Zu den bedeutendsten Domänen in Chinon gehört die von Bernard Baudry, die heute – und auch schon länger – von seinem Sohn Matthieu Baudry geleitet wird. Seine Paradelage ist La Croix Boissée, und ich hatte das Glück, bei Tibor Werzel – meinem Bruder im Geiste, was Loire angeht – zusammen mit Matthieu Baudry und einer Reihe weiterer Gäste eine ganze Reihe dieser Cabernet Francs probieren zu können. Alle Weine stammten aus dem Keller von Tibor; probiert haben wir sie zusammen mit Speisen aus dem Bochumer Five, das Tibor zusammen mit Nicolai Menting führt. Tragisch war, dass Tibor so erkrankt war, dass er an dieser von ihm initiierten Veranstaltung mit seinen eigenen Weinen selbst nicht teilnehmen konnte. Umso honoriger, dass wir sie trotzdem genießen durften.



Wie einige andere heute bekannte Weingüter in Chinon auch, ist das Weingut von Bernard Baudry nicht sonderlich alt. Chinon war Sitz von König Heinrich Plantagenet und Wohnsitz seines Bruders Richard Löwenherz. Außerdem trat Jeanne d’Arc dem späteren König Karl VII. 1429 in der Burg entgegen und erhielt von ihm die Erlaubnis, gegen die Engländer in Orléans zu ziehen. Chinon ist also geschichtsträchtig und verfügt über eine lange Weinbautradition, doch haben diese Weine lange Zeit kaum jemanden interessiert. Sie wurden in der Region getrunken. Baudry wurde in Cravant-les-Coteaux in eine Winzerfamilie hineingeboren. Die Familie Baudry wurde mit der Domaine de la Perrière am Südufer der Vienne in Verbindung gebracht. Dieses Weingut wurde bereits 1398 gegründet und befindet sich seit 1664 über mindestens sechs Generationen im Besitz der Familie Baudry. Die Domaine ging von Bernards Vater Maurice Baudry auf Jean Baudry, Bernards älteren Bruder, über. Heute ist daraus Baudry-Dutour geworden, ein Weinbau-Miniimperium, das von Jeans Sohn (und damit Matthieus Cousin) Christophe Baudry und seinem Geschäftspartner Jean-Martin Dutour geführt wird. Bernard und Matthieu haben jedoch keinerlei Beteiligung daran.



Bernard Baudry verließ als Nicht-Erbender sein Zuhause, um in den 1960er Jahren am Lycée de Beaune Önologie zu studieren, und kehrte 1970 ins Loire-Tal zurück. Nach einer Zeit als Berater erwarb er 1975 zwei Hektar in Chinon direkt gegenüber seinem heutigen Wohnhaus. Wie Matthieu erzählte, hat sein Vater die ersten Jahre komplett biologisch gearbeitet. Allerdings nicht aus Überzeugung, sondern weil er schlicht kein Geld für Herbizide und Pestizide hatte. Als er anfing, Gewinne zu erzielen, begann er 1990, diese einzusetzen. Nach neun Jahren hat er damit allerdings wieder aufgehört. Die Ergebnisse gefielen ihm gar nicht. Sein Sohn Matthieu, der seit dem Jahr 2000 im Betrieb mitarbeitet, hat das Weingut dann ab 2006 auch offiziell auf biologische Bewirtschaftung umgestellt. Bevor er zuhause eingestiegen ist, hat Matthieu bei Noël Pinguet in der Domaine Huet gearbeitet, dann im Mâconnais und in Bordeaux studiert und in Australien und Kalifornien Erfahrung gesammelt.



Parallel dazu hat sein Vater das Weingut von den ersten zwei auf 32 Hektar erweitert. 85 % der Weine sind Cabernet Franc, 14 % Chenin Blanc und 1 % Grolleau. In den 1990ern erwarb er unter anderem Parzellen in La Croix Boissée sowie im Le Clos Guillot. La Croix Boissée liegt östlich der Domaine und etwa zwei Kilometer weiter die Straße hinunter, ganz in der Nähe von Cravant-les-Coteaux. Es ist ein steiler, reiner Südhang mit Tuffeau Blanc aus dem Mittleren Turonium mi-pente. Weiter oben geht der Boden über in Tuffeau Jaune aus dem Oberen Turonium. Die Oberböden sind dort sehr karg, in der Mitte gehaltvoller, dunkler und zeigen einen höheren Tonanteil. Ganz unten am Fuß des Hangs ist es dann sandig. „Ein bisschen wie Côte d’Or“, meint Matthieu. Ganz oben gibt es ein wenig raren Chenin Blanc aus dem Weinberg, weiter unten dann den Cabernet Franc, den wir probiert haben. Der älteste Cabernet der zwei Hektar, die Baudry besitzt, ist von 1964; 2008 und 2010 wurde ein wenig nachgepflanzt. Der Cabernet wird komplett entrappt und in Tanks und gebrauchten Fässern vergoren. Außer 2013 hat er seit 2001 nicht mehr chaptalisiert, und auch 2013 war es nur 1 % Alkohol – bei allen Rotweinen außer dem Topwein. La Croix Boissée reift zwei Jahre in Bordeaux-Fässern, die zwischen drei und fünf Jahre alt sind, danach noch ein Jahr im Zement. Es wird kaum geschwefelt. Der Anteil liegt bei 2 bis 4 g/hl vor der Füllung. Es wird nicht geschönt und nicht filtriert.

