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Die Champagne und das Pariser Becken – ein Blick auf das Wechselspiel von Rebsorten und Böden

05/Mai/15 13:00 kategorisiert in: Champagne, Weinland Frankreich

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Klassischerweise steht Champagner für eine Komposition. Diese Komposition oder Cuvée kann mehrere Rebsorten, unterschiedliche Weinberge und auch verschiedene Jahrgänge beinhalten. Der Brut, der heute typischste aller Champagner, hat normalerweise von all dem etwas. Er entsteht aus Trauben, die oft in der gesamten Champagne gelesen wurden und deren Grundweine aus verschiedenen Jahren stammen. Neben solchen breit komponierten Champagnern kann es jedoch auch kleingruppiger werden. Sei es, dass nur eine Rebsorte verwendet wird, sei es, dass der Champagner aus lediglich einem Jahrgang (Millésime) stammt, sei es, dass der Wein aus lediglich einem Ort (Mono-Cru) oder Weinberg (Lieu-dit) kommt. Diese Spezialisierung, die ihren Höhepunkt in einem Champagner findet der aus einem Jahr, von einer Rebsorte und sogar aus lediglich einem Weinberg stammt, findet man zunehmend häufiger. Zwar haben einige renommierte Häuser wie Krug mit dem Clos du Mesnil oder Philipponnat mit dem Clos des Goisses mit einem solchen Triple-Single-Champagner schon vor wenigen Jahrzehnten begonnen, doch sind diese Weine eigentlich das Feld der Winzer. Sie sind in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer stärker diesen zweiten Weg der Champagne gegangen. Dieser verortet den einzelnen Champagner konsequenter, als es eine Cuvée tut.

Aus diesem Grund macht es Sinn, einmal genauer hinzuschauen, wie die oft so hochgelobten und als einzigartig beschriebenen geologischen Voraussetzungen der Champagne sich überhaupt darstellen. Gibt es das besondere Terroir? Und wenn ja, wie sieht es eigentlich aus? Dazu habe ich in der Champagne-Lounge der Prowein 2015 eine Masterclass gehalten und zusammen mit den Anwesenden anhand von zehn unterschiedlichen Winzer-Champagnern einmal auf das Wechselspiel zwischen Boden und Rebsorten in der Champagne geschaut und fasse das im Folgenden etwas ausführlicher zusammen.

Die Sub-Appellationen der Champagne
Ohne Zweifel gehört die Champagne zu den großen Wein-Terroirs, die Frankreich zu bieten hat. Doch besteht die Champagne natürlich längst nicht nur aus Kalk und Kreide, wie es häufig kolportiert wird. Allein die heute gebräuchliche Unterteilung in Sub-Appellationen deutet schon darauf hin, dass wir es mit einem komplexeren Zusammenspiel von Boden und Mikroklima zu tun haben. Wenn man auf die Karte der angebauten Rebsorten schaut, wird auch schnell klar, dass sich bestimmte, fast reinsortige Zonen gebildet haben. Die wahrscheinlich berühmteste davon ist die Côte des Blancs, in der auf oft reinen Kreideböden zu 95 % Chardonnay wächst. Nicht weit davon entfernt aber, im südöstlichen Teil der Montagne de Reims, findet sich ein ähnlicher Boden, auf dem fast ausschließlich Pinot Noir wächst. Entlang des Vallée de la Marne gen Westen wird der Bestand an Pinot Meunier immer dichter, während ganz unten im Südosten des Gebiets der Pinot Noir wieder deutlich die Oberhand hat. Die Sub-Appellationen Montagne de Reims, Vallée de la Marne, Côte des Blancs und Côte des Bar sowie die kleinen Zonen Montgueux, Vitry-le-Francois, Côte de Sézanne oder auch das Massif de Saint-Thierry geben zwar einen Hinweis auf unterschiedliche Stilistik und Voraussetzungen, die wirklich entscheidenden Bruchkanten innerhalb der Champagne jedoch verlaufen teils woanders.

Champagne_Pariser_Becken

Das Pariser Becken
Die Champagne in ihrer heutigen Form ist Teil des Pariser Beckens und somit Teil einer über Millionen Jahre erfolgten Aufschichtung von Sedimenten, die vielfach mit Versteinerungen früher Lebensformen angereichert ist. Diese Sedimentbecken, von denen das Pariser als archetypisch gilt, entstehen, wenn sich rundherum Gebirge auffalten und das Becken organisches Material ansammelt. Im Falle des Pariser Beckens ist es so, dass es sich zum Kanal hin öffnet (auf der anderen Seite des Kanals findet man dann gleiche Kalk- und Kreidevorkommen wie in der Champagne) und auf der abgetrennten südostenglischen Seite fortgeführt wird, während das Massif Armoricain, das Massif Central, der Morvan, die Vogesen, die Ardennen und das rheinische Schiefergebirge die Grenzen bilden. Die tiefsten Schichten der Sedimentbecken liegen 3.000 Meter tief und sind meist die härtesten und am dichtesten zusammengepressten, während die oberen Schichten häufig sandig und schluffig sein können. Im Pariser Becken, dessen tiefste Ausläufer bin an die Obermosel um Perl herum reichen, finden sich mindestens acht Schichten, von denen fünf die Champagne direkt betreffen. Die ältesten Schichten in Luxembourg und Obermosel sind Sandsteinschichten aus dem Trias (245–195 Mio. Jahre), dann folgen die Kalksteinschichten aus dem späten, mittleren und jüngeren Jura (195–135 Mio. Jahre), die von der Mosel bis zum Chablis und Bar-sur-Aube reichen. Die nächste Schicht aus der älteren Kreidezeit (135–96 Mio. Jahre) liegt oberhalb der Côte-des-Bar in jenem Bereich der Champagne, in dem kein Weinbau stattfindet, während die jüngere Kreidezeit (96–65 Mio. Jahre) sich in den Böden von Montgueux über Épernay bis Reims ausdrückt. Westlich von Épernay im Tal der Marne finden sich Ausläufer des Paläozän (65–55 Mio. Jahre), während sich vom Massif-de-Saint-Thierry über die Île de France bis nach Paris die jüngste Schicht, das sogenannte Oligozän (36–24 Mio. Jahre), zieht. Somit befinden sich innerhalb der Champagne fünf Schichten mit vier Bruchkanten, die man in den Böden des Gebietes wiederfindet und zu denen natürlich bestimmte Rebsorten passen, die die Eigenheiten der Böden deutlich widerspiegeln.

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Fünf verschiedene Bruchkanten des Pariser Beckens spielen in der Champagne eine Rolle.

