originalverkorkt - flüssige und überflüssige Eskapaden



Im Speiselokal

15/Jun/15 13:45 kategorisiert in: Abschweifungen

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Billy Wagner ein begeisterter Freund des Polosports ist. Er wirkt nicht so. Trotzdem ist er vielleicht durch Zufall irgendwann einmal 2011 über eine Überschrift in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gestolpert die da lautete: Nobel, hart & schmutzig. Dort ging es um den klassisch englischen Upperclass-Pferdesport Polo, der unter anderem auch unweit meiner eigenen Behausung in den Elbvororten Hamburgs gespielt wird.

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Das Speiselokal, das Billy Wagner zu Beginn dieses Jahres an einem festen Ort eröffnet hat, befindet sich nicht in den Elbvororten Hamburgs sondern in der Friedrichstraße in Berlin. Dort war ich am Samstag als Gast – genau ein Jahr, nachdem Billy Wagner das erste Mal mit dem ungewöhnlichen Namen in die Öffentlichkeit getreten ist um zusammen mit Micha Schäfer im Rahmen eines Supper Clubs die ersten Gäste zu bewirten. Was nach dieser ersten Verlautbarung passiert ist, war eine ungewöhnlich lang anhaltende Werbekampagne für ein Restaurant, das noch gar nicht existierte. Billy hat dabei alle Medien und vor allem die sozialen genutzt, um Nobelhart & Schmutzig in die Gehirne der Ess- und Trinksüchtigen zu pflanzen. Das hat gewirkt, denn seit dem ersten Tag ist das Restaurant, das sich, wie früher viele in Berlin, Speiselokal nennt, ausgebucht.

Neben der historischen dürfte der Begriff Speiselokal allerdings noch eine zweite Bedeutung besitzen. Denn Speiselokal kann ebenso als  Speisen lokal gedeutet werden und das ist genau der Ansatz für das, was einem bei Nobelhart & Schmutzig geboten wird. Alle Speisen, bzw. die Produkte, die für die Speisen verwendet werden kommen entweder aus Berlin oder aus dem Umfeld von Berlin. Da gibt es keine Ausnahmen. Deshalb wird man dort die Pfeffermühle vergeblich suchen und auch kaum missen. Denn die Würze, die wir so gerne beim Essen haben, wird anders erzeugt. Zum Beispiel mit Hilfe von Kräutern, von Suden und Aufgüssen, von Fermentationen und Kollaborationen. Zu diesen Kollaborationen zählt zum Beispiel die ausgezeichnete Abstimmung von Getränken (die nur in Teilen lokal erzeugt werden, in Berlin wächst kaum guter Wein) und den zehn Gängen, die uns gereicht werden. So empfehle ich, sich zumindest beim ersten Mal den Empfehlungen des Herrn Wagner anzuvertrauen, der sein Getränke- und Speisen-Kombinationswissen von Grund auf beherrscht.

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So schenkt er zu einem Viertel Kopfsalat, der mit Öl, Weizengras, Emmer-Crunch und Lammsoße kombiniert war ein Schönramer Pils mit hohem Bitterstoffanteil ein. Eine hervorragende Kombination und ein so einfacher wie gewitzter Gang. Das Viertel knackiger Salat ist in Weizengrasöl getränkt, zwischendrin liegt der crunchige Emmerweizen und darüber wird die warme umamilastige Soße gegossen, die dann im Mund auf das Bitterbier trifft und verschmilzt. Wunderbar auch die gereifte Riesling-Spätlese von J.B. Becker aus dem Rheingau, die ich pur gar nicht so begeisternd finde (etwas schwerfällig und auch nicht so lang), in der Kombination mit Schweinenacken, Zwiebeln und Holunderblüten aber strahlend aufgeht und das Essen perfekt ergänzt. Dies übrigens war der einzige Gang, wo ich spontan gedacht habe, ich könne einen Hauch Pfeffer vertragen. Doch wirklich vermisst, habe ich ihn nicht.

