Vorletzten Samstag haben wir uns in Bonn zu einer kleinen Runde getroffen, um eine Reihe 1990er Rieslinge von Mosel, Saar und Ruwer zu probieren. Der 1990er Jahrgang gilt als Referenzjahrgang für beste Rieslingauslesen aus diesem Anbaugebiet und wir konnten uns ein Bild davon machen, wie es nun, 20 Jahre später um die Frische dieser Weine steht.
Scharzhofberg und Seeriger Schloß Saarstein
Begonnen haben wir zunächst mit einem Scharzhofberger Kabinett von Egon Müller, der allerdings die beste Zeit deutlich hinter sich hat. Alterungsnoten sind sowohl in der Nase als auch am Gaumen prägnant, Gummi, Moder und Satz von schwarzem Tee dominieren diesen ermattet wirkenden Wein.
Mehr Frische und Säure dagegen weist die Scharzhofberger Spätlese auf, die damals noch von der Hohen Domkirche abgefüllt wurde, die heute zu den Bischöflichen Trierer Weingütern gehört. Auch hier zunächst Gummi in der Nase, dann dominiert roter Apfel. Am Gaumen kommt eine cremige Komponente hinzu. Leider verschwindet der Wein relativ schnell im Nachklang, was für mich der einzige Kritikpunkt dieses sonst noch gut strukturierten Rieslings wäre.
Die Seeriger Schloß Saarsteiner Spätlese findet da nicht mehr so ganz zu sich selbst. Da fehlen ein wenig die Struktur und das Säuregerüst, der Wein wirkt etwas zu fruchtsaftig, durchsetzt mit Noten von schwarzem Teesud. Es ist ein wenig schade drum; denn die feine Herbe am Gaumen und die floralen Noten gefielen mir bei diesem Wein sehr gut.
Prüm, Haag, Müller
Im zweiten Flight dann fanden Mosel und Saar zusammen. Über die Frage, ob nun die Wehlener Sonnenuhr Spätlese von J.J. Prüm besser gefiele als die Brauneberger Juffer Spätlese von Haag, waren wir uns nicht recht einig.
Mir persönlich wirkte der Riesling aus der Lage Wehlener Sonnenuhr eine Spur zu eindimensional, füllig, etwas zu fruchtsüß oder, umgekehrt gesagt, es fehlte ein wenig, wirklich nur ein wenig die Säure, die die Süße optimal abgepuffert hätte. Im Gegensatz zum Prüm wirkt Haags Spätlese aus der Lage Brauneberger Juffer frischer, filigraner, fast vibrierend, fein und mineralischer. Es gibt Alterungsnoten bei diesem Wein, aber die stehen im Hintergrund. Hätte ich es nicht gewusst, wäre ich nie darauf gekommen, dass der Wein zwanzig Jahre auf dem Buckel hat.
Der Scharzhofberger Spätlese von Egon Müller stand dieses Alter ganz gut. Ein herber Wein mit leichter Bitternote und einem Duft von, wir hatten den Eindruck, asiatischen Blumen, dazu Apfel und etwas Lakritze, unterlegt mit einer salzigen Mineralität, die ich in den vorherigen Saarspätlesen etwas vermisst hatte. Mit der zweiten Runde bewegten wir uns schon auf einem guten Niveau. Die Runde wurde abgeschlossen von einer 2000er Spätlese von Haag, diesmal sogar aus der Lage Brauneberger Juffer Sonnenuhr. Die hat mir aber gar nicht so gut gefallen wie 1990er Spätlese aus der größeren, günstigeren Lage. Der Wein wirkte auf mich ein wenig leicht, zu wenig greifbar.
Und dann die Auslesen…
Die Riege der Auslesen begann mit einer aus dem Graacher Domprobst vom Weingut Selbach-Oster. Dieser Riesling hat zunächst etwas Medizinisches in der Nase, als sei etwas Salbengrundstoff beigemischt. Der Wein besitzt eine feine Herbe, ich schmecke etwas Tee, Aprikose, leicht Bitterorange und Quitte. Der Domprobst macht was her, so wie man sich eine stattliche Gestalt so vorstellt, füllig ist er, stoffig, mit einer gewissen Eleganz ausgestattet.