La Croix Boissée 2003 und 2005
2003 war für Matthieu ein wichtiger Jahrgang, nicht nur, weil sein Sohn geboren wurde, sondern auch, weil es der erste Jahrgang war, in dem die Klimaveränderung so offensichtlich geworden ist. Es war ein Hitzejahrgang, wie bei uns auch. Sie haben erstmals Anfang September statt Anfang Oktober mit der Lese angefangen. Matthieu hat nicht damit gerechnet, dass sich der Jahrgang so gut halten würde, wie er es dann getan hat. 2005 wurde Matthieus Tochter geboren. Auch ein warmer, aber nicht so warmer Jahrgang. Was den Wein angeht, nicht sein Lieblingsjahrgang, weil er zu viel extrahiert hat. Er hatte damit begonnen, die Trauben mit den Füßen zu stampfen, das dann danach aber wieder aufgehört.Der Wein präsentiert sich leicht trüb in einem gedeckten Rubinrot. Die recht dunklen Fruchtaromen von getrockneten Moosbeeren, Wacholderbeeren und Pflaumen mischen sich mit ein wenig Trüffel, sous-bois, Leder und Wild. Am Gaumen zeigt sich dann eine noch feste rote Frucht mit viel Saft zu einem schmelzenden Tannin. Man hat hier eine feine Süße und einen kühlen Zug, den ich nicht erwartet hätte. Das wirkt klassisch, sanft, seidig und pur in seiner Cabernet-Franc-Stilistik, dazu beeindruckend frisch und lang. Ein großartiger Auftakt, den der 2005 leider nicht fortführen kann, denn er hat einen leichten Kork.
La Croix Boissée 2007 und 2008
„Ich bin sehr glücklich, die Weine mal wieder probieren zu können, denn ich mag beide. 2007 und 2008 waren kühle Jahrgänge, also komplett anders als das, was wir vorher getrunken haben. Trotzdem sind das zwei sehr unterschiedliche Jahre geworden. Eigentlich vergleiche ich gar nicht so gerne, weil Chinon für sich steht, aber 2007 ist ein Jahrgang, der mich sehr an Burgund, an die Côte de Beaune erinnert, und 2008 einer, der mich sehr an Saint-Émilion denken lässt.“
2007 erinnert an mazerierte Kirschen, etwas Eisen, fermentierten Kardamom und saftige, frische Kirschen. Ein Wein mit viel Saft, Frucht und einem kühlen, animierenden, auch leicht kernigen, aber reifen Zug. Perfekt aus der Flasche; 2008 kann durchaus karaffiert werden.
2008 ist dichter, erdiger, aber ebenfalls hoch elegant. Auch hier ein Wechselspiel aus warmer Frucht und kühlen, herbalen Noten. Der Wein erinnert ein wenig an Rote Bete, dazu gibt es Stein, Grafit, Tannin, Mineralität. Darüber liegen Noten von frischer Minze. In seiner Jugend war dieser Wein sehr harsch, heute ist er ziemlich perfekt und wirkt noch einmal deutlich jünger als 2007, obwohl auch der sein Alter nicht verrät.
Zwei faszinierend schöne, klare, brillante Weine. Dazu gab es auf Salz gebackenen Sellerie, mehrere Tage „abgehangen“, mit Kapern, Gurke, Eigelb und geschmorten Schalotten sowie Gemüse-beurre blanc.



La Croix Boissée 2009 und 2011
„2009 war ein einfacher Jahrgang, angenehm warm, kein Pilzdruck. 2011 war viel schwieriger mit deutlichem Druck und viel mehr Arbeit, viel Regen, hohem Ertrag und viel Energie.“
2009 wirkt fein, kühl und körnig mit vielen roten Beeren. Am Gaumen wirkt das Tannin fein geschmirgelt, die Frucht saftig und rund. Ein gastronomischer Wein, auf angenehme Weise rund und entspannt, très gourmandise mit feiner Süße.
2011 ist klassisch mit roten Beeren und vor allem erdigen Noten. Da ist viel Rote Bete drin. „In seiner Jugend hatte man hier grünen Spargel, Kartoffeln, Rübe, sehr streng. Wenn ich heute weiß, es gibt pot-au-feu oder Topinambur, dann bringe ich 2011 mit.“ Ein Wein mit viel Saft, erdigen Noten, süßem Kern, viel Energie und einem angenehmen Punch.
La Croix Boissée 2013 und 2014
„2013 ist als wirklich schlechter oder problematischer Jahrgang bekannt. Die Trauben waren oftmals eine Katastrophe und wurden oft nicht reif, und der Alkohol liegt unter 12 %. 2014 haben wir sehr gemocht. Er war unspektakulär bis zum Herbst, und der war perfekt. Es reden immer viele über die Güte des 2015er Jahrgangs, aber für mich ist 2014 für Weiß wie für Rot besser.“
2013 erinnert im Duft an abgehangenes Steak, wirkt kühl, dunkel, erdig, mit einer früher häufiger vorkommenden Note von grüner Paprika, dazu etwas Cassis mit Strünken. Immer noch streng und in sich gekehrt. Am Gaumen runder als erwartet, auch leichter, aber man sollte immer noch warten.
2014 ist ein großer Jahrgang. Ein zeitloser Wein mit viel reifer und auch noch knackiger roter und dunkler Frucht und etwas Pfeffer, Tabak, fermentiertem Kardamom und etwas Fleisch. Am Gaumen bietet der Cabernet Franc viel Saft und einen feinen Druck, mit feinem Tannin und wunderschöner Reife.
Dazu gab es Ragout von der Schweinebacke auf Kürbispolenta mit sauer eingemachtem Kürbis, Backpflaume in Portwein und alter Zwetschge eingelegt.