 

Die Champagne des Paleozän am Massif de Saint Thierry
Im nordwestlichsten Teil der Champagne, rund um die Orte Prouilly, Chenay und Merfy und oberhalb des Flusses Vesle, der auch durch Reims fließt, findet sich ein kleiner geologischer Bereich des Sedimentbeckens, der zur zweitjüngsten Schicht, dem Eozän, gehört. Das Eozän entstand zwischen 56 und 34 Mio. Jahren. Der Beginn dieser Zeitspanne ist geprägt durch einen hohen Temperaturanstieg und durch einen damit verbundenen Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre. Es war global so warm, dass die Pole eisfrei waren und es noch eine Landbrücke zwischen Eurasien, Grönland und Nordamerika gab. In dieser Zeit entstand eine große Gruppe an Säugetieren, wie Unpaarhufer, Fledertiere, Nagetiere und Primaten. Entsprechend findet man in dieser Schicht Fossilien von Urpferden, Tapiren, Krokodilen und Riesenlaufvögeln.

Der Kalk liegt hier sehr tief im Untergrund und ist für die Reben kaum erreichbar. Wichtiger ist die Kreide, die an manchen Bruchkanten an die Oberfläche dringt, grundsätzlich aber unter zwei weiteren Schichten liegt. Der Boden hier wird geprägt von Mergel, Ton, Schluff und verschiedene Arten von Kiesel und Sand. Diese obere Schicht sorgt zusammen mit der etwas kühleren Temperatur dafür, dass hier vor allem Meunier angebaut wird und ein wenig Pinot. Stilistisch haben die Weine, die im Prinzip zur Montagne de Reims gehören, nicht viel mit jenen zu tun, die beispielsweise aus Verzy oder gar Bouzy stammen. Die Weine verfügen über deutlich weniger Säure, als es an der Côte des Blancs der Fall ist, sie sind etwas breiter, saftig, manchmal ins Exotische gehend. Dies ließ sich während des Vortrags vor allem in den Weinen von Maxime Blin feststellen. Ich selber empfehle zusätzlich die Weine von Chartogne-Taillet und Francis Boulard & Fille, beide hier ausführlicher erwähnt.

Champagne_Boeden

Die Champagne des Oligozän in der Montagne de Reims und dem Vallée de la Marne
Geologisch gesehen, ist die D951/N51 eine interessante Straße innerhalb der Champagne; denn östlich dieser Straße, die vom Reims nach Épernay führt, ändert sich das geologische Gefüge hin zu deutlich kalkreicheren Böden und entsprechend ändern sich die Pflanzungen von Pinot Meunier zu Pinot Noir. Bleiben wir auf der westlichen Seite der D951/N51, so wird die Montagne de Reims in Orten wie Gueux, Vrigny oder Chamery vor allem durch das Oligozän bestimmt. Dieses definiert den Zeitraum 34 bis 23 Mio. Jahre. In dieser Zeit wurde es wieder deutlicher kühler (zunächst 5°C im Jahresmittel weltweit, später noch deutlich kälter). Die Polkappen begannen zu vereisen und es bildete sich der zirkumpolare Meeresstrom. Das Anwachsen vor allem der polaren Gletscher führte zu einem Absinken der Meere um zunächst ca. 30 m bis später 150 m. Dadurch entstanden diverse neue Landverbindungen und somit konnten auch nach Mitteleuropa neue Tierarten z. B. von Asien aus eindringen.

Auf der bereits erwähnten Ton- und Lehmschicht liegt hier der jüngere Mergel, durchzogen von sogenanntem Mühlstein, einem dichten, teils porösen Stein aus Kalk und Silit, der in Paris gerne zum Bauen verwendet wird.

Aus der gleichen Zeit stammt ein großer Teil der westlich gelegenen Weinberge im Tal der Marne. Zwar hat der Fluss Teile davon weggewaschen, sodass nahe am Wasser Böden der Kreidezeit zu sehen sind, doch wird das gesamte Gebiet durch Lehm, Ton und Sand geprägt. Teils ist der Boden so sandig, dass man dort noch einige nicht veredelte Rebstöcke antrifft, meist aber ist es Lehm, auf dem zu 80 % Pinot Meunier zu finden ist. Apropos Tarlant… Tarlant ist einer der Winzerbetriebe, wo man diese unterschiedlichen Schichtungen sehr genau untersucht hat und auch in den Weinen abbildet.

Champagne_Rebsorten

Exemplarisch: Champagne Tarlant
Die Cuvée Louis ist ein Blend von 50 % Chardonnay und 50 % Pinot Noir, die beide von der Lage „Les Crayons“ in Œuilly stammen. Wie der Name schon sagt, ist dies eine kleine Kreidelage an der Marne. Hier findet sich pure Kreidezeit. Der Vigne d’Antan ist ein reinsortiger Chardonnay von wurzelechten Rebstöcken, die in der Lage Les Sables stehen – ebenfalls in Œuilly. Dies ist Eozän, 45 Mio. Jahre alt und so sandig, dass es kein Problem mit Rebläusen gibt. La Vigne d’Or ist 100 % Pinot Meunier von alten Reben, die in der Lage „Pierre de Bellevue“ in Œuilly stehen, und repräsentiert eine Zeitspanne innerhalb es Eozän, wo sich Kreide in einem Mix mit Tonerde befindet (ausgehendes Paläozän bis Eozän, etwa 56 Mio. Jahre). Schließlich gibt es einen ersten Jahrgang des reinsortigen Pinot Noir La Vigne Royale aus dem Weinberg „Mocque Tonneau“ in Celles-lès-Condé, weiter westlich von Œuilly gelegen und aus hartem Kalkstein geformt.

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Wie sollten diese unterschiedlichen Böden auch nur annähernd einen gleichen Wein hervorbringen? Foto Copyright: Champagne Tarlant

Bei Tarlant findet man also eine ganze Reihe verschiedener Schichten und entsprechend unterschiedlich sind die Weine, die an sich ganz ähnlich ausgebaut werden, wenn auch die drei rebsortenreinen Weine auch Jahrgangschampagner sind, während die Cuvée Louis mit 15% Reserveweinen aufgefüllt wird. Die Weine werden alle im neuen Holz ausgebaut und es gibt niemals biologischen Säureabbau. Die Dosage liegt bei 0 bis 3 Gramm.

