Vor einigen Tagen hatte ich die Chance, Ted Lemon zu treffen. Der war der erste US-Amerikaner, der ein renommiertes Burgunderweingut gemanagt hat – und das mit 22. Aber Anfang der 1980er Jahre waren die Zeiten noch andere, ganz andere. Es gab zwar renommierte Burgundererzeuger, aber all das hatte nichts mit dem zu tun, was das Burgund heute ist. Es war ein Gebiet, in dem die Weingutsbesitzer noch Weinbauern waren, Fancyness war sehr weit weg. Und so konnte Ted Lemon dort als junger Mensch Fuß fassen – nachdem er als erster US-Amerikaner ein Diplom als Önologe an der Université de Bourgogne in Beaune abgeschlossen hatte.
Er kam 1980 während eines Praktikums in die Domaine Dujac zu Jacques Seysses, der in diesem Jahr so starke Rückenschmerzen hatte, dass er kaum aus dem Bett kam. Es gab nur zwei Angestellte in den Weinbergen, und die wussten gar nichts von Kellerarbeit. Ted aber eigentlich auch noch nicht. Also musste Ted ihm die Weine aus den Fässern ans Bett bringen, um zu erfragen, was zu tun sei. Nachdem er den Jahrgang gemanagt hatte, ging er zu Roumier, zum jungen Bruno Clair, zu Parent in Pommard und zu de Villaine in Bouzeron. Danach ging er zurück in die Staaten, um 1982 bei Calera zu arbeiten, als ihn ein Anruf von Jacques Seysses erreichte, dass Guy Roulot gestorben sei und Guys Sohn Jean-Marc sich nicht dazu bewegen ließ, nach Hause zurückzukehren. Also hastete Ted buchstäblich zum Flughafen, flog nach Frankreich und kümmerte sich für zwei Jahre um die Domaine Roulot. Es dauerte noch weitere fünf Jahre, bis Jean-Marc tatsächlich zurückkehrte, aber da war Ted längst zurück in den USA.
Der Mann aus New York ging nach Kalifornien, wo seine spätere Frau Heidi schon einige Jahre lang für verschiedene Weingüter gearbeitet hatte. Er verdingte sich noch eine Zeit, zum Beispiel beim Château Woltner in den Howell Mountains, bevor die beiden 1993 ihr eigenes Weingut namens Littorai gründeten. Dabei gingen sie nach europäischen Maßstäben eher ungewöhnlich vor. Anstatt Land zu kaufen, das „berühmt“ war, verbrachten sie Monate damit, die Küstenregionen von Sonoma und Mendocino zu kartieren, um die kühlsten und geeignetsten Standorte für Pinot Noir und Chardonnay zu finden und dann Trauben bei Winzern einzukaufen. Damals war das Potenzial dieser Regionen noch nicht einmal annähernd erforscht, und sie leisteten nicht nur in dieser Hinsicht Pionierarbeit. Erst nach und nach haben sie Parzellen erworben und diese dann nach Prinzipien der Permakultur und Biodynamie bewirtschaftet. Viele der heute bekannten oder berühmten Lagen der Sonoma Coast waren damals noch Farmland. Auf ihrer Farm in Sebastopol gibt es keine Monokultur; dort leben Rinder, Schafe, und es werden Kompostpräparate selbst hergestellt.


Ted Lemon ist in dieser Zeit immer deutlich mehr gewesen als ein einfacher Winzer. Er ist einer der Pioniere des kalifornischen Cool-Climate-Weinbaus und des nachhaltigen Weinbaus und als solcher schon lange ein Vorbild und oft auch Berater für eine ganze Generation an dortigen Winzern. Nun war er unterwegs, weil er gerade seine ersten 30 veröffentlichten Jahrgänge vorstellte, von den ersten 300 Kisten im Jahr 1993 bis heute. Damals gab es 150 Kisten „Mays Canyon“ Chardonnay und 150 Kisten „One Acre“ Pinot Noir, entstanden aus dem ersten „By-the-Acre“-Vertrag in der Geschichte Kaliforniens. Nach und nach kamen dann weitere Weine auf Basis von Kontrakten hinzu. Im Jahr 2000 konnte der The Haven-Weinberg erworben werden, 2003 das Gold Ridge Estate, wo The Pivot Vineyard gepflanzt wurde, 2016 dann Deer Mountain, von wo der „One Acre“ stammt.