Die Auslese aus dem Herrenberg von Maximin Grünhaus stammt dann nicht aus dem Jahr 1990, da hat unser Gastgeber im Keller daneben gegriffen oder irgendwann falsch einsortiert und dies erst gemerkt, als die Flasche schon geöffnet war. Wir trinken also eine 1988er Auslese, die zunächst einmal so riecht, als habe jemand Geranien frisch umgetopft und mit Eistee begossen, in dem ein wenig aufgeschnittener Apfel schwamm. Stoffig wirkt die Auslese, mit markanten Noten von Quitten und Apfel, allerdings kann sie den Geruch des Umgetopftseins nicht ganz abstreifen.
Leider hatte die Auslese aus dem Eitelsbacher Karthäuserhofberg vom Karthäuserhof mit TCA zu kämpfen, was recht schade war; denn trotz Korknote wirkte der Wein großartig mit einem hervorragend ausbalancierten Süß-Säurespiel und satter, dichter, verschwenderischer Frucht.
Wir blieben an der Ruwer, wechselten allerdings wieder hinüber zu Maximin Grünhaus, diesmal zum Abtsberg, zu einer Auslese aus dem Fuder 101. Ein großartiger Wein, gradlinig, klar mit leichter Lakritz- und Medizinnote, kräutrig, salzig mineralisch mit ein wenig grünem Apfel und Johannisbeere. Ganz klar und frisch ist die Abtsberger Auslese mit markanter Säure und Schmelz, ein Charakterwein, den ich ausnehmend gut fand.
Voller als der Abtsberg wirkt die Auslese aus der Brauneberger Juffer Sonnenuhr von Fritz Haag. Einige Bitternoten von Limetten mischen sich in die Steinobstfrüchte. Dazu eine Note, die mich an norwegischen Karamellkäse erinnert. Erstaunlich finde ich auch hier die immer noch so präsente Säure.
Beerenauslese Röttgen 2000, Heymann-Löwenstein
Was zum Schluss als Überraschung auf den Tisch kam, ist denkwürdig. Die 2000er Beerenauslese von Heymann-Löwenstein ist ein ziemlicher perfekter Wein. Eine sehr, sehr dichte, reintönige Frucht steht im Glas und verströmt Aromen von Aprikosen, Mirabellen, Pfirsichen, Orangenschalen, all das frisch und getrocknet, dazu Honig und Minerale. Das setzt sich nahtlos am Gaumen fort, hat unglaubliches Volumen, bleibt dabei aber filigran, weil die Säure einfach so perfekt in der Mitte dieser cremigen Fruchtexplosion steht. Da hört dann auch irgendwann die Möglichkeit der Beschreibung auf, wenn ein Wein so perfekt ausbalanciert ist. Jetzt kann ich die Augen schließen und mir diese Beerenauslese noch mal auf die Zunge denken.
Ich muss zugeben, es ist keine eigene Entdeckung, sondern die meines Partners Michael, der das sympathische Winzerehepaar Bäder entdeckt hat. Auf der Prowein konnte ich Katja und Jens Bäder dann am Stand von A Message in a Bottle selber kurz kennenlernen und ein Besuch im Weingut steht dringend an.
Denn das, was die Bäders an Weinen so auf die Flasche ziehen, gefällt mir. Die Weine besitzen durch die Bank weg Charme, Charakter, sind dabei süffig und fördern den Spaß am Wein ungemein. So kommt es, dass ich zum ersten Mal in der Geschichte dieses Blogs einen Satz über Dornfelder verliere. Diesen hier finde ich durchaus trinkbar, ja, ich sage es nicht gerne, aber es macht Spaß, ihn zu trinken. Dieser Dornfelder von über 30 Jahre alten Reben – der Vater hatte diese Sorte schon vor Jahrzehnten gepflanzt – stellt ein durchaus fruchtig-würziges Vergügen dar, wobei die Frucht sich eher keusch in den Hintergrund begibt, während der Spot sich deutlich auf Gewürze richtet, auf Bittermandel und auch ein wenig Marzipan.