Die Cuvée Louis präsentiert sich mineralisch säurebetont und gleichzeitig voll, generös, dunkel, würzig, aber ebenso cremig mit Anklängen an Honig, Haselnuss und kandierte Früchte. La Vigne d’Antan dagegen ist meilenweit von einem Blanc de Blancs entfernt, wie man ihn in kreidebetonten Gegenden findet. Der Wein zeigt sich viel seidiger und statt der Zitrusaromen, die man gerne in den typischen Chardonnays an der Côte des Blancs hat, dominieren hier Akazienblüten und Äpfel. La Vigne d’Or bringt Meunier und den passenden Boden zusammen. Die Säure gibt sich zurückhaltender, dafür erinnert der Wein an exotischen Fruchtsalat mit Mango, Ananas, Litschies und Maracuja. La Vigne Royale schließlich zeigt das Zusammenspiel von Pinot Noir und hartem Kalkstein aus dem jüngeren Jura, wie wir ihn hier eigentlich sonst nur tief im Untergrund finden oder eben an der Oberfläche der Côte des Bars weiter im Südosten. Tarlant ist also ein gutes Beispiel dafür, dass man auch in einer von Mergel, Ton und Meunier geprägten Gegend zwischendrin auch mal die andere Champagne findet.

Eine weitere Besonderheit des Marne-Tals ist übrigens der sogenannte Tuffeau de Damery, benannt nach dem Ort, den man auf der rechten Seite der Marne unweit von Épernay findet. In den höchsten Weinbergen entlang des Flusses findet man eine Bedeckung aus 45 Mio. Jahre altem Tuffstein des Eozän, in dem sich eine enorme Fülle an hervorragend erhaltenen Muschel-Fossilien angesammelt hat.

Die östliche Montagne de Reims und der Übergang vom Eozän zur Kreidezeit
Biegt man unterhalb von Reims, die D951 Richtung Épernay entlangfahrend, bei Villers-Allerand auf die D26 ab, erreicht man schnell die wichtigen Orte dieses Abschnitts der Montagne. Rilly-la-Montagne, Ludes, Verzenay, Verzy sind noch vom Eozän geprägt, doch schimmert hier in den unteren Teilen der Hügel die Kreide immer stärker durch. Fährt man den Bogen weiter, erreicht man Trépail, Ambonnay und Bouzy, wo man, geologisch gesehen, schon fast an der Côte des Blancs angekommen ist. Eigentlich könnten diese Orte schon genauso komplett mit Chardonnay bestockt sein wie Vertus oder Le Mesnil-sur-Oger. Diese Sorte findet man auch in Trépail, doch in Bouzy und Ambonnay wird traditionell schon seit Jahrhunderten Pinot Noir angebaut – und zwar der vielleicht beste der gesamten Champagne.

Die Weinberge der genannten Orte unterscheiden sich dabei von Ort zu Ort, doch für den nördlichen Teil der östlichen Hügel rund um Verzenay – der Ort mit Leuchtturm und Mühle – kann man festhalten, dass sich die an die Hügel geschmiegten Weinbergslagen quer durch Kreidezeit, Paläozän und Eozän bis Oligozän ziehen. Auch wenn die Rebstöcke vor allem im Kreidekalk der Kreidezeit und des Paläozän stehen und nur die oberen Reihen in Ton und Mergel, werden die Lagen doch deutlich von den darüber liegenden Schichten beeinflusst, denn Silit, mit Fossilien angereicherter Mergel, Sand, Ton und der ganz oben liegende, metallreiche Ton sind mit mineralreicher Braunkohle durchmischt. Die cendres oder terre noire reichern seit Jahrhunderten die darunterliegenden Weinberge an.

verzyVerzy, wo der Teil mit Baumbestand verdeckte obere Teil der Hügel den unteren Teil mit speziellen Mineralen versorgt.

Wenn man nach typischen Weinen für diesen kleinen Bereich sucht, dann sollte man zum Beispiel bei François Secondé in Sillery vorbeischauen, das zugegebenermaßen nicht direkt an der D26 liegt, sondern an der größeren E50, der Autouroute de l’Est. Sillery war neben Aÿ lange der berühmteste Weinort rund um Reims und es gab bis ins 19. Jahrhundert Etiketten, die nicht mit Champagne, sondern mit Sillery Mousseux gelabelt waren. Bei Secondé lohnt es sich, den Blanc de Noirs La Loge zu probieren, denn es ist ein reinsortiger Pinot Noir aus Sillery aus fünfzig Jahre alten Reben, der in einer Solera ausgebaut wird. Eine weitere Empfehlung wäre die noch junge Unternehmung Penet-Chardonnet. Alexandre Penet hat 2009 seinen ersten Jahrgang gemacht, ist aber ein versierter Weinmacher mit einer klaren, terroirbetonten Ausrichtung. Die Familie, die es bereits seit 400 Jahren in Verzy gibt, hat 40 Parzellen in Verzy und dem benachbarten Verzenay. Die Champagner bilden sehr klar die Bodenstrukturen mit ihrem hohen Maß an mineralischem Gehalt ab.

Die obere Kreide: Von Ambonnay und Bouzy über die Côte des Blancs bis nach Montgueux
Je weiter man von Ambonnay und Bouzy über Aÿ und Épernay an die eigentliche Côte des Blancs kommt, desto dünner wird die Auflage auf der Kreide des Campaniums (84 bis 72 Mio. Jahre). In den oberen Teilen der Hügel findet man zusätzlich Tertiär-Kalkstein mit hohem Tonanteil. Der Boden, den man hier in teils reiner Form bis zur Oberfläche findet (vor allem in Le Mesnil) und der dort oft nur von etwas Staub oder einer dünnen Grasnarbe bedeckt ist, bildet die Seele des Gebietes. Er besteht aus den Überresten unzähliger kalkhaltiger Algen und den brüchigen Schalen kleinster Meereslebewesen, die in riesigen Mengen die Urzeitmeere der Kreidezeit bevölkerten und, wenn sie starben, wie Pulverschnee hinabsanken – und das für Millionen von Jahren. Heute bildet die Schicht einen basischen Schwamm, der jeden Tropfen Wasser aufsaugt, an dem sich dann die Rebe bedienen kann. Das kommt den Reben sehr zugute, denn der Niederschlag in diesem Gebiet ist mit 660 mm im Jahresmittel nicht besonders hoch.

Fährt man von Verzy über Trepail nach Bouzy, dann merkt man, dass es in den Weinbergslagen wärmer wird, was nicht zuletzt daran liegt, dass die besten eine klare Südausrichtung haben. Bouzy und Ambonnay sind nicht nur bekannt für Champagner, sondern auch für stillen Pinot, sogenannten Coteaux Champenois. In Ambonnay kommt die Kreide schon bis an die Oberfläche durch und liegt in dichten Schichten unter den Weinbergen – Les Crayères, der vielleicht bekannteste Lieu-dit führt diesen Boden schon im Namen. Die Pinots aus diesen Orten bilden entsprechend der Bodenstruktur eine rotes Pendant zu den Chardonnays von der Côte des Blancs, sie sind üppig und sinnlich und dabei von einer enorm rassigen und mineralischen Säure getragen. Es ist kein Wunder, dass Krug sich als Pendant zum Clos de Mesnil für einen kleinen alten Weinberg ausgerechnet in Ambonnay entschieden hat, um neben reinsortigem Jahrgangs-Einzellagen-Chardonnay das Gleiche auch in einer Pinot-Noir-Variante anzubieten.