Die Pinots
Gelesen wird bei Nacht, so dass die Trauben bei 7 bis 13 °C ins Weingut kommen und so eine natürliche kurze Vorvergärung stattfindet, bevor es nach und nach wärmer wird und die spontane Vergärung beginnt. Bei der Vergärung gibt es zurückhaltende Pump-overs und Punch-downs, was sich immer nach dem jeweiligen Jahrgang richtet. Es werden Edelstahl- und Holzfermenter eingesetzt, und der Anteil an Ganztrauben wird genauso individuell geregelt wie die Art der Extraktion. Der Anteil liegt selten über 50 %, wobei der Anteil proportional mit dem Alter der Reben steigt. Der andere Teil wird entrappt, aber nicht gerebelt. Die Weine werden nicht abgezogen und bleiben normalerweise auf der Hefe bis zur Füllung. Die Einzellagen-Weine reifen normalerweise in Fässern von Jacques Damy und einigen wenigen anderen Küfern mit einem Neuholzanteil von 20 bis 25 % für 14 bis 17 Monate. Seit 2001 wird für die Einzellagenweine nur noch der freilaufende Saft genutzt.
The Pivot, Sonoma Coast: 1,13 Hektar direkt am eigenen Gold Ridge Estate als Teil eines 12 Hektar umfassenden biodiversen Ökosystems, geprägt von Gold-Ridge-Lehm mit Sandstein. 2004 gepflanzt mit Dijon 667, 114, 777, Swan, Calera und einer eigenen massalen Selektion.
The Haven, Sonoma Coast: 1,6 Hektar mit Pinot Noir von 2001 mit 12 Selektionen. Liegt am eigenen Weingut auf 366 Metern und ist geprägt von Lehm, vulkanischem Gestein, Sandstein und Schiefer.
Hirsch, Sonoma Coast: 1,01 Hektar von 29,1 insgesamt. 1995 gepflanzter Dijon 114, 777, Pommard und Swan auf stark kiesigem Lehm mit „Hugo-Josephine-Complex“. Der Weinberg liegt auf 472 Metern in einem komplett eigenen, von Frühnebeln geprägten Mikroklima.
Wendling, Anderson Valley: 2,2 Hektar von 8,9 auf dem sogenannten Bearwallow-Wolfey-Complex mit rotem bis braunem, sehr gut entwässerndem sandigen Lehm, Sandstein und Schiefern. Gepflanzt im Jahr 2010 mit elf verschiedenen Varianten.

2022 The Pivot Vineyard
Feines Holz, Nuss, etwas geröstete Erdnuss, duftig, jung, elegant; Seidig, fruchtig, hedonistisch, saftig mit Zimt und elegantem Holz
2022 Wendling Vineyard Block E, Anderson Valley
Etwas feiner mit einem besser integrierten, eleganten Holz, dazu mehr Kraft und Tiefe. Eine dunklere Aromatik; am Gaumen etwas weniger rund, vielleicht eine Spur kürzer, aromatisch mehr Schwarzkirsche und mehr Schwarztee
2019 Wendling Vineyard Block E
Auch hier ein sehr gut integriertes Holz, eine leichte Gummi-Reduktion, dazu dunkle Noten wie fermentierter Kardamom; kühl, geschliffen mit viel Kraft und Struktur
2019 Hirsch Vineyard
Auch hier findet man das für das Weingut typische, durchaus markante, aber auch elegante Holz; viel Struktur, mehr „rondeur“ am Gaumen und auch etwas mehr Säuredruck.
2019 The Haven Vineyard
Das Holz wirkt hier stärker integriert, die Frucht blau und der Gesamteindruck erinnert ein wenig an Syrah mit Noten von Fleisch, Wildbret, etwas Pflaume und Veilchen. Viel Kraft, klare Struktur.
2017 The Pivot Vineyard
Deutlich dunkler mit mehr Fermentationsnoten wie schwarzem Kardamom, Assam-Tee, etwas Teer, schwarze Kirsche, Pflaume, etwas Ricola

