originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Cloudy Bay, eine kleine Sauvignon-Blanc-Vertikale und ein besonders schöner Pinot Noir

Vorletzte Woche musste ich schmunzeln. Ich kam gerade vom Gespräch mit Penfolds Chief Winemaker Peter Gago als ich eine Einladung zu einem kleinen get together mit dem nächsten Chief Winemaker bekam. Es handelte sich dabei um Tim Heath, der die Weine von Cloudy Bay verantwortet. Der war für einen Tag in die Hansestadt gekommen um ein paar Leuten den neuen Jahrgang vorzustellen. Eigentlich hatte ich keine Zeit, bin aber trotzdem hin und habe es nicht bereut.

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Ich muss gestehen, dass ich nicht viel Erfahrung mit Weinen von Cloudy Bay habe. Dieses Weingut liegt außerhalb meines normalen Beuteschemas, so ähnlich wie bei Penfolds. Ich neige ja eher dazu, bei kleinen Weingütern anzuklopfen und nehme das, was die Großen machen, eher am Rande wahr. Das ist nicht immer richtig, wie ich kürzlich auf einer Vergleichsprobe von Jahrgangs-Champagnern feststellen musste, wo ich blind die Weine der berühmten Häuser auch tatsächlich nach vorne gewählt habe, während die Weine einiger von mir verehrten Champagne-Winzer dagegen überhaupt keine Chance hatten.

Alles ist eben relativ. Und so auch bei Cloudy Bay. Es ist das berühmteste Weingut Neuseelands, nicht zuletzt deshalb, weil man dort in den ausgehenden 1980er Jahren einen neuen Sauvignon Blanc-Stil kreiert hat, der seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat und stilbildend war. Vor Cloudy Bay gab es wenig beachteten Weinbau. Mit Cloudy Bay hat sich der neuseeländische Weinbau radikal verändert und die Rebflächen haben sich mindestens verdreifacht. Dort, wo in den Siebzigern vor allem Müller-Thurgau stand (der Weinbauverband war von einem Geisenheimer Professor beraten worden), steht jetzt vor allem Sauvigon Blanc aber auch immer mehr Chardonnay, Pinot Noir, Syrah, Grauburgunder, Riesling, Gewüürztraminer und so weiter. Die Bedingungen sind eigentlich ideal für Weinbau. Viel besser beispielsweise als in Australien, wo man ja für jeden Liter Wein etwa 800 Liter Wasser braucht. Neuseeland hat genügend Niederschlag, gute Böden und Meeresklima.

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Cloudy Bay ist vor einigen Jahren vom Luxusgüter-Life-Style-Konzern Louis-Vuitton- Moët-Hennessy (LVHM) übernommen worden und in die Gruppe Estates & Wines eingegliedert worden. So etwas hat Folgen. Vor allem lässt sich das Marketing natürlich ganz anders organisieren und mit so viel Geld im Rücken wird die Marke noch präsenter. Der Weinmacher aber ist derselbe geblieben, nur das Tim Heath jetzt häufiger durch die Gegend reist und präsentiert – und übrigens auch bei den anderen Projekten der Gruppe vorbeischaut, wie beispielsweise beim Chandon-Projekt in Indien. Eine starke Marke wie Cloudy Bay hat zudem immer noch einen preislichen Marken-Aufschlag. So liegt der Wein bei ca. € 24,-, was preislich fünf Euro über meinem Lieblings-Sancerre (Vacheron) und Lieblings-Neuseeland-Sauvignon (Dog Point) liegt. Aber das ist eben der Preis der Marke.

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Zwei, einer ganzen Menge von Weingärten, die zu Cloudy Bay gehören. © Cloudy Bay

Tim Heath hat also den Jahrgang 2014 Cloudy Bay Sauvignon Blanc präsentiert. Der ist natürlich auf der Südhalbkugel entstanden und wurde somit im März/April geerntet und vor ein paar Wochen abgefüllt. Neben der frischen Abfüllung gab es dann eine Reihe weiterer Jahrgänge, und da wurde es wirklich interessant. Der 2014er Sauvignon Blanc ist ultrafrisch, grün, grasig, sehr (Achtung:) mineralisch und nicht mehr exotisch wie in den letzten Jahren. Er wird auch nicht mehr nur im Stahl ausgebaut, sondern in Teilen auch im großen, älteren Holz. Außerdem wird spontan angegoren. Das ist neu und tut dem Wein gut. Was ich nicht erwartet hatte war die Entwicklung des Sauvignons über Jahre hinweg bis zu einem 2009er, der in der Magnum gereift war und immer noch höchst frisch und fruchtig daherkam. Die älteren Weine werden mit der Zeit voller, etwas breiter und cremiger, das Grüne verschwindet ganz, manchmal sind Noten von Gemüse (Spargel) dabei, aber das Säurerückgrat bleibt immer erhalten. Vor allem der 2010er war ein Knaller: straff, erfrischend, saftig, mundfüllend, dicht und lang. Ein außerordentlich guter Sauvignon, der nicht aus dem Holz kommt.

Eine ganz andere Lesart des Sauvignon bietet der Te Koko. Dieser wird komplett spontan vergoren und landet in kleinen französischen Holzfässern, in geringen Anteilen neu. Die Idee stammt vom Anfang der 1990er, also von jenem Team, das heute Dog Point betreibt. Damals war es wohl der erste Wein in Neuseeland, der spontan vergoren wurde (so zumindest meine Informationen). Der Wein macht in Teilen einen biologischen Säureabbau durch, ist viel cremiger und voller als der normale Sauvignon Blanc. Ich mag ja diese Art, mit Sauvignon umzugehen auch in den Lagenweinen von Vacheron, dem Section 94 von Dog Point oder anderen holzbasierten Sauvignons (Daguenau, Tement, Gross, Terlan etc), wenn es nicht zu viel Holz ist. Der sonst oftmals so plakativ wirkende Sauvignon Blanc bekommt dadurch eine ganz andere Feinheit und Dichte. Das merkt man beim Te koko, auch wenn hier die Grenzen des Machbaren für mich noch nicht erreicht sind. Der Wein hat mir gut gefallen, war aber etwas zu glatt und definitiv sehr jung. Auch den Te Koko würde ich gerne mal in einer Jahrgangstiefe erleben. Vielleicht ist das nächstes Jahr auf dem Weingut möglich.