Empfehlungen für diese Orte sind ganz klar Paul Bara, Benoît Lahaye und Pierre Paillard für Bouzy und Egly-Ouriet, Éric Rodez und Marie-Noëlle Ledru für Ambonnay.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

Die Côte des Blancs unterhalb der Marne, von Épernay kommend, beginnt mit Cuis, Cramant und Chouilly und schon hier wird klar, dass die Hügel etwas steiler sind. Vor allem Cramant beeindruckt mit einem Amphitheater von östlicher über südöstlicher bis südlicher Ausrichtung. Hier gibt es noch eine bemerkenswerte Lehm-Kalkstein-Lage aus dem Tertiär, die über der Oberkreide liegt und die man auch noch in Avize findet. Die reinste Form an Côte-des-Blancs-Champagner findet man vielleicht in Le Mesnil sur Oger, und zwar vor allem in den nach Vertus hin liegenden Lagen wie Mouli-à-Vent, Musettes, Champs Alouette oder Rougemonts oder Les Chétillons, die zur Bodenstruktur noch das Glück haben, in südlicher Ausrichtung viel Sonne einzufangen. Daran schließen sich einige Weinberge von Vertus an. In der größten Gemeinde an der Côte des Blancs gibt es allerdings einen Bruch, sodass die Weinberge Richtung Mont Aimé und Côte de Sézanne fetter werden und langsam die nächste Bruchkante spürbar wird. Eine Ausnahme im Meer der Zuckerrüben, das sich an die Côte de Sézanne anschließt, ist Montgueux bei Troyes, wo sich ein Hügel erhebt, der feinste Belemnit-Kreide aufweist und wiederum on top of the hill über tertiäre Schichten verfügt, die seit langer Zeit die darunterliegenden Hänge mit Mineralien versorgt.

Es gibt in diesem Bereich so viele Weinempfehlungen, dass es schwierig ist, einzelne herauszupicken. Leicht fällt es für Montgueux, da bildet Lassaigne das Terroir hervorragend ab, an der Côte de Sézanne ist es Ulysse Collin, in Vertus präferiere ich Pascal Douquet, Larmandier-Bernier und Veuve Fourny, in Mesnil ist es (bezahlbar) Pierre Péters, in Avize Agrapart, in Cramant sind es Diebolt-Vallois und Suenen, in Chouilly Legras und Vazart-Conquart und in Cuis ist es Pierre Gimmonet. Aber bitte, viel genauer habe ich es hier und hier beschrieben.

Champagne_bodenschichten_und_rebsorten

Die untere Kreide: Kein Weinbau möglich
Das Gebiet der unteren Kreidezeit-Schicht, die sich zwischen 135 und 96 Mio. Jahren gebildet hat, ist keines, wo Weinbau sinnvoll möglich wäre. Die Böden sind eher die einer Börde, sind eher fett und geeignet für den Anbau von Weizen und vor allem Zuckerrüben.

Die Côtes des Bar, das Chablis und das obere Jura
Die älteste Schicht des Pariser Beckens, die für die Champagne eine Rolle spielt, ist die des oberen Jura. Sie ist schmal und beeinflusst sowohl die Côte des Bars als auch das Chablis (und übrigens auch wesentlich Sancerre und Pouilly). Entstanden ist sie zwischen 140 und 157 Mio. Jahren und setzt sich zusammen aus Tithonium (Portlandian), Kimmeridge und Oxfordium. Der Name Jura wurde von Alexander von Humboldt bezüglich der Gesteinsschichten des Juragebirges eingeführt. Die wichtigsten Fossilien aus dieser Zeit sind die Ammoniten und Belemniten, die beide entfernte Verwandte der Tintenfische sind. Das Jura war gleichzeitig die erste Hochphase der Dinosaurier. Das Klima war warm und zu Beginn des Jura war der Vorläufer von Europa mit Wasser bedeckt. Zum Ende, im oberen Jura dann, hatten sich Teile der Landmassen schon erhoben. Die Bodenschichten des Oberen Jura kann man in Reinform auch im süddeutschen Solnhofen bewundern, wo man in den Plattenkalken unter anderem Exemplare des Archaeopteryx gefunden hat.

Entscheidend für den Weinbau an der Aube ist aber nicht die obere Schicht des Oberen Jura, das Tithonium oder Portlandium, benannt nach der englischen Isle of Portland. Es ist der Kalkmergel, der ebenfalls nach einem englischen Ort benannt wurde: Kimmeridge. Er ist Teil der Jura-Küste im Süden Englands und er prägt die Weinberge des Chablis wie auch die von Sancerre und Pouilly-Fumé.

Auf diesem Kalkgestein, das weniger hart ist als der Portlandstein, liefern Chardonnay und vor allem Pinot einen höchst lebendigen, ja oft duftigen und frischen Wein mit feinem Nussgeschmack, der sich deutlich von Pinots der Montagne oder gar dem Tal der Marne unterscheidet. Die Säurestruktur ist eine ganz andere, weil der Boden weniger basisch ist als die reine Kreide. Natürlich ist auch der Wasserhaushalt ein ganz anderer und zum Schluss auch die mineralische Komponente der Böden. Die Weine gehören, geologisch gesehen, viel eher zur Bourgogne als zur klassischen Champagne und waren deshalb dort auch weniger beliebt. 1908 schließlich hat man die Aube-Winzer aus der Champagne herausgedrängt, musste sie aber 1911 nach heftigen Protesten wieder aufnehmen. Grand-Cru-Status gibt es dort allerdings nicht und auch heute noch sind die Winzer benachteiligt, denn sie bekommen deutlich weniger Geld für ihre Trauben. Glücklicherweise hat sich das Preisniveau insgesamt in den letzten beiden Jahrzehnten auf einem so hohen Niveau etabliert, dass auch diese Winzer davon gut leben können. Die Weinberge an der Aube sind heute vor allem die Spielwiese der Winzer und wer Weine weit abseits des Mainstreams sucht, ist hier wunderbar aufgehoben. Auf dem Kalksteinboden fühlen sich vor allem die Winzer wohl, die eigentlich mehr in Richtung Bourgogne schielen statt nach Épernay oder Reims. Olivier Horiot ist so einer. Er hat seine Weinberge in Les Riceys, einer großen, aus drei Orten bestehenden Gemeinde, die seit langer Zeit bekannt ist für ihre stillen Rosé-Weine aus Pinot, von denen er einen der besten macht. Auch seinem Champagner merkt man den besonderen reichen Bodentypus an, der sehr fruchtigen Pinot bei zurückhaltender Säure hervorbringt. Es ist auch kein Wunder, dass man hier an der Aube ab und zu über einen reinsortigen Pinot-Blanc-Champagner stolpert – diese Rebsorte fühlt sich auf den Kalkböden (eigentlich mit Kreide durchsetzte Mergel- und Kalkböden) wohler als auf reiner Kreide. Der Chardonnay ähnelt hier mehr den Weinen aus dem Chablis als denen der Côte des Blancs.

