Vor einigen Wochen haben wir in kleiner Runde Weine aus den Grand Crus von Montrachet probiert. Seit einigen Jahren trinken wir uns durch alle Appellationen des Burgunds. Eine interessante, oft schöne, manchmal jedoch ebenso irritierende Veranstaltung. Diesmal zum Beispiel. Wenn man einen Abend lang Weine aus diesen weltberühmten Weinbergen probiert, könnte man erwarten, dass man schlauer aus dem Abend herausgeht, als man hineingegangen ist. Aber so war es nicht. Und es ist nicht das erste Mal so, dass wir etwas ratlos zurückgeblieben sind.
Doch von vorne und zur Einordnung. Das eigentliche Climat namens Le Montrachet umfasst 7,998 Hektar. Der Chevalier-Montrachet umfasst 7,5889 Hektar, Bâtard-Monrachet 11,8663 Hektar, Bienvenues-Bâtard-Montrachet 3,6860 Hektar und CriotsBâtardMontrachet 1,57 Hektar.
Als Entrée gab es einen zehn Jahre alten Rosé de Saignée 1er Cru Extra Brut von Larmandier-Bernier in erdbeerfarbenem Gewand. Der hat sich sehr schön entwickelt und das etwas sehr Feste, was er in jungen Jahren gerne hat, abgelegt. Stattdessen gibt es Waldbeeren, Erdbeeren, etwas Laub, Hefe, Brioche. Kein eleganter Wein, eher bodenständig, aber gut. Ist ja auch als Begleitung zum Essen gedacht.



Die Montrachet-Probe ging los mit einem 2013er Chevalier-Montrachet von Vincent Dancer. Damals 62 Jahre alte Reben, 18 Monate ausgebaut (laut Etikett). Dieser Wein sollte sich nach Meinung aller, wenn ich mich nicht irre, als der beste Wein des Abends entpuppen. Typisch ist das nicht, meist ist man ja am Anfang etwas vorsichtiger mit Lob, aber hier war es komplett gerechtfertigt. Ein großartiger Wein mit einer perfekten Mischung aus Frische und Generosität. Alles ist da, aber nichts zu viel: zitrische Noten, Zesten, Nüsse, etwas Holz, Hefe, Brioche. Am Gaumen ein schöner Druck mit einer straffen Säure und viel Energie, Saft und feinster Frucht. Wieder generös und auskleidend, dabei elektrisierend mineralisch mit mundwässernder Salzigkeit. Klar und transparent, präzise, mit einer Mischung aus heimischer Frucht, etwas Ananas und Zesten. Der Wein wirkt so zeitlos, als könnte er ewig auf diesem Niveau verharren.
Es folgte ein 2012er Bâtard-Montrachet von Henri Boillot. Der wirkte deutlich reifer, gelbfruchtiger, mit mehr Holz, mehr Brioche, mehr gerösteten Nüssen und einem leicht laktischen Anklang. Dazu gibt es etwas Rauch vom Holz und etwas Vanillecrème. Am Gaumen wirkt der Burgunder saftig mit mehr Fülle als bei Dancer, zum Ende hin aber wird der Wein schlank. Es fehlt ein wenig an balancierender Säure. Stattdessen hat man pikant-bittere, zestige Noten. Der Wein besitzt Rondeur und eine delikate Salzigkeit sowie eine Chinin-Tonic-Note. Er wirkt ebenfalls generös, besitzt Frische, wirkt aber nicht so fein wie der Dancer.
Daraufhin hatten wir einen 2013er Le Montrachet von Henri Boillot im Glas. Alles Weine, die damals schon teuer waren, heute aber kaum noch zu bezahlen sind. Den Auftakt bildeten Noten von Mandel-Nougat-Crème, etwas Rauch, Holz, gelben Früchten, Orangen und Kumquat. Am Gaumen wirkt der Chardonnay hell, saftig und voluminös, gleichzeitig zunächst frisch und druckvoll mit minzigen Noten. Aber irgendwie gehört die Säure nicht zum Wein, sie wirkt aufgesetzt (oder zugesetzt?). Dafür haben wir den Eindruck von Fruchtsüße und ein wenig Botrytis, Noten von Schweppes Bitter Orange und etwas Tabak. Der Wein ist, warum auch immer, weit entfernt von allen Erwartungen.