Was mich schon immer angemacht hat, war der Pinot Noir von Cloudy Bay, der so gar nicht versucht, irgendwelchen französischen Vorbildern nahezukommen. Sehr eigenständig ist er, mit nur leichter Holznase und vor allem viel Frucht. Wenn ich ihn in eine Vergleichsprobe packen wollte, würde ich Pinot aus dem Sancerre, Elsass und von Mosel und Ahr mit daneben stellen.

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Tim Heath, Chief Winemaker

Kühlt und komplex steht der Te Wahi Pinot Noir da, den ich zum ersten Mal probiert habe. Die Frucht stammt nicht aus Marlborough sondern aus Central Otago, wo die Reben geerntet und vergoren werden, bevor der Wein dann ins heimatliche Weingut gebracht und ausgebaut wird. Der Wein wirkt im Aromenspektrum deutlich dunkler als der eher rotfruchtige und erdbeerige Marlborough Pinot Noir. Hier gibt es Blaubeeren, Brombeeren, Sauerkirsche und mehr Unterholz. Am Gaumen findet sich eine ausgewogene Mischung aus roter und dunkler Beerenfrucht und Erde. Der Wein ist schön frisch, hat eine angenehme Säure und ein zurückhaltendes Holz bei feinem Tannin und einer erstaunlichen Länge. Das war für mich neben dem 2010er Sauvignon Blanc deutlich der Wein des Abends.

Ein Treffen mit Peter Gago – über 170 Jahre Penfolds und einen neuen Weinjahrgang

Kürzlich traf ich Peter Gago in Hamburg. Gago ist der Chief Winemaker von Penfolds, der australischen Wein-Legende. Penfolds wurde 1844 vom Einwanderer Christopher Penfolds gegründet und ist älter als der Staat selbst. Das große Weingut, dass in allen wichtigen Landesteilen Weinberge besitzt, gilt als Nationales Erbe, gehört also zu den wichtigsten historischen Institutionen Australiens. Ebenfalls Teil des National Trust ist der Wein, der das Weingut auch international berühmte machte. Es ist der Grange, der früher Grange Hermitage hieß und eigentlich die Erkennungsnummer (Barrel Identification Number) BIN 95 trägt. Der Grange ist so etwas wie eine Hommage an den berühmten Hermitage-Weinberg in Tain an der Nord-Rhône. Diesen hatte Max Schubert, der Jahrzehnte lang Chief Winemaker bei Penfolds war, in den 1950er Jahren genauso schätzen gelernt, wie den europäischen Umgang mit Rebstöcken im Weinberg und den reifen Trauben im Keller. Es war eine Europa-Reise, die beim deutschstämmigen Weinmacher Schubert zu einem kompletten Umdenken in der Weinproduktion bei Penfolds geführt hat. Das Ergebnis war ein großes Experimentieren im Weinberg wie im Keller mit neuen Anbaumethoden, Reifezeiten, Analysewerten, Hefen und Ausbauarten die schließlich nach und nach zu Neuerscheinungen im Weinmarkt führten, die bis heute international den Ruhm von Penfolds ausmachen und historische Fassnummern tragen. Neben dem BIN 95 sind das zum Beispiel der BIN 389, BIN 128 oder BIN 28.

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Peter Gago, Chief Winemaker

Im Gegensatz zum Analysten und Eigenbrötler Schubert, der Tage am Stück in den Kellern und Laboren des Unternehmens verbringen konnte ist Peter Gago, der Schubert-Nachfolger in vierter Generation, heute vor allem das Gesicht eines Unternehmens, das schon seit den 1970ern nicht mehr im Familienbesitz ist sondern vielmehr der Leckerbissen im Portfolio diverser Getränkekonzerne, bei denen immer wieder die Eigner wechseln. Gerade in den letzten Wochen gab es wieder einen Bieterwettbewerb um den Eigner von Penfolds, Treasury Wines, zu denen noch ein paar Dutzend weiterer Weingüter gehören.

Während also draußen die Bieterschlacht um den Besitz von Penfolds tobte, saßen wir in kleiner Runde in einem Hinterzimmer des Hamburger Fairmont-Hotels Vier Jahreszeiten und begutachteten den neuen Jahrgang von Penfolds. Auch das ist Teil des Jobs von Peter Gago, den ich frage, wann er denn überhaupt noch Wein macht. „Im April und Mai mache ich keinerlei Reisen, dann kommen die Trauben rein und ich schaue mir an, wie die Gärung verläuft.“ Ansonsten dürfte der Mann über die Platinum-Card eines oder mehrerer Vielfliegerprogramme verfügen. Denn neben Masterclasses die er leitet und Treffen mit Händlern und Journalisten gibt es da noch die Recorcing Clinic, die jährlich an verschiedenen Orten der Welt stattfindet – auch schon hier in Deutschland und nebenan in Zürich, in der Sammler sich nicht nur Gewissheit über die Echtheit ihrer Penfolds-Weine verschaffen können sondern auch noch eine Auffüllung und einen neuen Korken erhalten – wenn nötig. Die Teilnahme ist kostenfrei, äußerst populär und als Teil der Kundenbindung ein genialer Marketing-Coup, wie ich finde.

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Überhaupt Marketing… Penfolds ist groß im Marketing. Das beginnt bei der Flaschenausstattung mit dem hohen Wiedererkennungswert der Label. Das geht weiter bei klaren Linien im Angebot und es manifestiert sich in den Icon-Wines, in den extrem seltenen Abfüllungen des Weinguts, mit denen man Sehnsüchte schafft, Begehrlichkeiten und damit das ganze Portfolio aufwertet.