Der frische 2009er Grauburgunder, auch nicht unbedingt zu meinen Lieblingssorten gehörend, zu fett und schwer kommt er häufig daher, ist einer, den ich jedem ans Herz legen kann. Dieser Gutswein schwingt leicht und luftig, wirkt trotz aller Frucht fast ein wenig floral mit feiner Kräuterwürze, dabei behält er seinen typisch cremigen Schmelz. Hach, Terrasse, ich komme!
Und über die Oberliga, Früh- und Spätburgunder und den Lagenriesling La Roche schreibe ich später.
Ich komme direkt noch mal zurück zu Ridge, als Nachtrag zum vorherigen Artikel, gewissermaßen. Habe ich doch kürzlich den 2005er Monte Bello probieren können. Diese Cabernet Sauvignon Cuvée, der im Jahr 2005 Merlot, Petit Verdot und Cabernet Franc dazu gepackt wurden, stammt aus dem Weinberg, der der ursprünglichen Winery den Namen gab. Monte Bello Ridge liegt in den kühlen Gegenden der Santa Cruz Mountains, es ist ein reiner Kalksteinuntergrund, auf dem die Rebstöcke wachsen.
Zugegeben, der Monte Bello ist noch jung, jugendlich, aber es hat enormen Spaß gemacht, diesen Wein zu trinken. Zwar ist das Holz sehr präsent, die Tannine noch ein wenig zu vordergründig, aber das tut der Lust, diesen Monte Bello zu trinken keinen Abbruch. Dieser Wein mit seinen moderaten 13,4 % Alkohol ist jetzt schon stimmig und erstaunlich offen. Zeder und Leder, Schokolade und Mokka verbinden sich mit Noten von Paprika und dichten Kirsch- und Beerenfrüchten. Dabei ist der Wein herrlich kühl und frisch. Zum Schluss bildet sich ein Samtteppich hin zu einem großen, langen Finale. Ein ausgezeichneter Wein.
Seit Wochen beschäftige ich mich ziemlich intensiv mit kalifornischen Weinen. Das hat mit meiner Mitarbeit in der noch zu eröffnenden Atlantic Vinothek in Essen zu tun, deren Weinkeller eine so superbe Dichte an besten kalifornischen Weinen zu bieten hat, dass man weinen könnte. Allerdings werden sich die wenigsten eine Träne aus dem Knopfloch wischen, weil sich die wenigsten wirklich mit kalifornischen Weinen beschäftigen. Die guten Weine sind teuer und gelten hier in Europa eher als over the top. Dicht, konzentriert, marmeladig etc. sind typische Adjektive, die direkt aufkommen, wenn man Kalifornien thematisiert. Wer also hat sich jemals mit Diamond Creek beschäftigt? Oder mit Abreu oder mit Quilceda Creek oder mit Sine Qua Non? Das sind alles Weine, die von Robert Parker schon mal 100 Punkte ergattert haben. Und egal, wie man zu Parker steht – beim Dirk Würtz gab es dazu mal wieder eine längere Diskussion –, und egal, ob man wirklich der Meinung ist, dass ein Wein perfekt sein kann, und wenn, dann nach welchen Maßstäben, so kann man bei einer solchen Bewertung doch zumindest davon ausgehen, dass es sich bei diesen Weinen um denkwürdige und außergewöhnliche ihrer Art handelt.