Das einzige größere Haus, das an der Côte des Bar beheimatet ist, ist Drappier. Es hat sich in den letzten Jahren immer mehr den Winzern angeschlossen und ist höchst experimentierfreudig. Winzer sind hier in großer Vielzahl zu empfehlen und ich verweise entsprechend auf diesen und diesen Artikel.

 

Auswirkungen des Klimas
Nicht vergessen werden sollte das Klima der Region, das sich in mindestens ebenso viele Mikroklimata auffächert, wie es besondere geologische Formationen gibt. Dass das Gebiet das nördlichste und gleichzeitig kühlste Weinbaugebiet Frankreichs ist, ist bekannt. Der Weinbau an 49° nördlicher Breite führt zu einem langsameren Vegetationsverlauf, der dazu führt, das die Rebsorten Pinot Noir, Meunier und Chardonnay selten üppig reif werden, sondern eher höhere Säure- als Zuckergrade aufweisen. Dieser Umstand ist für die Erzeugung von Champagner natürlich genauso wichtig wie die Bodenbeschaffenheit. Das Gebiet unterliegt, auch wenn es 200 Kilometer von der Küste entfernt ist, sowohl atlantischen Einflüssen als auch kontinentalen. Auch wenn der Atlantik also mäßigend einwirkt, sorgt das kontinentale Klima für kalte Winter und gemäßigte Wärme im Sommer. In Reims steht die Sonne am längsten Tag des Jahres im Zenit bei nur 65°, was relativ flach ist, sodass man davon ausgehen muss, dass jeder Sonnenstrahl zählt. Wirklich bemerkenswert ist deshalb, dass gerade in der Montagne de Reims viele Weinberge nördlich ausgerichtet sind und der Hangwinkel meist ziemlich flach ist. Um dem kühlen Klima zu trotzen, hat man früher wohl deutlich dichter gepflanzt, als es heute üblich ist. Und es ist gut möglich, dass einer der Gründe für die Tradition der Cuvée aus unterschiedlichen Lagen der ist, dass man so ein gewisses Qualitätsmittel erreicht hat. Auch die übliche Vermischung von Jahrgängen hilft natürlich, eine konstante Qualität zu erreichen, denn gerade in den Zeiten, in denen es noch keinerlei Kellertechnik gab, war die Qualität der Jahrgänge äußerst inhomogen. Beide Besonderheiten, die es in der Champagne bezüglich der Cuvée bzw. des Blendings gibt, dürften also ursächlich ihren Grund in den besonderen Herausforderungen des vor allem kontinental geprägten, kühlen Klimas haben.

2969049257_0ab68cffb4_zCopyright: Champagne Tarlant

Fazit
Es ist noch gar nicht so lange her, da hat man, wenn man über die Champagne nachgedacht hat, selten über das Terroir reflektiert. Champagne, das ist die Kunst der Cuvée, da ist das spezifische Terroir nicht so entscheidend, könnte man meinen. Für den Konsumenten war und ist das auch so, wenn er zum Standard-Brut greift, jener Melange aus unterschiedlichen Gebieten, Jahrgängen und Rebsorten. Der Kellermeister aber hat sich natürlich von Anfang an Gedanken über das Terroir, jene Verbindung von Boden, Mikroklima und seiner eigenen handwerklichen Leistung Gedanken gemacht. Ohne diese Gedanken, ohne dieses Wissen käme ein Brut oder eine andere Cuvée, die ja einen bestimmten Stil repräsentieren soll, gar nicht zustande. Das Wissen um die unterschiedlichen Einflüsse des Bodens und des Mikroklimas auf den Wein, die Art, wie die einzelnen Rebsorten auf Boden und Klima reagieren, ist essentiell für das Verständnis eines Champagners – zumindest für den, der ihn macht. Für uns wird es jedenfalls interessanter, wenn wir uns mit sogenanntem Winzer-Champagner beschäftigen. Er bietet einem das, was man sonst nur erfahren konnte, wenn man vor Ort die Möglichkeit hatte, Grundweine der einzelnen Lagen zu probieren. Die Winzer bauen diese Lagen immer häufiger sortenrein, jahrgangsrein und lagenrein aus. Daher haben wir heute immer öfter die Chance, über dem fertigen Wein die spezifische Herkunft zu entdecken – so wie wir es vom Burgund her kennen, von der Mosel oder vielen anderen Anbaugebieten, wo wir ganz selbstverständlich vom Terroir sprechen. Und so kann man in einem Vergleich unschwer entdecken, dass ein Blanc de Blancs aus der Montagne de Reims und dem Vallée de la Marne, wo die oben genannten Bodenschichten über lange Zeit auf die Kreideschichten eingewirkt haben, sich ganz anders präsentiert als einer von der Côte des Blancs. Man nehme nur mal einen Blanc de Blancs von Ruinart, einer der bekannten Marken der Champagne, der, ganz untypisch, auf Chardonnay aus der Montagne setzt. Dieser Wein präsentiert sich voluminöser und offener, ja generöser und fruchtiger als die puren, in ihrer Jugend ernsten, immer höchst mineralischen Weine der Côte des Blancs. Völlig unterschiedlich präsentieren sich Pinot Noirs aus Ambonnay oder Bouzy gegenüber Pinots von der Côte des Bar, deren Kalkstein-Untergrund nur noch wenig mit dem Kreideuntergrund von Ambonnay zu tun hat. An sogenannten Monocru-Champagnern, die aus Lagen eines Ortes vinifiziert wurden, wird dies deutlich.

So kann man heute von zwei Wegen sprechen, auf denen sich die Produzenten der Champagne bewegen. Es ist der Weg der Cuvée und der Weg der Individualisierung. Beide Produzentengruppen, die großen Häuser wie die Winzer, gehen meist beide Wege, wobei die Häuser generell für die Kunst des Blendings stehen, während die Winzer sich durch die Kunst des Vinifizierens von Einzellagen hervortun. So unterschiedlich die Wege sind, so klar ist doch, dass beide auf ihre Weise Ausdruck des Terroirs der Champagne sind, den man in einer eher allgemeinen, doch nicht zu verwechselnden Art beispielsweise in einem Dom Pérignon ebenso findet oder ihn – ganz anders – in La Bolorée von Cédric Bouchard entdecken kann.