Die Küche bleibt immer leicht und schwebend. Fleisch wird nur in übersichtlichem Maße serviert. Hier ein Klecks Blutwurst, da eine Lammreduktion, schließlich der Schweinenacken. Lokalen Fisch von der Müritz (Saibling und Forelle) gibt es in zwei Gängen und hier, wie beim Fleisch sind es vor allem die Kombinationen mit Sprossen, Gräsern, Blättern, Blüten und Samen, die alles verbinden und heben. Entsprechend sind wir zur Menüfolge ohne ein Glas Rotwein ausgekommen, was ich durchaus angenehm fand, wird es doch schnell zu schwer, wenn man mindestens acht Getränke probiert. Geradezu sensationell gut wurde es bei den beiden ausklingenden Dessert-Gängen. Sauerampfer und Dillblüten treffen auf Traubenkernöl und einen Brand von der Chicorée-Wurzel, Grüner Hafer wird mit Rhabarber und Thymian kombiniert.

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Was diesen Ort neben dem außergewöhnlichem Speise- und Getränkeansatz aber so besonders macht, ist die Ruhe, in der hier die Kraft liegt. Der Raum ist dunkel und lediglich die tiefe Bar, an der in einem U mindestens Dreiviertel der möglichen 40 Gäste sitzen, wird über warmes Licht illuminiert. Dann natürlich die Küche, um die das U gebaut wurde: dort im Kraftzentrum, in das jeder Gast vollen Einblick hat, geht jeder ganz ruhig und konzentriert zu Werke. Das Meiste ist längst am Nachmittag geschehen, es wird noch aufgekocht und angewärmt, wenige Teile frisch geschnitten und natürlich angerichtet. Die Choreografie fasziniert und strahlt Ruhe aus. Neben dem Gastgeber Billy Wagner, lernen wir nach und nach alle Beteiligten einzeln kennen, denn die erklären uns, was sie im Einzelnen angerichtet haben und wo es herkommt. Sie sind dabei genauso umsichtig wie der Gastgeber selbst. Man fühlt sich richtig aufgehoben an diesem Ort, der das Lokale mit Ansätzen skandinavischer Küche und der Ruhe und Spiritualität des Zen-Buddhismus verbindet. Da haben Billy Wagner und Micha Schäfer etwas sehr Außergewöhnliches geschaffen, etwas, was tief im Inneren glücklich macht.

Die Mahlzeit kostet Euro 80 inklusive Wasser und exklusive weiterer Getränke, die wir noch bis in die Nacht genossen haben. Und auch wenn man dafür monatelang sparen muss, lohnt sich das ohne jeden Zweifel. Dass ich nicht völlig blank aus dem Laden rausgegangen bin, verdanke ich meinem Freund Holger, der sich drüben in der faz.net ebenfalls geäußert hat.

 

 

In Neuseeland – Teil 10: Über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

Header Neuseeland

Das, was das Wein-Reisen ausmacht ist ja, dass man tatsächlich die Weinregionen noch einmal anders oder vielleicht überhaupt erst versteht. So erging es mir mit Marlborough und dessen Sauvignon Blanc. Denn dieses Gebiet ist, ich erwähnte es bereits, letztlich mit einem ganz bestimmten Sauvignon-Blanc-Stil bekannt geworden und der war und ist so erfolgreich, dass er mit Marlborough quasi gleichgesetzt wird. Die Weinmacher in Marlborough aber sind schon ein ganzes Stück weiter als und das so auf der anderen Seite der Erdhalbkugel vorkommt. Denn das, was wir als Marlborough-Sauvignon-Blanc kennen ist eine Form der Terroirs. Eines Terroirs, um genau zu sein. dieses Terroir setzt sich zusammen aus der besonderen Bodenstruktur und des Mikroklimnas im Wairau Valley und einer bestimmten Machart im Keller. Hier trifft Sauvignon Blanc auf ein altes Flussbett samt typischer alluvialer Schwemmböden mit Flusskiesel. Das Tal ist Richtung Meer hin kühler und windiger als Richtung Inland wo auch die Böden etwas grob-kiesiger sind. Über das ganze Tal hinweg entsteht intensiv tropisch-fruchtiger Wein der, wenn die die Sauvignon-Blanc-Stöcke noch jung sind, noch zusätzlich die stark pyrazinhaltigen, grünen Aromen einbindet. dies alles wird beim typischen Marlborough-Sauvignon-Blanc ziemlich kalt vergoren, was das Tropische noch fördert.