Nun, wir sind hier in Europa, speziell auch in Deutschland und in Frankreich, sehr schnell dabei, wenn es die Möglichkeit gibt, die USA in irgendeiner Form zu bashen. Ich möchte mich da selber gar nicht ausschließen, schließlich legt es das dortige System ja durchaus darauf an, würde ich behaupten. Auch habe ich genügend Getränke von Gallo, Mondavi, Ravenswood oder Seghesio probiert, die ich völlig eindimensional und überreif fand.
Und doch gibt es dort natürlich einen komplexen und abwechslungsreichen Weinmarkt, nicht mit der gleichen Rebsortenvielfalt wie hier, aber doch spannend.
Eine der Rebsorten, für die Kalifornien berühmt ist, ist der Zinfandel. Bis 2002 war es unklar, mit welcher europäischen Rebsorte er verwandt ist. Mit Hilfe von Genanalysen ist aber klar geworden, dass es sich um eine Form der Primitivo handelt, wie sie in Süditalien vorkommt.
Das Museum Victor Horta, Rue des Americains, feinste Architektur im JugendstilWährend ich also in Brüssel im Hotelzimmer sitze und zu Weingütern wie Corison, Dalle Valle oder Pride recherchiere, probiere ich mal in Ruhe das, wass ich vor drei Wochen bei einer Probe des Fachhändlerbereiches von Gute Weine Lobenberg probiert habe: den 2006er Geyserville von Ridge.
Ridge dürfte zu den Weingütern dieser Welt gehören, die immer noch viel zu häufig übersehen werden. Das ist erstaunlich, kosten doch die Icons der Szene, Cabernets von Harlan Estate, Screaming Eagle und diversen anderen Boutique-Weingütern aus dem Napa Valley gerne mal mehrere hundert bis tausend Dollar. Der Monte Bello, die Vorzeige-Cuvée von Paul Draper, dem Winemaker von Ridge, dagegen liegt zwischen 90 und 110 Euro. Das ist jetzt nicht günstig, aber ähnlich moderat wie beispielsweise die Weine des Château Pontet-Canet im Vergleich zu anderen klingenden Paulliac-Namen wie Mouton oder Lafite. Die Weine aus der zweiten Reihe, der Cabernet Santa Cruz Mountains, die Zinfandel-Cuvée Geyserville oder Lytton Springs dagegen kosten um die 30 Euro. Und dafür hat man etwas Exzellentes im Glas.
Das erste Mal bin ich über die Flaschen von Ridge gestolpert, weil mir die Etiketten so gut gefielen. Das ist vielleicht verzeihlich, weil ich als Grafikdesigner immer auch mit den Augen trinke. Ridge hat das schlichte, zeitlose und klare Design im Laufe der Jahrzehnte nie geändert und das mag ich schon mal sehr. Hinzu kommt etwas, das ich von kaum einem anderen Weingut kenne. Alle wesentlichen Informationen zum Jahrgang, zur Ernte, zum Wetterverlauf etc. stehen detailliert auf der Flaschenrückseite.
Ridge wurde in der ersten Boomzeit des kalifornischen Weinbaus als Monte Bello Winery gegründet – sie besaß damals 72 Hektar am Monte Bello Ridge. Anfang der 60er Jahre wurde die Winery dann von David Bennion und drei Arbeitskollegen der Standford University aufgekauft und umbenannt. Paul Draper wurde Teilhaber und Winemaker – was er bis heute ist. Es ist sein Stil, den man in all diesen Weinen findet – ein Stil, der amerikanisch ist und doch europäisch. Paul Draper macht nie fette, marmeladige Weine, sein Monte Bello 2005, den ich vor drei Wochen getrunken habe, besitzt eine außergewöhnliche Eleganz. Trotzdem nutzt er, und das vertritt er vehement, ausschließlich amerikanische Eiche für die Fässer, auch wenn dies wiederum bei vielen als unelegant gilt.