Der charmante Peter Gago, der im ersten Leben Lehrer war und erst später ein Studium der Önologie angeschlossen hat, verkörpert diese Marketing-Philosophie und gibt der Idee und dem Großunternehmen das wichtige Gesicht, den Charakter. Alles in der Außendarstellung ist auf ihn abgestimmt. Und warum saß ich mit ihm in Hamburg zusammen? Weil Penfolds seine Weine ab diesem Jahr, dem 170sten der Unternehmensgeschichte, nicht mehr im Frühjahr, sondern im Herbst auf den Markt bringt. Bisher war es üblich, dies kurz nach der Ernte des neuen Jahrgangs zu machen, doch macht Penfolds vor allem schwere Rotweine, und im Mai und dem darauf folgenden Sommer hat kaum jemand Lust auf 14.5 bis 15.5%-Weine. Zudem hat dies etwas mit dem Wirtschaftsjahr der Unternehmen zu tun, die Penfolds die Weine abnehmen sollen. Werden die Weine im Oktober präsentiert, bleibt für den Kauf mehr Zeit. Alles bei Penfolds ist durchdacht und optimiert und das Weingut erinnert mich, wenn ich Vergleiche ziehen soll, an Champagner-Häuser wie Moët, Ruinart oder Roederer. Auch die sind Teil großer Luxusgüterkonzerne, auch dort sind es die Chef de Cave, die für die Außendarstellung verantwortlich sind und im Keller nur noch die elementar wichtigen Entscheidungen treffen. Auch dort wird auf Luxus und Begehrlichkeiten gesetzt. Vor allem aber, ist das Weinmachen ganz ähnlich. Viel ähnlicher als bei Weingütern à la Rothschild, beispielsweise. Auch die Rothschilds, ob nun Mouton oder Lafite, sind ja große Weinunternehmen mit vielerlei Streubesitz. Doch gibt es hier immer noch die Philosophie des Château und des Terroirs, vor allem natürlich im Bordelais. Das Weingut definiert sich über das Terroir, auf dem es steht. Bei Penfolds und auch bei den großen Champagne-Häusern ist dies vollkommen anders. Da gibt es diese seltenen Single-Vineyard-Weine nur als Ausnahme (Krug mit dem Clos de Mesnil, Penfolds mit dem Magill Estate – beides Weine von kleinen, legendären Weinlagen). Ansonsten sind es regional blends von ganz unterschiedlichen Lagen in einer Region oder sogar multiregional blends aus unterschiedlichen Regionen. Der Icon Wine von Penfolds, der Grange, beispielsweise stammt aus Lagen im Barossa Valley, Clare Valley, aus den Adelaide Hills, dem McLaren Vale und dem Magill Estate, wo Penfolds entstanden ist.

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Penfolds in Magill bei Adelaide, Copyright: Penfolds.com

Dies ist eine Idee des Weinmachens, die hier in Europa bei Champagner zwar akzeptiert wird, bei der wir aber sonst immer noch große Probleme haben. Oder kann sich hier jemand vorstellen, dass beispielsweise Wilhelm Weil einen Ultra-Riesling für 500 Euro die Flasche auf dem Markt bringt, dessen Trauben von ausgewählten Weinbergen aus dem Rheingau, aus Franken, der Mosel, der Nahe und aus Rheinhessen stammen? Wohl kaum.

Begonnen haben wir übrigens auch bei Penfolds mit einem Riesling. Es ist der Penfolds BIN 51 Riesling 2014 Eden Valley. Auch dieser stammt aus zwei unterschiedlichen Regionen und man geht, ganz typisch für diese Philosophie des Weinmachens ganz pragmatisch vor. Man nimmt das Material, das die geforderte Qualität hat. Deshalb hat man in verschiedenen Cool-Climate-Gebieten Verträge mit Winzern abgeschlossen (auch hier gibt es natürlich neben dem großen Eigenbesitz jede Menge Vertragswinzer – wie in der Champagne). Da kann dann das Traubenmaterial auch mal aus Tasmanien stammen. Der Wein hat kein 2 Gramm Restzucker bei 3,1 ph-Wert, 7,1 Gramm Säure und 12,5% Alkohol. Er ist kräftig, hat viel gelbe Frucht, eine leicht tropische Note und Zitronenschale, ist intensiv und sehr saftig. Der Wein hat mir sehr gut gefallen, da ist nichts Fettes, nichts Überreifes, alles ist elegant und klar.

Der Penfolds Reserve BIN 13A Chardonnay 2013 Adelaide Hills wird spontan angegoren und neun Monate lang zu 40% in neuen und zu 60% in gebrauchten französischen Barriques ausgebaut. Dabei kommt der Wein direkt von der Presse in die jeweiligen Barriques, so dass jedes Barrique deutliche Unterschiede aufweist. 13% Alkohol hat der Wein, der zu 100% eine malolaktische Gärung durchlaufen hat. Er präsentiert sich offen, rund mit viel Steinobstfrucht, Zitronensorbet, etwas Banane mit gerösteten Nüssen und erstaunlich zurückhaltendem Holz. Es fehlt mir allerdings etwas die Säure und das etwas Kantige, das, was Charakter ausmacht.

Penfolds Yattarna BIN 144 Chardonnay 2012 South Eastern Australia dagegen ist momentan dicht wie eine beleidigte Auster. Ein gutes Jahr älter als der BIN 13A und aus verschiedenen Gebieten stammend ist er der weiße Icon Wine des Unternehmens und präsentiert die typische Idee einer Gebiets-Cuvée. Während vergleichbar teure Weine aus Meursault nach einzelnen Lagen ausgesucht werden, stammen die Trauben für diesen Wein aus Tasmanien, Victoria und Adelaide Hills, Weinberge also, die hunderte Kilometer voneinander entfernt sind. Der Wein wird etwas kürzer (acht Monate) in mehr gebrauchtem Holz ( 55%) ausgebaut aber ähnlich verarbeitet wie die Reserve BIN, also Nach Gebiet und dann noch mal einzeln direkt nach der Pressung Fass für Fass gesondert ausgebaut. Der Wein ist viel weniger rund und auf Show gemacht wie die Reserve. Vor allem hat er die Frische, die mir bei der Reserve etwas gefehlt hat. Auch wenn er momentan verschlossen ist, zeigt sich das Pure, das Elegante, der feine Nusston, das ganze fruchtige Aromenspektrum fein verwoben und komplex. ein toller Chardonnay!