 

P.S.:

Die drei vorherrschenden Kalksteine in der Champagne

Kalkstein > besteht überwiegend aus Calcit und Aragonit, die wiederum Kristallisationsformen von Calciumcarbonat darstellen. Meist stark verfestigt.

Mergel > Kalkstein mit einem hohen Anteil von Tonmineralen

Kreide > mürber Kalkstein, feine, mikrokristalline Sedimente, entstanden durch Ablagerung fossiler Kleinstlebewesen

 

Weiterführende Literatur:

James E. Wilson Terroir – Schlüssel zum Wein, Hallwag, Ostfildern 2000

Jacques Fanet, Great Wine Terroirs, University of California Press 2004

Charles Frankel, Land and Wine: The French Terroir, University of Chicago Press 2014

 

Weiterführende Artikel hier im Blog aus der Serie, die Champagne der Winzer und unabhängigen Häuser:

Teil 1: Prolog – Auf der Suche nach einem Mythos

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 6: Côte des Blancs von Épernay nach Cramant

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mesnil-sur-Oger

Teil 9: Côte des Blancs in Vertus

Teil 10: Von Vertus nach Montgueux

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 12: Côte des Bar von Courteron nach Urville

Teil 13: Epilog

In Neuseeland – Teil 7: Martinborough und Gladstone

29/Apr/15 18:25 kategorisiert in: Weinland Neuseeland

Header Neuseeland

Martinborough ist ein Ort, wo jeder jeden kennt, bunte Hunde fallen auf und zu diesen gehört definitiv Lance Redgwell, der die Gruppe von Winzern angeführt hat, mit der ich abends um die Häuser gezogen bin. Zwei Tage habe ich in Martinborough und Gladstone verbracht und bevor ich etwas über Lances Weine schreibe, will ich natürlich die Deutschen unter den Winzern des Gebietes vorstellen. Es sind Karl Heinz Johner und Kai Schubert. Beide haben mal zusammen angefangen nach Land zu suchen, als Karls Sohn Patrick und Kai Schubert mit dem Studium in Geisenheim fertig waren. Kai hatte keine im Familienbesitz befindlichen Weinberge, die er hätte übernehmen können und so musste er auf die Suche gehen während die Johners eher ein allgemeineres Interesse an guten Pinot-Lagen hatten. Karl Heinz Johner hat lange in England gearbeitet und entsprechend hatte auch er keine Berührungsängste mit dem anglophilen Raum. So kam es, dass sie Patrick in Australien besuchten, wo er eine Ernte mitgemacht hat, um dann auf eine kleine Pinot-Noir-World-Tour zu gehen, die sie unter anderem nach Neuseeland, Oregon und Kalifornien geführt hat. Oregon hat sie nachhaltig beeindruckt, kam letztlich aber für die Johners nicht ein Frage, weil sich die Erntezeitpunkte mit denen im schon bestehenden, bekannten Weingut in Baden überschnitten hätten. In Neuseeland, wo das Wasser andersherum im Becken abfließt, ist jedoch alles anders als bei uns, und so wird dort natürlich von März bis Mai geerntet.

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Pinot-Tüftler Karl Heinz Johner. Wir haben mal "eben" quasi alle Fässer des Kellers durchprobiert, Pinot, Pinot und etwas fabelhaften Syrah. Whole Bunch, teilentrappt, vollentrappt usw. Das war ausgesprochen lehrreich.

Was kurzfristig zusammen begonnen hatte, ging jedoch schnell eigene Wege und so gründeten die Johners ihr neuseeländisches Weingut in Gladstone während Kai den ersten, gemeinsam gefundenen Weinberg zusammen mit seiner Partnerin Marion Deimling in Masterton übernahm. Gründungsjahr für beide Weingüter im Bereich Wairarapa ist das Jahr 1998. Obwohl es schon eine Handvoll Weingüter wie das beschriebene Ata Rangi gab, war diese Zeit doch immer noch ganz klar eine Pionierzeit. Gerade in Gladstone und Masterton, etwas abseits von Martinborough gelegen, gab es zwar einige wenige Weinberge, aber noch kaum ernstzunehmenden Weinbau. Ich habe sowohl mit Karl Heinz Johner als auch mit Kai Schubert einen Podcast gemacht, so dass ich auf die beiden Weingüter bald zurück komme.

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Statt in die Stadt zu fahren um dort Essen zu gehen, gab es Barbecue im Garten, im Weingarten der Schubert. Priceless! Kai Schubert ist übrigens Importeur der Gabriel-Gläser, die auch bei mir die Standard-Verkostungsgläser sind.

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag, als müsse das Weinmachen in Neuseeland ein einfaches Gewerbe sein, wenn die Weinberge eher Weinflächen genannt werden sollten, sieht sich nach einigen Gesprächen mit Winzern schnell getäuscht. Hier muss zwar keiner die Hügel oder Steillagen hoch wie Kai Schubert, als er bei Ernie Loosen gearbeitet hat oder wie Karl Johner, der die Erhebungen des Kaiserstuhls bezwingen muss, aber das Klima verlangt den Winzern und ihren Rebstöcken viel ab. Vor allem der harsche, kühle Wind, der ungebremst von der Antarktis, die hier nicht mehr so sonderlich weit entfernt ist, ist Segen und manchmal auch Fluch zugleich. Er kann entsprechend dazu beitragen, dass es hier sehr spät noch mal friert. Das Gebiet ist nichts für Weinmacher, die gerne mit hohen Erträgen arbeiten. Und so bleibt es wohl auch im Wesentlichen auf die kleinen Weingüter beschränkt, die das Gebiet so ungewöhnlich charmant machen.

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Erinnert ein wenig an eine Kleinstadt, wie ich sie mir mittleren Westen der USA vorstelle. Allerdings hängen hier deutlich weniger Flaggen.

