Der Grand Prix der Großen Gewächse 2021 – Teil 1

Es ist wieder soweit: Ich war in Wiesbaden und habe mir die aktuell präsentierten Großen Gewächse des VDP angeschaut – oder besser probiert –, die seit dem 1. September dann auch im Verkauf sind. Manche werden schon ab diesem Tag ausverkauft sein, denn es gibt eine kleine Gruppe von Spitzenerzeugern, denen die Großen Gewächse – ab jetzt meist als GG abgekürzt – schon bei der Subskription aus den Händen gerissen werden. Das gilt aber längst nicht für alle. Daher werde ich im Folgenden auch immer wieder eine Betonung auf bemerkenswerte Weine legen, die möglicherweise nicht immer voll im Fokus stehen. Da ich nach den drei Tagen in Wiesbaden noch eine Restwoche in Rheinhessen und auch noch in der Pfalz unterwegs war, konnte ich ein paar Weine nachverkosten. Bei manchen Weinen war mir das ein großes Anliegen. 

Im letzten Jahr habe ich den Bericht mit den Late Releases, also den Weinen begonnen, die ein Jahr später angestellt werden. Neben dem Gros der 2020er Weine waren auch diesmal wieder einige 2019er mit im Feld. Sie haben sich bunt in die Flights gemischt, was ich in diesem Jahr als problematisch empfunden habe, präsentieren sich die beiden Jahrgänge doch deutlich unterschiedlich. sie haben sich nicht ergänzt, sie sind sich eher in die Quere gekommen. Ebenfalls suboptimal bei dieser so glänzend durchgeführten Veranstaltung, bei der man zum Ablauf ansonsten nur applaudieren kann, war die Temperatur der präsentierten Weine. Die Spätburgunder und Lemberger, aber auch die Weißweine empfand ich als zu kalt. Die Kälte kaschiert viel und wenn man den Weinen entsprechend mehr Zeit im Glas gibt, schafft man nicht alle. Ich habe also trotz drei Tagen intensiven Verkostens nicht alle geschafft. Ich muss aber hinzufügen, dass ich abgesehen von der temperatur eh nie alle schaffe, was ja auch an der schieren Menge liegt, worauf ich im letzten Jahr näher eingegangen bin. So habe ich mich bei den Weißburgundern auf einige wenige beschränkt und nicht erst in 2021 gemerkt, dass mich diese Rebsorte als Große Gewächs auch wirklich nicht sonderlich reizt. Es mögen hier und da einige sehr schöne Weine dabei sein, aber insgesamt sind das für mich einfach keine Weine, die ein wirkliches Großes-Gewächs-Gefühl aufkommen lassen. Der Grauburgunder zeigt da mehr. Und ich finde, das haben die Elsässer schon vor langer Zeit richtig erkannt. Der Weißburgunder kommt mit dem Auxerrois zusammen in die trinkfreudigen Cuvées, der Grauburgunder kann auch aus Grand Cru-Lagen stammen. Ebenfalls nicht verkostet habe ich die Mosel-Rieslinge jenseits der Terrassenmosel. Ich finde tendenziell, dass die Terrassenmosel seit langer Zeit sehr klar fokussiert ist auf trockene Weine, der Rest der Mosel immernoch weniger. Und bevor ich mir einen Shitstorm einfange: Natürlich gibt es ganz großartige Große Gewächse an der Mittelmosel, der Saar und Ruwer aber da ich nun mal auswählen musste, habe ich mich für die klassisch trockenen Gebiete entschieden. Schließlich gab es 430 Weine zu verkosten (das sind 47 weniger als im letzten Jahr) und ich starte gleich mal mit dem, womit ich auch am ersten Tag der Verkostung angefangen habe: Silvaner, Grauburgunder und Chardonnay.