Wenn wir von Ridge reden, dürfen wir übrigens die legendäre Probe von Paris 1976 nicht unerwähnt lassen. Hier, ich habe es schon mal erwähnt, wurde zum ersten Mal geradezu offiziell deutlich, dass kalifornische Weine französischen Spitzengewächsen nicht nachstehen. Es waren vor allem französische Kritiker, die die kalifornischen Weine eigentlich gerne mit einer blasierten Handbewegung vom Tisch gewischt hätten, gerade diesen aber dann in der verdeckten Verkostung die besser Noten ausstellen mussten. Vor allem die überlieferten Kommentare sind köstlich, die von Ignoranz nur so triefen. Für die Franzosen war die Offenlegung der Bewertungen damals eine mittlere Katastrophe, die Ergebnisse wurden in der französischen Presse nahezu totgeschwiegen, während der Landpreis im Napa Valley innerhalb von Wochen in die Höhe schoss und Weingüter wie Stag’s Leap oder Château Montelena innert Stunden ausverkauft waren.
Der Wein, der in dieser Probe hinter Haut Brion, aber vor Leoville Las Cases den fünften Platz belegte, war damals der 1971er Ridge Monte Bello. Was aber noch denkwürdiger ist, ist die Tatsache, dass der gleiche Wein dreißig Jahre später bei der Wiederholung der Probe – schließlich waren die Franzosen ja der Meinung, französische Weine würden viel besser altern als kalifornische Gewächse – bei zwei parallel abgehaltenen Verkostungen in London und Los Angeles jeweils den ersten Platz belegt hat – übrigens vor den Weinen von Stag’s Leap, Mayacamas, Heitz und Clos du Val. Château Mouton-Rothschild kam als erster Franzose auf dem sechsten Platz.
Der 2006er Geyserville, eine Cuvée aus 72 % Zinfandel, 18 % Carignan und 10 % Petite Sirah kommt mit einer ziemlichen Wucht daher. Es war ein heißes Jahr und der Alkoholgehalt dieses dichten Weines liegt bei 14,5 %. Das ist relativ viel für ein Weingut, bei dem der Alkoholgehalt gerne bei 13 bis 13,5 % liegt. Eigentlich ist der Wein noch zu jung. Wo ich über Ridge lese, wird geschrieben, dass die Weine frühestens fünf Jahre nach Abfüllung geöffnet werden sollten, weil sie sich dann weg bewegen von der fülligen, dichten, satten Art hin zu einem feineren, burgundischen Stil. Dafür bin ich also jetzt zu früh dran, ich befinde mich noch in der Sturm- und Drang-Zeit des Weines und die beeindruckt schon sehr. Denn wenn auch dieser Wein dicht und alkoholreich ist, merkt man das eigentlich nur daran, dass irgendwann der Kopf schwirrt. Das ist nichts Brandiges, nichts, ich sagte es schon, Fettes. Reifer Beerensaft, leichte Vanilletöne, Schokolade finden sich in einem runden, geschlossenen Zinfandelmonument. Zu diesem Wein und zu einigen anderen Themen gibt es übrigens eine schöne Vaynerchuk-Folge, zusammen mit Jancis Robinson.
Michael und ich hatten gestern dank der Wirtschaftsförderung der Stadt Goch, kom.M, einmal mehr die Möglichkeit, ungewöhnliche Weine an ungewöhnlichen Orten zu präsentieren. Nach dem Museum Goch, der Druckstraße von B.O.S.S.-Druck und dem Fünf-Ringe-Haus war es diesmal die Weltenbühne im Ortsteil Hassum – ein Schmuckstück aus der Sammlung des verrückten Puppenspielers Heinz Bömmler. Heinz nennt sich selber so, dabei ist er alles andere als das. Er ist ein versierter Geschäftsmann, der seine Sammelleidenschaft zum Lebensinhalt gemacht hat und dessen Weltenbühne nur ein kleiner Teil dessen ist, was unter Viller Mühle firmiert und weit über den Niederrhein hinaus bekannt ist – zum einen als Veranstaltungsort prominenter Kabarettveranstaltungen, Beispielsweise der WDR-Reihe Hart an der Grenze, zum anderen als Hort von unzähligen Alltagsprodukten und ganzen Kulissen vergangener Zeiten, die hier für historische Film- und Fernsehaufnahmen regelmäßig geliehen werden.