Der ganze Ort, der, ich sprach es im Artikel über Ata Rangi schon an, von einem Kaff ohne Kneipe mit all den sich ansiedelnden Weingütern beständig gewachsen ist, lebt von und mit dem Wein wie ein Ort an der Mosel. Es kommen beständig Gäste aus der nahgelegenen Hauptstadt und entsprechend gibt es gute Restaurants und Hotels. in einem davon fand am ersten Tag meines Besuchs in Martinborough ein Seminar über maischevergorene Weine statt, zu dem ich mit Lance Redgwell gegangen bin und das von einem der feinsten und besten Weinmacher des Landes geführt wurde. Andrew Hedley ist Weinmacher bei Framingham in Marlborough. Das Weingut ist in Deutschland nicht sonderlich bekannt weil es sich auf Weine spezialisiert hat, die es bei uns in Hülle und Fülle gibt: aromatische Weine, vornehmlich Riesling von trocken bis zur Trockenbeerenauslese. die Rieslinge von Andrew sind für mich die besten, die ich außerhalb der deutschsprachigen Länder bisher probieren konnte. In Neuseeland, aber beispielsweise auch in england gehört es zu den angesehensten Riesling-Weingütern überhaupt. Andrew schaut weit über den Tellerrand hinaus und importiert in kleinen Menge Freakstoff aus Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien usw.

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Lance Redgwell, Das Orange-Wine-Seminar mit Andrew Hedley und ein entsprechender Orange-Pinot-Gris von Lance' Cambridge Road Vineyard.

Zu den Weinmachern, die sich mit maischevergorenen Weinen, Amphoren und gemischten Sätzen beschäftigen gehört der schon genannte Lance Redgwell, dessen Cambridge Road Vineyard Weine ich beginnend mit dem Pet Nat beeindruckend fand. Es gibt bei ihm eine Cuvée aus weiß gekeltertem Pinot mit Riesling und vor allem Pinot Gris namens Papillon blanc, es gibt es gibt einen herrlich saftig-würzigen Papillon Rosé: In der kleinen Korbpress langsam gepresst und zu 70% in alten Fässern vergoren und zu 30% im Stahl, bestehend aus Pinot und 24% Syrah. Herrlich saftig und frisch mit Zug und erdig-würzigen Komponenten. War das schon gut, gibt der Arohanui Rosé erst richtig Gas: Es ist der beste Rosé, den ich in Neuseeland probiert habe. 72% Pinot und 28% Syrah, dunkel und mysteriös im Glas, erdig, würzig, salzig mit dunkler Frucht und Tiefe am Gaumen, jetzt schon sechs Jahre alt, ein Traumrosé. Der Dovetail greift das Mischungsverhältnis der Rosé auf. Etwa 75% Pinot und 25% Syrah direkt vom Homeblock am Haus. 4% Whole Bunch, 96% entrappt, 30 Tage auf den Traubenhäuten, kaum Schwefel, aus einem perfekten Jahr (2010), dunkel, erdenschwer, würzig, mit Anissamen und Trockenkräutern, trockenem Holz und Blättern. Feine Säure, Länge, schreit nach mehr. Noch einen drauf setzten Syrah und Pinot aus demselben, perfekt kühlen Jahrgang 2010. auch diese beiden Weine sind dunkel und erdig mit schwarzer Frucht und einer Menge an Waldboden, Feigen und Süßholz (der Pinot) und rohem Fleisch, Veilchen, Salz und Süßholz (Syrah).

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Aussicht aus der Lodge, die leider nur für eine Nacht meine Unterkunft war, ich hätte schon wegen dieses Baumes länger bleiben mögen. In der Martinborough Brewery. John Douglas vom Te Hera Vineyard links, Alex Craighead von Don Wines und Alexis Moore vom Gladstone Vinyard

Wer sich ebenfalls mit alternativem Weinausbau beschäftigt ist Alex Craighead, der mich zusammen mit Alexis Moore, Weinmacherin beim Gladstone Vineyard, während des Regional Tastings begleitet hat. Alex ist Weinmacher bei Alana und hat mit Don Wines sein eigenes Label gegründet. Seiner erster Pinot Noir kommt diesen Monat raus, beeindruckend charaktervoll war aber schon sein Erstlingswerk, der (Orange) Pinot Gris. Was mich beim Regionaltasting mit am meisten beeindruckt hat, war der Wein von John Douglas, den ich beim Orange-Wine-Symposium kennengelernt habe. Johns Te Hera Kiritea 2011 Pinot war feinduftig und fast kristallin, hat 11 Monate in komplett altem Holz gelegen und wurde mit weinbergseigener Hefe vergoren. Saftig frische Frucht und ein tolles Säurespiel aus dem kühlen Jahrgang 2011 ziehe ich beim Regional Tasting den recht fett wirkenden 2012ern, die aber fast alle Winzer besser finden, vor.

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Abschied im Morgengrauen, der Nebel liegt noch über den Feldern.

Neben den bereits genannten Winzern empfehle ich zu probieren: Dry River, Escarpement, Martinborough Vineyard und Kusuda. Kusuda, von dem Jancis Robinson sagt, dies wäre einer ihrer weltweiten Favoriten, ist eine Boutique Winery mit einer völlig aberwitzigen Geschichte. Hiro Kusuda war eigentlich Anwalt und später Diplomat, der von einer Pfälzer Spätlese angefixt wurde und seitdem dem Wein verfallen ist. Er ist irgendwann nach Neuseeland gekommen, hatte mit diversen Schwierigkeiten zu tun und jahrelang keinen Pfennig Geld verdient. Heute reisen Dutzende von Japanern zur Ernte auf eigene Kosten aus Japan an um einmal dabei gewesen zu sein, wenn Kusuda seine Trauben einfährt und selektioniert, wie es kein anderer tut. Jancis Robinson beschreibt es hier wunderbar. Mir bleibt nur die Empfehlung seiner Weine, die extrem schwer zu bekommen sind.

Nach all den Verkostungen sind wir dann Bier trinken gegangen, wie man das halt so macht. Weine probieren, Bier trinken. Nein, ganz so ist es dann doch nicht. Aber in Martinborough boomt nicht nur der Wein, der Ort hat mittlerweile auch eine eigene Brauerei.

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In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

OVP023 – In Franken. Zu Gast bei Stephan Kraemer, Winzer in Auernhofen

26/Apr/15 12:00 kategorisiert in: Podcast

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Auf meiner Reise durch Franken habe ich im letzten November Stephan Kraemer in Auernhofen besucht. Er lebt auf der anderen Straßenseite von Christian Stahl, den ich für OVP022 interviewt hatte. Stephan Kraemer ist in erster Linie Landwirt und erst dann Winzer. Das hat einen großen Effekt auf seine Arbeit denn er ist privilegiert. Er muss von seinem Winzerhandwerk nicht leben da er 75 Hektar Biolandwirtschaft im Hintergrund hat. Stephan kann seinen Weinen mehr Zeit geben, darf auch mal ein wenig mehr experimentieren und muss keinen Wein nach Rezept herstellen. Trotzdem ist er ein leidenschaftlicher Winzer, der unter anderem bei Wittmann in Rheinhessen gelernt hat. Für mich war er mit seinen klaren, dem Boden zugewandten, feinen und gleichzeitig bezahlbaren Weinen dank Martin Koesslers Weinhalle die Entdeckung des letzten Jahres.