Alter Rebstock in KalimnaKalimna_Old_Vine_Credit_Penfolds

Der rote Penfolds BIN 28 Kalimna Shiraz 2012 South Australia ist ein guter Einstieg in die Shiraz-Welt von Penfolds. Der erste Jahrgang stammt aus der Max-Schubert-Zeit und wurde 1959 abgefüllt. Der Shiraz stammt aus dem McLaren Vale, Wrattonbully, Langhorn Creek, Barossa Valley, Padthaway und Upper Adelaide und hat 14.5% – wie alle Roten die nun folgen. Der Wein reift 13 Monate in alten Hogsheads aus amerikanischer Eiche. Hogshead war übrigens ein englisches Volumen-Flüssigkeitsmaß, das man in den Hansestädten als Oxhoft bezeichnet hat. Bei Wein war dies ein Volumen von 285 Liter, bei Ale waren es 218 Liter und bei Porter 245 Liter, aber das nur am Rande. Der Wein ist typisch dunkel mit reifer Johannisbeer- und Kirschfrucht, Leder, Erde, Trockenkräuter, Anis und am Gaumen mit viel dunkler Frucht. Nur ganz leicht marmeladig, saftig, schon sehr rund und schmeichelnd und von einer angenehmen Frische.

Den Penfolds BIN 150 Marananga Shiraz 2012 Barossa gibt es erst im fünften Jahr. Er gehört zu den regional blends, genauer gesagt ist er ein sub-regional blend, denn er stammt aus der Sub-Region des Barossa Valley namens Marananga, einer Talsohle im Barossa, aus der auch Frucht für den Grange verwendet wird. Der berühmteste Plot in dieser Subregion ist das Seppeltsfield, einer der ältesten Weinberge des Landes. Der Wein wird 14 Monate in neuem Holz (25%) und alten Holz zu je 25% aus französischer Eiche und amerikanischer Eiche unterschiedlicher Größe (330-600L) gelagert. Der violett-blaue Wein zeigt deutlich mehr Kraft als der BIN 28. Er ist dichter und hat von allem mehr – vor allem einen anderer Typus. Hier findet sich etwas von Eukalyptus und einer medizinalen Note mit einer Noten von Leinsamen (erstaunlich), Veilchen, Nutella und mehr Holz als beim BIN 28. Am Gaumen dann konzentrierte fleischige Frucht, viel Tannin, Konzentration und Dunkelheit. Weglegen…

Der Penfolds BIN 407 Cabernet Sauvignon bildet zusammen mit dem neuen BIN 150 und dem Klassiker BIN 389 die obere Mittelklasse der Fass-Serie (unten fängt es an mit BIN 2, BIN 8, BIN 9, Mittelklasse ist BIN 28, BIN 128, BIN 138). Der reinsortige Cabernet stammt aus unterschiedlichen Regionen (Wrattonbully, Padthaway, McLaren Vale, Coonawarra, Langhorne Creek) und wird 14% Monate in 22% neuer französischer Eiche und desweiteren in neuer und gebrauchter amerikanischer Eiche ausgebaut. Hätte ich den Wein blind im Glas gehabt, hätte ich nicht auf Cabernet getippt sondern ebenfalls auf Shiraz. Cabernet-Puristen, die bei dieser Sorte eher linkes Ufer Bordeaux oder Ähnliches im Sinn haben, werden mit diesem wein kaum glücklich. Jene, die jedoch mit Cabernet auch Kalifornien und die höhere Reife, Saftigkeit und dichte verbinden, werden diesen Wein sehr mögen denn er ist innerhalb des Stils exzellent gemacht. Im Gegensatz zu klassischen Coonawarras wie beispielsweise von Wynns, ist diese Cuvée viel üppiger, konzentrierter, ein Ausbund an reifer Frucht, Fleisch, reifer Süße in der sich erst mit der Zeit typische Cabernet-Attribute wie Cassis, Zeder, Grafit offenbaren. Wenn der BIN 389 der Baby-Grange ist (so wird er ja gerne genannt weil er in alten Grange-Fässern ausgebaut wird), dann ist das hier der Baby-707. Wobei das mit dem Baby naürlich kompletter Unsinn ist. Beide Weine, 407 wie 389 neun sind aus dem Stadium, in dem man fürsorglich sein müssten längst raus.

Coonawara_Rote_Erde_Credit_PenfoldsCoonawarra mit dem typischen roten Boden, Copyright: Penfolds.com

Der BIN 389 Cabernet Shiraz  wurde von Max Schubert zum ersten Mal mit dem Jahrgang 1960 abgefüllt und besteht meist aus mehr oder weniger 50% Cabernet und 50% Shiraz aus Wrattonbully, Barossa, McLaren, Langhorne Creek und Robe. Der Wein wird, ich schreib es bereits, 12 Monate lang zu 60% in Grange-Fässern ausgebaut und zu 40% in neuer Amerikanischer Eiche. Puh, das ist Konzentration pur, dunkle Marmelade, eingekocht, wie das Gewürzpflaumenmus, das ich letztens gekocht habe. Dazu aber dunkle, flüssige Schokolade, Salz, Teer, rohes Fleisch, ein Wein, den man kauen muss mit konzentrierter Frucht, Dattel- und Feigenkuchen mit Vanille und Zimt. Trotzdem mit gewisser Frische und Säure, die die Konzentration etwas abfedert.

Angekommen in Premier-League des Weinguts haben wir mit dem Penfolds St. Henri Shiraz 2011 einen Wein mit Ausnahmestellung unter den Penfolds-Erzeugnissen. Schon das Etikett ist klassischer und er ist noch vor der Max-Schubert-Ära auf den Markt gekommen. Der Shiraz ist immer der europäischste Wein, der am ehesten an die Heimat des Syrah, die Nord-Rhône erinnert. die Trauben stammen aus dem McLaren Vale, Barossa und den Adelaide Hills und der Wein wird 12 Monate lang in– Achtung! – großen alten Holzfudern ausgebaut. Im Gegensatz zu allen Rotweinen davor und danach findet sich hier nicht die dunkle Frucht, die schwarze Olive und die Marmelade sondern es ist rote Frucht, es sind rote Johannisbeeren, Preiselbeeren, grüne Olive, grüner Pfeffer, etwas rohes Fleisch, etwas Teer, alles fein verwoben und lang. Wenn ich mir von allen Weinen der Probe einen hätte mit nach Hause nehmen können, ich hätte definitiv den St. Henri genommen!