Yealands_PazifikDer Weinberg von Yealnds beginnt direkt an der Bruchkante zum Pazifik

Neben dem Wairau Valley gibt es aber noch ein paar andere Gegenden in Marlborough, und die dortigen Gegebenheiten lassen einen ganz anderen Sauvignon Blanc entstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Awatere Valley. In diesem Bereich, der am Südrand von Marlborough liegt, habe ich ein wirklich spezielles Weingut besucht. Es heißt Yealands, wie sein Gründer Peter Yealand und es zeigt, was man leisten kann, wenn man eine konkrete Idee von nachhaltigem Wirtschaften hat.

Yealands_WeingutMitten im 1.000 Hektar-Weinberg liegt das moderne, mit Solarzellen bestückte Weingut. Foto Copyright: Yealands

Peter Yealands hat dort vor einigen Jahren Land gekauft. Das dürfte nicht so teuer gewesen sein denn es war trocken, unbepflanzt und nur von einigen Schafen bewohnt. Es ist eine ganze Menge Land, das er sich dort zugelegt hat und so stehen heute 1.000 Hektar unter Reben. Es sind 1.000-Hektar Single-Vineyard mit 1.6 Millionen Rebstöcken auf 4.000 Kilometer Rebzeilen, die sich über die Hügel ziehen. Und weil Peter ein ordentlicher Mensch ist hat er sie auch nicht einfach so wild wachsen lassen sondern er hat sich ein Instrument gebaut (er macht Vieles einfach am liebsten selbst) mit dem er mit Hilfe von GPS-Koordinaten die Rebzeilen genau abstecken konnte, so dass sie sich wie die 6. römische Legion in Schlachtordnung über die Hügel ziehen.

YealandsRechts oben: Mr. Peter Yealand, ein Charakterkopf mit ziemlich klaren Ideen. Rechts unten: Das Strauchwerk wird gesammelt, gepresst und als Brennmaterial verwendet. Fotos links Copyright: Yealands.

Die Perfektion, mit der er beim Anbau ans Werk gegangen ist, hört hier jedoch längst nicht auf. Denn Peter Yealand wollte nicht irgendein Weingut errichten sondern er wollte das nachhaltigste Weingut errichten, das es bis zu diesem Zeitpunkt gab. Als er am 08.08.08 (sic!) das Weingut offiziell eröffnete war es bereits carboNZeroCertTM zertifiziert. Was heißt das konkret vor Ort? Zunächst einmal hat man dort, wo es vorher nur Steppe gab, Flora und Fauna implementiert (200.000 Pflanzen) und eine ganze Reihe größerer Teiche geschaffen, aus denen sich im Zweifel auch der Weinberg bewässern lässt, ohne dass das Grundwasser angezapft werden muss.

Yealnds_SchweineMan begegnet Schafen, Schweinen und Hühnern im Weinberg.  Das Bodenprofil zeigt den typischen Schwemmlandboden.