Silvaner

Es war nur ein kleines Feld, dass sich bei dieser GG-Probe präsentiert hat. Weingüter wie Bickel-Stumpf oder das Weingut am Stein waren gar nicht vertreten, was Schade ist und möglicherweise zu denken geben sollte. Alledings waren auch die Mengen aufgrund diverser klimatischer Ereignisse gering. Von den 17 Silvanern stammten acht aus 2019. Wirklich begeistert haben mich bei diesen Flights vor allem drei Weine. Der Rödelsee Hoheleite 2020 Silvaner von Paul Weltner besticht mit Klarheit und Finesse. Die Nase ist frisch und saftig mit gelbgrüner Kernobstfrucht, etwas Mirabelle und Zitrone, kräuterwürzig, leicht erdig und steinig mit einer Note von trockenem Holz und Kirschblüten. Am Gaumen wirkt er saftig und klar, sehr präzise mit einer reifen, nicht wirklich druckvollen, aber lebendigen Säure, heller Stein- und Kernobstfrucht und einer wiederum klaren Kräutrigkeit. Pikant ist der Wein, lang und vielschichtig. Der Thüngersheim Rothlauf 2020 Silvaner von Rudolf May präsentiert eine für das Weingut mittlerweile typische leicht rauchige und steinige Nase, ein saftiges weißfleischiges Obst, ein paar rote Beeren, zitrische Noten mit ein paar Zesten. Am Gaumen wirkt der klar und präzise, saftig und seidig. Es gibt eine leichte Jahrgangswärme, die durchflossen wird von einer präzisen Säure, die zum Finale hin immer präsenter wird. Transparent in der hellen Frucht, mineralisch lebendig, salzig und mundwässernd ist dieser Wein, der zu 60 % aus dem Betonei stammt und eine faszinierende Textur bietet. Er hat mich noch ein ganzes Stück weit mehr begeistert als der Retzstadt Himmelspfad 2020 Silvaner von Rudolf May. Der zeigt mehr Holz, mehr Crème, mehr Buttercrème, etwas reife Ananas, ist melonig, aber auch leicht rauchig und steinig

Am Gaumen wirkt er recht füllig zunächst mit deutlichem Holz-Ananas-Abdruck, aber auch nervig, lebendig, salzig und saftig mit weißer und gelber Frucht. Das ist ein vielschichtiger Wein, der sich noch finden muss und wo bei Holzeinsatz vielleicht ein bisschen zu viel gewollt war. Das ist aber sicher ein Wein auf Wiedervorlage in ein paar Jahren. Das dritte Highlight im Bunde war – und das ist nach den letzten Jahren auch keine Überraschung – der Sulzfeld Maustal 2020 Silvaner vom Zehnthof Luckert. In der Nase gibt’s Kurkuma und Curry. Das ist eine ganz andere Nase als beim Rest vom Fest. Dann kommt etwas weiße Frucht und Gestein, am Gaumen wirkt der Wein druckvoll, frisch mit leichter Schärfe. Hier steht der Silvaner auf der exotisch würzigen Seite mit zitrischen Noten, pikant steinig würzigen Noten und etwas Erde und doch auch reifer Frucht dabei. Er zeigt die Wärme des Jahrgangs, kann sie aber hervorragend integrieren. 

Nach diesen drei Spitzen-Silvanern samt dem May-Appendix folgen ein paar Weine, die mehr ebenfalls gut gefallen haben. Der Würzburg Stein-Berg 2020 Silvaner vom Staatlichen Hofkeller Würzburg wirkt in der Nase eher hell, eher zitrisch, kräutrig und mit bissfester Kernobstfrucht, vor allem aber mit zitrischen Noten und Abrieb. Leicht steinig. Etwas Holz, etwas Rauch, etwas Ananas. Am Gaumen wirkt er wie einige andere aus dem Feld zunächst fast weich und seidig, dann aber bekommt er die Kurve und wird immer frischer und fordernder, wird druckvoll, geschliffen mit kräutrigen und steinigen Aspekten. Hier trifft der Stein auf einen Wein, der den Namen auch umsetzt. Aber apropos Stein … Der Würzburg Stein-Berg 2019 Silvaner vom Juliusspital Würzburg schafft das auch, ist aber aus 2019.  Hier zeigt sich eine Mischung aus Holz, etwas Rauch, reifer Melone, etwas Lanolin und Trockenholz. Am Gaumen wirkt der Wein zunächst recht reif und ein wenig bitter, wahrscheinlich durch das Holz, das hier nicht richtig integriert ist bisher. Die Säure wirkt ebenfalls reif, der Wein etwas warm. Warum ich ihn trotzdem lobend erwähne? Weil er am Gaumen immer lebendiger und mineralischer wurde, zum Schluss geradezu elektrisierend. Das könnte sehr interessant werden. Gut gefallen hat mir der Sommerhausen Steinbach Alttenberg 1172 2019 Silvaner von Schloss Sommerhausen. In der Nase zeigt sich schon etwas Petrol wie früher bei australischen Rieslingen, recht zitrisch, leicht kräutrig. Am Gaumen wirkt er saftig, frisch, aber mit runder, fast weicher Säure, pikant, ja fast ein wenig bitter aber durchaus fordernd, energisch und energetisch. Stark fand ich den Iphofen Kammer 2019 Silvaner von Hans Wirsching. Hier zeigt sich ein reifes, saftiges Obst. Leicht exotisch. Mango, etwas Maracuja, Birne, etwas kreidig und Cassis fast an Sauvignon Blanc erinnernd, aber nicht unsexy, wenn auch wenig sortentypisch wirkend. Etwas Cujamara-Split auch, da auch ein wenig cremig. Am Gaumen wirkt der Wein dann rund, saftig, etwas wenig fruchtig wie in der Nase, etwas steiniger. Insgesamt aber schon reif, in Teilen etwas herb, damit auch pikant und leicht erfrischend und insgesamt ausgewogen. 