Wenn wir schon von Ausnahmestellung reden, dann gehört dieser Wein eigentlich auch dazu. Der Penfolds Magill Estate Shiraz 2012 ist eben jener Single-Vineyard-Wein, der am ehesten mit den klassischen Chateau-Weinen des Bordelais zu vergleichen ist – auch wenn es sich hier um einen reinsortigen Shiraz handelt, wirkt er tatsächlich relativ europäisch. Er stammt aus dem nur noch 5.2 Hektar kleinen Weinberg, der den Grundstein des Penfolds-Imperiums geliefert hat. Magill ist heute längst von Adelaide eingemeindet und der kleine Besitz am Stammhaus liegt im Ort. Der Wein wird 15 Monate lang zu 65% in französischer Eiche ausgebaut, der Rest in teils neues, teils gebrauchte amerikanisches Holz. Dieser Shiraz ist durchaus fein und energetisch, duftet ein wenig nach einer klassischen Cabernet-Merlot-Cuvée mit Zedernholz, Tabak, Grafit, Pflaume und Cassis. Dann aber kommen eukalyptische Noten, zunehmend Leder, Nelke, Zimt. Am Gaumen dann eher intensive rote Frucht, komplex, würzig mit präsentem Holz und viel Tannin. Viel zu jung natürlich, aber schön.

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Das RWT im Penfolds RWT Barossa Valley Shiraz 2012 steht für Red Wine Trial, ein ungewöhnlicher Name für ein Luxusprodukt. Es war der Versuch, einen Shiraz-Counterpart zum Grange auf ähnlichem Niveau zu machen. Der Grange, in amerikanischer Eiche ausgebaut, muskulös, extrem dicht und voller Energie, der RWT vor allem in französischer Eiche ausgebaut etwas opulenter, schwebender aber auch fleischiger mit viel Pfeffer, Cassis und Schokolade. Üppig, dicht und strukturiert mit viel Extrakt. Bei längerer Reifezeit allerdings nähert er sich weit stärker den Syrah vom Hermitage-Weinberg der Norsd-Rhône an als es der Grange tut, der den Namen Hermitage ja sogar lnge im Namen getragen hat.

Das Cabernet-Flaggschiff des Hauses ist der Penfolds BIN 707 Cabernet Sauvignon 2012. Der Wein wurde als 1964er Jahrgang in der Schubert-Ära das erste Mal abgefüllt und ist so etwas wie die australische Cabernet-Ikone, die allerdings auch nur dann abgefüllt wird, wenn das Traubenmaterial zu 100% die Erwartungen erfüllt (2011 war das beispielsweise nicht der Fall). Die Trauben stammen von den roten Böden des Coonawarra, Padthaway, Barossa, Wrattonbully und den Adelaide Hills. Der Wein lagert zu 100% in neuer amerikanischer Eiche und spielt stilistisch eher im großen Konzert der Kalifornier mit denn in dem Franzosen. Dieser Wein ist ein wenig so wie BIN 407 nur von allem noch viel mehr. Mehr Dichte, mehr üppige Frucht, mehr Konzentration. Es ist ein gewaltiger Cabernet voller Cassis und Kirsche, Rauch, Fleisch, Sojasoße, schwarzen Oliven, Zeder, Lakritze, Eukalyptus, Tiramisu, Nuss, am Gaumen würzig, explodierend, mit extrem reifer aber nicht überreifer Frucht, mit einem ganzen Schokoladenbrunnen, Vanille, Zimt und Eiche. Eleganz trifft Geilheit, irgendwie. Man will das in großen Schlucken trinken, so gut ist das. andererseits eben auch so üppig, das es zum jetzigen Zeitpunkt fast ein wenig ordinär wirkt. Trotzdem, der Wein ist purer, australischer Cabernet-Wahnsinn. Aber man sollte diesen, genauso wie den nächsten Wein sowieso erst einmal vergessen, wenn man sich ihn denn für ca. 320€ die Flasche in den Keller legen will. Überhaupt schraubt sich in der Oberklasse von Penfolds die Preisspirale zunehmend deutlich nach oben. Den St. Henri bekommt man kaum unter 100€, der RWT liegt dann schon bei ca. 170€, und für den 2010er Grange will man so ca. 600€ die Flasche haben – das ist ambitioniert.

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Der Penfolds BIN 95 Grange 2010 ist eine Cuvée aus 96% Shiraz und 4% Cabernet, aus alten Anlagen des Barossa Valley, des Clare Valley, den Adelaide Hills, McLaren Vale und dem Magill Estate stammend. Er wurde 17 Monate lang in neue amerikanische eiche gelegt. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt ein Wein, dessen Tragweite nur zu erahnen ist. Definitiv war 2010 ein ziemlich perfekter Jahrgang für diesen Wein und so präsentiert der Grange sich tief und konzentriert mit sehr viel Spannung und enormer Komplexität. Dieser Wein ist ja grundsätzlich, bis auf den Alkohol, nicht mehr weit von einem Jahrgangsport bester Provenienz entfernt, so dicht ist die Frucht, so konzentriert die schwarzen Kirschen, das Cassis, das Süßholz, die schwarze Schokolade, das Zedernholz und das Fleischige. Dabei findet sich Samt auf der Zunge, wunderbar eingebundenes Tannin und auch hier eine enorme Tiefe. Ein souveräner, großer Wein in einem Stil, der in seiner Opulenz vielleicht nicht jedem gefällt, der in seiner außerordentlichen Qualität jedoch über jeden Zweifel erhaben ist.