Neben der großflächigen Ausstattung mit Sonnenkollektoren (die größte in Neuseeland mit 297 Panels und 133.000kWh pro Jahr), einer eigenen Wasseraufbereitungsanlage oder dem Einsatz von Bio-Kraftstoff in landwirtschaftlichen Geräten werden beispielsweise sämtliche Rebschnitte gesammelt, gepresst und als Brennmaterial für den Winter verwendet. Alles, was im Weingut, aber auch im Vorfeld bei den Zulieferern und auch nachher beim Verschiffen passiert, wird in den Carbon-Footprint mit aufgenommen und das Weingut arbeitet von „cradle to grave“ CO2-neutral. In den Weinbergen liegen heute die größten Komposthaufen Neuseelands, mit dem der Weinberg gedüngt wird, der in diesem Jahr die Öko-Zertifizierung erhält. Anderthalbtausend Schafe bearbeiten den Weinberg. Es ist eine kleine Rasse, die nicht an die Trauben kommt, so dass sie das ganze Jahr über grasen kann. Unterstützt werden sie von Kunekune-Schweinen und jeder Menge Hühner, die beide effektiv als Schädlingsbekämpfer arbeiten.

Wer jetzt meint, ich würde hier ungefiltert eine Werbebotschaft abtippen, liegt falsch. Aber ich habe mir das Weingut einen Tag lang angesehen und bin bis heute begeistert, mit welcher Konsequenz dort gearbeitet wird. Das habe ich, vor allem in dieser schieren Größe sonst noch nirgendwo gesehen. Wer also mal in Marlborough aufschlägt, sollte dieses Weingut definitiv einen Besuch abstatten und sich selbst überzeugen.

Yealands_MulchDer Kompost besteht vor allem aus Mulch und zerkleinerten Muschelschalen, die an der Küste leicht zu bekommen sind.

Der Weinberg beginnt übrigens direkt oberhalb des Pazifik. Hier im Awatare District – Awatare bedeutet auf Maori schneller Strom – ist es im Weinberg deutlich kühler, trockener und windiger als in denWeinbergen des Wairau Valley. Dies führt, zusammen mit der Bodenbeschaffenheit von alluvialem Schwemmland mit Kies und Löss zu einer anderen Typizität denn durch das Klima sind die Beeren kleiner, dickschaliger und verfügen, was z.B. den Sauvignon Blanc angeht über ganz andere Aromen. Nimmt man zum Beispiel den Yealands Single Vineyard Sauvignon Blanc 2014 als Beispiel und geht davon aus, dass die Kellertechnik ähnlich wie bei typischen Marlborough-Sauvignons abläuft, dann hat man hier viel mehr Guave, Johannisbeere, Kräuter und Zitrus statt der typischen Wairau-Maracuja.

Yealands_lookoutEin schlichtweg beeindruckender Weingarten

Die Weine bei Yealands sind klar und typisch gemacht. Man erkennt die neuseeländisch-australische Schule der Weinmacherin Tamra Kelly-Washington. Hier findet man saubere Kellertechnik mit typisch kühler Vergärung und Reinzuchthefen. Auch wenn diese Weine größtenteils nicht meiner persönlichen Neigung entsprechen, gefallen mir doch speziell die Estate Single Blocks und der Gemischte Satz aus Riesling, Pinot Gris und Gewürz. Als Kritiker würde ich auch die anderen Weine hoch bewerten, weil sie einfach gut gemacht sind. Ich weiß, dass ich mit dem ausgezeichneten Material, das dort im Keller angeliefert wird, anders umgehen würde, aber das ist Geschmacks- und nicht Qualitätssache.

Auf jeden Fall hat mich der Besuch bei Yealands sowohl der Sauvignon-Blanc-Lagen-Diversität von Marlborough näher gebracht als auch der Idee von Sustainability, von der ja in Neuseeland allerorts die Rede ist. Und, um es noch einmal zu sagen, die Konsequenz dort hat mir stark imponiert.

Map_Neuseeland_Marlborough

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

In Neuseeland – Teil 9: Marlborough, Im Johanneshof, bei Greywacke und Dog Point

04/Jun/15 12:31 kategorisiert in: Rot, Neuseeland, Weinland Neuseeland, Weiß, Neuseeland

Header Neuseeland

Mit etwas mehr Zeit wäre ich am liebsten mit dem Rad vom Weinbaugebiet Nelson aus nach Marlborough gefahren. Die Fahrt führt durch das traumhaft schöne Rai Valley und es ist eigentlich ein MUSS, an einem der Sunde anzuhalten, seine Zeit zu verbringen und beispielsweise in Havelock die grünen Muscheln zu genießen. Am besten fährt man dann die längere Strecke Richtung Blenheim, der Hauptstadt von Marlborough. Denn dann hat man noch einen Blick auf die Momorangi Bay, Ngakuta Bay und die Shakespeare Bay bevor man Picton als Zwischenstopp erreicht.

