flasche und ich könnte mir vorstellen, dass die Aromen von Cassis, von Mandeln, Schokolade und Tabak noch ein wenig weiter in den Vordergrund treten, wenn der Wein noch länger gereift ist. Kann ich mir das wirklich vorstellen? Nein, eigentlich nicht.

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Gringet Amphore 2010, Domaine Belluard, Haut-Savoie, Frankreich
Zurück zum Weißwein. Nein eher zum Orange-Wein. Zurück zu trüben, fast orangefarbenem Weißwein, der aus der Gringet gekeltert wird und auf 15 Hektar in den Savoyen angebaut wird. Gringet, die praktisch ausschließlich im Vallée de l’Arve vorkommt,  wurde lange für einen Klon der Savagnin gehalten, mittlerweile weiß man es jedoch besser. Dafür weiß man allerdings eigentlich wiederum weniger, denn die Vorfahren dieser Sorte sind komplett unbekannt. Die domaine Belluard ist momentan der einzige Produzent, der diese Sorte kommerziell anbaut. Es entstehen momentan fünf Weine, zwei Stillweine, zwei Schaumweine und ein in der Amphore ausgebauter Wein. Dieser vermittelt eine leichte Süße in der Nase, Gerbstoffe und Trockenobst. Am Gaumen ist er so trocken wie wenn man über die Tonamphore leckt, in der der Wein ausgebaut wurde. Er erinnert mich an Jasmin, Zitrus, weißen Pfirsich, alten Pafel und Anis. Er ist interessant, aber wie so oft bei diesen Orange-Weinen bin ich mir bis heute nicht sicher, ob er mir wirklich gefallen hat.

Kisi 2011, Pheasant‘s Tears, Georgien
Ähnlich wie Armenien gehört Georgien zu den ältesten Weinbaunationen der Welt und in beiden Staaten werden die Weine heute wieder gerne traditionell ausgebaut, sprich in Amphoren, die in der Erde vergraben werden. Auch der 2011er Kisi wurde in einer solchen Amphore ausgebaut, die in Georgien Quevri genannt wird. Was ich über Kisi gelernt habe ist, dass sie im südöstlichen Georgien Kakheti genannt wird und von der Mtsvane und der Rkatsiteli abstammt. Mir sagt das nicht viel aber immerhin sind hier beide Elternteile bekannt. Ähnlich dem Gringet duftet auch dieser Wein leicht süßlich, mit einem Hauch Aprikose und Orange. Ähnlich dem Gringet ist der Wein am Gaumen staubtrocken und schmeckt nach Stein und Ton. Dazu kommen die Gerbstoffe, der Geschmack nach Trockenkräutern und getrockneten Feigen. Der Wein hatte 6 Monate Kontakt mit den Traubenhäuten und verfügt neben der Trockenheit einer innermongolischen Steppenlandschaft zusätzlich über ein gerüttet Maß an Säure. Nein, das ist nicht mein Wein.

Fazit
Trotzdem, auch wenn der letzte Wein jetzt so gar nicht meinem Geschmack entsprachen, das waren leerreiche Stunden mit Herrn Vouillamoz, die der englische Weinschreiber Jamie Goode sogar auf Video gebannt hat. Da werden Weine dabei gewesen sein, die mir möglicherweise nie mehr unterkommen und Sorten, die ich vielleicht bald wieder vergessen habe. Was aber fest verankert bleibt ist die aufgefrischte Erkenntnis, dass wir solch seltene Sorten schützen sollten, weil es hier einen großen Schatz an Variantenreichtum dessen gibt, was wir so gerne mögen.

2 Kommentare

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