Wenn ich mir die Preise so ansehe bin ich fast froh, dass ich gar nicht mehr in Erwägung ziehen muss, ob ich mir von irgendeinem dieser Weine etwas in den Keller legen würde. Lediglich beim Bin 28 könnte ich theoretisch schwach werden, denn der liegt heute so in etwa auf dem Preisniveau, das damals der BIN 389 hatte. Er ist ein wirklich guter Einstieg in die Welt und Stilistik von Penfolds. Die eigentliche Basis ist der Koonunga Hill, ein Wein, der schon immer so um die 10 (Mark/Euro) gekostet hat und sehr respektable Qualität liefert. Überhaupt finde ich es schon bemerkenswert, wie man bei Penfolds diese Qualität, das Blending und den logistischen Aufwand gemeistert kriegt. Auch wenn im Keller natürlich mit vielen üblichen Tricks gearbeitet wird (Tanninpulver, Kastanienmehl etc.) und ich davon jetzt wahrlich kein Fan bin. Weinmachen bei dieser Größe und bei solch umkämpften Märkten, auch im Luxus-Segment, hat eben nichts mehr mit Romantik zu tun – die scheint nur noch nach außen. Da tun sich die Großen nichts, die Tricks bei Penfolds dürften sich da kaum von denen auf bekannten Bordeaux-Cru-Classé-Gütern unterscheiden. Stilistisch erinnern mich die Icon-Wines unter Strich, wenn ich Vergleiche ziehen will, an so etwas hier, während ich persönlich eher diesen Stil bevorzuge (wenn ich mal auf annähernd ähnlichem Preisniveau bleibe). Trotzdem, was Penfolds bietet ist – wie schon gesagt – Weinmachen auf höchstem Niveau, und darüber hinaus ein außergewöhnliches Stück Weingeschichte. Das 170jährige Jubiläum fällt übrigens mit meinem eigenen zusammen. Denn wenn ich richtig gerechnet habe, dass habe ich 1994 zum ersten Mal Weine von Penfolds probiert und es waren die ersten, die ich mir am Beginn meiner Weinleidenschaft in den Keller gelegt habe – präzise gesagt waren es einige Flaschen BIN 389. Damals hat eine Flasche dieses Weins 22 Mark gekostet. Heute kostet eine aktuelle Flasche so um die €75,- Nicht schlecht, hm? (Und das ist noch nichts im Vergleich zum Preisanstieg beim Oberklasse-Bordeaux)

 

Saumur-Champigny – zu Gast im Clos Cristal, einem höchst ungewöhnlichen Weinberg

02/Okt/14 12:30 kategorisiert in: Bio & Biodyn, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Rot, Frankreich

Haeder Weinland Frankreich Saumur-Champigny

Als ich 2013 auf der RAW in London am Stand des Clos Cristal stand, wusste ich, da muss ich irgendwann hin. Einen solchen Weinberg hatte ich noch nie gesehen und als ich ihn damals auf Fotos betrachtete, dachte ich zunächst, es wäre das Werk eines Bekloppten, eines Winzers, der seinen Spleen mit voller Leidenschaft ausgelebt hat.

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Auf der Rückfahrt von Clos Rougeard und Romain Guiberteau haben wir dann noch einen Abstecher gemacht, um uns diesen umfriedeten Weinberg anzusehen. Zufälligerweise trafen wir Marc Gensollen (siehe Foto) auf dem Parkplatz, der es sich trotz gerade absolvierter längerer Autofahrt und durchzechter Nacht nicht nehmen lassen wollte, uns eine ausführliche Weinberg- und Kellerbesichtigung angedeihen zu lassen. Das Wetter war frühlingshaft und also ging es in diesen einzigartigen Weinberg.

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Der Name Clos Cristal stammt vom Gründer des Weinbergs, Antoine Cristal, geboren 1837 ganz in der Nähe. Cristal hat eine erstaunliche Lebensgeschichte. Er ist damit wohlhabend geworden, Kleidungsstücke auf der Straße zu verkaufen, ein fliegender Händler also. Aber einer, der sein erworbenes kleines Vermögen daraufhin in die Textilproduktion gesteckt hat und damit erst recht erfolgreich war. Gleichzeitig war er ein Förderer von modernen Künstlern seiner Zeit. Mit 50 (ein durchaus fortgeschrittenes Alter für das 19. Jahrhundert) entschied er sich, die Textilproduktion zu verkaufen und stattdessen ein Weingut in seiner Heimat zu erwerben. Er entschied sich für das Château de Parnay, direkt an der Loire in Souzay-Champigny gelegen. Das Weingut verfügte über einige Hektar Chenin Blanc. Da Cristal aber ein Freund des Cabernet Francs war, kaufte er noch zehn Hektar etwas weiter im Landesinneren bei Champigny dazu.

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Antoine Cristal musste sich erst ein Gefühl für den Weinbau erarbeiten – er kam nicht aus einer Winzerfamilie. Das tat er wohl mit voller Passion und Aufgeschlossenheit und er experimentierte im Weinberg wie im Keller. So war er einer der ersten, die ihre Rebsorten auf amerikanische Unterlagsreben pfropften, als die Reblaus die Weinberge bedrohte. Darüber hinaus gründete er die erste Rebschule der Region, um die veredelten Reben auch anderen Winzern anbieten zu können. Weiterhin gehörte er zu den ersten, die auf die Drahtrahmenerziehung setzten und – er sprach sich für eine Ethik beim Weinbau aus. Er sprach damals schon von vin naturel als einzig akzeptabler An- und Ausbauweise. Ein fortschrittlicher Geist also, dessen erstaunlichstes Experiment noch heute im mit drei Kilometern Mauer umfriedeten Clos zu besichtigen ist.

Cristal war die ganze Zeit über bemüht, den besten nur möglichen Wein herzustellen, der im Boden von Champigny zu erzeugen war. Da die Gegend trotz der etwas wärmeren Lagen von Champigny insgesamt durchaus kühl war, kam er auf die Idee, einen Teil der Cabernet-Stöcke durch Mauern zu pflanzen. vielleicht hatte er die 350(!) Kilometer Mauerwein in Thomery bei Fontainbleau besichtigt und kam dort auf die Idee, dass Mauern Wärme speichern und sie wieder an die Reben abgeben können. Während in Thomery die Reben jedoch komplett in der prallen Sonne der Südseite der Mauer stehen, hat Cristal weiter gedacht. Er ließ die Stöcke auf die Nordseite der Mauer pflanzen, Löcher durch die Mauern bohren um dann die Stöcke durch die Löcher auf die Südseite zu leiten, wo dann die Reben reifen. so wird nicht der gesamte Stock erhitzt sondern lediglich die Reben. Das hat tatsächlich den Effekt, dass die Reben damals wie heute drei bis vier Wochen früher reif sind. Heute führt das zu einem etwas heißen und mir tendenziell etwas zu konzentrierten Wein. Damals muss der Effekt dieses genialen Einfalls perfekt gewesen sein. Jedenfalls führten alle Bemühungen dazu, dass Cristal einer der erfolgreichsten Weinmacher der damaligen Zeit wurde. Seine Weine, gerade die Roten, die aus einer Gegend stammten die damals nur für ihre Weißweine bekannt war, verkauften sich in die Pariser und Londoner High Society, standen auf der Karte der besten Restaurants Frankreichs, sollen an den Japanischen Kaiserhof exportiert worden sein und wurden die Lieblingsweine von George Clemenceau, seines Zeichens Premierminister Frankreichs während des 1. Weltkriegs. So hat Cristal in gewisser Weise die Grundlage für die heutige Appellation Saumur-Champigny als Region für einige der besten Cabernet Francs Frankreichs gelegt.