Es folgte ein 2016er Chevalier-Montrachet „Les Demoiselles“ von Louis Latour. Den Auftakt bilden Noten von Veilchen und Maiglöckchen, Propolis, Steinobst und ein wenig Holz. Am Gaumen ist der Wein hochelegant, duftig und schwebend, aber tatsächlich ein bisschen zu leichtgewichtig für einen Grand Cru. Er wirkt saftig, etwas zu rund und warm. Ein sehr schöner Wein, leider mit etwas Mangel an Präzision. Es war der, den ich mitgebracht hatte.
Der fünfte Grand Cru wirkte aromatisch zunächst hell, sehr zitrisch und zestig, mit einer Handvoll Nüssen und Mandeln. Am Gaumen dann saftig, leicht süßlich und cremig. Fast ein bisschen wie früheres Übersee. De facto war es ein 2019er Bâtard-Montrachet von Faiveley, der aber mit Luft immer mehr die Kurve bekommen hat. Einerseits mit leichter Wärme und Rondeur, andererseits durchaus fokussiert, saftig, leicht salzig mit zestiger Bitternote, Extrakt und viel unterschwelliger Kraft.

Bei der Nummer sechs handelte es sich um einen 2012er Bienvenues-Bâtard-Montrachet von Henri Boillot. Quasi Boillot-Festspiele … in diesem Fall handelte es sich um den kräftigsten Wein des Abends. Ein zutiefst würziger, fast öliger, erdiger, pfeffriger Wein mit gelber Frucht und jeder Menge Saft. Ein hochseriöser Wein mit feiner Extraktsüße, Schichten an Aromen und wunderbarer Länge. Nicht ganz so balanciert wie der Dancer und auch nicht so fein, aber ein toller Wein.
Abschließend hatten wir einen 2018er Bâtard-Montrachet von Pierre Morey im Glas. Ganz anders als der Boillot. Viel feiner, geschliffener, heller, auch jünger natürlich. Ein Chardonnay mit Noten feinster Patisserie, Blüten, heller, weißfleischiger Frucht und einem Hauch von Bitter Lemon. Am Gaumen dann Kraft, Energie, Kräuterwürze, etwas Hafer und Hefe. Nicht wirklich typisch für die Herkunft, eigentlich wie der Latour etwas zu hell, zu duftig, flirrend, dabei mineralisch und geschliffen.



Zum Essen gab es danach den 2019er Bourgogne Blanc von Pierre Boisson und den 2019er Bourgogne Blanc von seiner Schwester Anne Boisson. Diese Weine haben uns in ihrer Frische, in ihrer Offenheit und Klarheit tatsächlich ebenso begeistert wie die so viel teureren Montrachets. Tatsächlich hatten die beiden Bourgogne Blancs teils deutlich mehr Trinkfluss als die Grand Crus. Da kann man jetzt sagen: Dafür sind sie ja auch gemacht. Stimmt, aber den sollten die Grand Crus genauso besitzen, zumal wenn sie eigentlich optimal gereift sind. Hatten sie aber nur teilweise. Wer aufmerksam gelesen hat, der dürfte festgestellt haben, dass die Weine vergleichsweise wenig miteinander zu tun hatten. Nicht einmal die beiden 2012er von Henri Boillot schienen aus demselben Stall zu kommen. Und erst recht nicht, wenn man seinen 2013er mit einbezieht. Das ist das, was uns mal wieder irritiert hat. Eigentlich, so dachten wir, hätten die Weine zumindest teilweise ein Alter erreicht haben können, in dem sie den Charakter des Weinguts zugunsten des Herkunftscharakters ein wenig abgelegt haben könnten, aber dem war nicht so. Wird es irgendwann passieren oder überschätzen wir Herkunft einfach notorisch, auch wenn klar ist, dass es sich jeweils um sehr gutes Terroir gehandelt hat? Diese Frage ist auch nach der 30. Runde zum Thema Burgund und seine Appellationen noch immer nicht eindeutig zu beantworten. Zumindest nicht für mich.

Nach all den weißen Grand Crus gab es noch einen roten, aber nicht aus dem Burgund, sondern aus Kalifornien. Markus, unser Gastgeber, hat einen dem Abend angemessenen Rotwein hervorgezaubert. Ein 1997er Pahlmeyer Merlot Napa Valley. Eine der recht seltenen Merlot-Ikonen des Valleys, knapp 30 Jahre alt und kein bisschen müde. Ein großzügiger Wein (die Formulierung kommt heute häufiger vor) mit einer tiefen, dunklen, fleischigen Frucht zusammen mit McBaren’s Plum Cake Pfeifentabak, etwas flüssig werdender Schokolade, Quatre Epices, etwas Mokka, Zeder, Eiche und Veilchen. In Würde gereift, sodass sich alles zusammengefunden hat, um ineinander zu verschmelzen. Getragen von einer sinnlichen Tanninstruktur und einer feinen, fließenden Säure. Harmonie pur, mit typischer Napa-Valley-Kraft, Wärme und Dichte, aber eben auch mit Noblesse.