La Croix Boissée 2015 und 2016
„Das sind Babies, normalerweise trinke ich solche Babies noch nicht. 2016 gehört wie 2008 und 2011 zu meinen bevorzugten Jahrgängen. Sie brauchen viel länger, aber sie bekommen eine tolle Balance.“
Der 2015er wirkt zunächst etwas harsch, herb und sehr jung mit Noten von Himbeeren, Moosbeeren, etwas Rauch, Pfeffer, Tabak und Sandelholz. Am Gaumen wirkt der Wein runder als erwartet mit einem Tannin, das allerdings etwas trocknend wirkt und Essen benötigt. Ein transparenter, beeriger Cabernet Franc mit Noten von Unterholz, der noch nicht ganz in Balance ist.
2016 ist ein griffiger Wein mit Eisen und Blut. Da kann man sich direkt Taube zu vorstellen. Dazu gibt es Noten von Grafit, Anis, Moosbeere und Pflaume. Am Gaumen offener als gedacht, saftig mit feiner Frucht, feiner Salzigkeit und einem beeindruckenden Zug. Eine großartige Energie, Tiefe und Länge und zudem mit feinem Tannin. Vielleicht der beeindruckendste Wein der Vertikale.



La Croix Boissée 2017 und 2018
„2017 war warm, aber natürlich nicht warm wie 2018, aber wärmer als 2016. Ein toller Jahrgang mit langem Verlauf. 2018 war tropisch: nass und warm, und 2018 ist völlig untypisch, eher ‚meridional‘ für mich, während 2017 sehr klassisch geworden ist. 2018 ist ein Marathonläufer. Als mein Vater das erste Mal 2018 probiert hat, meinte er, das würde wohl wie sein Geburtsjahrgang schmecken: 1947, ein Jahrgang, der für immer hält.“
2017 ist sicher einer der besten des Jahrzehnts, auch für Chenin Blanc. Ein wunderbarer Duft von Himbeeren, Pflaumen und Cassis, Eisen, Kräutern, etwas Minze, Bohnenkraut, Veilchen, nordafrikanischen Gewürzen und Süßholz. Erinnert mich ein wenig an noch zu jungen Blaufränkisch. Am Gaumen saftig mit feiner Frucht, feinem Tannin – großartig.
2018 ist ein eindeutig moderner „Climate Change“-Jahrgang. Reif, dunkel, konzentriert, köstlich. Ein Wein mit einer fast tropischen Frucht, der mich fast ein bisschen an Syrah-Viognier erinnert. Hier gibt es viel Kirsche, Cassis, auch Kirsch, Himbeere, Vanille, Aprikose, dazu Leder, etwas Pfeffer und Tabak. Am Gaumen ist der Wein süß und gleichzeitig frisch, zugewandt, offen, saftig, hedonistisch. Ein Wein mit Eleganz, Dichte und Kraft, dazu die typische Säure vom Kalk, leicht ätherische Noten und ein griffiges Tannin. Ein sehr schöner Abschluss.
Dazu Kohlroulade, Steckrübenpüree, Buchenpilze, rote Linsen, Wurzelgemüse-Jus, Tamari und 30 Jahre alter Rivesaltes.
Danke an Nicolai Menting und Isabell Schaak fürs Kochen und den Service und Christian Buschmann von Alleswein, dass er uns den Matthieu mit zum Tasting gebracht hat. Und natürlich Tibor für alles.

Lieber Christoph,
ein wunderbarer Bericht einer tollen Domaine, die ich selber sehr schätze. Bei den Schwefelangben ist Dir ggf. ein Übetrgungsfehler bei den Größenordnungen unterlaufen: 2-4 g/L wäre arg viel, 20-40 mg/L wäre im unteren Bereich und logischer.
Bis zum nächsten Silvanerfest,
Björn
Hallo Björn, vielen Dank für die Anmerkung und das positive Feedback! Ja, da fehlte das “h” für “Hektoliter”. Vielleicht sehen wir uns in Mainz? VinVin, Biodyn, Weinbörse? liebe Grüße, Christoph