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Nach seinem Tod im nun wirklich fortgeschrittenen Alter von über 90 hat Cristal das Weingut übrigens dem Hospice de Saumur übereignet und tatsächlich reiht sich das Krankenhaus bis heute in die Reihe der Spitäler (Hospice de Beaune, Bürger- und Juliusspital in Würzburg etc.) ein, die ein Weingut betreiben. Die Verwaltung des Hospice lässt den Verwalter und Weinmacher Eric Dubois und sein Team gewähren, solange es nicht zu stark in die Miesen gerät.

Das Weingut mit seinen ziemlich sandigen Tuffsteinböden wird seit mehr als 18 Jahren biologisch-organisch bewirtschaftet und die Cabernet-Reben haben ein Durchschnittsalter von 50 Jahren. Neben Cabernet Franc gibt es ein Cabernet Sauvignon, Pinot Noir und Pineau d’Aunis sowie eine winzige Menge Chenin Blanc unweit des Hospice de Saumur, dessen Erzeugnis, ein Saumur blanc jedoch immer direkt ausverkauft ist.

Durchaus erstaunlich ist auch der Keller, denn der liegt tatsächlich bis heute komplett unter der Erde. Auch hier war Cristal seiner Zeit voraus. So hat er bestimmte Weine reduktiv ausgebaut in dem er große Holzfässer mit böhmischem Glas ausgegossen hat. Entsprechend den Ideen des Gründers und der eigenen Vorstellungen werde die Weine heute spontan vergoren, nicht filtriert und nur mit Minimalmengen von Schwefel behandelt – und das nur am Tag der Ernte und nicht mehr bei der Abfüllung.

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Wir haben mit Marc Gensollen drei Weine probiert. Die entrappten Trauben des Clos Cristal Saumur-Champigny 2012 wurden drei Wochen lang vergoren, ohne dass umgepumpt wurde. Er wird in Stahl und großen Fuder ausgebaut, aber nur ein dreiviertel Jahr. Entsprechend jung, dunkelfruchtig und frisch präsentierte sich der Wein mit einer Johannisbeernote, mit Waldboden, etwas Efeu und Kräutern. Der Clos Cristal Boutifolle 2010 (es hört sich nach beautiful an aber eigentlich ist das der Katastername des Grundstücks auf dem der Clos steht) stammt von den Cabernet-Reben innerhalb des Clos, jedoch ohne den Mauerwein. Der Cabernet Franc wird zwei Jahre lang in gebrauchten 600-Liter-Fässern (demi-muid) ausgebaut. Der Wein wirkt kräftig und ebenfalls jung und ungestüm. Gleichzeitig findet sich eine wunderbar reife Frucht und Würze mit einem Hauch von Holz, Minze und Stein. Der Clos Cristal Les Murs 2010 schließlich ist der Mauerwein und stammt ausschließlich von den frühreifen Rebstöcken mit einem Anteil von 80% Franc und 20% Sauvignon. Der Wein wirkt, wie gesagt, konzentrierter und dichter und auch etwas wärmer als die anderen beiden Weine, was durchaus schön gemacht ist. Doch wenn ich an Saumur denke, habe ich immer die Frische im Kopf, die ich im Cabernet Franc haben möchte. Die hat Les Murs nicht so ganz. Trotzdem ein schöner Wein.

Den Saumur-Champigny gibt es mitlweile bei Alex Zülch von Vins Vivants, der mit dabei und ebenso begeistert war wie ich. Ansonsten hinfahren – es lohnt sich wie man sieht, nicht wahr?

Zum ersten Teil Zu Gast bei Thierry Germain, Domaine des Roches Neuves geht es hier.

Zum zweiten Teil Zu Gast bei Nady Foucault, Clos Rougeard geht es hier.

Zum dritten Teil Zu Gast bei Romain Guiberteau geht es hier.

 

 Copyright Fotos: Holger Klein, Christoph Raffelt

 

Saumur-Champigny – zu Gast bei Romain Guiberteau

Haeder Weinland Frankreich Saumur-Champigny

Das magische Dreieck von Saumur-Champigny lautet für mich Germain – Foucault – Guiberteau, auch wenn sich damit das Chateau de Villeneuve bei mir in die zweite Reihe fügen muss. Heute stelle ich den dritten im Bunde, Romain Guiberteau vor (auch wenn er, ganz genau genommen, nicht mehr ganz im Bereich von Champigny liegt). Mit ihm fing das Verwirrspiel des zweiten Reisetages an, denn bei ihm standen wir morgens auf dem Hof in Saint Juste sur Dive – und er meinte, er wüsste von nichts. Er hatte uns wohl vergessen, aber er hat wieder wett gemacht mit seiner Begleitung zu Clos Rougeard und einer späteren Probe in seinem Keller, durch die er mit seiner neuen Lebensgefährtin geführt hat.

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Romain hat den Hof 1996 von seiner Familie übernommen, nachdem die Weinberge 20 Jahre brach lagen weil sich niemand entschließen konnte, die Domaine zu führen. Doch sein Großvater Robert hatte solch schöne Filet-Lagenstücke gekauft, dass Romain kaum anders konnte – und irgendwann hat es ihn richtig gepackt. Das beste Stück davon ist natürlich ein Anteil von mehreren Hektar in Brézé, wo auch Clos Rougeard seinen Chenin stehen hat. Direkt benachbart liegt die Monopollage Clos des Carmes. Hinzugekommen ist 2003 der Clos de Guichaux, den Guiberteau nach sélection massale gepflanzt hat, sprich, er hat Teile der besten und ältesten Chenin-Stöcke aus Brézé und dem Clos des Carmes genommen und neu gepflanzt, statt irgendwelches Klonmaterial zu nehmen. Beim Cabernet Franc sind es namentlich zwei Lagen, die Guiberteau auf seinen Etiketten ausweist: Les Arbois aus Brézé (Hier auf der Karte von weinlagen.info) und Les Motelles in Montrueil-Bellay (Hier auf der Karte von weinlagen.info).