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Wir sprechen über die Anfänge in den 1980ern im Taubertal, über 13 verschiedene Aussaaten im landwirtschaftlichen Bereich, über seine Rebsorten zu der die für die meisten wohl weitgehend unbekannte Sorte Johanniter gehört und zum Schluss wird es noch ein wenig metaphysisch weil wir mehr über Wein als Idee sprechen als wir auf das Thema "Wurzelwerk" kommen. Es ist eine etwas längere aber, wie ich finde, sehr abwechslungsreiche Folge geworden. Vielen Dank an Stephan für die Zeit.

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Wie immer gilt: ich freue mich über Feedback und ich freue mich über eine monetäre Unterstützung dieses Projekts. Die Möglichkeit dazu gibt es hier. Der Podcast ist über das Blog genauso zu hören wie über ein kostenloses Abonnement in der Podcast-Abteilung von iTunes und über Programme wie zum Beispiel Instacast.

In der nächsten Folge spreche ich mit Matthias Stumpf vom Weingut Bickel-Stumpf in Tüngersheim.

It's Sauvignon Blanc Day! Mit Giesen Dillons Point und The August 1888

24/Apr/15 10:45 kategorisiert in: Sauvignon Blanc, Weinland Neuseeland, Weiß, Neuseeland

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Als ich kürzlich in Neuseeland war habe ich, wen wundert’s – gefühlt hundert Sauvignon Blancs probiert. Gezählt habe ich sie nicht. Doch jede Winery, die ich besucht habe, von den Regionaltastings ganz zu schweigen, hatte Sauvignon Blanc mit an Bord. Es ist einfach die Rebsorte in Neuseeland. Es gibt zig verschiedene Stile, auch wenn der tropische, manchmal bonbonhafte Stil, den Cloudy Bay geprägt hat, immer noch dominiert.

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Heute ist International Sauvignon Blanc Day und deshalb ist es klar, dass ich heute zwei weitere Sauvignons vorstelle, und zwar solche, die ansonsten in meinem Reisebericht nicht vorkommen werden. Leider hat der Besuch der Winery von Theo, Alex und Marcel Giesen nicht in meinen Zeitplan gepasst. So sind mir die Weine in Neuseeland nicht untergekommen. Entsprechend hole ich das mit zumindest zwei Weinen nach, die die deutschen Auswanderer in Blenheim, dem Hauptort von Marlborough vinifiziert haben.

Die drei Brüder sind seit den 1980ern in Neuseeland. Nachdem sie sich zunächst in Australien umgeschaut hatten, behagte ihnen das Klima Neuseelands deutlich eher. Sie kommen aus Deutschland, ihr Vater war Steinmetz und verfügt über keine eigenen, kommerziell betriebenen Weinberge doch die drei hatten schon in ihrer Jugend als Hobby einen Weinberg angelegt, inspiriert von ihrem Großvater August, der auch einem der Weine seinen Namen gegeben hat.

Während Theo und Alex schließlich in der Nähe von Canterbury ihren ersten Weinberg anlegten – den damals südlichsten Weinberg der Welt, studierte Marcel in Geisenheim zu Ende und folgte den beiden Brüdern etwas später. Die Geschichte ging dann in Marlborough weiter, wo die drei zur ersten Gründergeneration gehörten und heute insgesamt dreizehn verschiedene Lagen besitzen, die nach und nach ökozertifiziert werden.

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Im Mittelpunkt des Programms steht ganz klar der Sauvignon Blanc. Ein zweiter Fokus liegt zunehmend auf Pinot Noir. Und zwar auf dem aus kleinen Einzellagen, die es als Sondereditionen gibt. Marcel hat, was Pinot angeht, schon viel Erfahrung in Canterbury gemacht, wo er seit 1997 zusammen mit Sherwyn Veldhuizen ziemlich exzeptionellen Pinot im Bell Hill Vineyard produziert. Aktuell gibt es von den Giesens in Marlborough Pinot aus den Lagen Brookby Road, Clayvin, Ridgeblock, Waihopai sowie chardonnay aus den Lagen Clayvin und Dog Point Road sowie Sauvignon Blanc aus der Lage Dillons Point.

Zurück zum Sauvignon, schließlich ist Sauvignon Day. Auf dem Tisch stehen der Giesen 2011er Dillons Point und der 2011er The August 1888.

Dillons Point ist mittlerweile der Estate Sauvignon Blanc und dürfte bis einschließlich 2011 komplett aus der Lage Dillons Point am Opawa River gekommen sein. Der Wein erinnert mich zunächst viel mehr an einen Rheingau-Riesling denn an einen Marlborough-Sauvignon. Hier ist phenolische Reife im Spiel, Kern-, Stein- und Zitrusobst und frische Säure. Erst später drängen leicht grasiggrüne Noten weiter in den Vordergrund und eine Maraguja schaut scheu vorbei.

The August 1888 ist ein ganz anderes Kaliber. Der Sauvignon Blanc wurde spät und von Hand gelesen, was eher untypisch für Marlborough ist. Dann ist die kleine Menge ins französische Holz gewandert und wurde dort spontan vergoren. Es gab ganz offensichtlich Batonnage und der Wein lag lange auf der Hefe. Heraus kommt natürlich etwas, was mit üblichem Marlborough-SB nichts zu tun hat. Der Wein ist dicht, kräftig, mit massiven 14,5% Alkohol, die man allerdings überhaupt erst nachher spürt, wenn man die Flasche geleert hat. Was zunächst im Vordergrund steht ist Karamell und Vanille vom Holz. Das mag ich eigentlich gar nicht so gerne, aber es hat passt, es fügt sich ins Gesamtbild ein. Es dauert ein bisschen, bis sich Guave, Papaya, Pfirsich, etwas Banane und Zitrone einmischen und auch das Mineralisch-Frische durchschlägt. Gestern war das genau der Wein, der zum Tag gepasst hat und er war, ehrlich gesagt, schnell leer. Zumal er zur Pasta mit Lammlachs und Salbeibutter gepasst hat, obwohl das weit von einer klassischen Kombination entfernt ist. Nach dem 2011er Sauvignon Blanc Section 94 von Dog Point sowie dem 2011er Wild Sauvignon von Greywacke ist das hier unterm Strich der dritte der aktuellen Neuseeland-Sauvignon-Blanc-Hitliste.

Die Weine hat mir New Zealand Wine zur Verfügung gestellt.

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