Marlborough_TalAuf dem Weg von Nelson nach Marlborough

Wenn man diese Richtung wählt kommt man auf dem Weg nach Blenheim an einem kleinen Weingut vorbei, das von einer Deutschen und einem Neuseeländer geführt wird. Der Johanneshof Cellar hat sich vor allem durch Schaumweine und Süßweine einen Namen gemacht. Hier in Deutschland sind die Weine schwer zu kriegen aber vor allem in Neuseeländischen Restaurants sind die Weine gut vertreten.

Marlborough_Johanneshof

Das Weingut wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, denn es ist klein und familiär geführt während sonst in Marlborough fast alles groß und professionell geführt wird, so, wie man einen Mittelstandbetrieb halt führt. Da ich mit Edel Everling einen Podcast gemacht habe, sei hier nur so viel verraten: Im tief in den Berg gesprengten Keller, der optisch einem Bergwerksstollen gleicht, was kein Wunder ist, weil es Bergbauingenieure waren, die ihn angelegt haben, lagern einige Weine aus der mittleren Steinzeit des Neuseeländischen Weinbaus, wie zum Beispiel eine herrliche 1998er Riesling Spätlese.

 Marlborough_01Das ist Marlborough. Auf der einen Seite das Meer der Cloudy Bay, auf der anderen seite die Berge und dazwischen Sauvignon Blanc, soweit das Auge reicht. Aber das ist natürlich längst nicht alles…

Marlborough, das heißt 23.000 Hektar Wein am Stück, 77% der gesamten Produktion in Neuseeland, aufgeteilt in knapp 18.000 Hektar Sauvignon Blanc, 2.500 Hektar Pinot, 1.000 Hektar Chardonnay und knapp 1.500 Hektar aromatische Rebsorten. Marlborough ist der Name, der auf fast allen Etiketten neuseeländischer Weine steht, die international über die Ladentheke wandern. Der überwiegende Teil davon ist kühl vergorener, teils aromatisch mit Hefen und Enzymen hochgepuschter Sauvignon Blanc einer bestimmten, tropisch-aromatischen Art voller Maracuja, Ananas und Papaya samt frisch gemähtem Gras.

Marlborough_IndustriesWine Industry bei Villa Maria, so vollautomatisch wie es nur geht, damit hier so schnell wie möglich die 3.6000.000 Liter Sauvignon in die großen Tanks kommen.

Cloudy Bay hat damit in den 1980er Jahren angefangen und die Leute stehen bis heute drauf. Es werden Millionen Liter davon hergestellt, so wie hier bei Villa Maria in denen der Standard-Sauvignon-Blanc in 16 Tanks à 225.000 Litern abgefüllt wird. Und der Wein ist gut. Das will ich mal dazu sagen. Das ist auch nicht als bashing gemeint sondern als Bestandsaufnahme. Bei Villa Maria, einem Weingut, dass sich vor drei Jahrzehnten in der Nähe des Flughafens von Wellinton gegründet hat, quasi als Garage Winery, sich heute mit Dependancen über das ganze Land verteilt und sich immer noch im Familienbesitz befindet, werden auch jede Menge High-Class-Weine produziert. So ist das in Neuseeland. Bei uns ist es kaum denkbar, die komplette Bandbreite eines Weinlandes und dann noch von Supermarktqualität bis Icon-Wine abzudecken.