Guiberteau bewirtschaftet die Weinberge seit dem Jahr 2000 biologisch und ist seit 2007 zertifiziert. Vergoren werden Chenin und Cabernet Franc spontan, meist in alten Betonwannen, beim Ausbau kommen dann gebrauchte Barriques zum Einsatz. Romain Guiberteau hatte das Glück, unter die Fittiche von Dani Foucault genommen zu werden, mit dem er, nachdem die Weinberge wieder instandgesetzt waren, seinen ersten roten Saumur abgefüllt hat. Die 5.000 Flaschen waren schnell verkauft und Romain hat sich dann entschieden, seine Weine komplett selbst zu vermarkten statt sie zur Kooperative zu geben, die sein Großvater zu Anfang des 20. Jahrhunderts mitgegründet hatte. Von den 12 Hektar Besitz stehen 9,4 Hektar unter Reben und von diesen liegen sieben Hektar in Brézé – ein großer Schatz. Die Reben dort (etwas weniger als die Hälfte ist mit Cabernet Franc bestockt) liefern einen Stoff, der einfach gnadenlos und kompromisslos ist. Von dort stammt der mineralischste, steinigste und aggressivste Stoff, den ich kenne. Wer gerade den Weißwein von Guiberteau jung trinkt, kriegt diese Säure und Mineralität einfach mitten ins Gesicht – ohne Ausholbewegung und der Möglichkeit zu reagieren. Und man braucht ein paar Sekunden, um sich davon zu erholen. Wenn man das mag, dann will man mehr davon. Ich wollte mehr davon und ich will immer noch. Wenn Roches Neuves Cool Jazz ist und Clos Rougeard Schubert, dann ist das hier Penderetzki (mit einem größeren Anteil von Punk als Zwischenspiel). Und wenn man es in den Keller legt, wird es groß. Romain hat uns einen 2000er (oder was 2001?) Saumur Blanc eingeschenkt, seinen einfachsten Wein, 13, 14 Jahre alt. Das war Traumstoff. Da hat sich das Wilde, das Saure und der Stein zu einer Einheit verschmolzen, ja verdichtet, die sofort überwältigt.

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Mit diesen Weinen hat Guiberteau sich einen exzellenten Namen gemacht – in Frankreich. Das hatte hier allerdings niemand mitbekommen außer Martin Kössler, der ihn vor zwei, drei Jahren ins Programm genommen hat. Man sollte diesen Stoff kaufen und auf jeden Fall ein paar Jahre in den Keller legen. Das gilt auch für den gerade einmal 13€ teuren Saumur Blanc, der aus dem Clos de Guicheaux und aus Teilen des Clos des Carmes und Brézé stammt, spontan in gebrauchten Fässern vergoren und dann im Stahl ausgebaut wird.

Dann der Chenin Blanc Clos de Guicheaux, dieser recht jungen selection-massale-Pflanzung. Der Wein vergärt in alten Fässern und wird dann auch im gebrauchten Barrique ausgebaut. Dieser Wein ist Stahl, den jemand an feuchtem Stein scharf gewetzt hat um dann auf der rasiermesserscharfen Klingen zwei kleine Stücke gelber Birne zu hinterlassen und fein aufgereiht eine größere Menge Steinsalz und ein paar Trockenkräuter. Er erinnert ein wenig an den Grundwein eines exzellenten Erzeugern von Blanc-Blancs-Champagne an der Côte des Blancs. Der Wein fordert wie der Ritt auf einer Welle, erzeugt Spannung und hat gleichzeitig eine zu erahnende Tiefe, der sich allerdings erst vollends offenbart, wenn der Wein ein Dutzend Jahre älter ist.

Der 2010er Brézé aus 60 Jahre alten Anlagen wirkt etwas gelassener – schon weil sich hier etwas mehr Frucht findet und ein Hauch von Honig und exotischen Noten. Ansonsten scheint es eher so, als hätte jemand einige Zitrusfrüchte über Kreide, Kalk und Feuerstein ausgedrückt um eine chemische Reaktion hervorzurufen, die als Rauch in die Nase steigt. Wunderbar auch hier das markant Mineralische, das Salzige, das Kreidige und das leicht Cremige am Gaumen.

Guiberteau_02 KopieGuiberteau und seine kanadische Lebensgefährtin

Diese Spannung und das Salzige findet sich auch in Les Arboises, dem Cabernet Franc, der aus einem Teil des Brézé-Besitzes stammt. Dagegen wirkt der Cabernet Franc Les Motelles extrem entspannt. Und es war für mich, nachdem ich mich voll auf diese wilden Weißen eingelassen hatte geradezu eine Entspannung, diesen vollen, sinnlichen, elegant-geschmeidigen und dichten Wein zu erleben, der perfekt reif gelesen wurde ohne auch nur einen Anflug von grünen Noten einerseits oder gar Überreife andererseits. Les Motelles heißt 50 Jahre alte Reben auf Lehm, Kies und relativ viel Sand. Hier arbeitet Romain mit einem verschwindend geringen Ertrag von 25hl. Der wandert in Betontanks und später 18 Monate in gebrauchte Fässer und ein neues. Holz spürt man, aber nur ganz dezent. Was hier vor allem überzeugt ist die charmante Textur, die präzise Abstimmung von Frucht, Stein und Holz und die wunderbar feine Note von Kräutern und Gewürzen. Das ist sehr gelungen und sollte im Keller eines Loire-Freundes keinesfalls fehlen. Die Weine gibt es hier in Deutschland in der K&U-Weinhalle.

Zum ersten Teil Zu Gast bei Thierry Germain, Domaine des Roches Neuves geht es hier.

Zum zweiten Teil Zu Gast bei Nady Foucault, Clos Rougeard geht es hier..

Zum vierten Teil Zu Gast im Clos Cristal geht es hier.

 

 Copyright Fotos: Holger KLein, Yorck Moeller, Christoph Raffelt

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