Die Weltenbühne war für uns der geeignete urige Rahmen unserer kleinen Reihe, in der wir uns am Niederrhein mit dem Oberrhein beschäftigt haben. Wer sich fragt, wie es dazu kam, außer dass am Oberrhein eindeutig gute Weine gemacht werden? Es ist schlicht der gerade aktuelle Spargel, der beide Regionen ganz nahe aneinander rücken lässt und der das Verbindungsglied des Abends darstellte.
Bis auf einen Abstecher an den Vorderrhein, genauer gesagt nach Malans in der Bündner Herrschaft, haben wir uns also mit dem Markgräfler Land, dem Bodensee, dem Zürichsee, dem Schwarzwald und dem Elsass beschäftigt und mit einer Riege von André Stentz begonnen.
Es ist jammerschade, dass die Elsässer Weine im allgemeinen solche Ladenhüter sind, gibt es hier doch wahre Schätze zu bergen und auch unauffällige Kleinodien zu entdecken. André Stentz, einer der frühen Vorreiter der elsässischen Bioszene, der mittlerweile alle guten Winzer dort angehören, macht seit vielen Jahren einen der besten Crémants, die ich kenne. Der 2008er Crémant d’Alsace aus Pinot Blanc, Pinot Gris und Chardonnay beweist dies ein weiteres Mal. Eine feine Perlage, ein frisches Aroma von Brioche und Nüssen in Verbindung mit mürben Früchten wird durch eine feine Säure herrlich gepuffert. Der Crémant d’Alsace Rosé, neu im Programm, wirkt ebenso fein. Der Pinot Noir aber dreht den Aromenkreis in eine ganz andere Richtung von satten roten Früchten. Ähnlich überzeugend wie die Crémants wirkte der Gutsriesling, der Riesling Alsace AOC des Hauses André Stentz. Trocken, luftig, frisch, mit einer feinen blumigen Note – aromatisch also, aber überhaupt nicht ausladend, sondern eher filigran und fein.
Bis zum Spargelessen führte die Reise vom Elsass aus zurück über die Grenze in die Nähe von Lörrach, wo Gerd Schindler im Weingut Lämmlin-Schindler einen hervorragenden Weißburgunder aus dem Mauchener Sonnenstück vinifiziert hat.
Weiter ging die Reise durch das Ländle und den dortigen Rebsortenspiegel zum Auxerrois der Aufrichts, die ich hier, hier und hier mal ausführlicher beschrieben habe. Der Auxerrois aus den Meersburger Lagen am Bodensee wirkte allerdings ein wenig zu dropsig, um auf Dauer spannend zu sein.
Deutlich spannender und so gelungen wie so ziemlich alles, was Alexander Laible so anpackt als Winzer, ist der Chardonnay SL***. Ein fruchtiger Chardonnay voller Kraft und gleichzeitiger Finesse. Herrlich ausgewogen zwischen Frucht, einer salzigen Aromatik und einer angenehmen Säure. Wenn auch noch sehr jung, wir haben den aktuellen 2009er Jahrgang probiert, gefällt dieser Weine, wenn auch manche Teilnehmer des Abends etwas Schwierigkeiten hatten, sich durch den krautig-gemüsigen Duft der Spontangärung durchzuarbeiten.
Zum Spargel dann gab es Ziereisens Gutedel Heugumber. Wer meinen Blog liest, kann mehr zu Hanspeter Ziereisen finden. Der Heugumber ist für mich einer der Sommerweine, nicht nur zum Spargel. Leicht, beschwingt, mit feiner Frucht und Würze, wenig Säure und Alkohol zum moderaten Preis ist das ein richtiger Spaßwein.