Marlborough_Southern_ValleyDog-Point-Besitz in den Southern Valleys

Sauvignon Blanc also… Bei Cloudy Bay bin ich gar nicht gewesen, den Weinmacher Tim Heath hatte ich im letzten Herbst noch in Hamburg getroffen und da er alle seine Weine mitgebracht hatte, ich habe hier darüber geschrieben, fand ich es viel interessanter, bei zwei Weingütern vorbeizuschauen, die sich aus der Gründungsgeneration von Cloudy Bay gegründet hat. Denn, auch wenn man den Stil, den Cloudy Bay pflegt als kitschig empfinden mag, vor allem, wenn man gute Sauvignon Blancs aus Sancerre oder Pouilly-Fumé schätzt, muss man doch konstatieren, dass Cloudy Bay quasi die Mutter aller Marlborough-Weingüter ist und den Ruf Neuseelands quasi im Alleingang begründet hat.

Marlborough__GreywackeRichard Ellis macht zusammen mit Inhaber Kevin Judd die Weine bei Greywacke, einem ausgezeichneten Weingut bei Blenheim.

Damals mit dabei waren Kevin Judd, Ivan Sutherland und James Healy. Alle drei haben, nachdem Cloudy Bay in den Besitz von Louis Vuitton-Moet-Henessy übergegangen ist, ihre eigenen Weingüter gegründet. Der Engländer Kevin Judd war der erste Winemaker bei Cloudy Bay und gehörte somit zu den Gründern des Weinguts. Er ist so etwas wie Winemaker-Legende in Marlborough. James Healy war 12 Jahre lang Önologe bei Cloudy Bay während Ivan Sutherland 18 Jahre lang die Weinberge dort betreut hat. Die drei arbeiten heute immer noch zusammen denn James und Ivan haben 2000 zusammen mit ihren Frauen das Weingut Dog Point gegründet. Zentraler Bestandteil ist der namensgebende Weinberg Dog Point, um den sich mittlerweile noch weitere 120 Hektar Besitz gruppieren, der komplett ökologisch zertifiziert ist. Aus diesem Besitz wird nur zu einem Teil eigener Weine gemacht. Vieles wird anderen Winzern zur Verfügung gestellt und einer davon ist Kevin Judd, der keinen eigenen Weinbergsbesitz hat und nicht nur Trauben kauft sondern diese auch noch zusammen mit Richard Ellis, der mich begleitet hat, bei Dog Point ausbaut und sie, ganz im eigenen Stil unter dem mittlerweile renommierten Namen Greywacke anbietet. Insofern ist die Winery von Greywacke ein kleines Holzgebäude in Grauwacke-Farbe mit kleinem Garten, aus dessen Ertrag wir unser Mittagessen zusammengestellt haben.

Marlborough__Section_94Section 94 beginnt genau dort, wo das Laub heller wird. dort wird der Boden kalkig-kreidiger. Hier steht der Sauvignon Blanc für den gleichnamigen Wein.

Über Dog Point habe ich hier ja schon das ein oder andere Mal geschrieben. Für mich waren die Weine mit die ersten Marlborough-Weine, die mich wirklich mitgerissen haben. Und so ist es immer noch. Bei beiden Weingütern entstehen hervorragende Sauvignon Blancs, Chardonnay und Pinot. Angetan hat es mir weiterhin der wilde Dog Point Sauvignon Blanc Section 94, hier schon mal beschrieben sowie das Pendant von Greywacke, der Greywacke Wild Sauvignon, der ebenso wie Section 04 komplett spontan vergoren wurde und dann in alte französische Fässer gewandert ist. Zwei Drittel der Fässer haben die malolaktische Gärung durchlaufen und der Wein wurde erst anderthalb Jahre nach Gärung auf Flaschen gefüllt. Ich habe 2013 und 2010 probiert und beides hat mich beeindruckt. Herrlich die Steinfrucht, die Kräuternase, eine Süße wie von portugiesischen Vanille-Natas, dann eine reuchig, ganz leicht salzige und mineralische Note und selbst beim 2010er noch ein wenig Flint. Wunderbar komplex und lang – ein toller Sauvignon Blanc.