Das ist, wie auch Wirschings weiterer Silvaner nicht unbedingt ein Stil, den ich persönlich präferiere, aber es ist schlichtweg gut gemacht. Der Iphofen Julius-Echter-Berg 2019 Silvaner von Hans Wirsching liefert einen klaren Holzeinfluss mit Noten von Ananas und Butter, leicht exotisch mit einem leichten Anklang von Gemüse. Dazu etwas weiße Melone und Buttercreme. Am Gaumen wirkt der Wein üppig, reif, wiederum holzbetont, seidig und rund mit reifer Säure und trotzdem durchaus transparent und frisch. Es zeigt sich eine leichte Schärfe im Finale, er wirkt recht Old School und ich hätte mir einen früheren Lesezeitpunkt gewünscht. Das mit dem Lesezeitpunkt, der Reife, der Weichheit der Weine ist für mich immer noch eines der größeren Probleme bei den Silvanern aus Franken. Der Homburg Kallmuth 2019 Silvaner von Fürst Löwenstein bietet eine recht üppige, dichte, typische Silvanernase mit Melone, etwas Steinobst, aber auch ein paar zitrischen Aspekten. Darüber florale Noten, etwas Stein. Am Gaumen wirkt er sanft und weich zunächst mit einer vollen Frucht von hellen Melonen, weißem Pfirsich, etwas Birne und Zitrone. Er kriegt irgendwie nicht die Kurve und verharrt in seiner Weichheit. Der Würzburg Stein-Harfe 2020 Silvaner vom Bürgerspital zum Hl. Geistbesitzt eine reife aber schöne, lebendige und auch elegante Nase von Kern- und Steinobst, etwas Zitronenabrieb, etwas Melone, eine leichte Würze mit Pfeffer. Am Gaumen wirkt er seidig reif und saftig, recht mundfüllend. Es fehlt der Druck, das ist etwas zu reif, zu würzig, die Säure zu reif und dadurch einfach nicht fordernd oder strukturierend. Beim Randersacker Pfülben 2020 Silvaner von Schmitt’s Kinder das gleiche Problem: Am Gaumen etwas wässrig, etwas weich, dann leicht kräutrig und warm, recht lang aber dort etwas brennend. Ananas, etwas Melone, insgesamt zu reif wirkend. Beim Randersacker Hohenroth 2019 Silvaner von Störrlein Krenig habe ich mir notiert: Reif, melonig, üppig, etwas Ananas, reife Zitrone, Holz, Gemüse, am Gaumen ebenfalls reif, rund, etwas warm, cremig mit recht viel Bitterkeit und Hitze. Die Escherndorfer Silvaner haben sich in 2020 alle meiner Ansicht nach ein wenig schwer getan. Der Escherndorf Am Lumpen 1655

2020 Silvaner von Horst Sauer wirkt zunächst angenehm würzig, kräutrig, ganz leicht erdig, entspannt und klassisch wirkend. Das Obst wirkt dabei reif, es gibt Melone, ein bisschen Fruchtzwerg mit Pfirsich. Am Gaumen wirkt der Lumpen rund und reif, saftig und fruchtig mit zu wenig Spannung. Leichte Würze, wieder etwas exotische Frucht und etwas Joghurt. Der Escherndorf Am Lumpen 1655 2020 Silvaner von Rainer Sauer zeigt eine recht reduzierte, zurückhaltende im wesentlichen kräuterwürzige Nase mit ein paar reifen Fruchtspalten und Gestein. Am Gaumen auch dieser Silvaner recht reif, saftig aber doch auch mit einer lebendigen Säure versehen. Im Finale wird der Silvaner immer pikanter und lebendiger, aber immer auch ein bisschen wärmer. Der Escherndorf Am Lumpen 1655