Der Wein zum Dessert kam da aus einer ganz anderen Liga. Zurück im Elsass widmeten wir uns dem Gewürztraminer Furstentum Gran Cru Vielles Vignes der Domaine Albert Mann aus dem Jahr 2007. Die Lage Furstentum wird bereits im Jahr 1330 in den Weininventarbüchern des Klosters Basel erwähnt. Der Gewürztraminer ist eine Wucht im wahrsten Sinne. Er dürfte gerade jetzt am Anfang seiner Trinkreife stehen, entfaltet im Laufe des Abends – wir haben ihn früh vorher geöffnet – ein großartig dichtes Aromenspektrum von Rosen, Litschi und Grapefruit in Kombination mit dieser markanten, sortentypischen leicht herben Würze. Eine Wucht aber auch deshalb, weil dieser Wein trotz ordentlicher Restsüße noch 13,5 % Alkohol beisteuert. Das ist nicht leicht zu verkraften, macht aber, wenn man diesem Wein Zeit widmet – Michael und ich haben dies dann nach der Veranstaltung noch ein wenig ausgedehnter getan –, sehr viel Freude.
Die Rotweine des Abends haben leider nicht nur polarisiert, das war uns klar, nein, anscheinend haben wir das Publikum ein wenig überfodert. Zwei Pinot Noir, ein Gamaret und ein Syrah standen auf dem Programm. Das sind letztlich alles nicht unbedingt Weine für Menschen, die sich nur selten tiefer mit dem Thema Wein auseinandersetzen.
So überraschte uns, dass selbst der 2007er Spätburgunder Markgräfler Land von Martin Wassmer den wenigsten zusagte. Ein burgundisch ausgebauter Typ, straight, aber nicht zu kompliziert mit einer angenehm weichen Holznote im Finale. Noch ablehnender standen die meisten dem Blauburgunder 2005 Zur Krone Malans von Anton Boner-Lichti gegenüber. Wirklich überzeugend fand ich diesen Wein allerdings auch nicht, genauso wenig den Gamaret aus der Staatskellerei Zürich. Auch diesen hatten wir vorher geöffnet und kurz probiert. Dabei wirkte der Wein aus der 1970 gezüchteten Traubensorte, die praktisch ausschließlich rund um Zürich angebaut wird, zunächst ganz spannend, weil sie wie keine andere Traube nach frisch gekochtem Rotkohl riecht, nach Rotkohl mit Nelke und ein wenig Pfeffer. Schwer wirkte er in der Nase, weicher und samtiger dann war er am Gaumen. Zweieinhalb Stunden später am Abend wirkte der Wein dann schon etwas müde und ich hatte starke Assoziationen an mit Maggi versetzte Würzsoße.
Für mich über jeden Zweifel erhaben war zum Schluss der 2007er Syrah Gestad von Hanspeter Ziereisen. Ein ausgezeichneter Wein, dessen Aromen von Teer zwar auch nicht allen zusagten, wohl aber mehr Teilnehmern des Abends. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich diesen Wein probiere. Ein Cool-Climate Syrah, nicht schwer, nicht fett, nicht überbordernd. So wie Hanspeter Ziereisen auch seine Blauburgunder zunehmend ausbaut, wird auch der Syrah immer filigraner und präziser. Die kleinen Mengen sind schnell ausverkauft und nicht einmal die Ziereisens konnten uns aus ihrem Keller noch etwas schicken. Bernd Klingenbrunn & Armin Maurer, kurz K&M Gutsweine, aber hatten noch eine Magnum für diesen Abend, die sie uns glücklicherweise kurzfristig zusenden konnten; denn sonst wäre das Rebsortenspektrum des Abends um eine Attraktion ärmer gewesen.
Eine schöne Reise war’s, eine Reise mit einigen Einblicken in eine alte Kulturlandschaft, die genauso oft gespalten wurde durch Kriege und Verwüstungen wie sie auch immer wieder zusammengefunden hat in gemeinsamen Interessen und Traditionen. Und eine Weinreise ist sie auf jeden Fall wert.