Marlborough_07 The Bell Tower, das Gästehaus bei Dog Point. Wieder so ein Ort, wo ich gern länger geblieben wäre.

Für die Pinots und Chardonnays sind die ambitionierten Weingüter längst in die Hügel gegangen während der Sauvignon Blanc in Marlborough vor allem im Flachland steht. Die Southern Valleys bieten etwas mehr Kühle und vor allem andere, lehmreichere Böden. Die Greywacke und Dog Point Chardonnays profitieren von der Säure des kleinbeerigen Mendoza-Klones, der hier hauptsächlich verwendet wird. Er liefert in seiner Jugend in Verbindung mit Spontanvergärung einen Flint-Feuerstein-Touch im festgewirkten, von Grapefruit- und Limonenzesten geprägten Fruchtspiel, das durch Haselnüsse ergänzt wird.

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Der Pinot von Dog Point ist betont fruchtig und hell mit viel Kirsche und gut eingebundenem Holz. Der Stil ist anders als der aus Martinborough und erst recht als der aus Central Otago. Bei Dog Point trifft man auf einen schwebenden, eher kühlen Pinot, der mir besser gefallen hat als der konzentrierter, dunklere Pinot von Greywacke. Dog Point übrigens hat genau vier Weine im Programm. Den typischen aber sehr guten Sauvignon Blanc, den Section 94, den Chardonnay und Pinot. Bei Greywacke kommen noch Pinot Grios, Riesling und Riesling Noble Harvest mit 120 Gramm Zucker dazu. Aromen von Trockenaprikose, Bitterorange, Orangenzesten und phenolische Noten treffen auf eine balancierte Säure. Fein gemacht!

Marlborough_04Matthew Sutherland, Sohn der Mitgründer und heute Weinmacher bei Dog Point.

Was Dog Point angeht, so hatte ich das große Glück in deren Gästehaus The Bell Tower unterzukommen. Von dort hat man nicht nur einen wunderbaren Blick über die Landschaft, das Haus liegt auch direkt im weitläufigen Landschaftspark, der sich von dort bis zur Winery hinunterzieht.

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Greywacke und Dog Point gehören ohne Zweifel zur Spitze des Gebiets. Hier spürt man die über drei Jahrzehnte gewachsene Erfahrung, die man in Marlborough gemacht hat. Gleichzeitig wird auch hier in jedem zweiten Satz deutlich, wie bewusst man sich ist, dass man eigentlich immer noch am Anfang steht. Diese Zurückhaltung, diese professionelle Reflektion und Einordnung der eigenen Weges zusammen mit der Gastfreundschaft, die mir beim Besuch jedes einzelnen Weinguts entgegengebracht wurde, macht diese Weine-Reise zu einem Fest.

Map_Neuseeland_Marlborough

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man'O'War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum Neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke's Bay

Teil 4: In Hawke's Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke's Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

 

 

 

Wein Online Award 2015

01/Jun/15 12:30 kategorisiert in: Abschweifungen

Liebe LeserInnen und HörerInnen,

auch in diesem Jahr gibt es wieder den Wein Online Award, wo die besten letztjährigen Beiträge in den Kategorien Fotografie, Weinartikel und diesmal auch Video/Podcast/Bewegtbild ausgezeichnet werden. Solltet Ihr den Originalverkorkt-Pocast, den WRINT-Podcast oder einen der Artikel des letzten Jahres besonders genossen haben, freue ich mich, wenn Ihr die Gelegenheit nutzt und dies hier verlauten lasst, denn vorschlagen kann dort jeder. Es wird dann eine Jury geben, die eine Vorauswahl trifft. Diese wird den Teilnehmern des Vinocamps 2015 zum Ende des Monats präsentiert, die dann die letztgültige Entscheidung treffen.

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Dieser Aufruf gilt natürlich nicht nur für die hier erschienenen Postings, sondern auch für die von Kollegen. Und genau da schaue ich mich jetzt selber auch noch mal um, um meine diesjährige Auswahl abzugeben.


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