2019 Silvaner von Egon Schäffer ist ein Jahr älter, wirkt einladend cremig, seidig und elegant mit Birnencreme, Ananas und Holz, am Gaumen ausgewogen reif und seidig, durchaus lebendig und pikant mit leichter Fruchtsüße, mundwässernder Säure und Salzigkeit und einer leicht herben Kräutrigkeit. Das hat mir gefallen. Bleibt noch ein Wein, nämlich der 

Iphofen Julius-Echter-Berg 2019 Silvaner von Juliusspital Würzburg. Der wirkt erst floral dann leicht erinnert er an leicht unreife Ananas, Papaya, Holz, wirkt recht rund, weich, reif, im Finale wird es etwas mineralisch und die Säure präsenter. Insgesamt aber ist dies ein noch unausgewogener und unentschiedener Wein. 

Grauer Burgunder

Vielleicht habe ich m ich in den letzten Jahren immer noch zu sehr um den Weißburgunder und weniger um den Grauburgunder gekümmert, aber diesmal habe ich ihm mehr Beachtung geschenkt, und es hat sich in der Spitze wirklich gelohnt. Der erste Wein, den ich probiert habe, war direkt ein Volltreffer und einer der Weine des Tages. Der Fellbach Lämmler 2019 Grauer Burgunder von Rainer Schnaitmann duftet leicht naturel mit Hefe und Hopfen, Ginger Ale und Fallobst sowie etwas süßem Apfelcidre. Kein Eunder, bei Herrn Schnaitmann wird kaum noch geschwefelt und das merkt man bei seinen Weinen. Am Gaumen zeigt sich der Wein saftig und voll, gleichzeitig seidig und elegant, packend mit frischer, klarer Säure, ordentlicher Phenolik und Gerbstoff, Birnencreme und Apfelmost, etwas Tabak und Nuss inkl. einer Walnuss. Bis ins lange Finale hinein ist der Wein pikant und salzig und saftig. Der Burkheim Schlossgarten Villinger 2020 Grauer Burgunder von Bercher erinnert an Klebstoff und einen vor Tagen aufgeschnittenen Apfel. Am Gaumen wirkt er etwas wässrig, etwas leicht brennend, es zeigt sich eine runde Apfelfrucht, er wirkt etwas pikant aber auch recht nichtssagend. Der Burkheim Feuerberg Haslen 2020 Grauer Burgunder von Bercher bietet Kernobst, wirkt etwas nussig, etwas tabakig bietet Noten von Reife und von Holz. Am Gaumen zeigt er ein recht klares Holzaroma, etwas die reife Apfel- und Birnenfrucht überlagernd, recht stoffig, insgesamt durchaus balanciert, vielleicht ein bisschen brennend im Finale. Der Oberrotweil Eichberg 2018 Grauer Burgunder von Salwey