2017 Hirsch Vineyard
Ebenfalls dunkel und reif mit Noten von Unterholz, Laub und Torf, etwas Wermut bzw. Absinth, Kräuterwürze, dazu saftige schwarze Früchte, im positiven Sinne etwas wässriger am Gaumen, seidig mit guter Länge.
2017 The Haven Vineyard
Eine Mischung aus roten und vor allem schwarzen Kirschen, etwas frischer Blutorange samt Zesten, Süßholz und Pfeffer. Dazu Eiche, Zeder und Unterholz. Am Gaumen mit viel Energie und gutem Druck, mittlerem, noch robustem, doch gekonnt eingearbeitetem Tannin.
2016 Hirsch Vineyard
Elegant, tief und saftig mit Noten von Minze, Rosen, Veilchen. Dazu rote Beeren, Kirschen, Himbeeren und etwas Blutorange. Eine beeindruckende Balance aus Erdverbundenheit und Schwerelosigkeit, rund in der Textur, fein geschmirgelt im Tannin, frisch und zeitlos in der gesamten Anmutung.
2010 The Pivot Vineyard
Fantastisch balanciert und fein. Präsent im Duft mit Rosen, Kirschen und Kirschkernen, Weihrauch und Süßholz, Trüffel, Erde, Laub und Unterholz. Erinnert mich in der Aromatik an gereiften Barolo. Am Gaumen kraftvoll, tief, strukturiert mit einem reifen, fast geschmolzenen, aber noch präsenten Tannin. Der Wein singt, wirkt zeitlos und ist für mich der größte der Probe.
Die Chardonnays
Gelesen wird bei Nacht, so dass die Trauben bei 7 bis 13 °C ins Weingut kommen. Dort werden sie entweder komplett als Ganztrauben gepresst oder ein Teil wird noch mit den Füßen in den Lesekisten angequetscht – je nach Zustand der Trauben. Über Nacht wird der grobe Trub rein per Sedimentation getrennt, und der Saft mit dem feineren Trub im Fass spontan vergoren. Es sind Fässer von Jacques Damy mit höchstens 20 % Neuholz. Dort findet auch die malolaktische Gärung statt. Nach 12 bis 14 Monaten wird der Wein vom Fass mit der feinen Hefe in Edelstahl abgezogen.
Mays Canyon, Sonoma Coast: 1,3 Hektar Chardonnay bei Littorai, insgesamt 3,2. 1983 gepflanzt mit Dijon 95, alte Wente-, Hyde- und Dutton-Selektionen. Kiesiger Lehm, fein verwitterter Sandstein und Schiefer. Liegt, umgeben vom Russian River, auf 60 bis 120 Metern.
Charles Heintz, Sonoma Coast: 0,6 Hektar Chardonnay bei Littorai, insgesamt 22. 1983 gepflanzt mit Wente. Lehm auf Schiefer mit einem Oberboden aus sandigem Lehm. Liegt auf 244 Metern, sieben Kilometer vom Pazifik entfernt.

2023 Mays Canyon
Ein junger, duftiger Wein mit Blütennoten und wenig Holz. Man meint, in der Nase schon ein wenig Säure zu riechen. Am Gaumen wirkt der Wein dann rund und saftig. Keine reduktiven Noten, stattdessen Zitrone und Lemon Curd, etwas Hafer, dezente Vanille, Holz, Gestein und ein Oberton aus Minze und Zitronenschale. Lebendig, lang und wunderbar unprätentiös.
2018 Charles Heintz
Dieser Chardonnay wirkt deutlich tiefer und dichter mit einer intensiven Zitrone samt Kernen und etwas Zitronenöl. Dazu kommt mehr spürbares Holz, etwas Zimt, Vanille, weißer Trüffel, reife Birnen, Blüten und etwas Muskat. Auch am Gaumen präsentiert sich der Wein dicht und konzentriert, ohne es zu übertreiben. Ein Wein mit etwas Butter und Birne, bei dem überrascht, wie deutlich und frisch die Säure hier gleichzeitig wirkt. Harmonisch, komplex, beeindruckend.

2017 Mays Canyon
Eine erstaunliche Kombination aus reifer Ananas, Zitronen, Birnen und Pfirsichen mit Fenchel und Fenchelgrün sowie Anis. Dazu etwas Akazienblüte, Minze und Jasmin. Das Holz ist hier sehr gut integriert. Am Gaumen zeigt der Wein eine beeindruckende Klasse. Er bietet Fülle und Frische, Textur und Grip, Saft und Druck und vor allem eine großartige Länge. Ein Wein aus warmem Jahrgang mit einem kühlen Zug und beeindruckender Klasse.
2016 Charles Heintz
Ein Chardonnay, der nach Sauvignon Blanc duftet, wenn er schön reif ist. Anklänge von tropischer Frucht, Mandarine und auch reif grünen Noten, Salbei, etwas Holz, Gestein. Am Gaumen saftig, frisch und zugleich reif mit feinem Volumen. Präsent mit angenehmer Dichte.
2015 Charles Heintz
Reif und gereift mit Karamell, Lemon Curd und kandierter Zitrone, reifer Birne, Zimt, Vanille und Holz. Am Gaumen ebenso üppig, reif und rund. Immer noch saftig, aber über den Höhepunkt.

Danke an KRU Weine, die die Weine schon lange importieren. Und an The Fontenay für die Räumlichkeiten.