Zeigt sich in einem intensiven Strohgelb mit kupferfarbenem Einschlag. In der Nase wirkt er recht rauchig und nach einer komplexen Melange aus reifem Kernobst und Kräutern mit ein wenig Erde. Geschmacklich wirkt er voll und saftig, dabei sehr gut strukturiert, mit viel Kraft aber auch Eleganz, einer lebendigen Säure und einem ordentlichen Gripp am Gaumen. Die Frucht ist vollreif, der Wein ungemein lebendig und immer salziger und salziger werdend. Direkt daran anschließend begeistert auch der Oberrotweil Henkenberg 2018 Grauer Burgunder Salwey. Er wirkt holzbetont mir reifer Ananas, Rauch, Rauchmandeln, und einer recht reifen aber nicht zu reifen Frucht. Am Gaumen ist das recht seidig, recht klar und saftig, mit einer sehr präzisen, lebendigen Säure. Es gibt Holz, aber nicht zu viel und schon sehr gut angebunden. Der GB ist stoffig aber vor allem auch nervig, lebendig, leicht salzig und pikant. Das sind – auch wenn das nicht meiner favorisierter persönlicher Stil ist – zwei exzellente Weine. Gut fand ich den Oberbergen Bassgeige Kähner 2019 Grauer Burgunder von Franz Keller. Er bietet eine recht reduzierte Nase, nicht viel Holz, nicht viel Frucht, wirkt eher kräutrig und erdig. Am Gaumen ist er saftig, hier zeigt sich mehr Frucht von reifen Äpfeln und Birnen, etwas Birnencreme, er ist lebendig, gut strukturiert, das Holz dienend eingebunden. Der Achkarren Schlossberg 2020 Grauer Burgunder von Michel wirkt old school reif mit deutlichem Holz, Backapfel, Ananas, etwas Nussbutter. Am Gaumen ist er recht kräftig, rund, aber auch sexy mit gelungenem Holzeinsatz, etwas Tabak und saftiger fast brauner Frucht.  Der Achkarren Schlossberg 2019 Grauer Burgunder von Franz Keller bietet eine leichte Reduktion, etwas Flint, etwas Stein, dann eine leichte Kompostnote mit mürbem Obst und Schale. Am Gaumen wirkt er recht rund, recht saftig, etwas wenig aussagekräftig und aktuell insgesamt irgendwie unentschieden zwischen eine leicht warmen und wässrig wirkenden Frucht, Holz und Würze. Der Ihringen Winklerberg „Pagode“ 2019  Grauer Burgunder von Stigler bietet Trockenholz und Apfelschale, wirkt leicht rauchig, leicht nussig und mandelig. Am Gaumen ist er saftig, leicht phenolisch, wahrscheinlich mit verlängerter Maischestandzeit, die dem Wein aber bisher nicht wirklich gut tut. Er wirkt etwas scharf, warm und säurearm.

Chardonnay

Mit den Chardonnay begannen dann – was Burgunder angeht – die Huber-Festspiele. Aber es fanden sich auch ein paar andere sehr schöne Weine. Begonnen hat die Runde mit dem Tiefenbach Heinberg 2019 Chardonnay von Heitlinger. Eine pikante pikante Chardonnaynase mit leicht exotischer Frucht, Birne, Nuss, etwas Nussbutter und Rauchmandel vom Holzeinfluss. Am Gaumen recht reif und saftig, weich und füllig mit runder Säure, die aber auch durch den Holzeinfluss auf der Zunge bitzelt. Insgesamt noch unausgegoren, leicht bitter, leicht wässrig, zu viel Holz, das nicht eingebunden ist und dann auch noch laktisch. Der Malterdingen Bienenberg 2019 Chardonnay von Bernhard Huber zeigt zusammen mit dem ihm nachfolgenden Schlossberg, was gerade an Chardonnay geht in Deutschland. Der Wein wirkt sehr präzise mit einer sehr klaren Nase. Rauch, Stein, nur noch wenig Coche-Dury-Reduktion. Das macht das Ganze viel Eleganter als früher. Birne, Zitrone, Salzzitrone, Gestein, Rauch, Rauchmandel habe ich mir notiert. Am Gaumen saftig und klar, eine gelungene Kombination von cremiger Textur, bestem Holz, heller, zitrischer Frucht und steinigem Terroir. Kraftvoll, druckvoll, präzise und lang. Der Hecklingen Schlossberg 2019 Chardonnay von Bernhard Huber ist noch etwas rauchiger, flintiger aber nicht zu viel, sondern gerade ausgewogen. Aktuell wirkt er etwas weniger offen, leicht exotisch mit ein wenig Ananas und Papaya. Dann aber auch zitrisch und steinig. Am Gaumen ist er kraftvoll und druckvoll, hell und saftig, pikant, leicht herb, enorm saftig durch die salzige Zitrone im Finale, kalkig, zupackend mit Grip. Keine Frage. Julian Huber findet zunehmend seinen Stil, die Weine stehen ganz oben in der Hitliste, und das war bei mir nicht immer so. Wenn ich ihnen überhaupt etwas vorwerfe dann vielleicht, dass sie noch etwas zu glatt wirken. Etwas mehr Dreck & Speck würde ihnen vielleicht noch genau den Hauch an Sexyness geben, der das Ganze noch begehrenswerter macht. Der Oberrotweil Kirchberg 2019 Chardonnay von Franz Keller zeigt, das Fritz Keller da noch nicht ganz angelangt, aber auf dem Weg ist. Der Wein wirkt leicht rauchig, nussig, rauchmandelig, mit etwas Buttergebäck, etwas Toast. Am Gaumen ist er sehr saftig, hell, durchaus druckvoll und saftig, etwas reifer als Huber, etwas mehr Holz aber nicht viel. Elegant. Könnte etwas mehr Grip vertragen. Aber schon recht komplett. Hinter den Ihringen Winklerberg Hinter Winklen „Gras im Ofen“ 2019 Chardonnay Dr. Heger habe ich zwei von drei möglichen Ausrufezeichen gesetzt. In der Nase etwas verhaltene Frucht. Birne in Sahnecreme, ein wenig Holz, am Gaumen recht saftig mit heller Frucht, auch zitrisch, aber eher gelbes Kernobst und etwas Gewürz und Kräuter, nicht allzu auffällig aber in sich sehr stimmig, ausgewogen, saftig und mineralisch. Das hat eine große Zukunft, würde ich behaupten. Der Ihringen Winklerberg „Pagode“ 2019 Chardonnay von Stigler verbindet Kreide mit laktischen Noten und weißfleischiger Frucht. Am Gaumen verbindet sich eine reife Frucht und eine  lebendige Säure. Auch hier wirkt der Wein etwas laktisch, zudem leicht bitter. Insgesamt wirkt die Textur fast sämig, aber gekontert von einer lebendigen Säure. Der Schliengen Sonnenstück 2019 Chardonnay von Blankenhorn schließlich wirkt dezent fruchtig, mit einem angenehm zurückhaltend getoasteten Holz, leicht rauchig, etwas Lanolin, weiße Blüten. Am Gaumen ist der Chardonnay zunächst seidig und rund, wird aber dann sehr saftig, bekommt richtig Druck mit lebendiger Säure und zitrischen Noten, etwas Ananas, Salzzitrone und einer saftig hellen Frucht. Hier ist ein ganz deutlicher Fortschritt zu verzeichnen. 

Kurzes Fazit

Es gab weniger Silvaner als in den letzten Jahren. Über die Zeit hinweg hat sich eine klare Gebietsspitze herausgebildet. Viele Silvaner wirken immer noch zu spät und zu reif gelesen. Zusammen mit dem Holzeinsatz wirken einige recht barock, bei anderen fehlt dann schlichtweg die Säure, gerade in einem Jahr wie 2020.

Der Grauburgunder hat mich diesmal mit einigen exzellenten und einigen guten Weinen überrascht.

Der Chardonnay wird immer besser. Allerdings kam 2019 ihm auch entgegen. Er wirkt deutlich entspannter als in 2018. Bin gespannt, ob sich der Aufwärtstrend mit 2020 weiterentwickelt.

Die aktuell besten Weine

Rödelsee Hoheleite 2020 Silvaner von Paul Weltner 

Thüngersheim Rothlauf 2020 Silvaner von Rudolf May 

Sulzfeld Maustal 2020 Silvaner vom Zehnthof Luckert

Fellbach Lämmler 2019 Grauer Burgunder von Rainer Schnaitmann

Oberrotweil Eichberg 2018 Grauer Burgunder von Salwey

Oberrotweil Henkenberg 2018 Grauer Burgunder Salwey

Malterdingen Bienenberg 2019 Chardonnay von Bernhard Huber

Hecklingen Schlossberg 2019 Chardonnay von Bernhard Huber

Ihringen Winklerberg Hinter Winklen „Gras im Ofen“ 2019 Chardonnay Dr. Heger

Besondere Überraschung:

Schliengen Sonnenstück 2019 Chardonnay von Blankenhorn

Hier geht es zu Teil 2:

3 Kommentare

  1. Jo Hennebach

    Vielen Dank für den ausführlichen Bericht und sehr hilfreichen Einblick! Freue mich schon auf Teil 2. Eine Frage zu Franken: Weißt Du was der Grund ist, warum bspw Bickel-Stumpf oder Weingut am Stein gar keine Weine angestellt hatten?

  2. Ich kann nur spekulieren: Es gab sehr wenig Menge, das Anstellen der Weine ist teuer und sie haben, soweit ich das gehörte habe, keine Lust mehr weil sie mehr ihr eigenes Ding machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.